III Seinem Freunde

Dr. Gottlieb Friedlaender,

Custos der Königlichen Bibliothek in Berlin.

 

 

V Mein lieber Freund,

Hat mir seit Jahren dieß Buch vom Alexander bei mancher Mühe und mancher Besorgniß, das Rechte würdig zu sagen, viele und stets neue Freude gewährt, so mag es mir jetzt zum Schlusse die noch bereiten, es Dir zu widmen mit dem einen Wunsche, daß es Dir meiner herzlichen Liebe ein Zeugniß sei. Vielleicht, daß mir spätere Arbeiten besser gelingen, lieber wird mir nicht leicht eine sein, als diese, von der ich wohl weiß, daß ich mit ihr von den schönen Jahren der Jugend Abschied nehme; Dir aber wollte ich geben, was mir das Liebste ist.

Da Du weißt, daß ich die Geschichte Alexanders in der Absicht, die Zeit der Diadochen und weiter die des Hellenismus zu bearbeiten, entworfen habe, so wirst Du es nicht unrecht finden, wenn ich sie nicht als Monographie noch als Biographie behandelt, sondern den großen Mann, der Ansicht gewiß, daß seine Persönlichkeit nur das Organ seiner That, seine That nur der erste Impuls einer Wirkung auf Jahrhunderte ist, in seiner geschichtlichen Größe darzustellen versucht habe.

VI Vieles Andere hätte ich vor Dir noch zu rechtfertigen, oder auch Deiner Nachsicht zu empfehlen: doch da ich deren gewiß bin, so will ich auch das nicht zu beschönigen versuchen, was sich nicht selbst vertritt. Findest Du aber in den Noten verhältnißmäßig wenig citirt, von den Iskandersagen Unbedeutendes, von mittelalterlichen Traditionen gar nichts benutzt, von neueren Historikern fast nur St. Croix erwähnt, so wolle nicht das eine oder andere Uebelste meinen, es sei Fahrlässigkeit oder Misachtung. Vergiß es lieber, wie oft ich auf der Bibliothek, Dir damals noch ein Fremder, mit meinem Fragen und Suchen nach Büchern und wieder Büchern deine Geduld zu versuchen genöthigt war. Daß ich von allen nur wenige genannt habe, dazu zwang mich der schon zu große Umfang des Buches; Alles, was irgend entbehrlich war, mußte über Bord geworfen werden; ein Schicksal, das ich selbst den Tabellen der Chronologie, der Satrapien und des Heerwesens, so wie den Stammtafeln Persischer und Macedonischer Familien nicht habe ersparen können.

 

Berlin, den 24. December 1833.

Joh. Gust. Droysen.

 

 

1 Erstes Kapitel.

Einleitung.

 

Wenigen Menschen und wenigen Völkern wird das Vorrecht zu Theil, eine höhere Bestimmung als die Existenz, eine höhere Unsterblichkeit als zeitloses Vegetiren, als das Nichts der körperlosen Seele zu haben. Berufen sind alle; aber denen, welche die Geschichte zu Vorkämpfern ihrer Siege, zu Werkmeistern ihrer Gedanken auserwählt, giebt sie die Unsterblichkeit des Ruhmes, in der Dämmerung des ewigen Werdens gleich einsamen Sternen zu leuchten.

Wessen Leben also über die öde Dämmerung der Zeitlichkeit emporsteigt, dem ist der Friede des Lebens und der Genuß der Gegenwart versagt, und auf ihm lastet das Verhängniß einer Zukunft; seine That wird ihm zur Schuld, seine Hoffnung zu einsamer Sorge und rastloser Arbeit um ein Ziel, das doch erst sein Tod erfüllt; und noch die Ruhe des Grabes stören die lärmenden Kampfspiele um seine Heldenwaffen und ein neues, wilderes Ringen der aufgerüttelten Völker.

Also drängt sich das Chaos des Menschengeschlechtes Fluth auf Fluth; über den Wassern wehet der Geist Gottes, ein ewiges Werde, eine Schöpfung ohne Sabbath.

Und wie an dem ersten Schöpfungstage Gott das Licht von der Finsterniß schied, und aus Abend und Morgen der erste Tag ward, so hat der erste Tag der Geschichte die Völker aus Abend und Morgen zum ersten Male geschieden zu ewiger Feindschaft und dem ewigen Verlangen der Versöhnung; denn es ist das Leben des Geschaffenen, sich aufzuzehren und zurückzusinken in die alte friedliche 2 Nacht des ungeschaffenen Anfangs; drum ringen die Völker aus Abend und Morgen den Kampf der Vernichtung; sie sehnen sich nach endlicher Ruhe.

Diese Sehnsucht der Völker ist ein verlornes Paradies; aus seinem Paradiese trieb den Sohn des Morgenlandes die Angst des erwachten Gedankens, der umsonst nach Freiheit rang; gebannt in die weitlagernde Einöde von Höhen und Tiefen, umfluthet von den heimathlosen Horden der Urzeit, die er nur zu knechten, nicht zu ordnen vermochte, verdammt zum ewigen Arhimanskampfe des Gesetzes und der Ohnmacht, zog er umsonst gen Abend, gegen die Völker der Freiheit.

Dieselbe Sehnsucht ist das Mährchen von der goldenen Zeit, von der der Grieche träumte und sang und nicht müde wurde zu dichten; denn da herrschte der Friede der seligen Götter und die Menschen lebten fromm und glücklich und wandelten mit den Göttern im heiligen Haine, ihr Himmel war auf Erden und der Freude kein Ende. So dichtete der Grieche, und seine Sehnsucht gestaltete sich zu den Kämpfen und Leiden der Heroen, zur Freiheit der Kraft und des Willens; seine Welt ward die Bühne eines steten Ringens, die Palästra des Gedankens, sein Leben dem großen Kampfspiel der Zukunft geweiht, dessen Siegespalme jenseit des Meeres, jenseit des erkämpften Perserreichs, an den stillen Ufern des Ganges grünt. Dann ist die Zeit erfüllt, dann kämpft und siegt der Heldenjüngling mit seinen Getreuen, dann jauchzen und frohlocken die Völker vom Aufgang bis zum Niedergang; er aber kehrt ohne die Palme des Ganges zurück, und um sein frühes Grab fluthet ein neues, wilder gährendes Chaos.

Denselben Kampf wiederholen die Jahrhunderte unablässig; dieselbe Angst treibt die Völker Asiens gen Westen, dasselbe Verlangen den Abendländer zum heiligen Grabe, zu den Schätzen Golkondas, zum verschollenen Golde des Altai; mit allen Waffen der Gewalt und List, der Wildheit und Bildung, des Glaubens und Wissens, der Masse und des Gedankens treten neue und neue Völker in die Schranken, und nur die Potenzen ihrer Gewalt unterscheiden sie. Schon nistet Asien nah am Herzen Europas, schon hat Europa die Thore des hohen Asiens erbrochen; wer kennt die Zukunft? Aber einst, wenn aus Abend und Morgen der letzte Kampf entschieden 3 ist, dann wird die Ruhe des schweigenden Anfangs wieder sein und die Geschichte hinwegeilen in eine neue Welt.

Beginn und Ende dieses Kampfes der Jahrhunderte hat die Veste der alten Welt in ihrer geographischen Bildung präformirt; es scheidet sich Asien und Europa im Griechischen Meere, es vereint sich in den weiten Steppen der Wolga. –

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In Asien selbst schließen mächtige Bergwälle die Länder Indiens, Chinas, des Buddhaismus; in sich versunken haben sie in den großen Kämpfen der Geschichte nie fördernd und selten leidend Antheil genommen; von ihnen westwärts erst wohnen die Völker des geschichtlichen Kampfes. Er ist in dem Stromthale Mesopotamiens zum ersten Male erwacht; aber die Völker von Babylon und Assyrien wies der Lauf ihrer Ströme dem Südmeere zu, ihre Züge gen Westen haben sie mit frühem Untergange gebüßt. Auch an den Küsten regte sich das Leben der Völker; aber Aegypten war für immer der Erde verfallen, Israel ein verstoßener Liebling Gottes, der Phönicier ein Fremdling in seiner Heimath. Dann zog Medien gen Westen, und die Turanier bedrehten es im Rücken; es drang siegend nach Süden vor, um in der Ueppigkeit des Thallandes zu verkommen. Erst das Geschlecht der Perser war berufen, diese Völker alle zu beherrschen und von der hohen Burg Iran hinab seine Waffen und seine Ketten bis in das Abendland zu tragen; ihr Reich lehnte sich an den Westabhang des großen Gebirgswalles, der Asien theilt, es knechtete die Tiefländer nordwärts und südwärts, die Völker von Baktrien und Syrien, es bezwang die Länder des Taurus und Libanon, des Halys und Nilstromes, die Brücken nach Europa und Afrika; aber das Meer und die Wüste ward seine Grenze; hier brach seine Kraft an der todten Gluthitze Lybiens, dort an der lebendigen Kraft der Europäischen Freiheit; die Riesenmasse des Reiches, nur durch die mechanische Bewegung weiter Eroberungszüge zusammengehalten, begann sich zu lösen und zu verwesen; das Herz des Reiches war die Todtenstadt Persepolis.

Der traurigen Einförmigkeit des Asiatischen Festlandes gegenüber steht die schöne Gliederung des Europäischen Erdkörpers; eine reichere, raschere Entwickelung des geistigen Lebens vorgestaltend, in4dividualisirt sich derselbe zu einem Cyklus von Länderformen, deren geschichtliche Stellung unzweideutig ausgeprägt ist. Die Halbinsel des Hämus, dem Festlande des geschichtlichen Asiens am nächsten, ist durch ihre geographischen Verhältnisse als der unmittelbare Gegensatz von Asien gezeichnet. Im reichsten Wechsel von Bergen und Thälern, durch tiefeindringende Meerbusen, die den einzelnen Landschaften den Zugang zum beweglichen Element der Wellen öffnen, in sich gleichsam vervielfacht, an den Erzeugnissen eines ewig heitern Himmels zu reich, um das Menschenleben mit Mangel und Elend kämpfen zu lassen, arm genug, um es nicht in gedankenloser Wollust zu schwächen oder zu träger Sicherheit zu verwöhnen, weckt es Thätigkeit, Kraft und Lust am raschen Genuß und bedingt nach der Verschiedenheit von Thälern und Bergen, von Küsten und Binnenland, von fruchtbaren Geländen und dürftigem Felsboden auf einem kleinsten Raum den größten Wechsel von Lebensweisen und Bedürfnissen, von Betriebsamkeit und Verkehr. Zu der allgemeinen Familie der abendländischen Völker gehörig, entwickelten die Autochthonen jenes glücklichen Landes frühzeitig eine eigenthümliche Beweglichkeit und Mannichfaltigkeit des Lebens; bald verschwanden die Pelasger vor den Hellenen, der Naturzustand vor der Regsamkeit der erwachten Bildung und Wanderlust, die die Hellenen nach Osten und Westen verbreitete; vor allen lockten die schönen Inseln der Aegäischen See, die Küsten im Osten, die in gleicher Weise wie die Heimath von Meerbuchten durchschnitten, von Gebirgen umschlossen und geschützt sind. Die Natur selbst hatte den Hellenen diesen östlichen Gegenden zugeführt; denn dorthin senken sich die Berge und Thäler seiner Heimath, dorthin öffnen sich die Meerbuchten, deren Fahrwasser sich mit regelmäßigen Etesien, die bis Sonnenuntergang wehen, vereint, um die Schiffe in kleinen und gefahrlosen Tagefahrten von Insel zu Insel bis an die Küste Asiens zu führen. Bald füllten sich die Inseln und die schönen Gestade Joniens mit Griechischen Ansiedlungen, und wetteiferten mit dem Heimathlande an Reichthum, Lebenslust und heiterer Kunst; die Gesänge der Homeriden sind das Vermächtniß dieser glückseligen Zeit, da der Grieche in dem engen und doch so reichen Kreise des heimathlichen Lebens die Anfangsgründe des Lebens gelernt hat.

So die Heimath des hellenischen Volksthums; Gebirge umzie5hen das Gebiet des Aegäischen Meeres vom Hellespont bis zum Isthmus, von hier bis zum Tänarischen Vorgebirge; selbst durch das Meer hin bezeichnen Cythere, Kreta, Rhodus diese Umschließung, die auf der Karischen Küste in mächtigeren Gebirgsformen hervortritt, und in reichen Thälern und Berghängen zum Meere hinabsinkend bis zum schneereichen Ida und dem Hellespont hinzieht. Jahrhunderte hat sich das Hellenische Leben in diesem Kreise bewegt; und jene Richtung gen Osten, die dem Geist des Volkes von dem Boden der Europäischen Heimath mitgegeben war, schien sich in jener zweiten Heimath, die er auf der Küste Asiens sand, erfüllt und bewährt zu haben.

Und doch blieb in dem ahnenden Gefühl des Volkes das Morgenland, die Völker des Ostens der stete Gegensatz des Griechenthumes; in Sagen und Gesängen gestaltete sich die eigene Zukunft vor; ein goldener Hort oder ein schönes Weib wurden der unmittelbare Ausdruck einer tieferen Sehnsucht. Aus dem Morgenlande entführt der Olympier Zeus das Sidonische Fürstenkind und nennt Europa mit ihrem Namen; nach dem Morgenlande flüchtet Jo, um dort den Hellenischen Gott zu umarmen, den ihr in der Heimath die Göttinn von Argos versagt. Auf dem Widder mit goldenem Vließ will Hella gegen Osten flüchten, um dort Frieden zu finden; aber sie versinkt in das Meer, das ihre Heimath vom Lande des Friedens trennt. Die Argonauten ziehen aus, das goldne Vließ heimzuholen aus dem Walde von Kolchis; das ist der erste Kriegszug gegen das Morgenland; mit den Helden zurück kommt Medea, die arge Zauberin, die Haß und Blutschuld in die Königshäuser von Hellas bringt, bis sie, verstoßen und misehrt von dem Heros Athens, zurückflüchtet in die Medische Heimath.

Dem Argonautenzuge folgt ein zweiter Heldenkampf, der heimathliche Krieg gegen Theben, das traurige Vorbild des Hasses und der brüderlichen Kämpfe, die Griechenland lange zerrütten sollten. In verhängnißvoller Verblendung hat Laios gegen das Orakel des Gottes einen Sohn gezeugt, hat Oedipus sein Vaterland miskannt und kehrt, die Fremde suchend, zur Heimath zurück, erschlägt den Vater, zeugt mit seiner Mutter, und herrscht in der Stadt, der besser das Räthsel ihres Untergangs nie gelöst wäre. Und als er endlich seiner Schuld inne wird, so blendet er in frecher Wildheit sein 6 sehendes Auge, verflucht sich, sein Geschlecht, seine Stadt, und das Schicksal eilt seinen Spruch zu erfüllen, bis der Bruder den Bruder erschlagen hat, bis ein Trümmerhaufe die Stätte dreifacher Blutschuld deckt.

Und schon beginnt Frevel und Blutschuld heimisch zu werden unter den Menschen, die Zeit der Heroen eilt ihrem Ende zu; die Fürstensöhne, die um die schöne Helena geworben, sitzen daheim bei Weib und Kind, und kämpfen nicht mehr gegen Riesen und Frevel. Da rufen die Herolde der Atriden zum Heereszuge gen Osten auf; gen Osten ist Helena entführt von dem Gastrechtschänder Paris. Von Aulis aus ziehen die Fürsten Griechenlands gen Asien, und mit den Fürsten ihre Getreuen und ihre Völker. Lange Jahre hindurch kämpfen und dulden sie, und Achilles feiert die Leichenspiele seines Freundes Patroklus; dann trifft ihn selbst der Pfeil des Verräthers und des Kampfes Ende ist gekommen; Troja fällt. Wohl haben die Achäer erreicht, was sie wollten, aber die Heimath ist für sie verloren; die einen sterben in den Fluthen des empörten Meers, andere zerstreuen sich in die fernen Länder der Barbaren, oder erliegen der blutigen Tücke, die am heimathlichen Heerde ihrer harrt. Die Zeit der Heroen ist vorüber, und von dem entarteten Geschlecht wenden die Götter ihr Antlitz.

So die Sagen und die Ahnungen des Volks; und als an den Küsten des Aegäischen Meres [sic] die Gesänge der Homeriden verstummten, begannen sie sich zu erfüllen. Aus fernem Osten drangen die Heere der Perser heran, sie kämpften am Halys, bald unter den Mauern von Sardes, und mit dem Lydierreiche fielen die Hellenischen Städte der Küste, die, jetzt in Barbarenhand, den Blick der freiern Hellenen von Neuem gen Osten lenkten und zu unablässigen Kämpfen für die Freiheit aufriefen. Jene Städte empörten sich, von den Athenern unterstützt drangen die Jonier siegreich bis Sardes vor, aber nur um desto tiefer zu fallen. Mit der Einnahme Milets war die ganze Küste geknechtet; die Inseln unterwarfen sich, die See ward von Phönizischen Flotten beherrscht, ihre Nordküste von Persern besetzt, schon kamen Gesandte des großen Königs nach dem Griechischen Festlande und forderten Erde und Wasser. Aber in der Ebene von Marathon retteten die Athener ihre junge Freiheit, und schützten die Hellenische Heimath vor dem Joche Asiatischer 7 Sklaverei. Und zum zweiten Male rüstete der große König, und die Völker vom Indus und vom Nil strömten über den geknechteten Hellespont nach Europa, die dreihundert Männer der Thermopylen kämpften vergebens, und Theben verbündete sich mit dem Sklavenheere des Xerxes; Athen fiel in seine Hände, die Tempel, die Gräber wurden zerstört; die dreihundert Schiffe der Griechen, ihre letzte Zuflucht, waren von der Perserflotte umzingelt in der Salaminischen Bucht, und auf der Düne thronte Xerxes auf goldenem Throne, um von dort herab den Sieg seiner Völker und den Untergang der freiheittrotzenden Hellenen zu sehen. Da brachen die Griechen mit freudigem Schlachtgesang hervor, sie kämpften und siegten, Scheiter und Leichen bedeckten die See und die Gestade; der große König zerriß lautjammernd sein Kleid, und floh in blinder Flucht heimwärts. Die Ueberbleibsel seiner Geschwader vernichtete der Tag von Mykale, der Jonien zur Freiheit rief; und unter den Mauern Platää’s fielen die letzten Perserschaaren, die Griechenland gesehen.

Mit diesen Kämpfen war unter den Hellenen ein neues, wunderreiches Leben erwacht, das der gefährdeten, ihrer selbst sich bewußten Freiheit. Dies Bewußtsein war zugleich Frucht und Saame der Freiheit, aber die Freiheit, die es zeugte, eine höhere als jene bewußtlose, natürliche, autochthonische, die, in sich selbst geschlossen, ohne Kampf, ohne Bethätigung und Berechtigung geblieben war. Diese bewußtlose Freiheit der vorpersischen Zeit ist in den Dorischen Staaten, namentlich in Sparta festgehalten worden; alte Einfachheit und Tüchtigkeit, Ernst und Stätigkeit in öffentlichen, Ehrerbietung und Tugend im häuslichen Leben sind ihre Vorzüge; Unterdrückung neben Privilegien der edleren Geschlechter, Geistesarmuth neben Herrschsucht, Brutalität neben Heimtücke und Heuchelei, wenn einmal Begierde die Fesseln der strengen Lykurgischen Zucht zerreißt, das sind ihre großen Mängel und zugleich die Mittel, die dem Volke der Spartaner einmal zur höchsten Macht in Hellas verhelfen sollten.

Dem gegenüber steht die demokratische Freiheit Athens; ihre Grundlage und der Impuls ihres Fortschrittes und ihrer Hoheit ist jenes Bewußtsein der gleichen Berechtigung aller Bürger, denn alle haben Theil gehabt an dem Kampfe für die Freiheit; dasselbe Bewußtsein treibt sie zu immer neuem Kampfe, so lange ihrer 8 Freiheit noch Gefahr von den Persern droht, so lange die Freiheit in sich noch Elemente der Ungleichheit verbirgt; und diese selbst arbeitet der Kampf gegen die Barbaren hinweg; mit Cimon, dem letzten Aristokraten Athens, hörte der Perserkrieg auf, Perikles lenkte den Staat; die Demokratie und die Macht Athens war auf ihrem Gipfel.

Aber die Consequenzen dieser Freiheit selbst führten zum Untergange. Warum sollten Wenige, durch die Zufälligkeiten der Geburt und des Reichthums ausgezeichnet, größeren Einfluß, höhere Achtung als jeder andere freie Bürger haben? so fiel die Aristokratie und die Stätigkeit des gemeinen Wesens. Warum sollte ferner, was irgend wer vor Zeiten für und durch das Volk gethan, ihn später noch über Andere und Alle erheben, die Zukunft an eine längst verbrauchte Vergangenheit gefesselt sein? so wurde Aristides, Themistokles, Cimon, Thucydides durch den Ostracismus verbannt, so der Areopagus gestürzt, so alle Entscheidung an das Volk gegeben, das Perikles mit immer neuer Kraft zur höchsten Entwickelung des demokratischen Bewußseins, endlich zum offenbaren Krieg mit den Dorischen Staaten führte. Dasselbe Bewußtsein entwickelte in der Philosophie Anaxagoras, des Perikles Freund, der die Ordnung der Dinge von den Göttern auf den Verstand hinüber trug, der den Glauben der Menge durch das Bewußtsein der Verständigen Lügen strafte. Und als der Peloponnesische Krieg begann, übernahmen es die Sophisten, jenes zerstörende Warum weiter zu verfolgen, die Demagogen, es in alle Adern des Volkslebens wie ein süßes Gift zu verbreiten; sie nannten Gesetz und Recht Willkühr und Satzung, das eigne Gewissen letzte Entscheidung, den eignen Nutzen höchsten Zweck, die Macht zur Herrschaft berechtigt, den Staat um des Einzelnen Willen und zu dessen Förderung groß und reich. In den Mysterien war bisher verborgen und der Frivolität des Geschwätzes, dem Taumel des öffentlichen Lebens entrückt gewesen, was allem Zweifel und allem Spott unerreichbar sein mußte, wenn der Demokratie noch irgend Charakter und Haltung bleiben sollte; auch von ihnen wich jetzt die alte Ehrfurcht; alles Gemeinsame ging unter, das Volk löste sich auf in die Atomistik der Ochlokratie, die Theilnahme an dem öffentlichen Leben in ein wildes Gewirr persönlicher Leidenschaften und Lächerlichkeiten, der Glaube der Väter in den Atheismus der sophistischen Aufklärung. Mit gleichem Rechte war es, 9 daß Athen der strengen alterthümlichen Macht der Spartaner erlag, und daß es jenen Weisen zum Giftbecher verdammte, der statt der heimathlichen Götter dem eigenen Dämon gehorchte, der die Jugend verführte, daß sie Vater und Mutter verließen, um der neuen Lehre zu folgen.

Das Ende des Peloponnesischen Krieges ist ein entscheidender Wendepunkt in der Geschichte Griechenlands; der lineare Gang der an Athen geknüpften Entwickelung, welche die andern Staaten theils als Feinde, theils als Unterthanen von der Höhe der Bildung und des Bewußtseins ausgeschlossen hatte, mußte sich über alle Griechen ausbreiten, und allen jene Freiheit, wie sie der Zeit entsprach, mittheilen. Die Hegemonie kam an den Staat der vorpersischen Zeit; aber je weiter Sparta hinter der Zeit zurück geblieben war, desto unnatürlicher und drückender wurde eine Herrschaft, die die Hoffnung aller mehr als betrog, und Freunde und Feinde in dasselbe Joch zu zwingen begann. Auch war es nicht mehr die alte Spartanerstadt; Armuth, Mäßigkeit, Gehorsam waren die ersten Forderungen ihres großen Gesetzgebers gewesen; jetzt strömten die reichen Tribute Joniens und der Inseln nach Sparta zusammen, jetzt herrschten die daheim zu blindem Gehorsam Gewöhnten in frecher Willkühr über die Städte von Hellas, und brachten Wollust, Goldgier, jegliche Entartung zurück in die Stadt Lykurgs. Sie kämpften gegen die Perser, aber nicht in dem großartigen Interesse der Hellenischen Freiheit, über die sie mit dem Golde der Barbaren triumphirt hatten; sie sandten ein Söldnerheer, mit dem der Empörer Cyrus gegen seinen Bruder und Herrn auszog; sie sandten an die Asiatischen Städte, die sich in ihre Arme geworfen, Feldherren und Hauptleute, um nicht die reichen Tribute an Persien zu verlieren; sie sandten endlich ihren hochfahrenden König Agesilaus zum Kampf gegen die reichen Satrapien Kleinasiens, den dieser voll eitlen Stolzes, als wäre er ein zweiter Agamemnon, von Aulis aus mit einem großen Opfer beginnen und als Nationalkrieg aller Hellenen angesehen wissen wollte, obschon von den größeren Staaten keiner Antheil nahm. Vielmehr brach während seiner Abwesenheit eine Reaktion aus, die um so bedenklicher war, je weniger Sparta selbst auf seine alten Bundesgenossen rechnen konnte; kaum hatte Agesilaus Zeit, aus Asien zurückzukehren, um in der 10 Ebene von Koronea seinem Staate wenigstens die Herrschaft auf dem Festlande zu sichern, indem die Flotte, durch Konons Sieg mit Persischen Schiffen, fast vernichtet war; die Inseln erhielten von Konon ihre Autonomie, Athen seine langen Mauern wieder; und Sparta, zu erschöpft, um allein gegen Athen, Argos, Korinth, Theben auftreten zu können, eilte sich durch Vereinigung mit dem Perserkönige zu behaupten. Antalcidas machte mit dem Großkönige jenen verrätherischen Frieden, nach dem alle Hellenischen Städte in Asien nebst Cypern den Persern zufallen, alle andern Städte groß und klein selbstständig sein, endlich, wer den Frieden nicht anerkannte, von den Persern und den Theilnehmern des Friedens bekriegt werden sollte.

Wurde durch diesen Frieden auch die Küste Asiens Preis gegeben, so war er doch, freilich wider Spartas Willen, für die Verbreitung der demokratischen Freiheit von der größten Wichtigkeit. Ueberall lösten sich die alten Bande, die mehrere Ortschaften einer Stadt unterthänig gemacht hatten, und die Bewohner kleiner Städte nannten sich fortan mit demselben Stolz, wie die Männer Athens oder Thebens, freie Bürger; Griechenland begann in eine Menge von Mittelpunkten atomistisch zu zerfallen, und auf diese Weise zu der fruchtbaren Gährung eines vielfältigen Einzellebens aufgelöst alle Kräfte und Formen zu entwickeln, die zur Bewältigung und Durchgeistigung Asiens, dem letzten Ziele des griechischen Lebens, nöthig waren.

Scheinbar hatte der Antalcidische Frieden die entgegengesetzten Folgen; Sparta setzte die Autonomie der kleineren Gemeinden und die Auflösung von Gauvereinen überall durch, wo es mächtige Staaten zu schwächen galt; aber weit entfernt, die eignen Schutzbündner und Unterthanen frei zu geben, machte es vielmehr seine Obergewalt in der Peloponnesischen Symmachie mehr als jemals geltend, führte wo es irgend möglich war, oligarchische Verfassungen ein, und benutzte jede Gelegenheit, um unter dem Vorwande, die Selbstständigkeit der Städte zu gründen, seine Macht über ganz Hellas auszubreiten; ja mit offenbarem Unrecht wurde Theben von den Spartanern besetzt, eine Oligarchie eingerichtet und Alles, was nicht Spartanisch war, vertrieben. Aber damit hatte Sparta sich selbst den Tod gebracht. Einige Flüchtlinge, Pelopidas an ihrer 11 Spitze, kehrten nach Theben zurück, erschlugen die Oligarchen mit ihrem Anhang, und riefen das Volk auf, mit ihnen die Demokratie zu vertheidigen, und die alte Macht über Böotien wieder zu erkämpfen. Die Städte Böotiens, die durch den Frieden unabhängig geworden waren, traten wieder zum Böotischen Bunde, nur Orchomenos, Platää und Thespiä weigerten sich; sie wurden bezwungen, ihre Gemeinden aufgelöst, die Bürger exilirt und zu Sclaven gemacht. Dann drang Theben unter Pelopidas und Epaminondas nach Süden und Norden weiter vor, und rief die Städte des Festlandes zur Selbstständigkeit und Demokratie auf. Die Schlacht von Leuktra öffnete den Weg zum Peloponnes, in dem sich, seit die Furcht vor den Spartanischen Waffen geschwunden war, ein neues Leben regte; überall wurde das Joch der Oligarchie abgeschüttelt, mit Thebens Beistand machte sich selbst Messenien frei; und als endlich die Schlacht von Mantinea gekämpft war, hatte Spartas Macht ein Ende, der Peloponnes eine neue demokratische Gestalt im Sinne der Zeit. In jener Schlacht war Epaminondas und mit ihm die Stütze der Thebanischen Macht gefallen die, getragen und geadelt durch die Persönlichkeit einzelner Männer, schnell zu der alten Unbedeutendheit zurücksank, und durch den kurzen Rausch eines Vorranges in Hellas zu Uebermuth und Insolenz verwöhnt, die alten Laster und die neue Ohnmacht nur desto widerlicher vermengte. Auch Athen, das sich im Kampf zwischen Sparta und Theben stets in der Rolle einer dritten Macht den Ausschlag zu geben bereit gehalten und sich noch einmal eine große Reihe von Seestaaten zu verbünden gesucht hatte, ließ bald, durch Habsucht, Sorglosigkeit und unwürdige Demagogen verleitet, alle Rücksicht auf die Verbündeten und ihre Anrechte so außer Acht, daß diese die nächste Gelegenheit zum Abfall wahrnahmen; Athen verlor zum zweiten Male seine Seeherrschaft. So war in Griechenland kein Staat weiter, der gegen die übrigen ein Uebergewicht hätte geltend machen können; die Selbstständigkeit aller einzelnen Gemeinden, wie der Antalcidische Friede sie verheißen, war fast durchweg verwirklicht; die Freiheit hatte sich bis zur Gleichheit abgestumpft; Hellas war reif für fremde Herrschaft.

Man darf nicht ungerecht gegen diese Zeit sein; es ist wahr, daß Bestechlichkeit, Gesinnungslosigkeit, Liederlichkeit sie brandmar12ken; es ist wahr, daß aus dem öffentlichen Leben aller Ernst, daß aus dem häuslichen Leben alle Tugend und Schaam gewichen war, daß die Führer des Volkes sich, gleichviel von wem, erkaufen ließen, daß Griechische Söldner durch die Welt zerstreut für und gegen die Perser, für und gegen Freiheit, Tyrannei und Vaterland kämpften; aber es beweiset dies alles nur, daß die Zeit des alten demokratischen Lebens, der herrschenden Stadtgemeinden, des engen bürgerlichen Interesses vorüber, daß eine neue Weise des staatlichen Lebens nöthig war. Zu viel Kraft war in den Kämpfen von einem Menschenalter entbunden, zu viel Bedürfnisse und Genüsse zur Gewohnheit, zu viel Leben Bedingung des Lebens geworden, als daß der enge Raum eines Städtchens oder der kleinliche Streit zwischen städtischen Gemeinden hätte genügen können. Es hatten sich ungeheure Elemente der Gährung entwickelt, die eine Welt umzugestalten fähig waren; in die engen Schranken der Hellenischen Heimath gebannt konnten sie nur zerstörend wirken. Es kam alles darauf an, daß ihnen die rechte Richtung gegeben und ein weiteres Feld zugetheilt wurde.

Niemals ist in Griechenland der Gedanke, den Feind im Osten zu vernichten, ganz vergessen worden. Alcibiades phantastische Pläne scheiterten an seinem und seines Volkes Leichtsinn, Agesilaus war zu sehr Spartaner, um Grieche zu sein; die Tyrannen Thessaliens vergaßen, daß Tyrannei nicht das Werk der Freiheit zu Ende zu führen vermöge. Aber je lebendiger der Verkehr mit Asien wurde, je deutlicher die Ohnmacht und Zerrüttung des großen Reiches am Tage lag, je leichter und einträglicher die Arbeit erschien, es zu vernichten, desto lebendiger und allgemeiner wurde dieser Gedanke in den Völkern von Hellas. Tiefer blikkende Geister erkannten, daß das Leben des Hellenischen Volkes, schon zu reich und beweglich für den engen Raum der Heimath, erst dann Einheit und Ruhe gewinnen könne, wenn es nach Außen hin die hochentwickelte Kraft versuche, und Isokrates rief mit lauten Worten die Staaten von Hellas auf, sich zum letzten Kampf gegen Asien zu vereinen. Da übernahm es König Philipp von Macedonien, und begann das große Werk, die Staaten Griechenlands zum Kriege gegen Persien zu vereinen; und man muß geste13hen, daß er mit bewundrungswürdiger Gewandtheit diese mehr als herkulische Arbeit vollbracht hat; will man die Reinheit seiner Mittel in Abrede stellen, so trifft die Griechen der größere Tadel, daß es solcher Mittel bedurfte, um sie zu dem Zwecke zu vereinen, den der edlere Theil des Volkes noch immer als das wahre und einzige Nationalwerk vor Augen hatte.

Philipps Erfolge gründen sich auf die Einheit, Schnelligkeit und Consequenz seiner Unternehmungen, die so lange von den Griechen übersehen wurden, bis ihnen nicht mehr zu widerstehen war. Während die Athener auf den Bundesgenossenkrieg, die Thebaner auf den heiligen Krieg alle Aufmerksamkeit wandten, die Spartaner sich vergebens bemühten wieder einigen Einfluß im Peloponnes zu erlangen, rückte Philipp nach Süden und Osten hin seine Grenzen so weit vor, daß ihm die Bergwerke von Philippi ihre reichen Goldminen, die Küste Macedoniens den freien Zugang zum Meere, die Einnahme von Methone den Weg nach Thessalien öffnete. Dann riefen die Thessalier, von den Phocäern bedroht, ihn zu Hülfe; er kam, besetzte die Städte Thessaliens, um sie desto besser schützen zu können, und war im Begriff, die Phocäer durch die Thermopylen bis in ihr Land zn verfolen; da gingen den Griechen die Augen auf, sie sahen, was sie von dem Macedonier zu erwarten hätten, und Athen unter Demosthenes Leitung begann den Kampf für die Selbstständigkeit der Ohnmacht und den Flitterstaat der altmodischen Freiheit.

Man muß gestehen, daß Demosthenes, der Wortführer der antiphilippischen Parthei, alle Kraft und alle Mittel aufgeboten hat, um die Pläne des feindlichen Monarchen zu vereiteln, und daß namentlich sein Eifer gegen Macedonien nicht aus so unlautrer Quelle zu strömen scheint als der des Aeschines und der meisten andern Demagogen für den reichen König; und dennoch zeigt die Geschichte wenig so traurige Gestalten, wie die des großen Redners von Athen; er miskannte seine Zeit, sein Volk, seinen Gegner und sich selbst; sein Leben, die ermüdende Consequenz eines Grundirrthums, hat keinen andern Erfolg gehabt, als den Sieg Macedoniens nur entschiedener und erfolgreicher zu machen; und mit dem Eigensinn der Ohnmacht und Gewohnheit ließ er selbst nach dem 14 vollkommenen Siege Macedoniens, nach dem Beginn einer neuen, die Welt umgestaltenden Aera, seine alten Pläne und Hoffnungen nicht, die mit ihm sich selbst überlebt hatten.

Philipp dagegen ging mit der größten Besonennheit und Sicherheit Schritt vor Schritt auf dem Wege vor, den die Zeit forderte; Athen war der gefährlichste Feind; es mußte vereinzelt, umschlossen, endlich erdrückt werden. Philipp zerstörte die Städte der Chalcidice, gewann Euböas Tyrannen, unterwarf sich das Thracische Küstenland des Kersobleptes, landete dann mit seinen Schiffen auf Lemnos, Imbros, selbst in Attika, und führte die Salamischen Triere als Trophäe nach Macedonien. Der Friede, den er jetzt mit Athen schloß, gab ihm Muße, dem Rufe der Thebaner gegen Phocis, die noch immer den heiligen Krieg fortsetzten, zu folgen; und während Athen noch eine gütliche Auskunft hoffte, und den Phocäern ehrenvollen Frieden verhieß, war auf Philipps Betrieb von den Amphiktyonen bereits das Urtheil über sie gesprochen; ihre Gemeinden wurden aufgelöst, ihre Städte zersiört, ganze Schaaren nach Macedonieu verpflanzt, ihre Stimme im Amphiktyonenrathe zugleich mit der Aufsicht der Pythischen Spiele an Philipp übergeben, so daß sich dieser jetzt mit dem besten Rechte in die Angelegenheiten Griechenlands mischen durfte. Den Peloponnes gewann oder entzweite er durch Gold und durch die Vorgespiegelung eines gemeinschaftlichen Angriffes auf Sparta; seine Parthei war vorherrschend in Elis, Sicyon, Megara, in Arkadien, Messenien und Argos. Dann setzte er sich in Akarnanien und Aetolien fest; die Macht Athens war von der Landseite so gut wie gelähmt. Aber noch beherrschte sie das Meer, dessen Besitz der Chersones und die Küste der Propontis sicherte; dorthin wandte Philipp sein Auge; während er wiederholentlich den Athenern seine Freundschaft und Friedlichkeit versicherte, drang er weiter und weiter vor, schon war Perinthus und Byzanz, der Schlüssel des Pontus, gefährdet, fielen diese Städte, so war Athen vernichtet. Mit der größten Anstrengung rüsteten sich die Athener, mit ihnen verbündeten sich Rhodus, Kos, Chios, der Perserkönig gab seinen Satrapen Befehl, mit aller Macht Perinth zu schützen, – Philipp mußte weichen; Athen stand noch einmal siegreich da, um desto tiefer zu fallen.

Die Lokrier von Amphissa hatten Delphisches Tempelland be15baut, Aeschines klagte sie vor dem Rathe der Amphiktyonen an, man beschloß sie zu züchtigen; sie schlugen die Amphiktyonen und Delphier zurück, und der Rath dekretirte eine außerordentliche Versammlung, um die Heiligkeit des Gottes und des Amphiktyonenrathes an den Lokrischen Bauern genügend zu rächen; nur die Gesandten Athens kamen nicht, vielmehr erhielten die Lokrier auf Demosthenes Antrag Unterstützung und jagten Alles, was den Amphiktyonen anhing, aus ihrem Gebiet. Jetzt wurde Philipp aufgefordert, „dem Apollo in den Amphiktyonen beizustehen, und nicht zuzugeben, daß der Gott von den gottlosen Amphissäern so misachtet werde, und auch darum nicht, weil ihn die Hellenen, die an der Versammlung der Amphiktyonen Antheil hätten, zum unumschränkten Anführer erwählt hätten.“ Er kam, aber nicht bloß um Amphissä zu bestrafen; die Athener baten um Waffenstillstand, bevor noch offener Krieg war; auch Theben, seit dem heiligen Kriege noch erbittert, weil Orchomenos von Philipp geschützt, Nicäa von ihm besetzt worden war, erkannte bald, daß Philipp nicht umsonst den Winter hindurch in Lokris blieb; während beide durch freundliche Briefe oder geschickte Redner in Unthätigkeit gehalten wurden, besetzte Philipp Elatea, eine der wichtigsten Positionen gegen Theben und Athen. Das erfüllte seine Gegner mit panischem Schrekken; Demosihenes beschwor das Volk, Alles aufzubieten, um dem Könige entgegenzutreten; er eilte nach Theben, und die Gewalt seiner Rede bewirkte, daß die Thebaner ihren alten Groll gegen Athen vergaßen, und mit gleicher Anstrengung sich rüsteten; das Bundesheer, mit Euböern, Megarern, Korinthiern und Leukadiern verstärkt, rückte ins Feld und errang in zwei Gefechten nicht unbedeutende Vortheile; endlich begegneten sich die ganzen Heeresmassen, etwa 32,000 Macedonier gegen nah an 50,000 Verbündete in der Ebene von Chäronea; nach sehr hartnäckigem Kampfe siegte Philipp, das Schicksal Griechenlands lag in seiner Hand.

Er verschmähte es, Griechenland zu einer Provinz Macedoniens zu machen; nur für den einen Plan des Perserkrieges hatte er alles begonnen und vollbracht. Der Friede, den er nach der Schlacht von Chäronea gab, bezweckte nichts als die freien Griechischen Staaten unter seiner Hoheit zu jenem Kriege zu vereinen. Er ließ fast überall und in aller Beziehung den bisherigen Zustand der Dinge, 16 nur Theben wurde für seinen treulosen Abfall bestraft, es mußte 300 Verbannte wieder in die Stadt nehmen, die Feinde Philipps des Landes verweisen, seine Freunde an die Spitze der Regierung stellen, endlich eine Besatzung in die Kadmea nehmen, die nicht bloß Theben, sondern zugleich Attika und das ganze Hellas zu beobachten und in Ruhe zu halten vermochte; ferner wurden Orchomenos und Platää, die von Theben zur Zeit seiner Hegemonie zerstört waren, wieder aufgebaut. Mit so viel Strenge wie Theben, mit eben so viel Nachsicht wurde Athen behandelt, dessen Gebiet der König nicht betrat; für die Insel Samos wurde es mit dem Gebiet von Oropus entschädigt; es erhielt alle Gefangenen ohne Lösegeld frei, und mußte sich nur verpflichten, zum Bundestage nach Korinth im nächsten Frühling Gesandte zu schicken. Dann zog der König nach dem Peloponnes, und ordnete die dortigen Angelegenheiten, namentlich die Grenzen der Messenier, der Argiver, der Tegeaten und Megalopolitaner gegen Sparta. Dann kamen die Gesandten aller Griechischen Staaten, mit Ausnahme Spartas, auf dem Isthmus von Korinth zusammen; Philipps Freigebigkeit und Leutseligkeit gewann die Gemüther, seine Redner trugen die Wünsche des Königs vor, denen sich niemand zu widersetzen wagte; er wurde zum Oberfeldherrn der Griechen mit unumschränkter Gewalt erwählt, um im Namen aller Griechen den Frevel, den die Barbaren an den heimischen Tempeln geübt hätten, zu rächen, und den großen Nationalkrieg der Griechen gegen Persien zu vollenden. Dann kehrte er nach Macedonien zurück, um alle Vorbereitungen zum großen Kriege zu treffen.

So stand Philipp an der Spitze des freien Griechenlands, das, in sich zu vielbewegtem Einzelleben atomistisch aufgelöst, und, so lange alle Kraft nur nach Innen gewandt war, in furchtbaren Kämpfen zerrissen, doch eine Beweglichkeit und Ueberfülle individuellen Lebens entwickelt hatte, die allein im Stande war, die abgestorbenen Völkermassen Asiens mit einem neuen Leben zu durchgähren. – Die Griechen wurden weder ihrer Freiheit noch Selbstständigkeit beraubt, nur mußte diese Selbstständigkeit, die in sich ohnmächtig und nicht mehr das Höchste der Zeit war, mit der monarchischen Hoheit Macedoniens überwölbt, und ihre Freiheit, in jener endlosen Zersplitterung und Beweglichkeit, zu der einen That, die ihre Erfüllung 17 sein sollte, vereint werden. Die Spartaner der Thermopylen hatten für die Freiheit zu sterben, die Athener bei Salamis und am Eurymedon für sie zu siegen gewußt; aber das Reich der Knechtschaft vernichten konnte nicht Athen noch Sparta, sondern nur ein König Macedoniens an der Spitze des freien Griechenlandes.

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Wenn in dieser Weise auf der Europäischen Seite alles zum letzten, entscheidenden Kampfe bereit war, so hatte in entsprechender Weise das große Reich der Perser alle Stadien der Entwickelung und der Auflösung durchgemacht, um jetzt, zum Untergange reif, vor den siegreichen Schaaren Griechenlands zu fallen.

Das Perserreich hatte zur Aufgabe, die durch natürliche Bestimmungen geschiedenen Völker Asiens zu einer Gesammtheit zu vereinen; die Berechtigung dazu lag in der höheren ethischen Kraft, mit der die Perser den anderen Völkern gegenüber auftraten; religiöse Sagen haben die Erinnerung daran auf unzweideutige Weise aufbewahrt; Dsjemschid und Gustasp, die Hom- und ZerdutschReligion bezeichnen die Epochen dieses Fortschrittes.

Denn die Hochebene Irans durchschwärmten vom Indus bis zum Kaspischen Meere nomadische Horden; da erschien der Verkünder des alten Gesetzes, der Schutzgeist der Menschen, Hom, und verkündete seine Lehre dem Vater Dsjemschids, und die Menschen begannen sich anzusiedeln und den Acker zu bebauen; und als Dsjemschid König wurde, ordnete er das Leben seiner Völker und die Stände seines Reiches; unter dem Glanze seiner Herrschaft starben die Thiere nicht, an Wasser und Früchten war kein Mangel, es war nicht Frost noch Hitze, nicht Tod noch Leidenschaft. Und er sprach: „Verstand ist durch mich, gleich mir ist noch keiner gekrönt, die Erde ist geworden wie ich verlangt, Speise und Schlaf und Freude haben die Menschen durch mich, die Gewalt ist bei mir und den Tod habe ich von der Erde genommen, drum müssen sie mich den Weltschöpfer nennen.“ Da wich der Glanz Gottes von ihm, und es begann eine Zeit wilden Ausruhrs, aus der endlich siegend der Held Feridun hervorging.

Nach diesen Kämpfen und durch sie gekräftigt und erstarkt, war das Volk von Iran reif zu der neuen Lehre und zu dem 18 neuen Leben, das ihrem Könige Gustasp Zerdutsch, der Bote des Himmels, brachte. Die Grundlage der neuen Lehre war der ewige Kampf zwischen dem Lichte und der Finsterniß; Ormuzd gegen Arhiman und die sieben Erzfürsten des Lichts und die sieben der Finsterniß, beide mit ihren Heerschaaren, kämpfen ewig um die Herrschaft der Welt; alles Geschaffene gehört dem Licht oder der Finsterniß, und muß mit Antheil nehmen an dem großen Streit; nur der Mensch steht zwischen beiden, um nach freier Wahl für das Gute oder Böse zu kämpfen; die Söhne des Lichtes, die Iranier, kämpfen so den großen Kampf für Ormuzd; und seinem Reiche die Welt zu unterwerfen, sie nach dem Vorbilde des Lichtreiches zu ordnen und für das Gute zu gewinnen, das ist der große Impuls ihres geschichtlichen Lebens, auf daß einst die goldne Zeit Dsjemschids der Erde wiederkehre.

So die religiösen Sagen des Volkes, die sich in seiner Geschichte bestätigt finden. Cyrus hatte am Medischen Hofe jenen Hochmuth und jene Erschlaffung des Glückes gesehen, die ihn sein strengeres Volk zur Herrschaft aufzurufen ermuthigte; er ließ sie den einen Tag ein Stück Feld urbar machen und die ganze Last der Knechtschaft fühlen, dann berief er sie den anderen Tag zum festlichen Mahle; er forderte sie auf zu wählen zwischen jenem traurigen, knechtischen Leben, das am Boden haftet und dem herrlicheren des Siegers; sie wählten Kampf und Sieg. So zog er gegen Medien, und unterwarf es dem Persischen Volke; und weiter trieb ihn das neuerwachte Leben, das Bahylonische, das Lydische Reich unterlag dem kräftigeren Volke des Iranischen Hochlandes; Cyrus Sohn Cambyses fügte der neuen Herrschaft Aegypten hinzu; dem neuerwachten geschichtlichen Leben widerstand keines der Asiatischen Völker, sie alle wurden von diesem Strudel unwiderstehlicher Gewalt ergriffen. Aber viele sehnten sich zurück nach der kampflosen und glückseligen Zeit der Medischen Herrschaft; die Magier, die Priester der alten Lehre, benutzten Cambyses Abwesenheit zur Empörung, sie machten einen aus ihrer Mitte zum König und nannten ihn Cyrus jüngeren Sohn, sie erließen den Völkern die Kriegsdienste und den Tribut auf drei Jahre, und die Völker waren mit der neuen Herrschaft zufrieden und glücklich; nur die Perser nicht. Sieben Edle des Volkes vereinten sich, dem Magier dle Krone zu 19 entreißen, sie ermordeten ihn und seinen Anhang, sie riefen das Volk der Perser auf, ihrem Beispiel zu folgen, und viele Magier wurden an jenem Tage erschlagen; dann erhielt der Achämenide Darius, Hystaspis Sohn, die Herrschaft der Perser, der größte ihrer Könige.

Darius hat das Reich organisirt; da weder durch eine eigenthümlich Persische Bildung, noch durch die Religion des lebendigen Wortes, die Kampf und Vernichtung, aber nicht Verschmelzung oder Bekehrung wollte, die unterworfenen Völker zu einer Einheit zu gestalten waren, so blieb nichts übrig, als über sie alle ein möglichst enges und festes Netz der Knechtschaft zu werfen. So wurden die Völker, ohne bedeutende Veränderung in ihrem religiösen Leben und den inneren politischen Zuständen zu erleiden, in Satrapien vertheilt, die edle Perser, meistens aus dem Geschlecht der Pasargaden, als Satrapen des Königs erhielten; ihr Verhältniß zum Reiche bestand nur in der Leistung des Tributes und des Heerdienstes, wenn ein allgemeines Aufgebot erging, in der Ernährung des Satrapen mit seinem Hofstaate, seinem Heere und den stehenden Besatzungen der Städte. Indem so die Völker ihre Nationalität und Religion, oft ihre heimischen Fürsten und Verfassungen behielten, war das einzige Band, das sie an die hohe Pforte zu Persepolis knüpfte, die Treue der einzelnen Satrapen gegen den Großkönig; seine Despotenmacht hielt die ganz verschiedenen Elemente des ungeheuren Reiches zusammen; er war die Sonne, um die sich die Systeme der Völker in fernen und ferneren Kreisen bewegten; seine Satrapen, „Könige nur dem Großkönige unterthan,“ hafteten für ihre Satrapien, zu deren Schutz, so wie zur Mehrung des Tributs und Vergrößerung des Gebiets, sie mit und ohne Befehl des Großkönigs Krieg und Frieden machten; nur selten rief der König zum allgemeinen Kriege; dann folgten alle Völker aus allen Satrapien, und der König führte sie selbst an. Das sind die Grundzüge einer Organisation, die, aus dem Leben des Persischen Volkes hervorgegangen, sich nur so lange bewähren konnten, als das herrschende Volk sich selbst, seiner alten Strenge und seiner blinden Verehrung gegen den Gott König getreu blieb; unter Darius hat die Persische Macht die höchste Blüthe gehabt, deren sie fähig war.

Aber bald begannen sich die Spuren des Verfalles zu zeigen, 20 dem das Reich anheim fallen mußte, sobald es aufhörte siegend und erobernd vorzudringen; einer innern Entwickelung unfähig, versank es seit dem Tage von Salamis tiefer und tiefer in Ohnmacht und Entartung. Diese offenbarte sich als Erschlaffung der despotischen Kraft in den folgenden Herrschern und in dem damit überhand nehmenden Einfluß des Harems und des Hofes; bald folgte von der andern Seite das Streben der Völker, ihre Nationalität und die alte Selbstständigkeit wieder zu erringen; je glücklicher dagegen die Satrapen ankämpften, und je unfähiger sie den persönlichen Willen und die Kraft ihres Königs sahen, desto natürlicher war ihr Verlangen nach selbstständiger und erblicher Herrschaft in ihren Satrapien.

Schon die Regierung des ersten Artaxerxes wurde durch eine Reihe gefährlicher Empörungen beunruhigt; sein Bruder suchte sich in Baktrien unabhängig zu machen, Aegypten, von den Athenern unterstützt, die einheimische Regentenfamilie wieder zur Herrschaft zu bringen, der edle Megabazus durch wiederholte Empörungen sich und seinen Eid zu retten; und wenn es dem Könige auch gelang, im Innern des Reiches den Schein seiner Macht zu bewahren, so mußte er doch den schmachvollen Bedingungen des Cimonischen Friedens faktisch die Bestätigung geben, daß sie Persischer Seits nicht übertreten wurden.

Bei seinem Tode zeigte sich in der Ermordung des rechtmäßigen Thronerben und den Kabalen der Weiber und Eunuchen bereits die tiefe Entartung im Herzen der Persischen Macht. Als endlich das Reich in der Hand seines Bastards Darius Ochus blieb, wurden zwar die Empörungen mehrerer Großen und die frechen Pläne eines Eunuchen, der selbst schon nach dem Diadem trachtete, vernichtet, aber dem Aufstande in Aegypten war der große König nicht mehr gewachsen, er mußte dem Volke einen Fürsten aus dem alten Saïtengeschlechte bestätigen und sich mit einem Tribute begnügen. Noch mehr gefährdet wurde das Ansehn des Königthums, als gegen seinen älteren Sohn und Nachfolger Artaxerxes der jüngere Sohn Cyrus, der das untere Asien als Satrapie hatte, sich empörte; Cyrus Verbindung mit Griechenland und die Griechische Söldnerschaar, die er nach den Ufern des Euphrat führte, brachte ein neues, höchst gefährliches Element in jene gährende Verwirrung, die bereits das Reich ergriffen hatte; und wenn auch durch Cyrus 21 Tod der Sieg bei Kunaxa vergeblich wurde und der Lydische Satrap Tissaphernes selbst auf der Küste des Aegäischen Meeres die Persische Macht geltend zu machen wußte, wenn auch Agesilaus, nach glücklichen Unternehmungen in Lydien und Phrygien, durch Kriege in Griechenland, die durch Persisches Gold befördert wurden, aus Asien, ohne bleibenden Einfluß errungen zu haben, zurückgerufen wurde, so war doch gerade diese widernatürliche Verbindung Persiens mit dem Volke der Freiheit und besonders jener Cnidische Sieg einer Persischen Flotte unter Führung des Atheners Conon ein deutliches Zeichen, daß die Persermacht, die, unfähig sich durch sich selbst zu retten und emporzuheben, Griechischen Soldaten und Griechischen Feldherrn sich anvertraute, schon den eignen Untergang in sich hegte und pflegte. Der Antalcidische Friede gab dem großen Könige zwar die Tribute der reichen Jonischen Städte zurück, aber nur, um ihn fortan in den heftigen Kampf der Griechischen Staaten desto mehr zu verwickeln, und den natürlichen Feinden Persiens eine Stelle mehr zu bieten, an der jede Wunde tödtlich wirkte. Der König Artaxerxes erlangte von dem Fürsten in Cypern durch zehnjährige Kämpfe nichts, als daß dieser wieder den alten Tribut zahlte; die Kadusier am Kaspischen Meere vermochte er mit aller Anstrengung nicht zu unterwerfen, und der Fürst von Aegypten behauptete gegen die Persische Macht, die unter den Befehl des Atheners Iphikrates gestellt war, glücklich das Feld; die Empörung sämmtlicher Satrapen Kleinasiens, denen sich der Dynast von Karien, desgleichen die Jonier, Lycier, Pisidier, Pamphylier, Cilicier, Syrer, Phönicier anschlossen, und selbst die Spartaner und Athener ihren Beistand zusagten, scheiterte nur durch den Verrath des Rheomithres und Orontes, und durch Artabazus unerschütterliche Treue, der des Königs Ansehn gegen die Empörer behauptete. Noch trauriger offenbarte sich Artaxerxes Unfähigkeit zu herrschen im Bereich seines königlichen Hofes; die Kabalen seiner wilden Mutter Parysatis sind das Scheußlichste, was jemals ein Asiatischer Harem gesehen hat; der König, eben so schwach wie gutmüthig, eben so voll Mistrauen wie ohne Character, war ein Spielball in den Händen seiner Sklavinnen und Eunuchen. Nun war er ein Greis und sah mit tiefer Bekümmerniß, wie sich schon jetzt seine Söhne um die Thronfolge beneideten, und der Hof in 22 Partheien zerfiel; er wollte allem Streit vorbeugen, und bestellte seinen ältesten Sohn Darius zum Nachfolger, mit der Erlaubniß, schon jetzt den königlichen Turban tragen zu dürfen. Nach Persischer Sitte war demnächst dem Darius eine Bitte erlaubt, die der Vater zu erfüllen nicht weigern durfte. Darius bat um Aspasia, die schöne Jonierin, die dem Könige unter allen seinen Weibern die liebste war; er wagte nicht sie zu verweigern, und vermochte nicht sie hinzugeben; er sprach, sie sei eine freigeborne Griechin, sie allein dürfe über sich entscheiden, gewähren oder versagen. Aspasia wählte den königlichen Prinzen; und der König befahl, sie nach Ekbatana in den Tempel der Anytis zu bringen; Darius war in seiner schönsten Hoffnung getäuscht. Den Hofleuten entging seine Erbitterung nicht; unter ihnen war Tiribazus, der längst schon geheimen Groll gegen den greisen König hegte; denn Artaxerxes hatte ihm seine schöne Tochter Amestris zur Ehe versprochen, dann, selbst nach ihrem Genuß lüstern, ihm eine jüngere Prinzessin Atossa verlobt, und auch diese wieder in seinen Harem genommen. Tiribazus, ein ächt barbarischer Charakter, trotzig im Glück, frech im Unglück, überall voll Tücke und Treulosigkeit, schlich sich jetzt in des gekränkten Darius Vertrauen; er stellte ihm vor, wie die Schande, die unerträglicher als der Verlust sei, ihn selbst in der Thronfolge gefährden würde, da der Vater nach der Beleidigung ihn hassen und fürchten, die Perser, wenn er sie ungerächt lasse, ihn verachten und vergessen würden, zumal da sein Bruder Ochus darauf sinne, ihn zu verdrängen. Darius, voll Gram und Erbitterung, gab sich ganz in seine Hände; der Mord des Königs, der Tag zum Morde wird bestimmt, schon dringen die Mörder in des Königs Gemach; aber der Plan ist verrathen, Tiribazus, und bald nach ihm Darius, büßen mit dem Leben.

Unter den vielen Söhnen des Königs waren jetzt noch besonders drei, zwischen denen die Thronfolge schwankte; die größte Hoffnung machte sich Ochus, nicht bloß weil er der älteste war, sondern weil eine mächtige Parthei am Hofe für ihn wirkte, und er namentlich seine Schwester Atossa, die jetzt unter den Weibern seines Vaters die Favorite war, durch das Versprechen, sie einst zu heirathen und zur rechtmäßigen Königin zu machen, gewonnen hatte. Die Perser dagegen verlangten den sanften und offenen Ariaspes 23 zum Könige, und Artaxerxes selbst schien für seinen eben so gewandten als kühnen Bastard Arsames entschieden. Beide mußte Ochus verderben, um seine Pläne durchzusetzen; der von Allen geliebte Ariaspes war am meisten hinderlich; Ochus misbrauchte seine Bescheidenheit, um Mistrauen, seine Sanftmuth, um Besorgniß in ihm zu erwecken; der König, sein Vater, möge ihn nicht, hasse ihn, wolle ihm schaden, ihn morden, das hinterbrachten die Getreuen des Königs, die Ochus bestochen hatte, dem nur zu willfährig Glaubenden, der, nicht zum Widerstand, nicht einmal zu lauter Klage fähig, in der bittern Qual der Verzweiflung sich selbst vergiftete. Der fast hundertjährige König argwöhnte wohl den traurigen Zusammenhang, aber er wagte nicht ihn zu enthüllen; noch blieb ihm sein Liebling Arsames, auf ihn wandte er alle Liebe und Hoffnung, die Perser mit ihm. Ochus durfte nicht zaudern, List schien gefährlicher als Gewalt; Tiribazus Sohn, des Endes eingedenk, das sein Vater genommen, war bereit zur verruchten That; Arsames wurde meuchlings ermordet; den Schlag überlebte Artaxerxes nicht; Ochus folgte ihm fast um dieselbe Zeit, da in Macedonien Philipp das Reich übernahm.

Ochus war seinem innersten Wesen nach Asiatischer Despot; zugleich blutdürstig und feig, zugleich finster und wollüstig, erscheint er in der kalten und wohlberechneten Entschiedenheit seiner Handlungen nur desto entsetzlicher. Ein solcher Charakter konnte die im Innersten verderbte Persermacht noch eine Zeit hindurch halten und mit dem krampfhaften Schein von Kraft und Frische beleben, konnte die Völker und die empörten Satrapen zur Unterwürfigkeit zwingen, indem er sie auch seine Launen, seine Mordlust, seine wahnsinnige Wollust schweigend anzusehen gewöhnte. – Ochus begann seine Herrschaft mit dem Morde seiner Brüder, das sicherste Mittel, sich vor ihnen und ihrem Anhange zu schützen; und der Persische Hof nannte ihn voll Bewunderung mit dem Namen seines Vaters, der keine Tugend als die Sanftmuth gehabt hatte.

Unter den Satrapen des Reichs war der des unteren Asiens, Artabazus, einer der mächtigsten; er hatte unter dem vorigen Könige jenen gefährlichen Aufstand unterdrückt, und seitdem den Befehl in jenen Gegenden erhalten; seine Anhänglichkeit an das königliche Haus war eben so bekannt wie sein würdiger und edler Cha24rakter, und Ochus durfte weder hoffen ihn für sich zu gewinnen, noch dem Macht, Ruhe und Leben gönnen, der wider ihn sein mußte. Artabazus schien die nothwendigen Folgen dieses Verhältnisses vorauszusehen, und ihnen zuvorkommen zu wollen; seine Macht war bedeutend genug, um eine Empörung gegen den König glücken zu lassen, zumal da Griechische Söldner in Kleinasien leicht zu bekommen waren, da zu gleicher Zeit Aegypten und die Griechischen Hauptmächte leicht gewonnen werden konnten, und namentlich Sparta, aufgebracht über den Verlust von Messenien, den der Perserkönig nach der Schlacht von Mantinea trotz des Antalcidischen Friedens bestätigt hatte, seinen König Agesilaus nach Aegypten zum Kriege gegen Persien gehen ließ. Artabazus hatte zwei junge Rhodische Männer, Mentor und Memnon, die beide als Kriegsleute ausgezeichnet waren, an sich gezogen, sich mit ihrer Schwester vermählt, ihnen selbst im Bereich seiner Macht bedeutende Ländereien angewiesen, und Griechische Söldnerhaufen unter ihren Befehl gestellt; der Athenische Feldherr Chares war unter der Bedingung, daß Artabazus den Athenern reichliche Subsidien zum Bundesgenossenkriege zahlte, bereit, ihn mit der ganzen Macht, die unter seinem Befehle stand, zu unterstützen. Und schon rückten auf König Ochus Befehl die nächsten Satrapen mit großen Streitmassen ins Feld; sie trafen das wohlgeordnete Heer des Empörers, und wurden besonders durch Chares Hülfe geschlagen. Dem Könige blieb kein anderer Ausweg, als Gesandte nach Athen zu senden, die Chares verklagten, daß er gegen Persien gekämpft habe, seine Zurückberufung forderten, und, falls sie verweigert würde, mit einer Perserflotte von 300 Segeln die Bundesgenossen zu unterstützen drohten. Zwar verlor jetzt Artabazus die Athenischen Hülfstruppen, dennoch behauptete er sich glücklich; sein Schwager Memnon unternahm einen Feldzug gegen Leukon, den kriegerischen Tyrannen am Cimmerischen Bosphorus, mit dem die Herakleoten lange schon im Kriege waren, deren Einfluß auf der Küste des Pontus für Artabazus Pläne von der entschiedensten Wichtigkeit werden konnte. Artabazus selbst hatte Theben zu gewinnen gewußt; Pammenes, der berühmte Thebanische Feldherr, wurde ihm an der Spitze von fünftausend Böotiern zu Hülfe gesandt, und besiegte die Satrapen in zwei großen Schlachten. Aber die Wendung, die der 25 heilige Krieg in Griechenland nahm, und die Subsidien, die Ochus den Thebanern versprach, bewirkten die Zurückberufung ihres Feldherrn; das königliche Heer, unter Führung des Autophradates, gewann einen Vortheil nach dem andern, Artabazus selbst wurde gefangen; seine Schwäger Mentor und Memnon hielten sich noch, sie gewannen den Athenischen Feldherrn Charidemus, daß er nach Asien käme, und ihre Unternehmungen unterstützte. Endlich gelang es ihnen, man weiß nicht, ob durch Gewalt oder List, ihren Schwager zu befreien, und ihm den Besitz von Lydien, Phrygien und Paphlagonien wieder zu gewinnen; aber ein schneller Glückswechsel läßt ihn noch einmal unterliegen, er flüchtet mit Memnon nach Macedonien zum König Philipp; Mentor rettet sich nach Aegypten zum Fürsten Nektanebus.

Kleinasien war wieder unter Persische Botmäßigkeit gebracht, und zeigten auch die Siege des Chares und Pammenes, die Verbindung des Griechisch gebildeten Artabazus mit Griechenland und Macedonien, seine Verschwägerung mit Griechischen Männern, des Königs Unterhandlungen in Athen und Theben deutlich genug, wie das Persische Wesen bereits sich selbst untreu und seiner selbst ungewiß geworden, so war doch der Schein auf eine glänzende Weise gerettet. Dasselbe sollte noch mehr an einem anderen Punkte geschehen.

In Aegypten nämlich hatte der Fürst Tacho, nach jener misglückten Unternehmung des Artaxerxes, in Einverständniß mit den empörten Satrapen des untern Asiens gegen die Syrischen Provinzen losbrechen wollen; und wenn schon jene Empörung unterdrückt wurde, so schienen doch seine achttausend Aegypter, seine zehntausend Griechischen Söldner, mehr noch, daß König Agesilaus und der Athener Chabrias sie anführen sollten, einen glücklichen Ausgang zu versprechen. Aber Tacho hatte sich durch kleinliche Eifersucht den König Agesilaus, durch übermäßige Erpressungen das Aegyptische Volk so verfeindet, daß, als er mit seinen Heeren in Syrien stand, in Aegypten sein Neffe Nektanebus, von Agesilaus geleitet, sich zum Fürsten machte, und für Tacho kein anderer Rath blieb, als sich dem Perserkönige in die Arme zu werfen. Der Aufstand eines Mendesiers gegen Nektanebus wurde durch Agesilaus Hülfe bald unterdrückt, ein Angriff der Perser unter Anführung des nachmali26gen Königs Ochus und des vertriebenen Tacho Führung zurückgeschlagen; und als nun Artaxerxes gestorben war, und der König Ochus, der selbst den Krieg nicht sehr zu lieben schien, einzelne Heere vergebens gegen die Aegypter sandte, da erhob diese das stolze Bewußtsein ihrer wieder auflebenden Größe, und nach der Weise ihres Volkes war frecher Spott der nächste Ausdruck ihrer Freude und ihres Nationalgefühls; sie ahneten nicht, was jener König Esel, wie sie Ochus nannten, noch über sie verhängen würde.

Den Anlaß dazu gab die Empörung Phöniciens. Die Sidonier nämlich, unter ihrem Fürsten Tennes, durch das Beispiel Aegyptens aufgeregt und durch den frechen Stolz des Persischen Satrapen erbittert, beredeten auf dem Tage zu Tripolis die Phönicischen Städte zum Abfall von den Persern; man eilte sich mit Nektanebus zu verbünden, man zerstörte die königlichen Gärten und Schlösser, verbrannte die Magazine, ermordete alle Perser, die sich im Bereich der Phönicischen Städte befanden; alle, namentlich das durch Reichthum und Erfindsamkeit so ausgezeichnete Sidon, rüsteten sich mit der größten Lebhaftigkeit. Die Gefahr für Persien war groß; wenn Phönicien verloren wurde, so war das Meer und die Provinzen am Meere nicht mehr zu behaupten; Ochus befahl daher, während sich die Völker seines Reiches zum großen Heereszuge gegen Phönicien und Aegypten nach Babylon sammelten, den Satrapen von Syrien und Cilicien, sofort einen Angriff auf die Sidonier zu machen. Aber Tennes, unterstützt von zwölftausend Griechischen Söldnern, die ihm Mentor vom Fürsten Nektanebus zuführte, widerstand glücklich den beiden Satrapen. Zu gleicher Zeit erhoben sich die neun Cyprischen Städte, sie verbanden sich mit den Phöniciern und den Aegyptern, unter ihren neun Fürsten wie jene unabhängig zu sein.

Auf Befehl des Königs Ochus zog jetzt der Karische Dynast Idrieus gegen Cypern, mit ihm der Athenische Feldherr Phocion, und Euagoras, der frühere Fürst von Salamis auf Cypern, der von dem Perserkönige für Salamis, das er seinem ältern Bruder Protagoras abtreten mußte, mit einer Satrapie entschädigt worden war; der Ruf dieser Feldherren, noch mehr die Schätze der reichen Insel lockten von allen Seiten Söldner in Menge herbei; die ein27zelnen Fürsten mußten sich unterwerfen, nur Salamis widerstand noch seinem ehemaligen Herrn; es begann eine langwierige Belagerung.

Indessen hatten sich auch die Heere in Babylon versammelt, und als nun Ochus aufbrach, und sich mit seiner ungeheueren Uebermacht den Phönicischen Städten nahete, da verzagte der Sidonische Fürst, und begann auf Mentors Rath heimlich Unterhandlungen; er versprach, sich und seine Stadt zu unterwerfen und an dem Zuge nach Aegyten Theil zu nehmen; Ochus war zu allem bereit; er zog mit seinen Heeren vor Sidon; umsonst hatten die Sidonier mit der größten Hingebung Alles gethan, um den Persern Widerstand zu leisten, selbst ihre Schiffe verbrannt, damit jede Flucht unmöglich würde; Mentor und Tennes verriethen die Stadt; und als die Sidonier bereits die Burg und die Thore in Feindes Hand, und jede Rettung unmöglich sahen, zündeten sie ihre Stadt an, und suchten den Tod in den Flammen; vierzigtausend Menschen sollen umgekommen sein. Um dieselbe Zeit fiel auch Salamis auf Cypern, und Euagoras wurde in seine alten Rechte wieder eingesetzt.

Jetzt endlich konnte Ochus an die Ausführung seines Hauptzweckes, an die Unterwerfung Aegyptens gehen; er hatte bei den Griechen in Europa und Asien werben oder um Söldnerschaaren bitten lassen; nur Sparta und Athen hatten mit Vorbehalt ihrer guten Gesinnung für den Perserkönig solche Verbindung ausgeschlagen; die Thebaner dagegen sandten tausend Schwerbewaffnete unter Lakrates, die Argiver zweitausend Mann, denen sie auf des Königs ausdrückliches Verlangen den tollkühnen Nikostratos als Feldherrn gegeben hatten; außerdem waren in den Asiatisch-Griechischen Städten sechstausend Mann geworben, die unter Bagoas Befehl standen; dazu kam die große Zahl der Asiatischen Schaaren unter ihren Satrapen. Das große Heer zog nun südwärts an der Küste entlang; nicht ohne bedeutenden Verlust gelangte es durch die Sumpfwüste, welche Asien und Aegypten scheidet, unter die Mauern der Grenzfestung Pelusium, welche von fünftausend Griechischen Söldnern vertheidigt wurde; die Thebaner unter Lakrates, voll Begierde ihren Waffenruhm zu bewähren, griffen sie sogleich an, wurden aber zurückgeworfen, und nur durch die einbrechende Nacht vor bedeutendem 28 Verluste bewahrt. Nektanebus hatte sich auf das Trefflichste gerüstet, und, obschon die Zahl seiner Streiter geringer war, so gab ihm doch das Andenken früherer Siege die beste Hoffnung; freilich fehlten ihm die trefflichen Griechischen Generale von damals; aber noch hatte er zwanzigtausend Griechen unter den Waffen, dazu eben so viel Libyer und sechzigtausend Aegyptische Krieger; eine unzählige Menge von Nilschiffen war im Stande, den Feinden jeden Flußübergang unmöglich zu machen, selbst wenn sie die Reihe von Verschanzungen, die am rechten Nilarm entlang lagen, überschritten.

Das Perserheer vor Pelusium war in drei Colonnen getheilt, von denen die eine, die Böotier mit sehr vielem Persischen Fußund Reutervolk unter Lakrates und dem Lydischen Satrapen Roisakes Pelusium beobachtete, die zweite, aus den Argivern und fünftausend ausgewählten Persern unter Nikostratus und Aristazanes bestehend, auf achtzig Schiffen jenseits Pelusium die Landung forciren, endlich die dritte, die aus Mentors Söldnern und den sechstausend Griechen, die Bagoas führte, und vielem anderen Volke bestand, sich südlich wenden sollte, um wo möglich Pelusium abzuschneiden. Durch die Kühnheit des Nikostratus und seiner Argiver gelang die Besetzung einer wichtigen Position innerhalb des Delta, im Rücken der feindlichen Linie, die nun Nektanebus, eben so muthlos in der Gefahr, wie vorher voll Selbstvertrauen, aufzugeben eilte, um sich in die Burg von Memphis zu werfen. Pelusium, der Schlüssel Aegyptens, war umzingelt, nach sehr tapferem Widerstande ergab sich die Griechische Besatzung unter ehrenvollen Bedingungen. Jetzt rückte Mentor und Bagoas gegen Bubastus vor; die Aufforderungen zur Unterwerfung, die Drohung, bei unnützem Widerstande die Strafe, welche Sidon erlitten, zu wiederholen, verfeindeten in allen Städten die Griechischen Besatzungen, die bereit waren bis in den Tod zu kämpfen, mit den feigeren Aegyptiern; der Einnahme von Bubastus, die dem Lieblinge des Königs, Bagoas, das Leben gekostet hätte, wenn nicht Mentor zu seiner Rettung herbeigeeilt wäre, folgte schnell die Besetzung der anderen Städte des niederen Landes; die Perserheere rückten der Hauptstadt immer näher. Jetzt hielt sich Nektanebus nicht mehr sicher in seiner Hauptstadt; er gab es auf für ein Reich zu kämpfen; er rettete sich mit seinen Schätzen stromauf nach Aethiopien.

29 Ungehindert rückte Ochus in Memphis ein, entschlossen, das Land seinen ganzen Zorn fühlen zu lassen; die Zeiten des Königs Kambyses erneuten sich; viele Aegyptier wurden hingerichtet, den heiligen Apis durchbohrte der König mit eigener Hand, befahl die Heiligthümer ihres Schmuckes, ihres Goldes, selbst ihrer heiligen Bücher zu berauben, und nur mit schwerem Gelde konnten diese wieder zurückgekauft werden. So wurde Aegypten für eine sechzigjährige Unabhängigkeit mit der blutigsten Strenge gestraft; Ochus erhielt in hieroglyphischen Tempelannalen wie im Munde des Volks den Namen „der Dolch“. Nachdem Pherendakes zum Satrapen eingesetzt, und die Griechischen Söldner reich beschenkt entlassen waren, kehrte der König mit großer Beute und noch größerem Ruhme nach Babylon zurück.

Das Persische Reich stand gewaltiger als jemals, nur daß es nicht Persische, sondern Griechische Feldherren und Truppen gewesen waren, die den Sieg entschieden hatten. Der König Ochus, der sich in dem ächt despotischen, launenhaften Wechsel wilder Kraftäußerung und gedankenloser Erschlaffung fortan ganz seinem Hang zur Wollust hingab, überließ das Innere des Reiches seinem Liebling, dem Chiliarchen Bagoas, während Mentor die Provinzen des unteren Asiens erhielt; beide, Bagoas und Mentor, waren mit einander im Einverständniß, sie lenkten den König, sie hatten alle Macht, das Wohl und Wehe des Reiches lag in ihren Händen.

Zunächst benutzte Mentor sein Ansehn dazu, seinen Bruder Memnon, seinen Schwager Artabazus und dessen Familie, die bisher bei dem Macedonischen Könige einen Zufluchtsort gefunden hatten, wieder zu Macht und Ehre zu bringen. Sodann ging er daran, die Dynasten Kleinasiens, die sich während des Aegyptischen Krieges allzu frei benommen hatten, wieder zu unterwerfen; er begann damit, in Verbindung mit seinem Bruder Memnon den Tyrannen Hermeas von Atarnea in Aeolis, den Verwandten des großen Aristoteles, und seine Anhänger durch Hinterlist zum Gehorsam zurückzubringen; dieß und die Bewältigung der andern Kleinasiaten, die sich empört hatten, machte sein Ansehn beim Könige und seine Macht im untern Asien noch entschiedener. – Indeß hatte Memnon bei seinem Aufenthalte in Macedonien wohl zu erkennen Gelegenheit gehabt, wohin sich des Königs Philipp Plane 30 richteten; sie traten immer deutlicher hervor, je näher die Grenzen Macedoniens den Persischen Satrapien kamen; Athenische Gesandte unterließen nicht, auf die dringende Gefahr aufmerksam zu machen; jetzt rückte Philipp gegen Perinth und Byzanz; wenn er diese Städte wegnahm, so stand ihm der Uebergang nach Asien offen. Darum wurden in aller Eile einige Griechische Schaaren die im Persischen Solde standen, unter Apollonius nach Perinth gesendet, und sie waren stark genug, in Verbindung mit den Byzantinern die kräftigen Angriffe des Macedonischen Königs zurückzuschlagen. Jedenfalls waren Mentor und Memnon die Urheber dieser Maaßregel; an der Spitze der Griechischen Söldnerschaaren im untern Asien waren sie die Stütze der Persischen Macht und deren Verfechter, im Falle daß von Europa her irgend eine Gefahr drohen sollte. Nach dem kurz darauf erfolgten Tode Mentors ging diese wichtige Stelle eines Befehlshabers des stehenden Heeres für Kleinasien an Memnon über, und bald genug sollte er Gelegenheit haben, sein nicht gewöhnliches Feldherrntalent zu bewähren.

Während auf diese Weise die Satrapien im äußersten Westen des Reiches, entweder in sich selbst von Kämpfen und Insurrectionen bewegt, oder alle Aufmerksamkeit auf die Verhältnisse in Europa gewendet, in immer lebhafteren Verkehr mit Griechenland kamen, herrschte der König auf seiner Hofburg zu Susa in zügelloser Wildheit und Grausamkeit fort; Alle haßten und fürchteten ihn, der Einzige dem er Vertrauen schenkte, misbrauchte es. Der Aegyptische Eunuch Bagoas, sein oberster Kämmerer, tückisch und herrschsüchtig von Natur, dem blinden Aberglauben seines Vaterlandes, zu dessen Untergang er selbst hülfreiche Hand geleistet hatte, ganz ergeben, hatte dem Könige die Schändung seiner vaterländischen Heiligthümer und den Tod des heiligen Apisstieres nicht vergessen. Je mehr sich der König durch seine Grausamkeit verhaßt machte, desto kühner wurden die Plane seines tückischen Lieblings; Bagoas gewann den Arzt des Königs, ein Gifttrank machte dem Leben des verhaßten Despoten ein Ende; und so groß war die Bosheit des Eunuchen und seine Frechheit, daß er den Leichnam des Großkönigs nicht nach der Sitte der Väter in die Königsgräber von Persepolis bringen, sondern ihn in Stücke zerreißen, und, was den Persern das Scheußlichste ist, von Katzen auffressen ließ. Das Reich war in 31 seiner Hand; um desto sicherer seine Stelle zu behaupten, ließ er des Königs jüngsten Sohn Arses zum Könige weihen, die Brüder desselben ermorden; nur der eine, Bisthanes, rettete sich. Das geschah etwa zu der Zeit der Schlacht von Chäronea.

Indeß ertrug Arses nicht lange den frechen Stolz des Eunuchen, er vergaß ihm nicht den Mord seines Vaters und seiner Brüder; Bagoas eilte ihm zuvorzukommen; nach kaum zweijähriger Regierung ließ er den König mit seinen Kindern ermorden; zum zweiten Male war die Tiara in seinen Händen. Aber das königliche Haus war verödet; durch Ochus Hand waren Artaxerxes Söhne, durch Bagoas Ochus Söhne und Enkel ermordet; der einzige von ihnen, Bisthanes, war vor dem Eunuchen geflohen, zwischen ihnen konnte keine Gemeinschaft sein. Noch lebte ein Sohn jenes Darius, dem sein Vater Artaxerxes die Tiara gegeben, die schöne Jonierin verweigert hatte; aber die Augen der Perser wandten sich auf Kodomannus; er war Arsames Sohn, dessen Vater Ostanes ein Bruder des Königs Artaxerxes gewesen war, seine Mutter Sisygambis, desselben Artaxerxes Tochter; er wurde bewundert wegen seiner Sanftmuth, seiner Schönheit und Tapferkeit; in dem Kriege, den Ochus gegen die Kadusier führte, hatte er allein die Herausforderung ihres riesigen Anführers zum Zweikampf anzunehmen gewagt, und ihn bewältigt; damals war ihm von den Persern der Preis der Tapferkeit zuerkannt, sein Name von Alt und Jung gefeiert worden, der König Ochus hatte ihn mit Geschenken und Lobpreisungen überhäuft, und ihm die schöne Satrapie Armenien gegeben. – Mochte Bagoas jener Stimmung der Perser nachgegeben, oder sich mit der Hoffnung geschmeichelt haben, daß Darius Kodomannus für die Tiara, die er durch ihn erlangt hätte, treu ergeben bleiben würde, früh genug sollte er erkennen, wie sehr er sich getäuscht hatte. Der König haßte den Mörder und verachtete seinen Rath; Bagoas beschloß ihn aus dem Wege zu räumen, er mischte ihm Gift in den Becher; aber Darius war gewarnt, er rief den Eunuchen, und hieß ihn, als wäre es ein Zeichen seiner Gunst, den Becher trinken. So fand Bagoas eine späte Strafe.

Die Zügel der Herrschaft waren in der Hand eines Königs, wie ihn Persien lange nicht gehabt hatte; schön und ernst, wie der 32 Asiate sich gern das vollkommene Bild seines Herrschers denkt, von Allen verehrt und gegen Alle liebreich, an allen Tugenden seiner großen Ahnen reich, frei von den scheußlichen Lastern, die das Leben der letzten Könige geschändet und zum Verderben des Reichs gemacht hatten, schien Darius berufen, dem Reiche, das er ohne Schuld und Blut erworben, den Frieden und das Glück wieder zu geben, um die der früheren Könige Ohnmacht oder Verruchtheit das edle Volk der Perser betrogen hatte. Keine Empörung störte den glücklichen Beginn seiner Herrschaft; Aegypten war dem Reiche wiedergegeben, Baktrien, Syrien dem Könige treu und ergeben; von den Küsten Joniens bis an den Indus priesen die Völker den Namen des milden Darius. Und dieser König sollte der letzte Enkel des Cyrus sein, der über Asien herrschte, gleich als ob ein unschuldiges Haupt den Fluch des Unterganges, der auf dem Volke der Perser ruhte, hätte auch auf sich nehmen müssen.

Denn schon begann im fernen Westen das dunkle Wetter, das Persien vernichten sollte, emporzusteigen, schon kamen in die Hofburg von Susa die Boten der seeländischen Satrapen, daß Philipp von Macedonien seine Heere zusammenziehe, um mit dem nächsten Frühling in die Provinzen Asiens einzubrechen, daß einzelne Schaaren auf der Küste gelandet seien, und sich in den Griechischen Städten des untern Phrygiens festsetzten. Darius wünschte auf jede Weise diesen Krieg zu vermeiden; er wußte, daß gegen die vereinigte Macht der Macedonier und Griechen seine Völker unmöglich das Feld würden behaupten können, er mochte ahnen, wie das ungeheure Reich, in sich erstorben und verweset, nur eines äußeren Anstoßes bedürfte, um in sich zusammenzusinken.

Aber eben darum war jener Krieg nicht zu vermeiden; das Reich des Cyrus, dies große Grab der Astatischen Völker, mußte erbrochen, und die Völker aus ihrem Scheintode zu neuem Leben erweckt werden; und auch die Hellenische Freiheit, einst die schönste Blüthe, die den Frühling des Menschengeschlechtes geschmückt hat, war zur überreifen Frucht gezeitigt. Die Griechen hatten in dem reich bewegten Leben vieler Jahrhunderte alle Kraft entwickelt und geübt, mit der sie von der Natur verschwenderisch ausgestattet waren; und je höher sich in ihnen das Bewußtsein ihrer Freiheit und 33 Kraft, das Verlangen nach dem fernen Ziele ihres geschichtlichen Lebens entwickelt hatte, desto heftiger bewegt, desto leidenschaftlicher und blutiger waren die Kämpfe geworden, in denen sie den letzten großen Kampf vorbereitet hatten. Auf den Feldern von Chäronea hatte endlich Macedonien den Sieg davon getragen, in der großen Versammlung zu Corinth war Philipp von den Griechen zum Führer des Griechenthums ernannt worden; er stand bereit, das große Nationalwerk der Griechen zu vollenden.

 

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34 Zweites Kapitel.

Das Macedonische Königthum. Alexanders Regierungsantritt.

 

Aber waren Philipp und seine Macedonier Griechen, um den Perserkrieg im Sinne des Griechischen Volkes und der Griechischen Geschichte übernehmen zu können? Die Vertheidiger der alten demokratischen Freiheit haben oft und laut das Gegentheil behauptet, und ihr großer Wortführer Demosthenes geht in seinem patriotischen Eifer so weit, zu versichern, daß Philipp weder ein Grieche, noch mit Griechen verwandt, sondern zu den Barbaren zu zählen sei, die man nicht einmal als Sclaven brauchen könne 1). Aber uralte und glaubwürdige Traditionen beweisen das Gegentheil; sie berichten, daß in grauer Vorzeit drei Brüder aus dem Heraklidischen Fürstengeschlechte von Argos gen Norden in das Land der rossekundigen Päonier gewandert seien, sich am Ostabhange des Gebirges in der Stadt Edessa niedergelassen, und die Landschaft Emathia in Besitz genommen hätten; der jüngste dieser drei Brüder, Perdikkas, wurde der Stammvater des Macedonischen Königshauses 2). In allmähligem Wachsthum dehnte sich das neue Reich über den ganzen Landstrich aus, der, von der Natur auf eine augenfällige Weise abgegränzt, bis in späte Zeiten den Namen des eigentlichen oder unteren Macedoniens behielt, und die Landschaften Emathia, Am-

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1) Demosth. Olynth. II. p. 23. Philipp III. p. 69. — 2) Herod. V. 22. VIII. 139. Thucyd. II. 99. Die Sage von Karanus (Diod. I. 18. 20. VII. 8. etc.) ist jüngeren Ursprungs.

 

35phaxitis, Mygdonia, Bottiäis und Pieria umfaßte 3). Die Ureinwohner dieser Gegenden waren dieselben Pelasgischen oder Thracischen Stämme, welche einst das ganze Hellenische Land inne gehabt hatten, späterhin aber der höheren Entwickelung des Hellenischen Lebens gegenüber als Barbaren erschienen. So hatten die Macedonischen Herakliden das gleiche Loos mit allen ihren Stammesgenossen, in ein fremdes Land eingewandert ihre Macht auf die Unterwerfung der einheimischen Urvölker gründen zu müssen, freilich mit dem wichtigen Unterschiede, daß hier wie in keinem Dorischen Lande das Alte mit dem Neuen zu einem Ganzen verschmolz, welches im Stande war, die urkräftige Frische der Heroenzeit bis in späte Jahrhunderte zu bewahren. Und wenn berichtet wird, daß die Trophäen des ersten Sieges, den Perdikkas über die einheimischen Stämme davon trug, durch den Willen der Götter über Nacht von einem Löwen umgestürzt worden, zum Zeichen, daß man nicht Feinde besiegt, sondern Freunde gewonnen habe 4), so spricht sich in dem Sinne dieser Sage die eigenthümliche Kraft des Macedonischen Reiches und dessen Beruf aus, den letzten Krieg Griechenlands gegen den Orient glücklich hindurch zu führen, da ja nicht über Unterworfene triumphirt, sondern die Völker Asiens für Griechisches Leben und Wesen gewonnen werden sollten.

Während im übrigen Griechenlande das Königthum, das sich in dem niederen Volke eine Stütze zu gewinnen versäumt hatte, gegen die Anmaaßungen eines ebenbürtigen Herrenstandes zu Grunde gegangen war, während gegen diesen Herrenstand selbst das niedere Volk, der Rechtlosigkeit und des unerträglichen Druckes müde, sich endlich empört, die edlen Geschlechter ihrer Vorrechte beraubt und in die gährende Masse des demokratischen Gemeinwesens hinabgezogen hatte, um selbst bald in Selbstsucht und Partheiung zu zerfallen, hatte Macedonien in seiner ruhigen und alterthümlichen Weise fortbestehen können, da hier jene Elemente der Reibung und des Hasses in dem Verhältniß der verschiedenen Stände nicht vorhan-

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3) Die nähere Einsicht in die höchst eigenthümlichen und einflußreichen Naturverhältnisse des kleinen Macedonischen Landes ist erst seit Cousinery’s Werk (voyage dans la Macedoine) möglich geworden.

4) Paus. IX. 40.

 

36den waren. Denn die edlen Dorischen Geschlechter in Macedonien hatten keinesweges, wie etwa die Spartaner und andere Dorier, die alten Landesbewohner zu Penesten und Heloten erniedrigt; wie dürftig auch die Nachrichten über das innere Leben Macedoniens sind, so viel steht fest, daß das Volk frei, daß Jeder des Volks trotz dem edelsten Herakliden Macedonier war, daß er das Recht zu freiem und unabhängigem Besitz, und Zutritt in die Volksversammlung hatte, daß endlich die Volksversammlung selbst zu Gericht und Berathung dem Könige zur Seite war, um durch lauten Zuruf zu billigen oder zu verwerfen. Indem das freie Volk zu gleicher Zeit die Masse des Heeres bildete, so konnte sich nicht im Adel des Landes eine einseitige Vorliebe für den Krieg hervorbilden, und der ritterliche Dienst, zu dem er im Falle eines Krieges verpflichtet war, ließ den Heerdienst des Fußvolks in gleichem Maaße ehrenvoll und selbstständig. Der Adel selbst war kaum als Herrenstand zu bezeichnen; was ihn auszeichnete, waren nicht Privilegien auf Kosten des Volkes, sondern größeres Besitzthum, die Erinnerungen edler Abstammung, nähere Beziehung zu der Person des Königs, der treue Dienste mit Ehren und Geschenken belohnte. Selbst die Familien von fürstlichem Adel, die früher in den benachbarten Landschaften Orestis, Lynkestis, Stymphäa und anderen selbstständig geherrscht, und, nachdem sie von den mächtigeren Königen Macedoniens abhängig geworden, doch den Besitz ihrer frühern Herrschaft behalten hatten, traten wohl mit ihrem Volke in die Verhältnisse ein, welche für das übrige Macedonien galten.

Man muß gestehen, daß die alterthümliche Einfachheit der Verhältnisse, wie sie die Grundlage des in den Homerischen Gesängen geschilderten Lebens bildet, und Jahrhunderte lang in Macedonien bestand, in der That einst allen Hellenen gemeinsam gewesen, aber im Kampf der Jahrhunderte untergegangen war. Freilich dankte das Griechenthum diesen Kämpfen die hohe Bildung, die es, wenn auch auf Kosten des Glückes und der Tugend, erreicht hat, und Macedonien war mit seiner alterthümlichen Rauheit und Einfalt weit hinter der Zeit zurückgeblieben; aber dafür konnte es auch, glücklich und umsichtig geleitet, die Resultate jener langen und mühevollen Entwickelung, bei der Griechenland seine Kraft erschöpft hatte, mit ungeschwächter Kraft aufnehmen; es konnte die Gedan37ken der neuen Zeit, deren Keime schon in den Formen des heroischen Königthumes lagen, mit dem, was es selbst bewahrt hatte, vereinigen und erfüllen, und so das verwirklichen, was die größten Denker im Hellenischen Volke als das Höchste volksthümlicher Verfassung darstellten.

Dieß Neue und Zeitgemäße mußte Macedonien, so lag es in der Natur der Sache, durch die Vermittelung seiner Könige erhalten; und in der That, seitdem diese durch die Perserkriege, die ja in allen Hellenen das Bewußtsein und Bedürfniß der Einheit erwachen ließen, mit in den großen Verband des Hellenischen Lebens eingetreten waren 5), verfolgten sie mit mehr oder minder Bewußtsein, Geschick und Kraft diesen Plan, ihr Volk, unbeschadet der hergebrachten Rechte und Verhältnisse, in unmittelbaren Zusammenhang mit den Staaten von Hellas und zur Theilnahme an der gemeinsamen Hellenischen Bildung zu bringen. Die Nähe der reichen und handelkundigen Colonien in Chalcidice, die durch sie veranlaßten vielfältigen Berührungen mit den Hauptmächten von Hellas, die um ihren Besitz kämpften, und den Einfluß Macedoniens suchten oder fürchteten, die fast ununterbrochenen Kämpfe in Hellas selbst, welche manchen berühmten Namen die Heimath zu meiden und an dem reichen Hofe von Pella Ruhe und Ehre zu suchen veranlaßten, das alles begünstigte die ruhigen und sicheren Fortschritte Macedoniens. Vor allen wichtig und erfolgreich war die Zeit des weisen Königs Archelaos, und während das übrige Hellas von dem Peloponnesischen Kriege verwirrt und zerrissen wurde, verbreitete sich unter seiner weisen Leitung das Licht höherer und zeitgemäßer Bildung bis in die entferntesten Thäler seines schönen Landes; sein Hof, der Sammelplatz von Dichtern und Künstlern aller Art 6) und der glückliche Vereinigungspunkt des Macedonischen Adels, wurde das Vorbild für das Volk und dessen fortschreitende Entwickelung; Archelaos selbst galt in dem Munde der Zeitgenossen für den reichsten und glücklichsten Mann von der Welt 7).

Indeß scheint durch die wichtigen und erfolgreichen Neuerun-

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5) In den Olympischen Spielen; cf. Herod. V. 22. — 6) Thucyd. II. 100. Gellius. XV. 20. Aelian. XIV. 17. II. 21. — 7) Plato Gorgias, p. 83. ed. Heind.

 

38gen, wie sie namentlich durch Archelaos ins Leben getreten waren, eine Reaction hervorgerufen zu sein, welche durch die neuen Elemente, die Macedonien bereits in sich aufgenommen, nur desto heftiger und gefährlicher werden mußte. So lange Archelaos herrschte, wagte kein Unwille laut zu werden; aber als mit seinem Tode das Reich an seinen unmündigen Sohn Orestes überging, da schien es Zeit gegen das Neue anzukämpfen, und die alte gute Zeit wieder in ihr Recht einzusetzen, eine Tendenz, die ihrer Natur nach den hohen und herrschenden Geschlechtern angehören mußte, da nur sie durch die Förderung des Volkes und der Bildung im Volke, so wie durch die höhere und einflußreichere Stellung des Königthums beeinträchtigt sein konnten, wogegen das Volk selbst, wie es scheint, an allen den folgenden Kämpfen und Zerwürfnissen nicht viel Antheil gehabt hat, sondern die einmal aufgenommenen Elemente langsam und ruhig sich weiter entwickeln ließ. Das Genauere jener Bewegungen ist dunkel; doch bestätigen die wenigen Andeutungen, die sich vorfinden, diese Ansicht. Aeropus, der Reichsweser und Verwandter des königlichen Hauses, raubte dem königlichen Knaben Krone und Leben; Aeropus stammte wahrscheinlich aus dem alten Bacchiadischen Fürstengeschlecht der Lynkestier 8), das mit dem Königshause verschwägert war; was er und seine Familie in den nächsten Zeiten ausgeführt, bezeichnet sie als Gegner der neuen Ordnung der Dinge und als Vertreter des Althergebrachten. Es ist begreiflich, wie durch eine Partheiansicht, für welche sich der fürstliche Adel des Landes entscheiden mußte, Aeropus den Thron behaupten und auf seinen Sohn Pausanias vererben konnte. Aber die Anhänglichkeit für die königliche Heraklidenfamilie war zu groß, als daß sich die Usurpation für lange gegen ihre gerechten Ansprüche hätte halten können. Obschon aus der jüngeren Linie des königlichen Hauses entsprungen, begann Amyntas den Kampf gegen Pausanias, und entriß ihm den Thron; sein kühnes Auftreten und die trefflichen Eigenschaften, die er als Herrscher entwickelte, moch-

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8) Diese Wahrscheinlichkeit gründet sich namentlich darauf, daß der Lynkestier Alexander, eines Aeropus Sohn, späterhin in der Hoffnung auf den Macedonischen Thron Verbindungen mit dem Perserkönige angeknüpft hat.

 

39ten das nähere Anrecht, welches der noch lebende jüngste Sohn des Archelaos auf das Reich hatte, vergessen lassen.

Doch war die Zeit der Ruhe, so sehr das Land ihrer bedurfte, noch nicht gekommen; die Verwirrungen, die das Reich zu entkräften und zur leichten Beute jedes kühnen Ueberfalls zu machen schienen, hatten die Illyrier an die Grenze gelockt, und vielleicht von den Gegnern des Amyntas aufgemuntert, fielen sie in das Land, besiegten ein königliches Heer und zwangen den König selbst zur Flucht aus seinem Reiche. Die zwei Jahre seiner Abwesenheit benutzte Archelaos jüngster Sohn Argäus zu einem Versuch, sich des väterlichen Reiches zu bemächtigen; aber mit Thessalischer Hülfe kam Amyntas zurück, und gewann in Kurzem das Verlorene wieder. Die großen Gefahren und Zerrüttungen, welche die Partheiungen über das Land gebracht hatten, mochten empfindlich genug gezeigt haben, wie nothwendig Versöhnung und Eintracht sei; Amyntas vermählte sich mit Eurydice aus dem Lynkestischen Fürstenhause. Altes und Neues ward in Einklang gebracht, und zwanzig Jahre hindurch regierte Amyntas, wenn auch nicht in völligem Frieden, doch zum Wohl und zur Förderung seines Landes. Aber bei seinem Tode offenbarte sich, daß die Parthei der Lynkestier ihre alten Hoffnungen und Pläne noch nicht aufgegeben; sie fand in der Königin Eurydice eine eben so kühne wie furchtbare Vertreterin. Als Amyntas Sohn und Nachfolger Alexander in Thessalien kämpfte, stand von ihr veranlaßt Ptolomäus von Alorus, mit dem sie schon lange ein heimliches Verhältniß pflegte, gegen den König auf, und kämpfte glücklich; ein Vergleich zwischen beiden schien nur gemacht, um den König desto sicherer zu verderben; während eines festlichen Tanzes ward er ermordet 9), und dem Mörder Ptolomäus gab die Königin ihre Hand und den Thron. Jahr und Tag herrschte der Usurpator, bis Alexanders zweiter Bruder herangereift war; mit dem Morde des Ptolomäus bahnte er sich den Weg zum Throne. Seine Herrschaft währte zu kurze Zeit; mitten in der einflußreichsten Wirksamkeit für die Bildung und Erweiterung seines

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9) Marsyas ap. Athen. XIV. p. 629 d.; Diod. XV. 71. 72. nennt ihn Bruder des Alexander, gegen das ausdrückliche Zeugniß des Dexip. ap. Syncell. p. 500. ed. Bonn.; cf. Aristot. Polit. V. 8. 12.

 

40 Reiches rafft ihn der Tod hinweg, seine Mutter Eurydice soll ihn ermordet haben. Aber schon war ihr und des Amyntas dritter Sohn Philipp da, die Regierung für seines Bruders Perdikkas unmündigen Sohn zu übernehmen; mit gleicher Vorsicht und Gewandtheit rettet er das Reich vor den drohenden Einfällen der Illyrier und Thracier, die Krone vor den beiden Prätendenten Pausanias und Argäus, das königliche Haus vor neuen Intriguen und Verwirrungen; in Kurzem waren die alten Partheiungen verschwunden. Von der Parthei der Lynkestier war Eurydice und Ptolomäus todt, und von den Söhnen des Aeropos wurde der älteste, Alexander, durch Vermählung mit des treuen Antipaters Tochter, die beiden jüngeren, Hieromenes und Arrhabäus, durch andere Gunstbezeugungen gewonnen, Arrhabäus Söhne Neoptolemus und Amyntas am Hofe erzogen 10). Von der älteren Linie des Hauses hatte noch Argäus gegen Philipp um das Reich gekämpft, er verschwindet aus der Geschichte; wahrscheinlich wurde ihm von Philipp verziehen, und sein Sohn Heraklides erscheint später unter den Befehlshabern der Macedonischen Armee 11). Auch der zweite Prätendent Pausanias, von dessen Abstammung und Ansprüchen nichts Genaueres überliefert wird, verschwindet aus der Geschichte. Den rechtmäßigen Thronerben endlich, des Perdikkas Sohn Amyntas, in dessen Namen Philipp wirklich im Anfange die Regierung geführt hatte, knüpfte er durch die Vermählung mit seiner Tochter Kynane an sein Interesse 12).

So war Macedonien in die Hände eines Fürsten gekommen, der mit bewundernswürdiger Planmäßigkeit und Gewandtheit die Kräfte seines Reiches zu entwickeln, zu benutzen und bis zu dem Grade zu erhöhen wußte, daß sie dem großen Gedanken, an der Spitze des Griechenthums das Morgenland zu unterwerfen, gewachsen wurden. Fast hat die Geschichte über die staunenswürdigen Erfolge die Mittel, durch welche sie errungen wurden, aufzuzeichnen vergessen, und während sie die Hand, die einen Staat Griechenlands nach dem andern zu sich herüber zog, in jedem einzelnen ihrer schlauen Griffe auf das Genaueste verfolgt, läßt sie uns

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10) Arrian. 1. 20. — 11) Arrian. VII. 16. — 12) v. interp. ad Curt. VII. 9. 17.

 

41 über den Körper, dem diese Hand angehört, und dem sie ihre Kraft und Sicherheit dankt, fast ganz im Dunkeln; das verführerische Gold, das sie dieselbe Hand zeigen und zur rechten Zeit spenden läßt, erscheint fast als das einzige oder doch größte Mittel, durch welches Philipp seine Erfolge errungen. Aber faßt man das innere Leben des Reiches näher ins Auge, so treten deutlich zwei Momente hervor, die, schon früher angeregt, aber durch Philipp erst zu voller Kraft entwickelt, die Basis seiner Macht wurden.

Das Macedonische Volk hatte allerdings schon früher Kriege mannigfacher Art zu bestehen gehabt, und nach dem alten Brauch war dann jeder wehrhafte Mann ausgezogen, um nach Beendigung des Krieges wieder zu seinem Pfluge oder zu seiner Heerde zurückzukehren. Die Gefahren, unter denen Philipp die Regierung übernahm, die Kämpfe, welche namentlich die ersten Jahre seines Königthums fast unablässig fortwährten, gaben die Veranlassung, jene Kriegspflichtigkeit der Macedonier zur Bildung eines stehenden Nationalheeres zu benutzen, das, anfangs zehntausend Mann Fußvolk und sechshundert Ritter stark, bald genug auf das Doppelte gebracht wurde. Die Erfolge dieser Einrichtung mußten außerordentlich sein; sie bewirkte, daß sich die verschiedenen Landschaften des Reiches als ein Ganzes, als eine Nation fühlen lernten; sie machte es möglich, daß die neu erworbenen Thracischen, Päonischen, Agrianischen Völkerschaften, wenn sie auch ihre einheimischen Fürsten behielten, mit dem Macedonischen Volke zu einem Ganzen verschmolzen; vor allem aber gab sie in dieser Einheit und in der kriegerischen Tendenz, die fortan vorherrschend wurde, dem Volke schnell und durchgreifend jene höhere ethische Kraft und jenes stolze Gefühl des geschichtlichen Lebens, dessen höchstes Ziel der Ruhm ist. Ein Heer dieser Art mußte den Söldnerschaaren der Griechischen Staaten, eine Nationalität von dieser Jugendfrische und diesem Selbstgefühl dem überbildeten, durch geistige und körperliche Genüsse bis zur Fieberhaftigkeit oder Gleichgültigkeit überreizten Griechenthume überlegen sein. Die Gunst des Schicksals hatte in Macedonien die Weise einer alten und urkräftigen Zeit so lange bestehen lassen, bis es mit ihr in das geschichtliche Leben eintreten sollte, sie hatte im Kampf des Königthums mit dem Adel nicht, wie in Hellas Jahrhunderte früher, dem trotzigen Herrenstande, sondern dem 42 Königthume den Sieg gegeben; und dieses Königthum eines freien und kräftigen Volkes, diese Monarchie im edelsten Sinne des Wortes gab jetzt dem Leben des Volks die Form, Kraft und Richtung, welche die Demokratien von Hellas wohl als wesentlich erkannt, aber vergebens erstrebt hatten.

Dagegen mußte die Hellenische Bildung, das schöne Resultat jenes vergeblichen Strebens, ganz und vollkommen dem Macedonischen Volksleben gegeben, und so das schon von früheren Fürsten mit Erfolg begonnene Streben mit Sorgfalt und Nachdruck fortgesetzt werden. Das Vorbild des Königs und seines Hofes war hier von der größten Wichtigkeit, und der Adel des Landes trat bald in die eben so natürliche wie ehrenvolle Stellung, den gebildeten Theil der Nation auszumachen; ein Unterschied, der sich in keinem der Griechischen Hauptstaaten zu entwickeln vermocht hatte, indem die Spartaner alle roh und nur Herren den unfreien Lakonen gegenüber waren, die freien Athener aber sich wenigstens selbst ohne Ausnahme für höchst gebildet hielten. Schon Philipp sorgte, so scheint es, durch Einrichtung von Lehrvorträgen aller Art, die zunächst für die Edelknaben in seiner Umgebung bestimmt waren, für die Hellenische Bildung des jungen Adels, den er so viel als möglich an den Hof zu ziehen, an seine Person zu fesseln, und für den unmittelbaren Dienst des Königthums zu gewinnen suchte; als Edelknaben, und bei reiferer Jugend in den Leibschaaren und als Leibwächter (Somatophylakes) des Königs, als Commandirende bei den verschiedenen Abtheilungen des Heeres, in Gesandtschaften an Hellenische Staaten, wie sie so häufig vorkamen, hatte der Adel Gelegenheit genug sich auszuzeichnen oder den Lohn für ausgezeichnete Dienste zu empfangen; überall aber bedurfte er jener Bildung und feinen Attischen Sitte, wie sie der König wünschte und selbst besaß. Sein eifrigster Gegner mußte gestehen, daß Athen kaum einen an feiner Geselligkeit ihm Aehnlichen aufzuweisen habe 13); und wenn der König im häuslichen Kreise Macedonisch und einfach lebte, so waren die Hoffeste, der Empfang fremder Gesandten, die Feier der großen Spiele desto glänzender und Beweis genug, daß das Macedonische Königthum in Bildung und Geschmack nicht mehr

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13) Demosthen. de fal. log. p. 575.

 

43 zurück war; das Macedonische Volk seinerseits sah mit gerechtem Stolz auf seinen König und dessen Hof, an dem alles prächtig und großartig, nichts kleinlich und karg war.

Und in der That, dieser Hof von Pella, wie er zur Zeit des Königs Philipp war, mußte durch Glanz und Adel ausgezeichnet sein, wenn man der edlen Geschlechter gedenkt, die dort versammelt waren. Mehrere von diesen waren fürstlichen Ursprungs, so das Bacchiadengeschlecht von Lynkestis, das vierzig Jahre früher ja selbst die Macedonische Krone in Händen gehabt hatte; so ferner das Geschlecht des Orontes, das einst in der Landschaft Orestis geherrscht hatte, aber um die Zeit des Peloponnesischen Krieges, wo es von dem Fürsten Derdas von Elymiotis, wie es scheint, verdrängt war 14), in Macedonien Schutz gesucht hatte; der ältere Sohn des Orontes erhielt späterhin die Führung des Phalanx von Orestis, derselben, wie es scheint, welche demnächst, als er selbst Führer eines Geschwaders wurde, an seinen Bruder Alketas überging. Das bedeutendste unter diesen fürstlichen Geschlechtern war das von Elymiotis, entstammt von dem eben erwähnten Fürsten Derdas aus der Zeit des Peloponnesischen Krieges; um das Jahr 380 hatte ein zweiter Derdas, wahrscheinlich des vorigen Enkel, den Besitz des Landes, und war damals mit Amyntas von Macedonien und den Spartanern verbündet gegen Olynth gezogen 15); noch bei Philipps Regierungsantritt war er unabhängiger Fürst gewesen, und hatte seine Schwester Phila mit dem Macedonischen Könige vermählt 16); mit diesem war er um das Jahr 350 gegen Olynth gezogen, und in die Gefangenschaft der Feinde gerathen 17). Diese Gelegenheit mochte Philipp benutzt haben, um sein Fürstenthum mit Macedonien zu vereinen; Machatas, der Bruder des Derdas wagte wohl nicht Ansprüche zu erheben, sondern ging an den Hof des mächtigeren Fürsten; es blieb zwischen Philipp und dieser Familie stete Spannung, die nicht immer geschickt genug ver-

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14) Denn Derdas heißt Fürst von Orestis, Thye. I. 57; Perdikkas aber war nach Curt. X. 7. 8. aus fürstlichem Geschlecht, nach Arrian. Ind. 18. aus Orestis. — 15) Xenoph. hist. V. 2. 39. — 16) Athen. XIII. 557. e. — 17) Theopomp. lib. XXIII. ap. Athen. X. p. 436.

 

44hehlt und von dem Könige vielleicht absichtlich erhalten wurde, um durch zweifelhafte Gunst sie etwas fern und in Besorgniß zu halten. Kaum konnte Machatas in einer Rechtssache, in welcher der König zu Gericht saß, einen gerechten Spruch erlangen, und Philipp eilte, eine Unrechtlichkeit, die ein Verwandter des Hauses sich zu Schulden kommen ließ, zur öffentlichen Kränkung der Familie zu benutzen; die Bitten, die des Machatas Sohn Harpalus, dem der König durch Uebertragung einer politischen Mission jüngst Vertrauen bewiesen hatte 18), für ihn einlegte, wurden nicht ohne Bitterkeit zurückgewiesen 19). Der Glanz, den diese Familie in späterer Zeit erreicht hat, begann erst mit Philipps Tode. Harpalus Bruder war Philipp, der Vater des berühmten Antigonus, dessen Sohn, der Städtezertrümmerer Demetrius, Gründer der neuen Macedonischen Dynastie wurde, die bis zum Untergange des Reiches gewährt hat. – Es ist nicht möglich, alle die edlen Geschlechter, die an dem Hofe von Pella versammelt waren, aufzuzählen; doch verdienen zwei derselben wegen ihrer besondern Wichtigkeit Erwähnung, das des Antipater und des Philotas. Philotas Sohn war jener treue und gewandte Feldherr Parmenion, dem Philipp wiederholentlich die Führung der wichtigsten Expeditionen anvertraute; seine soldatische Biederkeit machte ihn zum Mann des Volkes; seine Brüder Asander und Agathon 19a), und noch mehr seine Söhne Philotas, Nikanor und Hektor nahmen später bedeutenden Antheil an dem Ruhme des Vaters; seine Töchter verbanden sich mit den vornehmsten Söhnen des Landes; die eine mit Könus, dem Phalangenführer, die andere mit Attalus 20), dem Oheim einer späteren Gemahlin des Königs. In nicht minder einflußreicher und ehrenvoller Stellung war Antipater oder, wie ihn die Macedonier nannten, Antipas; das bezeichnet des Königs Wort: „ich habe ruhig geschlafen, denn Antipas wachte“ 20a); seine erprobte Treue und die nüchterne Klarheit, mit der er vorliegende Verhältnisse zu betrachten pflegte 20b), machten ihn für das hohe Amt eines Reichsverwesers, das er bald genug einnehmen sollte, vollkommen geeignet; die Vermäh-

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18) Demosth. in Arist. p. 600. — 19) Plut. apophth.19a) Corp. Inscr. 105. — 20) Curt. X. 7. 8. — 20a) Plut. apophth. cf. Athen. X. 435 c. — 20b) Anonym. apd. Boissonnade anecdota vol. II. p. 468.

 

45lung mit seiner Tochter schien das sicherste Mittel, die hohe Familie der Lynkestier zu gewinnen; seine Söhne Kassander, Archias und Jollas erhielten erst später Bedeutung. –

So der Hof, so die Nation, wie sie durch Philipp gestaltet waren; man darf hinzufügen, daß das monarchische Element in dem Macedonischen Staatsleben eben so durch die geschichtliche Stellung des Volkes, wie durch die Persönlichkeit Philipps ein entschiedenes Uebergewicht erhalten mußte. Erst in dem Ganzen dieses Zusammenhanges ist des Königs Charakter und Handlungsweise begreiflich. In dem Mittelpunkte von Widersprüchen und Gegensätzen der eigenthümlichsten Art, Grieche im Verhältniß zu seinem Volke, Macedonier für die Griechen, übertraf er jene wieder an Macedonischer Treuherzigkeit und Fröhlichkeit, diese an Griechischer Feinheit und Hinterlist, beide an Klarheit des Bewußtseins und an Gewandtheit nie so zu scheinen, wie man erwarten mußte; sein Charakter war, keinen Charakter zu haben, sondern Zwecke; Frivolität und Offenheit verbarg seine Absichten, die feinste gesellige Bildung die Laster und Verbrechen, die man ihm vorwirft; von Natur zu Wollust und Genuß geneigt, war er in seinen Neigungen eben so unbeständig wie glücklich, in seinen Leidenschaften eben so zügellos wie vorsichtig; über beide schien er Herr zu sein, um sich ihnen ganz hinzugeben, und man kann zweifeln, ob seine Tugenden oder seine Fehler für erkünstelt zu halten seien; jedenfalls stellt sich in ihm die sophistische Bildung seines Zeitalters, ihre Klugheit und Gesinnungslosigkeit und die Einseitigkeit des vollendeten Egoismus auf das Bestimmteste dar.

Das entschiedene Gegentheil von ihm war seine Gemahlin Olympias, die Tochter des Epirotenkönigs Neoptolemus, aus dem Geschlechte Achills; Philipp hatte sie in seinen jüngeren Jahren bei der Mysterienfeier auf Samothrace kennen gelernt und mit Einwilligung ihres Vormundes und Oheims Arymbas geheirathet 21). Schön, verschlossen und voll glühender Leidenschaftlichkeit, war sie dem geheimnißvollen Dienste des Orpheus und Bacchus und den dunklen Zauberkünsten der Thracischen Weiber eifrigst ergeben; in den nächtlichen Orgien sah man sie vor Allen in wilder Begeiste-

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21) Plut. Alex. 2.

 

46rung, den Thyrsus und die Schlange schwingend, durch die Berge stürmen; ihre Träume wiederholten die fantastischen Bilder, deren ihr ahnendes Gemüth voll war; sie träumte in der Nacht vor der Hochzeit, es umtose sie ein mächtiges Gewitter, und der Blitz fahre flammend in ihren Schooß, daraus dann ein wildes Feuer hervorbreche, und in weit und weiter zehrenden Flammen verschwinde 21a). – So schien das Schicksal aus der Vereinigung der äußersten Gegensätze, zu denen das Griechenthum sich entwickelt hatte, den erzeugen zu wollen, in welchem dem Griechischen Geiste die Welt zu überwinden und sich zu erfüllen bestimmt war 22). Und wenn die Sage berichtet, daß außer vielen anderen Zeichen in der Nacht, da Alexander geboren wurde, der Dianentempel zu Ephesus, nach Griechischer Ansicht das eigentlich Morgenländische Heiligthum, niedergebrannt sei, daß ferner der König Philipp die Nachricht von der Geburt des Sohnes zu gleicher Zeit mit dreien Siegesbotschaften erhielt, so spricht sie bedeutungsvoll den Sinn des reichsten Heldenlebens und den großen Gedanken eines Zusammenhanges aus, wie ihn die Geschichte nachzuweisen sich oft umsonst bemüht und öfter überhoben hat.

Und doch zeigt gerade Alexanders Leben von der ersten Kindheit an diesen Zusammenhang aller Verhältnisse eben so unleugbar wie überraschend. Man muß eingestehen, daß Philipps Blick bei aller Klarheit und Schärfe, die ihn über die Verhältnisse der Gegenwart mit rascher Sicherheit entscheiden und zu deren weiten und weiteren Folgen hinauseilen ließ, dennoch nicht weiter zu reichen vermochte, als bis zu dem unbestimmten Gedanken eines Perserkrieges, den er für die Aufgabe seines Lebens hielt; wohl erkannte er jenseits des Meeres das Land der Siege und der Zukunft Macedoniens, dann aber trübte sich sein Blick, und seine Pläne wichen den unbestimmten Gestaltungen seiner Wünsche. Dasselbe Verlangen nach jenem großen Werke theilte von ihm sich seinen Umgebun-

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21a) Plut. l. c. — 22) Ueber die Zeit seiner Geburt genügt es auf Idler’s Abhandlung über das Todesjahr Alexanders (in den Abhandl. der Berl. Academie 1820 u. 1821) zu verweisen. Es fällt Alexanders Geburt auf den Boedromion Ol. 106. 1. d. i. 356 v. Ch. zwischen den 15. Sept. und 14. Oct. (Meton. Cyclus).

 

47gen, dem Adel, dem gesammten Volke mit, es wurde der stets durchklingende Grundton des Macedonischen Lebens, das lockende Geheimniß der Zukunft; man kämpfte gegen die Thracier und siegte über die Griechen, aber der Orient war das Ziel, für das man kämpfte und siegte. Unter solchen Umgebungen wuchs Alexander auf, und früh genug mögen die Sagen vom Morgenlande, vom stillen Goldstrom und dem Sonnenquell, dem goldnen Weinstock mit smaragdnen Trauben, und der Nysawiese des Dionysus des Knaben Seele beschäftigt haben; dann wuchs er auf und hörte von den Siegen bei Marathon und Salamis, und von den heiligen Tempeln und Gräbern, die der Perserkönig mit seinen Sklavenheeren zerstört und geschändet habe, und daß Macedonien gen Asien ziehen und sie rächen müsse; und mit dem Knaben wuchs das Verlangen nach Asien und nach Siegen über den großen König in Susa. Und als einst Gesandte aus der Persischen Königsburg nach Pella kamen, und er, noch ein Knabe, sie empfing, so fragte er sorgsam nach den Heeren und Völkern des Reichs, nach Gesetz und Brauch, nach Verfassung und Leben der Völker; und die Perser staunten über das Kind 23). –

Von nicht minderer Wichtigkeit war, daß Aristoteles, der größte Denker des Alterthums, ihn erzog. Philipp hatte bei der Geburt seines Sohnes ihn darum ersucht: „wisse daß mir ein Sohn geboren ist,“ schrieb er an den Stagiriten; „nicht daß er geboren ist, sondern daß er in deinen Tagen geboren ist, macht mich froh; von dir erzogen und gebildet wird er Unserer würdig und der großen Bestimmung, die einst sein Erbe ist, gewachsen sein“ 24). Der die Welt dem Gedanken erobert hat, erzog den, der sie mit dem Schwerte erobern sollte; ihm gebührt der Ruhm, in dem leidenschaftlichen Knaben jene Hoheit und Strenge des Denkens geweckt zu haben, die ihn den Genuß verachten und die Wollust fliehen lehrte 25), die seine Leidenschaft adelte und seiner Kraft Maaß

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23) Plut. Alex. und de fort. Alex. II. — 24) Die Aechtheit dieses von Gellius aufbewahrten Briefes ist zweifelhaft. — 25) In der That ist die Keuschheit eine seiner schönsten Tugenden und durch viele Beispiele bewährt. Als Jüngling war er so entfernt von Wollust, daß seine Aeltern, voll Besorgniß, ihn durch eine schöne Hetäre

 

48 und Bewußtsein gab. Alexander bewahrte für seinen Lehrer allezeit die innigste Verehrung; er sagte oft, seinem Vater danke er nur sein Leben, seinem Lehrer, daß er würdig lebe.

So in jeder Weise vom Glücke begünstigt, bildete sich Alexander und sein Charakter früh, glücklich und entschieden aus; voll Thatendurst und Ruhmbegier trauerte er oft um die Siege seines Vaters, die ihm nichts mehr zu thun übrig ließen. Sein Vorbild war Achilles, aus dessen Geschlecht er sich gern entstammt zu sein rühmte, und dem er durch Glück und Leid und Ruhm ähnlich werden sollte. Wie jener seinen Patroklus, so liebte er den Freund seiner Jugend Hephästion; aber einen Homer fand er nicht. Er liebte mehr seine Mutter als seinen Vater, von jener hatte er den Enthusiasmus 26) und die Innigkeit, die ihn vor allen Helden auszeichnen. Dem entsprach sein Aeußeres; sein heftiger Gang, der funkelnde Blick, das zurückfliegende Haar, die Gewalt seiner Stimme bekundeten den Helden; wenn er ruhte, bezauberte die Milde seiner Miene, das sanfte Roth, das auf seiner Wange spielte, sein feuchtaufblickendes Auge, das ein wenig zur Linken geneigte Haupt. In ritterlichen Uebungen war er vor Allen ausgezeichnet; schon als Knabe bändigte er das wilde Thessalische Roß Bucephalus, an welches sich kein Anderer wagen wollte, und das ihm späterhin auf allen seinen Zügen als Schlachtroß diente. Die erste Waffenprobe legte er unter seines Vaters Regierung ab; er bezwang, da Philipp Byzanz belagerte, die Mäder, und gründete dort eine Stadt mit seinem Namen; noch höheren Ruhm gewann er in der Schlacht von Chäronea, die durch seine persönliche Tapferkeit gewonnen wurde. Sein Vater sah und liebte in ihm den einstigen Vollender seiner eigenen Hoffnungen; er hörte sich gern von den Macedoniern

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zu verführen suchten, die sich in sein Schlafgemach schleichen mußte; Alexander wandte sich voll Schaam von ihr, und beklagte sich bitter über das Geschehene. — 26) Unter den vielen dahin gehörigen Erzählungen zeichnen wir die von dem wunderbaren Einfluß aus, den die Musik über ihn ausübte; als Antigenides einst ein Kriegslied zur Flöte sang, sprang Alexander auf, und griff nach den Waffen. Plut. de fort. Alex. II.

 

49 ihren Feldherrn, Alexander ihren König nennen; er war stolz darauf, in ihm einen Nachfolger zu haben, dem das Macedonische Reich zu klein sein, und der nicht wie er selbst, vieles, was nicht mehr zu ändern, zu bereuen haben würde 27).

Indeß währte dies Verhältniß zwischen Vater und Sohn nicht lange; Alexander sah seine Mutter von Philipp vernachlässigt, Thessalische Tänzerinnen und Griechische Hetären ihr vorgezogen; doppelt gekränkt fühlte sich der Jüngling, als sein Vater sich eine zweite Gemahlin aus den edlen Töchtern des Landes, des Attalus Nichte Kleopatra, auserkohr. Das Beilager wurde nach Macedonischer Sitte glänzend und lärmend gefeiert; man trank und lachte, schon waren Alle vom Wein erhitzt; da rief Attalus, der jungen Königin Oheim: „Bittet die Götter, ihr Macedonier, daß sie unserer Königin Schooß segnen und dem Lande einen rechtmäßigen Thronerben schenken mögen!“ Alexander war zugegen; im heftigsten Zorne schreit er: „Ich ein Bastard, Lästerer?“ und schleudert den Pokal gegen ihn. Der König sieht es, springt wüthend auf, reißt das Schwert von der Seite, stürzt auf den Sohn zu, ihn zu durchbohren; aber der Wein, die Wuth, die Wunde von Chäronea machen seinen Schritt unsicher; er taumelt und sinkt zu Boden. Die Freunde eilen Alexander aus dem Saale zu entfernen; und hinausgehend weiset er mit bitterem Hohn auf den trunkenen König: „Seht, lieben Freunde, mein Vater will von Europa nach Asien gehen, und kann nicht den Weg von Tisch zu Tisch vollenden.“ Dann eilt er zur trauernden Mutter, sie beschließen Macedonien zu verlassen, sie flüchten nach Epirus, dem Heimathlande Olympias. Man weiß nicht, was Alexanders Pläne waren; er selbst ging bald darauf nach Illyrien, wo er den Grenzen Macedoniens näher war 28).

Nicht lange darnach kam Demaratus, der Gastfreund aus Korinth, nach Pella an den Königshof; nach dem Gruße fragte der König, wie es unter den Griechen aussähe, und ob sie Fried’ und Eintracht hielten? Mit edler Freimüthigkeit antwortete der Gastfreund: „O König, schön fragst du nach Fried’ und Eintracht im

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27) Plut. apophth.28) Plut. Alex. 9. Justin. IX. 7. cf. Freinsheim suppl. ad Curt. I. 9. 8. Athen. XIII. p. 557.

 

50 Griechischen Lande, und hast dein eigen Haus also mit Unfrieden und Haß erfüllt, und die dir die nächsten und liebsten sein sollten, von dir entfremdet!“ Der König schwieg; er wußte, wie Alexander geliebt wurde, was er galt und war, er fürchtete den Griechen Anlaß zu bösem Leumund und vielleicht zu böseren Plänen zu geben. Demaratus selbst mußte das Geschäft des Vermittlers übernehmen; bald waren Vater und Sohn versöhnt, Alexander kehrte zurück 29).

Aber Olympias vergaß nicht, daß sie misehrt und verstoßen war; sie lebte in Epirus bei dem Könige Alexander, ihrem Bruder; wie sonst Liebe, war jetzt Rache ihr einziger Gedanke. Sie drang in ihren Bruder, er möge Krieg mit Philipp beginnen; die Zeit sei gekommen, daß er in Wahrheit freier Herr in Epirus werden könne; Philipp wisse wohl, daß er selbst den Thron von Epirus ihm, ihrem Bruder, großmüthig gegeben habe 30); nun sei sie verstoßen, bald würde der verstoßenen Gemahlin Bruder in seinem Reich, sie selbst in ihrer letzten Zuflucht gefährdet sein; jedes Zaudern bringe doppelte Gefahr, nur ein schneller Krieg könne sie und ihn retten. Dann wieder schrieb sie an ihren Sohn 31), warnte vor den Ränken des Vaters, vor der Heuchelei des Hofes, vor dem Anhange der jungen Königin; er möge sich bei Zeiten Freunde erwerben, damit er durch sie einst sein Recht und sein Erbe behaupten könne, das der König, sein Vater, an Buhlerinnen und Bastarde vertheilen zu wollen scheine. Alexander fand ihre Besorgnisse nur zu wahr; überall sah er sich zurückgesetzt und durch Attalus Parthei in den Hintergrund gedrängt; und als gar den Gesandten des Karischen Dynasten Pexodorus, der sich durch Verschwägerung mit dem Macedonischen Königshause zu einem Kriege gegen den Perserkönig vorbereiten wollte, sein blödsinniger Stiefbruder zum Eidam angeboten wurde, ohne daß von ihm selbst auch nur die Rede war, da glaubte er sich von seinem Vater verrathen, in seinen schönsten Hoffnungen gefährdet; seine Freunde stimmten bei, sie riethen, mit Entschlossenheit und höchster Eile den Plänen des Vaters entgegenzuarbeiten. So wurde ein Vertrauter, der Schauspieler Thessalus, zum Kari-

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29) Plut. l. c. Justin. l. c. Curt. VI. 9. 17. c. interp.30) Justin. IX. 6. et 7. — 31) Plut. l. c.

 

51schen Dynasten gesandt: Pexodorus möge doch seine Tochter nicht dem blödsinnigen Bastard Preis geben; Alexander, des Königs rechtmäßiger Sohn und einstiger Thronerbe, sei bereit, eines so mächtigen Fürsten Eidam zu werden. Da erfuhr Philipp die Sache, und erzürnte auf das Heftigste; in Gegenwart des Philotas und anderer Altersgenossen Alexanders warf er ihm die Umwürdigkeit seines Mistrauens und seiner Heimlichkeiten vor; er sei seiner hohen Geburt, seines Glückes, seines Berufes nicht werth, wenn er sich nicht schäme, eines Kariers Tochter, des Barbarenkönigs Sclavin, heimzuführen. Alexander zu strafen, wurden mehrere seiner Freunde, namentlich Harpalus, Nearchus, der Lagide Ptolemäus, die Brüder Erigyius und Laomedon, als Anstifter jener Intrigne, vom Hofe und aus dem Lande verwiesen, Thessalus in Ketten geworfen 32); Alexander war ohne Einfluß.

So kam das Jahr 336. Die Rüstungen zum großen Perserkriege waren mit der größten Lebhaftigkeit betrieben, die Contingente der Bundesstaaten aufgerufen, die der tributpflichtigen Stämme herangezogen, nach Asien eine bedeutende Heeresmacht unter Attalus und Parmenion vorausgesendet, um die Hellenischen Städte auf der Küste zu befreien und dem großen Bundesheere den Weg zu öffnen 33). Indeß entgingen dem Könige die Bewegungen in Epirus nicht; sie schienen einen Krieg zu verkünden, der nicht bloß den Perserzug noch mehr zu verzögern, sondern doppelt gefährlich für die Treue der Griechischen Staaten zu werden drohte, und so, wenn er glücklich beendet wurde, keinen bedeutenden Gewinn gebracht, im entgegengesetzten Falle das mühsame Werk, das der König in zwanzigjähriger Arbeit vollendet hatte, mit einem Schlage zerstört haben würde. Der Krieg mußte vermieden, dem Epirotenkönig durfte nicht seine zweideutige Stellung gelassen werden; er wurde durch einen Antrag gewonnen, der ihn zugleich ehrte und seine Macht sicherte. Philipp verlobte ihm seine und Olympia’s Tochter Kleopatra; noch im Herbst desselben Jahres sollte das

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32) Plut. Alex. 10. Arrian. III. 6. 8. — 33) Diod. XVI. 91.; nach Justin war auch Amyntas bei diesem Heere; offenbar des Arrhabäus Sohn, der später die Recognoscirungen vor der Granikusschlacht leitete.

 

52 Beilager gehalten werden, welches der König zugleich als das Fest der Vereinigung aller Hellenen und als die gemeinsame Weihe für den Perserkrieg mit der höchsten Pracht zu feiern beschloß, damit die Völker staunend erkennten, er sei der Held, den die Götter zum siegreichen Kriege gegen das Morgenland erkoren hätten; denn das Orakel hatte ihm geantwortet: „Siehe der Stier ist gekränzt; nun endet’s; bereit ist der Opfrer.“ Philipp stand in der Scheitelhöhe seines Glückes; er vergaß, daß keines Menschen Leben bis an das Ziel seiner Wünsche reicht, und daß, sobald das letzte Warum, das Mysterium des Daseins, offenbar wird, der Staub dem Staube verfallen ist.

Unter den Leibwächtern des Königs war Pausanias, aus der Landschaft Orestis, ausgezeichnet durch seine Schönheit und des Königs hohe Gunst; er hatte, da er noch Edelknabe war, Entehrendes von Attalus erlitten, er verlangte Rache an dem Schänder seiner Ehre zu nehmen; nicht ohne Lächeln hatte der König des entrüsteten Knaben Klage gehört, ihn reich beschenkt, ihn in die Schaar seiner Leibwächter aufgenommen, vor allen andern ihn hoch geehrt, aber ihn nicht gerächt. Darauf vermählte sich Philipp mit Attalus Nichte, Attalus mit Parmenions Tochter; Pausanias sah keine Hoffnung sich zu rächen; desto tiefer nagte der Gram und das Verlangen nach Rache und der Haß gegen den, der ihn um sie betrogen. In seinem Hasse war er nicht allein; die Lynkestischen Brüder hatten nicht vergessen, was ihr Vater, was ihr Bruder gewesen war; ohne besondere Auszeichnung an Philipps Hofe knüpften sie geheime Verbindung mit dem Perserkönige an, und waren um desto gefährlicher, je weniger sie es schienen 34). Im Stillen fanden sich mehr und mehr Unzufriedene zusammen, Hermokrates der Sophist schürte die Gluth mit der argen Kunst seiner Rede; er gewann Pausanias Vertrauen. „Wie erlangt man den höchsten Ruhm?“ fragte der Jüngling. „Ermorde den, der das Höchste vollbracht hat,“ war des Sophisten Antwort 34a).

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34) Arrian II. 14. I. 25. — 34a) Nach Diod. XVI. 94. und Val. Maxim. VIII. 14. Plutarch erzählt die Anekdote in Beziehung auf Alexander; cf. Arist. Polit. p. 1311. b. 1. ed. Beck.

 

53 Es kam der Herbst, mit ihm die Hochzeitfeier; in Aegä, der alten Residenz, und, seit Pella blühte, noch der Könige Begräbnißort, sollte das Beilager gehalten werden; von allen Seiten strömten Gäste herbei, in festlichem Pomp kamen die Theoren aus Griechenland, die Häuptlinge der befreundeten Bergvölker, die dienstpflichtigen Fürsten der Agrianer, Päonier, Odrysier, die Großen des Reiches, der ritterliche Adel des Landes, unzähliges Volk. In lautem Jubel, unter Begrüßungen und Ehrenverleihungen, unter Festzügen und Gelagen vergeht der erste Tag; Herolde laden zum nächsten Morgen in das Theater, die Wettkämpfe anzuschauen. Ehe noch der Morgen graut, drängt sich schon die Menge durch die Straßen zum Theater in buntem Gewühl; von seinen Edelknaben und Leibwächtern umgeben naht endlich der König im festlichen Schmuck; er sendet die Begleitung vorauf in das Theater, er will sich traulich unter die Menge mischen, die ihm doppelt fröhlich zujauchzen wird. Da stürzt Pausanias auf ihn zu, durchbohrt seine Brust mit einem Dolch, und, während der König niedersinkt, eilt er zu den Pferden, die am Thore des Hauses bereit stehen; so entflieht er 35).

In wilder Verwirrung lös’t sich die Versammlung; Alles ist in Gährung, Alles in Gefahr; wem soll das Reich gehören, wer es retten? Alexander ist der Erstgeborne des Königs; aber man fürchtet den wilden Haß seiner Mutter, die dem Könige zu gefallen Mancher verachtet und misehrt hat; schon ist sie in Aegä, die Todtenfeier ihres Gemahles zu halten; sie scheint das Furchtbare geahnet, ja vorausgewußt zu haben; den Mord des Königs nennt man ihr Werk, sie habe dem Mörder die Pferde bereit gehalten; auch Alexander habe um den Mord gewußt, ein Zeichen mehr, daß er nicht Philipps Sohn, sondern unter schwarzen Zauberkünsten empfangen und geboren sei; daher des Königs Abscheu gegen ihn und seine wilde Mutter, daher die zweite Ehe mit Kleopatra; dem Knaben, den sie eben geboren, gebühre das Reich; und habe nicht Attalus, ihr Oheim, des Königs Vertrauen gehabt? der sei würdig die Regentschaft zu übernehmen. Andere meinten, das nächste Recht am Reiche habe Amyntas, Perdikkas Sohn, der als Kind die Zügel

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35) Diod. Justin. Paus. VIII. 7.

 

54 des vielbedrohten Reiches an Philipp habe abgeben müssen; nur Philipps Trefflichkeit könne seine Usurpation entschuldigen, nach unverjährbarem Recht müsse Amyntas jetzt die Herrschaft erhalten, deren er sich in langer Entsagung würdig gemacht habe. Dagegen behaupteten die Lynkestier und ihr Anhang, wenn ältere Ansprüche gegen Philipps Leibeserben geltend gemacht würden, so hätte vor Amyntas Vorfahren ihr Vater und ihr Bruder das Reich besessen, dessen sie nicht länger durch Usurpatoren beraubt bleiben dürften; überdies seien Alexander und Amyntas fast noch Knaben, dieser von Kindheit an der Kraft und Hoffnung zu herrschen entwöhnt, Alexander unter dem Einfluß seiner rachedürstenden Mutter, durch Uebermuth, verkehrte Bildung im Geschmack des Tages, und Verachtung der alten guten Sitte den Freiheiten des Landes gefährlicher, als selbst sein Vater Philipp; sie dagegen seien Freunde des Landes und aus jenem Geschlecht, das zu aller Zeit die alte Sitte aufrecht zu erhalten gestrebt habe; ergraut unter den Macedoniern, mit den Wünschen des Volkes vertraut, dem großen Könige in Susa befreundet, könnten sie allein das Land vor dessen Zorne schützen, wenn er Genugthuung für den tollkühn begonnenen Krieg Philipps zu fordern käme; zum Glücke sei das Land durch die Hand ihres Freundes früh genug von einem Könige befreit, der das Recht, der des Volkes Wohl, der Schwüre und Tugend für nichts geachtet 36).

So die Partheien; aber das Volk haßte die Königsmörder und fürchtete den Krieg nicht; es vergaß Kleopatras Sohn, da der Vertreter seiner Parthei fern war; es kannte den Sohn des Perdikkas nicht, dessen Thatlosigkeit Beweis genug für seine Unwürdigkeit schien; auf Alexanders Seite war alles Recht und die Theilnahme, die unverdiente Kränkungen erwecken, außerdem der Ruhm des Mädischen Krieges und der Schlacht von Chäronea, der schönere Ruhm der Bildung, Leutseligkeit und Hochherzigkeit; selbst den Geschäften des Reiches hatte er schon oft mit Glück vorgestanden; er besaß das Vertrauen und die Liebe des Volkes, namentlich des Heeres war er sicher. Der Lynkestier Allexander erkannte, daß für ihn

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36) Außer einzelnen mehr oder minder deutlichen Andeutungen, s. besonders Justin. XI. 1. Plut. de fort. Alex. I.

 

55 keine Hoffnung blieb; er eilte zu Olympias Sohn, und war einer der Ersten, die ihn als König der Macedonier begrüßten 37).

Alexander, der zwanzigjährige Jüngling, ergriff die Zügel der Herrschaft mit sicherer Hand, und die Verwirrung ordnete sich schnell und ruhig. Er berief nach alter Macedonischer Sitte das Heer, die Huldigung desselben zu empfangen; nur der Name des Königs sei geändert, die Ordnung der Dinge, die Hoheit des Reiches, die Hoffnung auf große Eroberungen dieselbe; demnach erlasse er seinem Volke alle anderen Lasten und Dienste, nur zum Kriegsdienst sei Jeder pflichtig; im Uebrigen werde er die verbrecherischen Empörungen zu strafen wissen, die das Blut des Königs vergossen, um das Recht des Thronerben gefährden zu können. In der That war die strengste Bestrafung der Mörder Philipps das sicherste Mittel, das neue Regiment zu befestigen. Es kam an den Tag, daß die Lynkestischen Brüder vom Perserkönige, der den Krieg mit Philipp fürchtete, bestochen waren, und in der Hoffnung, durch Persische Hülfe das Reich an sich zu reißen, eine Verschwörung gestiftet hatten, für deren geheime Pläne Pausanias nur das blinde Werkzeug gewesen war; die Mitverschwornen wurden am Grabe Philipps hingerichtet, unter ihnen die Lynkestier Arrhabäus und Heromenes; ihr Bruder Alexander wurde begnadigt, weil er sich unterworfen hatte 38).

Während auf diese Weise die Ruhe im Innern schnell hergestellt wurde, gingen von Außen her die beunruhigendsten Nachrichten ein. In Kleinasien hatte Attalus, auf die Treue der ihm untergebenen Truppen fußend, den Plan gefaßt, unter dem Scheine, die Ansprüche seines Großneffen, des Sohnes der Kleopatra, zu vertreten, selbst die Herrschaft an sich zu reißen; seine Heeresmacht, und noch mehr die Verbindungen, die er mit den Feinden Macedoniens angeknüpft hatte, machten ihn sehr gefährlich. Dazu kam,

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37) Arrian I. 25. — 38) Auch Amyntas, Perdikkas Sohn, scheint unter den Hingerichteten gewesen zu sein; s. Polyaen. VIII. 60. Arrhabäus Sohn Neoptolemus floh nach Asien und nahm Dienste im Persischen Heere; Amyntas, sein Bruder, hatte, da er beim Heere in Asien stand, wohl keinen Antheil an der Versch[w]örung, er zeichnete sich in den späteren Feldzügen aus.

 

56 daß ganz Griechenland sich von Macedonien losreißen zu wollen schien. Unmittelbar nach Philipps Ermordung hatten die Athener ein Freudenfest zu feiern und den Mörder mit goldnen Kränzen zu ehren dekretirt; Demosthenes, der alte Gegner Philipps, setzte Alles in Bewegung, Athen, Theben, Thessalien, ganz Griechenland zum offenen Bruch mit Macedonien und zum Protest gegen die in Korinth anerkannte Hegemonie zu vermögen; er unterhandelte mit Persien über Subsidien gegen Macedonien; Athen rüstete sich eifrig zum Kriege; Theben dekretirte die Vertreibung der Macedonischen Besatzung und die Weigerung der Hegemonie; die Aetolier beschlossen, die von Philipp aus Akarnanien Verjagten mit gewaffneter Hand zurückzuführen; die Ambracioten verjagten die Macedonische Besatzung und richteten Demokratie ein; die Argiver, Spartaner, Eleer, Arkadier, alle waren bereit, das Macedonische Joch von sich zu werfen. Umsonst schickte Alexander Gesandte aus, die sein Wohlwollen und seine Achtung für die bestehenden Freiheiten versicherten; die Griechen schwelgten in der Hoffnung, die alte Zeit des Ruhmes und der Freiheit wieder aufleben zu sehen; sie meinten, der Sieg sei unzweifelhaft; bei Chäronea hätte die ganze Macedonische Macht unter Philipp und Parmenion mit Mühe die Heere Athens und Thebens besiegt; jetzt seien alle Griechen vereint, ihnen gegenüber ein Knabe, der kaum seines Thrones sicher sei, und lieber in Pella peripathisiren, als mit Griechen zu kämpfen wagen werde; sein einziger Feldherr Parmenion sei in Asien, mit ihm ein bedeutender Theil des Heeres von den Persischen Satrapen gedrängt, ein anderer unter Attalus bereit, sich für Griechenland gegen Alexander zu erklären; selbst die Thessalischen Ritter, selbst das leichte Fußvolk der Thracischen und Illyrischen Bundesgenossen sei der Macedonischen Macht entzogen, nicht einmal der Weg nach Griechenland offen, wenn Alexander wagen sollte, sein Reich den Einfällen der nordischen Nachbarn und den Angriffen des Attalus Preis zu geben. In der That drohten die Völker im Norden und Westen, sich der Abhängigkeit von Macedonien zu entziehen, oder bei dem ersten Anlaß die Grenzen des Reiches räuberisch zu überfallen.

Alexanders Lage war peinlich und dringend; seine Freunde verzagten; sie beschworen ihn, nachzugeben, ehe Alles verloren sei, sich 57 mit Attalus zu versöhnen und das vorausgesandte Heer an sich zu ziehen, die Griechen gewähren zu lassen, bis der erste Rausch vorüber sei, die Barbaren durch Geschenke zu gewinnen, die Abtrünnigen durch Gnade zu entwaffnen. So hätte sich freilich Alexander in Macedonien recht fest setzen und ein glücklicher König seines Landes werden mögen, er hätte vielleicht einst denselben Einfluß über Griechenland und dieselbe Macht über die Barbaren, die sein Vater gehabt hatte, gewinnen, ja endlich wohl auch an einen Zug nach Asien denken können. Aber Alexanders Heldensinn verschmähte zu zögern und zu erschleichen, wo er handeln und entscheiden konnte; er wollte nicht wie sein Vater die Kraft der Jugend in kleinlichen Kämpfen vergeuden; es drängte ihn nach Osten. – Das Gewirr der Gefahren ordnete sich in drei Massen, der Norden, Asien, Griechenland. Zog er gegen die Völker im Norden, so gewann Attalus Zeit, seine Macht zu verstärken und vielleicht nach Europa zu führen; das Bündniß der Griechischen Städte erstarkte und zwang den König, das als Treubruch und offene Empörung der Staaten bekämpfen zu müssen, was jetzt noch als Partheisache und als Einflüsterungen verbrecherischer und von Persischem Golde bestochener Demagogen bestraft werden konnte. Zog er gegen Griechenland, so konnte auch eine geringe Macht den Marsch durch die Pässe sperren und lange aufhalten, während Attalus durch nichts gehindert war, in seinem Rücken zu operiren und sich mit den aufrührerischen Thraciern zu vereinen. Das Unstatthafteste war, gegen Attalus selbst zu ziehen; Griechenland wäre zu lange sich selbst überlassen gewesen, Macedonier gegen Macedonier zum Bürgerkriege geführt, in dem vielleicht Persische Satrapen den Ausschlag gegeben hätten, endlich Attalus, der nur als Verbrecher angesehen werden mußte, als eine Macht behandelt worden, gegen die zu kämpfen den König in den Augen der Griechen und Perser erniedrigt hätte. Demnach wurde Attalus als des Hochverrathes schuldig zum Tode verurtheilt; einer der Getreuen, Hekatäus, erhielt den Befehl, an der Spitze eines ansehnlichen Corps nach Asien überzusetzen, sich mit den treuen Truppen Parmenions zu vereinigen, und Attalus lebend oder todt nach Macedonien einzubringen. Der König selbst beschloß, da von den Feinden im Norden schlimmsten Falls nicht mehr, als verwüstende Einfälle zu fürch58ten waren, und ein späterer Zug sie leicht unterwerfen konnte, mit seinem Heere in Griechenland einzurücken, bevor ihm eine bedeutende Heeresmacht entgegengestellt werden konnte.

Um diese Zeit kamen Boten von Attalus an den König, welche die Gerüchte, die über den Feldherrn verbreitet seien, Verläumdung nannten, in schönklingenden Worten seine Ergebenheit versicherten, und zum Zeichen seiner aufrichtigen Gesinnung die Briefe, die er von Demosthenes über die Rüstungen in Griechenland empfangen hatte, in des Königs Hände legten. Der König, der aus diesen Dokumenten und aus Attalus Annäherung auf den geringen Widerstand, den er in Griechenland zu erwarten hatte, schließen konnte, nahm seinen Befehl nicht zurück; Attalus möge, wenn er sich unschuldig fühle, ohne Arg dem Willen des Königs gehorchen, wenn er sein Verbrechen bereue, Gnade bitten und erwarten, wenn nicht, so sei Vollmacht für jeden Fall ausgefertigt. So wurden die Boten entlassen 39).

Alexander brach jetzt gegen Thessalien auf; er zog an der Meeresküste entlang den Pässen des Peneus zu; den Hauptpaß Tempe, so wie den Seitenpaß Kallipeuke fand er von Thessalischen Truppen besetzt; sie mit blanker Waffe zu nehmen war unmöglich, jeder Verzug gefahrbringend; Alexander schuf sich einen neuen Weg. Südwärts vom Hauptpaß erheben sich die Felsmassen des Ossa, weniger steil vom Meere her als neben dem Peneus emporsteigend; zu diesen minder steilen Stellen führte Alexander sein Heer, er versuchte emporzusteigen, ließ, wo es nöthig war, Stufen in das Gestein sprengen, und von Fels zu Fels vorauf klimmend kam er in die Ebene Thessaliens 40), im Rücken des Thessalischen Heeres. So war er ohne Schwertstreich Herr des Landes, das er gewonnen, nicht unterworfen haben wollte, um für den Perserkrieg der trefflichen Thessalischen Ritter gewiß zu sein; er erinnerte an ihre gemeinschaftliche Abstammung vom Geschlecht Achills 41), an die

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39) Diod. XVII. 5. — 40) Polyaen. IV. 3. 23. — 41) Diodor nennt Herakles; und auch Ulpian in einem höchst verwirrten Scholion zur ersten Olynthischen Rede, bezeichnet die Aleuaden als Herakliden; Hellanikus nennt sie Pyrrhiden, und Herodot leitet die Thessalier aus dem Thesproterlande her; cf. Buttmann von den Aleuaden (Abhandlungen der Berliner Academie 1822).

 

59 Wohlthaten seines Vaters, der das Land von dem Joche der Pheräischen Tyrannen befreit und durch die Wiederherstellung der uralten Tetrarchien des Aleuas 42) für immer vor Aufständen und Tyrannei gesichert habe; er verlangte nichts, als was sie freiwillig seinem Vater gegeben hätten, nämlich die Hegemonie, das Aufgebot der Ritterschaft zum Kriegsdienst und die Erhebung der Hafen- und Marktzölle 43); er versprach, die einzelnen Familien und Landschaften, wie sein Vater, in ihren Rechten und Freiheiten zu lassen und zu schützen, in den Perserkriegen ihren Rittern den vollen Antheil an der Kriegsbeute zu geben, die Landschaft Phthiotis aber, die Heimath ihres gemeinsamen Ahnherrn Achilles, durch Steuerfreiheit zu ehren 44). Die Thessalier eilten, so günstige und ehrenvolle Bedingungen anzunehmen, durch gemeinsamen Beschluß Alexander in den Rechten seines Vaters zu bestätigen, endlich, wenn es Noth thäte, mit Alexander zur Unterdrückung der Unruhen gen Hellas zu ziehen 44b). Zugleich wurde mit den anwohnenden Bergvölkern Friede und Freundschaft geschlossen, und Alexander konnte ungehindert nach den Thermopylen vorrücken.

Die schnelle Einnahme und Beruhigung Thessaliens hatte den Griechischen Staaten nicht Zeit gelassen, sich gehörig zu rüsten und die wichtigen Pässe des Oetagebirges zu besetzen; auf der anderen Seite lag es nicht in Alexanders Plänen, durch gewaltsame Maaßregeln einem Widerstande, der als das Werk von Partheien angesehen werden mußte, Vorwand und Bedeutung zu geben. Die Griechen, erschreckt durch die Nähe der Macedonischen Heeresmacht, beeilten sich den Schein des Friedens anzunehmen, und weil demnach die früheren Verhältnisse, wie sie von Philipp gegründet waren, noch bestanden, so berief Alexander als Vorstand der Hellenischen

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42) Theopomp. apd. Harpocrt. voce τετραρχία.43) Demosth. Olynth. I. p. 15. mit Ulpian. — 44) Flavius Philostr. in heroicis.44b) Aeschin. adv. Ctes. p. 436. Alexander scheint wie sein Vater die Parthei der Aleuaden begünstigt zu haben; cf. Buttmann l. c. p. 207. Die letzten Aleuaden, die in der Geschichte vorkommen, sind nicht, wie Buttmann meint, Medius zu Alexanders und Thorax zu Antigonus Zeit, sondern noch viel später werden Echekrates und dessen Sohn Antigonus (Liv. XL. 54.) genannt.

 

60 Amphiktyonie die Abgeordneten der Völkerschaften nach den Thermopylen, und ließ sich durch gemeinsamen Beschluß die Hegemonie zuerkennen. In derselben Ansicht geschah es, daß der König gleich darnach an die Ambracioten, die sich demokratisirt hatten, Gesandte schickte, und in den freundlichsten Ausdrücken Erneuerung der alten Verträge antragen ließ; er bestätigte ihnen die Freibeit und Selbstständigkeit, die sie zu gründen ihm nur zuvorgekommen seien 45).

Mit wie prunkenden Beschlüssen indeß die anderen Hellenen die Hegemonie Macedoniens anerkannt hatten, die beiden wichtigsten Stimmen der Dorier und Jonier hatten im Amphiktyonenrathe gefehlt, und mit Sparta und Athen war Theben durch seine tumultuarischen Dekrete vielleicht ein Aeußerstes zu wagen genöthigt. Freilich gerüstet waren sie nicht; Sparta hatte, seit Epaminondas am Eurotas gelagert, sich nicht erholen, Theben der Macedonischen Besatzung in der Kadmea noch nicht frei werden können, in Athen war wie immer, viel deklamirt und wenig gethan 46); selbst als die Nachricht kam, daß der König bereits in Thessalien sei, daß er mit den Thessaliern vereint in Hellas einrücken werde, daß er sich über die Verblendung der Athener sehr erzürnt geäußert habe, waren, obschon Demosthenes nicht aufgehört hatte den Krieg zu predigen, die Rüstungen nicht eifriger betrieben worden 47). Alexander rückte indeß aus den Thermopylen in die Böotischen Ebenen hinab und lagerte sich unter den Mauern der Kadmea; von Widerstand der Thebaner war keine Rede. Als man in Athen erfuhr, daß Theben in Alexanders Händen sei, so daß jetzt ein Marsch von zwei Tagen den Feind vor die Thore der Stadt bringen konnte, so erwachte das Volk aus seinem Freiheitstaumel plötzlich zu der Muthlosigkeit, wie sie der Nähe des zürnenden Königs und der eigenen Ohnmacht angemessen war; es wurde beschlossen, in Eile die Mauern in Vertheidigungsstand zu setzen, alles bewegliche Gut vom Lande in die Stadt zu flüchten, falls Alexander, wie fast zu erwarten, sie seinen ganzen Zorn fühlen zu lassen Willens sei 48), zugleich aber auf Demosthenes Antrag bestimmt, Gesandte entgegen zu schicken, die seinen Zorn besänftigen, und dafür um Verzeihung bitten

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45) Diod. Justin.46) Demades p. 489. — 47) Aeschin. adv. Ctes. p. 436. — 48) Demades l. c.

 

61 sollten, daß seine Hegemonie nicht sofort von den Athenern anerkannt worden wäre. Demosthenes, der mit unter den Gesandten war, kehrte heimlich auf dem Kithäron um, entweder aus Furcht vor Alexander, oder um seine Verhältnisse mit Persien nicht bloß zu stellen 49); er überließ es den andern Gesandten, die Bitten des Athenäischen Volkes zu überbringen. Alexander nahm sie mit der höchsten Huld auf, verzieh das Geschehene, und verlangte nur, daß Athen Bevollmächtigte nach Korinth senden sollte, um dort Frieden und Bündniß mit ihm zu beschwören 50).

Er selbst zog gleichfalls nach Korinth, und berief dorthin die Abgeordneten der Staaten innerhalb des Peloponneses, um sich auch von dem Bundestage der alten Peloponnesischen Symmachie die Hegemonie gegen Persien übertragen zu lassen 51). Nur Sparta ließ seine Beistimmung verweigern: es sei nicht Herkommen bei den Spartanern, Anderen zu folgen, sondern selbst zu führen. Leicht hätte sie der König zwingen können, doch es wäre weder klug, noch der Mühe werth gewesen; er wollte nichts, als die Hegemonie freier Staaten und den Ruhm, an der Spitze der Griechen die Barbaren zu bekämpfen und die Schändung der Hellenischen Heiligthümer zu rächen. Nach diesen Ansichten wurde die Formel des Bundesvertrages abgefaßt und beschworen. Die Hauptpunkte waren, daß die Griechischen Staaten frei und souverain sein, und auch im Uebrigen das Bestehende gelten sollte; wer den Versuch machen würde, in irgend einer der Bundesstädte Tyrannen einzusetzen, oder überhaupt die bestehende Verfassung umzugestalten oder umzustürzen, der und dessen Heimath solle als Feind des Bundes angesehen und durch die Bundesglieder mit Gewalt der Waffen zur Pflicht gezwungen werden; wenn die Verbannten irgend einer Bundesstadt von einer anderen Bundesstadt aus die Heimkehr zu erzwingen versuchten, so solle dieselbe Stadt aus dem Bunde ausgestoßen werden, damit die gefährdete Bundesstadt sich mit Hülfe des gesammten

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49) Aeschin. p. 436. — 50) Diod. XVII. 4. Hierher gehört die Ehre, welche die Megarenser ihm erwiesen, indem sie ihm das Bürgerrecht in ihrer Stadt dekretirten; Alexander nahm es lächelnd an, da nur Herakles der gleichen Ehre gewürdigt worden war. Plut. de monarch.51) Diod. οἱ συνεδρεύειν εἰωζότες. Arrian. I. 1.

 

62 Bundes schützen könne; im Uebrigen sei zwischen den Bundesstaaten unverbrüchlicher Friede; ferner hätte der Bundesrath und die zur gemeinsamen Hut Bestellten darauf zu achten, daß in den Bundesstädten weder Hinrichtungen, Verbannungen, Confiscationen gegen die bestehenden Gesetze, noch Theilung des Grundbesitzes, Freilassung der Sklaven, Schuldenerlaß, um Neuerungen zu veranlassen, vorkomme; allen an dem Bunde Theilnehmenden sei freie See, und bei Ausstoßung aus dem Bunde keinem erlaubt, Schiffe der Verbündeten aufzubringen oder sonst zu behindern; indeß bleibe für Kriegsschiffe jeder andere Hafen, namentlich für die Macedonischen der Piräeus geschlossen 52). So die Hauptpunkte für die inneren Verhältnisse des Bundes; für den Perserserkrieg solle Alexanders unumschränkte Hegemonie anerkannt, und jeder der Bundesstaaten sein Contingent für den Krieg nach dem Aufgebot des Königs zu stellen verpflichtet sein 53).

So hatte Alexander erreicht, was er wollte; es würde von Interesse sein, die Stimmung zu kennen, welche gegen ihn herrschte; jedenfalls war sie nicht so empört und erheuchelt, wie es uns die zweideutige Freiheitsliebe des Demosthenes oder der affectirte Tyrannenhaß Griechischer Moralisten aus der Römischen Kaiserzeit möchte glauben machen. Theben allein hatte mit Recht den Untergang seiner Freiheit zu betrauern; in Athen war die Stimmung der leichtfertigsten Menge, die je geherrscht hat, abhängig von den Demagogen, deren Parthei gerade die Oberhand hatte, und Sparta in seinem dumpfen Hinbrüten war seit lange schon hinter der Geschichte und der Bildung der Zeit zurückgeblieben; so viel ist klar, daß der bessere Theil des Griechischen Volkes für den jugendlichen Helden und seine hochherzigen Pläne eingenommen sein mußte; und die Tage, welche Alexander in Korinth zubrachte, schienen den deutlichsten Beweis dafür zu liefern; denn von allen Seiten waren Künstler, Philosophen, Gebildete jedes Alters und Standes dorthin zusammengekommen, den königlichen Jüngling zu sehen und zu bewundern, alle drängten sich in seine Nähe und suchten einen Blick, ein Wort von ihm zu erhaschen; nur ein Sonderling, Diogenes aus Sinope, kümmerte sich nicht um den König und blieb ruhig in

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52) Pseudo Demosth. de foed. Alex.53) Diod.

 

63 seiner Tonne am Cypressenhain des Kraneums. So ging denn Alexander zu ihm; er fand ihn vor seiner Tonne liegen und sich sonnen; er begrüßte ihn herablassend und fragte ihn, ob er irgend einen Wunsch habe? „Geh mir ein wenig aus der Sonne,“ war des Philosophen Antwort. Und voll Bewunderung wandte der König sich zu seinem Gefolge: „Beim Zeus, wenn ich nicht Alexander wäre, möchte ich Diogenes sein.“ In der That, wer nicht die Kraft in sich fühlt, Alles zu erreichen, dem bleibt der nächste Ruhm, Alles entbehren zu können; dies ist weise, jenes königlich 54).

Alexander kehrte gegen den Winter nach Macedonien zurück, um sich zu dem bis jetzt verschobenen Zuge gegen die barbarischen Völker an der Grenze zu rüsten. Attalus war nicht mehr zu fürchten; Hekatäus mit seinen Macedoniern hatte sich mit Parmenion vereinigt, und als er Attalus weder geneigt, sich zu unterwerfen, noch sein eigen Corps, den Feldherrn aus der Mitte seiner Soldaten gefangen fortzuführen, bedeutend genug sah, so kam er mit Parmenion überein, in Gemäßheit des königlichen Befehls den Hochverräther meuchlings ermorden zu lassen; die verführten Truppen, theils Macedonier, theils Griechische Söldner, kehrten dann zur Treue zurück 55). So in Asien; in Macedonien selbst hatte Olympias ihres Sohnes Abwesenheit benutzt, die Wollust der Rache bis auf den letzten Tropfen zu genießen; der Mord des Königs war, wenn nicht ihr Werk, doch ihr Wunsch und von ihr begünstigt gewesen; aber noch lebten die, um deren Willen sie und ihr Sohn Unwürdiges hatten dulden müssen; auch die junge Wittwe Kleopatra und ihr Säugling sollten sterben. Olympias ließ das Kind im Schooß der Mutter ermorden, und zwang die Mutter, sich am eigenen Gürtel aufzuknüpfen 56). Man muß Alexanders Unwillen

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54) Plut. Paus. II. 2. 4. etc. Auf diese Zeit bezieht sich wahrscheinlich die artig erfundene Geschichte, die sich bei Alexanders Besuch in Delphi zugetragen haben soll: da die Pythia nicht weissagen wollte, weil es nicht der Tag war, so ergriff sie Alexander am Arm, um sie wider ihren Willen zum Dreifuß zu führen; sie rief: „o Sohn, du bist unwiderstehlich!“ und freudig nahm Alexander ihren Ausruf als Orakel an. — 55) Diod. XVII. 5. Curtius VII. 1. 3. — 56) Plut. Alex. 10. Diod. XVII. 2. Justin. IX. 7., nach St. Croix Emendation; Paus. VIII. 7. erzählt die Todesart abweichend.

 

64 über die ungestüme Rachsucht seiner Mutter ehren; aber, weit entfernt, es ihm zum Vorwurf zu machen, daß er die kindliche Liebe nicht schweigen hieß, um der kalten Strenge des Blutrechts das Haupt der Mutter zu opfern, ist sein Schicksal zu preisen, das nicht ihm die Schuld aufbürden wollte, die Keime neuer Zwietracht erstickt zu haben. –

Der Frühling des Jahres 335 kam heran, mit ihm die Zeit zur Unterwerfung der Barbaren, welche auf drei Seiten Macedonien umwohnen. Diese Barbaren, theils Thracische, theils Illyrische Völkerschaften, und in uralter Zeit Herren des gesammten Hämuslandes, dann aus den tieferen Landschaften durch die wachsende Macht der Macedonier in die Berge, durch die Griechischen Colonien von der Seeküste und der Theilnahme am freien Völkerverkehr zurückgedrängt, später von dem Macedonischen Königthume, das mit der Griechischen Bildung auch das Bewußtsein seiner Macht und seines Rechtes über Barbaren zu herrschen überkommen hatte, mehr und mehr in der uralten Unabhängigkeit beeinträchtigt, endlich von den letzten Königen, namentlich von Philipp, theils zu Unterthanen, theils zu tributpflichtigen Schutzgenossen des Reiches gemacht, waren sie dennoch nicht von dem Joche der neuen Herrschaft so niedergedrückt, noch von dem Gifte einer ihnen aufgedrungenen Civilisation so geschwächt worden, daß sie die Gewohnheit der Raublust und Unabhängigkeit vergessen, oder die Armuth ihrer unwirthbaren Berge auch ohne Freiheit zu ertragen vermocht hätten. Mit Philipps Tode schien die Zeit gekommen, die neuen Verbindungen zu zerreißen und unter ihren Häuptlingen in alter Unabhängigkeit zu leben. So standen die Illyrier unter ihrem Fürsten Klitus auf, dessen Vater Bardylis erst die verschiedenen Stämme zu gemeinsamen Raubzügen vereint hatte, aber von Perdikkas und Philipp bis hinter der Lychnidischen See zurückgeworfen war; wenigstens die alte Unabhängigkeit wollte jetzt Klitus geltend machen 57). In demselben Sinne machten ihre nördlichen Nachbarn, die Taulantiner, Neuerungen; ihr Fürst Glaukias verband

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57) Diod. XVI. 4. Hellad. apd. Phot. p. 530 a. 37. Cic. de Off. II. 11.

 

65 sich mit Klitus, um, wenn es nöthig würde, zur Vertheidigung oder zum Angriff möglichst gerüstet zu sein 58). Selbst in den stillen Thälern der Dinarischen Berge schickten sich, von der allgemeinen Bewegung ihrer Stammesgenossen und der Lust nach Beute ergriffen, die Autariaten, bisher ein friedliches Alpenvolk, zu einem Einfall in das Macedonische Gebiet an 59). Noch gefährlicher schien der mächtige, den Macedoniern feindliche Stamm der Triballer 60); der nordwärts vom Hämusgebirge bis an die Ufer der Donau über eine Landschaft von funfzehn Tagereisen ausgebreitet wohnte 61); sie hatten schon einmal den Weg über das Gebirge bis an das Aegäische Meer gefunden und sich für den Miswachs in ihren Ebenen mit der Beute der Griechischen Küstenstädte entschädigt 62); wenn sie irgend etwas unternahmen, so würden die Thracischen Stämme, die, selbst den Räubern als Räuber furchtbar, an den Pässen des Hämus hauseten, nicht etwa die hereinbrechenden Schwärme aufgehalten, sondern sich mit ihnen vereint und die Gefahr verdoppelt haben. Auch die südlicher in der Rhodope und dem Nessusthale wohnenden Stämme der sogenannten freien Thracier hatten früher mit den Triballern den Weg nach den Griechischen Küstenstädten gefunden, und namentlich Abdera arg heimgesucht. Selbst die Völkerschaften innerhalb des Hämus und in den neuerworbenen Landstrichen zwischen dem Strymon und Nessus 63), namentlich die Mäder und Päonier 64), wenn schon sie für den Augenblick ruhig waren, schienen nur auf eine sichere Gelegenheit zum Abfall zu warten. Noch unzuverlässiger waren die seeländischen Thracier, die von König Philipp erst nach langem Widerstande unterworfen waren 65), und ihre nördlichen Nachbarn, die Odryser, die, seit Darius Scythenzuge zu einem Königthume, das dem Persischen nachgebildet war, vereint, einst von Byzanz bis zur Grenze der Triballer geherrscht, und nach den wildesten Partheikämpfen doch noch Kraft genug behalten hatten, dem Könige Phi-

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58) Arrian. I. 5. cf. Mannert tom. VII. p. 305. — 59) Arrian. I. 5. Strab. VII. p. 180. ed. Tauch. — 60) Justin. IX. 3. — 61) Thucyd. IV. 101. Strab. l. c.62) Diod. XV. 36. — 63) Strab. VII. p. 133. — 64) Erst in dem Heere, das nach Asien ging, kommen Päonier vor. — 65) Diod. XVI. 71.

 

66lipp lange zu widerstehen, bis sie ihm endlich unter einheimischen Fürsten zu Tribut und Kriegsfolge pflichtig wurden. Ohne daß diese Völker die Verwirrung nach Philipps Ermordung zu offenbaren Feindseligkeiten benutzt, oder mit den Verschwornen, mit Attalus, mit den Athenern in Verbindung gestanden hätten, war die Besorgniß vor ihnen im Rath Alexanders so groß, daß Alle Nachgiebigkeit und selbst, wenn sie abfielen, Nachsicht für gerathener hielten, als mit Strenge Unterwürfigkeit und Achtung gegen die bestehenden Verträge zu fordern. Aber Alexander erkannte, daß Nachgiebigkeit und halbe Maaßregeln Macedonien, das, wenn es angriff, unüberwindlich war, zur Ohnmacht der Defensive erniedrigt, die wilden und raublüsternen Barbaren kühner, den Perserkrieg unmöglich gemacht hätten, da man weder die Grenzen ihren Angriffen Preis geben, noch sie als leichtes Fußvolk in den Perserkriegen entbehren konnte.

Jetzt waren die Angelegenheiten Griechenlands glücklich beendet und die Jahreszeit so weit vorgerückt, daß man die Gebirge ohne bedeutende Hindernisse zu durchziehen hoffen durfte. Da von den bezeichneten Völkerschaften diejenigen, welche zu Macedonien gehörten, noch nichts Entschiedenes unternommen hatten, oder wenigstens seit Alexanders Rückkehr nach Macedonien an weitere Unternehmungen nicht zu denken schienen, auf der anderen Seite aber, um sie von jedem Gedanken an Abfall und Neuerungen abzuschrecken, die Ueberlegenheit der Macedonischen Waffen und der bestimmte Wille, dieselben geltend zu machen, gleichsam vor ihren Augen gezeigt werden mußte, so beschloß der König einen Zug gegen die Triballer, welche noch nicht dafür gestraft waren, daß sie Philipp auf dem Rückmarsche vom Scythenzuge überfallen und beraubt hatten 66), und gegen die Geten, ihre Nachbarn jenseits der Donau, gegen welche der sogenannte Scythenzug Philipps, wie es scheint, gerichtet gewesen war.

Dem Könige standen zwei Wege über das Gebirge in das Land der Triballer offen, entweder am Axiusstrom aufwärts durch das Gebiet der durch ihre Treue ausgezeichneten Agrianer über

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66) Justin. IX. 3.

 

67 den Paß von Skupi zu den Quellen der Morawa in die Ebene der Triballer, das sogenannte Amselfeld, hinabzusteigen, oder ostwärts durch das Gebiet der freien Thracier bei der Quelle des Hebrus, wo Hämus und Rhodope zusammenstoßen, durch den Paß von Sukis 66b) die Feinde an ihrer Ostgrenze zu überfallen; dieser zweite Weg war vorzuziehen, weil er durch das Gebiet unsicherer Völkerschaften und an den Grenzen der seeländischen und Odrysischen Thracier vorüberführte. Das Heer, mit welchem der König aufbrach, bestand aus den sechs Divisionen der schwerbewaffneten Phalanx, dann den Chiliarchien der etwas leichteren Hypaspisten, aus zweitausend Mann Bogenschützen und Agrianern, und aus den acht Geschwadern der Ritterschaft; zugleich wurde Byzanz aufgefordert, eine Anzahl Kriegsschiffe nach den Donaumündungen zu senden, um den Uebergang über diesen Strom möglich zu machen 67). Antipater blieb zur Verwaltung des Reiches in Pella zurück 68).

Von Amphipolis aus zog der König zuerst gegen Osten, um die sogenannten freien Thracier, den linken Flügel an Philippi und die Symboleberge gelehnt, das Nessusthal hinauf und tief in das Gebirge hineinzudrängen 69). Darauf ging er über den Nessusfluß und die Rhodope, um durch das Gebiet der Odryser, den

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66b) Daß dieser Paß, später porta Trajani, nicht etwa der von Grabova oder Bocazzi von Alexander zu wählen war, wenn er gegen die Triballer wollte, versteht sich von selbst; cf. v. Valentini der Türkenkrieg, ed. 2. 1829, p. 290 sq.67) Es ist zu bedauern, daß wir nichts Näheres über diese Verbindung des Königs mit Byzanz wissen, die offenbar eine Folge der Schlacht von Chäronea gewesen ist. — 68) Dinarch p. 152. — 69) Der Weg, welchen, nach St. Croix, der König genommen haben soll, geht allem tactischen und kritischen Sinn schnurstracks entgegen. Nach P. Lucas Bericht und der Karte bei Cousinery beginnt nicht weit östlich von Philippi eine Ebene, die sich am Nessus einige Meilen hinzieht; diese aufwärts rückte das Heer, den rechten Flügel durch den Strom, den linken erst durch Philippi, dann durch die Berge gedeckt. Der Nessus wurde offenbar auf dem Wege von Philppi nach Beröa an der Arda überschritten, an deren Quellen einer der wenigen Paßwege durch die waldige Rhodope führen soll, den auch Cousinery’s Karte noch andeutet.

 

68 Hebrus aufwärts, zu den Pässen zu gelangen, während der Lynkestier Alexander, mit einem Theile des Heeres die andern Thracischen Landschaften zu durchziehen, ostwärts ging 70). Nach einem Marsche von zehn Tagen kam Alexander vor denselben an; der Weg, der sich hier eng und steil zwischen den Höhen der Rhodope und des Hämus hindurchdrängt 70b), war von den Feinden besetzt, die mit aller Macht den Urbergang hindern zu wollen schienen, theils Gebirgsbewohnern dieser Gegend 71), theils freien Thraciern, die hier den Macedoniern mit besserem Glücke zu widerstehen hofften, als im Thalbette des Nessus. Nur mit Dolch und Jagdspieß bewaffnet, mit einem Fuchsbalg statt des Helmes bedeckt 72), so daß sie gegen die schwerbewaffneten Macedonier nicht das Feld halten konnten, wollten sie die feindlichen Phalangen, wenn sie gegen die Höhen anrückten, durch das Hinunterrollen ihrer vielen Wagen, mit denen sie die Höhen besetzt hatten, zerreißen und in Verwirrung bringen, um über die aufgelös’ten Reihen mit gewohnter Heftigkeit herzufallen. Alexander, der die Gefahr sah, und sich überzeugte, daß der Uebergang an keiner anderen Stelle möglich sei, gab seinen Phalangen die Weisung, sobald die Wagen herabrollten, überall, wo es das Terrain gestattete, die Reihen zu öffnen, und die Wagen durch diese Lücken hinfahren zu lassen; wo sie aber sich nicht nach den Seiten hin ausbreiten könnten, sollten sie, das Knie gegen den Boden gestemmt, die Schilde über ihre Häupter fest an einander schließen, damit die niederfahrenden Wagen über sie wegrollten. Die Wagen kamen und jagten theils durch die Oeffnungen, theils über die Schilddächer hinweg, ohne den geringsten Schaden zu thun. Mit lautem Geschrei drangen jetzt die Macedonier auf die

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70) Arrian I. 25. 4. — 70b) Ammian. Marcell. XXI. 20. — 71) Die schlechte Lesart bei Arrian τῶν δὲ ἐμπόρον πολλοὶ hat Mitford zu einer eben so gelehrten als gedankenlosen Auseinandersetzung über antike Schleichhändler benutzt. Eine genauere Prüfung des Zusammenhanges und der Lokalität macht die Emendation τῶν ἐκ τῶν ὄρων πολλοί unwiderleglich; es sind wohl die Bessier gemeint, die Vorsteher des Dionysosheiligthumes in den Bergen. Dio Cass. LI. 25. LIV. 34. Herod. VII. 110. — 72) Herod. VII. 75. Thuc. II. 98. Arrian. I. 1.

 

69 Thracier ein; die Bogenschützen vom rechten Flügel aus der Schlachtlinie vorgeschoben, wiesen die anprallenden Feinde mit ihren Geschossen zurück, und deckten den bergaufsteigenden Marsch der Schwerbewaffneten; so wie diese in geschlossenen Phalangen nachrückten, vertrieben sie mit leichter Mühe die schlechtbewaffneten Barbaren aus ihrer Stellung, so daß sie den aus dem linken Flügel mit den Hypaspisten und Agrianern anrückenden König nicht mehr Stand hielten, sondern Jeder, so gut er konnte, die Waffen wegwarf und den jenseitigen Ebenen zuflüchtete. Sie verloren funfzehnhundert Todte; ihre Weiber und Kinder und alle ihre Habe wurde den Macedoniern zur Beute, und unter Philotas und Pausanias in die Seestädte auf den Markt geschickt 73).

Auf den Höhen des Gebirges ist ein Heiligthum des Dionysos, des uralten Gottes der freien Thracischen Völker; dort opferte der königliche Jüngling nach der Weise des Landes; und als er den Wein in die Opferflamme goß, schlug sie hochflackernd gen Himmel empor, nach der Deutung der Eingebornen ein göttliches Zeichen für die künftigen Siege des Königs 74).

Alexander zog nun die sanfteren Nordabhänge des Gebirges hinab in das Land der Triballer, über den Lyginos- oder Oiskosfluß, der hier etwa drei Märsche von der Donau entfernt ostwärts strömt 75). Syrmus, der Triballerfürst, längst schon von Alexanders Zuge in Kenntniß gesetzt, hatte die Weiber und Kinder der Triballer zur Donau voraus geschickt, und sie auf die Insel Peuce 76) überzusetzen befohlen; eben dahin hatten sich be-

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73) Arrian I. 1. Polyaen. IV. 3. 11. — 74) Sueton Aug. 94. cf. Aristot. p. 842. a. 14. ed. Beck. — 75) Wir haben den sonst unbekannten Lyginus Arvians für den Oiskus oder Isker, den östlichen Grenzfluß der Triballer, genommen, an dessen Mündung sich die spätere Hauptstadt der Triballer, Oeskus, befand, und zu dem hin die von Alexander eingeschlagene Straße führte. Arrians Ausdruck, der Fluß sei drei Märsche von der Donau, scheint freilich zu bezeichnen, daß er sich nicht in diese ergießt; das könnte nur von einem der kleinen Küstenflüsse gelten, was ganz unstatthaft, zumal wenn nach diesen Gegenden der Lynkestier Alexander detachirt ward. — 76) Diese Insel wird bei Strabo und Arrian Peuce genannt, und von den Interpreten für die große Peuce, nicht weit von der Mündung des

 

70reits die den Triballern benachbarten 77) Thracier geflüchtet; auch Syrmus selbst war mit seinen Leuten dahin geflohen; die Masse der Triballer dagegen zog sich rückwärts dem Flusse Lyginus zu, von dem Alexander Tages zuvor aufgebrochen war. Kaum hatte das der König erfahren, so kehrte er schnell zurück, um sie aufzusuchen, und überraschte sie, da sie sich eben lagerten, und jetzt in der Eile am Saume des Waldes vor dem Flusse aufrückten. Während nun die Kolonnen der Phalanx heranzogen, eilten die Bogenschützen und Schleuderer vorauf, mit Pfeilen und Steinen die Feinde aus dem Walde herauszulocken. Diese brachen hervor, und indem sie, namentlich auf dem rechten Flügel, sich zu weit vorwagten, sprengten rechts und links drei Geschwader der Ritterschaft auf sie ein; schnell rückten im Mitteltreffen die anderen Geschwader, und hinter ihnen die Phalanx vor; der Feind, der bis dahin das Gefecht mit Bolzen und Jagdspeeren kräftig erwiedert hatte, hielt den Andrang der schwergeharnischten Ritter und der geschlossenen Phalanx nicht aus, und floh durch den Wald zum Fluß zurück; dreitausend kamen auf der Flucht um, die anderen retteten sich, durch das Dunkel des Waldes und der hereinbrechenden Nacht begünstigt 78).

Alexander setzte seinen früheren Marsch fort, und kam am dritten Tage an die Ufer der Donau, wo ihn bereits die Schiffe

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Stromes, gehalten; s. Kruse de Istri ostiis. Wratisl. 1820, p. 79 seqq. Aber wie hätten sich die Triballer über funfzig Meilen von ihren äußersten Grenzen flüchten sollen, und zwar nach der Richtung hin, wo der Feind am nächsten war? Wie hätte Arrian vermeiden können, von den vielen Donauarmen zu sprechen, die, wenn bei diesem Peuce gekämpft wäre, von der größten mikitairischen Wichtigkeit sein mußten? Selbst die Zeit hätte zu diesen Märschen nicht hingereicht; gegen Ende Juli stand Alexander vor Pellion, das wohl hundertundfunfzig Meilen entfernt ist, und mit dem Frühling war er aus Amphipolis aufgebrochen, von wo Peuce in geradem Abstande wohl hundert Meilen entfernt ist. Vielleicht nannten die Geschichtschreiber Alexanders mit dem Namen der bekanntesten Donauinsel die in Frage stehende, die viel weiter stromauf liegen mußte. — 77) Wahrscheinlich die Treres des Thucydides, die durch den Oiskus von den Triballern geschieden werden. — 78) Arrian I. 3.

 

71 aus Byzanz erwarteten; sofort wurden sie mit Bogenschützen und Schwerbewaffneten bemannt, um die Insel, auf welche sich die Triballer und Thracier geflüchtet hatten, anzugreifen; aber die Insel war zu gut bewacht, die Ufer zu steil, der Strom zu reißend, der Schiffe zu wenige; Alexander zog seine Schiffe zurück, und beschloß den Angriff auf die Geten am jenseitigen Ufer sofort zu unternehmen; wenn er durch ihre Demüthigung Herr der beiden Ufer war, so konnte sich auch die Donauinsel nicht halten.

Die Geten, etwa viertausend Mann zu Pferde, und mehr als zehntausend zu Fuß, hatten sich am Nordufer der Donau vor einer schlechtgebauten Stadt, die etwas landeinwärts lag, aufgestellt; sie meinten, der König werde, da seine Schiffe nicht einmal zur Landung auf der Insel hingereicht hatten, eine Schiffbrücke schlagen lassen, und ihnen so Zeit und Gelegenheit zu Ueberfällen geben; Alexander kam ihnen zuvor. Es war in der Mitte des Juni, die Felder neben der Getenstadt mit Getreide bedeckt, das hoch genug in den Halmen stand, um landende Truppen dem Auge des Feindes zu entziehen; alles kam darauf an, die Geten durch einen schnellen Ueberfall zu bewältigen; aber da die Schiffe aus Byzanz nicht Truppen genug fassen konnten, so brachte man aus der Gegend eine große Menge kleiner Nachen zusammen, deren sich die Einwohner bedienen, wenn sie auf dem Strome fischen oder Freibeuterei treiben oder Freunde im anderen Dorfe besuchen; außerdem wurden die Felle, unter denen die Macedonier zelteten, mit Heu ausgefüllt und fest zugeschnürt; in der Stille der Nacht nun setzten funfzehnhundert Ritter und viertausend Mann Fußvolk unter Befehl des Königs über den Strom, und landeten unter dem Schutze des weiten Getreidefeldes, unterhalb der Stadt. Mit Tagesanbruch rückten sie mitten durch die Saaten vor, vorauf das Fußvolk, mit der Weisung, das Getreide mit den langen Lanzen niederzuschlagen, und bis sie an ein unbebautes Feld kämen, vorzurücken. Dort ritt nun die Reiterei, die bisher dem Fußvolke gefolgt war, unter des Königs Anführung bei dem rechten Flügel auf, während links an den Fluß gelehnt, die Phalanx in ausgebreiteter Linie unter Nikanor vorrückte. Die Geten, erschreckt durch die unbegreifliche Kühnheit Alexanders, der so leicht den größten aller Ströme, und das in einer Nacht, überschritten, eilten, weder dem Andrang der 72 Reuter, noch der Gewalt der Phalanx gewachsen, sich in die Stadt zu werfen; und als sie auch dahin die Feinde nachrücken sahen, flüchteten sie, indem sie von Weibern und Kindern mit sich nahmen, was die Pferde tragen konnten, weiter in die Haiden des inneren Landes. Der König rückte in die Stadt ein, und zerstörte sie, sandte die Beute unter Philippus und Meleager nach Macedonien zurück, opferte am Ufer des Stromes dem Retter Zeus, dem Herakles und dem Strome Dankopfer. Es war nicht seine Absicht, die Grenzen seiner Macht bis in die weiten Ebenen, die sich nordwärts der Donau ausbreiten, auszudehnen; der breite Strom war, nachdem die Geten die Macht der Macedonier kennen gelernt hatten, eine sichere Grenze, und in der Nähe weiter kein Volksstamm, dessen Widerstand man zu fürchten gehabt hätte. Nachdem der König mit jenen Opfern das nördlichste Ziel seiner Unternehmungen bezeichnet hatte, kehrte er noch desselben Tages von einer Expedition, die ihm keinen Mann gekostet hatte, in sein Lager jenseits des Flusses zurück 79).

Nach einer so schnellen und erfolgreichen Unternehmung eilten die freien Völkerschaften, die in der Nähe der Donau wohnten, sich dem Könige zu unterwerfen; die Gesandtschaften der einzelnen Stämme kamen mit den Geschenken ihres Landes, und baten um Friede und Freundschaft, die ihnen gern gewährt wurde; auch der Triballerfürst Syrmus, der wohl einsah, daß er seine Donauinsel nicht zu halten im Stande sein würde, unterwarf sich, und wurde unter der Bedingung zur Bundesgenossenschaft aufgenommen, daß er fortan Kriegsschaaren zum Heere der Macedonier stellte 80).

Und schon war Alexanders Ruhm weithin unter den streitbaren Völkerschaften der Donauländer verbreitet; selbst von der fernen Nordspitze des Adriatischen Meeres kam eine Gesandtschaft Celtischer Männer, die, wie ein Augenzeuge erzählt, groß von Körper sind und Großes von sich denken, und, von des Königs großen Thaten unterrichtet, um seine Freundschaft werben wollten. Und der junge König sah sich gern von den einfachen Söhnen des fernen Westlandes bewundert; sein edler Stolz, der den feilen Wortschwall Grie-

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79) Arrian I. 4. — 80) Dies beweiset die Anführung bei Diodor XVII. 17.

 

73chischer Rhetoren verachtete, freute sich einer Anerkenntniß, die nicht seiner Gunst und seiner Macht, sondern dem Ruhme und dem Schrecken, der seinen Waffen vorausging, galt; er fragte sie, was sie wohl am meisten fürchteten? Mit dem Selbstgefühl und dem treffenden Witz, der ihr Volk stets ausgezeichnet hat, antworteten sie: „nichts, als daß etwa der Himmel einfallen möchte; aber eines solchen Helden Freundschaft ehren wir am meisten.“ Der König nannte sie Freunde und Bundesgenossen, und entließ sie reich beschenkt, meinte aber nachmals doch, die Celten seien Prahler 81).

Nachdem so mit der Bewältigung der freien Thracier auch die Odrysischen und seeländischen zur Ruhe gezwungen, mit dem Siege über die Triballer die Macedonische Hoheit über die Völker südwärts der Donau gegründet, durch die Niederlage der Geten die Donau als Grenze gesichert, somit der Zweck dieser Expedition erreicht war, eilte Alexander südwärts, über die Pässe von Skupi durch das Gebiet der mit Macedonien verbündeten Agrianer und Päonier in sein Reich zurückzukehren; denn bereits hatte er die Nachricht erhalten, daß der Fürst Klitus seine Abwesenheit benutzt habe, um mit seinen Illyriern in die Westgrenze des Reiches einzubrechen, daß der Taulantinerfürst Glaukias schon heranziehe, sich mit Klitus zu vereinen, daß die Autariaten mit ihnen im Einverständniß sich anschickten, das Macedonische Heer in seinem Marsche durch die Gebirge zu überfallen. Alexanders Lage war schwierig; noch mehr als acht Tagemärsche von den Pässen der Westgrenze entfernt, welche die Illyrier bereits überschritten hatten, war er nicht mehr im Stande, die wichtige Festung Pellion, den Schlüssel zu den beiden Flußthälern des Haliakmon und Erigon zu retten 82); hielt ein Ueberfall der Autariaten ihn auch nur zwei Tage

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81) Arrian I. 4, Ptolemaeus apd. Strab. VII. p. 82. ed. Tauch.; ein Gewährsmann, der in der That mehr gilt, als St. Croix’s kritische Bedenken. — 82) Die Lage von Pellion, die Mannert, durch Nichtbeachtung der bei Livius XXXI. 40 aufbewahrten Notizen, um einige Tagereisen zu weit nordöstlich gesetzt hatte, ist durch Barbié du Bocage im Ganzen richtig bestimmt; etwas nordwärts von der Biegung des Eordaikus und etwas südwärts von dem heutigen Fiorina; vg. Pouqueville’s Reise II. p. 378.

 

74 auf, so hatten sich die Illyrier und Taulantiner vereint, und waren mächtig genug, von Pellion aus bis in das Herz Macedoniens vorzudringen, die wichtige Linie des Erigonstromes zu besetzen, und, während sie selbst die Communication mit der Heimath durch die Pässe oberhalb Pellion offen hatten, den König von den südlichen Landschaften seines Reiches und von Griechenland abzuschneiden, ohne daß Antipater das Feld zu behaupten, oder Alexander selbst mit sicherem Erfolg die Uebermacht der tapferen Feinde anzugreifen hätte wagen dürfen; ein unglückliches Treffen wäre hinreichend gewesen, in Griechenland, wo bereits gefährliche Bewegungen merkbar wurden, alles das zusammenstürzen zu lassen, was er und sein Vater mühsam erreicht hatten.

Langarus, der Fürst der Agrianer, der schon bei Philipps Lebzeiten unzweideutige Beweise seiner Anhänglichkeit an Alexander gegeben und mit ihm in freundlicher Verbindung gestanden, und dessen Contingent in dem eben beendeten Feldzuge mit ausgezeichnetem Muthe gefochten hatte, war gerade damals mit dem Kern seines Kriegsvolkes, trefflich bewaffneten und eingeübten Hypaspisten, dem Könige entgegengekommen; und als nun Alexander, voll Besorgniß über den Aufenthalt, den ihm die Autariaten verursachen könnten, sich nach ihrer Macht und Bewaffnung erkundigte, so berichtete ihm Langarus, er brauche vor diesen Menschen, den schlechtesten Kriegsvölkern im Gebirge, nicht besorgt zu sein; er selbst wolle, wenn der Könige es gestatte, in ihr Land einfallen, so daß sie genug mit sich selbst zu thun haben, und an feindliche Ueberfälle nicht weiter denken sollten. Alexander gab gern seine Zustimmung, und Langarus drang plündernd und verwüstend in ihre Thäler ein, so daß sie den Marsch der Macedonier nicht weiter störten. Der König ehrte die Dienste seines treuen Bundesgenossen auf das Ausgezeichneteste, verlobte ihn mit seiner Schwester Kyna, Amyntas junger Wittwe, und lud ihn ein, nach Beendigung des Krieges nach Pella zu kommen, um die Hochzeit zu feiern. Leider starb Langarus gleich nach dem Zuge auf dem Krankenbette. –

Ueber die Kanalovischen Berge, welche die Wasserscheide der Illyrischen und Macedonischen Ströme bilden, führen die gangbarsten Pässe in der Nähe des Lychnidischen Sees; der Besitz dieser Gegend war für Macedonien von der größten Wichtigkeit, weil 75 nur durch ihn die Illyrier im Zaume gehalten werden konnten; deshalb hatte Philipp nicht eher geruht, als bis er sein Gebiet bis an den See erweitert hatte; unter den Positionen und Kastellen, welche die einzelnen Gebirgswege beherrschten, war die Bergfestung Pellion die letzte und wichtigste; auf den Vorbergen nach Macedonien zu belegen, die sie im Kreise umgeben, schützte sie auch den Weg, der aus dem Thale des Erigon südwärts zu dem des Haliakmon und in das südliche Macedonien führte, und welcher namentlich in der Nähe der Stadt zwischen steilen Felswänden und dem Eordaikus, einem südlichen Nebenflüßchen des Erigon, so eng wurde, daß ein Heer kaum zu vier Schilden hindurchziehen konnte 83). Diese wichtige Position war bereits in den Händen des Illyrischen Fürsten; Alexander rückte in Eilmärschen den Erigon aufwärts, um wo möglich die Festung vor Ankunft der Taulantiner wieder zu nehmen; vor der Stadt angekommen, bezog er am Eordaikus ein Lager, um am folgenden Tage die Mauern Stadt zu berennen. Auch die Illyrier rüsteten sich, besetzten die waldigen Höhen, welche die Stadt rings umgeben, schlachteten zum Opfer drei Knaben, drei Mädchen, drei schwarze Widder, und rückten vor, als wollten sie mit den Macedoniern handgemein werden. Doch sobald diese nahe kamen, verließen die Illyrier ihre feste Stellung, ließen sogar die Schlachtopfer liegen, die den Macedoniern in die Hände fielen, und zogen sich in die Stadt zurück, unter deren Mauern sich jetzt Alexander lagerte, um sie, da er sie nicht durch Ueberrumpelung genommen hatte, mit einer Umwallung einzuschließen und zur Uebergabe zu zwingen. Aber schon am folgenden Tage zeigte sich Glaukias mit einer starken Heeresmacht auf den Höhen, und Alexander gab den Gedanken auf, mit seinen gegenwärtigen Steitkräften die Stadt zu nehmen; er mußte sich begnügen, eine Stellung zu nehmen, welche die Vereinigung beider Heere hinderte. Doch bald trat in der schon verwüsteten Gegend Mangel ein; Philotas mit einem Trupp Reuterei zum Fouragiren abgeschickt, wäre fast in die Hände der Taulanti-

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83) Das Terrain der Gegend ergiebt sich ziemlich bestimmt aus Arrians Erzählung. Die Breite des Weges ist entweder 12 oder, wohl richtiger, 24 Fuß, je nachdem dem Schilde, d. h. dem Mann, die Breite, die er in Paradestellung oder in geschlossener Reihe einnimmt, gegeben ist.

 

76ner gefallen; nur Alexanders schnelles Nachrücken mit einigen leichten Corps rettete den wichtigen Transport und dessen Bedeckung. Indeß wurde die Lage des Heeres von Tage zu Tage peinlicher; in der Ebene fast eingeschlossen, hatte er weder Truppen genug, etwas Entscheidendes gegen beide Fürsten zu wagen, noch hinreichend Proviant, um sich bis zur Ankunft der Verstärkungen zu halten; er mußte zurück, aber der Rückzug schien doppelt gefährlich. Klitus und Glaukias hofften nicht ohne Grund, den König auf diesem höchst ungünstigen Boden in ihren Händen zu haben; die überragenden Berge hatten sie mit zahlreicher Reuterei, mit vielen Wurfschützen, Schleuderern und Schwerbewaffneten besetzt, die das Heer in jenem engen Wege überfallen und niedermetzeln konnten, während die Illyrier aus der Festung dem Heere in den Rücken fielen.

Durch eine kühne Bewegung, wie sie nur ein Macedonisches Heer auszuführen im Stande war, machte Alexander die Hoffnungen der Feinde zu Schanden. Während die meisten der Reuterei und sämmtliche Leichtbewaffnete, dem Feinde in der Stadt zugewandt, jede Gefahr von dieser Seite unmöglich machen, rücken die Schwerbewaffneten mit gefällter Lanze, fast im vollständigen Rechteck von hundertundzwanzig Mann Tiefe und etwas breiterer Fronte, die Flanken mit zweihundert Rittern gedeckt, ins Feld mit der größten Stille, damit die Kommando’s schnell vernommen werden. Die Ebene ist bogenförmig von Höhen umschlossen, von welchen die Taulantiner die Flanken der vorrückenden Masse bedrohen; aber das ganze Viereck macht plötzlich rechtsum, und bietet dem Feinde die Spitze; wieder ein anderer Haufen der Feinde bedroht die neue Flanke, und von Neuem kehrt sich diese gegen ihn; so abwechselnd, vielfach und mit der größten Präcision eine Stellung mit der anderen tauschend, rücken die Macedonier zwischen den feindlichen Höhen hin. Bei dem Anblick dieser unangreifbaren und mit eben so viel Ordnung als Schnelligkeit ausgeführten Bewegungen wagen die Taulantiner keinen Angriff, und ziehen sich von den ersten Anhöhen zurück. Als nun aber die Macedonier den Schlachtgesang erheben und mit den Lanzen an ihre Schilde schlagen, da bricht ein panischer Schrecken über die Barbaren herein, und eiligst fliehen sie über die Höhen nach der Stadt herum. Nur eine Schaar hält noch eine Anhöhe besetzt, über welche der Weg führt; Alexander befiehlt den Ritter77geschwadern und der Leibschaar der Hypaspisten, die zu jenen auf die Pferde steigen, gegen die Anhöhe vorzusprengen; wenn die Feinde Miene machten, sich zu widersetzen, sollten die Hypaspisten von den Pferden springen, und unter die Ritter gemischt kämpfen; aber die Feinde ziehen sich, sobald sie die Bewegung bemerken, rechts und links von der Anhöhe hinab. Der König besetzt nun diese, läßt die noch übrigen Geschwader der Ritterschaft, die zweitausend Bogenschützen und Agrianischen Jäger, so wie die anderen Hypaspisten, welche die bisherigen Bewegungen im Rücken gedeckt hatten, eilig nachrücken, dann diese Hypaspisten und nach ihnen die Phalangen von der Anhöhe an den Fluß defiliren, dort, um den engen Weg am Flusse zu vermeiden, durch den Fluß waten, und jenseits in Schlachtordnung links aufrücken. Alexander selbst bleibt indeß auf jener Anhöhe mit der Nachhut, und beobachtet die Bewegungen der Feinde, welche kaum den Uebergang des Heeres bemerken, als sie auch schon an den Bergen hin vorrücken, um über die mit Alexander zuletzt Abziehenden herzufallen. Ein Ausfall des Königs gegen sie und der Schlachtruf der Phalangen jenseits des Flusses schreckt sie zurück, und Alexander führt seine Bogenschützen und Jäger im vollen Laufe in den Fluß. Er selbst geht zuerst hinüber, und läßt, sobald er sieht, daß seine Nachhut vom Feinde gedrängt wird, das Wurfgeschütz gegen die Feinde jenseits spielen, und die Bogenschützen mitten im Fluß umwenden und schießen; während nun Glaukias mit seinen Taulantinern sich nicht in die Schußweite wagt, gehen die letzten Macedonier über den Fluß, ohne daß Alexander bei dem ganzen gefährlichen Manöver auch nur einen Mann verloren hätte 84); er selbst hatte mit ausgezeichneter Tapferkeit und an den gefährlichsten Punkten gefochten, und war am Halse durch einen Keulenschlag, am Kopfe durch einen Steinwurf verwundet 85).

Durch diese Bewegung hatte Alexander nicht bloß sein Heer aus augenscheinlicher Gefahr gerettet, sondern er konnte von seiner Stellung am Ufer des Flusses aus alle Wege und Operationen der Feinde übersehen, und sie in Unthätigkeit halten, bis seine Verstärkungen eintrafen. Indeß gaben ihm die Feinde früher Gelegenheit,

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84) Arian. I. 6. — 85) Plut. de fort. Alex. I.

 

78 einen Handstreich auszuführen, der dem Kriege ein schnelles Ende machte. Sie hatten sich, in der Meinung, jener Rückzug sei ein Werk der Furcht gewesen, in breiter Linie vor Pellion gelagert, ohne dasselbe mit Wall und Graben zu schützen, oder auf den Vorpostendienst die nöthige Sorgfalt zu wenden. Das wußte Alexander; in der dritten Nacht ging er unbemerkt mit den Hypaspisten, Agrianern, Bogenschützen und zweien Divisionen der Phalanx über den Fluß, und ließ, ohne die Ankunft der übrigen Kolonnen abzuwarten, die Bogenschützen und Agrianer vorrücken; diese brachen an der Seite des Lagers ein, wo am wenigsten Widerstand möglich war; und die Feinde, aus tiefem Schlafe aufgeschreckt, ohne Waffen, ohne Leitung oder Muth zum Widerstande, wurden in den Zelten, in der langen Gasse des Lagers, auf dem regellosen Rückzuge niedergehauen, viele zu Gefangenen gemacht, den anderen bis an die Berge der Taulantiner nachgesetzt; wer entkam, rettete sich mit Verlust seiner Waffen. Klitus selbst hatte sich in die Stadt geworfen, sie dann angezündet und sich unter dem Schutz der brennenden Stadt zu Glaukias in das Taulantinerland geflüchtet 86). – So wurde die alte Grenze auf dieser Seite wieder gewonnen, und den besiegten Königen, wie es scheint, unter der Bedingung der Friede gegeben, daß sie die Oberhoheit Alexanders anerkennten, und bestimmte Contingente zu seinem Heere stellten 87).

Man muß behaupten, daß die glückliche Raschheit in allen Unternehmungen dieses Jahres, und namentlich in dem Kriege, der unter den Mauern von Pellion geführt wurde, eben so sehr in dem Charakter des jungen Königs begründet, wie von den Zeitumständen gefordert war; denn während man im Norden noch vollauf zu thun hatte, war im Süden eine Bewegung ausgebrochen, die, wenn sie nicht schnell gedämpft wurde, den großen Plan eines Perserzuges noch lange hindern, wenn nicht für immer unmöglich machen konnte.

Die Griechen hatten zwar mit hochklingenden Dekreten Alexanders Hegemonie anerkannt, und das Bündniß mit ihm auf dem

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86) Arrian I. 5. 6. — 87) Das Illyrische Königthum blieb in der Familie des Bardylis und Klitus noch lange erblich; Illyrier kommen in Alexanders Heeren vor. Diod. XVII. 8.

 

79 Bundestage zu Korinth beschworen; aber je ferner die Macedonischen Waffen waren, desto lockender klangen die Worte der exaltirten Demagogen und die Persischen Dariken, und die schönen Namen der alten Freiheit und des alten Ruhmes. Freilich, so lange der Perserkönig noch Alexanders Jugend verachtete, war auch Griechenland still; ja, die Athener, die Enkel der Marathonischen Sieger, mußten sich von dem Perser schreiben lassen: „ich will euch kein Geld geben, bittet mich nicht, denn ihr bekommt doch nichts 88).“ Aber bald sah dieser, was für ein Feind ihm in Alexander erstanden sei, und daß er, um im hohen Asien sicher zu sein, Macedonien in Griechenland und durch Griechen bekämpfen müsse. Zehntausend Dariken brachte Ephialtes aus Asien nach Athen mit, und die Redner durften das Volk der Athener, dem von dieser Summe nicht viel zu Gute kam 89), wegen ihrer Besonnenheit und Achtung gegen die in Korinth beschworenen Verträge rühmen. Aber seit Ephialtes Rückkunft sah man Demosthenes eifriger und häufiger als je, in den Volksversammlungen; die Entfernung Alexanders gab ihm und den Volksrednern seiner Parthei Muth und Gelegenheit, von Niederlagen im Lande der Triballer und von neuen Hoffnungen zu reden 90). Auch in anderen Staaten erwachte die alte Neuerungssucht und neue Hoffnungen; vor allen fühlten die Thebaner das Joch der Macedonischen Herrschaft; die Besatzung in ihrer Burg schien sie unablässig an ihre jetzige Schmach und den Verlust ihres einstigen Ruhmes zu mahnen.

Da verbreitete sich das Gerücht, Alexander sei todt; es wurde um so mehr geglaubt, je unerwarteter es selbst die kühnsten Wünsche übertraf; und damit keinem Zweifel Raum gelassen wurde, brachte Demosthenes einen Menschen vor das versammelte Volk, der eine Wunde aus derselben Schlacht aufzuweisen hatte, in der Alexander vor seinen Augen gefallen sein sollte 91). Schnell hob die antimacedonische Parthei ihr Haupt empor, und versuchte noch einmal die Gemüther des Volkes zum Abfall zu reizen: die Zeit sei gekommen, des Macedonischen Joches frei zu werden; Verträge, die man mit Alexander geschlossen, hätten mit seinem Tode aufge-

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88) Aeschin. adv. Ctes. p. 484. — 89) cf. Aeschin.; bid. Dinarch. adv. Demosth. p. 149. spricht gar von 300 Talenten. — 90) Demades p. 496. — 91) Justin. XI. 2.

 

80hört; der Persische König, bereit die Freiheit der Griechischen Staaten zu schützen, habe bereits reichliche Subsidien in die Hände der Männer, welche mit ihm nichts als das Wohl und die Freiheit Griechenlands im Sinne hätten, zur Unterstützung aller gegen die Macedonier gerichteten Unternehmungen niedergelegt. Nicht weniger, als das Persische Gold half der Coalition, daß neben Demosthenes der unbestechliche Lykurg für sie sprach; aber das Nothwendigste war, daß ungesäumt gehandelt und dadurch allen Wünschen und Bemühungen ein Mittelpunkt gegeben wurde.

Theben allein hatte vollen Grund über sein Schicksal zu klagen; seit der Schlacht von Chäronea seiner Selbstständigkeit beraubt, war es durch den Bundestag von Korinth den Macedoniern überlassen, und durch seine Burg in den Händen seiner Herren; waren auch die unruhigsten der Bürger seit der Schlacht von Chäronea des Landes verwiesen, so hatte doch das Volk schon Philipps Tod zu einer Empörung zu benutzen sich bereit gezeigt; durch Alexanders schnelle Ankunft war es damals eingeschüchtert, und das frühere Joch nicht erleichtert, murrend trug es das einst freie Volk; das wußten die Vornehmen der Stadt, die Leiter der Coalition, die verbannten Thebaner, deren sich besonders in Athen viele aufhielten. Schon einmal waren Verbannte von Athen aus zur Befreiung der Kadmea ausgezogen, Pelopidas hatte sie geführt, die Siege von Leuktra und Mantinea waren die schönen Früchte jener Heldenthat gewesen. So kehrten auch jetzt, in Uebereinstimmung mit mehreren Vornehmen der Stadt, die Verbannten nach Theben zurück, ermordeten in der Stille der Nacht zwei Hauptleute der Macedonischen Besatzung, riefen am Morgen zur Versammlung, und beriethen, was geschehen, was zu hoffen sei; sie beschworen das Volk bei dem theuren Namen der Freiheit und des alten Ruhmes, das Joch der Macedonier abzuschütteln, ganz Griechenland und der Persische König sei bereit ihnen beizustehen; und als sie verkündeten, daß Alexander nicht mehr zu fürchten, daß er in Illyrien gefallen sei, da beschloß das Volk, die alte Freiheit wieder herzustellen, die Macedonische Besatzung aus der Kadmea zu vertreiben, und an die anderen Staaten Gesandte um Hülfe zu senden.

Alles schien ihrer Unternehmung den glücklichsten Erfolg zu versprechen; die Eleer hatten bereits die Anhänger Alexanders ver81jagt, in Aetolien waren Unruhen ausgebrochen, die Arkadier bereit gegen Macedonien zu kämpfen, auf Argos konnte man rechnen; Athen dekretirte seine Sympathie für Theben und versprach Beistand. Und als die Gesandten des Macedonischen Reichsverwesers Antipater nach dem Isthmus kamen, an die Verträge über Zurückführung der Verbannten und an das den Macedoniern garantirte Besatzungsrecht in Theben zu erinnern, da hörte man nicht auf sie, sondern auf die flehende Bitte der Thebanischen Gesandten, die mit wollenumwundenen Oelzweigen in den Händen, zum Schutz der heiligen Sache aufriefen 92). Schon stand ein Arkadisches Söldnerheer am Isthmus bereit, nach Böotien zu rücken, die Kadmea war mit Wällen und anderen Werken eingeschlossen, so daß den Macedoniern in ihr weder Hülfe, noch Lebensmittel zukommen konnten; die Thebaner hatten ihre Sclaven freigegeben, sie und die Metöken zum Kriege gerüstet; sie waren mit allen Vorräthen und einer Menge Waffen versehen, die namentlich Demosthenes ihnen zugesandt hatte 93); bald mußte die Kadmea fallen,

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92) Dinarch. p. 152. — 93) Nach Aeschines Darstellung in einer etwa fünf Jahre später gehaltenen Rede erscheint Demosthenes Benehmen in dieser Zeit ganz anders; die Arkadier, behauptet er, hätten das Angeld zum Kriegsdienste aus den Persischen Subsidien verlangt, aber da Demosthenes in seinem Geize nichts habe zahlen, sondern alles für sich behalten wollen, seien sie heimgegangen; auch die Macedonische Besatzung habe man mit einigen Talenten zum Abzuge bewegen können, aber Demosthenes habe nichts herausrücken wollen. Weit entfernt Demosthenes Integrität behaupten zu wollen, gegen welche die Papiere, die Alexander später in der Burg zu Sardes fand, nur zu deutlich zeugen, haben wir dennoch nicht Vorwürfen glauben mögen, deren Unhaltbarkeit der Zusammenhang der Verhältnisse beweiset. Oder verstand Demosthenes seinen Vortheil so schlecht, daß er, um einige Talente für sich behalten zu können, das Glück einer Unternehmung aufs Spiel setzte, deren Mislingen ihm nicht bloß seine Popularität, sondern sein Vermögen und sein Leben kosten konnte? Und wenn wirklich die Besatzung der Kadmea zu bestechen möglich war, konnten die Thebaner nicht mehr fünf Talente aufbringen? Daß Dinarch in seiner Rede gegen Demosthenes ungefähr dasselbe mit Aeschines berichtet, hebt den apokryphischen Charakter dieser Angaben nicht auf; cf. Decret. I. apud Plut.

 

82 dann war Theben und ganz Griechenland frei, dann die Schande von Chäronea gerächt, und der Bundestag von Korinth, dies Trugbild von Selbstständigkeit und Sicherheit, verschwand vor dem fröhlichen Lichte eines neuen Morgens, der schon über Griechenland heranzubrechen schien. Da verbreitete sich das Gerücht, die Macedonier rückten in Eilmärschen heran, sie ständen nur zwei Meilen entfernt in Onchestus. Die Aufrührer beschwichtigten das Volk: es werde Antipater sein, seit Alexander todt sei, brauche man die Macedonier nicht zu fürchten. Dann kamen Boten: es sei Alexander selbst; sie wurden übel empfangen: Alexander, der Lynkestier, Aeropus Sohn sei es, der wahrscheinlich das Reich geerbt habe, den brauche man nicht zu fürchten. Tags drauf stand der König Alexander, der todtgeglaubte, mit zwanzigtausend Mann Fußvolk und dreitausend Reutern unter den Mauern der Stadt.

In der That war dies plötzliche Erscheinen Alexanders ein Räthsel, das nur die Kühnheit seiner Operationen und die außerordentliche Geübtheit seiner Truppen erklärte. Noch vierzehn Tage früher hatte er fern im Norden vor Pellion gestanden, und die Illyrier und Taulantiner über die Grenzgebirge zurückgeworfen; da erhielt er die Nachricht von der Empörung der Thebaner, und rückte durch die Landschaften Eordäa und Elymiotis, das Thal des Haliakmon hinab, durch die Perrhäbischen Pässe nach Thessalien hinein, von da durch die Thermopylen nach Onchestus 94). Sein

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94) Wir dürfen nicht unbemerkt lassen, daß nach dem Aeschines, welchen Mitford gelesen, in Thessalien ein Aufstand der Perrhäber, welche unterthänige Schutzgenossen der eigentlichen Thessalier gewesen seien, gleichzeitig mit dem Thebanischen erfolgt sei, und der Thessalischen Bundesversammlung Veranlassung gegeben habe, den Thebanern und Athenern den Krieg zu erklären. Dafür citirt der gelehrte Engländer Aeschin. de cor. p. 548 ed. Reisk. Wir finden in der ganzen Rede nichts dem Aehnliches; denn was p. 436 und p. 439 ed. Beck. erwähnt wird, gehört nach dem unmittelbaren Zusammenhang jener Stellen in ganz andere Zeiten. Vielmehr muß man annehmen, daß die Thessalische Ritterschaft von Pelline aus mit zu Felde gezogen ist; die dreitausend Ritter im Heere vor Theben bestehen unleugbar aus funfzehnhundert Macedoniern und eben so viel Thessaliern;

 

83 schnelles Erscheinen hatte zunächst den wichtigen Erfolg, daß die Arkadischen Hülfsvölker nicht über den Isthmus hinauszurücken wagten, daß die Athener ihre Truppen so lange inne zu halten beschlossen, bis sich der Kampf gegen Alexander entschieden hätte, daß sich die Orchomenier, Platäer, Thespier, Phocier und andere Feinde der Thebaner, die sich schon der ganzen Wuth ihrer alten Peiniger Preis gegeben glaubten, mit doppeltem Eifer um ihn versammelten. Indeß hatte der König nicht im Sinn, sofort die Waffen zu gebrauchen; voll Verlangen nach den Kämpfen im Morgenlande, wünschte er die Streitigkeiten in Griechenland möglichst schnell und friedlich zu beenden; er ließ sein Heer unter den Mauern der Stadt lagern, um durch den Anblick seiner Streitkräfte den Muth der Thebaner zu lähmen, und wenn sie ihre bösen Anschläge bereueten und um Verzeihung bäten, durch Milde selbst die ihm feindlich Gesinnten zu gewinnen. Aber die Thebaner waren so weit entfernt sich zu unterwerfen oder einem gütlichen Vergleich entgegen kommen zu wollen, daß sie, von aller Hülfe entblößt und selbst durch traurige Zeichen gewarnt, nicht allein in der Volksversammlung beschlossen mit freudigem Muthe für ihre Freiheit kämpfen und sterben zu wollen, sondern sogar ihre leichten Truppen einen Ausfall gegen das feindliche Lager machen und die feindlichen Vorposten beunruhigen ließen. Auch jetzt noch zögerte Alexander, einen Kampf zu beginnen, der gegen Griechen, die ihr Unglück und ihr heißes Verlangen nach Freiheit entschuldigen konnte, und durch die bedeutende Uebermacht auf seiner Seite schon so gut wie entschieden war. Am zweiten Tage rückte er an das südöstliche Thor, welches nach Athen hinausführt, und an welches innerhalb die Kadmea stößt; er bezog hier ein Lager, um zur Unterstützung der in der Burg liegenden Macedonier in der Nähe zu sein; noch einmal versuchte er die Sache auf dem Wege der Güte, und ließ die Thebaner auffordern, ihre Waffen niederzulegen; er versprach ihnen Verzeihung, wenn sie den Phönix und Prothytes, die Urheber ihres traurigen Beginnens, auslieferten; und verwürfe das verblendete Volk

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denn daß diese sich nicht bloß, wie die Theilnehmer des Korinthischen Bundes, zur Heeresfolge nach Asien verpflichtet hatten, beweiset Aeschin. p. 436.

 

84 selbst diese Anträge, so möchten wenigstens die Gutgesinnten sich von dem verbrecherischen Unternehmen lossagen, zu ihm ins Lager kommen und künftig an dem gemeinsamen Frieden aller Hellenen Antheil haben. Zwar verlangten jetzt diejenigen Thebaner, welche das allgemeine Beste im Auge hatten, daß man an Alexander senden und Verzeihung für den Abfall des Volks bitten sollte; aber die Böotarchen, die Verbannten und alle die, welche sie zur Rückkehr aufgefordert hatten, von Alexander keiner freundlichen Aufnahme gewärtig, reizten die Menge zum hartnäckigsten Widerstande, und setzten es durch, daß von einem der höchsten Thürme herab geantwortet wurde: wenn Alexander den Frieden wolle, so möge er ihnen Antipater und Philotas ausliefern; die Gutgesinnten aber und die mit dem großen Könige in Asien und mit den Thebanern gemeinschaftlich Griechenland befreien wollten, möchten zu ihnen in die Stadt kommen, und künftig an der gemeinsamen Freiheit aller Hellenen Antheil nehmen. Und doch ließ Alexander die Stadt auch jetzt noch nicht angreifen 95).

Perdikkas mit seiner Division hatte die Vorhut des Macedonischen Lagers, und stand in der Nähe der feindlichen Außenwerke. Die Gelegenheit zu einem Angriffe schien so überaus günstig, daß er Alexanders Befehl nicht abwartete, sondern gegen die Verschanzungen anstürmte, sie durchbrach und über die Vorwache der Feinde herfiel. Schnell brach auch Amyntas mit seiner Division, die zunächst an der des Perdikkas stand, aus seinem Lager hervor, und folgte ihm zum Angriff auf den zweiten Wall. Der König sah ihre Bewegungen und fürchtete für sie, wenn sie allein dem Feinde gegenüber blieben; deshalb ließ er eilig die Bogenschützen und Agrianischen Jäger in die Umwallung eindringen, und die Leibschaar nebst den anderen Hypaspisten ausrücken, aber vor den äußeren Werken Halt machen. Da fiel Perdikkas schwer verwundet beim Angriff auf den zweiten Wall, doch die zwei Divisionen, in Verbindung mit den Schützen und Agrianern, erstürmten den Wall, und drangen durch den Hohlweg des Elektrischen Thores in die Stadt bis zum Herakleum vor. Da aber wandten sich plötzlich und mit lautem Geschrei die Thebaner, stürzten sich mit der wilde-

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95) Diod. Plut. Arrian.

 

85sten Heftigkeit auf die Macedonier, so daß diese sich mit bedeutendem Verluste fliehend auf die Hypaspisten zurückzogen. In diesem Augenblick rückte Alexander, der die Thebaner ohne Ordnung die Fliehenden verfolgen sah, mit geschlossener Phalanx schnell auf sie ein; sie wurden zurückgeworfen, und ihr Rückzug war so übereilt, daß die Macedonier mit ihnen in das Thor eindrangen, während an anderen Stellen die Mauern, die wegen der vielen Außenposten ohne Vertheidiger waren, erstiegen und besetzt wurden. Jetzt war die Stadt so gut wie verloren; die Besatzung der Kadmea warf sich mit einem Theile der Hereingedrungenen in die Unterstadt auf das Amphieum, Andere stiegen über die Mauern und rückten im Sturmschritt auf den Markt; umsonst kämpften die Thebaner mit der größten Tapferkeit, von allen Seiten drangen die Macedonier ein, überall war Alexander und befeuerte die Seinigen durch Wort und Beispiel; die Thebanische Reiterei, in die Straßen zersprengt, jagte durch die noch freien Thore ins offene Feld hinaus; von dem Fußvolk rettete sich jeder, so gut er konnte, entweder ins Feld oder in die Häuser oder in die Tempel, die mit wehklagenden Weibern und Kindern angefüllt waren. Voll Erbitterung richteten jetzt nicht sowohl die Macedonier, als die Phocier, Platäer und die übrigen Böotier ein gräßliches Blutbad an, selbst Weiber und Kinder wurden nicht geschont, ihr Blut besudelte die Altäre der Götter 95a). Erst das Dunkel der Nacht machte

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95a) Wir haben uns streng an Arrian oder vielmehr an dem Berichte des Lagiden Ptolemäus gehalten, der selbst Zeuge dieses Sturmes gegen Theben, und ein ausgezeichneter General war. Die Schilderung Diodors, aus den rhetorischen Büchern Klitarchs entlehnt, ist ohne allen militärischen Werth, und was mit Arrian übereinzukommen scheint, beweiset nur noch mehr ihre Unbrauchbarkeit. Alexanders Plan war wohl, durch Einnahme der Außenwerke die Thebaner zur Kapitulation zu zwingen; daß gleich beim ersten Angriff die Stadt fiel, war ein Werk der Umstände. Klitarch macht daraus einen förmlichen Operationsplan mit drei Treffen, von denen eins die Werke stürmen, ein zweites die Thebaner beschäftigen, ein drittes die Nachhut bilden sollte; man erkennt darin den Angriff des Perdikkas, das Nachrücken des leichten Fußvolkes, den Sturm der Phalanx wieder. Polyän’s Darstellung, daß der König einen Scheinangriff gemacht und die Thebaner ins freie Feld gelockt habe, wäh-

 

86 dem Plündern und Morden ein Ende; von den Thebanern sollen sechstausend umgekommen sein, von den Macedoniern fünfhundert, unter ihnen der Anführer der Bogenschützen.

Am folgenden Tage ließ der König die gefallenen Macedonier ehrenvoll bestatten, berief sodann eine Versammlung der Bundesgenossen 96), welche an dem Kampfe Theil genommen hatten, und überließ ihnen das künftige Schicksal der Stadt. Er konnte keine besseren Vollstrecker eines Gerichtes finden, das nach so schnödem Verrath, nach so freventlicher Verachtung aller Milde, nach so hartnäckigem Widerstande nur zu gerecht war. Die Richter über Theben waren dieselben Platäer, Orchomenier, Phocier, Thespier, Böotier, welche den furchtbaren Druck der Thebaner lange hatten erdulden müssen, deren Städte ehemals von ihnen verwüstet, deren Söhne und Töchter von ihnen geschändet und als Sklaven verkauft waren; jetzt sollte die schuldbelastete Stadt den Verrath im Persischen Kriege und die oft gebrochenen Schwüre und die Tyrannei, die sie über Böotien ungestraft geübt, büßen; es schien sich mit dem frechen Hochmuth und der gottlosen Verstocktheit des Oedipus auch sein Fluch und sein furchtbares Verhängniß auf sie vererbt zu haben. Es wurde beschlossen: die Stadt sollte dem Erdboden gleichgemacht, das Land, mit Ausnahme des Tempellandes, unter Alexanders Bundesgenossen vertheilt, alle Thebaner mit Weib und Kind in die Sklaverei verkauft, und nur den Priestern und Priesterinnen, den Gastfreunden Philipps, Alexanders, der Macedonier die Freiheit geschenkt werden; Alexander gebot auch Pindars Haus und Pindars Nachkommen zu verschonen. Dann wurden dreißigtausend Menschen 97) jedes Alters und Standes verkauft und in die weite

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rend ein Theil des Heeres unter Antipaters Führung über eine unbewachte Stelle der Mauer gestiegen sei und so die Stadt besetzt habe, ist gleichfalls ohne bedeutenden Werth; Antipater möchte als Reichsverweser in Macedonien wohl kaum der Belagerung beigewohnt haben, und unzweifelhaft ist für den blutigen Tag das Anrücken der Phalanx und ihr Eindringen in das Elektrische Thor entscheidend gewesen; cf. Agatharchid. apd. Phot. p. 441 ed. Beck. Dort sah man noch in später Zeit das Polyandrion der gefallenen Thebaner; Paus. IX. 10. — 96) So Arrian. Diodor spricht von σύνεδροι τῶν Ἑλλήνων. — 97) Wir nehmen diese Zahlen von dreißigtausend Verkauften und

 

87 Welt zerstreut, dann die Mauern niedergerissen, die Häuser ausgegeräumt und zerstört; das Volk des Epaminondas war nicht mehr, die Stadt ein grauenvoller Schutthaufen, „der Kenotaph ihres Ruhmes;“ eine Macedonische Wache oben auf der einsamen Burg hütete die Tempel und „die Gräber der Lebendigen.“

In der That, das Schicksal Thebens war erschütternd; kaum ein Menschenalter früher hatte es die Hegemonie in Hellas gehabt, seine heilige Schaar Thessalien befreien, seine Rosse im Eurotas tränken sehen, und jetzt war es von der Erde vertilgt. Die Griechen aller Partheien sind unerschöpflich in Klagen über Thebens Fall, und nur zu oft ungerecht gegen den König, der es nicht retten konnte. Wie weit Alexander von Grausamkeit und stolzer Härte entfernt war, beweiset sein edles Benehmen gegen die Thebaner, die später unter den Söldnerschaaren Asiens als Kriegsgefangene in seine Hände fielen; aber auch schon jetzt, während der Kampf kaum beendet war, gab er schöne Beweise von Milde und Hochherzigkeit. Eine edle Thebanerin wurde gefangen und gebunden vor ihn gebracht; ihr Haus war von Alexanders Thraciern niedergerissen, sie selbst von dem Anführer derselben geschändet, dann unter wilden Drohungen nach ihren Schätzen gefragt; sie hatte den Thracier an einen im Gebüsch versteckten Brunnen geführt: darin seien die Schätze versenkt; und als er sich über denselben hinbeugte, hinabzusehen und in die Tiefe zu spähen, hatte sie ihn hineingestürzt, und Steine auf ihn hinabgeschleudert, bis er todt war; nun brachten die Thracier sie vor des Königs Richterstuhl; sie sprach: „ich bin Timoklea, jenes Theagenes Schwester, der als Feldherr bei Chäronea gegen Philipp für die Freiheit der Hellenen fiel.“ Alexander bewunderte das hochherzige Weib, er schenkte ihr und ihren Verwandten die Freiheit 98).

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sechstausend Todten ohne großes Bedenken an, da nicht bloß Thebaner, sondern auch Freigelassene und Metöken kämpften und verkauft wurden. Uebrigens sagt Agatharchides, auf den sich St. Croix angeblich stützt, auch nicht ein Wort davon, daß diese Zahlen übertrieben seien; seine Kritik bezieht sich auf die übertriebenen Bilder gewisser Rhetoren, die über Thebens Fall klagten. — 98) Plut. Alex. 12. und de virt. mulier.

 

88 Gleiche Milde bewies Alexander gegen die Griechen, welche, durch Thebens Abfall und die Bemühungen der von Demosthenes geleiteten Coalition verführt, die Verträge von Korinth so lange misachtet hatten, als Alexanders Entfernung und das Gerücht von seinem Tode das Gefühl ihrer Ohnmacht mit blinden Hoffnungen und gedankenlosem Freiheitstaumel übertäubt hatte. Jetzt eilten die Eleer, alle Anhänger Alexanders, die sie verbannt hatten, wieder heimzuführen; die Arkadier riefen ihre Kriegsschaaren vom Isthmus zurück, und verdammten die zum Tode, die zu diesem Hülfszuge gegen Alexander aufgemuntert hatten; die einzelnen Stämme der Aetolier schickten Gesandte an den König und baten um Verzeihung für das, was bei ihnen geschehen sei. Die Athener hatten sich am lebhaftesten für Theben ausgesprochen; sie erniedrigten sich am tiefsten, um Alexanders Zorn von sich abzuwenden. Sie feierten gerade die großen Mysterien (im Anfang September), als einige Flüchtlinge die Nachricht von dem Falle der Stadt brachten; in höchster Bestürzung wurde die Feier unterbrochen, alles bewegliche Gut vom Lande in die Mauern der Stadt geflüchtet, dann eine Versammlung gehalten, die auf Demades Vorschlag beschloß, an Alexander eine Gesandtschaft von zehn Macedonisch gesinnten Männern zu senden, um ihm wegen seiner glücklichen Rückkehr aus dem Triballerlande und dem Illyrischen Kriege, so wie über die Unterdrückung und gerechte Bestrafung des Aufruhrs in Theben Glück zu wünschen, zugleich aber um die Vergünstigung zu bitten, daß ihre Stadt ihren alten Ruhm der Gastfreundschaft und Barmherzigkeit auch an den Thebanischen Flüchtlingen bewähren dürfe. Huldreich war des Königs Bescheid, nur forderte er die Auslieferung des Demosthenes, Lykurgus, Charidemus, Ephialtes und einiger anderen Demagogen, die mit dem Perserkönige in offenbarer Verbindung und die Anstifter und Beförderer der letzten Unruhen in Griechenland gewesen waren; denn diese seien nicht bloß die Ursache der Niederlage, die Athen bei Chäronea erlitten, sondern auch aller der Unbilden, die man nach Philipps Tode sich gegen sein Andenken und seinen rechtmäßigen Nachfolger erlaubt habe; ja den Fall Thebens hätten sie nicht minder verschuldet, als die Unruhestifter in Theben selbst. Die Forderung Alexanders veranlaßte die heftigsten Erörterungen in der Volksversammlung zu Athen; Demosthenes 89 beschwor das Volk, nicht wie die Schaafe in der Fabel ihre Wächterhunde dem Wolfe auszuliefern. Das Volk wartete in seiner Rathlosigkeit auf des strengen Phocion Meinung; der rieth um jeden Preis des Königs Verzeihung zu erkaufen, und nicht durch unbesonnenen Widerstand zum Unglück Thebens auch Athens Untergang hinzuzufügen; jene zehn Männer, deren Auslieferung Alexander fordere, möchten jetzt zeigen, daß sie aus Liebe zum Vaterlande sich auch der größten Gefahr zu unterziehen bereit wären. Demosthenes aber bewog durch seine Rede das Volk, durch fünf Talente den Macedonisch gesinnten Redner Demades, daß dieser an den König gesandt wurde, und ihn bat, diejenigen, welche strafbar seien, dem Gerichte des Athenischen Volkes zu überlassen. Der König that es, theils aus Achtung für Athen, das, wie er gesagt haben soll, sein Augenmerk auf Griechenland richten müsse, weil ihnen, wenn er todt sei, die Hegemonie über Griechenland zukäme 99), theils aus Eifer für den Zug nach Asien, während dessen er keine verdächtige Unzufriedenheit in Griechenland zurücklassen wollte; nur die Verbannung des Feldherrn Charidemus, jenes wilden Wüstlings, den selbst Demosthenes verabscheute, wurde vom Könige verlangt; Charidemus floh nach Asien zum Perserkönige. Nicht lange darauf verließ auch Ephialtes Athen und ging zur See fort 100).

Nachdem auf diese Weise Griechenland wieder beruhigt war, und durch die Vernichtung Thebens und die Macedonische Besazzung in der Kadmea auch für die Zukunft neue Bewegungen unmöglich schienen, brach Alexander aus dem Lager vor Theben auf, und eilte im Herbst 335 nach Macedonien zurück. Ein Jahr hatte hingereicht, sein vielgefährdetes Königthum unerschütterlich fest zu gründen, und des Gehorsams der Barbarischen Nachbarvölker, der Ruhe in Griechenland, der treuesten Anhänglichkeit seines Vol-

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99) Die Notizen zu dieser Darstellung bei Plutarch, im Leben des Demosthenes und Phocion, bei Diodor und Arrian; an der zweiten Gesandtschaft soll Phocion bedeutenden Antheil gehabt haben; Plutarch schreibt ihm die ganze Verhandlung mit Alexander und ihren glücklichen Ausgang zu. — 100) Dinarch. adv. Demosth. p. 156 stellt Charidemus Flucht als freiwilligen patriotischen Entschluß dar; wir folgen Arrian; cf. Demosth. ct. Arist. p. 600 und ep. 3. p. 643.

 

90kes gewiß, den großen Tag zu bestimmen, den der Aufbruch nach dem Morgenlande für das Schicksal von Millionen und für die Geschichte von Jahrhunderten entscheidend machen sollte.

Der Winter war den Rüstungen zum großen Kriege geweiht; aus Griechenland, aus Thessalien, aus den Gebirgen Thraciens, von der Donau her, aus den Thälern Illyriens kamen die Schaaren der Verbündeten; Söldner wurden geworben, Schiffe zur Ueberfahrt nach Asien gerüstet. Der König und seine Generale hielten Berathungen, die Operationen des Feldzuges nach den genauen Erkundigungen, die über die Kriegsmacht und Organisation des Persischen Reiches, über die Beschaffenheit der östlichen Länder, über die militärische Wichtigkeit der Stromthäler, der Bergzüge, der Städte und Landschaften eingezogen waren, zu entwerfen. Dann wurden die Angelegenheiten der Heimath geordnet, Antipater zum Reichsverweser bestellt, ein Heer von zwölftausend Mann seinem Befehle übergeben, mit dem er Griechenland sichern, die Grenzen des Reiches schützen, die Barbaren im Gehorsam halten konnte, und fortwährend neue Schaaren der großen Armee nachzusenden bereit hätte 101), die Fürsten der verbündeten Barbarenstämme zur persönlichen Theilnahme am Kampfe aufgefordert, damit das Reich vor Neuerungen desto sicherer, die Stammesgenossen unter ihrer Führung desto tapferer wären 102). Noch eine Sorge wurde im Kriegsrathe besonders von Antipater und Parmenion angeregt: wessen, im Fall eines unvorhergesehenen Unglückes, die Thronfolge im Reiche sein solle? Sie beschworen den königlichen Jüngling, sich vor dem Feldzuge zu vermählen, und die Geburt eines Thronerben zu erwarten. Er aber verwarf ihre Anträge: es sei seiner und der Macedonier und Griechenlandes unwürdig, an Hochzeit und Ehebett zu denken, wenn Asien zum Kampfe bereit stehe. Asien nur war sein Gedanke; was daheim ihm gehörte, Landgüter, Waldungen und Dörfer, selbst die Zehnten und Hafenzölle verschenkte er an seine Freunde. „Was bleibt denn dir, o König,“ fragte Perdikkas, als fast alles vertheilt war. „Die Hoffnung!“ antwortete der König. Da verschmähte auch Perdikkas seinen Antheil; „laß uns,

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101) Diod. XVII. 17. — 102) Frontin II. 11. 3.

 

91 die wir mit dir kämpfen werden, die Hoffnung mit dir theilen;“ und viele Freunde folgten dem Beispiele des hochherzigen Mannes. So herrschte der gleiche Enthusiasmus in Alexanders Generalen, in dem ritterlichen Adel, der ihn umgab, in dem gesammten Heere, das ihm folgte; den Heldenjüngling an ihrer Spitze, forderten sie stolz eine Welt zum Kampfe heraus. –

 

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92 Drittes Kapitel.

Der Feldzug in Kleinasien.

 

Alexanders Pläne erscheinen auf den ersten Anblick in nicht geringem Misverhältniß mit den Hülfsmitteln, die ihm zu Gebote standen. Der räumlichen Ausdehnung nach kam sein Reich, selbst Griechenland mit eingerechnet, kaum dem funfzigsten Theil des Persischen gleich; noch ungünstiger stellten sich die Zahlenverhältnisse seiner und der Persischen Streitkräfte zu Wasser und zu Lande; fügt man hinzu, daß der Macedonische Schatz bei Philipps Tode erschöpft, daß das meiste Krongut verschenkt, daß die meisten Abgaben und Leistungen erlassen waren, daß endlich, während in den Schatzkammern des Persischen Reichs ungeheuere Vorräthe von Gold und Silber aufgehäuft lagen, Alexander nach Beendigung seiner Rüstungen, die ihm achthundert Talente (etwa zweimalhunderttausend Thaler) kosteten, nicht mehr als siebenzig Talente übrig hatte, den Krieg gegen Asien zu beginnen, so erscheint freilich das Unternehmen tollkühn und fast chimärisch.

Indeß ergiebt eine genauere Betrachtung der Umstände, daß Alexanders Pläne allerdings kühn, aber nicht unbesonnen, sondern durch die vorhandenen Kräfte und Mittel ausführbar waren. Um die Möglichkeit der Unternehmungen und die Nothwendigkeit ihres Erfolges, um die Organisation der Armee und die Eigenthümlichkeit ihrer Operationen zu begreifen, muß man die Analogie neuerer Feldzüge vergessen, da ja der Krieg, so wenig, wie alles Geschichtliche, von normalen Bedingungen und Gesetzen abhängig, mit den lokalen und geschichtlichen Verhältnissen, auf die er sich bezieht, seine Mittel, seinen Zweck und seine Theorie ändert; die Heere, die den Orient bezwungen, vermochten nicht der Römischen Legion zu widerstehen.

Was die finanziellen Verhältnisse anbetrifft, so hat man vor allem zu berücksichtigen, daß Alexander in Feindes Land zog, in 93 dem er Schätze und Vorräthe aller Art zu finden hoffen durfte; war einmal sein Heer gerüstet, und Geld und Lebensmittel für so lange vorräthig, bis man dem Feinde gegenüber stand, so bedurfte es im Uebrigen einer großen Kriegscasse nicht, da die Kriege jener Zeit nicht durch kostbaren Schießbedarf und weitläuftiges Gespannwerk vertheuert wurden. Auf diese Weise war Alexander durch den Mangel an Geld nicht behindert, während der Großkönig und die Persischen Satrapen mit ihren vielgepriesenen Schätzen den Macedonischen Soldaten desto willkommnere Feinde waren.

Wesentlicher erscheint das Misverhältniß der Macedonischen Seemacht. Der Perserkönig konnte über vierhundert Segel gebieten; seine Flotte war die der Phönicier, der besten Seeleute der alten Welt; sie hatte, wenigstens in der letzten Seeschlacht, die Hellenen besiegt. Die Macedonische Seemacht, von Philipp gegründet, aber bisher noch nicht erprobt, war von keiner Bedeutung; die Flotte, die jetzt gegen die der Perser ausziehen sollte, bestand zum großen Theil aus den Trieren der Griechischen Bundesstaaten, von denen natürlich nicht immer die größte Hingebung erwartet werden konnte. Alexanders Pläne waren ganz auf die Trefflichkeit seiner Landmacht gegründet, und die Flotte nur dazu da, um jene in ihren ersten Bewegungen zu sichern. Nachdem sie diesen Zweck erfüllt, wurde sie lästig und hinderlich; Alexander nahm deshalb bald die Gelegenheit wahr, sie aufzulösen.

Was endlich das Macedonische Landheer anbelangt, so erkennt man in dessen Einrichtung ein seltenes Zusammenwirken glücklicher Umstände und großer militärischer Talente. Die moralische Ueberlegenheit Griechischer Heere gegen die materielle der Persischen hatte sich seit fast zwei Jahrhunderten in jedem Kriege immer herrlicher bewährt; je mehr sich die Kriegskunst bei den Griechen in heimischen und auswärtigen Kämpfen entwickelte, desto gefährlicher wurde sie den Kriegsvölkern des Persischen Reiches; Alexanders Heer voll Kampflust und stolzer Erinnerungen, in aller Technik des Kriegshandwerkes ausgezeichnet, und in seiner durchaus zweckgemäßen Organisation der erste strategische Körper, den die Geschichte kennt, trug in sich selbst die Gewißheit des Sieges 1).

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1) Die Vorzüge der Hellenischen Waffen im Kampfe gegen die Barbaren sind sehr glücklich in Jul. Africanus cp. 1. (Math. Vett. p. 277. sq.) auseinandergesetzt.

 

94 Die Heere Asiens sind zu aller Zeit durch ungestümen Angriff, durch erdrückende Massen und durch ihr wildes Umherschwärmen, das selbst ihre Flucht gefährlich macht, ausgezeichnet gewesen. Dazu kam, daß stets viele Tausend Griechen im Persischen Solde standen, daß also Alexander wenigstens nicht ausschließlich auf Kämpfe gegen Barbaren zu rechnen hatte, sondern auch Hellenische Bewaffnung, Tapferkeit und Kriegskunst auf Seite der Feinde erwarten durfte; endlich mußte dem natürlichen Zwecke der großen Unternehmung gemäß die Beweglichkeit, welche die Offensive, die Stätigkeit, welche die Occupation fordert, in der Zusammensetzung seines Heeres zugleich berücksichtigt sein.

Die Macedonische Kriegsmacht bestand schon zu Philipps Zeit aus dreißigtausend Mann Fußvolk und zweitausend bis dreitausend Pferden; ungefähr die gleiche Truppenzahl hatte Alexander gegen Theben geführt; bei seinem Aufbruch nach Asien ließ er zwölftausend Mann Fußvolk und funfzehnhundert Reuter unter Antipaters Befehl in Macedonien zurück; ihre Stelle ersetzten achtzehnhundert Thessalische Ritter, fünftausend Mann Griechische Söldner, und die siebentausend Schwerbewaffneten, die von den Griechischen Staaten gestellt waren; außerdem folgten ihm fünftausend Triballer, Odryser, Illyrier u. s. w., und tausend bis zweitausend Bogenschützen und Agrianer als leichtes Fußvolk, sechshundert Mann Griechischer, neunhundert Mann Thracischer und Päonischer Reuterei; die Gesammtzahl seiner Truppen belief sich demnach auf nicht viel mehr als dreißigtausend Mann Fußvolk und etwas über fünftausend Pferde. So, mit geringen Abweichungen, wie sie der Verlauf der Geschichte an die Hand giebt, die Angaben Diodors. Der Lagide Ptolemäus hatte in seinen Denkwürdigkeiten dieselben Zahlen; nach ihm wiederholt sie Arrian. Wenn Anaximenes vierunddreißigtausend Mann zu Fuß und fünftausendfünfhundert Pferde zählt, so rechnet er vielleicht das Corps, das schon von Philipp nach Asien vorausgesandt war, mit hinzu. Kallisthenes Angabe auf vierzigtausend Mann Fußvolk, ist offenbar zu groß.

Die Gesammtmassen des Fußvolkes und der Reuterei waren nicht nach Art der Legionen oder Brigaden, sondern nach der Waffe in Massen und zum Theil nach Landsmannschaften getheilt; gerade die Vorzüge des Macedonischen Heeres bedingten diese nach den 95 heutigen Verhältnissen mangelhafte Anordnung; die Phalanx wäre nicht mehr Phalanx gewesen, wenn sie mit Reuterei, mit leichtem Fußvolke, mit Thracischen Schleuderern zu kleineren Ganzen vereint gekämpft hätte. Erst das Allgemeinerwerden des kleinen Krieges hat es nöthig gemacht, daß die Theile des Heeres selbstständig und von der Gesammtorganisation Wiederholungen im Kleinen sind; gegen Feinde, wie die Völkermassen Asiens sind, die ohne Ordnung und Uebung zu einem Hauptschlage zusammengerafft, mit einer Niederlage Alles verloren geben, mit einem Siege über organisirte Truppen nichts als erneute Gefahr gewinnen, gegen solche Feinde haben gleichförmig geordnete, gediegene Massen den Vorzug der Einfachheit, Massenwirkung und innerer Stätigkeit; und in denselben Gegenden, wo Alexanders Phalanx Darius Heere übermannte, unterlagen sieben Römische Legionen den ungestümen Angriffen der Parther. Im Großen und Ganzen war Alexanders Heer zu solchen Hauptschlägen eingerichtet; seine Phalangen, seine schwere Reuterei waren darum die Hauptmasse des Heeres.

Das Eigenthümliche der Phalanx bestand in der Bewaffnung der Einzelnen und in ihrer Zusammenordnung. Sie waren schwerbewaffnet im Griechischen Sinne, gerüstet mit Helm, Harnisch und einem Schilde, der den ganzen Leib deckte, ihre Hauptwaffe war die Macedonische Sarissa, eine Lanze von mehr als zwanzig Fuß Länge, und das kurze Griechische Schwert. Ganz bestimmt für das Nahgefecht in Masse, mußten sie so geordnet sein, daß sie einerseits den heftigsten Anlauf des Feindes ruhig erwarten, andererseits die feindlichen Reihen mit einem Anlaufe zu durchbrechen sicher sein konnten; darum standen sie in der Regel sechszehn Mann tief, indem die Lanzen der ersten fünf Glieder über die Fronte hinausragten, dem gegen sie anstürmenden Feinde eine undurchdringliche, ja unangreifbare Mauer; die folgenden Reihen legten ihre Sarissen auf die Schultern der Vordermänner, so daß der Angriff der Phalanx durch die furchtbare Doppelgewalt der Schwere und Bewegung durchaus unwiderstehlich war. Nur die vollendete gymnastische Ausbildung der Einzelnen machte die Einheit, Präcision und Schnelligkeit, mit welcher die auf engen Raum zusammengedrängte Menschenmasse die künstlichsten Bewegungen ausführen mußte, möglich. Alexander hatte etwa achtzehntausend dieser 96 Schwerbewaffneten, das sogenannte Fußvolk der Getreuen 2), die in sechs Divisionen vertheilt, bei Eröffnung des Feldzuges unter den Generalen Perdikkas, Könus, Kraterus, Amyntas Andromenes Sohn, Meleager und Philipp Amyntas Sohn standen; wenigstens der Kern dieser Truppen war Macedonisch, und die Divisionen nach den Macedonischen Landschaften benannt, aus denen sie rekrutirt wurden; so war die des Könus aus Elymiotis, die des Perdikkas aus Orestis und Lynkestis, die des Philipp, die später Polysperchon führte, aus Stymphäa u. s. w. 3).

Was die Phalanx unter dem Fußvolke, waren die Macedonischen und Thessalischen Ilen unter der Reuterei; beide bestanden aus Schwergeharnischten, sie waren der ritterliche Adel Macedoniens und Thessaliens; gleich an Waffen, Geburt und Ruhm, wetteiferten sie, unter den Augen des Königs sich auszuzeichnen, der in der Regel an ihrer Spitze focht. Von welcher Bedeutung diese Waffe für Alexanders Unternehmung war, zeigt sich fast in jedem Gefechte; gleich furchtbar im Einzelnkampf und in Massenangriffen, waren sie durch Ordnung und Rüstung der leichten Asiatischen Reuterei, in wie großen Schwärmen sie auch erscheinen mochte, überlegen, ihre Angriffe auf das feindliche Fußvolk in der Regel entscheidend. – Nach Diodors Angabe bestand die Thessalische und Macedonische Ritterschaft jede aus funfzehnhundert Rittern; aber er rechnet mit Kallisthenes im Ganzen nur viertausendfünfhundert Mann Reuterei im Macedonischen Heere, während die besseren Autoren mehr als fünftausend angeben; und nimmt man eine alte Correctur, die sich in einem Manuscripte Diodors befindet, und jedem der beiden Corps achtzehnhundert Mann giebt, an, so erhält man die offenbar richtige Gesammtzahl von fünftausendeinhundert Mann Reuterei. Beide Ritterschaften waren auf gleiche Weise bewaffnet; den Oberbefehl über die Thessalische hatte Kalas, des Harpalus Sohn, über die Macedonische Philotas, des Parmenion Sohn. Letztere hatte natürlich den ersten Rang in der Macedonischen Armee überhaupt, und führte den Namen Ritterschaft

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2) πεζέτειροι cf. St. Croix p. 433. — 3) Diod. XVII. 57.

 

97 der Getreuen oder die Getreuen des Königs 4). Sie besteht aus acht Ilen oder Geschwadern, die bald nach Macedonischen Kreisen, bald nach ihren Ilarchen (Obersten) benannt werden. In der Schlacht von Arbela stehen die einzelnen Geschwader unter Klitus, Glaukias, Ariston, Sopolis, Heraklides, Demetrius, Meleager und Hegelochus, der an Sokrates Stelle eingerückt war. Das Geschwader des Sopolis hieß nach Amphipolis am Strymon, das des Heraklides nach der Landschaft Bottiäis, das des Sokrates nach Apollonia auf der Chalcidice, drei andere Geschwader nach Anthemus, nach Aegä 5) und dem oberen Macedonien; das des Klitus endlich wurde die königliche Ile genannt, hatte wieder unter der Macedonischen Ritterschaft den ersten Rang 6), und bildete das Agema oder königliche Geleit der Ritterschaft. – Außer diesen Rittern Macedoniens und Thessaliens befanden sich noch sechshundert Griechische Reuter beim Heere; sie waren in der Regel den Thessalischen zugeordnet, und offenbar mit ihnen gleich bewaffnet und geübt; den Befehl über sie hatte Philipp, des Menelaus Sohn. –

Dem Range nach sogleich hinter der Ritterschaft folgte die eigenthümlich Macedonische Truppe der Hypaspisten. Schon der Athener Iphikrates hatte, um eine Waffe zu haben, die behender zum Angriffe als die Hopliten, und schwerer als die Leichtbewaffneten wäre, ein Corps mit linnenen Panzern, mit leichterem Schild und längerem Schwert, als die Hopliten trugen, unter dem Namen von Peltasten errichtet. In Macedonien war diese neue Waffengattung mit Beifall aufgenommen; für den Dienst um die Person des Königs war der Phalangite zu schwer, der Leichtbewaffnete weder würdig noch brauchbar; so wurde diese Mittelgattung dazu ausersehen, indem sie von dem hohen Schilde, der sogenannten Aspis, den sie von den Phalangen annahm, den Namen der Hypaspisten erhielt. Zu einem Kriege gegen Asiatische Völker war gerade diese Waffe von außerordentlichem Nutzen; denn nur zu oft

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4) ἵππος τῶν ἑταίρων, τό ἑταίρικόν ἵππος ἑταιρική, οἱ ἀμφ' αὐτὸν ἵππεῖς. — 5) Arrian II. 9. τὴν Λευγαίαν καλουμένην hält St. Croix für eine Anspielung auf den Lagiden Ptolemäus; ich lese Αἰγαίαν nach der alten Hauptstadt des Reiches. — 6) Curt. V. 4. 21. verglichen mit Arrian. III. 18. 8.

 

98 hinderte das Terrain den vollen Gebrauch der Phalanx, öfter noch waren Ueberfälle, rasche Züge, Handstreiche jeder Art zu wagen, zu denen die Phalangen nicht beweglich, die leichten Truppen nicht fest genug waren; Höhen zu besetzen, Flußübergänge zu forciren, Cavallerieangriffe zu unterstützen und zu benutzen, waren diese Hypaspisten vor Allen geeignet. Daß ihre Zahl sich auf sechstausend Mann belief, sieht man daraus, daß in der Schlachtlinie des schweren Fußvolkes vier Divisionen der Phalanx, im Belauf von zwölftausend Mann, den linken Flügel, zwei andere Divisionen, im Belauf von sechstausend Mann, und diese Hypaspisten den rechten Flügel bildeten 6a). Das ganze Corps führte Nikanor, dessen Bruder Philotas die Ritterschaft der Getreuen befehligte, und dessen Vater Parmenion als General der Phalangen bezeichnet wird. Die sechs Chiliarchien, aus denen es bestand 7), scheinen in ähnlicher Weise,

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6a) Noch in späterer Zeit bestand dies Corps im Macedonischen Heere, und zwar ziemlich in derselben Stärke; Polyb. IV. 37. 67. Perseus Heer, das dem Alexanders nahe kam, enthielt dreitausend Cetrati und zwei Agemen von dreitausend Mann; Liv. XLII. 51. — 7) Chiliarchien der Hypaspisten werden mehrfach genannt; Arrian. V. 23. IV. 30. I. 22. Nach Curt. V. 2. 3. sollte man meinen, daß erst seit der Veränderung im Heere, die zu Babylon vorgenommen wurde, die Hypaspisten nach Chiliarchien vertheilt seien, und daß früher je fünfhundert Mann eine Abtheilung bildeten; Curtius irrt und verwirrt, wie oft. Allerdings war fünfhundert bei den Hypaspisten, wie bei den Phalangen Fundamentalzahl (cf. Jul. African. cp. 72. p. 312); denn dreitausend Mann bilden stets eine Taxis (Division) von sechs Abtheilungen zu fünfhundert Mann, die sechszehn Mann tief und einunddreißig Mann Front stehen, die zweiunddreißigste Reihe enthält die vier Hauptleute über je hundertundvierundzwanzig Mann; im Flankenmarsch bildet jede dieser Abtheilungen eine Fronte von sechszehn Mann, mit der Tiefe der doppelten Phalanx (zweiunddreißig Mann). Zu erwähnen bleiben noch die verschiedenen Arten der σωματοφύλακες, die sonderbarer Weise alle in gleicher Art βασιλικοὶ heißen. Nämlich die βασιλικοὶ παῖδες, die Edelknaben des Königs, sind, wie man an Pausanias Beispiel und aus vielen Stellen des Diodor und Curtius steht, die königliche σωματοφυλακία, das seminarium ducum praefectorumque, die Edelgarde des Königs. Die sogenannten sieben σωματοφύλακες, wie Leonnatus, Ptolemäus, Ba-

 

99 wie die Phalangen, nach Landschaften getheilt gewesen zu sein. Die erste Chiliarchie war die des Seleukus, welche den Namen der königlichen Hypaspisten führte, und in der die Söhne edler Familien ihre ersten Kriegsdienste als Edelknaben des Königs machten 8); die zweite führte den Namen des königlichen Geleites der Hypaspisten, und hatte die Wache vor dem Königszelt 9).

Von eigenthümlicher Wichtigkeit waren die leichten Truppen des Macedonischen Heeres; sie kamen aus den Ländern der Odryser, Triballer, Illyrier, Agrianer und dem oberen Macedonien; je nach der Art ihres Landes mit Schutz- und Trutzwaffen gerüstet, durch das in ihrer Heimath übliche Jagen und Wegelagern, und die unzähligen kleinen Kriege ihrer Häuptlinge geübt, waren sie zum fliegenden Gefecht, zur Deckung des Marsches, zu alle dem, was in neueren Kriegen Sache der Panduren, Kroaten, Bergschotten zu sein pflegt, von entschiedenem Nutzen. Am berühmtesten sind die Agrianischen Jäger und Macedonischen Bogenschützen geworden, zusammen vielleicht ein Corps von zweitausend Mann 10); es ist fast kein Gefecht, in dem sie nicht eine wichtige Rolle spielten; mit welcher Hingebung sie kämpften, beweiset der Umstand, daß in einem Jahre dreimal die Stelle eines Toxarchen neu besetzt werden mußte; bei Eröffnung des Feldzuges hatte sie Klearch, so wie Attalus das Kommando über die Agrianer. Die übrigen leichten Truppen, gewöhnlich mit gemeinschaftlichem Namen Thracier genannt, standen in der Stärke von fünftausend Mann 11) unter des Thracischen Fürsten Sitalces Befehl. Es ist klar, daß Alexander in diesen Truppen ein strategisches Element in Aufnahme brachte, welches bis dahin so gut wie nicht vorhanden gewesen war;

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lacer, möchte man genauer ἀρχισωματοφύλακες mit der späteren Zeit nennen; es scheint nicht, daß sie Befehlshaber der Hypaspisten oder dem Aehnliches, sondern gleichsam Generaladjudanten des Königs waren. — 8) Cf. Curt. V. 2. 3 etc. — 9) Arrian V. 13. 8. — 10) So viele nennt Arrian I. 6. Diodor im Katalog nur tausend. Daß die Schützen Macedonier hießen und auch wohl größten Theils waren, sieht man aus Arrian III. 12.; doch folgten dem Könige auch Kretensische Bogenschützen als Söldner; Arrian. II. 9. 5. — 11) Eine Randglosse zum Diodor nennt siebentausend.

 

100 wenigstens hatten in den Griechischen Heeren vor ihm die leichten Truppen weder durch ihre Anzahl, noch durch ihre Anwendung große Bedeutung erlangen, auch einer gewissen Geringschätzung nicht frei werden können, die bei der Neigung der Griechen zum Kampf mit blanker Waffe, und noch mehr wegen des Umstandes, daß ihr leichtes Fußvolk theils aus der Hefe des Volkes, theils aus Barbarischen Söldnern bestand, natürlich war; jetzt traten leichte Truppen auf, deren nationale Eigenthümlichkeit sich gerade in dieser Kampfweise bewährte, und deren Stärke und Ruhm in jener Kunst heimlicher Ueberfälle, lärmender Angriffe, scheinbar verwirrter Rückzüge bestand, die Griechischen Kriegern zweideutig und zwecklos erschien. Der berühmte Spartanische Feldherr Brasidas selbst gestand, daß der Angriff dieser Völkerschaften, mit ihrem wildschallenden Feldgeschrei und dem drohenden Schwenken ihrer Waffen etwas Schreckendes, ihr willkührliches Ueberspringen aus Angriff in Flucht, aus Unordnung in Verfolgung etwas Furchtbares habe, davor nur die strenge Ordnung eines Hellenischen Kriegshaufens zu sichern vermöchte. In der That konnten diese Schaaren ihren Zweck vollkommen erfüllen, weil sie, von Natur leichte Truppen, mit den geschlossenen Massen des Heeres combinirt, zu nichts weiter, als was ihrer Natur entsprach, verwendet zu werden brauchten.

Ein ähnliches Verhältniß war das der leichten Reuterei im Macedonischen Heere; sie bestand besonders aus Odrysern, Thraciern und Päoniern, Völkerschaften, deren Tüchtigkeit im Reuterdienst seit den ältesten Zeiten berühmt gewesen ist. Sie waren zusammen, nach Diodors vielleicht zu geringer Angabe, neunhundert Pferde stark; wenn derselbe angiebt, daß sie ein Corps unter Kassanders Führung ausgemacht hätten, so ist das ein Irrthum; vielmehr standen die Päonier unter Aristons, die Odrysischen Thracier unter Agathons, die vier Ilen Thracischer Plänkerer oder Sarissophoren unter Protomachus Führung 12).

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12) Viele Schriftsteller rühmen die Waffe der Dimachai (ähnlich den früheren Dragonern), die von Alexander erfunden sein soll; das Wesentliche der Sache scheint darauf hinauszulaufen, daß Alexander zu rascherer Verfolgung bisweilen Schwerbewaffnete aufsitzen ließ; s. Arrian. III. 4. cf. Freinsh. ad Curt. V. 13. 8.

 

101 Die Fundamentalschlachtordnung des Macedonischen Heeres war folgende: das Heer bildete zwei Flügel, von denen der linke unter Parmenions Anführung stand, der rechte unter Alexander in der Regel den Hauptangriff machte. Das Fußvolk beider Flügel, vier Divisionen Phalanx links, und zwei Divisionen nebst den Hypaspistencorps rechts, bildeten die Hauptlinie; an diese schloß sich die leichte und schwere Reuterei und das leichte Fußvolk an, und zwar waren auf dem rechten Flügel stets die acht Ilen der Macedonischen Ritterschaft, die Päonischen Reuter und Plänkerer, die Agrianischen Jäger und Bogenschützen; auf dem linken Flügel stets die Thessalische Ritterschaft nebst den Griechischen Reutern, die Odrysischen Thracier des Agathon, endlich die Masse des leichten Fußvolkes, die oft aus der Schlachtlinie zur Deckung des Lagers und der Bagage ausgesondert wurde. Zur Entwickelung der ganzen Schlachtlinie war bei der gedrängtesten Aufstellung, wenn die Phalanx verschildet und sechszehn Mann tief, die Reuterei acht Pferde tief stand, wenigstens eine Ebene von einer halben Meile Breite erforderlich; in der Regel aber bildete die Phalanx allein eine Linie von fast fünftausend Schritten. –

So die Armee, mit der Alexander das Morgenland zu erobern gedachte; verhältnißmäßig gering der Zahl nach hatte sie in ihrer organischen Gestaltung, in der trefflichen Kriegsübung der einzelnen Corps, in der moralischen Kraft Aller, endlich in der Persönlichkeit des Königs und der Generale alle Aussicht auf glücklichen Erfolg; das Perserreich war nicht dazu angethan, Widerstand zu leisten; in seiner Ausdehnung, in dem Verhältniß der beherrschten Völker, in dem mangelhaften Charaker der Verwaltung und der Heeresmacht lag die Nothwendigkeit seines Falles.

Betrachtet man den Zustand des Perserreiches, wie er zu der Zeit war, als Darius Kodomannus den Thron bestieg, so erkennt man leicht, wie alles in Auflösung und zum Untergange reif war. Der Grund war nicht die Sittenverderbniß des Hofes, des herrschenden Stammes, der beherrschten Völker; stete Begleiterin des Despotismus, thut sie niemals der despotischen Gewalt Abbruch, und das größeste Reich der neueren Zeit giebt den Beweis, wie mitten unter der scheußlichsten Liederlichkeit des Hofes, unter steten Kabalen und Schändlichkeiten der Großen, unter gewaltsamem Thron102wechsel und unnatürlicher Grausamkeit gegen die eben noch allmächtige Parthei der Despotismus immer weitere und weitere Grenzen gewinnt. Persiens Unglück war eine Reihe schwacher Regenten gewesen, welche die Zügel der Herrschaft nicht so fest anzuziehen vermocht hatten, wie es zum Bestehen des Reiches nöthig war; daraus folgte, daß in den Völkern die sclavische Furcht, in den Satrapen der blinde Gehorsam, im Reiche die einzige Einheit schwand, die es zusammenhielt; so nahm in den Völkern, die überall noch ihre alte Religion, ihre Gesetze und Sitten, und zum Theil einheimische Fürsten hatten, das Verlangen nach Selbstständigkeit, in den Satrapen, zu mächtigen Statthaltern großer und entfernter Länderstrecken, die Begier nach unabhängiger Macht, in dem herrschenden Volke, das im Besitz und der Gewohnheit der Gewalt die Bedingungen ihrer Gründung und ihrer Dauer vergessen hatte, die Gleichgültigkeit gegen den Großkönig und gegen das Geschlecht der Achämeniden überhand. In den hundert Jahren fast gänzlicher Unthätigkeit, welche auf Xerxes Kriegszug nach Europa gefolgt waren, hatte sich in dem Griechischen Lande eine eigenthümliche Kriegskunst entwickelt, mit der sich Asien zu messen verlernt hatte; Griechische Waffe erschien mächtiger als die ungeheueren Völkerheere Persiens, ihr vertrauten sich die Satrapen, wenn sie sich empörten, ihr der König Ochus, als er den Aufstand in Aegypten zu unterdrücken auszog; so daß das Königthum, auf die Siege der Persischen Waffen gegründet, sich durch Griechische Söldner zu schützen genöthigt war.

Allerdings hatte Ochus noch einmal die Einheit des Reiches äußerlich hergestellt, und mit der fanatischen Strenge, die den Despoten gebührt, seine Macht geltend zu machen gewußt; aber es war zu spät; er selbst versank in Unthätigkeit und Schwäche, die Satrapen behielten ihre allzumächtige Stellung, und die Völker, namentlich der westlichen Satrapien, vergaßen unter dem erneuten Druck nicht, daß sie schon nahe daran gewesen, ihn abzuthun. Nach neuen und furchtbaren Verwirrungen war endlich der Thron an Darius gekommen; er hätte statt tugendhaft energisch, statt sanftmüthig grausam, statt ehrwürdig Despot sein müssen, wenn das Reich durch ihn sollte gerettet werden; er hatte die Achtung der Perser, und alle Satrapen waren ihm ergeben, aber das rettete 103 nicht; er wurde geliebt, nicht gefürchtet, und bald sollte sich zeigen, wie den Großen des Reiches ihr eigener Vortheil höher galt, als die Gunst und die Vertheidigung eines Herrn, an dem sie Alles, nur nicht Herrschergröße bewunderten.

Darius Reich erstreckte sich vom Indus bis zum Hellenischen Meere, vom Jaxartes bis zur Libyschen Wüste. Seine oder vielmehr seiner Satrapen Herrschaft war nicht nach dem Charakter der verschiedenen Völker, über die sie herrschten, verschieden; sie war nirgends volksthümlich, nirgends durch eine von ihr ausgehende Organisation gesichert, sie beschränkte sich auf momentane Willkühr, auf stete Erpressungen, und auf eine Art Erblichkeit, wie sie, ganz gegen den Sinn einer despotischen Herrschaft, unter den schwachen Fürsten üblich geworden war, so daß der Großkönig kaum noch eine andere Gewalt über sie hatte, als die der Waffen oder die, welche sie aus persönlichen Rücksichten anerkennen mochten. Die volksthümlichen Zustände, welche in allen Ländern des Persischen Reiches fortbestanden, machten den morschen Koloß nur noch unfähiger, sich zur Gegenwehr zu erheben; die Völker von Iran, Turan und Ariana waren allerdings kriegerisch, und mit jeder Art von Herrschaft glücklich, so lange sie diese zu Krieg und Plünderung führte, und Hyrkanische, Baktrische, Sogdianische Reuter bildeten die stehenden Satrapenheere in den meisten Provinzen; aber besondere Anhänglichkeit für das Persische Königthum war keinesweges bei ihnen zu finden, und so furchtbar sie einst in den Völkerheeren des Cyrus und Cambyses zum Angriff gewesen waren, eben so unfähig waren sie zur ernsten und gehaltenen Vertheidigung, zumal wenn sie Griechische Kriegskunst und Tapferkeit gegenüber hatten. Die westlichen Völker gar, stets nur durch Gewalt und oft mit Mühe in Unterwürfigkeit gehalten, waren, wenn ein siegreicher Feind ihren Grenzen nahete, gewiß bereit, die Persische Sache zu verlassen; kaum waren die Griechen der Kleinasiatischen Küste durch Tyrannen, deren Existenz von der Macht der Satrapen und des Reiches abhing, in Abhängigkeit zu erhalten, und die Völker im Inneren der Halbinsel hatten, seit zwei Jahrhunderten im härtesten Druck, weder die Kraft noch das Interesse, sich für Persien zu erheben; selbst an den früheren Empörungen der Kleinasiatischen Satrapien hatten sie nicht Theil genommen, sie waren stumpf, träge 104 und ohne Erinnerung ihrer Vergangenheit. Dasselbe galt von den beiden Syrien diesseits und jenseits der Wasser; die Knechtschaft langer Jahrhunderte hatte die Völker zur tiefsten Erschlaffung hinabgedrückt, und mit widerlicher Gleichgültigkeit ließen sie über sich ergehen, was auch kommen mochte; nur an der Küste Phöniciens war das alte bewegliche Leben, mit ihm mehr Gefahr, als Treue für Persien, und nur die Eifersucht gegen Sidon und der eigene Vortheil vermochte Tyrus den Persern treu zu erhalten; Aegypten endlich hatte niemals seinen Haß gegen die Fremdlinge aufgegeben oder verleugnet, und die Verwüstungen des Ochus konnten es wohl lähmen, aber nicht gewinnen. Alle diese Länder, von dem Persischen Reiche zum eigenen Verderben erobert, waren bei einem Angriffe von Westen her schon so gut wie verloren.

Deshalb hatte die Persische Politik, die mit der wachsenden Schwäche des Reiches immer eifriger und intriguanter geworden war, keine höhere Sorge, als die Eifersucht der Griechischen Staaten zu nähren, die Mächtigen zu schwächen, die Schwachen aufzureizen und zu unterstützen, und durch ein ausgebildetes System von Bestechungen und Verfeindungen eine Gesammtthätigkeit, wie sie von den Edlen des Volkes laut gefordert wurde, und der Persien nicht Widerstand zu leisten vermocht hätte, zu hintertreiben. Lange war dies gelungen, bis endlich das Macedonische Königthum, schnell und sicher vorwärts schreitend, alle diese Bemühungen zu Schanden zu machen drohte; umsonst hatte Persisches Gold dem Könige Philipp wirksamen Widerstand zu erwecken versucht; er siegte bei Chäronea, er ward in Korinth zum Feldherrn gegen Asien ernannt; die Rüstungen wurden begonnen, mit dem Frühjahre 336 setzte ein Macedonisches Heer von etwa zehntausend Mann unter Attalus und Parmenion nach Asien über, und drang siegreich vor; es war am Tage, daß die größere Gefahr nahe sei. Der König Darius hatte eben jetzt den Thron bestiegen; dem Rhodier Memnon, dem Bruder des kürzlich verstorbenen Mentor, dem Freunde und Verwandten des treuen Artabazus, wurde der Befehl, schleunigst den Macedoniern entgegenzuziehen und die Grenzen des Reiches zu schützen. Dieser ausgezeichnete Feldherr zog in der Eile viertausend Griechische Söldner zusammen und rückte mit diesen gegen Magnesia, bis wohin Attalus bereits vorgedrungen war; es gelang ihm, 105 durch geschickte Manöver dem Feinde vielfachen Verlust beizubringen, und durch eine stark verschanzte Position in der Nähe der Stadt den Attalus, welcher das Kommando weniger seinem Feldherrntalente, als der Verschwägerung mit König Philipp verdanken mochte, am weiteren Vordringen zu hindern 13). Indeß war leicht zu sehen, daß auf diese Weise wohl ein einzelnes Corps, nicht aber das Macedonisch-Griechische Heer, dessen Avantgarde es war, und welches bereits sich zum Uebergange nach Asien rüstete, aufzuhalten sei; eben so wenig konnte bis zu dessen Ankunft ein Persisches Reichsheer aufgeboten, zusammengezogen und nach Kleinasien gesandt sein; es schien am leichtesten und gerathensten, die Gefahr in ihrer Wurzel zu ertödten. So wurden Verbindungen am Macedonischen Hofe angeknüpft, die Parthei der Lynkestier durch Aussicht auf den Thron gewonnen, König Philipp ermordet; das gefürchtete Unternehmen schien mit einem Schlage vereitelt, die Unruhen, die in Thessalien, Griechenland, Thracien, Illyrien ausbrachen, ließen die letzte Besorgniß verschwinden; und als nun gar Attalus an der Spitze seines Heeres, und gewiß im Einverständniß mit Persien, sich gegen Alexanders Thronbesteigung erklärte, da schienen die Persischen Intriguen noch einmal den vollständigsten Sieg über Macedonien davon getragen zu haben. Indeß hatte Alexander bald die Angelegenheiten Macedoniens geordnet, Griechenland beruhigt, Attalus war als Hochverräther angeklagt und hingerichtet, die Truppen schnell zur Treue zurückgekehrt, die Feindseligkeiten auf der Astatischen Küste von Neuem begonnen; Parmenion mit dem einen Theile des Heeres suchte sich von Grynion aus (denn die Stellung von Magnesia scheint Attalus aufgegeben und sich von dort gegen den Hellespont zurückgezogen zu haben) der Aeolischen Küstenstädte zu bemächtigen, Kalas aber, des Harpalus Sohn, sich an der Spitze der übrigen Truppen in der Landschaft Troas festzusetzen. Der Eifer, mit dem diese Unternehmungen betrieben wurden, und die erneuten Verpflichtungen der Hellenischen Staaten zum Perserkriege, zeigten, daß man sich Persischer Seits in der Hoffnung auf Frieden getäuscht habe; die Abwesenheit Alexanders in Thracien und Illyrien wurde benutzt, um neue Empörungen in Griechenland zu erregen;

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13) Polyaen. V. 44. cf. Diodor XVII. 7.

 

106 und Memnon erhielt zum zweiten Male Befehl, gegen die Macedonier auf der Küste zu kämpfen. An der Spitze von fünftausend Griechischen Söldnern eilte er aus seinen Besitzungen am Skamander 14) über das Idagebirge nach Cyzikus, dem wichtigsten Hafenplatz an der Propontis, von wo aus die Küste bis zum Hellespont beherrscht wurde; fast wäre es ihm gelungen, sich der Stadt, deren Thore, da man Kalas Heer zu sehen glaubte, nicht geschlossen waren, zu bemächtigen; da das mislang, verwüstete er das Gebiet der Stadt 15) und eilte gen Aeolis, wo Parmenion schon Pitane belagerte; Memnons Erscheinen entsetzte die Stadt. Dann brach er schnell nach Troas auf, wo Kalas bereits bedeutend vorgedrungen war; die Stadt Lampsakus, ganz der Persischen Sache ergeben, gab seinen Bewegungen einen trefflichen Stützpunkt 15b); an Truppen überlegen, siegte er in einem Gefechte, und Kalas war gezwungen, sich an den Hellespont zurückzuziehen und sich auf die feste Stellung von Rhötion zu beschränken 16). Es ist auffallend, daß Memnon hier seine Bewegungen einstellte, bevor er die Macedonier ganz aus Asien verdrängt hatte, daß er sie auf einer Küste, die ihnen bei der überlegenen Seemacht Persiens leicht gesperrt werden konnte, im Besitz zweier so wichtigen Positionen ließ, von denen die eine den Hellespont und den Uebergang nach Asien beherrschte, die andere nicht nur der Macedonischen Seemacht in der Cumäischen Bucht eine treffliche Rhede bot, sondern auch mitten unter den Aeolischen Stämmen und dem befreundeten Mitylene nah auf die ersten Erfolge eines Krieges entscheidenden Einfluß ausüben konnte. Einem Feldherrn, wie Memnon war, konnten diese Uebelstände nicht entgehen; die Satrapen warfen ihm späterhin vor, daß er, um sich unentbehrlich zu machen, den Krieg zu verlängern suche; entweder das, oder die Eifersucht der Satrapen nahm ihm die Mittel, jene Fehler zu verbessern.

Der Gang, welchen die Verhältnisse in Hellas zu Gunsten Alexanders genommen hatten, die Rüstungen, welche während des

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14) Namentlich die Städte Ilion, Cebren und Skepsis an den Aesopusquellen; Demosth. in Aristoer. p. 602. — 15) Polyaen. l. c.15b) v. Freinsheim supplem. Curl. I. 3. 28. Aristol. Oecon. II. p. 1351. b. — 16) Diod. XVII. 7.

 

107 Winters 335 in Macedonien gemacht worden waren, ließen keinen Zweifel mehr obwalten, daß der gefürchtete Heereszug des Macedonischen Königs mit dem nächsten Frühling begonnen werde. Deshalb erhielten die Satrapen Vorderasiens Befehl, mit ihren Heeren in die Gegend des Hellesponts vorzurücken und dem Macedonier an der Schwelle Asiens die Spitze zu bieten, während zugleich die Phönicische und Cyprische Flotte aufgeboten wurde, nach den Hellenischen Gewässern zu eilen. Demnach versammelten sich die Heere der Satrapen, gegen zwanzigtausend Mann Persische, Medische, Baktrische, Hyrkanische Reuter in der Ebene von Zeleia am Aesopus; eben so viel 17) Griechische Schwerbewaffnete, theils Söldner, theils Kleinasiatische Griechen wurden zusammengezogen, und auf diese Weise ein Heer zusammengebracht, das, wie es der Erfolg zeigte, tapfer und groß genug war, um, gut geführt, den Feinden Widerstand zu leisten; aber der Großkönig hatte Niemanden den Oberbefehl übertragen, sondern die gemeinschaftliche Berathung der Anführer sollte über den Gang der Unternehmungen entscheiden; es waren namentlich Arsites, Satrap von Phrygien am Pontus, der zunächst bedrohten Landschaft, Spithridates, Satrap von Lydien und Jonien, Atizyes, Satrap von Großphrygien, Arsames, Satrap von Cilicien, Mithrobarzanes, Hyparch von Kappadocien, der Perser Omares und der Rhodier Memnon, die Führer des Griechischen Fußvolks, und mehrere Persische Große 18). Unfehlbar war unter diesen Memnon der bewährteste, wenn nicht der einzige Feldherr; doch als Grieche und Liebling des Königs verhaßt, hatte er im Kriegsrathe weniger Einfluß, als für die Persische Sache zu wünschen gewesen wäre.

Während dieser Rüstungen in Kleinasien war Alexander mit den seinigen so weit gediehen, daß er jetzt, mit Anbruch des Frühlings 334, den Zug gegen das Morgenland beginnen konnte. Nach vielen und großen Festlichkeiten, namentlich der Feier der Olympien

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17) So Arrian, und die Art der ersten Schlacht bestätigt seine Angabe vollkommen. Diodor nennt zehntausend Reuter und hunderttausend Mann Fußvolk, Justin gar sechshunderttausend Mann. — 18) Arrian II. 4. Diod. XVII. 19.

 

108 zu Aegä 19), die mit dem versammelten Heere auf das feierlichste begangen wurden, zog die Armee auf der großen Heerstraße 20) über Amphipolis am Strymon hin, über den Nessusfluß zum Chersones nach Sestos, wo sie am zwanzigsten Tage ankam; hier nahm Alexander von seiner Mutter und von der Heimath Abschied; schon war die Macedonische Flotte in den Hellespont eingelaufen, um das Heer nach Asien hinüberzusetzen, das sich auf der Küste des Meerarmes ausbreitete; Alexander selbst ging nach Eläus, den Troischen Gestaden gegenüber, auf dem Grabhügel des Protesilaus, des ersten Helden, der im Kriege gegen Troja gefallen war, zu opfern, damit ihm glücklicher als jenem der Zug gen Osten würde. Dann wurde das Heer eingeschifft; zweihundert Trieren und viele Lastschiffe kreuzten in diesen Tagen zwischen den schönen, in aller Frühlingspracht grünenden Gestaden des Hellesponts, den einst Xerxes gejocht und gegeißelt; Alexander, selbst am Steuer seines königlichen Schiffes, lenkte vom Grabe des Protesilaus aus nach der Bucht hinüber, die seit den Zeiten Achills und Agamemnons der Hafen der Achäer hieß, und an der die Grabhügel des Aias, des Achilles und Patroklus emporragten. Auf der Höhe des Hellesponts opferte der König und spendete für Poseidon und die Nereiden aus goldener Schaale. Dann nahete man dem Gestade; Alexanders Triere war die erste am Ufer; vom hohen Bord des Vorderschiffes schleuderte der König seine Lanze in das Land der Feinde, und sprang dann, der erste von Allen, in voller Rüstung an den Strand. Altäre, gebot er, sollten fortan die Stelle bezeichnen, wo Asiens Boden zuerst von dem Fuße seines Ueberwinders betreten worden. Dann zog er mit seinen Generalen und dem Geleit der Hypaspisten 21) nach den Ruinen Ilions, opferte im Tempel der Troischen Pallas, weihte ihr seine Waffen, und nahm statt deren von den heiligen Waffen aus der Zeit des Troischen Krieges. Auch am Altare des

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19) Ueber diese Feste weichen Arrians Angaben von denen anderer Autoren ab; die Sache ist von keinem Belang. — 20) Das Detail dieses Weges s. Cousinery p. 136 sqq., der sich indeß über den Bau der Macedonischen Flotte auf dem Kerkinissee in unhaltbaren Hypothesen ergeht. — 21) Mit Alexander fuhren sechszig Trieren; Diod.

 

109 heerdschirmenden Zeus opferte er dem Schatten des Priamus, um dessen Zorn gegen Achills Geschlecht zu versöhnen, da Achilles Sohn den greisen König am heiligen Heerde erschlagen hatte. Vor allem aber ehrte er das Andenken seines großen Ahnen Achilles, er kränzte und salbte des Helden Grab, das Grab des Patroklus sein treuer Freund Hephästion; dann wurden Wettkämpfe und Spiele dem Helden gefeiert, den Alexander bald um nichts, als den Herold seiner Thaten beneiden sollte. Endlich gebot er Troja wieder herzustellen, gab den Bürgern der neuen Stadt Freiheit und Immunität, und versprach ihrer noch weiter zu gedenken 22).

Nach diesen Festlichkeiten zog der König nach der Ebene von Arisbe, wo das übrige Heer, das unter Parmenions Führung 23) bei Abydos gelandet war, ein Lager bezogen hatte. Unverzüglich brach man auf, um den Feinden zu begegnen, von denen man wußte, daß sie etwa zwanzig Meilen ostwärts um Zeleia versammelt waren. Der Marsch ging über Perkote nach Lampsakus; diese Stadt hatte sich bisher entschieden für das Persische Interesse ausgesprochen, und durch ihr Benehmen gegen Memnon und seine Söldner Alexanders gerechten Unwillen auf sich geladen; jetzt wußten die Bürger keine andere Rettung, als durch eine Gesandtschaft des Königs Gnade zu erflehen; an ihrer Spitze stand Anaximenes, der als wissenschaftlicher Mann berühmt, und bei König Philipp früher gern gesehen war; auf seine Fürbitte verzieh Alexander der Stadt 24).

Von Lampsakus aus rückte das Heer unweit der Küste weiter,

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22) Die Citate zu diesen Sachen stehen bei Freinsheim suppl. Curt. II. 4.; cf. Boeckh corp. inscr. 1564. Uebrigens bezieht sich Strabo’s ἀναβάντα μετὰ τὴν νίκην natürlich auf den Zug nach dem oberen Asien, nicht auf einen zweiten Besuch in Troja, wie Wesseling sonderbarer Weise meint. — 23) Es wird nicht auffallen, daß derselbe Parmenion noch kurz zuvor in Grynion commandirte. Das darum, da nur Diodor jene frühere Expedition erwähnt hat. — 24) Paus. VI. 18. Suidas v. Alexander, so heißt es, schwur, das Entgegengesetzte von dem zu thun, was die Gesandten von Lampsakus bitten würden, worauf denn der Sophist ihn beschwor, die abtrünnige Stadt zu strafen.

 

110 indem der Lynkestier Amyntas, der durch längeren Aufenthalt in dieser Gegend bekannt war, mit fünf Geschwadern Reuterei vorausgesandt, die Gegend recognoscirte; es ergab sich die Stadt Priapus an der Propontis; durch ihren Hafen eine wichtige Position für das Weiterrücken des Heeres, wurde sie mit einer Macedonischen Besatzung versehen. Gerade jetzt war diese Stadt, die den Lauf des Granikus und die von demselben durchströmte Ebene Adrastea beherrscht, von doppelter Wichtigkeit, da nach den Berichten des Amyntas das Persische Heer an die Ufer des Granikus vorgerückt war, und demnach Alles den entscheidenden Schlag, nach dem Alexander und sein Heer so sehr verlangte, herbeizuführen sich vereinte.

Je wichtiger für Alexander ein möglichst baldiges Zusammentreffen mit dem Feinde sein mußte, desto mehr hätten es die Persischen Feldherrn vermeiden sollen. Memnon sah das sehr wohl ein, er hatte im Kriegsrathe zu Zeleia auf das lebhafteste widerrathen, einen Kampf zu beginnen, der kaum einen Sieg, und wenn man siegte, kaum einen Vortheil hoffen ließe: die Macedonier seien an Fußvolk den Persern weit überlegen und doppelt gefährlich, da sie unter Führung ihres Königs kämpfen würden, während Darius dem Persischen Heere fehle; selbst angenommen, daß die Perser siegten, so würde den Macedoniern der Rücken gedeckt und ihr Verlust nur der eines vergeblichen Angriffes sein; die Perser dagegen verlören durch eine Niederlage das Land, das sie zu vertheidigen hätten; das einzig Ersprießliche sei, jedes entscheidende Gefecht zu vermeiden; Alexander sei nur auf kurze Zeit mit Lebensmitteln versehen, man müsse sich langsam zurückziehen, eine Einöde hinter sich lassen, in der die Feinde keinen Unterhalt, kein Vieh, kein Obdach fänden, dann werde Alexander ohne Schlacht besiegt sein, durch kleinen Schaden dem größeren und unberechenbaren vorgebeugt werden. So Memnons Meinung; aber sie fand im Rathe der Persischen Feldherren kein Gehör, man hielt sie der Hoheit Persiens nicht würdig; namentlich widersprach Arsites, der als Satrap von Phrygien am Pontus durch jene Maaßregel allein verloren hätte: auch nicht ein Haus werde er anzünden lassen; er verlange, daß man kämpfe, des großen Königs Heere würden zu siegen wissen. Die übrigen Perser stimmten eben so sehr aus Kampflust, als aus Ab111neigung gegen den Griechischen Fremdling, der schon zu viel beim großen Könige gelte, und den Krieg nur, um seine Unentbehrlichkeit zu zeigen, verlängern zu wollen schiene, wider seinen Plan; so rückten sie den Macedoniern bis an den Granikus entgegen, und beschlossen, an den steilen Ufern dieses Flusses gelagert, jedes Weiterrücken Alexanders zu hindern; sie hatten sich an dem rechten Ufer so aufgestellt, daß unmittelbar am Flusse die Persische Reuterei, in einiger Entfernung hinter ihr die Griechischen Söldner lagerten.

Indeß rückte Alexander über die Ebene Adrastea dem Granikus zu, das schwere Fußvolk in die zwei Colonnen des rechten und linken Flügels getheilt, auf der rechten Flanke die Macedonische, auf der linken die Thessalische und Griechische Reuterei; die Packthiere mit dem größeren Theil des leichten Fußvolkes folgten im Rücken; die Vorhut bildeten die Plänkerer und etwa fünfhundert Mann leichtes Fußvolk unter Hegelochus Führung. Schon näherte sich die Hauptmasse dem Flusse, als eilends einige von den Plänkerern zurückgesprengt kamen, mit der Nachricht, die Feinde ständen jenseits des Flusses in Schlachtordnung, und zwar die Reuter in ausgedehnter Linie längs dem steilen und lehmigen Flußufer, eine Strecke rückwärts das Fußvolk auf den Anhöhen, welche die Ebene jenseits beherrschten. Alexander durchschaute die Fehler der feindlichen Disposition, welche die Waffe des ungestümen Angriffs zur Vertheidigung eines schwierigen Terrains, und die trefflichen Griechischen Söldner zu müßigen Zuschauern eines Kampfes machte, dem nur sie gewachsen waren; ein Angriff seiner ritterlichen Schaaren mußte hinreichen, das jenseitige Ufer und damit die Schlacht zu gewinnen, deren Erfolge zu sichern und zu benutzen ihm seine Phalangen und Bundesgenossen zu Gebot standen. Sofort ließ er rechts und links aufrücken in die Disposition der üblichen Schlachtordnung, während sich seine Generale um ihn zur Berathung versammelten. Einige widerriethen den Kampf, namentlich der vorsichtige Parmenion: es sei rathsam, sich vorerst an dem Ufer des Flusses zu lagern, denn der Feind, an Fußvolk schwächer, werde nicht wagen, in der Nähe der Macedonier zu übernachten, er werde sich zurückziehen und es so möglich machen, daß man am andern Morgen, bevor die Perser ausgerückt und aufgestellt seien, den 112 Uebergang ohne Gefahr bewerkstellige; jetzt dagegen scheine ein Uebergang nicht ohne Gefahr, der Tag neige sich, der Fluß sei an manchen Stellen tief und reißend, das Ufer jenseits steil, man könne nicht in Linie passiren, man müsse colonnenweise durch den Fluß setzen; die feindliche Reuterei werde sie in die Flanke nehmen und niederhauen, ehe sie zum Fechten kämen; der erste Unfall aber sei nicht bloß für den Augenblick empfindlich, sondern für die Entscheidung des ganzen Krieges höchst bedenklich 25). Darauf antwortete Alexander: „Wohl erkenne ich das, o Parmenion, aber ich würde mich schämen, wenn ich den Hellespont leicht überschritten hätte, und dies kleine Wasser uns abhalten sollte überzusetzen, wie wir sind; auch würde das weder mit dem Ruhme der Macedonier, noch mit meinem Sinn, der Gefahr gegenüber, stimmen; die Perser, glaube ich, würden Muth fassen, als könnten sie sich mit Macedoniern messen, weil sie nicht sofort erführen, was sie fürchten!“ Mit diesen Worten entsandte er Parmenion an den linken Flügel, während er selbst zu den Geschwadern des rechten hinabsprengte.

An dem Glanze seiner Waffen und an der weißen Feder seines Helmes, an der tiefen Ehrfurcht der um ihn beschäftigten Umgebung, sahen die Perser jenseits, daß Alexander ihrem linken Flügel gegenüber stand, und daß von dorther der Hauptangriff zu erwarten sei; sie eilten den Kern ihrer Reuterei in dichten Reihen ihm gegenüber an das Ufer zu stellen; dort war Memnon mit seinen Söhnen und der Cilicische Satrap Arsames mit der Persischen Reuterei; dann folgte in der Schlachtlinie der Phrygische Satrap Arsites und der Lydische Spithridates, dann die weiteren Reuterhaufen des Centrums und die des rechten Flügels unter Rheomithres. Eine Zeitlang standen beide Heere schweigend einander gegenüber, voll banger Erwartung der nächsten Zukunft. Dann

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25) Die Erzählung bei Plutarch, daß Alexander, weil der Monat Daesius von den Macedonischen Königen nicht zu Schlachten gebraucht zu werden pflegte, denselben den zweiten Artemisius genannt habe, beweist wenigstens so viel, daß die Schlacht gegen Ende Mai oder Anfang Juni (Thargelion) vorfiel; cf. Plut. Camill. 19.

 

113 schwang sich Alexander auf sein Schlachtroß, rief seinen Macedoniern zu, ihm zu folgen und als Männer zu kämpfen, und gab das Zeichen zum Vorrücken. Voran die Edelschaar des Sokrates, die Päonier und Plänkerer, und eine Abtheilung der Hypaspisten, unter Amyntas und Ptolemäus. Etwas später ging Alexander an der Spitze des rechten Flügels, unter dem Schall der Trompeten und des Schlachtgesanges gegen den Fluß; er wollte, während Ptolemäus durch seinen Angriff den äußersten linken Flügel beschäftigte, mit den Macedonischen Geschwadern des rechten Flügels halb links aufrückend, rechts an Ptolemäus, links an die nachrückende Phalanx gelehnt, auf das Centrum der Feinde einbrechen und dasselbe sprengen. Parmenion selbst sollte den rechten Flügel der Feinde in Unthätigkeit halten, während seine Fronte sich gleichfalls allmählig dem Flusse zu in schräger Linie in Bewegung setzte 26).

Sobald sich nun Sokrates und Amyntas dem rechten Ufer des Flusses naheten, begann das Gefecht; die Perser widersetzten sich mit aller Macht ihrem Hinaufdringen, indem sie theils vom hohen Ufer herab ihre Wurflanzen schleuderten, theils unmittelbar an das Wasser aufrückten und die heraufkämpfenden Macedonier zurückdrängten; diese, durch den schlüpfrigen Lehm am Ufer noch mehr behindert, mußten trotz des tapfersten Kampfes und nachdem viele niedergehauen waren, sich auf Alexander zurückziehen. Denn schon war der König mit seinen Macedonischen Rittern im Strome, er stürmte schon gegen die Stelle des Ufers an, wo die dichteste Masse der Feinde und die Heerführer zusammen waren. Sofort begann der heftigste Kampf um die Person des Königs, während dessen eine Abtheilung nach der anderen das linke Ufer erreichte und sich zum Durchwaten und zum Angriffe formirte. Es begann eine Reuterschlacht, die in ihrer Hartnäckigkeit, Stätigkeit und der Wuth des Handgemenges eher einem Kampfe des Fußvolkes glich; Roß an Roß, Mann an Mann gedrängt, kämpften die Macedonier mit ihren Speeren, die Perser mit ihren leichteren Wurflanzen und bald mit ihren krummen Säbeln, jene, um die Perser vom Ufer zurück

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26) Wir weichen in der Entwickelung des Manövers bedeutend von Guichard ab, der namentlich über die Richtung des Angriffes sehr irrt.

 

114 auf das Blachfeld zu werfen, diese, um die Macedonier nicht auf das Land zu lassen oder sie in den Strom zurückzustoßen. Alexanders weißen Helmbusch sah man im dichtesten Getümmel; in der Wuth des Gefechtes zersplitterte sein Speer, er rief seinem Stallmeister zu, ihm einen anderen zu reichen; auch dem war sein Speer zerbrochen, so kämpfte der König mit dem umgekehrten Stumpf, und machte sich freie Bahn. Aber kaum hatte ihm der Korinthier Demaratus seinen eigenen Speer gereicht, so sprengte auch schon ein neuer Schwarm erlesener Persischer Reuter auf ihn los, der wilde Mithridates, ihr Führer, jagte weit voraus und auf Alexander zu, sein Wurfspieß verwundete des Königs Schulter; ein Speerstoß Alexanders streckte den Persischen Fürsten todt zu Boden; laut auf schrieen beide Heere. In demselben Augenblick jagte des Gefallenen Bruder, Rhösaces, auf Alexander los, und zerschmetterte mit einem Hiebe dessen Helm, so daß der Säbel noch die Stirnhaut ritzte; Alexander bohrte ihm den Speer durch den Harnisch bis tief in die Brust, und Rhösaces stürzte rücklings vom Pferde. Zugleich war der Lydische Satrap Spithridates an Alexander hinangesprengt, schon hatte er über des Königs Nacken, ohne daß dieser es merkte, seinen Säbel zum tödtlichen Schlage erhoben, da kam ihm der schwarze Klitus zuvor, mit einem Hiebe trennte er des Barbaren Arm vom Rumpfe und gab ihm den Todesstoß. Immer wilder wurde der Kampf, die Perser fochten mit ungeheuerer Tapferkeit, den Tod ihrer Fürsten zu rächen, während von den Macedoniern immer neue Schaaren über den Fluß setzten, eindrangen, niedermetzelten; umsonst suchten die Feldherren Niphates, Petines und Mithrobuzanes zu widerstehen, umsonst Pharnaces, des Darius Schwager, und Arbupales, der Enkel des Artaxerxes, die sich schon lösenden Massen zu halten; bald lagen sie erschlagen auf dem Felde; das Centrum der Perser war völlig durchbrochen, die Flucht wurde allgemein; etwa tausend, nach Anderen zweitausendfünfhundert Perser waren geblieben, die übrigen flohen weit zersprengt vom Schlachtfelde 27). Alexander verfolgte sie nicht weit, da noch die ganze

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27) Sämmtliche Berichte stimmen in den Hauptsachen überein, kleinere Abweichungen von Arrians Schilderung sind nicht von Bedeutung. Plutarchs Angabe, daß die Söldner vergebens um Capitu-

 

115 Masse des feindlichen Fußvolkes unter Omares auf den Höhen stand, entschlossen den Ruhm Griechischer Söldner gegen die Macedonischen Waffen zu bewähren. Es war das einzige, was ihnen übrig blieb; müßige Zuschauer eines blutigen Kampfes, den ihre Mitwirkung gewonnen haben würde, ohne bestimmte Befehle für den Fall, den der Stolz der Persischen Fürsten unmöglich geglaubt hatte, blieben sie von Erstaunen und Rathlosigkeit gefesselt auf ihren Höhen, die wenigstens einen ehrenvollen Rückzug zu sichern vermocht hätten. Die blinde Flucht der Reuterschaaren hatte sie Preis gegeben; auf sich beschränkt, erwarteten sie den Angriff des siegreichen Heeres und den eigenen Untergang, den sie so theuer als möglich zu machen bereit waren. Alexander rückte mit der Phalanx auf sie ein, und ließ zugleich von allen Seiten seine Reuter angreifen; nach kurzem, aber sehr hartnäckigem Kampfe, in welchem dem Könige ein Pferd unter dem Leibe erstochen wurde, waren die Söldner, von allen Seiten zugleich angegriffen, bald bewältigt; es entkam niemand, außer wer sich etwa unter den Leichen verborgen hatte; zweitausend von diesen Söldnern wurden gefangen genommen. Alexanders Verlust war verhältnißmäßig gering: beim ersten Angriff waren fünfundzwanzig Mann von der Macedonischen Ritterschaft geblieben, außerdem etwa sechszig Mann von der Reuterei und dreißig vom Fußvolke gefallen. Am folgenden Tage wurden sie in ihrer Waffenrüstung und mit allen militärischen Ehren begraben, ihren Aeltern und Kindern daheim alle Steuern erlassen. Für die Verwundeten trug Alexander persönlich die größte Sorgfalt, er ging zu ihnen, besah ihre Wunden, fragte, wie sie sie empfangen, und hörte eines Jeden Erzählung theilnehmend an. Die Persischen Heerführer ließ er beerdigen, so wie auch die Griechischen Söldner, die im Dienste des Feindes den Tod gefunden hatten;

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lation gebeten, ist wohl eine Philhellenische Unrichtigkeit. Von manchen Schriftstellern wird an dieser Schlacht dem Fußvolke ein bedeutender Antheil eingeräumt, und Guichard geht so weit, zu behaupten, daß erst mit dem Erscheinen der Phalanx die Persischen Reuter gewichen seien; in offenbarem Widerspruche mit Arrians Erzählung und der Prophezeihung bei Diodor. XVII. 17., die nicht weniger als eine historische Angabe gilt.

 

116 die gefangenen Griechen dagegen wurden in Fesseln geschlagen und zu öffentlicher Strafarbeit nach Macedonien abgeführt, weil sie wider den gemeinsamen Beschluß Griechenlands und für die Perser gegen Griechenland gefochten hatten; nur die Thebaner erhielten Verzeihung. Das reiche Persische Lager fiel in Alexanders Hände; die Beute des Sieges theilte er mit seinen Bundesgenossen; seiner Mutter Olympias schickte er nach Macedonien eine Menge der goldenen Becher und purpurnen Teppiche und anderer Kostbarkeiten, die in den Zelten der Persischen Fürsten gefunden waren; zugleich gebot er zum Andenken der fünfundzwanzig Ritter, die zuerst im Kampfe gefallen waren, eben so viel Bronzestatuen von dem berühmten Bildhauer Lysippus gießen und in Dium aufstellen zu lassen. Endlich sandte er dreihundert vollständige Persische Rüstungen nach Athen, als Weihgeschenk für Pallas Athene, mit der Aufschrift: Alexander Philipps Sohn und die Griechen, mit Ausnahme der Lacedämonier, von den Persischen Barbaren 28).

Die Folgen des Sieges am Granikus waren außerordentlich 28a); die Macht Persiens diesseits des Taurus war vernichtet, die Heere der Satrapien, welche die Vormauer des Reiches bildeten, zerstreut, entmuthigt und so zusammengeschmolzen, daß sie nicht wieder im offenen Felde mit den Macedoniern zusammenzutreffen wagen durften; auch die Persischen Besatzungen der einzelnen großen Städte, zu klein, um einer siegreichen Armee zu widerstehen, konnten als überwunden gelten; dazu kam, daß viele Führer der Perser, namentlich der Lydische Satrap, gefallen waren, daß Arsites, der Satrap am Hellespont, bald nach der Schlacht, wie es hieß, aus Reue und Angst vor Verantwortlichkeit sich selbst entleibt hatte, daß endlich die wichtigen Küstenstriche um so leichter eine Beute der Macedonier werden mußten, da sich in den reichen Griechischen Städten noch immer demokratisch gesinnte Männer fanden, denen sich jetzt, des Persischen Joches und der Persisch gesinnten Oligarchen frei zu werden, die schönste Gelegenheit darbot. Alexander konnte nicht zweifelhaft sein, wohin er sich wenden müsse, um die

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28) Plut., Arrian., Diodor.28a) Das bezeichnet Strabo XIII. p. 89. ed. Tauch.

 

117 Erfolge seines Sieges auf die vortheilhafteste Weise zu benutzen: ein schnelles Eindringen in das Innere Kleinasiens hätte ihn unfehlbar Land und Leute gewinnen lassen; aber sein Zweck war, die Persermacht von Grund aus zu vernichten; und noch war eine Perserflotte im Aegäischen Meere, die, wenn er ins Innere vorgedrungen wäre, hinter seinem Rücken operiren und sich der Küsten bemächtigen konnte; seine Operationsbasis mußte so breit und so sicher als möglich sein; stützte er sich nur auf den Hellespont, so waren die Satrapien am Aegäischen Meere stets im Stande, seine Flanke zu beunruhigen. Es war nothwendig, die ganze Küste Kleinasiens zu besetzen, um von dort aus gegen Osten vordringen zu können. Es kam dazu, daß diese Küstenstriche, von Griechen bevölkert, vor allem dazu geeignet schienen, für das Interesse des siegenden Griechenthums gewonnen zu werden.

Alexander übergab die Satrapie des Arsites, das sogenannte Kleinphrygien am Hellespont Kalas, dem Sohne des Harpalus, der durch zweijährigen Aufenthalt in diesen Gegenden und durch seine Beliebtheit bei den Griechischen Städten der Küste vor allen geeignet schien, diese in militärischer Hinsicht höchst wichtige Satrapie zu verwalten; es wurde nichts Weiteres in der Verwaltung geändert, auch die Abgaben blieben dieselben, wie sie an Darius entrichtet worden waren. Die Landeseingeborenen aus dem Idagebirge kamen größten Theils, sich freiwillig zu unterwerfen, und wurden ohne Weiteres in ihre Heimath entlassen. Die Zeliten, die mit dem Perserheere an den Granikus ausgezogen waren, erhielten Verzeihung, weil sie gezwungen am Kampfe Theil genommen hatten. Parmenion wurde nach Daskylium, der Residenz des Phrygischen Satrapen detaschirt, er nahm die Stadt, die von der Persischen Besatzung bereits geräumt war, in Besitz, sie wurde der letzte Posten auf Alexanders Operationslinie. Weiter ostwärts in dieser Richtung vorzudringen, war für den Augenblick nicht nöthig, da die Bithynischen Völkerschaften unter ihrem Häuptling Bas so gut wie unabhängig von Persien gewesen waren, und deshalb die Fortschritte Alexanders nicht hinderten; doch behielt er sich vor, zu gelegener Zeit ihre Unterwerfung durch Kalas versuchen zu lassen 29).

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29) Memnon apd. Phot. p. 228. a. 17., der den Führer Kalantos nennt, wofür Vaillant wunderlicher Weise Karanos vorschlug.

 

118 Alexander selbst wandte sich südwärts, um auf Sardes, die Residenz der Satrapie Lydien loszugehen. Sardes war berühmt wegen seiner alten Burg, die auf den schroffen Felsenvorsprüngen des Tmolus gelegen und mit dreifacher Mauer umgeben für unangreifbar galt; dazu kam, daß sich in derselben der Schatz der reichen Satrapie befand, welcher dem Befehlshaber der Stadt Gelegenheit bieten konnte, die überdies bedeutende Besatzung zu vermehren und zu versorgen, so daß Alexanders Vorrücken wenigstens eine Zeitlang aufgehalten worden wäre. Desto erfreulicher war es dem Könige, als ihm etwa zwei Meilen von der Stadt Mithrines der Persische Befehlshaber der Besatzung nebst den angesehensten Bürgern der Stadt entgegenkam, diese die Stadt, jener die Burg mit den Schätzen zu übergeben. Der König sandte den Stymphäer Amyntas voraus, die Burg zu besetzen, er selbst folgte nach kurzer Rast nach; den Perser Mithrines behielt er fortan in seiner Nähe, und zeichnete ihn auf jede Weise aus, gewiß eben so sehr, um seine That zu belohnen, als um zu zeigen, wie er sie belohne. Den Sardern und allen Lydiern gab er die Freiheit und die Verfassung ihrer Väter wieder, deren sie zwei Jahrhunderte lang unter dem Druck Persischer Satrapen entbehrt hatten, offenbar der beste Weg, ein Volk, das sich ehemals wenig oder gar nicht von den Griechen unterschied, für Griechisches Leben und Wesen wieder zu gewinnen. Um die Stadt zu ehren, beschloß der König, die Burg mit einem Tempel des Olympischen Zeus zu schmücken; als er sich nach der tauglichsten Stelle dazu im Bereiche der Akropolis umsah, erhob sich plötzlich ein Wetter, unter Donner und Blitz ergoß sich ein heftiger Regenschauer über den Platz, wo einst der Lydische Königspallast gestanden hatte; Alexander erkannte das glückliche Zeichen des Gottes im Donnergewölk, und wählte diesen Ort für den Tempel, der fortan die hohe Burg des unglücklichen Krösus schmükken sollte.

Sardes wurde der zweite wichtige Punkt in der Operationslinie Alexanders, das Thor zum Inneren Kleinasiens, zu dem vielfache Straßen von diesem Mittelpunkte des Vorderasiatischen Handels hinausführen. Die Statthalterschaft Lydiens erhielt des Parmenions Bruder Asander; eine Schaar Reuter und leichtes Fußvolk wurde als Besatzung der Satrapie unter seinen Befehl gestellt; mit 119 ihm blieben Nicias und Pausanias aus der Schaar der Getreuen zurück, dieser als Befehlshaber der Burg von Sardes und der Besatzung, zu der das Contingent der Argiver bestimmt wurde, jener zur Vertheilung und Erhebung der Abgaben. Ein anderes Corps, das aus den Contingenten der Peloponnesier, der Thessalier und der meisten übrigen Griechen bestand, wurde unter Kalas und dem Lynkestier Alexander nach den Gegenden, die dem Rhodier Memnon gehörten, abgesandt; Alexander hatte derselben bisher geschont, wie es hieß, um dem Perserkönige Verdacht gegen seinen besten, ja einzigen Feldherrn einzuflößen 30); jetzt aber war dieser Winkel Asiens von Alexanders Marschrouten eingeschlossen, und durfte nicht länger den Zusammenhang der Occupation unterbrechen.

Der König selbst wandte sich mit der Hauptmacht von Sardes aus nach Jonien, dessen Städte seit langen Jahren das Joch Persischer Besatzungen oder Persisch gesinnter Oligarchen ertragen hatten, und sich, wie sehr sie auch durch die lange Knechtschaft erniedrigt sein mochten, nicht ohne lautes Verlangen ihrer alten Hoheit und Freiheit erinnerten, die ihnen jetzt noch einmal wie durch ein Wunder der Götter wiederkehren zu wollen schien; nicht als ob sich diese Stimmung überall geäußert hätte; wo die oligarchische Parthei stark genug war, mußte das Volk schweigen; aber eben das Volk, stets, wenn auch irregeleitet oder niedergedrückt, für das Rechte und Große bereit, zeigte, sobald es des Druckes frei war, daß es des Griechischen Ursprunges nicht vergessen; ungezügelte Freude und leidenschaftlicher Haß gegen die Unterdrücker waren der Beginn der neuen Freiheit.

Ephesus, die Königin unter den Jonischen Städten, ging den anderen mit einem großen Beispiele voran. Noch zu Philipps Zeit, und vielleicht durch ihn veranlaßt, hatte sich das Volk frei gemacht; ein Persisches Heer unter Autophradates war umsonst gegen die Stadt gerückt, und das heitere Volk der Ephesier, unbesorgt um den Perser, lustwandelte und freute sich auf der Wiese, während die Aeltesten der Stadt mit Autophradates unterhandelten; seit der Zeit war wieder eine Persische Besatzung in Ephesus, und die Gewalt in den Händen des Syrphax und seines Geschlechtes.

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30) Polyaen. IV. 3. 15.

 

120 Bald nach Philipps Tode war ein edler Macedonier, Amyntas, nach Ephesus geflüchtet; er war der Sohn des Antiochus, eines unter Philipp hochangesehenen Mannes 31), und sein Bruder Heraklides führte das Geschwader der Ritterschaft von Bottiäa 32); obschon Alexander ihn nie anders, als höchst gütig behandelt hatte, war Antiochus, mochte er sich irgend einer Schuld bewußt sein, oder argen Wünschen Raum geben, voll Haß gegen Alexander, und entschlossen, ihm zu schaden, wo er konnte. So war er nach Ephesus gekommen, hatte mit dem Persischen Hofe Verbindungen angeknüpft, während ihn die Oligarchie der Stadt auf alle Weise ehrte. Indeß war die Schlacht am Granikus geschlagen, Memnon hatte sich mit einigen Ueberresten der geschlagenen Truppen nach der Jonischen Küste gerettet, und flüchtete auf Ephesus zu; hier hatte die Nachricht von der Niederlage der Perser die heftigste Aufregung hervorgebracht; das Volk hoffte, die Demokratie wieder zu gewinnen, die Oligarchie war in der höchsten Gefahr; da erschien Memnon vor der Stadt; die Parthei des Syrphax eilte, ihm die Thore zu öffnen, und begann in Verbindung mit den Persischen Truppen auf das fürchterlichste gegen die Volksparthei zu wüthen; das Grab des Heropythus, des Befreiers von Ephesus, wurde aufgewühlt und entweiht, der heilige Schatz im großen Tempel der Artemis geplündert, des Königs Philipp Bildsäule im Tempel umgestürzt, kurz es geschah alles, was den Untergang der Gewaltherrschaft noch mehr, als ihren Beginn zu schänden pflegt. Indeß rückte Alexanders siegreiches Heer immer näher, Memnon war bereits nach Halicarnassus gegangen, um dort möglichst kräftige Vertheidigungsmaaßregeln zu treffen; und Amyntas, der bei der Aufregung des Volkes sich nicht mehr sicher, noch die Stadt gegen die Macedonier zu behaupten für möglich halten mochte, eilte an der Spitze der in der Stadt liegenden Miethsvölker, sich zweier Trieren im Hafen zu bemächtigen, und flüchtete zur Persischen Flotte, welche vierhundert Segel stark bereits im Aegäischen Meere erschienen war. Kaum sah sich das Volk von den Kriegsschaaren befreit, als es auch in allgemeiner Empörung gegen die oligarchische Parthei aufstand; eine Menge angesehener Männer

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31) Plut. apophth. v. Ἀντίοχος. — 32) Arrian. I. 2. III. 11.

 

121 flüchtete, Syrphax und sein Sohn und die Söhne seiner Brüder retteten sich in die Tempel, das wüthende Votk riß sie von den Altären hinweg und steinigte sie; man suchte die Uebrigen, bereit sie dem gleichen Tode zu opfern; da rückte Alexander, einen Tag nach Amyntas Flucht, in die Stadt ein, that dem Morden Einhalt, und befahl, die um seinetwillen Verbannten wieder aufzunehmen; er hob für alle Zeiten die Oligarchie auf und stellte die Volksherrschaft wieder her, er befahl, daß die Abgaben, die bisher an Persien entrichtet worden waren, der Artemis gezahlt werden sollten 33).

Nach Ephesus hin kamen zum Alexander Abgeordnete aus Tralles und Magnesia am Mäander, um ihm die beiden Städte, die wichtigsten im nördlichen Karien, zu übergeben; Parmenion wurde mit einem Corps von viertausend Mann Fußvolk und zweihundert Pferden abgesandt, die Städte in Besitz zu nehmen. Zu gleicher Zeit wurde Antimachus, Lysimachus Bruder, mit eben so viel Truppen nach den Lesbischen, Aeolischen und Jonischen Städten detaschirt, mit dem Befehl, überall die Oligarchie aufzuheben, die Volksherrschaft wieder einzurichten, die väterlichen Gesetze wieder herzustellen und alle bisher an Persien entrichtete Abgaben zu erlassen. Alexander selbst verweilte noch einige Zeit in dem schönen Ephesus, ihm doppelt lieb durch den Umgang mit Apelles, dem größten Maler des Alterthums; das Bild Alexanders, mit dem Blitze in der Hand, das noch lange eine Zierde des großen Tempels der Artemis war, entstand in dieser Zeit 34). Zu gleicher Zeit beschäftigten ihn mancherlei Plane für das Wohl und den Handel

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33) Die Anecdote, daß Alexander den Ephesiern den Bau ihres Tempels zu vollenden versprach, wenn er seinen Namen in den Fries des Gebäudes setzen könne, gehört einer späteren Zeit an, wie der Anachronismus in der Antwort der Ephesier zeigt: es gebühre sich nicht, daß der Gott der Göttin einen Tempel weihe; man würde die Geschichte für eine Erfindung der Deklamationsschulen halten, wenn sie nicht schon Artemidorus der Ephesier berichtete (bei Strabo XIV. p. 175). — 34) Plin. XXX. V. 10. Aelian. V. H. II. 2. XII. 34., letzterer jedoch mit vielfacher Verwirrung; die Geschichte mit der nackten Pankaste scheint nach Plut. 21. ein artiges und zum Lobe Alexanders erfundenes Mährchen.

 

122 der Griechischen Küstenstädte; vor allem befahl er, die Stadt Smyrna, die seit der Zerstörung durch die Lydischen Könige sich in mehrere Flecken aufgelöst hatte, wieder herzustellen, die Stadt Klazomenä durch einen Damm mit ihrer Hafeninsel zu verbinden, und die Landenge von Klazomenä bis Teos zu durchstechen, damit die Schiffe nicht nöthig hätten, den weiten Umweg um das schwarze Vorgebirge zu machen; das Werk ist nicht zu Stande gekommen, aber noch in später Zeit wurden auf der Landenge in einem dem Könige Alexander geheiligten Haine Wettkämpfe von dem Bunde der Jonier, zum Gedächtniß ihres Befreiers gehalten 35).

Nachdem Alexander noch im Tempel der Artemis geopfert und eine Musterung seines Heeres, das in vollem Waffenschmucke und wie zur Schlacht aufgestellt war, unter den Augen der staunenden Ephesier gehalten hatte, brach er folgenden Tages mit seinem Heere, das aus vier Geschwadern Macedonischer Ritter, den Thracischen Reutern, den Agrianern und Bogenschützen, und etwa zehntausend Mann Hopliten und Hypaspisten bestand, auf der Straße nach Milet auf, das wegen seines geräumigen Hafens für die Persische Flotte, wenn sie das Aegäische Meer halten sollte, beim Herannahen der späten Jahreszeit von der größten Wichtigkeit sein mußte. Der Kommandant der Persischen Besatzung von Milet hatte früher in einem Schreiben dem Könige die Uebergabe der Stadt angeboten, aber, von der Nähe der großen Persischen Flotte unterrichtet, die wichtige Hafenstadt den Persern zu erhalten und sich mit seinen Söldnern und den Milesiern, die sich für die Persische Sache entschieden, den Macedoniern auf das hartnäckigste zu widersetzen beschlossen. Desto eifriger war Alexander, die Stadt zu erobern.

Milet liegt 35a) auf einer Landzunge im Süden des Latmischen Meerbusens, etwa eine Meile südwärts von Samos und Mykale, die man am fernen Horizont noch aus dem Meere hervorragen sieht; die Stadt selbst, in die äußere und die mit starken Mauern und tiefem Graben versehene innere Stadt getheilt, öffnet

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35) S. die Angaben bei Mannert, der in seinem Critisiren offenbar zu weit geht, wie sich aus seinen eigenen Citaten ergiebt. — 35a) Die Lage Milets ergiebt sich mit ziemlicher Sicherheit aus Arrian selbst; cf. Mannert.

 

123 nach dem Meerbusen zu vier Häfen, von denen der größte und wichtigste auf der Insel Lade etwas von der Küste entfernt liegt; groß genug, um einer Flotte Schutz zu gewähren, ist er mehr als einmal Veranlassung gewesen, daß Seekriege in seiner Nähe geführt und durch seine Besetzung entschieden sind; die zunächst an der Stadt liegenden Häfen werden durch kleine felsige Inseln von einander geschieden, sie sind für den Handel sehr bequem, aber weniger geräumig, und werden durch die Rhede von Lade mitbeherrscht. – Darum war es von entscheidender Wichtigkeit, daß Alexanders Admiral Nikanor vor Ankunft der überlegenen Perserflotte die Höhe von Milet erreichte, und mit seinen hundertundsechszig Trieren bei der Insel vor Anker ging. Zu gleicher Zeit war Alexander unter den Mauern der Stadt erschienen, hatte sich der äußeren Stadt bemächtigt, ein Lager bezogen und mit einer Circumvallation eingeschlossen, zur Verstärkung der höchst wichtigen Position von Lade etwa viertausend Mann auf die Insel übersetzen lassen, und seiner Flotte die Weisung gegeben, von der Seeseite Milet auf das sorgfältigste zu sperren. Drei Tage darauf erschien die Phönicische Flotte; die Perser steuerten, da sie die Meerbucht von Macedonischen Schiffen besetzt sahen, nordwärts, und gingen, vierhundert Segel stark, bei dem Vorgebirge Mykale vor Anker.

Dies nahe Zusammensein der ganzen Macedonischen und der ganzen Persischen Seemacht schien ein entscheidendes Seegefecht unvermeidlich zu machen; viele Generale Alexanders wünschten es; man glaubte des Sieges gewiß zu sein, da sogar der alte vorsichtige Parmenion zum Kampfe rieth; ja die Götter selbst schienen es so zu wollen, denn ein Adler war gesehen worden, der sich beim Spiegel des Admiralschiffes am Ufer gesetzt hatte. Parmenion sprach: Stets hätten die Griechen zur See über die Barbaren gesiegt, und das Zeichen des Adlers lasse keinen Zweifel, was der Götter Wille sei; ein gewonnenes Seegefecht würde der ganzen Unternehmung von außerordentlichem Nutzen sein, durch eine verlorene Seeschlacht könne nichts weiter verloren werden, als was man schon jetzt nicht mehr hätte, denn mit ihren vierhundert Segeln seien die Perser doch Herren zur See; er selbst erklärte, er sei bereit an Bord zu gehen und an dem Kampfe Theil zu nehmen. Alexander erwiederte: unter den jetzigen Verhältnissen eine 124 Seeschlacht zu wagen, würde eben so nutzlos, wie gefährlich, es würde tollkühn sein, mit hundertsechszig Schiffen gegen die Uebermacht der feindlichen Flotte, mit ungeübten Seeleuten gegen die Cyprier und Phönicier kämpfen zu wollen; die Macedonier, unbezwinglich auf dem festen Lande, dürften den Barbaren nicht auf dem Meere, das ihnen fremd sei, und wo überdies tausend Zufälligkeiten mit in Betracht kämen, Preis gegeben werden; der Verlust eines Treffens würde den Erwartungen von seinem Unternehmen nicht bloß bedeutenden Eintrag thun, sondern für die Griechen die Loosung zum Abfall sein; der Erfolg eines Sieges könnte nur gering sein, da der Gang seiner Unternehmungen auf dem festen Lande die Perserflotte von selbst vernichten werde; das sei auch der Sinn jenes Zeichens, das die Olympischen Götter gesendet hätten; so wie der Adler sich auf das Land gesetzt, so würde er die Persische Seemacht vom Lande aus überwältigen; es sei nicht genug, nichts zu verlieren; nicht zu gewinnen, sei schon Verlust. So blieb die Flotte ruhig auf der Rhede von Lade.

Indeß kam Glaucippus, ein angesehener Milesier, ins Lager des Königs, im Namen des Volkes und der Söldnerschaaren, in deren Hand jetzt die Stadt sei, zu erklären: Milet sei bereit, seine Thore und Häfen den Macedoniern und Persern gemeinschaftlich zu öffnen, wenn Alexander die Belagerung aufheben wolle. Alexander erwiederte: er sei nicht nach Asien gekommen, um sich mit dem zu begnügen, was man ihm werde zugestehen wollen, er werde seinen Willen durchzusetzen wissen; von seiner Gnade möge man Strafe oder Verzeihung für die Wortbrüchigkeit erwarten, die jetzt die Stadt Milet zu einem eben so strafbaren als vergeblichen Widerstand veranlaßt habe; Glaucippus möge schleunigst in die Stadt zurückkehren und den Milesiern melden, daß sie eines Sturmes gewärtig sein könnten. Mit dem nächsten Tage begannen die Sturmblöcke und Mauerbrecher zu arbeiten, bald lag ein Theil der Mauer in Bresche, und die Macedonier drangen in die Stadt ein, während ihre Flotte, sobald sie von ihrem Ankerplatze aus den Sturm gegen die Stadt gewahrte, dem Hafen zu ruderte und den Eingang desselben sperrte, so daß die Trieren, dicht an einander gedrängt und die Schnäbel hinausgewendet, der Perserflotte, Hülfe zu leisten, und den Milesiern, sich zur Perserflotte zu retten, unmöglich machten. 125 Die Milesier und Söldner, in der Stadt von allen Seiten gedrängt und ohne Aussicht auf Rettung, suchten ihr Heil in der Flucht; die einen schwammen auf ihren Schilden zu den Felseninseln im Hafen, andere suchten auf Kähnen den Macedonischen Trieren zu entkommen; die meisten kamen in der Stadt um. Jetzt Meister der Stadt, setzten die Macedonier, von ihrem Könige selbst geführt, nach den Hafeninseln über, und schon waren die Leitern von den Trieren an die steilen Ufer geworfen, um die Landung zu erzwingen; da befahl der König, voll Mitleid mit jenen Tapferen, die sich auch jetzt noch zu vertheidigen oder rühmlich zu sterben bereit waren, ihrer zu schonen, und ihnen Gnade unter der Bedingung anzubieten, daß sie in seinem Heere Dienste nähmen; so wurden dreihundert Griechische Söldner gerettet. Eben so schenkte Alexander allen Milesiern, die nicht beim Sturme umgekommen waren, Leben und Freiheit 36).

Die Perserflotte hatte den Fall Milets von Mykale aus mit angesehen, ohne das Geringste zur Rettung der Stadt thun zu können. Jeden Tag lief sie gegen die Macedonische Flotte aus, in der Hoffnung, sie zum Kampfe herauszulocken, und kehrte Abends unverrichteter Sache nach der Rhede des Vorgebirges zurück, einem höchst unbequemen Ankerplatze, da sie ihr Trinkwasser aus dem Mäander, etwa drei Meilen weit herholen mußte. Indeß wollte sie Alexander ganz aus ihrer Position treiben, ohne jedoch seine Flotte ihre zugleich sichere und sichernde Stellung aufgeben zu lassen; ein Corps von drei Divisionen Fußvolk und sämmtlicher Reuterei, unter Philotas Führung, rückte deshalb an der Küste entlang nach dem Vorgebirge Mykale, mit dem Befehle, jeden Landungsversuch der Perser zu vereiteln; nun auf dem Meere gleichsam eingeschlossen, waren sie, bei gänzlichem Mangel an Wasser und Lebensmitteln genöthigt, sich auf Samos zurückzuziehen. Von dort aus wollten sie einen letzten Versuch machen, die Griechische Flotte zu einer

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36) Diodor weicht namentlich darin von Arrian ab, daß er Memnon als Befehlshaber von Milet bezeichnet; weder in der Stadt, noch auf der Flotte war Memnon, Arrian hätte es nicht unerwähnt gelassen; auch würde die Einnahme der Stadt dem Könige schwerer geworden sein, wenn sie Memnon vertheidigt hätte.

 

126 Schlacht zu nöthigen; das ganze Geschwader der Perser erschien auf der Höhe von Milet, aber da die Macedonische Flotte ruhig im Hafen von Lade blieb, so sandten sie fünf Schiffe dem Hafen zu, der, zwischen dem Lager und den kleinen Inseln belegen, das Heer von der Flotte trennte, in der Hoffnung, die Schiffe unbemannt zu überraschen, da es bekannt war, daß sich das Schiffsvolk in der Regel von den Schiffen zerstreue, um Holz, Vorräthe und andere Bedürfnisse aufzutreiben. Sobald nun Alexander jene fünf Schiffe heransteuern sah, ließ er von dem gerade anwesenden Schiffsvolke zehn Trieren bemannen, in See stechen und auf den Feind Jagd machen, so daß die Perser schon in der Ferne umkehrten und zu ihrer Flotte zurückflüchteten; eines von den Schiffen fiel, da es schlecht segelte, den Macedoniern in die Hände und wurde eingebracht; es war aus Jassus in Karien. Das Persische Geschwader zog sich, ohne weitere Versuche gegen Milet, auf die Höhe von Samos zurück.

Der König hatte sich durch die letzten Vorfälle davon überzeugt, daß die Perserflotte auf die Bewegungen seiner Landmacht nicht nur keinen hindernden Einfluß ausüben, sondern durch eine hinreichende Besetzung der Küsten so abgeschnitten werden würde, daß sie sich weder ergänzen und verproviantiren, noch die Bewegungen der Persischen Landmacht begleiten und unterstützen könne. Offensiv in allem Uebrigen, mußte Alexander sehen, daß seine Seemacht, da sie unmöglich gegen den dreimal stärkeren Feind die See halten konnte, sich auf die Vertheidigung beschränkte; von großer Wichtigkeit beim Beginn des Feldzuges und zur Deckung der ersten Bewegungen des Landheeres, war sie, seit die Persische Macht in Kleinasien unterlegen, ohne besonderen Nutzen, dagegen der Aufwand, den sie verursachte, außerordentlich; hundertsechszig Trieren forderten zweiunddreißigtausend Mann Matrosen und Schiffssoldaten, fast eben so viel Menschen, als das Perserreich über den Haufen stürzen sollten; sie kosteten monatlich mehr als funfzig Talente Sold, und vielleicht eben so viel für Unterhalt, ohne, wie das Landheer, das nicht viel theuerer zu unterhalten war, mit jedem Tage neue Eroberung und neue Beute zu machen. Dazu kam, daß gerade jetzt Alexanders Kassen erschöpft waren, offenbar weil den reichen Griechischen Städten selbst ihre Abgaben erlassen, und die in127ländischen weder gebrandschatzt, noch geplündert, sondern nach dem alten, sehr niedrigen Ansatz besteuert wurden. Dies waren die Gründe, die den König veranlaßten, im Spätherbst 334 seine Flotte aufzulösen; er behielt nur wenige Schiffe zum Transporte längs der Küste bei sich, unter diesen die zwanzig Schiffe, die Athen gestellt hatte, sei es, um dadurch die Athener zu ehren, oder um ein Unterpfand ihrer Treue zu haben, falls die feindliche Flotte, wie zu vermuthen, sich nach Hellas wenden sollte 37).

Jetzt, nach Auflösung der Flotte, wurde es für Alexander doppelt wichtig, jede Küstenlandschaft, jede Seestadt, jeden Hafen zu besetzen, um dadurch jene Continentalsperre durchzusetzen, mit welcher er die Persische Seemacht zu vernichten hoffte. Noch war an der Küste des Aegäischen Meeres Karien und in Karien Halikarnossus übrig, doppelt wichtig durch seine Lage am Eingange dieses Meeres, und dadurch, daß sich in diese sehr feste Stadt der letzte Rest der Persischen Macht in Kleinasien zum Widerstande gesammelt hatte.

Karien nämlich, von einheimischen Fürsten unter Persischer Hoheit regiert, war vor etwa funfzig Jahren zur Zeit des zweiten Artaxerxes ganz unter die Herrschaft des Dynasten Hekatomnus von Halikarnassus gekommen, der, von dem Persischen Hofe bis auf den zweideutigen Schein der Heeresfolge unabhängig, und bereit, diese Unabhängigkeit bei der ersten Veranlassung mit gewaffneter Hand geltend zu machen 38), seine Residenz nach dem Inneren seines Landes, nach Mylassa, verlegt, und von hier aus seine Herrschaft bedeutend auszudehnen gewußt hatte. Sein Sohn und Nachfolger Mausolus verfolgte die Pläne des Vaters, er vergrößerte auf jede Weise seine Macht und seine Reichthümer; zum Lyciarchen ernannt, beherrschte er zwei wichtige Seeprovinzen Kleinasiens; der Plan, eine Seemacht zu gründen, lag nahe; er verlegte darum die

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37) Diodor sagt, daß einige Schriftsteller in der Auflösung der Flotte ein strategisches Mittel des Königs bewunderten, die Macedonier zur Tapferkeit durch die Unmöglichkeit zur Rückkehr zu zwingen. Es würde dies weder dem strategischen Talent des Königs, noch dem Muth seines Heeres zur Ehre gereichen. — 38) Theopomp. ap. Phot. cod. 176. Isocrates panegyr. c. 43.

 

128 Residenz wieder nach Halikarnaß, das er durch Zusammenziehung von sechs kleinen Ortschaften vergrößerte; er erregte den Bundesgenossenkrieg gegen die Athener, um ihre Seemacht zu schwächen. Nachdem seine Schwester und Gemahlin, die ihm nach Karischer Sitte in der Herrschaft folgte, gestorben war, übernahm der zweite Bruder Idrieus die Regierung; in demselben Sinne, wie sein Vater und Bruder das Reich zu vergrößern bemüht, von den Zeitumständen begünstigt, brachte er Chios, Kos und Rhodos in seine Gewalt. Seine Schwester und Gemahlin Ada folgte ihm, wurde aber schon nach vier Jahren des Reiches durch ihren jüngeren Bruder Pixodorus beraubt, so daß ihr nichts als die Bergfestung Alinde blieb. Pixodorus beabsichtigte, durch eine Verbindung mit dem Macedonischen Königshause, dessen Pläne in Beziehung auf Asien kein Geheimniß mehr waren, sich zu einem Kampfe um seine Unabhängigkeit vorzubereiten; ernstliche Differenzen am Hofe Philipps zerstörten seine Pläne, so daß er dem Wunsche des Perserkönigs, seine Tochter mit dem edlen Perser Orontobates zu vermählen, entgegenkam; so wurde Orontobates sein Schwiegersohn, und nach seinem, im Jahre 335 erfolgten Tode, Herr der Karischen Dynastie 39).

Sobald jetzt Alexander in Karien einrückte, eilte Ada ihm entgegen und legte es in seine Hand, sie wieder in ihre Rechte einzusetzen, um die sie offenbare Gewalt betrogen habe; sie versprach, ihn auf jede Weise bei der Eroberung Kariens zu unterstützen, ihr Name selbst würde ihm Freunde gewinnen, die Wohlhabenden im Lande, unzufrieden über die erneuete Verbindung mit Persien, würden sich sofort für sie entscheiden, da sie im Sinne ihrer Brüder stets gegen Persien und für Griechenland Parthei genommen; sie bat den König, als Beweis ihrer Gesinnung, ihre Adoption annehmen zu wollen, daß sie, selbst kinderlos, einst ihrem Sohne Alexander die Karische Dynastie erblich überlasse. Alexander willfahrte gern der würdigen Fürstin, und es mag eben so sehr seinem Ruhme und seiner Macht, als dem Beispiele Ada’s zuzuschreiben sein, daß

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39) Arrian. cf. Strabo XIII. p. 128. und Wesseling ad Diodor. XVI. p. 569. Clinton fast. Hell. appendix cp. 14.

 

129 die Karier sich dem Könige zu ergeben wetteiferten. Namentlich erklärten sich die Griechischen Städte für Alexander, der ihnen sofort Selbstständigkeit und Steuerfreiheit gab, und die Demokratie wieder herzustellen befahl.

Nur Halikarnaß war noch übrig; dorthin hatte sich Orontobates zurückgezogen; ebendahin war Memnon, nachdem er in Ephesus und Milet weder die Gelegenheit günstig, noch die Zeit hinreichend gefunden hatte, um gegen den Macedonischen König erfolgreichen Widerstand zu organisiren, mit wenigen Resten der am Granikus geschlagenen Armee gekommen, um mit dem Karischen Satrapen vereinigt die letzte wichtige Position auf der Kleinasiatischen Küste so lange als möglich zu halten; er schickte Weib und Kind an den Großkönig, angeblich, um sie außer aller Gefahr zu wissen, in der That aber, um ein Zeichen und Unterpfand seiner Treue zu geben, die sein Griechischer Ursprung nur zu oft schon zu verdächtigen Gelegenheit gegeben hatte. Diese Hingebung zu ehren und seinem anerkannten und oft erprobten Feldherrntalent die gebührende Wirksamkeit zu eröffnen, hatte ihm der Perserkönig den Oberbefehl über das untere Asien und die gesammte Persische Seemacht übertragen, und in der That, wenn noch etwas für Persien zu retten war, schien er der Mann zu sein, der retten konnte; mit außerordentlicher Thätigkeit hatte er die Werke von Halikarnaß wieder herstellen lassen, die aus Persern und Söldnern bestehende Besatzung verstärkt und mit reichlichen Vorräthen versehen, die im Hafen der Stadt liegenden Trieren ausgerüstet, damit sie die Operationen in der Festung unterstützen, und die Stadt im Fall einer längeren Belagerung mit Lebensmitteln versehen konnten, hatte die kleine Insel Arkonnesus, welche den Hafen beherrschte, befestigen lassen, in Myndus, Thera, Kallipolis, Triopium und Kos, also rings um den Meerbusen von Doris, Besatzungen gelegt 40), kurz alles so vorbereitet, daß Halikarnaß der Mittelpunkt höchst erfolgreicher Be-

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40) Ich nehme keinen Anstand, die beiden sonst unbekannten Ramen Thera und Kallipolis (vielleicht Leukopolis) an die Küste zwischen Knidos und Halikarnassus zu setzen, wo auch Plinius eine Reihe sonst unbekannter Namen hat.

 

130wegungen und ein Bollwerk gegen das Vordringen der Macedonier werden konnte.

Indeß rückte Alexander heran, und lagerte sich, auf eine langwierige Belagerung gefaßt, etwa tausend Schritte vor den Wällen der Stadt. Die Feindseligkeiten eröffneten die Perser durch einen Ausfall auf die so eben anrückenden Macedonier, der jedoch ohne viele Mühe zurückgeschlagen wurde. Wenige Tage nachher zog sich der König mit einem bedeutenden Theile des Heeres nordwestlich um die Stadt hin, theils um die Mauern zu besichtigen, besonders aber, um von hier aus die nahe Stadt Myndus, die für den Fortgang der Belagerung von großer Wichtigkeit sein konnte, zu besetzen, da ihm von der Besatzung der Stadt die Uebergabe versprochen war, wenn er um Mitternacht vor den Thoren der Stadt sein wollte. Er kam, aber Niemand öffnete; ohne Sturmleitern und Maschinen, da das Heer nicht wie zu einem Sturm ausgezogen war, ließ der König, erzürnt über diese Treulosigkeit, sofort seine Schwerbewaffneten unter die Mauern der Stadt rücken, und das Untergraben derselben beginnen. Ein Thurm stürzte, ohne jedoch Bresche genug zu geben, daß man mit Erfolg hätte angreifen können; indeß hatte man in Halikarnaß mit Tagesanbruch den Abzug der Macedonier bemerkt, und sofort zur See Unterstützung nach Myndus geschickt, so daß Alexander unverrichteter Sache in seine Stellung vor Halikarnaß zurückkehrte.

Die Belagerung der Stadt begann; zunächst wurde der Wallgraben, der fünfundvierzig Fuß breit und halb so tief war, unter dem Schutz mehrerer sogenannter Schildkrötendächer ausgefüllt, damit die Thürme, von denen aus die Mauern von Vertheidigern gesäubert werden, und die Maschinen, mit denen Bresche gelegt wird, gegen die Mauern vorgeschoben werden konnten. Schon standen die Thürme den Mauern nah, als die Belagerten über Nacht einen Ausfall machten, die Maschinen zu verbrennen; schnell verbreitete sich der Lärm durch das Lager; aus dem Schlafe geweckt, eilten die Macedonier ihren Vorposten zu Hülfe, und nach kurzem Kampfe bei dem Lichte der Lagerfeuer, mußten die Belagerten in die Stadt zurück, ohne ihren Zweck erreicht zu haben. Unter den hundertfünfundsiebenzig Leichen der Feinde fand man auch die des Lynkestiers Neoptolemus, der, ein Bruder des Macedonischen 131 Generales Amyntas, nach der Ermordung des Königs Philipp als einer der Verschworenen zum Tode verurtheilt, nach Asien geflohen war und im Persischen Heere Dienste genommen hatte. Macedonischer Seits waren nur zehn Todte, aber dreihundert Verwundete, da man bei der Dunkelheit der Nacht sich nicht so vorsichtig hatte vertheidigen können.

Die Maschinen begannen zu arbeiten, bald lagen zwei Thürme und die dazwischen liegende Mauer, auf der nordöstlichen Seite der Stadt, in Schutt; ein dritter Thurm war stark beschädigt, so daß eine Untergrabung ihn leicht zum Sturz bringen mußte; vielleicht hätte Alexander schon jetzt die Stadt mit Sturm nehmen können, wenn er nicht seine Soldaten so viel als möglich hätte schonen wollen. Da saßen eines Nachmittags zwei Macedonier aus der Phalanx Perdikkas unter ihrem Zelt beim Wein, und sprachen gegen einander groß von sich und ihren Thaten, sie schwuren ganz Halikarnaß auf ihre Lanzenspitze zu nehmen, und die Persischen Memmen in der Stadt dazu; sie nahmen Schild und Speer und rückten selbander gegen die Mauern der Stadt, sie schwangen ihre Waffen und schrieen nach den Zinnen hinauf; das nun sahen und hörten die auf der Mauer, und machten gegen die zween Männer einen Ausfall; diese aber wichen nicht vom Platz, wer ihnen zu nahe kam, wurde niedergemacht, und war zurückwich, ausgelacht; aber die Zahl der Feinde mehrte sich mit jedem Augenblick, und die zwei Männer, die überdies tiefer standen, erlagen fast dem Andrange der Mehrzahl. Indeß hatten ihre Kameraden im Lager diesen sonderbaren Sturmlauf mit angesehen, und eilten jetzt, da die Gefahr wuchs, zu ihrer Hülfe herbei; auch aus der Stadt mehrte sich der Zulauf, und es entspann sich ein hartnäckiger Kampf unter den Mauern; bald waren die Macedonier im Vortheil, warfen den Feind in die Thore zurück, und da die Mauern im Ganzen von Vertheigern entblößt und an einer Stelle bereits eingestürzt waren, so schien nichts als der Befehl des Königs zum allgemeinen Angriff zu fehlen, um die Stadt einzunehmen. Alexander gab ihn nicht; es war bereits hinter jener Bresche eine neue Mauer mit einspringendem Winkel erbaut worden, so daß ein Sturm nicht ohne großes Blutvergießen hätte bewerkstelligt werden können.

Sofort ließ Alexander seine Maschinen gegen diesen Theil der 132 Mauer vorrücken; Schirmwände aus Weiden geflochten, hohe hölzerne Thürme, Schilddächer mit Mauerbrechern füllten den einspringenden Winkel, der schon von Schutt und Trümmern gereinigt und zum Beginn der neuen Sturmarbeiten geebnet war. Und wieder machten die Feinde einen Ausfall, um die Maschinen in Brand zu stecken, während von den beiden Thürmen und der Mauer aus ihr Angriff auf das lebhafteste unterstützt wurde; schon brannten mehrere Schirmwände und selbst ein Thurm, und kaum vertheidigten die zur Feldwacht aufgestellten Truppen die übrigen; da erschien Alexander mit seinem Geleit, und in eiliger Flucht warfen die Feinde Fakkeln und Waffen hinweg, und zogen sich hinter die Mauern zurück.

Bald arbeiteten die Maschinen von Neuem, und Alexander selbst war zugegen, den Angriff zu leiten. In der Stadt war der Athener Ephialtes, der um Alexanders Willen seine Heimath verlassen hatte; der beschwor jetzt den Feldherrn Memnon, es nicht bis zum Aeußersten kommen, sondern einen allgemeinen Ausfall machen zu lassen, um die Macedonier aus ihrer Stellung zu verdrängen. So brach denn der eine Theil der Besatzung unter Ephialtes Führung bei der vielgefährdeten Stelle der Mauer heraus, während die anderen an einem entgegengesetzten Thore, wo man es nicht erwartet hatte, einen Ausfall gegen das Lager hin machten. Ephialtes kämpfte mit dem größten Muthe, seine Leute warfen Feuerbrände und Pechkränze in die Maschinen; aber ein kräftiger Angriff Alexanders, der von den hohen Belagerungsthürmen mit einem Hagel von Geschossen und großen Steinen unterstützt wurde, zwang die Feinde nach sehr hartnäckigem Kampfe zum Weichen; viele, unter ihnen Ephialtes, blieben auf dem Platze, noch mehrere unterlagen auf der Flucht über den Schutt der eingestürzten Mauer und durch die engen Thoreingänge. Indeß hatten sich auf der anderen Seite den Feinden einige Abtheilungen Hypaspisten und leichtes Fußvolk unter Ptolemäus Führung entgegengestellt; lange währte der Kampf, Ptolemäus selbst und der Anführer der Bogenschützen und mancher andere namhafte Macedonier war bereits gefallen, als es endlich gelang, die Feinde zurückzudrängen; unter der Menge der Fliehenden brach die enge Brücke, die über den Graben führte, viele stürzten hinab und kamen theils von ihrem Kameraden erdrückt, theils von den Speeren der Macedonier getroffen, um. Bei dieser allgemei133nen Flucht hatten schnell die in der Stadt Zurückgebliebenen die Thore schließen lassen, damit nicht mit den Fliehenden zugleich die Macedonier den Eingang erzwängen; vor den Thoren drängten sich nun große Haufen unglücklicher Flüchtlinge zusammen, die, ohne Waffen, ohne Muth und Rettung, den Macedoniern preisgegeben, sämmtlich niedergemetzelt wurden. Mit Entsetzen sahen es die Belagerten, daß die Macedonier, von so großen Erfolgen angefeuert und von der hereinbrechenden Nacht begünstigt, im Begriff standen, die Thore zu erbrechen, in die Stadt selbst einzudringen; da ertönten durch die Dunkelheit hin die Trompeten des Lagers, sie riefen zum Abzuge. Alexander wünschte noch immer die Stadt zu retten; er hoffte, daß nach diesem Tage, der ihm nur vierzig Todte, dem Feinde dagegen an tausend gekostet und deutlich genug gezeigt hatte, daß einem neuen Angriff wohl der Fall der Stadt folgen dürfte, von Seiten der Belagerten Anträge gemacht werden würden, die er nur erwartete, um diesem unnatürlichen Kampf von Griechen gegen Griechen ein Ende zu machen.

In Halikarnaß beriethen die beiden Befehlshaber, Memnon und Orontobates, welche Maaßregeln zu ergreifen seien; es entging ihnen nicht, daß sie unter den jetzigen Umständen, da bereits ein Theil der Mauer eingestürzt, ein anderer dem Einsturz nahe, und die Besatzung durch viele Todte und Verwundete außerordentlich geschwächt war, die Belagerung nicht länger würden aushalten können; und wozu sollten sie die Stadt halten, da doch das Land bereits verloren war; der Hafen, den zu behaupten für die Flotte von Wichtigkeit war, konnte durch Besetzung der Burg von Halikarnaß und durch die Behauptung der am Meerbusen von Doris belegenen festen Plätze genugsam gesichert werden; sie beschlossen, die Stadt Preis zu geben. Es war um Mitternacht, als die Macedonischen Feldwachen über den Mauern der Stadt eine Feuersbrunst emporlodern sahen; Flüchtende, die aus der brennenden Stadt sich ins Feld zu den Macedonischen Vorposten retteten, berichteten, daß der große Thurm, der gegen die Macedonischen Maschinen errichtet war, und die Waffenmagazine und die Stadtviertel zunächst an den Mauern brennten; man sah, wie ein heftiger Wind die Feuersbrunst in die Stadt hineintrieb; man erfuhr, daß das Umsichgreifen der Flamme von denen in der Stadt auf alle Weise ge134fördert würde. Sogleich ließ Alexander trotz der Nacht aufbrechen, um die brennende Stadt zu besetzen; wer noch beim Anzünden beschäftigt war, wurde niedergehauen, Widerstand fand man nirgend; die Einwohner der Stadt verschonte man. Endlich graute der Morgen; die Stadt, ein weiter Trümmerhaufen, war von den Feinden geräumt, sie hatten sich auf die Burg Salmakis und die Hafeninsel zurückgezogen, von wo aus sie den Hafen beherrschen, und, selbst fast vollkommen sicher, die Trümmerstätte, die in den Händen der Feinde war, beunruhigen konnten. Dies erkannte der König; um sich nicht mit der Belagerung aufzuhalten, die ihm unter den jetzigen Umständen nicht mehr entscheidende Resultate bringen konnte, ließ er, nachdem die in der letzten Nacht Gefallenen begraben waren, den Park seiner Belagerungsmaschinen nach Tralles vorausgehen, die letzten Ueberbleibsel der Stadt, die sich so hartnäckig der gemeinsamen Sache aller Hellenen widersetzt hatte, und überdies die Nähe der Perser in der Salmakis und auf Arkonnensus nur gefährlicher machte, von Grund aus zerstören; die Bürgerschaft wurde in die sechs Flecken aufgelöset, die etwa vierzig Jahre früher der Dynast Mausolus in seiner Residenz vereint hatte 41). Ada erhielt, unter dem Namen einer Königin, die Herrschaft über ganz Karien, indem die Städte, die mehr oder minder gräcisirt waren, demokratische Verfassung bekamen; die Einkünfte des Landes fielen der Königin Ada zu; Alexander ließ zu ihrem und ihrer Lande Schutz zweitausend Mann vom fremden Fußvolk und etwa zweihundert Reuter unter Ptolemäus 42) Oberbefehl zurück, der den Auftrag erhielt, zur gänzlichen Vertreibung der Feinde aus den einzelnen Küstenstrichen, die sie noch besetzt hielten, sich mit dem Befehlshaber von Lydien zu vereinigen, demnächst die Belagerung der Salmakis durch Circumvallation zu beginnen 43).

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41) Wenn Plin. V. 29. angiebt, daß Alexander der Stadt Halikarnaß sechs Städte, unter diesen Pedasum, geschenkt habe, so bezieht sich das auf eine spätere Zeit, und hat offenbar den Sinn, daß er, was auch sonst berichtet wird, nach Halikarnaß die Bürger der sechs Ortschaften wieder zusammenziehen ließ; denn Pedasum ist nach Strabo eine der von Mausolus nach Halikarnaß verlegten Gemeinden. — 42) Wahrscheinlich der Sohn Philipps. — 43) Diod. XVII. 27.

 

135 Die späte Jahreszeit war herangekommen; mit dem Fall von Halikarnaß konnte Alexander die Eroberung der Westküste Kleinasiens für beendet ansehen; die neubegründete Freiheit in den Griechischen Städten der Küste und die Macedonischen Besatzungen in Mysien, Lydien und Karien sicherten diese Gegenden vor neuen Angriffen der Perserflotten. Diesen auch die Südküste Kleinasiens zu sperren, so wie die Landschaften im Inneren Kleinasiens zu unterwerfen, mußte der Zweck der nächsten Operationen sein. Da indeß vorauszusehen war, daß weder in den Küstenstädten, denen wegen der Jahreszeit von der See her nicht leicht Hülfe kommen konnte, noch auch im Innern des Landes, das längst von den Persern geräumt war, der Widerstand groß sein würde, so war es unnöthig, das ganze Heer an diesem beschwerlichen Zuge Theil nehmen zu lassen; dazu kam, daß zu den großen Bewegungen, die den Feldzug des nächsten Jahres eröffnen sollten, das Heer mit frischen Truppen aus der Heimath verstärkt werden mußte, da eines Theils die einzelnen Gefechte, anderen Theils die Besatzungen dem großen Heere viele Truppen kosteten. Nun befanden sich bei dem Heere eine Menge Kriegsleute, die sich jüngst erst verheirathet hatten; diese wurden auf Urlaub nach der Heimath entlassen, daß sie den Winter über bei Weib und Kind zubrächten; ihre Führung übernahmen drei Neuvermählte aus der Zahl der Befehlshaber, nämlich des Seleukus Sohn Ptolemäus, einer der Leibwächter des Königs, Könus, des alten Parmenion Schwiegersohn, und Meleager, beide Anführer von Divisionen der Phalanx; diese erhielten den Auftrag, zugleich mit den Beurlaubten so viel als möglich frische Mannschaften nach Asien mitzubringen, und im Frühling in Gordium zur großen Armee zu stoßen. Man kann sich vorstellen, mit welchem Jubel dieser Urlaub angenommen wurde, mit welcher Freude die heimkehrenden Krieger von den Ihrigen empfangen und angehört wurden, wenn sie von ihren Thaten und ihrem Könige, von der Beute und den schönen Ländern Asiens erzählten; es schien, als ob Asien und Macedonien aufhörten, einander fern und fremd zu sein.

Von den in Asien zurückbleibenden mobilen Truppen (denn etwa neuntausend Mann waren als Besatzungen verwendet) bildete Alexander zwei Marschcolonnen, von denen die kleinere unter Parmenions Befehl, welche, bis auf einige Geschwader der Macedoni136schen Ritterschaft, die gesammte Reuterei, so wie den Park der Wagen und Maschinen enthielt, über Tralles nach Sardes ging, um in den Lydischen Ebenen zu überwintern und mit dem Beginn des Frühlings nach Gordium hin aufzubrechen. Die größere Colonne, bestehend aus den Hypaspisten, den Divisionen der Phalanx, den Agrianern, Bogenschützen, Thraciern und dem größeren Theil der Macedonischen Ritterschaft, brach, unter Führung des Königs selbst, von Karien auf, um die Seeküste und die inneren Landschaften Kleinasiens zu durchziehen und in Besitz zu nehmen.

Der Marsch ging durch Karien über Hyparna, das durch Kapitulation mit den in der Festung liegenden Söldnern genommen wurde, nach der Landschaft Lycien. Lycien war zwar seit der Zeit des Cyrus dem Persischen Reiche einverleibt 44), hatte aber nicht blos seine eidgenossische Verfassung behalten, sondern auch bald seine Unabhängigkeit so weit wieder erlangt, daß es nur einen bestimmten Tribut nach Susa zahlte, der an den jedesmaligen Lyciarchen entrichtet wurde, eine Stelle, die in der letzten Zeit den Karischen Dynasten gehört hatte und wahrscheinlich an Orontobates übergegangen war; noch in den letzten Jahren hatte der Perserkönig die Gebirgslandschaft Milyas, auf der Grenze gegen Phrygien hin, zu dem Bereich des Lyciarchen geschlagen; Persische Besatzungen standen in Lycien nicht; Alexander fand kein Hinderniß bei der Besitznahme dieser an Städten ziemlich reichen und durch Seehäfen ausgezeichneten Provinz. – Telmissus, und jenseit des Xanthusflusses Pinara, Xanthus, Patara und an dreißig kleinere Ortschaften im oberen Lycien, ergaben sich den Macedoniern; dann rückte das Heer, es war in der Mitte des Winters, an die Quellen des Xanthus hinauf, in die Landschaft Milyas 44a). Hier empfing Alexander die Gesandtschaften der Phaseliten und mehrerer anderer Städte des unteren Lyciens, die freundlich empfangen wurden, und nach des Königs Befehl die Detaschements, die er zur Besetzung der

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44) Herod. I. 176.— 44a) Strabo sagt: Diese Landschaft erstreckt sich von den Engpässen oberhalb Telmissus und dem darüber bis zum Taurus liegenden Lande, bei Isinda vorüber bis Sagalassus und Apamea. Auf Leakes Karte steht demnach der Name Sinda oder Isinda zu weit nordostwärts.

 

137 einzelnen Städte mitschickte, in deren Mauern aufnahmen; den Phaseliten, die ihm nach Griechischer Weise einen goldnen Kranz zum Ehrengeschenk gesendet hatten, versprach er, auf einige Zeit ihre Stadt zu besuchen; sie war ihm werth als die Vaterstadt des ihm befreundeten Theodektes, der, gleich ausgezeichnet durch seine Schönheit 45) und durch sein poetisches Talent 46), ein Liebling ihres gemeinschaftlichen Lehrers Aristoteles 47), eben jetzt zu Athen gestorben war, nachdem er kurz zuvor noch eine Lobrede auf Alexander herausgegeben hatte 48).

Die Stadt Phaselis, Dorisch ihrem Ursprunge nach, und mächtig genug, einen Freistaat für sich zu bilden, lag außerordentlich günstig an der Pamphylischen Meerbucht und den drei Häfen, denen die Stadt ihren Reichthum dankte; gegen Westen erheben sich steile, terrassenförmige Berge, bis zur Höhe von siebentausend Fuß 49), die sich halbkreisförmig um die Pamphylische Meerbucht herum bis Perge hinziehen, dem Ufer des Meeres so nah, daß der Weg an mehreren Stellen nur dann nicht von der Brandung bedeckt wird, wenn Nordwind das Wasser von der Küste zurücktreibt; will man diesen Weg vermeiden, so muß man den bei weitem beschwerlicheren und längeren durch die Berge einschlagen, der gerade damals durch einen Pisidischen Stamm, der sich beim Eingang des Gebirges ein Bergschloß gebaut hatte, und von da aus die Phaseliten heimsuchte, gesperrt wurde. Alexander griff in Verbindung mit den Phaseliten dies Raubnest an, und zerstörte es. Freudenmahle feierten diese glückliche Befreiung der oft geängstigten Stadt und die Siege des Macedonischen Königs; es mochte seit Cimons Siegen am Eurymedon das erste Mal sein, daß die Stadt ein Hellenisches Heer in ihren Mauern sah; auch Alexander scheint in diesen Tagen sehr heiter gewesen zu sein, man sah ihn nach einem

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45) Eustathius ad Dionys. perieg. 835. — 46) Man vergleiche die Fragmente bei Stobäus, und namentlich die artigen Räthsel, ἡ Θεοδέκτου τέχνη nennt sie Antiphanes bei Athen. IV. 134. C. — 47) Athen. XIII. 566. E.; Plut.48) cf. Toup emend. in Suid. I. 223. Ein Beweis seines Ruhmes sind die, natürlich erdichteten, Angaben bei Aristeas ep. ad fratr. und Josephus.49) s. Beaufort in Nouvelles annales des voyages t. V. p. 37.

 

138 der Gastmahle mit seinen Getreuen im frohen Festzuge nach dem Markte ziehen, auf dem die Bildsäule des Theodektes stand, und sie mit Blumenkränzen schmücken, das Andenken des ihm werthen Mannes zu feiern 50).

In eben diesen Tagen war es, daß ein verruchter Plan, der nichts Geringeres als die Ermordung des Königs beabsichtigte, ans Licht kam, doppelt verrucht, weil er von einem der ersten Generale ausging, dem Alexander Großes verziehen und Größeres anvertraut hatte; der König war vielfach gewarnt worden, noch vor Kurzem hatte Olympias in einem Briefe ihren Sohn beschworen, vorsichtig gegen frühere Feinde zu sein, die er jetzt für seine Freunde halte. Selbst die Götter, so wird erzählt, hatten ihm ein bedeutsames Zeichen gesandt; denn als er eines Tages vor den Mauern von Halikarnaß, vom Kampf ermüdet, Mittags sich zur Ruhe niedergelegt hatte, war eine Schwalbe mit viel lauterem Gezwitscher, als er je gehört, über seinem Haupte hin und her geflogen, hatte sich bald da, bald dort auf sein Lager gesetzt, wie um ihn zu ermuntern, und als sie der König, der sich vor großer Müdigkeit des Schlafes gar nicht erwehren konnte, sanft mit der Hand hinwegscheuchte, sich auf sein Haupt gesetzt, immer heftiger gezwitschert, und nicht eher aufgehört, als bis er völlig wach gewesen. Aristander, der Zeichendeuter aus Telmissus, sagte damals: Dies deute auf Verrath von einem seiner Freunde, zugleich aber, daß der Verrath an den Tag kommen werde; denn die Schwalbe sei dem Menschen befreundet, und heimlicher und geschwätziger, als jeder andere Vogel. – Und in der That geschah es, wie es das Zeichen der Götter verkündet hatte.

Der Verräther war Alexander der Lynkestier, in dem die zweideutigen Ansprüche seiner Familie auf den Macedonischen Thron einen eben so heimtückischen wie hartnäckigen Vertreter fanden. Theilnehmer an jener Verschwörung, die dem Könige Philipp das Leben gekostet hatte, wurde er, weil er dem Könige Alexander sich sofort unterworfen und ihn zuerst als König begrüßt hatte, nicht blos freigesprochen, sondern Alexander behielt ihn mit Auszeichnung in seiner Umgebung, übergab ihm manches wichtige Commando, und

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50) Plut. Alex. c. 17.

 

139 noch zuletzt die Anführung der Thessalischen Ritterschaft, mit der erjetzt an der Seeküste von Aeolis cantonirte. Aber selbst das edle Vertrauen des Königs vermochte nicht, des finsteren Mannes Gesinnung zu ändern; das Bewußtsein eines vergeblichen, aber nicht bereuten Verbrechens, der ohnmächtige Stolz, doppelt gekränkt durch die Großmuth des glücküberhäuften Jünglings, das Andenken an zwei Brüder, deren Blut für den gemeinsamen Plan geflossen, die eigene Herrschsucht, die desto heftiger quälte, je hoffnungsloser sie war, kurz Neid, Haß, Wunsch und Furcht, das mögen die Triebfedern gewesen sein, die den Lynkestier die Verbindung mit dem Persischen Hofe wieder anzuknüpfen oder vielleicht nicht abzubrechen bewogen. Des Antiochus Sohn Amyntas, der, landesflüchtig aus Macedonien, beim Herannahen des Macedonischen Heeres Ephesus verlassen hatte, brachte schriftliche und mündliche Eröffnungen in Alexanders Namen an den Perserkönig, und Asisines, einer von Darius Vertrauten, kam, angeblich um Aufträge an den Phrygischen Satrapen zu bringen, mit geheimen Aufträgen nach Kleinasien, zunächst bemüht, sich in die Cantonirungen der Thessalischen Ritterschaft einzuschleichen. Von Parmenion aufgefangen, gestand er den eigentlichen Zweck seiner Sendung, den er, unter Bedeckung nach Phaselis an den König geschickt, dahin bezeichnete: daß er im Namen des Königs Darius die von dem General angebotene Ermordung Alexanders habe billigen und dafür versprechen sollen, daß Darius dem Lynkestier nach vollbrachtem Morde den Macedonischen Thron, wie er gefordert, verschaffen, und überdies tausend Talente Gold zum Geschenk senden werde. Sofort berief der König die Freunde, sich mit ihnen zu berathen, wie gegen den General zu verfahren sei. Diese waren der Meinung, daß derselbe als Hochverräther anzusehen sei, falls er nicht entscheidende Beweise für seine Treue vorzubringen habe; sei es früher schon nicht wohl gethan gewesen, einem so zweideutigen Manne den Kern der Reuterei anzuvertrauen, so scheine es jetzt um so nothwendiger zu sein, ihn wenigstens sofort unschädlich zu machen, bevor er die Thessalische Ritterschaft noch mehr für sich gewinne, und sie in seine Verrätherei verwickele; wenn irgend je, so hätten diesmal die Götter durch ein bedeutsames Zeichen gewarnt, das von der Hand zu weisen, mehr als unvorsichtig sein würde. Demnach wurde einer der ge140treuesten Officiere, Amphoterus, Kraterus Bruder, an Parmenion abgesandt; in der Landestracht, um unkenntlich zu sein, und von einigen Pergäern begleitet, gelangte er unerkannt an den Ort seiner Bestimmung; nachdem er seine Aufträge gesagt hatte, denn Alexander hatte so gefährliche Dinge nicht einem Briefe, der leicht aufgefangen und misbraucht werden konnte, anvertrauen wollen, wurde der Lynkestier in der Stille aufgehoben und festgesetzt; ihn zu richten, verschob der König auch jetzt noch, theils aus Rücksicht auf Antipater, dessen Schwiegersohn der Hochverräther war, besonders aber, um nicht zu beunruhigenden Gerüchten im Heere und in Griechenland Anlaß zu geben 51).

Nach diesem Aufenthalt brach das Heer aus der Gegend von Phaselis auf, um Pamphylien und den wichtigsten Ort des Landes, Perge, zu erreichen. Einen Theil des Heeres sandte Alexander auf dem langen und beschwerlichen Gebirgswege, den er durch die Thracier wenigstens für das Fußvolk hatte gangbar machen lassen, voraus, während er selbst, wie es scheint, mit der Ritterschaft und einem Theile des schweren Fußvolkes den Küstenweg einschlug; in der That ein kühnes Unternehmen, da gerade jetzt in der Winterzeit der Weg von der Brandung bedeckt war; den ganzen Tag brauchte man, um das Wasser zu durchwaten, das oft bis an den Nabel hinaufreichte, aber das Beispiel und die Nähe des Königs, der das Wort „unmöglich“ nicht kannte, ließ die Truppen wetteifern, alle Mühe mit Ausdauer und mit Freudigkeit zu überstehen; und als sie endlich am Ziele angelangt, auf ihren Weg, auf die schäumende Brandung des weiten Meeres zurücksahen, da war es ihnen wie ein Wunder, das die Götter durch Alexander vollbracht, und sie erkannten staunend, was sie selbst vermochten unter ihres Heldenkönigs Führung. Die Kunde von diesem Zuge verbreitete sich, mit mährchenhaften Zusätzen geschmückt, unter den Hellenen: der König sei trotz des heftigen Südwindes, der das Wasser bis an die Berge hinaufgepeitscht, an das Gestade hinabgezogen, und plötzlich habe der Wind sich gedreht, und von Norden her die Wasser zurückgejagt 52); Andere wollten gar wissen, daß er sein Heer trock-

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51) Arrian. Diod. XVII. 32. 80. Curt. VII. 1. — 52) Arrian.

 

141nen Fußes durch das Meer geführt habe 53); der König selbst schrieb an seine Mutter nichts als die einfachen Worte: er habe sich durch die Pamphylische Leiter, so nannte man die Bergabhänge dort, einen Weg gebahnt, und sei von Phaselis aus hindurchgezogen 54).

So rückte Alexander in den Küstensaum der Landschaft Pisidien, der in der Regel Pamphylien genannt wird, mit seinem Heere ein; diese Küstenlandschaft erstreckt sich, vom Taurusgebirge im Norden begränzt, bis jenseits der Stadt Side, wo das Gebirge sich dicht an die Küste drängt, um sich nordöstlich über Cilicien, der ersten Landschaft jenseit des Taurus, hinzuziehen, dergestalt, daß Alexander mit der Besetzung Pamphyliens die Unterwerfung der Seeküste diesseit des Taurus beendet nennen konnte. Perge, der Schlüssel zum Uebergang über die Gebirge und zu den inneren Landschaften, ergab sich, die Stadt Aspendus schickte bevollmächtigte Gesandte an den König, um sich bereit zur Uebergabe zu erklären, zugleich aber zu bitten, keine Macedonische Besatzung einnehmen zu dürfen, eine Bitte, die Alexander unter der Bedingung gewährte, daß Aspendus außer der Unterhaltung einer bestimmten Anzahl Pferde, wodurch sie dem Perserkönige ihren Tribut abgetragen, noch funfzig Talente zur Löhnung seiner Soldaten zahlen sollte. Er selbst brach nach Side auf, der Grenzstadt Pamphyliens, zugleich der letzten Hellenischen Kolonie auf der Küste Kleinasiens; denn die Siditen nannten ihre Stadt von Kymäern aus Aeolis gegründet; aber die Sprache ihrer Heimath hatten sie seit ihrer Ankunft vergessen, ein trauriges Mittelding zwischen Griechischer Bildung und Barbarischer Entartung. Alexander ließ in ihrer Stadt eine Besatzung zurück, die, so wie die gesammte Küste der Pamphylischen Bucht unter Nearchus Oberbefehl 55) gestellt wurde. Darauf trat Alexander den Rückweg nach Perge an; umsonst versuchte er die mit einer Besatzung von Landeseingeborenen und fremden Söldlingen versehene Bergfestung Syllion 56) zu überrumpeln;

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53) Appian. de bell. civil. II. 119. Joseph. ant. II. extrem.54) Plut. Alex. 17. Strab.55) Arrian. III. 6. — 56) Die Lage dieser Festung ergiebt sich nach Arrian zwischen Side und Aspendus; Mannerts Ergänzung bei Strabo XIV. 983. (281 ed. T.) ist höchst zweifelhaft.

 

142 er überließ sie einzunehmen seinem Statthalter, um selbst nicht Zeit zu verlieren, da ihm bereits die Nachricht zugekommen war, daß die Aspendier weder die versprochenen Pferde ausliefern, noch die funfzig Talente, zu denen sie sich verpflichtet, zahlen wollten, sondern sich zum ernsthaften Widerstande gerüstet hatten. Alexander rückte gegen Aspendus, besetzte die von ihren Einwohnern verlassene Unterstadt, und, weit entfernt sich durch die Festigkeit der Burg, in die sich die Aspendier geflüchtet hatten, und durch den Mangel an Sturmzeug zur Nachgiebigkeit bewegen zu lassen, antwortete er den Gesandten, welche die Aspendier, durch seine Nähe geschreckt, an ihn abgesandt hatten, um sich auf die Grundlage des früheren Vertrages zu ergeben, daß die Stadt außer den früher verlangten Pferden und funfzig Talenten, noch funfzig Talente zahlen und die angesehensten Bürger als Geißeln ausliefern, wegen des Gebietes, das sie ihren Nachbarn gewaltsam entrissen zu haben beschuldigt wurde 57), sich einer gerichtlichen Entscheidung unterwerfen, dem Statthalter des Königs in dieser Gegend gehorchen, und jährlichen Tribut an Macedonien zahlen sollte. Die Aspendier wagten nicht, die Bedingungen des erzürnten Königs zu verwerfen.

Jetzt brach Alexander nach Perge auf, um von dort aus durch die von freien Pistdiern bewohnten Berge nach Phrygien hinüber zu gehen. Es konnte um so weniger seine Absicht sein, sich mit der Unterwerfung dieses, in viele Stämme getheilten und zum Theil unter sich in Fehde begriffenen Bergvolkes aufzuhalten, da dasselbe eben so wenig seinem großen Plane hinderlich werden, als sich, wenn die benachbarten Landschaften von Macedonien besetzt waren, auf die Dauer dem Macedonischen Einfluß entziehen konnte; es genügte ihm für den Augenblick, sich den Durchzug durch ihre Berge zu erzwingen, indem er die Bergstraße, die fortan Phrygien und Pamphylien verbinden sollte, für künftige Zeiten zu sichern, seinen Befehlshabern in den benachbarten Provinzen überließ.

Die Bergstraße führte von Perge aus zunächst in ein sehr gefährliches Defilee, welches, von der Pisidischen Bergstadt Telmis-

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57) Nach Polyb. V. 73. möchte man die Siditen für die beeinträchtigten Nachbarn halten.

 

143sus beherrscht, durch eine kleine Truppenzahl selbst einem großen Heere leicht gesperrt werden konnte; denn von der Stadt aus läuft eine steile Bergwand bis an den Weg, der von einem eben so steilen Berge auf der anderen Seite überragt wird. Beide Berge fand Alexander von den Barbaren, denn ganz Telmissus war ausgezogen, so besetzt, daß er vorzog, sich vor dem Paß zu lagern, überzeugt, daß die Feinde, wenn sie die Macedonier sich ruhig lagern sähen, die Gefahr für nicht so dringend halten, den Paß durch eine Feldwache sichern, und in die Stadt zurückkehren würden. So geschah es; die Menge zog sich zurück, nur einzelne Posten zeigten sich auf der Höhe; sofort rückte Alexander mit leichtem Fußvolk vor, die Posten wurden zum Weichen gebracht, die Höhen besetzt, das Heer zog ungehindert durch den Paß, und lagerte sich unter den Mauern von Telmissus. Dort empfing Alexander die Gesandten der Selgier, die Pisidischen Stammes, wie die Telmissier, aber mit denselben in fortwährender Fehde, mit dem Feind ihrer Feinde Vergleich und Freundschaft schlossen und fortan treu bewahrten. Die Stadt zu erobern würde längeren Aufenthalt nöthig gemacht haben; Alexander brach daher ohne vielen Verzug auf.

Er rückte gegen die Stadt Sagalassus 58), die, von den streitbarsten aller Pisidier bewohnt, am nördlichen Abhange der Pisidischen Alpenlandschaft liegt, und den Eingang in die Hochebene Phrygiens öffnet; die Berge auf der Südseite, an denen die Stadt bergauf gebaut war, hatten die Sagalasser, mit Telmissiern vereinigt, besetzt, und sperrten nun den Macedoniern ihren Weg. Sofort ordnete Alexander seine Angriffslinie: auf dem rechten Flügel, wo er selbst commandirte, rückten die Schützen und Agrianer, auf dem linken, den der Lynkestier Amyntas führte, Sitalkes Thracier vorauf; schon war man bis an die steilste Stelle des Berges vorgerückt, als sich plötzlich die Barbaren rottenweis auf die beiden Flügel des heranrückenden Heeres stürzten, mit doppeltem Erfolg, da sie bergab gegen die Bergansteigenden rannten. Die Bogenschützen des rechten Flügels traf der heftigste Angriff, ihr Anführer fiel, sie mußten weichen; die Agrianer hielten Stand, schon war

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58) Leake glaubt in der Position von Aglason die Lage dieser Stadt wiederzufinden; Asia minor p. 150.

 

144 das schwere Fußvolk nahe heran, Alexander an der Spitze; die heftigen Angriffe der Barbaren zerschellten an der geschlossenen Masse der Geharnischten, im Handgemenge erlag der leichtbewehrte Barbar unter der schweren Waffe der Macedonier; überall stürzten sie verwundet, fünfhundert lagen erschlagen, die anderen flüchteten, der Gegend kundig entkamen sie; Alexander rückte auf dem Hauptwege nach, und nahm die Stadt beim ersten Sturm 58a).

Nach der Eroberung von Sagalassus wurden von den übrigen Pisidischen Burgen die einen mit Gewalt, die anderen mit Kapitulation genommen. Es ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, in wie weit auf diese Weise die Pisidier unterworfen worden sind, und welches Verhältniß zum Reiche ihnen gegeben wurde; indeß scheinen spätere Begebenheiten dafür zu sprechen 58b), daß sie ihre alte Unabhängigkeit behaupteten, daß Alexander sie mehr seine Uebermacht habe fühlen lassen, als sie derselben unterwerfen wollen, daß sie überhaupt, zu roh, um das Wort Unterthan zu begreifen, zu arm, um in Frieden zu leben, zu naturkräftig, um ein ehrlich Wegelagern anstößig zu finden, mehr eine Naturgrenze zwischen dem Inneren und den Seeküsten, als ein Glied in der großen Kette der Eroberungen geworden sind, durch welche Alexander Asien an Europa zu fesseln gehofft hat.

Im Besitz von Sagalassus hätte der König, wenn ihm um einen möglichst schnellen Einbruch in das obere Asien zu thun war, sich sogleich auf der Straße von Ikonium nach Kappadocien und Cilicien wenden können; aber sein großer Plan forderte Occupation jedes einzelnen, durch natürliche Grenzen selbstständig abgesonderten Gebietes; Phrygien, das seine Ströme dem Westen und Norden zusendet, durfte nicht übergangen werden, die Länder jenseit des Taurus, namentlich Kappadocien, das sich zum Euphrat hinabsenkt, gehörten dem neuen Feldzug an. So zog sich Alexander scheinbar rückwärts an dem Abhange der Phrygischen Hochebene und am Askanischen See vorüber, nach den Quellen des Mäander hin, um

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58a) Diodor erwähnt einer Unternehmung gegen die Marmarer, die vielleicht hierher gehört. — 58b) Wir beziehen uns auf Alketas Aufenthalt in Termessus bis zum Jahr 319.

 

145 dann bei den Pässen von Kelänä zu dem nach Norden sich senkenden Theil Phrygiens überzugehen. Wie Sagalassus gegen Süden, so ist Kelänä gegen Westen der Schlüssel von Phrygien; überdies durch seine natürliche Lage, und namentlich durch seine außerordentlich feste Burg ausgezeichnet, war es vor allen andern Städten geschickt, der Mittelpunkt der Groß-Phrygischen Satrapie zu sein. Alexander fand diese Burg des geflüchteten Satrapen in den Händen einer aus Karischen und Griechischen Söldnern bestehenden Besatzung, mit der er, da er dieselbe nicht ohne bedeutenden Zeitverlust hätte nehmen können, das Abkommen traf, daß, wenn in sechszig Tagen kein Entsatz Persischer Seits herankomme 59), die Burg an die Macedonier übergehen sollte. Er konnte um so eher diesen Vergleich eingehen, indem nicht nur sein bisheriger Zug, sondern noch mehr der Plan seiner nächsten Operationen das Anrücken einer feindlichen Armee durchaus unmöglich machte. Er ließ demnach ein Corps von etwa funfzehnhundert Mann in Kelänä zurück, übertrug dem bisherigen Anführer der Bundesgenossen, Antigonus, die Satrapie Phrygiens, und rückte, nachdem er seinem Heere zehn Tage Ruhe gegönnt hatte, nach der als Sammelplatz für den nächsten Feldzug bestimmten Stadt Gordium am Sangarius, von der aus die große Straße stromauf nach dem Inneren Kleinasiens und nach Kappadocien führt 60).

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59) Curt. III. 1. — 60) Die Gesandtschaft der Athener, die um die Entlassung der Athener, welche sich unter der Zahl der zweitausend am Granikus gefangenen Söldner befanden und nach Macedonien abgeführt waren, bitten sollte, wurde dahin beschieden: wenn der nächste Feldzug glücklich geendet sei, wieder einmal anzufragen. Curtius läßt diese Gesandtschaft in Kelänä, Arrian, scheinbar wenigstens, in Gordium eintreffen.

 

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146 Viertes Kapitel.

Der Syrische Feldzug.

 

Persischer Seits war die Nachricht von der Schlacht am Granikus mit mehr Unwillen als Besorgniß aufgenommen worden; die nächsten Erfolge der Macedonischen Waffen übertrafen Alles, was man je möglich geglaubt hatte; man übersah, daß Alexander, so kühn im Felde, und so besonnen in seinen Plänen, als Befreier der Völker, als Rächer ihrer Volksthümlichkeit, als Vorkämpfer einer neuen Zeit doppelt gewaltig war, und daß er die Völker durch den Zauber seiner Größe und durch ihre eigenen Hoffnungen an sich kettete. Man glaubte, Alexanders Siege seien das zufällige Glück eines Tollkühnen, seien durch die Fehler, die sie nur erleichtert, verschuldet worden; meide man diese, so werde allen weiteren Gefahren vorgebeugt, und des Macedoniers Glück am Rande sein. Vor allem schien Mangel an Einheit und planmäßiger Führung des Heeres das Unglück am Granikus herbeigeführt zu haben; Memnons Rath, man bekannte es jetzt, hätte befolgt werden, er selbst das Heer von Anfang her führen sollen. So wurde ihm jetzt wenigstens der alleinige unumschränkte Befehl über die Persische Landund Seemacht in den Seeprovinzen übertragen.

In der That schien in diesem General dem Macedonischen Könige ein gefährlicher Gegner gefunden zu sein; schon die hartnäckige Vertheidigung von Halikarnaß zeigte sein Talent und seinen Charakter; dann bis auf wenige Punkte von der Küste verdrängt, faßte er, begünstigt durch die Auflösung der Macedonischen Flotte, den großen Plan, Alexander von Europa abzuschneiden, den Krieg nach Griechenland hinüberzuspielen, und von dort aus in Verbin147dung mit Macedoniens zahlreichen Feinden in Hellas, namentlich den Spartanern, die Kraft Alexanders in ihrer Wurzel zu zerstören. Von der Rhede von Samos wandte sich die Perserflotte nach der Insel Chios, die durch den offenbaren Verrath der früheren Oligarchen genommen und in deren Hände zurückgegeben wurde 1). Dann segelte Memnon gegen Lesbos; die meisten Städte, in den Händen von Tyrannen, die sich gern zur Persischen Parthei zurückwandten, wurden, trotz des mit Alexander beschworenen Bundes, den Persern übergeben. Mitylene, das sich, in Vertrauen auf die in der Stadt befindliche Macedonische Besatzung, zu halten hoffte, ward von der Landseite durch einen doppelten, mit fünf Schanzen versehenen Wall eingeschlossen, durch ein Geschwader, das den Hafen sperrte, und ein anderes, welches das Fahrwasser nach Griechenland beobachtete, aller Aussicht auf Hülfe beraubt, und auf das Aeußerste gebracht. Da erkrankte Memnon, und nachdem er dem Pharnabazus, seinem Neffen, dem Sohne des Artabazus, bis zur weiteren Entscheidung des Großkönigs seine Gewalt übertragen, und seine Pläne anvertraut hatte, sank er, wenn nicht für seinen Ruhm, doch für Darius Hoffnungen zu früh, ins Grab.

Auf die traurige Botschaft seines Todes berief Darius sofort einen Kriegsrath, unschlüssig, ob er dem Könige Alexander, der rastlos vorrückte, die nächsten Satrapen entgegenschicken, oder in Person und an der Spitze des Reichsheeres begegnen sollte. Die Perser verlangten ein Reichsaufgebot; unter den Augen des Königs werde das Heer zu siegen wissen, eine Schlacht genüge, Alexander zu vernichten. Aber der Athenische Feldherr Charidemus, der, durch seine Kriegszüge berühmt und vor Alexander flüchtig, dem Perserkönig doppelt erwünscht gekommen war, rieth, nicht ohne Billigung des Königs, vorsichtig zu sein, nicht Alles auf einen Wurf zu setzen, nicht am Eingange Asiens Asien selbst Preis zu geben, das Reichsaufgebot und die Gegenwart des durch seine Tapferkeit hochberühmten Großkönigs auf die letzte Gefahr aufzusparen, zu der es nie kommen werde, wenn man dem tollkühnen Macedonier mit Geschick und Vorsicht zu begegnen wisse; an der Spitze von hun-

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1) Demosth. de Rhod. lib. p. 176. Arrian. III. 2.

 

148derttausend Mann, von denen ein Drittel Griechen, verbürge er sich dafür, den Feind zu vernichten. Auf das heftigste widersprachen die stolzen Perser: jene Pläne seien des Persischen Namens unwürdig; sie seien ein ungerechter Vorwurf gegen die Tapferkeit der Perser; sie anzunehmen, werde ein Zeichen des traurigsten Argwohns, das Bekenntniß einer Ohnmacht sein, an deren Statt des Großkönigs Gegenwart nichts als Begeisterung und Hingebung finden werde; sie beschworen den schwankenden König, nicht auch das Letzte einem Fremdling anzuvertrauen, der nichts wollte; als an der Spitze des Heeres stehen, um das Reich des Cyrus zu verrathen. Im heftigsten Zorne sprang Charidemus auf, er beschuldigte sie der Verblendung, der Feigheit und Selbstsucht; sie kenneten ihre Ohnmacht und die furchtbare Macht der Griechen nicht, sie würden das Reich des Cyrus in das Verderben stürzen, wenn nicht des Großkönigs Weisheit ihm jetzt folge. Der Perserkönig, ohne Vertrauen zu sich selbst, und doppelt gegen Andere mistrauisch, überdies in dem Gefühl Persischer Hoheit verletzt, berührte des Fremdlings Gürtel, und die Trabanten schleppten den Hellenischen Feldherrn hinaus, ihn zu erwürgen; sein letztes Wort an den König war: „meinen Werth wird Deine Reue bezeugen, mein Rächer ist nicht fern“ 2). Der Kriegsrath des Königs aber beschloß, den Macedoniern bei ihrem Eintritt in das obere Asien ein Reichsaufgebot entgegenzustellen, das der König selbst zu führen übernahm; schon waren die Befehle durch alle Lande erlassen, daß sich die Völker im Frühling in der Ebene von Babylon zusammenfinden sollten; es wurde bestimmt, daß von der Flotte so viel als möglich Griechische Söldner herangezogen würden, und daß Pharnabazus sie möglichst bald zu Tripolis an der Phönicischen Küste ausschiffen sollte. Thymondas, Mentors Sohn, erhielt den Auftrag, gen Tripolis zu gehen, dem Pharnabazus dagegen die ganze Gewalt Memnons zu übertragen, und die Völker dem Reichsheere zuzuführen 3).

Pharnabazus hatte indeß die Belagerung von Mitylene fortgesetzt und glücklich beendet; die Stadt hatte sich unter der Bedingung ergeben, daß gegen die Zurückführung der Verbannten und

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2) Diod. XVII. 30. Curt. III. 2. — 3) Arrian. II. 1.

 

149 die Vernichtung der dem Macedonischen Könige errichteten Bildsäulen die Macedonische Besatzung frei abziehen, und die Stadt nach den Bestimmungen des Antalcidischen Friedens wieder Bundesgenossin von Persien sein sollte. Aber sobald Pharnabazus im Besitz der Stadt war, achtete er des Vertrages nicht weiter, sondern ließ sie durch Erpressungen aller Art, durch eine Persische Besatzung, durch die Einsetzung eines Tyrannen aus der Zahl der früher verbannten Oligarchen die ganze Schwere des Persischen Joches fühlen. Dann eilte er, die Griechischen Söldner, unter denen sich der landesflüchtige Amyntas mit den Anträgen des Lynkestiers Alexander befand, nach Syrien zu bringen, und empfing dafür den Oberbefehl Memnons, dessen Pläne freilich durch dies Zurückrufen der Griechischen Söldner so gut wie zerstört waren; ihre Kraft, die angreifend im Aegäischen Meere das Macedonische Reich zu erschüttern vermocht hätte, sollte jetzt an falschen Punkten vergeudet werden, und den Operationen der Flotte fehlte fortan jene Energie, die das Bewußtsein der höchsten Entscheidung zu erwecken und des Sieges gewiß zu machen pflegt.

Pharnabazus suchte dennoch, zu seiner Station nach Lesbos zurückgekehrt, die Pläne seines kühnen Oheims zu verwirklichen. Ein Geschwader von zehn Schiffen wurde unter Datames nach den Cycladischen Inseln und in die Nähe des Peloponneses abgesendet, während hundert andere Schiffe nach Tenedos hinüber segelten, und die Insel, obschon sie ganz der Sache Alexanders ergeben war, nöthigten, in den Gehorsam der Perser zurückzukehren. Augenscheinlich war es auf die Besetzung des Hellespontes abgesehen; deshalb beeilte sich Alexander, wenigstens die Communikation mit Macedonien durch eine Flotte zu sichern, zu deren Bildung Hegelochus an die Propontis gesandt wurde, mit der Weisung, sämmtliche aus dem Pontus herabkommende Schiffe anzuhalten, und zum Kriegsdienst einzurichten; zu gleicher Zeit wurden auf Antipaters Befehl einige Schiffe aus Euböa und dem Peloponnes zusammengezogen, um das Geschwader des Datames, das schon bei der Insel Siphnos vor Anker lag, zu beobachten, eine Maaßregel, die um so wichtiger war, da die Athener bereits auf die Nachricht, daß ihre aus dem Pontus zurückkehrenden Getreideschiffe angehalten und zum Kampf gegen die Perserflotte verwendet würden, von Demo150sthenes aufgeregt, eine Flotte von hundert Segeln unter Menestheus in See zu schicken dekretirt hatten 4), die beste Gelegenheit zu einer näheren Vereinigung mit der Perserflotte. Darum war es von großer Wichtigkeit, daß der Macedonier Proteas mit einem Geschwader von funfzehn Segeln die Phönicischen Schiffe nicht nur in ihrer Stellung festhielt, sondern durch einen geschickten Ueberfall so überraschte, daß acht derselben sammt ihrer Mannschaft in die Hände der Macedonier fielen, die beiden anderen Trieren die Flucht ergriffen, und, von Datames geführt, zu der übrigen Flotte entkamen, die in der Gegend von Chios und Milet kreuzte und die Küsten plünderte 5).

Auf diese Weise war die erste, und wohl die größte Gefahr, die Memnons Plan hätte bringen können, glücklich beseitigt; der rasche Angriff des Proteas hatte einem Abfall der Griechen vorgebeugt, Hegelochus Eifer den Hellespont gerettet. Aber zeigten nicht diese Erfolge selbst, daß Alexander Unrecht gethan hatte, seine Flotte aufzulösen, da er nach kaum sechs Monaten von Neuem eine Flotte zu bilden genöthigt war? Alexander kannte seinen Feind, so wie ihn der Erfolg gezeigt hat; wenn aber die Griechen auch zum Abfall geneigt, und ihre Schiffe mit den Persischen zu vereinigen bereit waren, so konnte Antipater sie auf dem festen Lande im Zaume halten; endlich war es keinesweges so schwierig, in Eile eine neue Flotte aufzustellen; die Schiffe Macedoniens brauchten nur bemannt zu werden, um gegen den Feind die See zu halten, und die Küsten zu decken; Alexander konnte, um den Seekrieg unbekümmert, seinen großen Plan weiter verfolgen, und das um so mehr, da jeder Schritt vorwärts die Existenz der feindlichen Flotte selbst gefährdete, indem er derselben die Küsten der Heimath nahm. Dies ins Werk zu setzen, war Zweck des nächsten Feldzuges.

Mit dem Frühling 333 versammelten sich in Gordium die verschiedenen Abtheilungen des Macedonischen Heeres; von Süden her aus Kelänä rückten die Truppen ein, welche mit Alexander den Winterfeldzug gemacht hatten; von Sardes her führte Parmenion die Reuterei und den Train der großen Armee herbei; aus Mace-

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4) Demosth. de foed. Alex. p. 195. Plut. X Orat. Dem.5) Arrian. II. 1–2. Curt. III. 4. 1.

 

151donien kamen die Neuverheiratheten von ihrem Urlaub zurück, mit ihnen eine bedeutende Zahl Neuangeworbener, namentlich dreitausend Macedonier zu Fuß und dreihundert zu Pferde, zweihundert Thessalier zu Pferde und hundertundfunfzig Eleer, so daß Alexander trotz der zurückgelassenen Besatzungen nicht viel weniger Mannschaften 6) als am Granikus beisammen hatte. Wie der Geist dieser Truppen war, läßt sich aus dem, was Alexander bereits vollbracht, und noch mehr aus dem, was er ihnen als den Preis ihrer Kämpfe zeigte, abnehmen; unüberwindlich in dem Stolz der errungenen Siege und dem Enthusiasmus der kühnsten Hoffnungen, sahen sie Asien schon als ihre Beute an; sie selbst, ihr König und die Götter waren ihnen Gewähr für neue Siege.

Die Stadt Gordium, berühmt als der uralte Sitz Phrygischer Könige, hatte auf ihrer Burg die Palläste des Gordius und Midas, und den Wagen, an dem Midas einst erkannt worden war als der von den Göttern zur Herrschaft Phrygiens erkorene; das Joch an diesem Wagen war durch einen aus Baumbast geschürzten Knoten so künstlich befestigt, daß man weder dessen Anfang noch Ende bemerken konnte; es war aber ein Orakel, daß, wer den Knoten lösete, Asiens Herrschaft erhalten würde. Alexander ließ sich die Burg, den Pallast, den Wagen zeigen, er hörte dies Orakel, er beschloß es zu erfüllen und den Knoten zu lösen; umsonst suchte er

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6) In Karien waren dreitausend Söldner und zweihundert Pferde, vor Kelänä funfzehnhundert Mann, andere Besatzungen in Side, in Lydien und Kleinphrygien wenigstens im Belauf von dreitausend Mann zurückgeblieben; diese achttausend Mann möchten doch wohl kaum von den Söldnern ergänzt sein, die hin und wieder aus Persischem in Macedonischen Dienst übertraten, und es ist keine sichere Spur dafür vorhanden, daß sich etwa Contingente Asiatischer Griechen mit dem Macedonischen Heere vereinigt hätten. Kallisthenes Angaben bei Polyb. XII. 19 bedürfen kaum einer Widerlegung: fünftausend Mann Fußvolk und achthundert Reuter seien neu hinzugekommen; diese zu den vierzigtausend und viertausendfünfhundert des Granikus hinzugerechnet, gäbe für die Schlacht am Issus fünfundvierzigtausend und fünftausenddreihundert Mann. Wo blieben dann die Besatzungen? auch Polybius rechnet auf diese zu wenig, nämlich nur dreitausend Mann.

 

152 ein Ende des Bastes, und verlegen sahen die Umstehenden sein vergebliches Bemühen; so wäre Asiens Herrschaft nicht sein? er zog sein Schwert und durchhieb den Knoten; das Orakel war, gleichviel wie, erfüllt. Und in der That, der kühne Schwertstreich war seiner würdiger und für die Zukunft bedeutsamer, als die mühsamste Geduld; ja mit dieser hätte er aufgehört Alexander und der Ueberwinder Asiens zu sein, nur sein Schwert vermochte das Unentwirrbare zu entwirren, vermochte den todten Völkerknäuel und das Joch Asiens zu lösen nach dem Spruche der Götter; die Götter selbst verkündeten in der Nacht mit Donner und Blitz, daß Alexander ihren Willen erkannt und erfüllt habe, und Alexander opferte den Götttern, daß sie die Lösung des Joches seinem Geiste offenbart und ihm das Zeichen in der Nacht gegeben hätten 7).

Das Heer brach Tages darauf von Gordium auf und marschirte am Südabhange der Paphlagonischen Grenzgebirge nach Ancyra; dorthin kam eine Gesandtschaft der Paphlagonier, dem Könige die Unterwerfung ihres Landes unter der Bedingung anzubieten, daß keine Macedonischen Truppen nach Paphlagonien kämen. Alexander willigte gern ein; Paphlagonien blieb unter einheimischen Dynasten; es trat unter die Hoheit der Statthalterschaft von Phrygien am Hellespont 8).

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7) Eine andere Darstellung hat Aristobul von dieser Begebenheit gegeben: Der König habe den Spannnagel, der durch den Deichsel gesteckt den Knoten zusammenhielt, herausgezogen. Selbst angenommen, daß die Sache so richtig sei, so wird zuverlässig das ganze Heer das Zerhauen mit dem Schwerte lieber geglaubt und nacherzählt haben, als die in der That unbedeutende Operation mit dem Spannnagel; wie beim Ei des Kolumbus, ist nicht das Resultat, sondern die Neuheit der Lösung ein Zeugniß des Genies. — 8) Nach Curtius III. 1. 2. 3. soll Alexander selbst in Paphlagonien eingerückt sein; das ausdrückliche Zeugniß des Arrian beweiset das Gegentheil. Sonst würde auch nicht Dionysius, der Tyrann von Heraklea, ein getreuer Anhänger des Perserthums, seine Herrschaft aufrecht erhalten haben, sondern es wäre schon jetzt dort die Demokratie eingerichtet worden, welche einige Zeit später die Exulirten von Heraklea durch Alexanders Einfluß wieder herzustellen wünschten. Memnon apd. Phot. p. 223. b. 40.

 

153 Weiter ging der Zug über den Halys nach Kappadocien, das gleichfalls ohne Widerstand durchzogen, und, obschon der nördliche Theil dieser wichtigen Provinz nicht occupirt werden konnte, doch als Macedonische Satrapie an Sabiktas übertragen wurde 9); mit den Griechischen Coloniestädten am Pontus waren längst Verbindungen angeknüpft, und wenigstens einige von ihnen nahmen die Demokratie, die Alexander hergestellt wünschte, wieder an, so namentlich Amisus; in anderen blieb die Persische Parthei und die Macht der Tyrannen überwiegend, so in Sinope und Heraklea, das am Granikus für die Perser gekämpft hatte; doch schien es nicht nothwendig, die wichtigeren Unternehmungen länger hinauszuschieben, um die abgelegene Küste des Pontus zu besetzen; Alexander eilte den Küsten des Mittelmeeres zu. Der Weg, den er nahm, führte in südöstlicher Richtung am Nordabhange des Taurus zu den Cilicischen Pässen oberhalb Tyana, denselben, welche vor etwa siebzig Jahren der jüngere Cyrus mit seinen zehntausend Griechen überschritten hatte 10).

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9) Sowohl die Natur der Sache, als das ausdrückliche Zeugniß Arrians bestätigen die Unterwerfung Kappadociens. Wenn Hieronymus bei Appian. bell. Mith. 8. behauptet, Alexander habe Kappadocien nicht berührt, sondern sei längs der Küste von Pamphylien und Cilicien gegen Darius gezogen, so irrt er offenbar. Da aber Ariarathes späterhin wirklich noch als Fürst von Kappadocien erscheint, so ergiebt sich, daß der Theil des Landes, der am Pontus liegt, in seiner Gewalt blieb. Man kann mit Gewißheit behaupten, daß Alexander die wichtige Position von Mazaca (Cäsarea), am Fuß des Ardisch Berges und in der Ebene des Flusses Melas, welche den Weg gen Armenien beherrscht, nicht unbeachtet ließ. Von hier zog er zwischen dem Ardisch und der Bergfeste Nora, die unter den Diadochen so wichtig werden sollte, auf Tyana, cf. Kinneir p. 105. 110. Es ist bemerkenswerth, daß sich Alexander lange in Kleinasien aufhielt, und erst im September nach Cilicien hineinzog; gewiß wurde die Zeit benutzt, um in diesen wichtigen Ländern die neue Herrschaft möglichst durchgreifend zu organisiren. — 10) Der Weg, den Alexander nahm, ist genau nach Kinneir a. a. O. wieder zu erkennen. Dieser fand zwei Meilen südwärts von dem Aquadukt, der die Lage von Tyana zu bezeichnen scheint, beim nördlichsten Eingange in die Defileen des Gebirges die Spuren eines Römischen Lagers, ungefähr eben da, wo Cy-

 

154 Alexander fand die Höhen mit starken Posten besetzt; deshalb ließ er das übrige Heer lagern, und brach selbst mit den Hypaspisten, den Schützen und Agrianern um die erste Nachtwache auf, um die Feinde beim Dunkel der Nacht zu überfallen; kaum hörten die Wachen ihn anrücken, so verließen sie in eiligster Flucht den Paß, welchen sie mit leichter Mühe hätten sperren können, wenn sie sich nicht auf verlorenem Posten geglaubt hätten; denn Arsames, der Cilicische Satrap, schien sie nur vorgeschoben zu haben, um Zeit zu gewinnen, das Land zu plündern und zu verwüsten, und sich dann sicher, eine Einöde in seinem Rücken, auf Darius, der bereits vom Euphrat her anrückte, zurückziehen zu können. Desto eiliger zog Alexander durch die Pässe, und mit seiner Reuterei und den leichtesten der Leichtbewaffneten auf Tarsus los, so daß Arsames, der die Feinde weder so nah, noch so rasch geglaubt hatte, in eiliger Flucht, ohne die Stadt oder das Land geplündert zu haben, sein Leben für einen baldigen Tod rettete.

Von Nachtwachen, Eilmärschen und der Mittagssonne eines heißen Sommertages ermattet, kam Alexander mit seinen Geschwadern zum Cydnus, einem klaren und kalten Bergstrome, der durch die Stadt Tarsus hinströmt. Schnell und nach dem Bade verlangend, warf er Helm, Harnisch und Kleid ab, und eilte in den Strom; da überfiel ihn ein Fieberschauer, er sank unter; halbtodt,

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rus gelagert hatte. Von hier steigt der Weg bergauf, bald gelangt man an den Sihoun (Sarus), an dem der Weg nach Cilicien hinführt; ungefähr sieben Meilen seitwärts von Tyana theilt sich der Weg, südöstlich gen Adana, südlich gen Tarsus; auf dem letzteren zog Alexander und Cyrus; drittehalb Meilen von der bezeichneten Stelle südwärts beginnt der eigentliche Engpaß, wird immer enger und gefährlicher, bis er zwei Meilen weiter durch ein Castell auf dem hohen Felsen zur Seite gesperrt wird; cf. Kinneir p. 118 und 120., der die Schwierigkeiten dieses Terrains genau beschreibt. Etwa vier Meilen südwärts erreicht man in der Richtung S. S. O. die Ebene von Tarsus, der Weg wendet sich ein wenig südwestwärts, bis er an das Ufer des Cydnus gelangt ist. In vielen neueren Karten erhält der Sihoun (Sarus) einen sehr weit ostwärts entfernten Ursprung; er ist kleiner als der Gihoun (Pyramus), und entspringt in der Richtung von Tyana; cf. Ebn Edrisi p. 196. (ed. Paris. 1619).

 

155 bewußtlos, zog man ihn aus dem Strom und trug ihn in sein Zelt; Krämpfe und brennende Hitze schienen die letzten Zeichen des Lebens, das zu erretten alle Aerzte verzweifelten; die Rückkehr des Bewußtseins wurde zur neuen Qual, schlaflose Nächte und der Gram um den zu nahen Tod zehrten die letzte Kraft hinweg; die Freunde trauerten, das Heer verzweifelte, der Feind war nah, Niemand wußte Rettung. Endlich erbot sich der Akarnanische Arzt Philippus, der den König von Kindheit an kannte, einen Trank zu bereiten, der helfen würde; Alexander bat um nichts als eilige Hülfe; Philippus versprach sie. Zu derselben Zeit erhielt Alexander von dem alten, treuen Parmenion einen Brief des Inhaltes: er möge sich hüten, Philippus, der Arzt, habe von Darius tausend Talente und das Versprechen, mit einer Tochter des Großkönigs vermählt zu werden, erhalten, um Alexander zu vergiften. Alexander gab den Brief seinem Arzte, und leerte, während jener las, den Kelch, den ihm Philippus gemischt hatte. Ruhig las der Arzt, er wußte sich aller Schuld rein, dann beschwor er den König, ihm zu trauen und zu folgen, bald werde dann sein Leiden vorüber sein; er sprach mit ihm von der Heimath, von seiner Mutter und seinen Schwestern, den nahen Siegen und den wunderreichen Ländern des Ostens; seine treue Sorgfalt ward durch des Königs baldige Genesung belohnt, und Alexander kehrte zurück in die Reihen seiner Macedonier 11).

Sofort wurden die Kriegsoperationen mit doppeltem Eifer fortgesetzt. Der Besitz Ciliciens war dem Könige wegen der Pässe nach Kleinasien und nach dem oberen Asien von der größten Wichtigkeit; deshalb schien es nothwendig, sich dieser Landschaft ganz zu versichern 12). Während Parmenion mit den Söldnern

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11) Arrian und Andere; Seneca de ira II. 23. sagt, daß Olympias den Brief der Warnung geschrieben. Aristobul in seiner nüchternen Weise spricht von dem Bade im Cydnus nicht, sondern sagt, der König sei an zu großer Anstrengung erkrankt. — 12) Man hat geglaubt, Alexander sei darum so lange in Cilicien hin und her gezogen, damit Darius in die Cilicischen Pässe hereingelockt würde; das ist unrichtig, da Alexander bei der ersten sicheren Nachricht von seiner Rähe ihm sofort entgegenrückte; es wäre keine besondere Taktik, so lange nichts zu thun, bis der Feind vielleicht einen Fehler macht.

 

156 und Bundestruppen, mit den Thessaliern und den Thraciern des Sitalces ostwärts vorrückte, und die Pässe nach Oberasien besetzte, ging der König westwärts, um sich des Weges von Iconium und des sogenannten rauhen Ciliciens zu versichern, dessen Bewohner, freie räuberische Bergvölker, wie ihre Pisidischen Nachbaren, leicht die Verbindung mit Kleinasien stören konnten. Er ging demnach von Tarsus nach der Stadt Anchiale, die, von Sardanapal 13) gegründet, das Standbild dieses Assyrischen Königs aufbewahrte, mit der merkwürdigen Inschrift: „Anchiale und Tarsus hat Sardanapal an Einem Tage gegründet; du aber Fremdling, iß, trinke, liebe; was sonst der Mensch hat, ist nicht der Rede werth.“ – Dann kam der König nach der Stadt Soli, der Heimath der Solöcismen, die, obschon Griechischen Ursprungs 14), den Persern so anhing, daß sich Alexander bewogen fühlte, nicht nur eine Besatzung in der Stadt zu lassen, sondern ihr eine Buße von zweihundert Talenten Silber aufzulegen. Von hier aus machte er mit drei Divisionen der Macedonier und mit den Schützen und Agrianern einen Streifzug in das rauhe Cilicien; in sieben Tagen hatte er theils durch Gewalt, theils in Güte die Unterwerfung dieser Gebirgsbewohner vollendet und somit seine Verbindung mit den westlichen Provinzen gesichert. Er kehrte nach Soli zurück, und, um den Hellenischen Ursprung der Stadt zu ehren und sie für die Hellenische Sache zu gewinnen, veranstaltete er in derselben zur Feier seiner Wiedergenesung und des glücklichen Beginns des Feldzuges jenseits des Taurus mannichfache Festlichkeiten, deren Freude durch die Botschaft aus Karien, daß die Perser aus allen Plätzen der Küste, so wie aus Cos verjagt seien, erhöht wurde; durch das große Opfer, das dem Asklepios gebracht wurde, durch den Festaufzug des gesammten Heeres, durch den Fackellauf, durch die gymnischen und künstlerischen Wettkämpfe mag in den, der Griechischen Sitte fast schon entwöhnten Soliern die Erinnerung an die Heimath und an den eigenen Ursprung auf das Lebhafteste er-

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13) Cf. O. Müller im Rheinischen Museum 1829. — 14) Sie war von Argivern gegründet, s. interpp. ad Curt. III. 7. 2. Ihre Beziehung auf Solon (Diog. Laert.) dankt sie der sehr oberflächlichen Namensähnlichkeit.

 

157weckt worden sein; nun war die Zeit der Barbaren vorüber, Griechisches Leben gewann Raum in den Ländern vieljähriger Knechtschaft, Griechischer Ursprung, sonst in Mitten Asiatischer Barbarei verachtet und vergessen, wurde der schönste Ruhm und die höchste Berechtigung. Alexander gab den Soliern demokratische Verfassung; er benutzte die nächste Gelegenheit, ihnen die Brandschatzung zu erlassen und ihre Geißeln zurückzugeben 14a).

Nach Tarsus zurückgekehrt, ließ der König seine Reuterei, unter Philotas Führung, über das Aleische Feld an den Pyramusstrom vorrücken, während er selbst mit dem anderen Heere an der Küste entlang über Magarsus nach Mallus zog, zweien Städten, deren alte, mit den Heroensagen der Hellenen verknüpfte Erinnerungen dem Könige Gelegenheit gaben, sie durch das ehrenvolle Anerkenntniß ihres mit den Macedoniern gemeinsamen Ursprungs näher an sein Interesse zu knüpfen; auch hatte sich, namentlich in Mallus, das Volk schon vor dem Erscheinen Alexanders gegen seine bisherigen Unterdrücker erhoben und sich laut für die Macedonische Sache erklärt; den blutigen Kampf zwischen der Persischen und der Volksparthei entschied und stillte erst Alexanders Erscheinen; er gab der Stadt die Freiheit, erließ ihr die bisher an den Perserkönig entrichteten Tribute und hielt für den Argivischen Heros Amphilochus, den angeblichen Gründer der Stadt, mit dem er selbst als Nachkomme der Argivischen Herakliden sich verwandt nannte, ein feierliches Todtenopfer 14b). –

Noch während des Aufenthaltes in Mallus erhielt Alexander die Nachricht, daß der König Darius mit einem ungeheuren Heere vom Euphrat herangerückt sei, und bereits einige Zeit in der Syrischen Stadt Onchä oder Sochi, kaum zwei Tagereisen von den Pässen entfernt stehe 14 c). Alexander versammelte sofort einen

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14a) Arrian. II. 12. 4. — 14b) Arrian. II. 5. Strab. XIV. p. 233. — 14 c) Rennel hat in der Gegend von Derbesak, ostwärts unter den Pässen von Beylan, dies Sochi (Onchas bei Curt. IV. 1. 3.) zu finden geglaubt, und offenbar wäre auf diesem so oft zu Schlachten gebrauchten Felde (Strabo XVI. p. 357.), ohne Darius Marsch durch die Amanischen Pforten, auch der Kampf mit den Macedoniern entschieden worden; die zwei Tagereisen Entfernung von den Amanischen

 

158 Kriegsrath und theilte die Nachricht mit; Alle waren der Meinung, man müsse eiligst aufbrechen, durch die Pässe vorrücken, und die Perser, wo man sie auch fände, angreifen; die Truppen seien voll Verlangen nach einer Schlacht, durch einen Sieg wollten sie ihrer Seits des Königs Genesung feiern. Der König entließ seine Generale mit gebührenden Lobsprüchen und mit dem Befehl, am nächsten Morgen aufzubrechen; der Marsch ging von Mallus aus um den Issischen Meerbusen hin nach Issus. Von hier führen zwei Wege nach Syrien; der eine, beschwerlichere, geht ostwärts durch die Schluchten und über die Höhen der Amanischen Berge; Alexander wählte diesen nicht, indem theils seine Soldaten durch den Wechsel von Berg und Thal und durch die Unwegsamkeit der Gegend doppelt ermüdet an den Feind gekommen wären, besonders aber, weil er seine Bewegungen nicht früher von der Cilicischen Seeküste entfernen durfte, als bis sie ganz in seiner Gewalt und den feindlichen Schiffen gesperrt war; darum rückte er, mit Zurücklassung der Kranken, die im Rücken der Armee am sichersten waren, von Issus aus auf der gewöhnlichen und den Griechen durch Xenophons Beschreibung bekannten Straße südwärts an der Meeresküste hin, und durch die sogenannten Strandpässe nach der Küstenstadt Myriandrus, unfern vom Eingang der Syrischen Hauptpässe, um von hier aus mit dem nächsten Morgen in die Ebene von Syrien und nach Onchä aufzubrechen. Ueber Nacht aber begann heftiges Unwetter, es waren die ersten Novembertage; Sturm und Regen machten den Aufbruch unmöglich; das Heer blieb im Lager von Myriandrus, etwa drei Meilen südwärts der Strandpässe, in wenig Tagen hofften sie den Feind auf der Ebene von Onchä zur entscheidenden Schlacht zu treffen.

In der That, entscheidend mußte das nächste Zusammentreffen der beiderseitigen Heere werden. Darius hatte ein ungeheures Heer zusammengezogen, in dem sich allein an hunderttausend wohlbe waffnete und disciplinirte Asiaten und dreißigtausend Griechische Söldner befanden; Darius vertraute auf diese Macht, auf seine

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Pforten bringen Sochi oder Onchä etwa dahin, wo Niebuhr Anzas (Ezas auf neueren Karten) bezeichnet; es liegt acht Meilen von dem Paß, fünf von Aleppo, am Eingang des sogenannten Blutackers.

 

159 gerechte Sache, auf seinen Kriegsruhm; er glaubte gern den stolzen Versicherungen seiner Großen und gewissen Träumen, die ihm günstig genug von den Chaldäern zu Babylon, wo sich eben damals das Reichsheer versammelte, gedeutet waren; er hatte das Macedonische Lager in dem Scheine einer ungeheuren Fcucrsbrunst, den Macedonischen König in Persischer Fürstentracht durch Babylons Straßen reiten, dann Roß und Reuter verschwinden sehen. Und als sich dann in der Ebene von Babylon seine Völker versammelt hatten, als das bunte Gewimmel der reichgeschmückten Neuterschaaten, der schwergewaffneten Griechen und Kardaker, der Völker vom Indus und vom Nil, von Turan und Iran in endlosem Zuge an ihm vorüberzog 14 d), da mochte er mit hohem Selbstgefühl einem Feinde entgegen gehen, dessen Macht kaum dem zwanzigsten Theile seines Heeres gleich kam. Umgeben von der ganzen Pracht eines Asiatischen Sultans, begleitet von seinem Hofstaat und Harem, von den Harems der Persischen Satrapen und Fürsten, von den Schaaren der Eunuchen und Stummen, zu den Hunderttausenden unter den Waffen eine endlose Karavane geschmückter Wagen, goldener Baldachine, lärmenden Trosses, so war der König über den Euphrat in die Ebene von Ouchä gezogen; dort wurde gelagert, dort in der weiten Ebene, die der Persischen Reutermacht vor allen günstig und der Menge leichten Volkes nicht gefährlich war, wollte man den Feind erwarten, ihn zermalmen. Da kam der flüchtige Satrap aus Cilicien ins Lager; er brachte die erste beunruhigende Nachricht von Alexanders Nähe, von der Schnelligkeit seiner Bewegungen; man erwartete täglich die Staubwolke im Westen. Es verging ein Tag nach dem anderen, man wurde gleichgültig gegen die Gefahr, die nicht näher kam, man vergaß, was schon verloren, man verspottete den Feind, der das enge Küstenland nicht zu verlassen wage, der wohl ahne, daß die Hufe der Persischen Rosse hinreichen würden, seine Macht zu zertreten; nur zu gern hörte Darius die übermüthigen Worte seiner Großen: der Macedonier werde, eingeschüchtert durch die Nähe der Perser, nicht

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14 d) Curtius Angabe, Darius habe durch ein Gehege die Zählung seines Heeres, wie einst Xerxes, vorgenommen, ist ein etwas müßiger rhetorischer Schmuck.

 

160 aus Tarsus gehen, man müsse ihn angreifen, man werde ihn vernichten. Vergebens widersprach der Macedonier Amyntas: Alexander werde den Persern nur zu bald entgegenrücken, sein Säumen sei nichts als ein Vorzeichen doppelter Gefahr, um keinen Preis dürfe man sich in die engen Thäler Ciliciens hinabwagen; das Feld von Onchä begünstige vor allen die Persische Macht, hier könnte die Menge siegen oder besiegt sich retten. Aber Darius, mistrauisch gegen den Fremdling, der seinen König verrathen, durch die Schmeichelreden seiner Großen und durch die eigenen Wünsche berauscht, endlich durch die Unruhe der Schwäche und durch sein Verhängniß vorwärts getrieben, beschloß die Stellung von Onchä aufzugeben und den Feind, der ihn meide, aufzusuchen. Das unnöthige Heergeräth, die Harems, der größte Theil des Schatzes, kurz Alles, was den Zug hindern konnte, wurde unter Kophenes, dem Bruder des Admirales Pharnabazus, nach Damaskus gesandt, während der König, um nicht den Umweg über Myriandrus nehmen zu brauchen, durch die Amanischen Pässe nach Cilicien einrückte und in Issus ankam. Dies geschah an demselben Tage, da Alexander nach Myriandrus gezogen war. Die Perser fanden in Issus die Kranken des Macedonischen Heeres, sie wurden unter grausamen Martern umgebracht; die frohlockenden Barbaren meinten, Alexander fliehe vor ihnen, sie glaubten, er sei von der Heimath abgeschnitten, sein Untergang gewiß. Ungesäumt brachen die Völker auf, die fliehenden zu verfolgen.

Allerdings war Alexander abgeschnitten; man hat ihn der Unvorsichtigkeit angeklagt, daß er die Amanischen Thore nicht besetzt, daß er keine Besatzung in Issus zurückgelassen, sondern die zurückbleibenden Kranken einem grausamen Feinde Preis gegeben habe; ja sein ganzes Heer, sagt man, hätte elend untergehen müssen, wenn die Perser eine Schlacht vermieden, das Meer durch ihre Flotte, die Rückzugslinie Alexanders durch eine hartnäckige Defensive gesperrt, jedes Vorrücken durch ihre Reuterschwärme beunruhigt und durch Verwüstungen, wie sie Memnon gerathen, doppelt gefährlich gemacht hätten. Alexander kannte die Persische Kriegsmacht; er wußte, daß die Verpflegung von so vielen Hunderttausenden auf seiner Marschlinie und in dem engen Cilicien auf längere Zeit eine Unmöglichkeit sei, daß jenes Heer, nichts weniger als ein organi161sches Ganze, zu einem System militärischer Bewegungen, durch die er hätte umgarnt werden können, unfähig sei, daß im schlimmsten Falle eine Reihe rascher und kühner Märsche von seiner Seite jene unbehülfliche Masse zum Nachrücken gezwungen, verwirrt, aufgelöst und jedem Ueberfall bloßgegeben hätte. Darius hätte für seine Völkermasse das einer Massenwirkung günstige Terrain behalten müssen; in seiner Verblendung war er jetzt in die enge Strandebene am Pinarus vorgerückt; von flüchtigen Landleuten benachrichtigt, daß Alexander kaum einige Stunden entfernt jenseits der Strandpässe stehe und nichts weniger als auf der Flucht sei, mußte er sich jedenfalls, da er sein ungeheures Heer weder schnell genug zurückziehen konnte, noch gegen diese Thermopylen Ciliciens vorzuschieben wagte, in der engen Ebene gelagert zu einer Schlacht vorbereiten, für die er jetzt die Vortheile des Angriffs dem Feinde überlassen mußte. – In der That, hätte es irgend ein Strategem gegeben, den Großkönig zum Aufbruch aus der Ebene von Onchä und zu dieser folgereichen Bewegung nach Cilicien hinab zu nöthigen, so würde es Alexander, selbst wenn es einen größeren Verlust, als den der Lazarethe von Issus gegolten hätte, mit Freuden gewagt haben; so unglaublich schien ihm das erste Gerücht von Darius Nähe, daß er einige Officiere auf einer Jacht an der Küste entlang fahren ließ, um sich von der Nähe des Feindes wirklich zu überzeugen.

Einen anderen Eindruck machte dasselbe Gerücht auf die Truppen Alexanders 15); sie hatten den Feind in einigen Tagen und auf offenem Felde zu begegnen gehofft; jetzt war Alles unerwartet und übereilt; jetzt stand der Feind in ihrem Rücken, schon morgen sollte gekämpft werden; man werde, hieß es, was man schon besessen, dem Feinde durch eine Schlacht entreißen, jeden Schritt rückwärts mit Blut erkaufen müssen; vielleicht aber seien die Pässe schon besetzt und gesperrt, vielleicht müsse man sich, wie einst die Zehntausend, durch das Innere Asiens durchschlagen, um statt Ruhm und Beute, kaum das nackte Leben in die Heimath zu bringen; und das alles, weil man nicht vorsichtig vorgerückt sei; man

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15) Daß diese Angaben bei Curtius historischen Grund haben, sieht man aus dem Anfang der Rede Alexanders bei Arrian.

 

162 halte den gemeinen Soldaten nicht werth, und gäbe ihn, wenn er verwundet zurück bleibe, seinem Schicksal und den Feinden Preis. So und ärger noch murrten die Soldaten, während sie ihre Waffen putzten und sich zum Kampfe anschickten, weniger aus Misvergnügen, als weil es anders, wie sie erwartet hatten, gekommen war, und um sich des bangen Gefühls, das die tapfersten Truppen bei der Nähe einer langerwarteten Entscheidung ergreift, mit lautem Scheltworte zu entschlagen.

Alexander kannte die Stimmung seiner Truppen; er störte diese Ungebundenheit nicht, die der Krieg erzeugt und fordert. Sobald die Jacht von ihrer Expedition zurückgekehrt war und Alexander den Bericht erhalten hatte, daß die Ebene von der Pinarusmündung bis Issus mit Zelten bedeckt, daß Darius in der Nähe sei, so berief er die Generale, Reuterobersten und Besehlshaber der Bundesgenossen, theilte ihnen die Berichte, die er empfangen, mit, und zeigte, daß unter allen denkbaren Möglichkeiten die jetzige Stellung des Feindes den sichersten Erfolg verspreche; sie möchten sich nicht durch den Schein, umgangen zu sein, täuschen lassen, sie hätten zu oft rühmlich gekämpft, um den Muth bei scheinbarer Gefahr sinken zu lassen; stets Sieger, gingen sie stets Besiegten entgegen; derselbe Gott, der den Perserkönig verblendet, die Ebene von Onchä mit den Schluchten Ciliciens zu vertauschen, werde sie zum Siege führen; Macedonier gegen Meder und Perser, erfahrene, unter Waffen ergraute Krieger gegen die längst der Waffen entwöhnten Weichlinge Asiens, freie Männer gegen Sklaven, Griechen, die für ihre Götter und ihr Vaterland freiwillig kämpften, gegen entartete Griechen, die für armseligen Sold ihr Vaterland und den Ruhm ihrer Vorfahren verriethen, die streitbarsten und freiesten Antochthonen Europas gegen die verächtlichsten Stämme des Morgenlandes, kurz, Kraft gegen Entartung, das höchste Wollen gegen die tiefste Ohnmacht, alle Vortheile des Terrains, der Kriegskunst, der Tapferkeit gegen Persische Horden, könne da der Ausgang des Kampfes zweifelhaft sein? Der Preis dieses Sieges aber sei nicht mehr eine oder zwei Satrapien, sondern das Perserreich; nicht die Reuterschaaren und Söldner am Granikus, sondern ein Reichsheer Asiens, nicht Persische Satrapen, sondern den Perserkönig würden sie besiegen; nach diesem Siege bleibe ihnen nichts 163 weiter zu thun übrig, als Asien in Besitz zu nehmen, und sich reichlich für alle Mühsale zu entschädigen, die sie gemeinsam durchkämpft. Und nun erinnerte er an jedes Einzelnen Großthaten, er dankte dem greisen Parmenion für seine Treue, er dankte dem kühnen Philotas für den Tag am Granikus, dem Perdikkas für den ersten Sturm auf Halikarnaß, dem Agrianer Attalus für seine Dienste bei Sagalassus; er wünschte dem Antiochus Glück, die Bogenschützen zu führen, deren Kühnheit der Tod zweier Führer in einem Jahre rühmlichst bezeugte; er selbst gestehe, nichts sehnlicher zu wünschen, als seiner Generale und seiner Truppen sich würdig zu zeigen; er trage seine Narben stolzer als sein Diadem 16). Das und vieles Andere, was vor der Schlacht im Munde des tapferen Feldherrn tapfere Männer anzufeuern geeignet ist, sprach Alexander mit der ihm eigenthümlichen Hoheit und Begeisterung; Niemand, den nicht des jugendlichen Helden Worte ergriffen hätten; sie drängten sich zu ihm und schüttelten ihm treuherzig die dargebotene Rechte, sie verlangten, gleich aufzubrechen, gleich zu kämpfen. Alexander entließ sie mit dem Befehl, zunächst dafür zu sorgen, daß die Truppen gehörig gespeis’t würden, einige Reuter und Schützen vorauszuschicken, um den Weg bis zu den Strandpässen zu recognosciren und diese zu besetzen, mit den übrigen Truppen für den Abend zum Marsch bereit zu sein.

Am späten Abend brach das Heer auf, erreichte um Mitternacht die Pässe, machte Halt, um sich etwas zu ruhen, während Alexander seine Vorposten mit der größten Vorsicht auf die Berge vorschob. Nach wenigen Stunden wurde aufgebrochen; während der König bei Fackelschein auf der Höhe opferte, zogen die Kolonnen am Fuße derselben vorüber; mit dem ersten Tagen verließ man die Defileen und rückte in die Strandebene 17).

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16) Nach Arrians authentischen Auszügen. — 17) Der Kardianer Eumenes erzählt in seinem Briefe oder Bericht an Antipater Folgendes: Am Morgen vor der Schlacht kam Hephästion in des Königs Zelt, und entweder vergaß er sich, oder er war, wie ich selbst, aufgeregt, oder ein Gott gab es ihm in den Mund, kurz, er sagte: „Behüt’ Dich Gott, o König! es ist Zeit!“ Als über diesen sehr unpassenden Gruß Alle sehr beunruhigt und Hephästion voll Schaam

 

164 Diese Ebene erstreckt sich von den Strandpässen etwa zwei Meilen nordwärts bis zur Stadt Issus; auf der Westseite vom Meere, auf der Ostseite von den zum Theil hohen Felsen eingeschlossen, erweitert sie sich mehr und mehr, je weiter sie sich von den Pässen entfernt. In der Mitte, wo sie über eine halbe Meile breit ist 18), durchströmt sie südwestwärts ein kleines Gebirgswasser, der Pinarus, dessen nördliche Ufer zum Theil abschüssig sind; er kommt nordöstlich aus den Bergen, die, seinen Lauf begleitend auf seinem Südufer eine bedeutende Berghöhe in die Ebene vorschicken, so daß sich mit dem Laufe des Pinarus die Ebene etwas bergein fortsetzet. In einiger Entfernung nordwärts vom Pinarus begann das Persische Lager.

Sobald Darius Nachricht erhielt, daß Alexander zu den Strandpässen zurückgekehrt, daß er bereit sei, eine Schlacht anzubieten, und bereits anrücke, wurde so schnell und so gut es sich thun ließ, die Persische Heeresmasse geordnet. Freilich war das sehr beschränkte Terrain der Uebermacht nicht günstig, desto mehr schien es eine ruhige Defensive zu begünstigen; der Pinarus mit seinen abschüssigen Ufern war wie Wall und Graben, hinter dem sich die Masse des Heeres ordnen sollte. Um dies ohne alle Stö-

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und Bekümmerniß war, sprach Alexander: „ich nehme, o Hephästion, den Gruß als freudiges Zeichen an; er verheißt mir, daß uns ein Gott behüten und wir wohlbehalten aus der Schlacht zurückkehren werden.“ Lucian. pro lapsu in salutando §. 8. — 18) Kallisthenes bei Polyb. XII rechnet die Breite der Ebene auf vierzehn Stadien. Angenommen auch, daß die Zahlen des Persischen Heeres übertrieben sind, nicht einmal die Macedonische Fronte hatte auf diesem Raume Platz, wie Polybius zur Genüge nachweiset; übrigens reichte die beiderseitige Schlachtordnung bis auf die Vorberge hinauf. Die Lokalität ergiebt sich aus Rennels Untersuchungen und Kinneirs Angaben (Journey p. 136 sqq.); auch die Zeitungen des Jahres 1832 enthalten in den Berichten des Pascha von Aegypten, vom 1., 2. und 3. August, manche Notiz. Die oft genannten Pässe, über die Alexander zurückging, sind die der jetzt zerstörten Burg Merkes, längs dem Strande; die Straße von Beylan war die, auf welcher er gegen Onchä vorrücken wollte; für den Pinarus muß man das trockene Flußbett, das sich nicht weit südwärts von Issus (Pias) in die Berge hineinzieht, halten.

 

165rung bewerkstelligen zu können, ließ Darius viele Tausend Reuter und leichtes Fußvolk über den Fluß gehen 19), mit der Weisung, sich demnächst rechts und links auf die Flügel der Linie zurückzuziehen. Sodann wurde die Linie des Fußvolkes so geordnet, daß den rechten Flügel die Griechischen Söldner, in der Zahl von dreißigtausend Mann, unter Thymondas Befehl, den linken bis in die Berge hinein die schwerbewaffneten Kardaker einnahmen. Auf die Berge zur Linken rückten zwanzigtausend Mann schwerbewaffneter Barbaren unter Führung des Thessaliers Aristomedes aus Pherä vor, bestimmt, den rechten Flügel Alexanders zu gefährden; sobald die Macedonier zum Angriff an den Pinarus gerückt waren, stand wenigstens ein Theil jenes Corps im Rücken des rechten Flügels. Der enge Raum gestattete Persischer Seits nur, die bezeichneten Truppen zur unmittelbaren Theilnahme an der Schlacht zu disponiren; die Mehrzahl der Völker, aus leichtem und schwerem Fußvolke bestehend, rückte hinter der Linie colonnenweise auf, so daß immer neue Truppen ins Treffen geführt werden konnten. Nachdem so Alles geordnet war, wurde den verschiedenen Reuterschwärmen das Zeichen zum Rückzuge gegeben; sie vertheilten sich rechts und links auf die Flügel; aber das Terrain schien auf dem linken Flügel den Gebrauch der Reuterei unmöglich zu machen, weshalb auch die dorthin Bestimmten auf den rechten Flügel verlegt wurden, so daß nun der Küste zunächst die gesammte Reuterei, die eigentlich Persische Macht, unter Führung des Nabarzanes vereint war. Darius selbst nahm nach der Persischen Sitte auf seinem Schlachtwagen im Centrum der gesammten Linie seine Stellung, umgeben von einer Reuterschaar der edelsten Perser, die sein Bruder Oxathres commandirte. Der Schlachtplan war, daß das Fußvolk seine Stellung hinter dem Pinarus behaupten sollte, zu welchem Ende die weniger steilen Stellen des Ufers mit Verschanzungen ausgefüllt wurden; auf dem rechten Flügel dagegen sollte die Persische Reuterei sich mit aller

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19) Arrian giebt dreißigtausend Reuter und zwanzigtausend Mann Fußvolk an; diese Zahlen sind unfehlbar übertrieben; und wie hoch auch sonst die Glaubwürdigkeit des Ptolemäus und Aristobul sein mag, in diesem einen Punkt der Zahlen feindlicher Truppen haben sie bisweilen ihren Muth und ihren Ruhm mit eingezählt.

 

166 Gewalt auf den linken Flügel der Macedonier werfen, während die Truppen von den Bergen her den Feinden in den Rücken fielen 20).

Alexander seiner Seits hatte, sobald das Terrain freier wurde, aus seiner Marschcolonne, in der das schwere Fußvolk, die Reuterei, die Leichtbewaffneten nach einander heranzogen, die einzelnen Divisionen in Schlachtlinie zu sechszehn Mann Tiefe aufrücken lassen 21); beim weiteren Vorrücken öffnete sich die Ebene mehr und mehr, so daß auch die Reuterei, auf dem linken Flügel die der Peloponnesier, auf dem rechten, der wie gewöhnlich den Angriff machen sollte, die Thessalische und Macedonische einschwenken konnte. Schon erkannte man in der Ferne die lange Linie des Perserheeres; die Höhen zur Rechten sah man mit feindlichem Fußvolke bedeckt, man bemerkte, wie sich eben vom linken Flügel der Feinde große Schwärme Reuterei längs der Schlachtlinie hinabzogen, um sich auf dem rechten feindlichen Flügel, wo das Terrain

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20) Die Stellung des persischen Heeres ist dunkel genug, indeß ergiebt sich die obige Darstellung aus Arrian und den Irrthümern des Kallisthenes. Ist der Lauf des Pinarus südwestlich, wie man schon nach der durchherrschenden Richtung der Taurischen, Amanischen, Cyprischen Berge schließen muß, so bleibt, indem die Linie des Fußvolkes sich ziemlich winkelrecht an die Küste anlehnt, auf dem rechten Flügel ein bedeutender Raum zwischen den Griechischen Söldnern und dem Flusse, in welchem sich die Reuterei zum Angriff auf Alexanders linken Flügel aufstellte. Daher bei Curtius III. 9. 1. Nabarzanes equitatu dextrum cornu tuebatur ... in eodem Thymondes Graecis praepositus; daher auch die Angabe, daß die anderen Schaaren hinter den Griechen und der Barbarenphalanx (Arrian.), nicht aber hinter den Reutern standen. Ueber die Ausdehnung der Persischen Linie läßt sich nichts Sicheres sagen. Jedenfalls aber reichten die dreißigtausend Griechischen Söldner dreitausend Schritte weit von der Küste aufwärts. — 21) Die Macedonischen Hopliten waren zweiunddreißig Mann tief, also in der Doppelphalanx aufgestellt, so lange noch die Marschcolonne beibehalten wurde; sobald aber die Schlachtlinie formirt wurde, rückten die Reihen der zweiten Linie in die der ersten ein, so daß die Phalanx sechszehn Mann tief, und der Mann auf drei Fuß Breite stand.

 

167 freier war, wie es schien, zu einer großen Reuterattake zu vereinen. Alexander befahl sofort der Thessalischen Reuterei, hinter der Fronte, damit der Feind es nicht sähe, nach dem linken Flügel hinabzusprengen, und sich zunächst nach den Kretensischen Bogenschützen und den Thraciern des Sitalkes, die eben jetzt in die Schlachtlinie links bei den Phalangen einrückten, aufzustellen, indem er zugleich an Parmenion, der den linken Flügel commandirte, den Befehl sandte, mit den Peloponnesischen Reutern, die links auf die Thessalier folgten, sich so dicht als möglich an das Meer zu halten, damit die Schlachtlinie nicht, was bei der Uebermacht der gegenüber stehenden feindlichen Reuterei zu befürchten war, von der Seeseite her umgangen und eingeschlossen würde. Zugleich detaschirte der König gegen die auf den Bergen in seiner Rechten aufgestellten Kardaker ein aus Agrianern, Schützen und Griechischen Reutern zusammengesetztes Corps, während an die Stelle der Thessalier die Päonier, die Plänkerer und demnächst die Macedonischen Bogenschützen in den rechten Flügel einrückten; diese sollten, wenn die Macedonischen Geschwader und die Hypaspisten den Hauptangriff auf das feindliche Centrum machten, den linken Flügel desselben beschäftigen. Aber je näher man dem Pinarus kam, desto deutlicher erkannte man die bedeutende Ausdehnung der feindlichen Linie, die weit über den rechten Flügel des Macedonischen Heeres hinaus bis in die Berge reichte; Alexander sah sich genöthiget, zwei von den Macedonischen Geschwadern aus seiner Linie nach dem äußersten Flügel vorzuschieben, indem zugleich die Agrianer, die Bogenschützen und einige Eriechische Reuter von dem Fuß der Höhen zur Rechten mit in die Linie gezogen wurden; denn ein heftiger Angriff auf die dort postirten Barbaren hatte diese auf die Höhen der Berge zurückgeworfen, so daß jetzt dreihundert Reuter, längs den Höhen aufgestellt, hinreichend schienen, die Bewegungen der Schlachtlinie von dieser Seite her zu sichern.

Auf diese Weise reichte der rechte Flügel des Königs über den der Feinde hinaus, indem zugleich die auf die Berge detaschirten Corps des Feindes von der Persischen Linie so gut wie abgeschnitten waren; die beiden Macedonischen Geschwader, die auf dem äußersten Flügel standen, die Schützen und Agrianer, die leichte Reuterei, schienen hinreichend, den linken Flügel der Perser 168 vollauf zu beschäftigen, während Alexander mit den übrigen Macedonischen Geschwadern und den Hypaspisten den Hauptangriff auf das Centrum der feindlichen Linie machen wollte. War dies durchbrochen, so hoffte er den rechten Flügel der Feinde, die durch ihre ausgezeichnete Reuterei und durch die Phalangen der Griechischen Söldner eine entschiedene Uebermacht über seinen linken Flügel hatten, durch einen gleichzeitigen Front- und Flankenangriff zu vernichten; er konnte voraussehen, daß jenes Manöver um so entscheidender werden mußte, da Darius sich nicht bei der Reuterei auf dem rechten Flügel, die Persischer Seits den Hauptangriff machen sollte, sondern im Mittelpunkt der Defensive befand, die, wenn schon durch die natürlichen Uferwände des Pinarus und durch Erdaufschüttungen geschützt, einem heftigen Angriff der Macedonier nicht widerstehen zu können schien.

Alexander ließ seine Linie langsam vorrücken und von Zeit zu Zeit Halt machen, um mit der größten Ordnung und Energie auf die Feinde einbrechen zu können; er ritt an der Fronte auf und ab, sprach zu den einzelnen Corps und ihren Führern, und von allen Seiten jauchzten ihm die Schaaren freudig entgegen und forderten wetteifernd, sich auf die Barbaren stürzen zu dürfen. Sobald sich nun die ganze Linie in der schönsten und geschlossensten Ordnung auf Pfeilschußweite den Feinden genähert hatte, begann der Schlachtgesang; im vollen Sturmlauf warf sich Alexander an der Spitze der Ritter und Hypaspisten in den Pinarus; ohne von dem Pfeilhagel des Feindes bedeutenden Verlust zu erleiden, erreichten sie das jenseitige Ufer und warfen sich mit solcher Gewalt auf das Centrum der feindliche Linie, daß diese nach vergeblichem kurzen Widerstande sich zu lösen und zu weichen begann. Schon sah Alexander des Perserkönigs Schlachtwagen, er drang auf diesen los; es entspann sich der blutigste Kampf zwischen den edlen Persern, die ihren König vertheidigten, und den Macedonischen Rittern, die ihr König führte; der Kampf schwankte, es fielen Arsames, Rheomithres, Atizyes und der Aegyptische Satrap Sabazes, Alexander selbst ward im Schenkel verwundet, desto wüthender kämpften die Macedonier; Darius, besorgt für seine persönliche Sicherheit, wandte seinen Wagen aus dem Getümmel, ihm folgten die nächsten Reihen; bald war die Flucht allgemein. Die Päonier, die Agrianer und die beiden Ge169schwader des Macedonischen Flügels stürzten sich von rechts her auf die verwirrten Haufen und vollendeten an dieser Seite den Sieg.

Indeß hatten dem heftigen Vorrücken Alexanders die schweren Phalangen so wenig folgen können, daß sich eine bedeutende Lücke in der Macedonischen Fronte bildete; der Eifer des Angriffs, durch die steilen Ufer gehemmt und vermehrt, löste die Reihen immer mehr; mit der Unordnung wuchs der Eifer, sie zu vermeiden, und die Gefahr, sie zu vergrößern; und als Alexander schon in dem Centrum der Feinde wüthete und ihr linker Flügel wankte, stürzten sich die Griechischen Söldner mit der größten Wuth in die Lücken der Phalanx, der sie sich an Muth, Waffen und Kriegskunst gewachsen wußten; jetzt galt es, den schon verlorenen Sieg wieder zu gewinnen; gelang es, die Macedonier wieder hinter die steilen Ufer zurückzudrängen, so war Alexander in der Flanke gefährdet und so gut wie verloren; dasselbe feuerte die Phalangen zu doppelter Tapferkeit an; wichen sie jetzt, so hatten sie den Sieg, den Alexander schon gewonnen, Preis gegeben. Den Kampf des gleichen Muthes und der gleichen Kräfte machte der alte Haß zwischen Griechen und Macedoniern noch blutiger; man wüthete doppelt, weil der Feind des Feindes Fluch und Todesseufzer verstand. Schon lagen hundertundzwanzig Macedonier, unter ihnen der Phalangenführer Ptolemäus, erschlagen, und noch währte das unentschiedene Gemetzel. – So schwankte die Schlacht hier, die sich in der Nähe des Gestades bereits für die Perser zu entscheiden schien; denn die Persischen Reuter waren über den Pinarus gesetzt und hatten sich mit solchem Ungestüm auf die Thessalischen Reuter geworfen, daß eines der Geschwader ganz zersprengt wurde, und die anderen sich nur durch die Geschicklichkeit ihrer raschen Pferde, indem sie sich auf anderen und anderen Punkten stets von Neuem in die Persischen Schwadronen warfen, zu behaupten vermochten; es war nicht möglich, daß sie auf die Dauer der Uebermacht und der ungeheueren Wuth der Persischen Reuter widerstanden. – Da gerade begann der linke Flügel vor dem Schwerte Alexanders zu weichen, und Darius statt in der Schlacht und bei seinen Getreuen, sein Heil in der Flucht zu suchen. Alexander sah seine Phalangen in Gefahr und eilte, sie zu retten, ehe er den flüchtigen König wei170ter verfolgte; er ließ seine Hypaspisten links schwenken und den Söldnern in die Flanke fallen, die, unfähig dem Doppelangriff zu widerstehen, geworfen, zersprengt, niedergemacht wurden. Das Geschrei der Fliehenden riß Schaar auf Schaar mit sich; die Persischen Reuterschaaren, eben noch im kühnsten Kampfe, vernahmen das Geschrei „der König flieht“ mit Panischem Schrecken, sie begannen, sich zu lösen, zu wenden, zu fliehen; sie jagten durch die Ebene, durch die schreienden, fliehenden, rettungslosen Schaaren; Alles stürzte den Bergen zu, die Schluchten füllten sich; das Gedränge aller Waffen und Nationen, der zermalmende Hufschlag der stürzenden Pferde, das Geschrei der Verzweifelnden, die mörderische Wuth ihrer Todesangst, dazu die schneidenden Klingen der verfolgenden Macedonier und das jubelnd: Siegesgeschrei – das war das Ende des glorreichen Tages von Issus. Der Verlust der Perser war ungeheuer, der Wahlplatz mit Leichen und Sterbenden bedeckt, ganze Schluchten des Gebirges mit Leichen gesperrt, und hinter dem Wall von Leichen des Königs Flucht sicher. Denn Darius, der, sobald Alexanders erster Angriff glückte, sein Viergespann gewendet hatte, war durch die Ebene bis zu den Bergen hingejagt, dann hemmte der jähe Boden die Eile, er sprang vom Wagen, ließ Mantel, Bogen und Schild zurück und warf sich auf ein Pferd, das zu seinem Füllen im heimischen Stalle mit der Eile, die Darius verlangte, heimjagte. Alexander setzte ihm nach, so lange es Tag war; den König zu fangen, schien der Siegespreis des Tages; er fand in der Schlucht des Königs Schlachtwagen, seinen Schild, Mantel und Bogen, der König selbst war meilenweit voraus; mit diesen Trophäen kehrte er ins Lager der Perser zurück, das ohne Kampf von seinen Leuten besetzt und zur Nachtruhe eingerichtet war 22).

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22) Diodor sagt gedankenlos genug, daß Alexander den Darius fünf Meilen weit verfolgt habe, und doch zu Mitternacht im Lager zurück gewesen sei. Uebrigens sind wir in der Darstellung der Schlacht den Angaben Arrians gefolgt und somit von den Ansichten neuerer Schriftsteller abgewichen. Man darf sich durch die Richtung der Flucht in die Berge nicht zu dem Glauben verleiten lassen, daß Darius Schlachtordnung in südöstlicher Richtung gestanden habe; der Lauf des Pina-

 

171 Die Beute, die man machte, war außer dem üppigen Prunke des Lagers und den kostbaren Waffen der Persischen Großen, an Geld und Geldeswerth nicht bedeutend, da die Schätze, die Feldgeräthschaften, die Hofhaltungen des Königs und der Satrapen nach Damaskus gesendet waren. Von desto größerer Bedeutung war es, daß die Königin Mutter Sisygambis, die Gemahlin des Darius und deren Kinder mit dem Lager, in dem sie über die Verwirrung der Flucht vergessen waren, in des Siegers Hände fielen. Als Alexander, vom Verfolgen zurückgekehrt, mit seinen Generalen im Zelte des Darius zu Nacht aß, hörte er das Wehklagen und Jammern weiblicher Stimmen in der Nähe und erfuhr, daß es die königlichen Frauen seien, die Darius für todt hielten, weil sie gesehen, wie sein Wagen, sein Bogen und Königsmantel im Triumph durch das Lager gebracht war; sogleich sandte Alexander einen seiner Getreuen an sie, mit der Versicherung: Darius lebe, sie aber hätten nichts zu fürchten, er sei weder ihr noch Darius persönlicher Feind, es handele sich im ehrlichen Kampf um Asiens Besitz, er werde ihren Rang und ihr Unglück zu ehren wissen. Und in der That suchte er auf jede Weise sein königliches Wort zu halten; nicht allein, daß sie die Schonung genossen, die dem Unglück gebührt, auch die Ehrerbietung, an die sie in den Tagen des Glückes gewöhnt waren, wurde ihnen nach wie vor gezollt, ihr Hofstaat ihnen gelassen und mit vielleicht größerem Aufwande als früher ausgestattet; Alexander wollte sie nicht als Kriegsgefangene, sondern als Königinnen gehalten, er wollte den Unterschied von Griechen und Barbaren vor der Majestät des Königthums verschwinden sehen; zum ersten Male offenbarte sich deutlich, wie er sein Verhältniß zu Persien zu gestalten dachte. Unter gleichen Verhältnissen hätten die Athener und Spartaner ihren Haß oder ihre Habgier das Schicksal der feindlichen Fürstinnen bestimmen lassen; Alexanders Benehmen war eben so sehr das Zeugniß einer feineren Bildung und umfassenderen Staatskunst, wie eine Aeuße-

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rus und somit die Linie der Perser ist entschieden südwestlich. Die Entfernung der Amanischen Thore vom Schlachtfelde kann man auf zwei Meilen angeben. Für die Lokalität ist zu vergleichen Kinneir p. 153 sqq.

 

172rung seines hochherzigen Charakters; seine Zeitgenossen priesen diesen, weil sie oder so lange sie jene nicht begriffen; fast keine That Alexanders haben sie mehr bewundert, als diese Milde, wo er den stolzen Sieger, diese Ehrerbietung, wo er den Griechen und den König hätte zeigen können; bewunderungswürdiger als Alles schien ihnen diese Tugend des Jünglings, daß er, diesmal größer als sein großes Vorbild Achilles, den süßesten Preis des Sieges verschmähete, da doch Darius Gemahlin für die schönste aller Asiatischen Frauen galt; von ihrer Schönheit auch nur zu sprechen, wo er nahe war, verbot er, damit auch nicht ein Wort den Gram der edlen Frau vermehre. Gern und mit Begeisterung erzählten sich die Macedonier von ihrem König, der, so menschlich, wo er siegte und doppelt siegreich, wenn er seinem Herzen folgte, selbst die Feinde zu Freunden gewann; und manche Sage hat, wenn auch nicht den Werth des Faktums, doch den höheren, ein Ausdruck der gerechten Bewunderung für den König zu sein und zu zeigen, was man als seiner würdig glaubte. So erzählte man sich in jenen Tagen: der König sei, nur von seinem Lieblinge Hephästion begleitet, in das Zelt der Fürstinnen gekommen, dann habe die Königin Mutter, ungewiß, wer von beiden gleich glänzend gekleideten Männern der König sei, sich vor Hephästion, der höher von Gestalt war, in den Staub geworfen, nach Persischer Sitte anzubeten; aber da sie durch Hephästions Zurücktreten über ihren Irrthum belehrt, in der höchsten Bestürzung ihr Leben verwirkt geglaubt, habe Alexander lächelnd gesagt: „Du hast nicht geirrt, o Mutter, auch der ist Alexander.“ Dann habe er den sechsjährigen Knaben des Darius auf den Arm genommen und ihn geherzt und geküßt 23). – Wie sehr solche Herzlichkeit im Sinne des jungen Königs war, zeigte vor allen auch seine Sorge für die am Tage der Schlacht Verwundeten; obschon selbst verwundet, besuchte er sie und dankte ih-

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23) Diese Erzählung, die sehr oft in den alten Autoren erwähnt wird, wäre besonders darum zweifelhaft, weil Alexander in einem, wahrscheinlich etwas später geschriebenen Briefe (Plut. c. 23.) versichert, nie die Gemahlin des Darius gesehen zu haben; eine Angabe des Plut. de Curios. und Athen. XIII. p. 603. wiederholt es; doch ist die Aechtheit dieses Briefes nicht zu verbürgen.

 

173nen für ihre Hingebung und rühmte ihre Tapferkeit; die Gefallenen wurden mit allem militärischen Gepränge, indem das ganze Heer wie zur Schlacht ausrückte, bestattet; die drei Altäre am Pinarus wurden ihr Denkmal 24), die Stadt Alexandria am Eingange der Syrischen Pässe das Denkmal des großen Tages von Issus, der mit einem Schlage die Persische Macht vernichtet hatte.

Das Persische Heer war durchaus aufgerieben; die wenigen Schaaren, die sich gerettet hatten, suchten über die Berge nach dem Euphrat und zu ihrer Heimath zu gelangen; andere Haufen waren nordwärts in die Cilicischen Berge geflohen, und hatten sich von dort nach dem nahen Kappadocien und Groß-Phrygien geworfen; ein Angriff des Phrygischen Statthalters Antigonus jagte sie auseinander 25). Die Griechischen Söldner, wie sehr sie auch in der Schlacht gelitten hatten, zeigten nach der Niederlage sich ihres Ruhmes würdig; etwa zwölftausend Mann, zogen sie von dem Schlachtfelde über die Berge Syriens in ziemlich geordnetem Rückzuge nach Tripolis, wo sich auf dem Strande die Trieren befanden, auf denen sie von Lesbos nach Asien gekommen waren; sie ließen von diesen Schiffen so viele, als zu ihrer Flucht nöthig waren, in See, verbrannten die anderen, um sie nicht den Feinden in die Hände fallen zu lassen, und setzten dann nach Cypern über. Dort aber trennten sich die Schaaren; achttausend Mann gingen nach Tänarum unter Segel, um im Peloponnes neue Dienste gegen die Macedonier zu suchen 26). Mit den anderen viertausend Mann wandte sich der Macedonier Amyntas nach Pelusium, um Aegypten nach des Satrapen Sabazes Tod, im Namen des Perserkönigs zu beherrschen und zu vertheidigen; schon war er siegreich bis vor die Thore von Memphis vorgedrungen, schon Herr des wichtigsten Theiles von Aegypten, als seine Söldner, durch ihre frechen Plünderungen verhaßt, und wieder, um zu plündern, in der Gegend zerstreut, von den Aegyptiern überfallen und sämmtlich, Amyntas mit ihnen, erschlagen wurden. Das war das Schicksal eines Man-

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24) Cic. ad Fam. XV. 4. Freinsheim. ad Curt. III. 12. 17. Skanderoun beherrscht die Syrischen Pässe vom Meere her; cf. Eckhel D. N. P. I. V. III. 250. — 25) Curt. IV. 1. — 26) Curt. I. c. Diod. XVII. 48.

 

174nes, der, statt der ruhmwürdigen Laufbahn, zu der ihn seine Geburt und die Güte des edelsten Königs berief, sein Leben und seine Ehre einem blinden und ohnmächtigen Hasse gewidmet hatte, um endlich mit Verbrechen und Schande einen ruhmlosen Tod zu erkaufen 27).

Darius selbst, der unter den Ersten geflohen war, hatte zu Onchä etwa viertausend Mann zusammengebracht und mit diesen in unablässiger Eile seinen Weg fortgesetzt, bis er hinter dem Euphrat sich vor jeder Gefahr sicher glaubte. Mehr als der Verlust der Schlacht und einiger Satrapien mochte ihn der der Seinigen, mehr als die Schande der Niederlage und der Flucht die Schande, der er seine Gemahlin, die schönste Perserin, in den Händen des stolzen Feindes Preis gegeben fürchtete, sein Herz kränken; er begriff eben so wenig die Tugend, wie die Pläne seines Gegners; und indem er über sein häusliches Unglück und seinen Kummer die Gefahr und Ohnmacht seines Reiches vergaß, glaubte er kraft der Hoheit und Rechtmäßigkeit seines königlichen Namens den Feind in großmüthiger Nachgiebigkeit mit einigen Zugeständnissen abfinden zu können. Verblendet in diesem nichtigen Stolz ererbter Majestät, der den Hellenen stets als ein Zeichen der Barbarei und des Despotismus erschienen ist, schickte er nicht lange nach der unglücklichen Schlacht durch Miniskus und Arsimas an Alexander ein Schreiben folgenden Inhaltes 28):

„Dein Vater Philippus war des großen Königs Artaxerxes Freund und Bundesgenosse; aber schon während der Herrschaft seines Sohnes Arses, Unseres Vorgängers, begann Dein Vater zuerst und ohne den geringsten Anlaß von Seiten Persiens, vielfache Feindseligkeiten gegen Unsere Satrapen an den Hellenischen Meeren; als dann Uns die Herrschaft Asiens übergeben wurde, versäumtest Du nicht blos, Gesandte an Unseren Hof zu senden, um die alte Freundschaft und Bundesgenossenschaft zu befestigen,

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27) Curt., Diod., Arrian. — 28) Wir halten diesen Brief, so wie die Antwort Alexanders (bei Arrian) für authentisch; sonst würde nicht der König Ochus, wie ihn das Antwortschreiben nennt, in dem Briefe des Darius mit dem königlichen Namen Artaxerxes genannt sein. Die Auszüge bei Curtius und die wenigen Worte bei Plut. c. 29. bestätigen diese Annahme.

 

175 sondern brachest sogar mit Heeresmacht in Unser Land Asien ein, und schufest den Persern vieles und mannichfaches Unglück. Deshalb zogen Wir selbst mit Unseren Völkern hinab, Unsere Lande zu beschützen und das Reich Unserer Väter zu bewahren. Die Schlacht hat entschieden, wie es den Göttern gefiel. Jetzt aber fordern Wir als König von Dir dem Könige Unsere Gemahlin, Unsere Mutter und Kinder, die sich in Deinen Händen befinden, zurück; Wir sind geneigt, mit Dir Freundschaft zu schließen und verbündet zu sein. Imgleichen fordern Wir Dich auf, mit Miniskus und Arsimas, Unseren Botschaftern, Bevollmächtigte an Uns zu senden, die Deine Zusicherungen an Uns bringen und die Unsrigen entgegennehmen mögen.“

Auf dieses Schreiben und die anderweitigen mündlichen Anträge der königlichen Botschafter antwortete Alexander in einem Schreiben, das er seinem Gesandten Thersippus, welcher mit den Persischen Botschaftern an den Hof des Darius abging, an den König abzugeben befahl, ohne sich auf weitere mündliche Unterhandlungen einzulassen. Das Schreiben lautete folgendermaßen:

„Eure Vorfahren sind nach Macedonien und in das übrige Griechenland gekommen, und haben, ohne den geringsten Anlaß Griechischer Seits, mannichfaches Unglück über uns gebracht. Ich, zum Feldherrn der Griechen erwählt, und entschlossen, die Perser entgelten zu lassen, was sie an uns gethan, bin nach Asien hinübergegangen, nachdem Ihr neuerdings Veranlassung zum Kriege gegeben habt. Denn die Perinthier, die meinen Vater beleidiget hatten, habt Ihr unterstützt, und nach Thracien, über das wir herrschen, sandte Ochus ein Heer; mein Vater ist unter den Händen von Meuchelmördern, die, wie Ihr selbst auch in Briefen an Jedermann erwähnt habt, von Euch angestiftet wurden, umgekommen; mit Bagoas gemeinschaftlich hast Du den König Arses ermordet, und Dir den Persischen Thron unrechtmäßiger Weise, nicht nach dem Herkommen der Perser, sondern mit Verletzung ihrer heiligsten Rechte angemaßet; hast in Beziehung auf mich Briefe, die nichts weniger als freundschaftlich waren, den Hellenen, um sie zum Kriege gegen mich aufzureizen, zukommen lassen; hast an die Spartaner und andere Griechen Geld gesendet, das wenigstens von jenen angenommen ist; hast endlich durch Deine 176 Sendlinge meine Freunde bestochen und den Frieden, den ich den Hellenen gegeben habe, zu stören gesucht. Aus diesen Gründen bin ich gegen Dich zu Felde gezogen, indem die Feindseligkeiten von Dir begonnen sind. Im gerechten Kampfe Sieger zuerst über Deine Feldherren und Satrapen, jetzt auch über Dich und die Heeresmacht, die mit Dir war, bin ich durch die Gnade der unsterblichen Götter auch des Landes Herr, das Du Dein nennest. Wer von denen, die unter Deiner Fahne wider mich gekämpft haben, nicht im Kampfe geblieben ist, sondern sich zu mir und in meinen Schutz begeben hat, für den trage ich Sorge; Keiner ist ungern bei mir, vielmehr treten Alle gern und freiwillig unter meinen Befehl. Da ich so Herr über Asien bin, so komm’ auch Du zu mir; solltest Du jedoch zu irgend einer Besorgniß, im Fall Du kämest, Grund zu haben glauben, so sende einige Deiner Edlen, um die gehörigen Sicherheiten entgegenzunehmen. Bei mir angelangt, wirst Du um die Zurückgabe Deiner Mutter, Deiner Gemahlin, Deiner Kinder und um was Du sonst willst, bitten, und geneigtes Gehör finden; was Du von mir verlangen wirst, soll Dir werden. Uebrigens hast Du, wenn Du von Neuem an mich schickest, als an den König von Asien zu senden, auch nicht an mich wie an Deines Gleichen zu schreiben, sondern mir, dem Herren alles dessen, was Dein war, Deine Wünsche mit der gebührenden Ergebenheit vorzulegen, widrigenfalls ich mit Dir als dem Beleidiger meiner königlichen Majestät verfahren werde. Bist Du aber über den Besitz der Herrschaft anderer Meinung, so erwarte mich noch einmal zum Kampf um dieselbe im offenen Felde und fliehe nicht; ich für mein Theil werde Dich aufsuchen, wo Du auch bist.“

Allerdings athmet diese Antwort des jugendlichen Königs stolzes Selbstbewußtsein und die Strenge eines Siegers, dem das Errungene nur als der Anfang neuer und größerer Siege erscheint; er verschmähete es, mit diplomatischer Heuchelei die Wahrheit zu verhüllen, die ja doch Niemanden verborgen sein konnte; er durfte sich schon jetzt, auf der Schwelle Asiens, die Resultate einer Zukunft zusprechen, die zu erfüllen sein Wille und sein Beruf war, und für welche ihm der wohlberechnete und durchgreifende Erfolg seiner bisherigen Unternehmungen Gewähr leisten konnte. –

177 Alexander hatte die Perserflotte und ihre Bewegungen in den Hellenischen Gewässern nicht mehr zu fürchten. Freilich war sie ausgezogen, die Macedonische Macht da anzugreifen, wo jede Wunde tödtlich werden mußte; ein Sieg an der Küste von Hellas, ein energisches Auftreten im Peloponnes konnte den Plan Alexanders von Grund aus zerstören. Aber eben so war ihre Existenz mit dem Vordringen Alexanders gefährdet, und die größere Kühnheit und Consequenz des Willens durfte des ersten Sieges, und damit der mittelbaren Bewältigung des Gegners gewiß sein. Dazu kam, daß der Perserkönig die Wichtigkeit der Flotte und des Planes, den Memnon mit ihr gehabt hatte, verkannte; er hatte ihr im Laufe des Sommers die Griechischen Söldner genommen und dieselben nach Tripolis beschieden, um sie mit den übrigen Völkern bei Issus aufzuopfern. Die Flotte, um eine bedeutende Anzahl von Schiffen und Kämpfern vermindert, war in ihren Bewegungen gelähmt; dazu kam die sichtliche Unfähigkeit ihrer Befehlshaber; während Alexander in Cilicien vordrang, hatten Pharnabazus und Autophradates, statt mit der gesammten Macht zu einem Hauptschlage auszuziehen, ihre Flotte in einzelne Geschwader aufgelöst, trieben sich selbst mit einem Theil ihrer Schiffe in der Gegend von Chios umher und brandschatzten, wo sie konnten, ohne sich darum zu bekümmern, daß die wenigen Plätze, die noch an der Karischen Küste in den Händen der Perser waren, von den Statthaltern Alexanders erorbert wurden. Ein anderes Geschwader bei Cos behauptete diese Insel, den größten Theil der Flotte ließ man auf der Rhede von Siphnos vor Anker, vielleicht in der Hoffnung, daß die Parthei des Demosthenes in Athen, so wie die ihrer Heimath beraubten Thebaner einen Aufstand gegen Alexander beginnen würden; doch begnügten sich beide, zunächst Gesandte an den Großkönig zu senden. Eifriger war der Lacedämonische König Agis; nur mit einer Triere, aber mit offenbar sehr zweckmäßigen Plänen kam er zu den Admiralen nach Siphnos; bereit, gegen die Macedonier zu kriegen, verlangte er Subsidien und eine möglichst große Land- und Seemacht, um mit dieser nach dem Peloponnes abzugehen, und von da aus, mit den einzelnen Griechischen Staaten vereint, die nur das Zeichen zum Abfall zu erwarten schienen, gegen Antipater vorzurücken. Da gerade traf die Nachricht von der Schlacht bei Issus ein, die den Plänen 178 der Persischen Admirale den letzten Stoß gab; man eilte zu retten, was noch zu retten war; Pharnabazus segelte mit zwölf Trieren nach der Insel Chios, deren Abfall man fürchten mußte; statt einer großen Land- und Seemacht zum Angriff gegen Antipater, erhielt Agis dreißig Talente und zehn Trieren, die er sofort nach Tänarum an seinen Bruder Agesilaus sandte, mit der Weisung, nur schleunigst nach Kreta zu gehen und sich der Insel zu vergewissern. Agis selbst segelte nicht lange darnach gen Halikarnaß, um sich mit Autophradates zu vereinen; an Unternehmungen zur See konnte nicht weiter gedacht werden, indem die Phönicischen Geschwader nur die Jahreszeit abwarteten, um in die Heimath zu segeln, die sich vielleicht schon an Alexander ergeben hatte; auch die Cyprischen Könige glaubten für sich besorgt sein zu müssen, sobald sie die Phönicische Küste in Alexanders Händen wußten.

Dies geschah während der Wintermonate in den Griechischen Gewässern, indeß Alexander kurz nach der Schlacht von Issus, etwa mit dem Anfang December, nach Süden hin aufgebrochen war, um dort die Früchte seines Sieges zu ärndten. Nicht blos Asien diesseit des Euphrat war sein; wichtiger war es, daß die Küstenländer sich ihm entweder freiwillig ergeben mußten, oder, von aller Hülfe Persischer Seits abgeschnitten, zur Uebergabe gezwungen werden konnten, daß auf diese Weise Phönicien, dies unerschöpfliche Arsenal des Perserreichs, seine Flotte zur Selbstvertheidigung aus den Griechischen Meeren zurückziehen mußte, daß so die von den Spartanern in Hellas begonnenen Unruhen, aller Unterstützung von Seiten Persiens beraubt, bald gedämpft werden konnten, daß endlich mit der Besetzung des Nillandes, dem kein wesentliches Hinderniß weiter im Wege stand, eine breite und sichere Operationsbasis für den Feldzug gen Oberasien gewonnen war.

Dem entsprechend mußte im Allgemeinen der Gang der Bewegungen sein, wenn der Sieg von Issus in seiner ganzen Ausdehnung benutzt werden sollte. Alexander sandte deshalb den Parmenion an der Spitze der Thessalischen und verbündeten Reuter und mit einigem Fußvolke das Thal des Orontes aufwärts gen Damaskus, der Hauptstadt der Satrapie Cölesyrien, wohin die Kriegskassen, das Feldgeräth, die ganze kostbare Hofhaltung des Perserkönigs, so wie die Weiber, Kinder und Schätze seiner Großen von Onchä 179 aus gesendet worden waren. Durch Hülfe des Syrischen Satrapen, der mit den Schätzen und der Karavane von edlen Perserinnen und ihren Kindern flüchten zu wollen vorgab, fielen diese und zugleich die Stadt in Parmenions Hände. Die Beute war ungeheuer; unter den vielen Tausend Gefangenen 29) befanden sich die Gesandten von Athen, Sparta und den Thebanern, die vor der Schlacht von Issus an Darius gekommen waren. Auf Parmenions Bericht von dieser Expedition befahl Alexander, Alles, was an Menschen und Sachen in seine Hände gefallen sei, nach Damaskus zurückzubringen und zu bewachen, die Griechischen Abgeordneten dagegen ihm sofort zuzuschicken. Sobald diese angekommen waren, entließ er die beiden Thebaner ohne Weiteres in ihre Heimath, theils aus Rücksicht für ihre Person; indem der eine des berühmten Ismenias Sohn, der andere ein Olympischer Sieger war, theils aus Mitleid gegen ihre unglückliche Vaterstadt und den nur zu verzeihlichen Haß der Thebaner gegen Macedonien; den Athener Iphikrates, den Sohn des berühmten Feldherrn gleiches Namens, behielt er aus Achtung für seinen Vater und um den Athenern einen Beweis seiner Nachsicht zu geben, in höchsten Ehren um seine Person; der Spartaner dagegen, dessen Vaterstadt gerade jetzt offenbaren Krieg gegen Macedonien begonnen hatte, wurde vor der Hand als Gefangener zurückbehalten, späterhin jedoch, als die immer größeren Erfolge der Macedonischen Waffen das Verhältniß zu Sparta änderten, in seine Heimath entlassen.

Während Parmenions Zug nach Damaskus war Alexander

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29) Curtius sagt dreißigtausend Menschen; eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich ist, wenn man damit das Fragment aus Parmenions Bericht an Alexander (Athen. XIII p. 607.) vergleicht, welches aus der ungeheueren Masse nur einen kleinen Theil enthält; es heißt: „Dirnen des Königs zu Musik und Gesang fand ich dreihundertneunundzwanzig, Kranzflechter sechsundvierzig, Köche zum Zubereiten zweihundertsiebenundsiebzig, Köche beim Feuer neunundzwanzig, Milchmänner dreizehn, Getränke zu bereiten siebzehn, den Wein zu wärmen siebzig, Salben zu mischen vierzig.“ – Uebrigens ist nicht Artabazus Sohn Cophenes, der die Karavane von Onchä nach Damaskus eskortirte, für den Verräther zu halten. – Parmenions Kriegslist bei Transportirung der Lastthiere, s. Polyaen. IV. 5.

 

180 selbst, nachdem er Menon, Kerdimmas Sohn, zum Satrapen von Syrien bestellt hatte, nach der Phönicischen Küste vorgerückt. Die Stellung der Städte Phöniciens war eigenthümlich und eine Folge ihrer geographischen Lage und ihrer inneren Verhältnisse; seit Jahrhunderten zur See mächtig, entbehrten sie des für Seemächte fast unentbehrlichen Vortheils der insularen Lage; sie waren nach einander eine Beute der Assyrer, der Babylonier, der Perser geworden; aber auf der anderen Seite durch die hohen Bergketten des Libanon fast vom festen Lande abgeschnitten und theilweise auf kleinen Küsteninseln erbaut, die wenigstens dem unmittelbaren und fortwährenden Einfluß der auf dem Festlande herrschenden Macht nicht zugänglich waren, behaupteten sie mit ihrer alten Verfassung die alte Selbstständigkeit in soweit, daß sich die Perserkönige gern mit der Oberherrlichkeit und der Befugniß, über die Phönicische Flotte zu disponiren, begnügten. In der häufigen Berührung mit den Griechen war, wenn nicht der Reichthum der Phönicier, doch ihre Industrie, wenn nicht die Macht, doch der Ruhm ihrer Marine gewachsen; und während in allen dem Perserreiche einverleibten Ländern die frühere volksthümliche Civilisation entartet oder vergessen war, blieb in Phönicien der alte Handelsgeist und so viel Sinn für Unabhängigkeit, als sich mit ihm verträgt. Wenn sich dennoch bei der immer deutlicher hervortretenden Erschlaffung der Persischen Macht Phönicien nicht befreiete, so lag der Grund in der inneren Verfassung der unter einander eifersüchtigen Städte; denn als zur Zeit des Königs Ochus Sidon auf dem Bundestage zu Tripolis die beiden anderen Hauptstädte des Bundes, Tyrus und Aradus, zur Theilnahme an der Empörung aufrief, versprachen sie Hülfe, warteten aber unthäthig das Ende eines Unternehmens ab, das, falls es glückte, sie mit befreiete, falls es misglückte, durch Sidons Untergang ihre Macht und ihren Handel mehren mußte. Sidon unterlag, wurde zerstört, verlor die alte Verfassung und Selbstständigkeit, und Byblus, so scheint es, trat statt ihrer in den Bundesrath von Tripolis, oder hob sich wenigstens seit dieser Zeit so, daß es fortan neben Aradus und Tyrus eine Rolle zu spielen vermochte. Die neun Städte von Cyprus, in ihrem Verhältniß zum Perserreiche den Phönicischen ähnlich, aber durch ihren zum Theil Griechischen Ursprung mehr zu Neuerungen geneigt, hatten zu glei181cher Zeit mit Sidon, den Fürsten Protagoras von Salamis an der Spitze, sich empört, waren aber durch Protagoras Bruder Euagoras bald nach Sidons Fall zum Gehorsam zurückgebracht; und wenn nach einiger Zeit Protagoras die Herrschaft von Salamis wieder erhielt, so war eine völlige Hingebung an das Persische Reich die Bedingung gewesen, unter der er, wie ehedem, der Erste unter den kleinen Fürsten Cyperns sein durfte.

Zwanzig Jahre waren nach jenem Aufstande verflossen, als Alexander seinen Krieg gegen Persien begann. Die Schiffe der Tyrier unter ihrem Fürsten Azemilkus, die der Aradier unter Gerostratus, die von Byblus unter Enylus, ihnen zugesellt die von Sidon 30), ferner die Cyprischen Schiffe unter Protagoras und den anderen Fürsten, waren auf des Perserkönigs Aufruf in die Griechischen Gewässer gegangen. Die Schlacht von Issus veränderte plötzlich alle Verhältnisse. Sidon war am glücklichsten daran, es durfte hoffen, durch Alexander wieder zu erhalten, was es im Kampfe gegen die Persischen Despoten eingebüßt hatte; Byblus, durch Sidons Fall gehoben, mußte eben so besorgt sein Alles zu verlieren, wie es, auf dem Festlande gelegen, unfähig war dem siegreichen Heere Alexanders zu widerstehen; Aradus und Tyrus dagegen lagen im Meere; doch hatte Aradus, weniger durch ausgebreiteten Handel als durch Besitzungen auf dem Festlande mächtig, durch Alexanders Heranrücken mehr zu verlieren als Tyrus, das, überdies noch im Besitz von achtzig Schiffen, sich auf seiner Insel ganz sicher glaubte und wie früher bei dem Aufstande der Sidonier eine neutrale Stellung anzunehmen beschloß, in der jeder Ausgang des Krieges ihrem Vortheil dienen sollte. –

Als nun Alexander vom Orontes her sich dem Gebiete der Phönicischen Städte nahete, kam ihm zunächst auf dem Wege Straton, des Aradischen Fürsten Gerostratus Sohn, entgegen, über-

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30) So ausdrücklich Arrian. II. 20. Curtius und einige andere Schriftsteller nennen um diese Zeit einen König Straton von Sidon; aber mit Unrecht. Der Vorgänger des Königs Tennes, der sich gegen Ochus empörte, heißt bei Hieronymus Straton (s. Perizon. ad Ael. V. H. XII. 2.) und denselben bezeichnet Theopomp. ap. Athen. XII. p. 532. cf. Boeckh corp. inscr. 87.

 

182reichte ihm einen goldenen Kranz und unterwarf ihm das Gebiet seines Vaters, welches den nördlichsten Theil der Phönicischen Küste umfaßte und sich eine Tagereise weit landeinwärts bis zur Stadt Mariamne erstreckte; auch die große Stadt Marathus, in der sich Alexander einige Tage aufhielt, gehörte zum Gebiete von Aradus. Auf seinem weiteren Zuge nahm er Byblus durch vertragsmäßige Uebergabe. Die Sidonier eilten sich dem Sieger der verhaßten Persermacht zu ergeben, Alexander nahm auf ihre ehrenvolle Einladung die Stadt in Besitz, gab ihr ihr früheres Gebiet und ihre frühere Verfassung wieder, indem er den Abdollonymus, einem in bitterer Armuth lebenden Nachkommen der Sidonischen Könige, die Herrschaft übertrug 31), und brach dann nach Tyrus auf. Unterweges begrüßte ihn eine Deputation der reichsten und vornehmsten Bürger von Tyrus, an ihrer Spitze der Sohn des Fürsten Azemilkus; sie erklärten, daß die Tyrier bereit seien zu thun, was Alexander verlangen würde; der König dankte ihnen und belobte ihre Stadt: er gedenke mit seinem Heere nach Tyrus zu kommen, um im Tempel des Tyrischen Herakles ein feierliches Opfer zu halten. Diese Antwort brachten die Abgeordneten zurück. Der Rath von Tyrus war einig, daß Alexanders Besuch in der Inselstadt zu gefährlich sein würde, daß den Macedoniern der Eintritt in die Stadt um jeden Preis verweigert werden müsse; unter den jetzigen so schwierigen Verhältnissen müsse die Stadt die strengste Neutralität beobachten, um ihr Verhältniß zum Perserkönige nicht unbesonnener Weise bloß zu stellen, zumal da die Tyrische Flotte trotz der im Aegäischen Meere befindlichen Geschwader bedeutend genug sei, den Beschlüssen der Inselstadt Achtung zu verschaffen; noch habe die Persische Seemacht in allen Meeren die Oberhand und Darius rüste schon ein neues Heer, um Alexanders weiteres Vordringen zu hemmen; wenn er siegte, so würde die Treue der Tyrier um so reicher belohnt werden, da bereits die übrigen Phönicischen Städte die Persische Sache verrathen hätten; unterliege er aber, so würde

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31) Dies scheint der einfache Inhalt der durch Ausschmückungen aller Art sehr entstellten Geschichte zu sein, die Diodor nach Tyrus, Plutarch (de fort. Alex. II.) nach Paphos verlegt; gegen beide s. die Noten zu Curt. IV. 1.

 

183 Alexander, ohne Seemacht wie er sei, vergebens gegen die Stadt im Meere zürnen, Tyrus dagegen noch immer Zeit haben, auf seine Flotte, seine Bundesgenossen in Cypern, im Peloponnes und Libyen, so wie auf die eigenen Hülfsmittel und die unangreifbare Lage der Stadt gestützt, mit Alexander die Bedingungen, die dem Interesse der Stadt entsprächen, einzugehen. Ueberzeugt, eine Auskunft, die zugleich schicklich, gefahrlos und ersprießlich sei, gefunden zu haben, meldeten die Tyrier dem Macedonischen Könige ihren Beschluß: sie würden sich geehrt fühlen, wenn er ihrem heimischen Gott in dem Tempel von Alttyrus auf dem Festlande seine Opfer darbrächte; sie seien bereit ihm zu gewähren, was er sonst fordern würde, ihre Inselstadt müsse für Macedonien und Persien geschlossen bleiben.

Alexander brach sofort alle weiteren Unterhandlungen ab, und beschloß das zu erzwingen, was er unter so freundlicher Form gefordert hatte. Er berief einen Kriegsrath, theilte das Geschehene mit, und eröffnete seine Absicht, Tyrus um jeden Preis einnehmen zu wollen: einerseits sei der Marsch nach Aegypten unsicher, so lange die Perser noch eine Seemacht hätten; andererseits den König Darius zu verfolgen, während man die Stadt Tyrus mit ihrer offenbar feindlichen Gesinnung, und Aegypten und Cypern, die noch in den Händen der Perser seien, im Rücken habe, sei namentlich wegen der Griechischen Angelegenheiten noch weit unsicherer; leicht könnten sich die Perser wieder der Seeküsten bemächtigen, und während man auf Babylon losgehe, mit noch größerer Heeresmacht den Krieg nach Hellas hinüberspielen, wo die Spartaner schon offenbar aufgestanden seien, und die Athener bisher mehr die Furcht als die Neigung für Macedonien zurückgehalten habe; würde dagegen Tyrus eingenommen, so hätte man Phönicien ganz, und die Phönicische Flotte, der schönste und größte Theil der Persischen Seemacht, würde sich an Macedonien halten müssen; denn weder die Matrosen, noch die übrige Mannschaft der Phönicischen Schiffe würde, während ihre eigenen Städte besetzt wären, den Kampf zur See auszufechten geneigt sein; Cyprus würde sich gleichfalls entschließen müssen zu folgen, oder sofort von der Macedonisch-Phönicischen Flotte genommen werden; habe man aber einmal die See mit der vereinten Seemacht, zu der auch noch die Schiffe von Cyprus kämen, so sei Macedoniens Uebergewicht auf dem Meere ent184schieden, und zugleich der Zug nach Aegypten sicher und des Erfolges gewiß; und sei erst Aegypten unterworfen, so brauche man wegen der Angelegenheiten in Griechenland nicht weiter besorgt zu sein; den Zug nach Babylon könne man, über die heimischen Dinge beruhigt, mit desto größeren Erwartungen beginnen, da dann die Perser zugleich vom Meere und von den Ländern diesseits des Euphrat abgeschnitten seien 32). – Die Versammlung überzeugte sich leicht von der Nothwendigkeit, die stolze Seestadt zu unterwerfen; aber ohne Flotte sie anzugreifen, geschweige denn sie zu erobern, schien unmöglich. Alexander wollte; kühne Pläne durch kühnere Mittel zu verwirklichen gewohnt, beschloß er die Inselstadt dem Festlande wiederzugeben, um dann erst die eigentliche Belagerung zu beginnen; ein Unternehmen, für dessen Größe und Schwierigkeit in der That des Königs Traum vom Herakles, an dessen Hand er in die Thore der Stadt hineinzugehen glaubte, bedeutsam genug war.

Neutyrus, auf einer Insel von einer halben Meile Umfang erbauet, war vom festen Lande durch eine Meerenge von etwa tausend Schritt Breite getrennt, die in der Nähe der Insel etwa noch drei Faden Fahrwasser hatte, in der Nähe des Strandes dagegen seicht und schlammig war. Alexander beschloß an dieser Stelle einen Damm durch das Meer zu legen; das Material dazu lieferten die Gebäude 33) des von den Einwohnern verlassenen Alttyrus und die Cedern des waldigen Libanon; Pfähle ließen sich leicht in den weichen Meeresgrund eintreiben, und der Schlamm diente dazu, die eingelassenen Werkstücke mit einander zu verbinden. Mit dem größten Eifer wurde gearbeitet, der König selbst war häu-

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32) Arrian. II. 17. Die Rede scheint nicht fingirt zu sein. – — 33) Curtius und Diodor haben wohl nicht Unrecht, wenn sie von Alexander Alttyrus, das noch existirte (Scylax p. 42. ed. Hudson), für den Zweck des Dammbaues zerstört werden lassen; die Bevölkerung hatte sich nach der Inselstadt geflüchtet, und gehörte mit zu den ξένοις bei Arrian. II. 24. 9. Was sonst von den beiden oben genannten Schriftstellern bei der Belagerung der Inselstadt erzählt wird, ist nur so weit glaubwürdig, als es durch Arrian bestätigt wird. Die Entfernung der Insel vom Festlande giebt Scylax auf vier Stadien, Plinius auf siebenhundert Passus an.

 

185fig zugegen 34); Lob und Geschenke machten dem Soldaten die schwere Arbeit leicht. Die Tyrier hatten bisher ruhig zugesehen; jetzt war der Damm der Insel bis auf wenige hundert Schritte genahet; sie brachten deshalb auf die dem Lande zugewendete Stelle ihrer hohen Mauer so viel Geschütz als möglich zusammen und begannen Pfeile und Steine gegen die bloßgestellten Arbeiter auf dem Damm zu schleudern, während diese zugleich von beiden Seiten durch die Trieren der Tyrier hart mitgenommen wurden. Zwei Thürme, die Alexander auf dem Ende des Dammes errichten ließ, mit Schirmdecken und Fellen überhangen und mit Wurfgeschütz versehen, schützten die Arbeiter vor den Geschossen von der Stadt her und vor den Trieren; mit jedem Tage rückte der Damm, wenn auch wegen des tieferen Meeres langsamer, vor. Dieser Gefahr zu begegnen baueten die Tyrier einen Brander in folgender Weise. Ein Frachtschiff wurde mit dürrem Reisig und anderen leicht entzündbaren Stoffen angefüllt, dann am Galeon zwei Mastbäume befestigt und mit einer möglichst weiten Gallerie umgeben, um in derselben desto mehr Stroh und Kien aufhäufen zu können; überdies brachte man noch Pech und Schwefel und andere Dinge der Art hinein; ferner wurden an die beiden Masten doppelte Raen befestigt, an deren Enden Kessel mit allerlei das Feuer schnell verbreitenden Brennstoffen hingen; endlich wurde der hintere Schiffsraum schwer geballastet, um das vordere Werk möglichst über den Wasserspiegel empor zu heben. Bei dem nächsten günstigen Winde ließen die Tyrier diesen Brander in See gehen; einige Trieren nahmen ihn ins Schlepptau und brachten ihn gegen den Damm; dann warf die in dem Brander befindliche Mannschaft Feuer in den Raum und in die Masten, und schwamm zu den Trieren, die eiligst das brennende Gebäude mit aller Gewalt gegen die Spitze des Dammes trieben. Der Brander erfüllte, von einem starken Nordwestwinde begünstigt, vollkommen seinen Zweck, in kurzer Zeit standen die Thürme, die Schirmdächer, die Gerüste und Faschinenhaufen

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34) Es wird erzählt, Alexander habe zuerst einen Schanzkorb mit Erde gefüllt und herangetragen, worauf dann die Macedonier mit lautem Jauchzen die mühselige Arbeit begonnen hätten; Polyaen. IV. 3. 3.

 

186 auf dem Damm in hellen Flammen, während sich die Trieren an den Damm ober dem Winde vor Anker legten, und durch ihr Geschütz jeden Versuch, den Brand zu löschen, vereitelten. Zugleich machten die Tyrier einen Ausfall, ruderten auf einer Menge von Böten über die Bai heran, zerstörten in Kurzem die Pfahlrosten vor dem Damm und zündeten die Maschinen, die noch etwa übrig waren, an. Durch das Fortreißen jener Rosten wurde der noch unfertige Theil des Dammes entblößt und den immer heftiger anstürmenden Wellen Preis gegeben, so daß der vordere Theil des Werkes durchrissen und hinweggespült in den Wellen verschwand 35).

Von mehreren Schriftstellern wird behauptet, Alexander habe nach diesem unglücklichen Ereigniß, das ihm nicht blos eine Menge Menschen und alle Maschinen gekostet, sondern auch die außerordentliche Schwierigkeit, Tyrus vom Lande her zu bewältigen, gezeigt habe, daran gedacht, die Belagerung ganz aufzugeben, den von Tyrus angebotenen Vertrag anzunehmen und nach Aegypten zu ziehen; eine Behauptung, die weder mit dem Charakter, noch den Plänen des Königs übereinstimmt; je mächtiger und unabhängiger Tyrus seiner Landmacht gegenüberstand, desto nothwendiger war es, die stolze Stadt zu demüthigen, je zweifelhafter der Ausgang besorglicheren Gemüthern erscheinen mochte, desto bestimmter mußte Alexander ihn im Auge behalten; ein Schritt rückwärts, ein aufgegebener Plan, eine halbe Maaßregel hätte Alles vereitelt. In dieser Zeit mag es gewesen sein, daß von Neuem Gesandte des Darius eintrafen, die für des Großkönigs Mutter, Gemahlin und Kinder ein Lösegeld von zehntausend Talenten, ferner den Besitz des Landes diesseits des Euphrat, endlich mit der Hand seiner Tochter Freundschaft und Bundesgenossenschaft anboten. Als Alexander nun seine Generale versammelte und ihnen die Anträge des Perserkönigs mittheilte, so waren die Ansichten sehr getheilt; Parmenion namentlich äußerte, daß, wenn er Alexander wäre, er unter den gegenwärtigen Umständen allerdings jene Bedingungen annehmen und sich nicht länger dem wechselnden Glück des Krieges aussetzen würde.

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35) Arrian sagt an dieser Stelle nicht genug, Curtius wie immer zu viel; überdies verwirrt letzterer die Zeitfolge, um einen Effekt zu erhaschen.

 

187 Alexander antwortete: auch er würde, wenn er Parmenion wäre, also handeln, doch da er Alexander sei, so laute seine Antwort an Darius dahin: daß er weder Geld von Darius brauche, noch des Landes einen Theil statt des Ganzen nehme; was Darius an Land und Leuten, an Geld und Gut habe, sei sein, und wenn es ihm beliebe Darius Tochter zu heirathen, so könne er es, ohne daß Darius sie ihm gebe; suche derselbe aber Freundschaft mit ihm, so möge er nur in Person kommen. So Alexanders Antwort.

Mit doppeltem Eifer wurden die Belagerungsarbeiten fortgesetzt, namentlich der Damm vom Lande aus in größerer Breite wieder hergestellt, um einerseits dem Werke selbst mehr Festigkeit zu geben, andererseits mehr Raum für Thürme und Maschinen zu gewinnen. Zu gleicher Zeit erhielten die Kriegsbaumeister den Auftrag, neue Maschinen sowohl für den Dammbau als für den Sturm auf die mächtigen Mauern zu errichten. Alexander selbst ging während dieser vorbereitenden Arbeiten mit den Hypaspisten und Agrianern nach Sidon, um dort eine Flotte zusammenzubringen, mit der er Tyrus zu gleicher Zeit von der Seeseite her blockiren könne. Gerade jetzt, es war um Frühlingsanfang, kamen die Schiffe von Aradus, Byblus und Sidon aus den Griechischen Gewässern zurück, wo sie auf die Nachricht der Schlacht von Issus sich von der Flotte des Autophradates getrennt und, sobald es die Jahreszeit erlaubte, zur Heimfahrt aufgemacht hatten; es waren an achtzig Trieren unter Gerostratus und Enylus; auch die Insel Rhodus, die sich vor Kurzem für Alexanders Sache entschieden hatte, sandte zehn Schiffe; kurze Zeit darauf lief auch das schöne Geschwader der Cyprischen Könige, von wenigstens hundertundzwanzig Segeln, in den Hafen von Sidon ein; dazu kamen einige Schiffe aus Lycien und Cilicien und selbst ein Macedonisches, das Proteas, der junge, durch seinen Ueberfall bei Siphnos ausgezeichnete Neffe des schwarzen Klitus, führte, so daß sich Alexanders Seemacht wohl auf dreihundert Segel belief 36).

Während die Flotte vollständig ausgerüstet und der Bau der

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36) Curtius sagt hundertundachtzig, Plutarch zweihundert; aber Arrian giebt außer den im Text bezeichneten Zahlen noch zu verstehen, daß vor der Ankuft der Phönicischen und anderen Geschwader dem Könige schon eine Anzahl Trieren zu Gebote stand.

 

188 Maschinen beendet wurde, unternahm Alexander einen Streifzug gegen die Arabischen Stämme im Antilibanon, deren Unterwerfung um so wichtiger war, da sie die Straßen, die vom Thale des Orontes nach der Küste führen, beherrschen und die reichen Karavanen aus Chalybon und Damaskus von ihren festen Bergschlössern aus überfallen konnten. Von einigen Geschwadern der Ritterschaft, von den Hypaspisten, den Agrianern und Bogenschützen begleitet, durchzog der König mit gewohnter Kühnheit und Schnelligkeit die schönen Thäler der Libanonketten; mehrere Schlösser der Araber wurden erstürmt, andere ergaben sich freiwillig, Alle erkannten die Oberherrschaft des Macedonischen Königs an, der nach eilf Tagen schon wieder nach Sidon zurückkehrte 37), wo kurz vorher siebentausend Mann Griechische Söldner, unter Kleanders Führung, sehr zur rechten Zeit eintrafen. Denn eben jetzt waren die Rüstungen zur förmlichen Belagerung des mächtigen Tyrus so weit beendet, daß Alexander, nachdem er die Bemannung seiner Schiffe, um in offener Seeschlacht und namentlich im Entern ein entschiedenes Uebergewicht über die Tyrier zu haben, mit seinen trefflichen Hypaspisten verstärkt hatte, von der Rhede von Sidon aus in See stechen konnte. In voller Schlachtlinie steuerte er auf Tyrus los, in der Absicht, die Tyrische Flotte wo möglich sogleich durch eine Schlacht von der See zu verdrängen und dann durch Sturm oder Blockade die Stadt zur Uebergabe zu zwingen.

Die Tyrier hatten, so lange sie nicht wußten, daß sich die Cyprischen und Phönicischen Geschwader unter Alexanders Befehl befanden, die Absicht gehabt, ihm zu einer Seeschlacht entgegenzusegeln; jetzt sahen sie am Horizont die ausgedehnte Schlachtlinie der feindlichen Flotte herauffahren, mit der es ihre Schiffe, an Zahl wohl dreimal schwächer, um so weniger aufzunehmen wagen durf-

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37) Die hier bezeichneten Stämme sind die späteren Ituräer (d. i. Dursen oder Drusen im Mittelalter), gegen die Pompejus in ähnlichem Sinne gekämpft hat. Curtius seinerseits glaubt, Alexander habe gegen die Araber gekämpft, weil sie einige Macedonier beim Fällen von Cedern im Libanon erschlagen hätten. Die Bravourgeschichte des Chares (bei Plutarch) mag sich im Munde der alten Macedonischen Krieger besser gemacht haben als in den Berichten des Historikers.

 

189ten, da die beiden Häfen der Insel, von denen der eine nordwärts gegen Sidon zu, der andere südwärts nach Aegypten hin lag, vor einem Ueberfall zu bewachen waren, wodurch die Zahl der disponibeln Schiffe noch mehr verringert wurde. Die Tyrier begnügten sich demnach, die enge Mündung des Nordhafens, der dem ersten Angriffe ausgesetzt war, durch eine dicht gedrängte Reihe von Trieren mit seewärts gewandten Schnäbeln so zu sperren, daß jeder Versuch zum Durchbrechen unmöglich war. Alexander seinerseits hatte, sobald seine Geschwader auf die Höhe von Tyrus gekommen waren, Halt machen lassen, um die feindliche Flotte zum Gefecht zu erwarten, dann aber, als kein feindliches Schiff ihm entgegen kam, unter lautem Ruderschlage gegen die Stadt losgesteuert, vielleicht mit der Hoffnung, durch einen heftigen Anlauf den Hafen zu gewinnen. Die dichte Reihe der Trieren in der engen Hafenmündung zwang ihn diesen Plan aufzugeben; nur drei Schiffe, die am weitesten aus dem Hafen hinaus lagen, wurden in den Grund gebohrt, dann ging die Flotte unter der Küste in der Nähe des Dammes vor Anker.

Alexander begann jetzt die Stadt einzuschließen, um von allen Seiten her anlegen und seine Maschinen gegen die Mauern arbeiten zu lassen. Die Cyprischen Schiffe unter dem Admiral Andromachus und ihren eigenen Königen sperrten den Nordhafen, während die Phönicier, deren unmittelbare Leitung sich Alexander selbst vorbehalten hatte, den Südhafen blockirten. Das Nächste war nun, die Maschinen und Thürme nahe genug an die Mauern zu bringen, um entweder Bresche zu legen oder Fallbrücken auf die Zinnen von Tyrus zu werfen. Zu dem Ende war nicht blos der Damm mit einer Menge von Maschinen bedeckt, sondern auch eine große Anzahl von Lastschiffen und alle Trieren, die nicht besonders segelten, zum Theil auf das kunstreichste mit Mauerbrechern, Katapulten und anderen Maschinen ausgerüstet. Aber den Maschinen vom Damme her widerstand die feste, aus Quadern erbauete Mauer, deren Höhe von hundertfunfzig Fuß, noch vermehrt durch die Aufstellung hölzerner Thürme auf die Zinnen, die Macedonischen Thürme mit ihren Fallbrücken unschädlich machte. Schwächer und niedriger waren die Mauern nach der Seeseite zu; mit desto größerer Aufmerksamkeit beobachteten hier die Belagerten jede Bewegung der 190 feindlichen Maschinenschiffe; schon aus der Ferne wurden diese mit einem Hagel von Geschossen, Steinen und Brandpfeilen empfangen; und als sie dennoch näher an den Strand hinruderten, um endlich anzulegen, fanden sie namentlich in der Nähe des Dammes die nähere Anfahrt durch eine Menge versenkter Steine unmöglich gemacht. Die an sich schon mühselige Arbeit, von den schwankenden Schiffen aus diese Steine vom Meergrunde fortzubaggern, wurde dadurch verdoppelt und oft ganz vereitelt, daß Tyrische mit Schirmdächern versehene Fahrzeuge die Ankertaue der arbeitenden Schiffe kappten und sie so der treibenden Strömung und dem Winde Preis gaben; Alexander ließ eben so bedeckte Fahrzeuge vor den Ankern beilegen, um die Taue zu schützen; aber Tyrische Taucher schwammen unter dem Wasser bis in die Nähe der Schiffe und zerschnitten deren Kabel, bis endlich die Anker an eisernen Ketten in den Seegrund gelassen wurden. Jetzt konnten die Schiffe ohne weitere Gefahr arbeiten, in Kurzem waren die Steinmassen aus dem Fahrwasser in der Nähe des Dammes hinweggeschafft, so daß die einzelnen Maschinenschiffe sich bereits der Mauer nähern konnten.

Den Tyriern entging keinesweges, wie sich mit jedem Tage die Gefahr mehrte, und wie ihre Stadt ohne Rettung verloren sei, wenn sie nicht mehr die Oberhand auf dem Meere hätten; sie hatten auf Hülfe, namentlich von Karthago her gehofft, sie hatten erwartet, daß die Cyprier wenigstens nicht gegen sie kämpfen würden; von Karthago kam endlich das heilige Schiff der Festgesandtschaft, es brachte die Botschaft, daß der Mutterstadt keine Hülfe werden könnte. Und schon war Tyrus so gut wie eingesperrt, da vor dem Nordhafen die Cyprische, vor dem südlichen die Phönicische Flotte ankerte, so daß sie nicht einmal ihre ganze Marine zu einem Ausfall, der noch die einzige Rettung zu sein schien, vereinigen konnten. Mit desto größerer Vorsicht rüsteten sie hinter einer Reihe ausgespannter Segel, die den Nordhafen verdeckte, ein Geschwader von drei Fünfruderern, eben so vielen Vierruderern und sieben Trieren aus, bemannten diese mit auserlesenem Schiffsvolk und benutzten die Stille der Mittagsstunde, in der Alexander selbst auf dem Festlande in seinem Zelte zu ruhen, so wie die Mannschaften der meisten Schiffe sich, um frisches Wasser und Lebensmittel zu holen, auf dem Strande zu befinden pflegten, zu einem Ausfall. Un191bemerkt aus dem Hafen gesegelt ruderten sie, sobald sie den auf der Nordseite stationirten und fast ganz unbewachten Schiffen der Cyprischen Fürsten nahe kamen, mit lautem Schlachtruf auf dieselben los, bohrten mehrere in den Grund, jagten die übrigen auf den Strand und begannen sie zu zertrümmern. Indeß hatte Alexander, der diesen Tag früher als gewöhnlich zu seinen Schiffen auf der Südseite zurückgekommen war und sehr bald die Bewegung vor dem Hafen jenseits der Stadt bemerkt hatte, schleunigst seine Schiffe bemannt, den größten Theil derselben unmittelbar vor dem Südhafen auffahren lassen, um einem Ausfall der Tyrier von dieser Seite zuvorzukommen, und war dann mit fünf Trieren und allen Fünfruderern seines Geschwaders um die Insel herumgesteuert, den bereits siegreichen Tyriern entgegen. Von der Mauer der Stadt aus gewahrte man sehr bald Alexanders Nahen; mit lautem Geschrei, mit Zeichen jeder Art suchte man den Schiffen die Gefahr kund zu thun und sie zum Rückzuge zu bewegen; über den Lärm des anhaltenden Gefechtes bemerkten es die Kämpfenden nicht eher, als bis das feindliche Geschwader sie fast schon erreicht hatte; schnell warfen die Tyrischen Schiffe herum und ruderten in der größten Eile dem Hafen zu, den aber nur wenige wohlbehalten erreichten; die meisten wurden in den Grund gebohrt oder so beschädigt, daß sie für künftigen Seedienst unbrauchbar waren, und ein Fünfruderer und einige Vierruderer dicht vor der Münde von Alexander genommen, während sich die Mannschaft durch Schwimmen rettete.

Dieser Ausgang des Tages war für Tyrus Schicksal entscheidend; die Tyrische Flotte, von der See gänzlich verdrängt, lag fortan nutzlos in den Häfen, die von den Macedonischen Schiffen auf das strengste bewacht, Tyrischer Seits durch Sperrketten vor einem Ueberfalle gesichert wurden. Die Maschinen legten an den Mauern an, ohne daß ihnen die Tyrier anders als von den Zinnen herab entgegen arbeiten konnten; es begann das letzte Stadium einer Belagerung, die, von beiden Seiten mit dem größesten Aufwand von Kraft, mechanischer Kunst und außerordentlichen Entwürfen geführt, Alles übertraf, was bisher in dieser Art von Griechen und Barbaren unternommen war; und während die Tyrier, deren Maschinen- und Kriegsbauwesen das ausgebildetste der damaligen 192 Zeit war, alle Mittel und Kräfte anstrengten, um sich zu schützen, waren Alexanders Ingenieure, aus der Schule des Polyidus, unter ihnen der berühmte Deimachos, auf das Eifrigste bemühet, die Erfindsamkeit der Phönicier zu überbieten. Jetzt, nachdem Alexander durch seinen Damm einen festen Angriffspunkt und für seine Schiffe einen ziemlich sicheren Ankerplatz gewonnen, nachdem er den Meeresgrund gereinigt und seinen Maschinen das Anlegen an den Mauern möglich gemacht, nachdem er die Tyrische Seemacht vom Meere verdrängt hatte, so daß ihm nichts mehr zu thun übrig blieb, als die Mauern zu übersteigen oder zu durchbrechen, erst jetzt wurde die mühevollste und gefährlichste Arbeit begonnen. Dem Damme gegenüber waren die Mauern zu hoch und zu dick, um erschüttert oder erstiegen zu werden; nicht viel mehr richteten die Maschinen auf der Nordseite aus; die Mächtigkeit der in Gyps gelegten Quadermassen schien jeder Gewalt zu trotzen. Mit desto größerer Hartnäckigkeit verfolgte Alexander seinen Plan; er ließ auf der Südseite der Stadt die Maschinen anrücken, arbeiten und nicht eher ruhen, als bis die Mauer, bedeutend beschädigt und durchbrochen, zu einer Bresche zusammenstürzte. Sogleich wurden Fallbrükken hineingeworfen, ein Sturm versucht; es begann der härteste Kampf; die Tyrier schlugen die Macedonier zurück, Alexander gab die zu kleine Bresche auf, welche bald von den Tyriern hinterbauet wurde.

Nichts weniger als entmuthigt 38) wartete Alexander nur stille See ab, um den Sturm zu wiederholen; drei Tage später, es war am 20sten August 39), wurde der entscheidende Angriff gemacht. Das Meer war ruhig, die Luft klar, der Horizont wolkenlos, Alles so,

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38) Diodor und Curtius versichern das Gegentheil; gerade die Genauigkeit ihrer Angaben offenbaret deren Unrichtigkeit. — 39) Das Datum ergiebt die Angabe Arrians, daß Tyrus im Monat Hekatombion (22sten Juli bis 20sten August 332 incl.) erobert sei, in Verbindung mit Plutarchs wunderlicher Geschichte von Aristanders Ausspruch, nach welchem die Stadt, obgleich man schon den letzten Tag des Monats hatte, doch noch in demselben Monat erobert werden sollte; die Ausschmückung mag autoschediastisch sein, das zum Grunde liegende Datum ist es wohl nicht.

 

193 wie es Alexander wünschen mochte. Er begann damit, die mächtigsten seiner Maschinenschiffe gegen die Mauer anrücken und arbeiten zu lassen, während zwei andere Schiffe, das eine mit den Hypaspisten Admets unter des Königs Führung, das andere mit Freiwilligen aus der Phalanx Könus bemannt, bereit lagen, um, sobald die Bresche groß genug sei, zum Sturm anzulegen; zu gleicher Zeit ließ er sämmtliche Schiffe in See gehen, einen Theil der Trieren sich vor die Häfen legen, um während des Sturmes vielleicht die Hafenketten zu sprengen und in die Bassins einzudringen; alle anderen Schiffe, welche Bogenschützen, Schleuderer, Ballisten, Katapulten, Sturmblöcke oder Aehnliches an Bord hatten, vertheilten sich rings um die Insel, mit dem Befehl, entweder wo es irgend möglich wäre zu landen, oder innerhalb Schußweite unter der Mauer zu ankern und die Tyrier von allen Seiten so zu beschießen, daß sie, unschlüssig, wo am meisten Gefahr oder Schutz sei, desto leichter dem Sturme erlägen. Die Maschinen begannen zu arbeiten, von allen Seiten flogen Geschosse und Steine gegen die Zinnen, an allen Punkten schien die Stadt gefährdet, als plötzlich der Theil der Mauer, auf den es Alexander abgesehen hatte, zertrümmert zusammenstürzte und eine ansehnliche Bresche öffnete. Sogleich legten die beiden Fahrzeuge mit Bewaffneten an der Stelle der Maschinenschiffe bei, die Fallbrücken wurden hinabgelassen, die Hypaspisten drangen vor, Admet war der Erste auf der Mauer, der Erste, der fiel; mit doppelter Wuth, Alexander voran, stürzten die Getreuen nach, bald waren die Tyrier aus der Bresche verdrängt, bald ein Thurm und ein zweiter erobert, die Mauer besetzt, der Weg nach der Königsburg frei, der gegenüber eine breite Straße in die Stadt hinab führte. Während dessen waren die Phönicischen Schiffe in den Südhafen, dessen Sperrketten sie gesprengt hatten, eingedrungen, und hatten die dort liegenden Schiffe theils in den Grund gebohrt, theils auf das Ufer getrieben; eben so waren die Cyprischen Schiffe in den Nordhafen eingelaufen und hatten bereits das Bollwerk und die nächsten Punkte der Stadt besetzt, während Alexander mit den Hypaspisten und der Schaar des Könus bereits von der Mauer hinabstürmte. Die Tyrier hatten sich von der Mauer zurückgezogen, sich vor dem Agenorium gesammelt, und erwarteten dort die von allen Seiten heranrückenden 194 Macedonier. Nach kurzem aber höchst blutigen Kampfe wurden auch diese bewältigt und niedergemacht; die Macedonier wütheten furchtbar, achttausend Tyrier fanden den Tod. Denen, die sich in den Heraklestempel geflüchtet hatten, namentlich dem König Azemilkus, den höchsten Beamten der Stadt und einigen Karthagischen Festgesandten ließ Alexander Gnade angedeihen; diejenigen aber, die sich der Unterwerfung widersetzt und die harnäckige Vertheidigung der Stadt angestiftet hatten, wurden ans Kreuz geschlagen, der größte Theil der Bevölkerung in die Sklaverei verkauft 40).

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40) Polyb. XVI. 39. ἐξηδραποδισμένον μετὰ βίας. Nach Diodor wären siebentausend Mann (sechstausend bei Curtius) im Kampfe gefallen, zweitausend kriegsfähige Männer ans Kreuz geschlagen, dreizehntausend Greise, Weiber und Kinder (der größere Theil sei gen Karthago geflüchtet gewesen) verkauft worden; Curtius dagegen sagt, daß die Sidonier funfzehntausend Tyrier auf ihre Schiffe retteten; Arrian giebt die Zahl der Todten auf achttausend, die der Gefangenen auf dreißigtausend an. Es versteht sich, daß die Stadt mehr als vierzigtausend Einwohner, wie man aus Arrian schließen möchte, gehabt hat. Die achtzig Trieren erforderten allein schon sechszehntausend Mann. Enggebauet und voll hoher Häuser, wie sie war, konnte die Inselstadt bei dem Umfange von zweiundzwanzig Stadien (Plin.) nach dem Verhältniß des heutigen Paris achtzigtausend Einwohner zählen. Von diesen waren wohl Tausende vor Anfang der Belagerung geflüchtet, sie fanden sich allmählig wieder zusammen. – Der obigen Erzählung liegt Arrians Bericht von der Belagerung zum Grunde (wörtlich wiederholt von dem Anonymus de urbium defensione in den Vett. Mathem. p. 317). Diodor hat mit abentheuerlichem Geschmack die Maschinen der Macedonier und Tyrier beschrieben, und wenn wirklich jene Stangen mit Widerhaken, jene Fangnetze und Harpunen, jene Marmorräder und Säcke mit Seegras und Werg in dieser merkwürdigen Belagerung vorgekommen sind, was ich weder bezweifeln noch vertreten mag, so gehört dies zu sehr dem Technischen des alten Belagerungswesens an, um hier ausführlich erklärt werden zu können. Uebrigens wimmelt jener Bericht von Unrichtigkeiten; die Darstellung des Sturmes unter Admet giebt den deutlichsten Beleg dafür. Noch weniger brauchbar ist die Darstellung des Curtius, der, ohne allen Sinn für den wesentlichen Zusammenhang militärischer Sachen, durch blendende Bilder und rührende Antithesen das Interesse, wel-

 

195 Es konnte Alexanders Absicht nicht sein, Tyrus zu vernichten; er würde seinem neuen Reiche eine der wichtigsten Städte, seiner Seemacht vielleicht die beste Station auf dieser Küste entzogen haben; und wenn schon ihm die Hartnäckigkeit dieser einen Stadt sieben kostbare Monate und ungeheuere Anstrengungen gekostet hatte, so schien sie doch durch ihr eigenes Schicksal, durch die Hinrichtung so vieler Vornehmen, durch den tödtlichen Stoß, den ihr Handel und Wohlstand erlitten hatte, genug gestraft zu sein. Auf der anderen Seite aber wäre es gefährlich gewesen, der so lange widerspenstigen Stadt dieselben Vergünstigungen zuzugestehen, mit denen die Ergebenheit der anderen Phönicischen und Cyprifchen Städte belohnt wurde; es kam dazu, daß es für jeden Fall nothwendig war, mitten unter den kleinen Seestaaten in diesen Gewässern, die ihre Fürsten und ihre Flotten, wenn auch unter Macedonischer Hoheit, behielten, einen bedeutenden Posten inne zu haben, um selbst der Versuchung zu Neuerungen vorzubeugen. So wurde Tyrus seiner alterthümlichen Verfassung beraubt 41), und Hauptwaffenplatz auf dieser Küste; der Macedonische Befehlshaber der Stadt erhielt die Weisung, für den Wiederaufbau ihrer Befestigungen zu sorgen, das Wiederaufblühen ihres Handels auf alle Weise zu begünstigen. Alexander selbst hielt demnächst zur Feier des Sieges das Herakles-

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ches der factische Verlauf von selbst erweckt, vergeblich hervorzubringen strebt. Die vielen Träumereien und Wunder, die Curtius, Diodor und Plutarch um die Wette erzählen, mögen immerhin im Macedonischen Lager erzählt worden sein; doch sollte man mit solchen Geschichten nicht die Geschichte aufklären wollen. – Polyaen. IV. 3. 4. ist unbrauchbar. Justin. XI. 10. meint, die Stadt sei durch Verrath gefallen. — 41) Zwar spricht sich keiner der alten Schriftsteller deutlich über diesen Punkt aus; ja Arrians Angabe, daß dem Azemilkus verziehen sei (ἄδεια), und Diodors verwirrter Bericht über Abdolonymus könnten leicht das Entgegengesetzte zu beweisen scheinen. Indeß spricht außer dem Zusammenhange der Begebenheiten die spätere Geschichte für die obige Darstellung; denn in den Streitigkeiten der Diadochen werden Könige auf Cypern und in Sidon, Byblus, Aradus erwähnt, dagegen Macedonische Phrurarchen in Tyrus; und in Tyrus verwahrte Perdikkas seine Kassen. Diod. XVIII. 37.

 

196opfer, das ihm von den Tyriern geweigert war, im Herakleum der Inselstadt, indem das Heer in voller Rüstung dazu ausrückte und die gesammte Flotte auf der Höhe der Insel im Festaufzuge vorübersteuerte; unter Wettkampf und Fackellauf wurde die Maschine, welche die Mauer gesprengt hatte, durch die Stadt gezogen und im Herakleum aufgestellt, und das Heraklesschiff der Tyrier, das schon früher in Alexanders Hände gefallen war, dem Gott geweiht 42).

Im Besitz der beiden Städte Tyrus und Damaskus, und durch sie Herr der Küste und des inneren Syriens konnte Alexander gegen das Palästinische Syrien hin aufbrechen, wo er mehrfachen Widerstand erwarten mußte. Er hatte von Tyrus aus die Juden und Samaritaner aufgefordert, sich zu unterwerfen; unter dem Vorwande, durch ihren Unterthaneneid dem Persischen Könige verpflichtet zu sein, hatten sie die Zufuhren und anderweitigen Leistungen, die Alexander forderte, verweigert. Noch gefährlicher schien die Grenzfestung Gaza; in dem Palästinischen Syrien bei weitem die wichtigste Stadt, und, wegen ihrer glücklichen Lage auf der Handelsstraße vom rothen Meere nach Tyrus, von Damaskus nach Aegypten, und noch mehr als Grenzfestung gegen die so oft unruhige Aegyptische Satrapie, für die Perserkönige stets ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit, war sie von Darius einem seiner treuesten Diener, dem Eunuchen Batis anvertrauet worden, der kühn genug dem Vordringen des siegreichen Feindes ein Ziel zu setzen gedachte, überzeugt, daß, wenn er jetzt den Macedonier aufzuhalten vermöchte, einerseits die reiche Satrapie Aegypten den Persern erhalten, andererseits der König Darius Zeit gewinnen würde, seine großen Rüstungen im oberen Asien zu vollenden, in die unteren Satrapien herabzukommen und den tollkühnen Macedonier über den Taurus, den Halys, den Hellespont zurückzujagen. Der lange Widerstand, den Tyrus geleistet hatte, erhöhete den Muth des Eunuchen um so mehr, da die Flotte, der Alexander die endliche Einnahme der Inselstadt dankte, vor Gaza nicht anzuwenden war; denn die Stadt lag eine halbe Meile von der Küste, die überdies, mit Sandbänken und Untiefen gesperrt, einer Flotte kaum zu lan-

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42) Arrian. II. 24.

 

197den gestattete; von der Küste an erstreckte sich landeinwärts eine tiefe Sandgegend bis zum Fuße des Erdrückens, auf dem Gaza erbauet war. Die Stadt selbst hatte bedeutenden Umfang und war mit einer hohen und mächtigen Mauer umgeben, die jedem Sturmblock und jedem Geschoß widerstehen zu können schien. Demnach hatte sich Batis auf eine lange Belagerung vorbereitet, eine Menge Vorräthe aufgehäuft und Araber aus der nahen Wüste in Sold genommen, die bald genug Proben ihrer vielgerühmten Tapferkeit geben sollten.

Alexander brach mit Anfang September mit dem Heere von Tyrus auf; ohne bei der festen Stadt Acco, welche den Eingang in das Palästinische Syrien schließt, Widerstand zu finden, rückte er in das Land der Samaritaner ein; durch schnelle Unterwerfung beugten sie der gerechten Strafe ihrer Hartnäckigkeit vor; Jerusalem folgte diesem Beispiel, und Alexander, so wird berichtet, hielt im Tempel Jehovahs ein feierliches Opfer; er zeigte sich in Allem milde und nachsichtig gegen die Nachkommen Abrahams 43), deren aufrichtige Ergebenheit ihm bei dem Angriff auf die Philisterstadt von mannichfachem Nutzen sein konnte. Andromachus, den Parmenion in Damaskus als Befehlshaber zurückgelassen, erhielt auch über das Land des Jordan die Aufsicht 44).

So langte das Heer ohne weiteren Aufenthalt vor Gaza an, und lagerte sich auf der Südseite, wo die Mauer am leichtesten angreifbar schien; Alexander befahl sofort die erforderlichen Maschinen zu zimmern und aufzustellen. Aber die Kriegsbaumeister erklärten, es sei bei der Höhe des Erdrückens, auf dem die Stadt liege, unmöglich, Maschinen zu errichten, die sie zu erreichen und zu erschüttern vermöchten. Alexander erkannte die Wichtigkeit des Platzes und die größere des Ruhmes, über die größesten Schwierig-

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43) Es ist schwierig, bei dem gänzlichen Schweigen glaubwürdiger Schriftsteller, Gewisses über Alexanders Benehmen gegen Samaria und Juda aufzuzeichnen, da sich die Lügen der Samaritaner und Juden wechselseitig aufheben; cf. St. Croix p. 547 sqq., der freilich dem Abderiten Hekatäus, dem Erfinder des vielbesprochenen Osymandyaspallastes in Theben, zu viel Glauben schenkt. — 44) Curt. IV. 5. 10. c. intpp.

 

198keiten gesiegt und das Unmögliche selbst möglich gemacht zu haben; trotz aller jener Bedenklichkeiten wollte er Gaza mit stürmender Hand erobert wissen, da er weder Truppen genug hatte, um vor der Festung ein eigenes Belagerungscorps zurückzulassen, noch bei den Rüstungen im oberen Asien sich die Zeit lassen durfte, mit dem ganzen Heere die Stadt einzuschließen und auszuhungern. Er befahl daher auf der am meisten zugänglichen Südseite einen Damm gegen die Stadt hin aufzuschütten, der die Höhe des Erdrückens, auf dem die Mauern standen, erreichte. Die Arbeit wurde möglichst beeilt; sobald sie vollendet war, wurden die Maschinen gegen die Mauer aufgefahren, und begannen mit Tagesanbruch zu arbeiten; während dessen opferte Alexander gekränzt und im kriegerischen Schmucke den Göttern und erwartete ein Zeichen; da flog ein Raubvogel über den Altar hin und ließ einen Stein auf des Königs Haupt hinabfallen, fing sich selbst aber in dem Tauwerk einer Maschine; der Zeichendeuter Aristander deutete das Zeichen und sprach: „Du wirst, o König, zwar die Stadt erobern, doch hast Du Dich an diesem Tage wohl zu hüten“ 45). Alexander glaubte dem Zeichen der Götter und hütete sich, er blieb in der Nähe der Maschinen, die nicht ohne Erfolg gegen die mächtigen Mauern arbeiteten. Da machten die Belagerten plötzlich und mit großer Heftigkeit einen Ausfall, warfen Feuer in die Schirmdächer und Geschütze, beschossen von der hohen Mauer herab die Macedonier, welche in den Maschinen arbeiteten und zu löschen suchten, und drängten diese so, daß sie bereits sich von ihrem Damme zurückzuziehen begannen. Länger hielt sich Alexander nicht; an der Spitze seiner Hypaspisten rückte er vor, half, wo am meisten Gefahr war, brachte die Macedonier von Neuem in den Kampf, so daß sie wenigstens nicht ganz von dem Damme zurückgeworfen wurden; da traf ihn ein Katapultenpfeil und fuhr ihm durch Schild und Panzer bis tief in die Schulter hinein. Der König sank, die Feinde drängten jubelnd heran, überall loderten die Maschinen auf, die Macedonier wichen von der Mauer der Stadt zurück.

Alexanders Wunde war schmerzhaft, aber nicht gefährlich; sie hatte Aristanders Weissagung zur Hälfte wahr gemacht, und der

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45) Arrian. II. 26. Curt. IV. 6. 12. Plut. 25.

 

199 König war überzeugt, daß sich nun auch der glücklichere Theil jenes Zeichens erfüllen werde. Eben jetzt waren die Maschinen, mit denen er Tyrus erobert hatte, im nahen Hafen Majumas angekommen; um sie anwenden zu können, befahl er sosort, einen mächtigen Damm von zwölfhundert Fuß Breite und zweihundertfunfzig Fuß Höhe concentrisch mit den Mauern der Stadt aufzuschütten 46); zu gleicher Zeit wurde das Erdreich unter der Mauer unterminirt, so daß sie bald durch ihre eigene Schwere und durch die Gewalt der Sturmblöcke an mehreren Stellen zusammenstürzte. Man hatte Bresche genug und begann zu stürmen; zurückgeschlagen wiederholte man den Angriff zum zweiten, zum dritten Mal; endlich beim vierten Sturm, als die Phalangen von allen Seiten heranrückten, als immer neue Stücke der Mauer zusammenstürzten, und die Maschinen immer furchtbarer wirkten, als die tapferen Araber schon zu viele Todte und Verwundete zählten, um noch an allen Orten den gehörigen Widerstand zu leisten, gelang es den Hypaspisten, Sturmleitern in die Breschen zu werfen und über den Schutt der eingestürzten Mauern einzudringen, die Thore aufzureißen, und dem gesammten Heere den Eingang in die Stadt zu öffnen. Ein noch wilderer Kampf begann in den Straßen der Stadt; die tapferen Gazäer vertheidigten ihre Posten bis auf den Tod, ein gräßliches Blutbad endete den heißen Tag; an zehntausend Barbaren sollen gefallen sein; ihre Weiber und Kinder wur-

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46) Diese Angaben Arrians sind auf eine sonderbare Weise misverstanden worden; man hat gemeint, sein χῶμα χωννύν ἐν κύκλῳ πάντοζεν τῆς πόλεως bezeichne eine völlige Circumvallation der Stadt; ein ungeheueres Werk; wäre der Umfang der Stadtmauer nur viertausend Schritte gewesen und hätten zwanzigtausend Menschen täglich gearbeitet, so würden sie, nach einer sehr einfachen Berechnung, über drei Jahre gebraucht haben, um einen Wall bis zu dieser Höhe aufzuschütten; überdieß wäre dann zum Unterminiren der Mauer kein Platz übrig geblieben. Arrian ist nur darin undeutlich, ob dieser zweite Damm an der Stelle des ersten gebauet ist oder nicht; letzteres scheint wahrscheinlicher. Die zwölfhundert Fuß Breite (zwei Stadien) sind natürlich von der Stirn des Dammes zu verstehen, da sich die Länge desselben (diametrale Richtung) nach dem Winkel, den man bei Arbeiten dieser Art braucht, bestimmen mußte.

 

200den in die Sclaverei verkauft. Doch war die Lage der Stadt in jeder Beziehung zu vortheilhaft, als daß Alexander sie hätte vertilgen sollen; deshalb bevölkerte er sie von Neuem aus den benachbarten Ortschaften, und benutzte sie als Waffenplatz für seine weiteren Unternehmungen 47).

Jetzt endlich konnte Alexander nach Aegypten hin aufbrechen, der letzten Mittelländischen Provinz des Perserkönigs, die, wenn sie treu oder in treuen Händen gewesen wäre, vermöge ihrer günstigen örtlichen Verhältnisse lange Widerstand zu leisten vermocht hätte. Aber wie sollte sich das Aegyptische Volk für die Sache eines Königs, an den es durch nichts als die Ketten einer ohnmächtigen und darum doppelt verhaßten Herrschaft gefesselt war, zu kämpfen bereit fühlen? Ueberdies lag in der Natur der Aegypter weniger Neigung zum Kampf als zur Ruhe, mehr Geduld und Arbeitsamkeit als Geist und Kraft, und wenn dessen ungeachtet während der zweihundert Jahre der Dienstbarkeit öfter Versuche gemacht worden waren, die fremde Herrschaft abzuschütteln, so hat an diesen das Volk im Ganzen um so weniger Antheil genommen, da es seit der Auswanderung der einheimischen Kriegerkaste daran gewöhnt war, Grie-

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47) Curtius ist in der Darstellung dieser Belagerung im Ganzen mit Arrian in Uebereinstimmung; doch hat er Manches aus dem Hegesias hinzugethan, was ohne historischen Werth ist, so namentlich den Mordversuch des Arabischen Ueberläufers, und die Rache an dem von Philotas und Leonnatus gefangenen Eunuchen Batis (cf. Dionys. Hal. de structur. or. c. 18.); Curtius nennt jene zwei Namen nicht, weil nach ihm Philotas in Tyrus zurückgeblieben war. St. Croix giebt nach Josephus ant. XI. 8., dem er viel zu viel glaubt, die Zeit der Belagerung von Gaza auf zwei Monate an, für die Errichtung so großer Dämme gewiß eine zu kurze Zeit; hätte die Belagerung nicht länger gewährt, so wäre Alexander mit dem Anfang November, wo das Nilwasser noch nicht wieder in seinem Bette zu sein pflegt, in Aegypten eingerückt. Daß er erst nach dem 14ten November (1 Thoth 417 aer. Nab.) nach Memphis gekommen ist, beweiset der Umstand, daß im Kanon der Könige sein erstes Jahr 417 ist; wäre er vor dem 14ten November dorthin gekommen, so müßte ihm schon das Jahr 416 zugeschrieben sein; cf. Ideler Chronol. l. p. 120.

 

201chische und Libysche Söldner für Aegypten kämpfen und höchstens einige Tausend Eingeborene als Packknechte mitziehen zu sehen. Ueberhaupt kann man den damaligen Zustand Aegyptens als den der vollkommensten Stagnation bezeichnen; alle inneren Verhältnisse, Ueberreste der längst untergegangenen Pharaonenzeit, standen im offenbarsten Widerspruche mit jedem der geschichtlichen Wechselfälle, deren das Land seit dem Sturze des priesterlichen Königthums so viele erfahren hatte; die Versuche der Saitischen Könige, ihr Volk durch Handel und Verbindung mit fremden Völkern zu beleben, hatten scheitern müssen, da sie selbst Aegypter und aus dem Geschlecht der priesterlichen Pharaonen waren; die Funken des neuen Lebens, die sie erweckt hatten, fanden unter der Persischen Herrschaft keine andere Nahrung, als den dumpfen, stets zunehmenden Abscheu gegen die unreinen Fremdlinge, ohne daß das Volk durch diesen jemals zu einem allgemeinen und entschiedenen Abfall von Persien gekräftigt wäre; in sich versunken, Sclaven der ärmlichsten Betriebsamkeit, deren sie doch nicht froh wurden, belastet mit allen Nachtheilen und aller Superstition eines Kastenwesens, von dem die Zeit nichts als die abgestorbene Form übrig gelassen hatte, bei dem Allen durch die überreiche Fruchtbarkeit ihres Landes, der kein freier und lebendiger Verkehr nach Außen hin Werth und Reiz gab, mehr gedrückt als gefördert, bedurften die Aegypter mehr als irgend ein Volk einer entschiedenen Regeneration, wie sie durch Alexander über den ganzen Orient kommen sollte 48).

Aegypten war, sobald Alexander nahete, für den Perserkönig verloren; sein Satrap Mazaces, des bei Issus gefallenen Sabaces Nachfolger, hatte die unter Amyntas Führung gelandeten Griechischen Söldner aus Eifersucht oder misverstandenem Eifer, statt sie zur Vertheidigung des Landes in Sold zu nehmen, niedermetzeln lassen; jetzt, nach dem Fall von Tyrus und Gaza, nachdem durch Alexanders Occupation, die bis in die Wüste Arabiens hinaus-

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48) Die Charakteristik des Aegyptischen Volkes, wie sie Curtius giebt, gens vana et novandis quam gerendis rebus aptior, ist ein Anachronismus, und paßt selbst in späterer Zeit besonders nur auf die Bevölkerung von Alexandrien.

 

202reichte, Aegypten vom oberen Persien durchaus abgeschnitten war, blieb dem Satrapen und den wenigen Persern um ihn freilich nichts übrig, als sich möglichst schnell zu unterwerfen.

So geschah es denn, daß, als Alexander von Gaza aus nach einem Marsche von sieben Tagen in Pelusium eintraf, Mazaces ihm ohne Weiteres Aegypten übergab. Während der König seine aus Phönicien bereits gelandete Flotte auf dem Pelusischen Nilarm stromauf sandte, ging er selbst über Heliopolis nach Memphis, um sich mit der Flotte dort wieder zu treffen; alle Städte, zu denen er kam, öffneten ihm die Thore; ohne das geringste Hinderniß besetzte er Memphis, die große Hauptstadt des Nillandes, dessen Unterwerfung mit diesem Zuge vollbracht war.

Indeß wollte Alexander mehr als unterwerfen; es sollte den Völkern seines Reiches der Genuß und das Bewußtsein ihrer durch die Perser gewaltsam und darum vergebens zurückgedrängten Volksthümlichkeit unter der Aegide des Griechischen Lebens zurückgegeben werden, damit der große Gedanke einer völligen Verschmelzung beider desto leichter Raum und Kraft gewönne. So opferte der Macedonische König in den Tempeln der Acgyptischen Gottheiten, vor Allen dem Apis, an dessen Heiligkeit sich die Erinnerung der alten Pharaonenweihe knüpfte 49); zugleich ließ er in den Vorhöfen der Tempel Griechische Wettkämpfe und Musenspiele halten, zum Zeichen, wie fortan das Fremde hier heimisch, das Einheimische auch den Fremden ehrwürdig sein werde. Die Achtung, die er überdies den Aegyptischen Priestern zollte 50), mußte ihm diese Kaste um so mehr gewinnen, je tiefer sie von der oft fanatischen Intoleranz der Persischen Fremdlinge herabgewürdigt worden war.

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49) Die romanhaften Schilderungen von Alexanders Leben und Thaten (so Pseudo-Callisthenes bei St. Croix p. 164, Jul. Valerius p. 47.) machen aus diesem Opfer eine förmliche Pharaonenweihe, wie sie unter Alexanders Nachfolgern in Aegypten seit dem fünften Ptolemäus, unter dem Namen der Anakleterien, wieder eingeführt wurde; s. das Nähere in meiner Abhandlung de Lagidarum regno p. 57. Doch war es Alexanders Absicht nicht, sich in jedem Theile des Perserreiches die Krone früherer Könige übergeben zu lassen, da er vielmehr ein Reich in Asien und Europa zu gründen hoffte. — 50) Plut. 27.

 

203 Uebrigens lag es am Tage, daß, wenn dies von der Natur so reich ausgestattete Aegypten nicht in entsprechender Weise blühend und glücklich war, die Schuld davon besonders darin lag, daß die unter Psammetich und seinen nächsten Nachfolgern eröffnete Verbindung mit der See und den überseeischen Völkern während der Persischen Herrschaft fast ganz aufgegeben und der Handel nach außerhalb in die Hände anderer Völker übergegangen war. Diesen den Aegyptern wieder zuzuführen und sie zugleich in den raschen und belebenden Verkehr der Völker mit hineinzuziehen, anderer Seits aber dem Griechischen Leben einen Mittelpunkt unter den fremden Völkern, die Alexander mit jenem zu verschmelzen wünschte, so wie seiner Herrschaft über das Mittelmeer und dessen Küsten einen neuen Haltpunkt zu schaffen, beschloß er die Gründung einer neuen Stadt an der Küste Aegyptens; die Eigenthümlichkeit des schlammführenden Nilstromes, die oft wechselnde Gestalt seiner Mündungen, endlich die Schwierigkeit der Einfahrt in dieselben, veranlaßte ihn, nicht eine von diesen dazu auszuersehen, sondern eine etwas westlichere Stelle der Küste, die mit der vorliegenden Insel Pharos den Griechen aus Homers Gesängen bekannt, von den Aegyptischen Königen aber unter dem Namen Rakotis als Grenzposten gegen Libyen gebraucht war, wovon sowohl die Insel als auch der Landsee Mareotis, gleich oberhalb Rakotis, den Namen führten 51). Mit den Hypaspisten und dem königlichen Geschwader der Macedonischen Ritterschaft, mit den Agrianern und Bogenschützen fuhr Alexander von Memphis aus stromabwärts nach Kanobus, von dort längs der Küste an die bezeichnete Stelle, und überzeugte sich mit eigenen Augen, wie überaus günstig der Strand zwischen dem See Mareotis und der Küste zur Gründung einer Stadt, und der Raum zwischen der Insel und der Küste zur Anlegung eines sehr geräumigen und fast gegen jeden Wind sichernden Hafens gelegen sei.

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51) Ma-areh (oder Are-phot), der Name des Sees, enthält eben so wie Ph-areh das Aegyptische Wort für Wache; über den Namen Rakotis ist kein Zweifel, wohl aber über den Namen No, wie nach Hieronymus und Cyrillus dieser Ort von den Hebräern soll genannt worden sein.

 

204 Sofort beschloß Alexander den Bau der Stadt beginnen zu lassen; er selbst, so wird erzählt, wollte den Plan der Stadt, die Straßen und Märkte, die Lage der Tempel für die Griechischen Götter und für die Aegyptische Isis seinem Baumeister Dinokrates bezeichnen; da eben nichts Anderes zur Hand war, ließ er seine Macedonier ihr Mehl als Grundriß der neuen Stadt ausstreuen, worauf unzählige Vögel von allen Seiten herangeflogen kamen und von dem Mehle zu fressen begannen, ein Zeichen, das der weise Aristander erfreulich genug auf den künftigen Wohlstand und ausgebreiteten Handel der Stadt deutete 52). Es ist bekannt, auf wie außerordentliche Weise dieses Zeichen und Alexanders Wünsche erfüllt worden sind; in Kurzem sollte die Bevölkerung der Stadt ins Ungeheuere wachsen, ihr Handel Indien und Europa verbinden, sie sollte der Mittelpunkt für das Hellenistische Leben der nächsten Jahrhunderte, die Heimath der aus dem Orient und Occident zusammenströmenden Weltbildung und Weltliteratur, das herrlichste und dauerndste Denkmal des großen Alexander werden 53).

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52) Cf. intpp. ad Curt. IV. 8. — 53) Es ist nicht der Mühe werth, die vielen zum Theil abgeschmackten Sagen über die Gründung Alexandrias hier zu wiederholen. Das politische Verhältniß der neuen Stadt, obschon von keinem der Geschichtschreiber Alexanders genauer bezeichnet, ergiebt sich ziemlich deutlich; sie war durchaus Griechische Koloniestadt, und nur die Griechischen Einwohner galten als Alexandriner (Polyb. XXXIV. 14.). Die früheren Bewohner von Rakotis dagegen und die Kaufleute aus Kanobus, die in die Stadt aufgenommen wurden (Aristot. Oecon. III. 33.), so wie die sonstigen Aegypter und Libyer in der Stadt, mögen in dem Verhältniß von Metöken in ihr gewohnt haben; cf. Plin. ep. X. 5. Ueber die Privilegien der Juden, die sich hier ansiedelten, s. Niebuhr über den Armenischen Eusebius p. 61. (Abhandl. d. Berl. Akadem. 1821).

 

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205 Fünftes Kapitel.

Der Babylonisch-Persische Feldzug.

 

Stets ist das stolze Recht des Sieges der Sieg eines höheren Rechtes; der Heldenkraft des geschichtlichen Berufes gegenüber wird die Ohnmacht persönlicher Tugenden und ererbter Rechte offenbar; die geschichtliche Größe, die höchste Herrlichkeit des Menschengeistes, ist mächtiger als Recht und Gesetz, als Tugend und Pflicht, als Raum und Zeit; sie siegt, so lange sie wagt, kämpft, zerstört, so lange dem Helden der That der Held des Leides entgegen ist; erliegt dieser, so ist der Sieger Erbe des Leides, das er verschuldet; des Zerstörens müde, der Gefahren frei, ohne Feind und Wunsch, beginnt er zu gründen auf der Zerstörung und seinen Thron zu bauen aus den Trümmern alter Rechte und Erinnerungen; die Stufen seines stolzen Thrones sind Furcht, Haß und Verrath.

Die Nemesis der Geschichte, so gerecht gegen die Größe, scheint in großen Zeiten die Ohnmacht desto bitterer zu verfolgen, je mehr sie in ererbtem Recht und persönlicher Güte Anspruch auf Ruhe und Verehrung, auf das Glück des Friedens und der Häuslichkeit vereint. So Darius dem Macedonischen Eroberer gegenüber; treu, ernst und milde, ein Muster der Ehrerbietung gegen seine Mutter, der Liebe und Herzlichkeit gegen seine Gemahlin und seine Kinder, den Persern einst so werth wegen seines königlichen Sinnes, seiner ritterlichen Taperkeit, seiner Gerechtigkeit, für ruhige Zeiten ein König, wie ihn die Throne Asiens selten sehen, ward er von dem Strome der Begebenheiten ergriffen, dem zu entgehen, zu widerstehen vielleicht einem Ochus oder Cambyses gelungen wäre, ward 206 er von dem Bestreben seinen Völkern den Frieden zu bewahren, zu unwürdigen und verbrecherischen Plänen gegen das Leben seines Feindes verlockt, ohne dadurch mehr zu erreichen, als den traurigen Trost, nicht unschuldig zu leiden. Und mit der wachsenden Gefahr mehrte sich die Verwirrung, die Haltungslosigkeit und das Unrecht in Allem, was er that oder versuchte; immer dunkler umzog sich die Zukunft für das Persische Königthum und die gerechte Sache; schon war das Thor gen Asien erbrochen, schon die reichen Satrapien der Küste des Siegers Beute, schon die Grundfeste der Achämenidenpforte erschüttert. Und hätte vielleicht des Königs frommer Sinn all den Verlust und noch größere Opfer zu ertragen und einst im stillen Kreise der Seinen zu belächeln gelernt, so trafen die Schläge des Schicksals die empfindlichste Stelle seines Herzens, das weniger an Thron und Reich als an Weib und Kind zu hangen schien; ihn sollte das größte Maaß des Schmerzes, wie er ihn empfand, die Größe seines Sturzes empfinden lassen. Seine Mutter Sisygambis, seine Kinder, seine Gemahlin Statira, die schönste der Frauen Asiens, ihm doppelt theuer, da sie ein Kind unter dem Herzen trug, sie waren in Alexanders Händen. Die Hälfte seines Reiches und ungeheuere Schätze bot er dem Feinde für die Gefangenen, und der stolze Feind forderte Unterwerfung oder neuen Kampf. Da mochte der Großkönig Asiens noch einmal seiner Macht, seiner Hoheit, seines einstigen Waffenruhmes gedenken, es mochten die Großen des Reiches und der Stolz despotischer Herrschaft neue Hoffnungen in ihm nähren, es mochte die Gerechtigkeit der Selbstvertheidigung und das lockende Vielleicht einer letzten Entscheidung ihn erheben, alles Menschliche und sein Verhängniß trieb ihn, was schon verloren war, zu vergessen, die Schande von Issus zu vergessen und die Völker von Iran und Turan aufzurufen zum neuen Kampfe.

Um diese Zeit kam Tireus, der treue Eunuch, der gefangenen Königin Hüter, als Flüchtling in die Hofburg von Susa und brachte dem Könige die Trauerbotschaft, die Königin sei in den Geburtswehen gestorben. Da schlug sich Darius die Stirn und jammerte laut, daß Statira todt sei, daß die Königin der Perser selbst der Ehre des Grabes entbehren müsse. Und der Eunuch tröstete ihn: weder im Leben noch im Tode habe es ihr der Macedonische König ver207gessen, daß sie eines Königs Gemahlin sei, er habe sie und die Mutter und die Kinder in höchsten Ehren gehalten bis auf diesen Tag, er habe die königliche Leiche mit aller Pracht nach Persischer Weise bestatten lassen und mit Thränen ihr Gedächtniß geehrt. Bestürzt fragte Darius, ob sie keusch, ob sie treu geblieben, ob Alexander sie nicht gezwungen habe zu seinem, wider ihren Willen. Da warf sich der treue Eunuch ihm zu Füßen und beschwor ihn, nicht das Andenken seiner edlen Herrin zu beschimpfen, und sich nicht selbst in seinem endlosen Unglück den letzten Trost zu rauben, den, von einem Feinde überwunden zu sein, der mehr als ein Sterblicher zu sein scheine; er schwur es mit den höchsten Eiden, daß Statira treu und keusch gestorben, daß Alexanders Tugend eben so groß sei als seine Kühnheit. Und Darius hob die Hände gen Himmel und sprach: „Du, großer Ormuzd, und Ihr, Geister des Lichtes, wollet das Reich mir erhalten, das Ihr in meine Hand gegeben; doch soll ich nicht länger Asiens Herr sein, so gebt die Tiara des großen Cyrus keinem Anderen als dem Macedonier Alexander“ 1). –

Und schon waren die Boten des Königs ausgesendet in alle Satrapien des Reichs, von dem, wenn auch große, doch im Verhältniß zum Ganzen nicht bedeutende Länderstrecken in Feindeshand waren. Noch war alles Gebiet innerhalb und jenseits der Gebirge

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1) Wir haben uns erlaubt, diese Erzählung mit den meisten Schriftstellern, denen auch Plutarch cp. 30. gefolgt ist, zu wiederholen, da sie Arrian IV. 20., der manches Abweichende hat, nicht nach Ptolemäus und Aristobul zu erzählen scheint. Namentlich läßt sie Arrian noch bei Lebzeiten der Königin, von deren Schwangerschaft er nichts erwähnt, und zwar bald nach der Schlacht von Issus vorfallen, wobei auffallen müßte, daß der treue Eunuch von seiner Herrin, deren Hüter er war, entflohen, und ohne Vorwurf von Darius angenommen wäre. Curtius in seiner manierirten Weise läßt, damit Alexander bei der Leiche der Königin schön thun kann, Statira unmittelbar vor der Schlacht von Arbela, also zwei Jahre nach ihrer Gefangennehmung, sterben, was dem gelehrten St. Croix Anlaß zu einer eben so seichten wie equivoquen Kritik gegeben hat. Will man für jene Flucht des Eunuchen eine Zeitangabe, so möchte sie wenigstens vor der Einnahme von Tyrus zu setzen sein.

 

208 von Iran, noch diesseits der bei weitem größere Theil unter Persischen Satrapen; es waren die tapfersten und treuesten Völker Asiens, die nur auf des Königs Befehl warteten, um ins Feld zu rücken; was galt Aegypten, Syrien, Kleinasien gegen die ungeheuere Länderstrecke vom Taurus bis zum Indus, vom Euphrat bis zum Jaxartes; was der Verlust stets treuloser Völker gegen die treuen Reuterschwärme von Turan und die wilden Bergvölker von Ariana und Iran; ja die verlorenen Küstenländer und die Bemühungen um die Seeherrschaft, zu denen sie nöthigten, waren es eben gewesen, welche bisher alles Unheil über das schöne Reich des Cyrus gebracht und die Perser zum eigenen Unheil in die ewigen Streitigkeiten der Hellenen verwickelt hatten. Jetzt galt es, das Innere des Morgenlandes zu retten, die hohe Burg Iran zu vertheidigen, die Asien beherrscht; jetzt rief der König der Könige die Edlen seines Stammes, die Enkel der sieben Fürsten, die getreuen Satrapen, an der Spitze ihrer Völker für den Ruhm und die Herrschaft Persiens zu kämpfen; in ihre Hand legte er sein Schicksal; nicht Griechische Söldner, nicht Griechische Feldherren sollten die Eifersucht und das Mistrauen der Seinen wecken, die wenigen Tausend Fremdlinge, die mit ihm von Issus geflüchtet waren, hatte das gemeinsame Unglück mit den Söhnen Asiens vereinigt; ein ächt Asiatisches Heer sollte dem Heere Europas vor den Bergwällen Irans entgegentreten.

Die Ebene von Babylon war der Sammelplatz des großen Völkerheeres. Aus dem fernsten Asien führte Bessus, der Baktrische Satrap, die Baktrianer und ihre nördlichen Nachbaren, die Sogdianer, und die streitbaren Indischen Völker aus dem Berglande des Indischen Kaukasus heran; ihm hatten sich das Turkestanische Reutervolk der Saker unter Mabaces und die Daher aus der Steppe des Aralsees angeschlossen. Die Völker aus Arachosien und Drangiana und die Indischen Bergbewohner der Paravetiberge kamen unter ihrem Satrapen Barsaentes, ihre wesilichen Nachbaren aus Aria unter dem Satrapen Satibarzanes, die Persischen, Hyrkanischen und Tapurischen Reuterschwärme aus Korassan, dem Schwertlande Irans, unter Phrathaphernes und seinen Söhnen. Dann die Meder, einst die Herren Asiens, deren Satrap Atropates zugleich die Kadusier, Sakasener und Albaner aus den Thälern 209 des Kur, des Araxes und des Urmeases führte. Von Süden her, von den Küsten des Erythräischen Meeres kamen die Völker Persiens, Gedrosiens und Karamaniens unter Okontobates und Ariobarzanes, dem Sohne des Artabazus, unter Orxines, aus dem Geschlechte der sieben Fürsten 2). Die Susianer und das tapfere Bergvolk der Uxier führte Oxathres, der Sohn des Susianischen Satrapen Abulites; die Schaaren von Babylon sammelten sich unter Bupales Befehl, die aus Armenien kamen unter Orontes und Mithraustes, die aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser unter Mazäus; selbst aus dem Kappadocischen Lande, dessen Westen der Zug des Macedonischen Heeres berührt hatte, kamen Reisige unter ihres Dynasten Ariarathes Führung 3).

So sammelte sich während des Frühjahres 331 das Reichsheer des Perserkönigs in Babylon, an vierzigtausend Pferde und viele hunderttausend Menschen, dazu zweihundert Sensenwagen und funfzehn Elephanten, die vom Indus hergebracht waren. Es heißt, daß gegen die sonstige Gewohnheit von dem Könige für die Bewaffnung dieses Heeres, namentlich der Reuter, gesorgt worden sei 4). Wichtiger war es, einen Kriegsplan zu finden, in dem das Perserheer die ganze ihm eigenthümliche Vehemenz der Massen entwickeln konnte. Zwei Ströme, der Euphrat und Tigris durchschneiden in diagonaler Richtung das Syrische Tiefland, das sich an dem Fuße der Iranischen Berge hinabzieht; über sie führen die Wege von den Küstengegenden zum oberen Asien. Es war ein glücklicher Gedanke des Großkönigs, dem Feinde an den Stromübergängen entgegenzutreten; es war verständig, die Hauptmacht hinter dem Tigris aufzustellen, da dieser einerseits schwerer zu passiren ist, andererseits eine am Euphrat verlorene Schlacht ihn nach Armenien zurückgeworfen, und Babylon, so wie die großen Straßen von Persis und Medien Preis gegeben hätte, wogegen eine Stellung hinter dem Tigris Babylon deckte, eine gewonnene Schlacht die Feinde in den weiten Ebenen von Mesapotamien aller Verfolgung Preis gab, eine verlorene Schlacht den Rückzug nach den östlichen Provinzen offen ließ. Darius begnügte sich, an den Euphrat einige Tausend Mann unter Mazäus vorauszusenden, um die Passage des Flusses beob-

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2) Curt. IV. 12. 8. — 3) Arrian. III. 8. — 4) Curt. IV. 9. 4.

 

210achten zu lassen; er selbst ging von Babylon aus in die Gegend von Arbela, einem Hauptorte auf der großen Heerstraße, vor dem sich eine weite Ebene westwärts bis an das linke Ufer des reißenden Tigris und nordwärts bis an die Vorhöhen des Zagrosgebirges ausdehnt; von hier aus gedachte er, sobald Alexander herankäme, an die Ufer des Stromes zu rücken und jeden Uebergang zu hindern. –

Während der König Darius für die Osthälfte seines Reiches mit allen Streitkräften, die sie aufbringen konnte, an ihrer Schwelle zu kämpfen bereit stand, war im fernen Westen der letzte Rest der Persischen Macht unterlegen. Memnons Plan, durch einen Angriff auf Griechenland Alexanders Siege zu paralysiren, hätte das Reich retten, er hätte gelingen können, wenn dieser Angriff mit dem gehörigen Nachdruck gemacht wäre. Aber die anfangs so gewaltige Perserflotte war durch die Absendung der zweihundert Schiffe gen Tripolis, durch die Zurückberufung der Söldner, durch den Abzug der Phönicischen und Cyprischen Segel endlich so geschwächt, daß sie sich mit Mühe und zum Theil nur durch die Beihülfe der von den Persern begünstigten oder eingesetzten Tyrannen in dem Besitz von Tenedos, Lesbos, Chios und Kos zu behaupten vermochte. Durch die Vorsicht Antipaters alles Einflusses im übrigen Griechenland beraubt, stand sie nur noch mit dem Spartanerkönige Agis in unmittelbarer Verbindung; aber die Bewegungen, die dieser im Einverständniß mit den Persischen Admiralen im Peloponnes zu erregen gehofft hatte, waren durch die allmählige Auflösung der Seemacht gleichfalls ins Stocken gerathen, so daß er sich begnügen mußte, durch seinen Bruder Kreta besetzen zu lassen. Indeß entwickelte die Macedonische Flotte unter den Nauarchen Hegelochus und Amphoterus während des Jahres 332 in den Griechischen Gewässern ein so bedeutendes Uebergewicht, daß zunächst die Tenedier, die nur gezwungen das ehrenvolle Bündniß mit Alexander gegen das Persische Joch vertauscht hatten, den Macedoniern ihren Hafen öffneten und das frühere Bündniß von Neuem proklamirten. Ihrem Beispiele folgten die Chier, die, sobald sich die Macedonische Flotte auf ihrer Rhede zeigte, gegen die Tyrannen und die Persische Besatzung einen Aufstand machten und die Thore öffneten; der Persische Admiral Pharnabazus, der damals mit funf211zehn Trieren im Hafen von Chios lag, so wie die Tyrannen der Insel kamen in die Gewalt der Macedonier; und als während der Nacht Aristonikus, der Tyrann von Methymna auf Lesbos, mit einigen Kaperschiffen vor dem Hafen, den er noch in den Händen der Perser glaubte, erschien und einzulaufen begehrte, so ließ ihn die Macedonische Hafenwache ein, machte dann die Mannschaft der Trieren nieder und brachte den Tyrannen als Gefangenen in die Burg. Immer mehr schwand das Ansehen der Perser und ihrer Parthei; auch die Koer erklärten sich bereit zur Sache Alexanders überzutreten, und während Amphoterus mit sechszig Schiffen dorthin abging, wandte sich Hegelochus mit der übrigen Flotte nach Lesbos, das allein noch durch Tyrannen und Persische Besatzungen in Unterthänigkeit gehalten wurde; die Besatzung von Mytilene wurde bewältiget und die Stadt eingenommen, worauf sich die übrigen Städte der Insel durch Vertrag unterwarfen, ihre Tyrannen auslieferten und die Demokratie proklamirten 5); dann segelte Hegelochus südwärts nach Kos, das sich bereits in Amphoterus Händen befand. So waren die Perser vertilgt, alle Inseln des Aegäischen Meeres gewonnen, nur Kreta noch von den Lacedämoniern besetzt; Amphoterus übernahm ihre Unterwerfung und segelte mit einem Theil der Flotte dorthin ab. Hegelochus dagegen ging nach Aegypten unter Segel, um selbst die Nachricht zu überbringen, daß die Persische Seemacht bis auf die letzte Spur vernichtet sei; zugleich übergab er dem Könige die Gefangenen bis auf Pharnabazus, der auf der Insel Kos zu entweichen Gelegenheit gefunden hatte. Alexander befahl, die Tyrannen der einzelnen Städte ihren Gemeinden zum Gericht zurückzusenden; diejenigen aber, welche die Insel Chios an Memnon verrathen hatten, wurden mit einer starken Eskorte nach der Nilinsel Elephantine, dem südlichsten Grenzposten des Reiches, ins Elend geschickt 6). –

So war mit dem Anfang des Jahres 331 der letzte Rest einer Persischen Seemacht, die das Macedonische Heer im Rücken zu gefährden und dessen Bewegungen zu hindern vermocht hätte, vernichtet, das Mittelländische Küstenland, so weit es jemals unter

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5) Demosth. de foed. p. 191. — 6) Arrian. III. 2. Curt. IV. 5 und 8.

 

212 Persischer Herrschaft gestanden hatte, unterworfen, und damit alle Bedingungen für den großen Zug ins Innere Asiens erfüllt; die Reihe von Waffenplätzen, die sich vom Thracischen Bosporus über Kleinasien und Syrien bis zu dem neu gegründeten Alexandria hin erstreckte, diente eben so sehr zur vollkommenen Behauptung der unterworfenen Provinzen, wie sie die weiteren Unternehmungen Alexanders von allen Seiten her zu stützen vermochte. – Der neue Feldzug sollte den Macedonischen König in eine durchaus neue und fremde Welt und unter Völker bringen, denen die Griechische Weise fremd, das freie Verhältniß der Macedonier zu ihrem Fürsten unbegreiflich, denen ein König ein Wesen höherer Art war. Alexander, erfüllt mit dem Bewußtsein seiner hohen Sendung, verkannte nicht, daß die Völker, die er zu einem Reiche zu vereinen gedachte, ihre Einheit zunächst nur in ihm finden würden und erkennen mußten. Und wenn ihn der heilige Schild von Ilion als den Hellenischen Helden verkündete, wenn die Völker Kleinasiens in dem Löser des Gordischen Knotens den verheißenen Ueberwinder Asiens erkannten, wenn in dem Heraklesopfer zu Tyrus und der festlichen Weihe im Apistempel zu Memphis der siegende Fremdling sich mit den besiegten Völkern und ihrer heiligsten Sitte versöhnt hatte, so sollte ihn jetzt in das Innere des Morgenlandes eine geheimere Weihe, eine höhere Verheißung begleiten, in der die Völker ihn als den zum König der Könige, zum Herrn von Aufgang bis Niedergang Erkorenen erkennen mochten.

In der weiten Einöde Libyens, an deren Eingang das verwitterte Felsenbild der hütenden Sphinx und die halbversandeten Pyramiden der Pharaonen stehen, in dieser einsamen, todtstillen Wüste, die sich vom Saume des Nilthales abendwärts in unabsehbarer Ferne erstreckt, und mit deren Flugsand ein glühender Mittagswind die mühsame Spur des Kameeles verwehet, liegt wie im Meere ein grünes Eiland, von hohen Palmen überschattet, von Quellen und Bächen und dem Thau des Himmels getränkt, die letzte Stätte des Lebens für die rings ersterbende Natur, der letzte Ruheplatz für den Wanderer in der Wüste; und unter den Palmen der Oase steht der Tempel des geheimnißvollen Gottes, der einst auf heiligem Kahne vom Lande der Aethiopen zum hundertthorigen Theben gekommen, der von Theben durch die Wüste gezogen war, 213 auf der Oase zu ruhen und dem suchenden Sohne sich kund zu geben in geheimnißvoller Gestalt. Ein frommes priesterliches Geschlecht wohnte um den Tempel des Gottes, fern von der Welt, in heiliger Einsamkeit, in der Ammon Zeus, der Gott des Lebens, nahe war; sie lebten für seinen Dienst und für die Verkündigung seiner Orakel, die zu hören die Völker von nah und fern heilige Boten und Geschenke sandten. Zu dem Tempel in der Wüste beschloß der Macedonische König zu ziehen, und große Dinge den großen Gott zu fragen.

Was aber wollte er fragen? Die Macedonier mit ihm erzählten sich wunderbare Geschichten aus früherer Zeit; damals von Wenigen geglaubt, von Vielen verlacht, von Allen gekannt, waren sie durch diesen Zug von Neuem angeregt worden; man erinnerte sich der nächtlichen Orgien, die Olympias in den Bergen der Heimath feierte; man wußte von ihren Zauberkünsten, um deren Willen sie König Philipp verstoßen 7); er habe sie einst in ihrem Schlafgemach belauscht und einen Drachen in ihrem Schooß gesehen, vertraute Männer, die er darum gen Delphi geschickt, hätten ihm des Gottes Antwort gebracht, er möge dem großen Ammon Zeus opfern und ihn vor allen Göttern ehren; man meinte, auch Herakles sei einer sterblichen Mutter Sohn gewesen; man wollte wissen, daß Olympias ihrem Sohne auf dem Wege zum Hellespont 8) das Geheimniß seiner Geburt vertrauet. Vieles der Art besprachen die Macedonier, aber des Königes Willen wußten sie nicht; nur wenige Truppen sollten ihm folgen.

Von Alexandria brach der Zug auf und wandte sich zunächst längs der wüsten Meeresküste gen Parätonium, der ersten Ortschaft der Cyrenäer, deren Gesandten und Geschenke Alexander freundlich empfing, indem er sie als Griechen und Bundesgenossen ehrte 9). Von hier führte der Weg südwärts durch wüste Sandstrecken, über deren eintönigen Horizont kein Baum, kein Hügel hervorragt; die Luft voll Staubwolken, der Sand so lose, daß jeder Schritt unsicher war; nirgend ein Grasplatz zum Ruhen, nirgend ein Brunnen oder Quell, der den brennenden Durst hätte stillen können; – Regen-

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7) Plut. Alex. 3. — 8) Itiner. Alex. 18. — 9) Curt. IV. 7. 9. Diod. XVII. 49.

 

214wolken, die bald, ein Geschenk der Jahreszeit, wiederholentlich Erquickung gaben, galten für eine Wundergabe des Gottes in der Wüste. So zog man weiter; keine Spur bezeichnete den Weg, und die niedrigen Dünen in diesem Sandmeer, die mit jedem Winde Ort und Form wechseln, vermehrten nur die Verwirrung der Führer, die schon die Richtung zur Oase nicht mehr zu finden wußten; – da zeigten sich an der Spitze des Zuges ein Paar Raben 10), sie erschienen wie Boten des Gottes, und Alexander befahl, im Vertrauen auf den Gott, ihnen zu folgen. Mit lautem Krähen flogen sie vorauf, sie rasteten mit dem Zuge, sie flatterten weiter, wenn das Heer weiter zog. Endlich zeigten sich die Wipfel der Palmen und die schöne Oase des Ammon Zeus empfing den Zug des Königs.

Alexander war überrascht von der Heiterkeit dieses heiligen Bezirkes, der, reich an Oliven und Datteln, an krystallischem Salz und heilsamen Quellen, von der Natur zu dem frommen Dienste des Gottes und dem stillen Leben seiner Priester bestimmt schien. Als der König darauf das Orakel zu hören verlangte, begrüßte der Aelteste unter den Priestern ihn in dem Vorhofe des Tempels, gebot dann seinen Begleitern allen, draußen zu verweilen, und führte ihn in die Zelle des Gottes. Nach einer kleinen Weile kam Alexander heiteren Angesichtes zurück und versicherte, die Antwort sei ganz nach seinem Wunsche ausgefallen. Dasselbe wiederholte er in dem Briefe an seine Mutter: wenn er sie wiedersähe bei seiner Rückkehr, wolle er ihr die geheimen Orakel, die er empfangen, mittheilen 11). Dann beschenkte er den Tempel und die gastfreundlichen Bewohner der Oase auf das reichlichste, und kehrte nach Memphis in Aegypten zurück 12).

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10) Nach Ptolemäus zwei Schlangen. Uebrigens leidet dies Wunder nicht weiter an Unnatürlichkeit, da es in der Oase wirklich auch Raben giebt. — 11) Plut. Diod. XVII. 51. Callisthenes apd. Strab. XVII. 459. — 12) Aristobul sagt, Alexander sei auf dem früheren Wege zurückgekehrt; Ptolemäus, der spätere König Aegyptens, dagegen, er habe den geraden Weg nach Memphis eingeschlagen. Trotz der unklaren Kritik Barbiés ist letztere Angabe wohl richtiger, da der Umweg über Parätonium und Alexandria jetzt, nach dem Vertrage mit Cyrene, keinen Zweck mehr gehabt hätte.

 

215 Alexander hatte die Antwort des Gottes verschwiegen, desto lebhafter war die Neugier oder Theilnahme seiner Macedonier; die mit im Ammonium gewesen waren, erzählten Wunderbares von jenen Tagen; des Oberpriesters erster Gruß, den sie alle gehört hätten, sei gewesen: „Heil Dir, o Sohn!“ und der König habe erwiedert: „o Vater, so sei es; Dein Sohn will ich sein, gieb mir die Herrschaft der Welt!“ Andere verlachten diese Mährchen; der Priester habe Griechisch reden und den König mit der Formel „Paidion“ anreden wollen, statt dessen aber, mit einem Sprachfehler „Paidios“ gesetzt, was man wahrlich für „Sohn des Zeus“ nehmen könnte. Aus sämmtlichen Erzählungen bildete sich endlich folgende Sage: Alexander habe den Gott gefragt: ob Alle, die an seines Vaters Tode Schuld hätten, gestraft seien; darauf sei geantwortet: er möge besser seine Worte wägen, nimmermehr werde ein Sterblicher den verletzen, der ihn gezeugt; wohl aber seien die Mörder Philipps des Macedonierkönigs alle gestraft. Und zum zweiten habe Alexander gefragt, ob er seine Feinde besiegen werde, und der Gott habe geantwortet, ihm sei die Herrschaft der Welt bestimmt, er werde siegen bis er zu den Göttern heimgehe 13). Diese und ähnliche Erzählungen, die Alexander weder bestätigte noch widerrief, dienten ganz dazu, um seine Person den geheimnißvollen Schein zu verbreiten, der dem Glauben der Völker an ihn und seine Sendung Reiz und Gewißheit lieh, und selbst den Blick der Hellenen zu blenden vermochte. –

Nach Memphis zurückgekehrt fand Alexander eine Gesandtschaft der bei den Isthmischen Spielen dieses Jahres versammelt gewesenen Griechen, die dem siegreichen Könige einen goldenen Kranz und Glückwünsche für seine großen Erfolge überbrachten; andere Gesandtschaften einzelner Städte wurden nicht minder freundlich empfangen, und fast allen ihre Anträge und Bitten gewährt. Mit ihnen zugleich waren neue Truppen angekommen, namentlich viertausend Mann 14) Griechische Söldner und fünfhundert Thracische

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13) Plut. Curt. Diod.14) Arrian sagt zwar ausdrücklich vierhundert, eine gar zu unbedeutende Zahl; wenn seine spätere Angabe für die Schlacht von Arbela Sinn haben soll, so müssen wenigstens viertausend Mann gekommen sein. Eine Emendation wäre freilich gewagt.

 

216 Reuter, die dann sofort an die gehörigen Abtheilungen des Heeres vertheilt wurden, welches schon in den Rüstungen zum Aufbruch begriffen war. Dann ordnete Alexander die Verwaltung der Aegyptischen Länder mit ganz besonderer Vorsicht, indem er namentlich in eines Mannes Hand zu viele Gewalt zu legen vermied, was bei der eigenthümlichen Lage dieser Satrapie allerdings gefährlich werden konnte. Peucestes und Balacer, der Sohn des Amyntas, erhielten die Feldhauptmannschaft dieser großen Satrapie und den Befehl über die zurückbleibenden Truppen, mit Einschluß der Besatzungen von Pelusium und Memphis, im Ganzen etwa viertausend Mann; den Befehl über die Flotte von dreißig Trieren erhielt der Admiral Polemon; die in Aegypten ansässigen oder einwandernden Griechen wurden unter eine abgesonderte Behörde gestellt; die Aegyptischen Kreise oder Nomen behielten ihre alten Nomarchen, mit der Bestimmung, an diese nach der früheren Taxe ihre Abgaben einzuzahlen; die Oberaufsicht über die sämmtlichen ächt Aegyptischen Kreise wurde anfangs zweien, dann einem Aegypter, so wie die über die Libyschen Kreise einem Griechischen Manne übertragen; der Verwalter der Arabischen Kreise Kleomenes, der, ein Grieche aus Naukratis in Aegypten, die Sprache und Sitten des Landes kannte, erhielt zugleich die Weisung, die von den Nomarchen aller Kreise gesammelten Tribute in Empfang zu nehmen, so wie ihm auch insbesondere die Sorge für den Bau der Stadt Alexandrien übertragen wurde 15).

Nach diesen Einrichtungen, nach einer Reihe von Beförderungen in der Armee, nach neuen Festlichkeiten in Memphis und einem höchst feierlichen Opfer, das Zeus dem Könige dargebracht wurde, brach Alexander im Frühling 331 von Memphis nach Phönicien auf; zugleich mit ihm traf die Flotte in dem Hafen von

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15) Arrian. III. 5.; cf. Justin. XIII. 4. Diese Einrichtungen Aegyptens, so sehr sie von denen der Lagidenzeit verschieden sind, müssen doch aus denselben erklärt werden, weshalb wir auf die dahin gehörigen Paragraphen unserer Abhandlung de Lagidarum regno verweisen. Kleomenes ist ἐπὶ τῶν πρσόδων aller Nomen; seiner Stellung und noch mehr seiner Gewandtheit dankte er bald den größten Einfluß in der Aegyptischen Satrapie, wie er sich sechs Jahre später nur zu deutlich offenbarte.

 

217 Tyrus ein. Die kurze Zeit, die der König hier verweilte, verging unter großen und prächtigen Festlichkeiten nach Hellenischem Brauch; zu den Opfern, die im Tyrustempel auf die großartigste Weise gefeiert wurden, hielt das Heer Wettkämpfe aller Art; die berühmtesten Schauspieler Griechenlands waren berufen, um diese Tage zu verherrlichen, und die Cyprischen Könige, die nach Griechischer Sitte die Chöre stellten und schmückten, wetteiferten an Pracht und Geschmack mit einander 16). Dann lief das heilige Schiff der Athener, die Paralos, die stets nur in heiligen oder höchst wichtigen Angelegenheiten gesendet wurde, in den Hafen der Stadt ein; die Gesandten, die sie brachte, kamen dem Könige Glück zu wünschen und die unverbrüchlichste Treue ihrer Vaterstadt zu versichern, eine Aufmerksamkeit, die Alexander mit der Freilassung der am Granikus Gefangenen ehrte. Zugleich unterrichtet von den Bewegungen im Peloponnes, die neuerdings von den Lacedämoniern begonnen waren, und von der Anhänglichkeit, welche die meisten Landschaften der Halbinsel für die Macedonische Sache zeigten, trug er dem Admiral Amphoterus, der zur Zeit bei Kreta stationirte, auf, den treuen Peloponnesiern zu Hülfe zu eilen, und befahl zugleich den Cypriern und Phöniciern, hundert Schiffe ihm nach dem Peloponnes nachzusenden. Zu gleicher Zeit wurden einige Veränderungen in der Verwaltung der bisher unterworfenen Länder vorgenommen 17), namentlich nach Lydien hin an die Stelle Asanders, der auf Werbung nach Griechenland ging, der Magnesier Menander gesendet, an dessen Stelle Klearchos den Befehl über die fremden Völker erhielt, und die Statthalterschaft Syriens von Memnon, der nicht mit der gehörigen Sorgfalt für die Bedürfnisse des durch seine Provinz ziehenden Heeres gesorgt hatte, auf Asklepiodor übertragen, zugleich diesem der unmittelbare Befehl über das Land des Jordan, dessen bisheriger Befehlshaber Andromachus von den Samaritanern erschlagen worden war, und die Bestrafung der Samaritaner aufgetragen 18). Endlich wurde die Finanzverwaltung der unterworfenen Länder von der Kriegskasse, in welche bisher die Abgaben unmittelbar eingezahlt wurden, in der Art gesondert, daß

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16) Plut. Alex. 29; cf. Grysar de Gr. trag. Demosth. aet. p. 29. — 17) Arrian. III. 6. — 18) Curt. IV. 5. 10; 8. 10.

 

218 die Provinzen westwärts vom Taurus an Philoxenus, die Syrischen Länder aber und namentlich die Phönicischen Fürsten an Koiranus zur Tributeinzahlung gewiesen wurden, wogegen die Verwaltung der Kriegskassen Harpalus erhielt 18a).

Dann brach das Macedonische Heer, etwa vierzigtausend Mann zu Fuß und siebentausend Pferde, von Tyrus auf, und zog die gewöhnliche Heerstraße zum Euphrat hinauf; Anfangs August erreichte man Thapsakus 18b), den gewöhnlichen Uebergangsort, nach welchem auf Alexanders Befehl eine Abtheilung Macedonier vorausgegangen war, um zwei Brücken über den Strom zu schlagen, damit der Marsch nicht verzögert würde. Alexander fand beide Brükken unvollendet, denn das jenseitige Ufer hatte der Perser Mazäus, mit dreitausend Reutern 19) und zweitausend Griechischen Söldnern zur Deckung des Flusses abgesandt, bisher besetzt gehalten, so daß es den Macedoniern nicht möglich gewesen war, die Brücken bis an das jenseitige Ufer fortzuführen. Mazäus zog sich beim Anrücken der großen Armee eilends zurück, um die ihm anvertrauten Truppen nicht unnöthiger Weise aufzuopfern; zu schwach, um den

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18a) Arrian. l. c.18b) Thapsakus (in der Bibel 1. Könige 4. 24. Thiphsach, i. e. transiit), das in den Reichardschen Karten viel zu weit nördlich, bei Rennel zu weit stromab (denn er hält den Chalus des Xenophon für den Koik oder Kowaih bei Aleppo, statt für den Ifrin) bezeichnet ist, war nach Xenophon etwa fünfundsechszig Parasangen, also etwa funfzig Meilen von Myriandrus entfernt, vom Chaboras oder, wie er ihn nennt, Araxes dagegen funfzig Parasangen, also sechsunddreißig Meilen; wodurch sich die Lage der Stadt ungefähr auf die Gegend des heutigen Rakka bestimmt; den Weg von Aleppo nach Rakka s. Ebn Edrisi p. 196. Alexander ließ da, wo heute Rakka ist, eine Stadt Nicephorium gründen (Isidor. p. 3. Plin. VI. 26.), die sich bald durch ihren Handel sehr hob, denn bei Thapsakus war der Strom zum Durchwaten seicht, cf. J. Williams two essays on the geogr. of anc. Asia. London 1829. Man darf sich durch das Mährchen bei Plin. XXXIV. 15. nicht irre leiten lassen. — 19) Daß Arrian. III. 7. 2. zu emendiren sei, ergiebt sich auch daraus, daß die Griechischen Söldner nicht als Reuter dienten; man muß statt ἱππέας μὲν ἔχων τρισχιλίους καὶ τούτων ἡλλη. μισϑοφ. δισχιλίους offenbar mit Gronow καὶ ἐπὶ τούτων schreiben.

 

219 Posten gegen Alexanders Uebermacht zu behaupten, hätte er höchstens das Vorrücken der Feinde etwas verzögern können, was für Darius, dessen Rüstungen bereits vollendet waren, kein erheblicher Gewinn gewesen wäre.

Alexander ließ sofort den Bau beider Brücken vollenden und sein Heer auf das Ostufer des Euphrat hinüberrücken; selbst wenn er vermuthete, daß das Persische Heer in der Ebene von Babylon, in der es sich gesammelt hatte, zum Kampfe und zur Vertheidigung der Reichsstadt bereit stand, durfte er nicht, wie siebzig Jahre früher die Zehntausend, den Weg längs des Euphrat, den jene genommen hatten, einschlagen. Die Wüsten, durch welche derselbe führt, wären in der Hitze des Sommers doppelt mühselig gewesen und die Verpflegung eines so bedeutenden Heeres hätte die größten Schwierigkeiten gehabt. Er wählte die große nördliche Straße, welche nordostwärts 20) über Nisibis durch die blühenden Mygdonischen Hügelketten an den Tigris und dann an dem linken Ufer des Stromes hinab in die Ebene von Babylon führt. – Da brachte man eines Tages einige feindliche Reuter, die in der Gegend umherschwärmten, gefangen vor den König; sie sagten aus: daß Darius bereits von Babylon aufgebrochen sei, und auf dem linken Ufer des Tigris stehe, entschlossen den Feinden mit aller Macht den Uebergang über den Strom zu wehren; seine jetzige Macht sei viel größer als die in den Issischen Pässen; sie selbst wären auf Kundschaft ausgesendet, damit sich das Perserheer zur rechten Zeit und am rechten Orte den Macedoniern gegenüber am Tigris aufstellen könne. Alexander durfte es nicht wagen, einen so reißenden Strom wie der Tigris ist, unter den Pfeilen der Feinde zu passiren; er mußte erwarten, daß Darius die Gegend von Ninive oder Mosul, wo der gewöhnliche Heerweg über den Strom führt, besetzt halten würde; es kam alles darauf an, sich möglichst bald auf derselben Seite des Stromes mit Darius zu befinden, und den Uebergang über den Strom unbemerkt zu bewerkstelligen. Alexander veränderte deshalb plötzlich die Marschroute, und ging, während ihn Darius in der weiten Ebene jenseits Mosul erwartete, nordöstlich in Eilmärschen auf Bedzabde los 21). Kein Feind war in der Nähe, die

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20) Cf. Ebn Edrisi p. 201. — 21) Barbié du Bocage hat

 

220 Truppen begannen den sehr reißenden Strom zu durchwaten; mit der größten Anstrengung, doch ohne weiteren Verlust gewannen sie das östliche Ufer. Alexander gewährte seinen erschöpften Kriegern für diesen Tag Ruhe; sie lagerten sich längs den schönen bergigen Ufern des Stromes. Das war am 20sten September. Der Abend kam, die ersten Nachtwachen rückten auf ihre Posten am Fluß und auf den Bergen, der Mond erhellte die Gegend, die nach Vieler Meinung manches mit den Macedonischen Bergen Aehnliche hatte; da begann sich plötzlich das Licht des Vollmondes zu verdunkeln; bald war die Scheibe des hellen Gestirnes völlig in Dunkel gehüllt; es schien ein großes Zeichen der Götter; besorgt traten die Kriegsleute aus ihren Zelten; Viele fürchteten, daß die Götter zürnten, Andere erinnerten, daß, als Xerxes gegen Griechenland gezogen, seine Magier die Sonnenfinsterniß, die er in Sardes gesehen, dahin gedeutet hätten, daß die Sonne das Gestirn der Hellenen, der Mond das Gestirn der Perser sei 22), jetzt verhüllten die Götter das Gestirn der Perser, zum Zeichen ihres baldigen Unterganges. Dem Könige selbst deutete der zeichenkundige Aristander, das Ereigniß sei zu seinen Gunsten, noch in demselben Monate werde es zur Schlacht kommen; dann opferte Alexander dem Mond, der Sonne, der Erde, und auch die Opferzeichen verhießen Sieg. Mit Anbruch des Morgens brach das Heer auf, um dem Heere der Perser zu begegnen 23).

In südlicher Richtung, auf der linken Seite die Vorhöhen der Gordyäischen Gebirge, auf der rechten den reißenden Tigris, zog das Macedonische Heer weiter, ohne auf eine Spur der Feinde zu stoßen. Endlich am 24sten wurde von der Vorhut gemeldet, im Blachfelde zeige sich feindliche Reuterei, wie stark, lasse sich nicht

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Mosul als den Ort bezeichnet, wo Alexander den Tigris passirte; er hat übersehen, daß Alexander von dort noch vier Tagemärsche bis in die Nähe der Feinde brauchte (Arrian.), und Gaugamela liegt doch wenige Stunden östlich von Mosul. Jene vier Tagemärsche führen ungefähr auf Bedzabde, eine im Alterthum mehrfach genannte Position am Tigris, deren Wichtigkeit der heutige Ort Dschesireh, sechszehn Meilen oberhalb Mosul, bezeichnet; cf. Rennel p. 125 und 156. — 22) Herod. VII. 37. — 23) Arrian. III. 7. Curt. IV. 9. 5. c. intpp.

 

221 errathen. Sofort ordnete der König sein Heer, und rückte zur Schlacht fertig vor. Bald kam ein neuer Bote herangesprengt: man könne die Zahl der Feinde auf ungefähr tausend Pferde schätzen. Da nahm Alexander das königliche und ein anderes Geschwader der Getreuen und von den Plänkerern die Päonier, und eilte mit diesen, indem er dem übrigen Heere langsam nachzurücken befahl, dem Feinde entgegen. Sobald die Perser ihn heransprengen sahen, jagten sie mit verhängtem Zügel davon; Alexander setzte ihnen hitzig nach; die meisten entkamen, manche stürzten, sie wurden niedergehauen, einige gefangen 24). Vor Alexander gebracht, sagten sie aus, daß Darius etwa drei Meilen südwärts bei Gaugamela an dem Flusse Bumodus, in einer nach allen Seiten hin offenen Gegend stehe, daß sein Heer sich wohl auf eine Million Menschen und mehr als vierzigtausend Pferde belaufe, daß sie selbst unter Mazäus auf Kundschaft gesendet gewesen seien 25). Sofort machte Alexander Halt; ein Lager wurde aufgeschlagen und sorgfältig verschanzt; in der Nähe einer so ungeheueren Uebermacht war die größte Vorsicht Noth; vier Tage Rast, die den Truppen gegönnt wurde, reichten hin, alles zur entscheidenden Schlacht vorzubereiten; da sich weiter

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24) Curtius und Diobor fügen noch eine Menge Einzelnheiten hinzu, namentlich daß die fliehenden Reuter wie Kosacken die Dörfer verbrannt hätten (cf. Polyaen. IV. 3. 18.); nur Schade, daß sie mit der Lage des Euphrat und Tigris nicht recht im Reinen sind. Trotz St. Croix’s Eifer ist Arrian selbst in der Chronologie der einzige zuverlässige Führer. — 25) Diese Zahlenangaben, obschon von Arrian überliefert, sind eben so wenig für genau zu halten, wie die der anderen Schriftsteller; da Darius Heer dem Heere Alexanders gegenüber unverhältnißmäßig groß war, so genügt es, sich eine ungeheuere Menschenmenge vorzustellen. Die Angaben Arrians über Alexanders Heer (vierzigtausend Mann Fußvolk, siebentausend Reuter) sind von Guichard und St. Croix ohne allen Grund verdächtigt worden. Dagegen rechnet Arrian offenbar fehlerhaft die Entfernung von Arbela bis zum Bumodus (dem kleinen Fluß Chaser, der sich auf der rechten Seite in den großen Zab ergießt, auf sechshundert Stadien (zwölf Meilen), da nach Niebuhr und Anderen von Erbile (Kinneir Persia p. 152) bis zum Zab vier und eine halbe Meile, vom Zab bis zum Chaser kaum anderthalb Meilen ist.

 

222 keine feindliche Truppen zeigten, so war vorauszusetzen, daß Darius eine für seine Streitkräfte günstige Gegend besetzt habe und sich nicht wie früher durch das Zögern seiner Feinde und seine eigene Ungeduld in ein ihm ungelegenes Terrain wolle hinauslocken lassen. Alexander beschloß deshalb, ihm entgegen zu rücken; während alle unnöthige Bagage und die zum Kampf untauglichen Leute im Lager zurückblieben, brach das Heer in der Nacht vom 29sten zum 30sten September, etwa um die zweite Nachtwache, auf; gegen Morgen erreichte man die letzte Hügelkette, und sah, als man über sie hinrückte, in der weiten Ebene, etwa eine Stunde entfernt, die dunklen Massen der feindlichen Linie. Alexander ließ seine Kolonnen Halt machen, berief seine Getreuen, die Generale, die Reuterobersten, die Anführer der Bundesgenossen und Soldtruppen zum Kriegsrath, und legte ihnen die Frage vor, ob man sofort angreifen oder an Ort und Stelle sich lagern und verschanzen, und das Schlachtfeld zuvor recognoscisren sollte? Die Meisten waren dafür, das Heer, das von Kampflust brenne, sogleich gegen den Feind zu führen; Parmenion dagegen rieth zur Vorsicht: die Truppen seien durch den Marsch ermüdet, die Perser, schon längere Zeit in dieser für sie günstigen Stellung, würden wohl nicht versäumt haben, sie auf jede Weise zu ihrem Vortheil einzurichten; man könne nicht wissen, ob nicht gar eingerammte Pfähle oder heimliche Gruben die feindliche Linie deckten; die Kriegsregel erfordere, daß man sich erst orientire und lagere. Diese Ansicht des alten Generals drang durch; Alexander befahl, die Truppen nach den Abtheilungen der Schlachtordnung, in der sie auch angerückt waren, auf der Hügelkette, im Angesicht der Feinde, sich lagern zu lassen. Das geschah am 30sten September Morgens.

Darius seinerseits, obschon er lange Zeit die Ankunft der Macedonier erwartet und in dem weiten Blachfelde von Gaugamela jedes Hinderniß bis auf das Dornengestrüpp und die einzelnen Sandhügel, die den stürmischen Angriff seiner Reuterschwärme oder den Lauf der Sensenwagen hätten stören können, aus dem Wege geräumt hatte, war durch die Nachricht von Alexanders Nähe und dem sehr eiligen Rückzuge seiner Vorposten unter Mazäus in einige Unruhe versetzt worden; doch in der stolzen Zuversicht seiner Satrapen, die kein unberufener Warner mehr störte, und den endlosen 223 Reihen seines Heeres, vor denen kein Charidemus oder Amyntas dem dichten Häuflein der Macedonier den nur zu gerechten Vorzug zu geben wagte, endlich in den eigenen Wünschen, die sich so gern mit Blindheit statt mit besonnener Kraft waffnen und die süßen Worte der Schmeichler lieber hören, als die ernsten Mahnungen des schon Geschehenen, fand der Perserkönig bald Beruhigung und Zuversicht; seine Großen überzeugten ihn leicht, daß er bei Issus nicht dem Feinde, sondern dem engen Raume erlegen sei, jetzt sei Raum für die Kampflust seiner Hunderttausende, für die Sensen seiner Kriegswagen, jetzt sei die Zeit gekommen, dem Macedonier zu zeigen, was ein Persisches Reichsheer sei. – Da sah man am Morgen des 30sten auf der Hügelreihe nordwärts das Macedonische Heer geordnet und wie zur Schlacht geschaart heranrücken; man erwartete, daß sofort die Schlacht beginnen würde; auch die Persischen Völker ordneten sich über die weite Ebene hin zur Schlacht. Es erfolgte kein Angriff, man sah die Feinde sich lagern; Alles blieb ruhig, nur ein Reuterhaufe mit einigen Schaaren leichten Fußvolkes untermischt, zog von den Hügeln herab, durch die Ebene hin, und, ohne sich der Linie der Perser zu nahen, wieder zum Lager zurück. Der Abend kam; beabsichtigten die Feinde einen nächtlichen Ueberfall? Das Persische Lager, ohne Wall und Graben, hätte nicht Schutz gegen einen Ueberfall gewährt; so erhielten die Völker den Befehl, die Nacht hindurch unter den Waffen und in Schlachtordnung zu bleiben, die Pferde gesattelt neben sich bei den Wachtfeuern zu halten 26). Darius selbst ritt während der Nacht an den Linien entlang, um die Völker durch sein Antlitz und seinen Gruß zu begeistern. Auf dem äußersten linken Flügel standen die Reutervölker des Bessus, namentlich die Massagetischen Scythen, tausend erlesene Baktrianer, dann die übrigen Baktrianer, die Daer und Sogdianer, vor ihnen hundert Sensenwagen; jenen zunächst die Arachosier und Bergindier 27); ihnen folgte eine Masse Perser, die aus Reuterei und Fußvolk gemischt war, dann die Susier und die Kadusier, welche sich an das

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26) Curt. IV. 14. 12. — 27) Arrian. III. 11. An dieser Stelle scheint Arrian die Arier ausgelassen zu haben, die er in dem ersten Katalog c. 8. mit aufführt; die dort genannten Bergindier standen wohl neben den Arachosiern, unter deren Satrapen sie gehörten.

 

224 Mitteltreffen anschlossen. Dies Mitteltreffen umfaßte zunächst die edelsten Perserschaaren, die sogenannten Verwandten des Königs nebst der Leibwache der Apfelträger; zu beiden Seiten derselben waren die Griechischen Söldner, die sich noch im Dienst des Königs befanden, aufgestellt; ferner gehörten noch zum Mitteltreffen die Indier mit ihren Elephanten, die sogenannten Karier, die Mardischen Bogenschützen und funfzig Sensenwagen. Das Centrum, welches in der Schlacht am Pinarus so bald durchbrochen war, zu verstärken, waren hinter demselben die Uxier, die Babylonier, die Küstenvölker des Erythräischen Meeres und die Sitacener aufgestellt; es schien so fest und dicht genug, um den König in seiner Mitte aufzunehmen. Auf dem linken Flügel, zunächst an den Mardiern, standen die Albaner und Sacasiner, dann Phrataphernes mit seinen Parthern, Hyrkanern, Tapuriern und Sakern, dann Atropates mit den Medischen Völkern, nach ihnen die Völker aus Syrien diesseits und jenseits der Wasser, endlich auf dem äußersten linken Flügel die Kappadocischen und Armenischen Reutervölker mit funfzig Sensenwagen.

Die Nacht verging ruhig; Alexander hatte, nachdem er mit seinen Macedonischen Geschwadern und dem leichten Fußvolke vom Recognosciren des Schlachtfeldes zurückgekommen war, seine Officiere um sich versammelt und ihnen angezeigt, daß er morgen den Feind anzugreifen gedenke: er kenne ihren und ihrer Truppen Muth, mehr als ein Sieg habe ihn erprobt; vielleicht würde es nothwendiger sein ihn zu zügeln, als anzufeuern, sie möchten ihre Leute vor Allem erinnern, schweigend anzurücken, um desto furchtbarer beim Sturm den Schlachtgesang zu erheben; sie selbst möchten besonders Sorge tragen, seine Signale schnell zu vernehmen und schnell auszuführen, damit die Bewegungen rasch und mit Präcision vor sich gingen; sie möchten sich davon überzeugen, daß auf Jedem der Ausgang des großen Tages beruhe; der Kampf gelte nicht mehr Syrien und Aegypten, sondern den Besitz des Orientes; es werde sich entscheiden, wer herrschen solle. Mit lautem und frohem Zuruf antworteten ihm seine Generale; dann entließ sie der König, und gab voll Zuversicht den Truppen Befehl, zur Nacht zu essen und sich dann der Ruhe zu überlassen. Bei Alexander im Zelte waren noch einige Vertraute, als Parmenion, wie erzählt wird, hereintrat, und nicht ohne einige Besorgniß von der unendlichen 225 Menge der Persischen Wachtfeuer und dem dumpfen Tosen, das durch die Nacht herübertöne, berichtete: es sei die feindliche Uebermacht zu groß, als daß man bei Tage und in offener Schlacht sich zu messen wagen dürfe; er rathe, jetzt während der Nacht anzugreifen, das Unvermuthete und die Verwirrung eines Ueberfalles werde durch die Schrecken der Nacht verdoppelt werden. Alexander antwortete: „ich stehle den Sieg nicht.“ Weiter wird erzählt, daß Alexander sich bald darauf zur Ruhe gelegt und ruhig den übrigen Theil der Nacht geschlafen habe; schon sei es hoher Morgen, schon Alles bereit zum Ausrücken gewesen, nur der König habe noch gefehlt; endlich sei der alte Parmenion in sein Zelt gegangen und habe ihn dreimal bei Namen gerufen, bis Alexander sich endlich ermuntert und gerüstet habe; zwei Erzählungen 28), die man weder verbürgen noch verwerfen darf, und die, wenn sie geschichtlichen Grund haben, die ruhige Zuversicht und den klaren Blick des großen Königs eben so schön wie der Sieg, dessen Vorboten sie sind, bewähren; wie der Held vor der Schlacht der Entscheidung ruhig schläft, wie er die zweideutigen Vortheile eines heimlichen Ueberfalles verachtet, um den Sieg im offenen Felde zu ertrotzen, das sind lebendige und sprechende Züge von Feldherrngröße, unter denen auch die Helden unserer Zeit in dem Gedächtniß ihrer Krieger und ihres Volkes fortleben.

Am Morgen des 1sten Oktobers 29) rückte das Macedonische Heer aus dem Lager auf den Höhen, zu dessen Deckung ein Theil der leichten Thracier zurückgelassen wurde. Bald stand das Heer in der Ebene in Schlachtordnung: die Linie von dem schweren Fußvolke gebildet, an die sich rechts bei den Hypaspisten die Macedonische Ritterschaft, links bei der Division Kraterus die Ritterschaft der Bundesgenossen und Thessalier anschloß; der rechte Flügel unter Alexander, der den Hauptangriff machen sollte, war in der Flanke durch einen Theil der Agrianer, der Bogenschützen und Schleuderer gedeckt. Da aber bei der ungeheueren Uebermacht der Feinde Ueberflügelung unvermeidlich, zugleich aber besonders darauf

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28) Plut. 32. Arrian.29) Es war einer der letzten Tage des Monats Boedromion, und diesen Monat bezeichnete Aristanders Prophezeiung.

 

226 zu sehen war, daß, damit der Hauptangriff mit möglichst großer Gewalt gemacht werden könne, alle anderen Punkte nur eben stark genug wären, um die angreifenden Corps in ihren Bewegungen, und namentlich den Rücken der Linie zu decken, so wurde hinter den beiden Flügeln eine zweite Linie geordnet, hinter dem linken Flügel ein Theil der Verbündeten und die Odrysischen Reuter, ein Corps leichter Thracier unter Sitalkes, und am weitesten links ein Theil der fremden Söldner zu Pferde, unter Andromachus; hinter dem rechten Flügel ein Theil der Agrianer, die Macedonischen Bogenschützen und nach ihnen die fremden Veteranen Kleanders; rechts hin von den Agrianern die Geschwader der Plänkerer unter Aretas, die Päonier Aristons, endlich die neuangeworbenen Griechischen Reuter des Menidas, die heute an der gefährlichsten Stelle ihre Waffenprobe machen sollten.

Die Heere beginnen vorzurücken; Alexander mit der Macedonischen Ritterschaft, dem rechten Flügel, steht dem feindlichen Centrum, den Elephanten der Indier, dem Kern des feindlichen Heeres, der doppelten Schlachtlinie gegenüber; er ist von dem ganzen linken Flügel der Feinde überragt; er läßt demnach seine Linie aus der rechten Flanke vorrücken, und zwar, um sich mehr und mehr der feindlichen Linie zu nähern, in etwas schräger Richtung 30); Bewegungen, die mit der größten Ordnung ausgeführt werden, während die Feinde bei ihren großen Massen einige Gegenbewegung aus ihrer linken Flanke nicht ohne große Störung zu machen versuchen. Noch überragt ihre Linie die der Macedonier bei Weitem, und die Scythischen Reuter des äußersten Flügels traben schon zum Angriff gegen die leichten Truppen in Alexanders Flanke heran, ohne daß diese Demonstration von Einfluß auf die Haupt bewegung der Macedonier ist. Alexander rückt vielmehr ohne Aufenthalt rechts hinab; nicht lange mehr, und er ist an den zum Gebrauch der Sensenwagen geebneten Stellen vorüber, von deren vernichtendem Anlauf, es stehen hier hundert Wagen der Art, der Perserkönig sich ganz besonderen Erfolg versprochen hatte; dieser giebt deshalb den Scythischen und tausend Baktrischen Reutern Befehl, den feindlichen Flügel zu umreiten und so am weiteren Vorrücken

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30) Diod. XVII. 52.

 

227 zu hindern; Alexander läßt gegen sie die Griechischen Reuter des Menidas ansprengen; ihre Zahl ist zu gering, sie werden geworfen; die Bewegung der Hauptlinie fordert hier möglichst festen Widerstand, die Päonischen Reuter unter Ariston werden vorgeschickt, zugleich rückt Cleander mit seinen Veteranen gegen die Scythen an; schon beginnen die Scythen und Baktrier zu weichen, da jagen die Schwärme der anderen Baktrischen Reuter an Alexanders Flügel vorüber gegen die Päonier und Griechen, die Ihrigen sammeln sich, sie beginnen von Neuem den Kampf, Viele fallen Macedonischer Seits, die Scythen, Mann und Roß gepanzert, setzen ihnen hart zu; doch weichen die Macedonier nicht, sie stehen dem wilden Anrennen der Feinde, sie brechen, Schaar um Schaar, in die feindlichen Reihen, sie drängen die Uebermacht für den Augenblick zurück. – Indeß ist die Macedonische Linie unablässig rechts hinabgerückt, schon sind die Macedonischen Geschwader und die Hypaspistencorps den hundert Sensenwagen des linken Flügels gegenüber, da brechen diese los und jagen rasselnd gegen die Linie heran, die sie zerreißen sollen; aber die Agrianer, die Bogenschützen und Schleuderer empfangen sie unter lautem Geschrei mit einem Hagel von Pfeilen, Steinen und Speeren; viele werden schon hier aufgefangen, die stutzenden Pferde bei den Zügeln ergriffen und niedergestochen, das Riemenzeug durchhauen, die Knechte herabgerissen; die anderen, welche auf die Hypaspisten zu jagen, werden entweder von den dicht verschildeten Rotten mit vorgestreckten Lanzen empfangen oder jagen durch die Oeffnungen, welche schnell von Rotte zu Rotte gebildet werden, unbeschädigt und ohne zu beschädigen, hindurch, um hinter der Fronte den Reitknechten in die Hände zu fallen. – Und schon hat sich die ganze unabsehbare Linie des Perserheeres in Bewegung gesetzt, sich nach wenigen hundert Schritten im Sturmlauf auf den Feind zu werfen. Anderer Seits rücken die Macedonier immer lebhafter halb rechts hinaus, und schon nähert sich Alexander an der Spitze der Geschwader dem linken Flügel des Feindes, während das Gefecht in seinem Rücken von Cleander, Ariston und Menidas nur mit der größten Anstrengung unterhalten wird. Dem Feinde auf Pfeilschußweite nahe, befiehlt Alexander jetzt, im entscheidenden Augenblicke, daß Aretas mit seinen Reutern sich in das Gefecht hinter 228 der Linie stürzen soll, um durch dies momentane Uebergewicht die Kraft der Scythen und Baktrier zu hemmen. Aber zugleich jagen neue Reuterschwärme aus der Mitte des feindlichen Flügels in das Gefecht, das um so gefährlicher zu werden droht, da hier bereits die ganze zweite Linie bis auf zwei Abtheilungen leichtes Fußvolk im Gefecht ist. Zugleich kommen vom linken Flügel der Phalangen Reuter mit der Botschaft Parmenions herangesprengt, daß beim raschen Vorrücken sich die Linie getrennt habe, daß die Parthischen, Indischen, Persischen Reuter sich in die Lücke geworfen, sich unwiderstehlich hindurch geschlagen und das Lager überfallen hätten, daß die Reuterschaaren des rechten feindlichen Flügels bereits die Flanke bedroheten, Alexander müsse Suecurs senden, oder Alles sei verloren. Alexander sendet sie ohne Weiteres zurück: Parmenion müsse von Sinnen sein, Hülfe zu verlangen, er werde wissen, den Degen in der Hand, mit Ehren zu sterben. Dann läßt er zum Angriff blasen, wirft sich auf den Bucephalus und führt die Kolonne der Ritterschaft im vollen Carriere zu dem Keilangriff, auf den die Entscheidung des Tages berechnet ist. In die Lücke des linken Flügels, die durch das Vorbrechen des letzten Reuterhaufens entstanden war, wirft sich der König an der Spitze seiner Macedonischen Ritter; im Sturmschritt folgen die Hypaspisten, und während die Schützen, Agrianer und Schleuderer die nächsten Haufen beschäftigen, wüthen die Macedonier in den Reihen der Feinde. Schon stürmen auch die nächsten Phalangen mit vorstarrenden Lanzen auf die Schlachthaufen der Susianer, der Kadusier, auf die Schaaren, die den Wagen des König Darius decken; nun ist kein Halten, kein Widerstand mehr, Darius, den wüthenden Feind vor Augen, in Mitten der plötzlichsten, wildesten, lärmendsten Verwirrung, sieht sich selbst gefährdet, giebt Alles verloren, wendet sich verzweifelnd zur Flucht; nach der tapfersten Gegenwehr folgen die Perser, ihres Königs Flucht zu schirmen; die Flucht, die Verwirrung reißt die Schlachthaufen der zweiten Linie mit sich, das Centrum ist vernichtet. – Zugleich hat die ungeheuere Heftigkeit, mit der Aretas in die feindlichen Haufen einbrach, das Gefecht im Rücken der Linie entschieden; die Scythischen, Baktrischen, Persischen Reuter suchen, von den Griechischen 229 und Päonischen Reutern auf das heftigste verfolgt, das Weite. Der linke Flügel der Feinde ist vernichtet.

Anders der rechte Flügel der Perser. Durch die breite Lücke der Macedonischen Linie hindurchbrechend, hatten sich die Persischen, Indischen und Parthischen Reuter, ohne Widerstand zu finden, auf das Lager geworfen; die wenigen Thracier, leicht bewaffnet und keines Angriffes gewärtig, vermochten den mörderischen Kampf in den Lagerpforten nur mit der größten Anstrengung zu halten; da brachen die Gefangenen los, und fielen ihnen während des Kampfes in den Rücken; die Thracier wurden bewältigt; schreiend und jubelnd warfen sich die Barbaren ins Lager zu Raub und Mord. Da jagten die Odrysischen und Griechischen Reuter und die Thracier des Sitalkes aus der zweiten Linie des linken Flügels mit verhängtem Zügel heran, sie warfen sich auf den schon plündernden Feind, sie überwältigten ihn nach kurzem Gefecht; viele Barbaren wurden niedergemacht, die anderen jagten ohne Ordnung rückwärts, auf das Schlachtfeld zurück, den Macedonischen Geschwadern ins Eisen, mit denen sich Alexander, sobald das Centrum durchbrochen war, links herum geworfen hatte, um Parmenion zu helfen. Das Reutergefecht, das sich hier entspann, war furchtbar und lange schwankend; die Perser kämpften um ihr Leben, jeder Einzelne suchte sich durchzuhauen; an sechszig der Ritter wurden erschlagen, sehr viele, unter ihnen Hephästion und mehrere Obersten, schwer verwundet; endlich war der Sie gauch hier entschieden; die sich durchgeschlagen, überließen sich unaufhaltsam der Flucht. – Während dessen hatten auch die Thessalischen Ritter auf dem äußersten linken Flügel das Gefecht wieder hergestellt und mit glänzen der Tapferkeit die Kappadocischen und Armenischen Schwärme zurückgeschlagen; Alexander kam, als sie bereits beim Verfolgen waren; er selbst jagte darum in der Richtung, die Darins genommen zu haben schien, über das Schlachtfeld; er setzte ihm nach, so lange es noch hell war; er erreichte, während Parmenion das feindliche Lager am Bumodus, die Elephanten und Kameele, die ungeheuere Bagage nahm, den Lykus-Fluß, drei Stunden jenseits des Schlachtfeldes. Hier fand man ein furchtbares Gewirre flüchtender Barbaren, noch gräßlicher durch die Dunkelheit der einbrechenden Nacht, durch das erneuete Gemetzel, durch den Einsturz der überfüllten 230 Flußbrücke; bald war der Heerweg frei, aber Alexander mußte, da Pferde und Reuter von der ungeheueren Anstrengung auf das äußerste ermüdet waren, einige Stunden rasten lassen. Um Mitternacht, als der Mond aufgegangen war, brach man von Neuem auf gen Arbela, wo man Darius, sein Feldgeräth, seine Schätze zu erbeuten hoffte. Man kam im Laufe des Tages dort an, Darius war fort; seine Schätze, sein Wagen, sein Bogen und Schild, sein und seiner Großen Feldgeräth, ungeheuere Beute fiel in Alexanders Hände.

Dieser große Sieg auf der Ebene von Gaugamela kostete den Macedoniern nach Arrian nur hundert Todte, dagegen waren über tausend Pferde, von denen die Hälfte bei der Macedonischen Ritterschaft, gestürzt oder getödtet; nach den höchsten Angaben fielen Macedonischer Seits fünfhundert Mann; Zahlen, die gegen den Verlust der Feinde, deren an hunderttausend und mehr gefallen sein sollen, unverhältnißmäßig erscheinen, wenn man nicht bedenkt, daß einerseits, bei der trefflichen Bewaffnung der Macedonier, im Handgemenge nicht Viele tödtlich verwundet wurden, und daß andererseits erst beim Verfolgen das Fleischhandwerk beginnen konnte; alle Schlachten des Alterthums beweisen, daß der Verlust der Fliehenden bis ins Unglaubliche größer ist, als der der Kämpfenden 31).

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31) Natürlich ist die ganze Darstellung dieser Schlacht aus Arrian entnommen, dessen Bericht sich durch sich selbst und durch die handgreiflichen Mißgriffe der anderen Autoren, bis Polyän herab, als der allein glaubwürdige zeigt. Man hat seine Angabe über die Größe des feindlichen Heeres in Zweifel gezogen; indeß bleibt es sich ziemlich gleich, ob die ungeheuere Uebermacht der Feinde einige Hunderttansend mehr oder weniger betrug. – Die Schlacht war für Alexander verloren, ohne jenen glänzenden Angriff auf den linken feindlichen Flügel; er siegte durch den großen strategischen Grundsatz, im entscheidenden Momente am entscheidenden Punkte die höchste Kraft concentrirt zu haben. Das feindliche Heer erlag der eigenen Masse; hätte es gegen Alexanders schräge Schlachtlinie die Fronte schnell genug zu verändern, hätten sich die Massen der zweiten Linie gehörig zu entwickeln vermocht, hätte endlich das Zurückströmen der geworfenen Massen nicht furchtbarer als die kleine Zahl der Siegenden auf die nahe stehenden Haufen gedrängt, der Ausgang des Tages wäre ein

 

231 Mit der Schlacht von Arbela war Darius Macht gebrochen und so gut wie vernichtet; von seinem zersprengten Heere sammelten sich einige tausend Baktrische Reuter, die Ueberreste der Griechischen Söldnerschaar, die Melophoren und Verwandten, im Ganzen ein Heer von etwa dreitausend Reutern und sechstausend Mann zu Fuß; mit diesen wandte sich Darius in unaufhaltsamer Flucht oftwärts durch die Pässe Mediens gen Ekbatana; dort hoffte er vor dem furchtbaren Feinde wenigstens für den Augenblick sicher zu sein, dort wollte er abwarten, ob sich Alexander mit den Reichthümern von Susa und Babylon begnügen und über sie das Altpersische Land vergessen werde, das mächtige Gebirgswälle von dem Aramäischen Tieflande scheiden; erstiege der unersättliche Eroberer dennoch die hohe Burg Irans, dann war es sein Plan, weit und breit verwüstend über die Nordabhänge des Hochlandes nach Turan, dem letzten Quartier des einst so ungeheueren Reiches zu flüchten. – Zu gleicher Zeit hatte sich auf der Südstraße, nach dem hohlen Persien zu, ein zweiter Haufe aus fünfundzwanzigtausend, nach

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anderer gewesen; ja Alexanders Sieg über den linken Flügel hätte vielleicht nicht der Niederlage Parmenions das Gleichgewicht zu halten vermocht, wenn sich die durchbrechenden Reuterschwärme auf die zweite Linie geworfen hätten; die Thessalier hätten gegen Mazäus erliegen müssen. Alexander hat dieser ungeordneten Kampfweise der Barbaren, auf die er rechnen durfte, eben so viel zu danken, als seinem in der That großen Entschluß, um die Gefahr Parmenions unbekümmert seinen Angriff zu machen und die Hauptmacht des Feindes zu zerschmettern. – Guichards Darstellung dieser Schlacht, so geistreich sie ist, leidet an mehreren Fehlern; namentlich meint er, die vorgeschobenen Corps seien nicht in, sondern vor der Linie aufgestellt gewesen, eine Meinung, die eben so sehr dem Charakter der Griechischen (nicht der Römischen) Taktik, wie der besonderen Physiognomie dieser Schlacht, der gegenseitigen zwiefachen Ueberflügelung, widerspeechen würde. – Die Chronologie anlangend bemerken wir, daß St. Croix in seinem Eifer gegen den sorgfältigen Arrian ungerecht ist. Ideler hat in seiner durch Gründlichkeit und Eleganz gleich ausgezeichneten Weise alles hierauf Bezügliche erklärt und berichtigt. – Endlich erwähnen wir, daß die Ansicht, als seien in dieser Schlacht in Alexanders Heere bereits Asiatische Truppen aus den eroberten Ländern gewesen, gänzlich falsch ist.

 

232 Anderen aus vierzigtausend Mann 32) bestehend, unter Führung des Persischen Satrapen Ariobarzanes, geflüchtet, die Persischen Pässe besetzt und sich hinter ihnen auf das sorgfältigste verschanzt. Wenn irgend wo, so war an dieser Stelle noch das Persische Reich zu retten; es wäre vielleicht gerettet worden, wenn Darius nicht den nächsten Weg gesucht, nicht durch seine Flucht nach dem Nordabhang von Iran die Satrapien südwärts sich selbst und der Treue der Satrapen überlassen hätte; denn diese waren nicht alle wie Ariobarzanes gesinnt, sie mochten in ihrer eben so schwierigen wie verführerischen Stellung gern den landflüchtigen König vergessen, um sich der Hoffnung einer vielleicht längst ersehnten Unabhängigkeit hinzugeben, oder durch freiwillige Unterwerfung von dem großmüthigen Sieger mehr zu gewinnen, als sie durch die Flucht ihres Königs verloren hatten. Die Völker selbst, die, wenn Darius an den Pforten Persiens für sein Königthum zu kämpfen gewagt hätte, nach ihrer Weise zu neuem Kampf zusammengeströmt wären, und die natürliche Grenze ihres Landes, die sich so oft und so glücklich in der Geschichte geltend gemacht hat, vielleicht mit Erfolg vertheidigt hätten, diese kriegerischen Reuter- und Räubervölker, die Alexander zum Theil mit Mühe und spät bewältigt, zum Theil nie auzugreifen gewagt hat, waren durch jene Flucht des Darius sich selbst überlassen und gleichsam auf verlorenen Posten gestellt, ohne daß die Sache des Königs von ihnen den geringsten Vortheil gehabt hätte. – So gewann der Sieg von Gaugamela durch die unglaubliche Verwirrung, in welche Darius, um sich oder irgend etwas zu retten, immer tiefer versank, jene riesenhaft wachsende Gewalt, welche die Persische Macht bis auf die letzte Spur vertilgen sollte. –

Alexander dagegen benutzte den errungenen Sieg auf die einfachste und erfolgreichste Weise; ohne sich weiter um die Verfolgung des flüchtigen Königs zu kümmern, ging er von Arbela aus auf der großen Straße 33) gen Babylon, der Königin im weiten

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32) Curt. V, 3. 17. Diod. XVII. 56. Arrian. III. 18. — 33) Alexander kam am vierten Tage nach dem Aufbruch aus Arbela gen Mennis (Ekbatana, Plut.), wo Bitumenquellen waren (Curt. V. 1. 16.). „Kerkuk ist nur zwanzig Stunden und Dus Churmatu etwa fünfunddreißig Stunden von Arbela; vielleicht also ist letzteres das ehemalige

 

233 Aramäischen Tieflande, und seit Darius Hystaspis Zeit der Mittelpunkt des Persischen Reiches; der Besitz dieser Weltstadt war der Preis des Sieges von Gaugamela. Alexander erwartete Widerstand zu finden; er wußte wie ungeheuer die Mauern der Semiramis seien, wie ein Netz von Kanälen sie umschließe, wie lange die Stadt des Cyrus und Darius Belagerung ausgehalten hatte; er erfuhr, daß sich Mazäus, der bei Arbela am längsten und glücklichsten das Feld behauptet, nach Babylon geworfen habe; es war zu fürchten, daß sich die Scenen von Halikarnaß und Tyrus wiederholten. Deshalb ließ Alexander, sobald er sich der Stadt nahete, sein Heer schlagfertig vorrücken; aber die Thore öffneten sich, die Babylonier mit Blumenkränzen und reichen Geschenken, die Chaldäer, die Aeltesten der Stadt, die Persischen Beamten an der Spitze, kamen ihm entgegen; Mazäus übergab die Stadt, die Burg, die Schätze, und der siegreiche König hielt seinen Einzug in Semiramis Riesenstadt.

Hier wurde den Truppen längere Rast gegeben; es war die erste wahrhaft morgenländische Fürstenstadt, die sie sahen; ungeheuer in ihrem Umfange, voller Bauwerke der staunenswürdigsten Art, die Riesenmauer, die hängenden Gärten der Semiramis, des Belus Würfelthurm, an dessen ungeheuerem Bau sich Xerxes wahnsinnige Wuth über die Salamische Schmach vergebens versucht hatte, dazu die endlose Menschenmenge, die hier aus Arabien und Armenien, aus Persien und Syrien zusammenströmte, dann die überschwengliche Pracht und Lüsternheit des Lebens, der tausendfältige Wechsel der süßesten Wollust und der berechnetesten Genüsse, kurz dieser ganze mährchenhafte Zauber morgenländischer Taumellust ward hier zu Babylon den Söhnen des Abendlandes als Preis

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Mennis; denn Hêt, wo gleichfalls Bitumenquellen sind, liegt wohl zu weit, als daß es Alexander in vier Tagen hätte erreichen können“. Niebuhr II. p. 349; Strabo XVI. p. 345 bezeichnet den Weg so: erst Arbela, dann die Berge des Sieges, wie sie Alexander nannte (Karadjag bis zur Mündung des großen Zab), dann der Uebergang über den Kapros (kleinen Zab), dann die Naphtaquellen (ich glaube die von Kerkuk, s. Ker Porter II. p. 440), dann Sardacä, Darius Hystaspis Schloß, dann der Cyparissus (Torna), dann der Kapros (?) nahe bei Seleucia (offenbar die Diala, Silla bei Isid. Char.).

 

234 so vieler Mühen und Siege; wohl mochte der kräftige Macedonier, der wilde Thracier, der lüsterne Grieche hier Sieges- und Lebenslust in überreichen Zügen schlürfen und auf duftigen Teppichen, bei goldenen Bechern, im lärmenden Jubelschall Babylonischer Gelage schwelgen, mochte mit wilderer, kühnerer Begier den Genuß, mit neuem Genuß sein brennendes Verlangen, mit beiden den Durst nach neuen Thaten und neuen Siegen steigern. So begann sich Alexanders Heer in das Asiatische Leben hineinzuleben und sich mit denen, die das Vorurtheil von Jahrhunderten gehaßt, verachtet, rohe Barbaren genannt hatte, zu versöhnen und zu verschmelzen, es begann sich Morgen- und Abendland zu durchgähren und eine Zukunft vorzubereiten, in der beide sich selbst verlieren sollten.

Mag es klares Bewußtsein, glückliches Ohngefähr, nothwendige Folge der Umstände genannt werden, jedenfalls traf Alexander in den Maaßregeln, die er wählte, die einzig möglichen und rechten. Hier in Babylon war mehr als irgendwo bisher das Einheimische mächtig, naturgemäß und eigenthümlich; während Kleinasien dem Hellenischen Leben nahe, Aegypten und Syrien demselben zugänglich war und mit ihm durch das gemeinsame Meer in Verbindung stand, in Phönicien Griechische Sitte schon länger in den Häusern der reichen Kaufherren und vieler Fürsten eingeführt, im Lande des Nildelta durch Griechische Ansiedelungen, durch Cyrenes Nachbarschaft, durch mannichfache Verhältnisse mit Hellenischen Staaten seit der Pharaonenzeit bekannt und eingebürgert war, lag Babylon fern von aller Beziehung mit dem Abendlande, tief stromab bei dem Doppelstrome des Aramäischen Landes, das durch die Natur, durch Handel, Sitte und Religion, durch die Geschichte vieler Jahrhunderte eher gen Indien und Arabien als gen Europa hinwies; in dies fremde, buntgemischte, in sich längst durchlebte Völkerleben kamen jetzt die ersten Hellenischen Elemente, der Masse nach unbedeutend gegen das Heimische, und nur durch die Fähigkeit, sich ihm anzueignen, überlegen. Dazu ein Zweites: das Perserreich war so gut wie vernichtet, mit ihm nichts Morgenländisches mehr als bestehende Macht, um gegen sie anzukämpfen oder sie anzuerkennen; es war ja Alexanders Absicht, Asiens Herr zu sein, so wie er König in Macedonien war. Wollte er als Macedonier, als Grieche über das neue Reich herrschen, so war er schon 235 zu weit gegangen, als er die Grenzen Abendländischer Nachbarschaft überschritt und jenseits der Syrischen Wüste seine Völker zum Siege führte, wollte er Asiens Völker nichts als den Namen der Knechtschaft tauschen, ja sie nichts als den härteren, unnatürlichen Druck höherer geistiger Entwickelung empfinden lassen, so war kaum der Augenblick des Sieges ihres Gehorsams gewiß, und ein Angstschrei der Völker, ein sengender Sommer, ein zweifelhafter Erfolg hätte genügt, die Chimäre selbstsüchtiger Eroberung zu zerstören. Anders Alexander; er siegte als Vorkämpfer eines freien Volkes, und seine Siege sollten die Völker befreien, so viel sie frei zu sein vermochten; seine Macht selbst, so unendlich gering ihrem materiellen Gehalte nach, sollte in der Zustimmung der Völker Halt und Erfolg gewinnen; sie mußte sich gründen auf die Anerkenntniß jeder Volksthümlichkeit in Sitte, Gesetz und Religion; was die Perser so tief gedrückt hatten und so gern erdrückt hätten, was nur ihre Ohnmacht oder Sorglosigkeit der That, nicht dem Rechte nach hatte gewähren lassen, das mußte nun neu und frei erstehen, und sich unmittelbar zum Hellenischen Leben verhalten, um mit ihm verschmelzen zu können. Das hatte der König in Memphis und Gordium, in Tyrus und Jerusalem erreicht; das war der Sinn der neuen Opfer, die er, von Chaldäischen Priestern unterstützt, dem großen Baal darbrachte, das der Grund seines Befehles, die von Xerxes geplünderten Heiligthümer von Neuem zu schmücken, den Belusthurm wieder herzustellen, den Dienst der Babylonischen Götter fortan frei und prächtig, wie zu Nebukadnezars Zeit, zu begehen. So gewann er die Völker für sich, indem er sie sich selbst und ihrem volksthümlichen Leben wieder gab; so machte er sie fähig, auf thätige und unmittelbare Weise in den Zusammenhang des Reiches, das er zu gründen im Sinne trug, einzutreten, eines Reiches, in dem die Unterschiede von Abend und Morgen, von Griechen und Barbaren, wie sie bis dahin die Geschichte entwickelt hatte, untergehen sollten zu der Einheit einer Weltmonarchie.

Wie aber? sollten fortan die Satrapen, die Umgebung des Königs, die Großen des Reichs nur Macedonier sein, so war ja jene Ineinsbildung nur Vorwand oder Illusion, die Volksthümlichkeiten nicht anerkannt, sondern nur geduldet, die Vergangenheit nur durch das Unglück und schmerzliche Erinnerungen an 236 die Zukunft geknüpft, und statt der Asiatischen Herrschaft, die wenigstens in demselben Welttheile erwachsen war, ein fremdes, unnatürliches, doppelt schweres Joch über Asien gekommen. Die Antwort auf diese Fragen bezeichnet die Katastrophe in Alexanders Heldenleben, es ist der Wermuth in dem Becher seiner Freuden, der Wurm, der an der Wurzel seiner Größe nagt, das Verhängniß seiner Siege, das ihn besiegt. Während der König Persiens die letzten Wege flieht, beginnt Alexander sich mit dem Glanze des Persischen Königthums zu schmücken, die Großen Persiens um sich zu sammeln, sich mit dem Namen, den er bekämpft und vernichtet, zu versöhnen. Er mußte es; König in Abend- und Morgenland mußte er dem Macedonischen Adel einen Adel des Morgenlandes hinzufügen, und der Adel Asiens war nach der Natur der Dinge, nach der Ansicht der Völker und dem Bedürfniß des neuen Königthums der letzte herrschende Stamm Asiens, die Perser. Es wäre Wahnsinn gewesen, plötzlich alle Verhältnisse umgestalten, alle Zustände in Frage stellen, aller Gewohnheit und allem Vorurtheil mit einem Machtworte entgegentreten zu wollen. Was auch der Hochmuth der Hellenen und der Siegerstolz der Macedonier sagen mochte, Alexander mußte, wenn er dem Diadem Macedoniens die Tiara der Asiatischen Herrschaft hinzufügen wollte, nach der großen Weltscheidung von Osten und Westen, die in Babylon ihr Centrum hatte, fortan Macedonier und Asiate zugleich sein, Macedonischen und Asiatischen Adel in gleichem Rechte anerkennen, den Völkern des Abend- und Morgenlandes gleich befreundet und gleich erhaben sein, und nur das Heer, mit dem er noch weite Strecken zu erobern hatte, durfte und mußte Macedonisch und dem Könige in alter Kameradschaft vertraulich sein. Wenn in irgend etwas, so verdient Alexander hierin die höchste Bewunderung, und die Geschichte hat bis auf diesen Tag die Richtigkeit seiner Grundsätze bestätigt; er hat bewiesen, was den Europäern in Asien und wie es ihnen möglich ist, und vielleicht zeigt seine Lösung des großen Räthsels, daß es unauflöslich ist.

Stets, wenn in sich wahre und nothwendige Gedanken in die Wirklichkeit treten, bewähren sie sich zugleich als die nützlichsten Maximen und als die unter den jedesmaligen Umständen zweckmäßigsten Mittel. Nicht ohne pragmatischen Scharfsinn hat man be237hauptet, daß Alexander mit seinen wenigen tausend Macedoniern sich in dem weiten Asien kaum hätte behaupten, geschweige denn weiter dringen können, wenn er nicht durch ein fein berechnetes Benehmen gegen die Persischen Großen zum Abfall zu reizen und an seine Person zu fesseln gewußt hätte. Und allerdings mag seit der Schlacht von Gaugamela mancher der Persischen Großen sich ein Beispiel an Mithrines von Sardes, an Amminapes und Mazaces aus Aegypten, die in höchsten Ehren bei dem Könige lebten, genommen haben. Noch lockender wurde der Uebertritt zur Sache Alexanders, als dieser die reiche Satrapie Babylonien an Mazäus, die Armenische Satrapie an Mithrines gab; und von dem siegreichen Könige geehrt begannen sich die Persischen Großen allmählig um ihn zu sammeln, die Persischen Satrapen die Sache des landflüchtigen Darius aufzugeben, da ihnen Alexander die Aussicht auf Macht, Ehre und den ungestörten Besitz ihrer Satrapien öffnete. Es verstand sich übrigens von selbst, daß neben diesen Persischen Satrapen fortwährend die bewaffnete Macht in dem Centralpunkte der Satrapie aus Macedoniern gebildet war und unter Macedonischen Befehlshabern stand, so wie auch in der Regel das Einsammeln der Tribute Macedonischen Männern übertragen wurde. Letztere Stelle erhielt für die Babylonische Satrapie Asklepiodor; in Babylon selbst blieben tausend Mann als Besatzung der Burg unter Agathon, dem Bruder Parmenions, während Apollodor aus Amphipolis die Feldhauptmannschaft der Satrapie mit einem der Wichtigkeit des Landes angemessenen Corps erhielt; außerdem wurde eine mobile Colonne von zweitausend Mann unter Menes Befehl dazu bestimmt, die große Passage von Babylon zur Küste Ciliciens und die verschiedenen Transporte aus dem Morgenlande nach Europa und umgekehrt zu sichern 34), eine Einrichtung, die wegen der Raubsucht der in der Wüste hausenden Beduinenstämme doppelt nothwendig wurde. Der erste Transport war eine Summe von etwa dreitausend Silbertalenten, von denen ein Theil nach Europa an Antipater gehen sollte, damit er den eben jetzt beginnenden Krieg gegen Lacedämon mit Nachdruck füh-

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34) Curt. V. 1. 43. Diod. XVII. 64; cf. Boeckh Corp. Inscr. 105.

 

238ren konnte, das Uebrige aber zu möglichst ausgedehnten Werbungen für die große Armee bestimmt wurde.

Während des etwa dreißigtägigen Aufenthaltes in Babylon war Susa, die Stadt der Persischen Hoflager und der königlichen Schätze, auf gütlichem Wege gewonnen worden. Denn schon von Arbela aus hatte Alexander den Macedonier Philoxenus, wie es scheint an der Spitze eines leichten Corps, vorausgesandt, um sich der Stadt und der königlichen Schätze zu versichern; er erhielt jetzt von ihm den Bericht, daß sich Susa freiwillig ergeben hätte, daß die Schätze gerettet seien, daß sich der Satrap Abulites der Gnade Alexanders unterwerfe 35. Alexander langte zwanzig Tage nach seinem Aufbruch von Babylon in Susa an 36); er nahm sofort die ungeheueren Schätze in Besitz, die in der hohen Burg der Stadt, dem Kissischen Memnonium der Griechischen Dichter, seit den ersten Perserkönigen aufgehäuft lagen 37); allein des Goldes und Silbers waren funfzigtausend Talente 38), dazu noch die aufgehäuften Vorräthe von Purpur, Rauchwerk, edlen Gesteinen, der ganze überreiche Hausrath des üppigsten aller Höfe, auch mehrfache Beute aus Griechenland von Xerxes Zeit her, namentlich die Erzbilder der Tyrannenmörder Harmodius und Aristogiton, die Alexander den Athenern als Geschenk zurücksandte.

Während das Heer noch in Susa und an den Ufern des Choaspes verweilte, kam Amyntas, der General der vierten Phalanx, welcher vor einem Jahre von Gaza aus auf Werbung nach

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35 Nach Diod. XVII. 65. erzählten einige Schriftsteller, Abulites habe von Darius den Befehl erhalten, sich und die Schätze von Susa den Macedoniern hinzugeben, um Alexander aufzuhalten, damit er selbst Zeit zur Flucht und zu neuen Rüstungen gewönne; eine sonderbare Kriegslist; cf. Curt. V. 2. 8. — 36) Nach Klitarch bei Curtius und Diodor läßt Alexander seine Truppen in der Ebene von Sitacene auf dem Wege nach Susa rasten, um ihnen Zeit zu geben, sich von der Ausschweifung und Trunkenheit, der in Babylon das Heer fast erlegen, zu erholen. Es war nur nicht viel Zeit übrig, wenn die große Armee einen Weg von sechszig Meilen in zwanzig Tagen machen wollte. — 37) Strabo XV. p. 317. 329. — 38) Arrian. III. 16. 12. Curt. V. 2. 11; andere Zahlen bei Plut. 36. Strab. p. 322.

 

239 Griechenland gegangen war, mit neuen Truppen heran; es waren an sechshundert Macedonische Ritter und sechstausend Macedonier zu Fuß, aus Thracien sechshundert Reuter und dreitausendfünfhundert zu Fuß, aus dem Peloponnes viertausend Mann zu Fuß und nah an tausend Reuter, endlich waren aus den edlen Macedonischen Familien an funfzig jüngere Söhne gesandt, um in die Schaar der Edelknaben einzutreten und sich im Dienste um des Königs Person auszubilden 39). Diese sehr bedeutenden Verstärkungen veranlaßten mannigfache Veränderungen in der Organisation des Heeres; namentlich sollten die einzelnen Geschwader der Ritterschaft fortan aus je zwei Abtheilungen bestehen, und die Unterscheidung nach den Provinzen der Macedonischen Heimath aufgehoben sein; ferner wurde die neue Waffe der reutenden Schützen errichtet; die Zahl der Phalangen wurde, so scheint es, gleichfalls mit Aufhebung provinzieller Unterschiede vermehrt 40), der Hypaspisten blieben nach wie vor sechstausend 41); über Veränderungen der anderen Heeresabtheilungen ist keine weitere Nachricht aufbewahrt; überhaupt beginnt von dieser Zeit an das Macedonische Heerwesen unklar zu werden.

Alexander gedachte demnächst, es mochte Mitte December sein, nach den Reichsstädten der Landschaft Persis aufzubrechen, mit deren Besitz der Aberglaube der Völker die Herrschaft über Asien untrennbar verbunden zu denken gewohnt war; dort auf dem Throne der Großkönige, in den Pallästen des Cyrus, Darius und Xerxes wollte Alexander den Sturz der Achämenidendynastie verkünden; er eilte deshalb, die Angelegenheiten des Susianischen Lan-

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39) Diod. XVII. 65. Curt. V. 1. 40. — 40) Arrian. III. 16. 19. Curt. V. 2. 3. Letzterer sagt: neun besonders tapfere Männer wurden zu Chiliarchen gemacht, denn es traten fortan Chiliarchien statt der früheren Abtheilungen von fünfhundert Mann ein. Die Sache ist etwas unklar; sie kann sich nur auf die Phalangen beziehen, und ich vermuthe, daß deren demnächst neun bestanden, wie drei Jahre später ihrer zwölf waren. Man muß einen Begriff von Curtius Gedankenlosigkeit haben, um das mit seinen Worten vereinbar zu finden. — 41) So viele sind ihrer noch in der Schlacht am Hydaspes; s. oben Seite 98 Note 7.

 

240des zu ordnen. Er bestätigte dem Satrapen Abulites die Satrapie, übergab die Burg der Stadt Susa an Mazarus 42), die Feldhauptmannschaft der Satrapie nebst einem Corps von dreitausend Mann an Archelaus; er wies die Schlösser von Susa der Mutter und den Kindern des Perserkönigs, die bisher in seiner Nähe gewesen waren, als künftige Residenz an, und umgab sie mit königlichem Hofstaat; man erzählt, daß er einige Griechische Gelehrte an dem Hofe der Prinzessinnen zurück ließ, mit dem Wunsche, sie möchten von diesen Griechisch lernen 43). Nach diesen Einrichtungen brach er mit dem Heere gen Persien auf.

Der Weg von Susa 44) nach Persien führt anfangs durch

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42) Curt. V. 2. 16. nennt den Xenophilus, der es wenigstens in späterer Zeit war; Diod. XIX. 17. — 43) Diod. XVII. 67. — 44) Die Lage von Susa anlangend, hat noch neuerdings v. Hammer in einem Aufsatze, den ich leider nicht benutzen konnte, zu beweisen gesucht, daß Shuster die alte Perserstadt und der Karounfluß der Choaspes, daß dagegen die Ruinen von Shus am Kerahfluß das alte Elymais seien. Doch scheinen die Bemerkungen von Kinneir und Monteith (cf. Ker Porter II. 412 sqq.) hinreichend, zu beweisen, daß wirklich Shus das liebliche Susa, Shuster dagegen die „lieblichere“ Residenz des Shapor gewesen. Die Flüsse, die auf dem Wege von Susa nach Persien passirt wurden, sind folgende: der Choaspes bei Susa (der Kerah und tiefer stromab Fluß von Hawiza); zwei Meilen entfernt der Eulaeus (der Ulai im Lande Elam bei Prophet Daniel, über den die Steinbrücke des Shapour bei Dez Foul führt, Chereffeddin III. c. 22. p. 171, jetzt der Fluß von Absal genannt; cf. Ousely I. 358. 421. 423.); dann acht Meilen weiter der Fluß von Shuster; Tchehar Donke bei Chereffeddin l. c., heute der Karoun, von den Alten nicht genannt, zumal da der Weg wohl unterhalb seiner Einmündung über den Eulaeus führte; hiernächst folgen zwei Flüsse, die, den Alten unbekannt und auf neueren Karten nicht verzeichnet, von Timur auf dem Wege von Shuster nach Ram Hormuz übersetzt wurden; zwei Tagemärsche hinter Shuster erreichte er den Dudanke, wieder zwei Tage später den Chourukan Kende, am fünften Tage endlich den Fluß von Ram Hormuz, den Kopratas der Alten, sechszehn Meilen von Shuster. Dieser, so wie der Fluß von Fey sind Nebenflüsse des Pasitigris (Abargoun bei Chereff. III. c. 24. p. 185. Dscherahi heute); und etwa eilf Meilen von Ram Hormuz liegt Babehan an der Grenze

 

241 die schönen und überaus bevölkerten Ebenen Susianas, über den Euläus, den Kopratas, den Pasitigris im Lande der Uxier, die theils die Ebenen an diesem Flusse, theils die Berge, in denen er entspringt, bewohnten; zwischen dem Pasitigris und Arosis folgen, so scheint es, jene schwierigen Pässe, welche den Weg zur Persischen Landschaft beherrschen, und bei denen die räuberischen Berguxier den Karavanen aufzulauern pflegten; den Perserkönigen nie unterworfen, waren sie seit alter Zeit gewohnt, den Hoffahrten gen Persepolis nur für reiche Geschenke den Durchzug zu gestatten. Jenseits dieser Pässe, die die Susischen Thore genannt wurden 45), führte der große Heerweg über die Ebene von Lachter erst südwärts, dann ostwärts zu den Persischen Pässen von Kelah-i-Sefid; ein näherer, aber beschwerlicherer Weg ging im felsigen Thale des Arosisflusses hinauf zu eben diesen Steilpässen, die so eng sind, daß wenige Tapfere hier wohl ein Heer aufzuhalten im Stande sein würden 46).

Das war der Weg, den Alexander zu nehmen hatte, um Per-

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Persiens, zwischen dem Pasitigris und dem nördlichsten Nebenfluß des Arosis (Oroatis bei Strab., Abchirin bei Chereff. III. 24. p. 185, heute Tab genannt). Curtius entfernt irrig den Pasitigris nur vier Tagemärsche von Susa, Diodor (XIX. 17.) gar nur einen. — 45) Diese Paßgegend von der Ebene von Zohrah bis Babehan, der steten Grenze gegen Farsistan, scheint den Namen der Susischen Pässe geführt zu haben, wie Curt. V. 3. 17. und Diod. XVII. 68. irrig die Persischen nennen; Strabo (XV. p. 20.) unterscheidet ausdrücklich die Pässe im Lande der Uxier und die Persischen Pässe. — 46) Daß die Persischen Pässe die der weißen Burg (Kelah-i-Sefid, ἡ κλίμαξ) und nicht (cf. Ousely II. 456. III. 567. Ker Porter I. 445. II. 35.) die von Ourtchiny oberhalb Istakar (ἡ μεγάλη κλίμαξ) sind, ist ziemlich gewiß. Denn letztere Pässe beherrschen den Sommerweg nach Isfahan, und Alexander hätte Persepolis erreichen können, ohne sie anzugreifen. Von Babehan bis zu den Persischen Pässen sind etwa funfzehn Meilen, und Curtius setzt die fraglichen Pässe drei starke Märsche von der Persischen Grenze entfernt. Freilich macht derselbe Schriftsteller wieder die Schwierigkeit, daß Alexander von den Pässen aus in einem Nachtmarsch den Araxes erreicht habe. – Den bequemeren Weg glaube ich den nennen zu können, welchen Timur genommen, und der ihn in sechs Tagen von Babehan bis zu den Pässen brachte; der nähere Weg ist der von Kinneir beschriebene.

 

242sepolis und Pasargadä zu erreichen; die Jahreszeit war nichts weniger als günstig, denn es mußte schon tiefer Schnee in den Bergen liegen, es mußten die kurzen Tage, die langen und kalten Nächte den an sich schon beschwerlichen Weg noch schwieriger machen; es kam dazu, daß man Widerstand von Seiten der Uxier und noch mehr von Seiten des Ariobarzanes, der sich nach der Schlacht von Gaugamela mit vielen Tausenden nach Persien geworfen hatte, erwarten konnte. Dennoch eilte Alexander gen Persien, sowohl um sich des Landes, der Schätze von Persepolis und Pasargadä und des Weges ins Innere Irans zu versichern, als auch wohl besonders, damit nicht durch längeres Zögern dem Perserkönige Zeit zu ausgedehnten Rüstungen gelassen würde, und er sich etwa von Medien hierher wendete, um die Heimath des Persischen Königthumes und die hohe Pforte der Achämeniden hinter den so schwierigen Persischen Pässen zu vertheidigen. – So zog Alexander mit seinem Heere über die Ebene Susianas; in wenigen Tagen überschritt er den Pasitigris und betrat das Gebiet der thalländischen Uxier, die, schon dem Perserkönige unterworfen und unter der Herrschaft des Susianischen Satrapen, sich ohne Weiteres ergaben. Die Berguxier dagegen sandten Abgeordnete an Alexander mit der Botschaft: nicht anders würden sie ihm den Durchzug nach Persis gestatten, als wenn sie die Geschenke, die die Perserkönige gegeben hätten, auch von ihm erhielten. Je wichtiger die freie Passage nach dem oberen Lande war, desto weniger konnte Alexander sie in den Händen eines so trotzigen Bergvolkes lassen; er ließ ihnen sagen, sie möchten nur in die Engpässe kommen, und sich dort ihr Theil holen.

Mit der Leibschaar und den anderen Hypaspisten, mit noch etwa achttausend Mann meist leichter Truppen wandte er sich, von Susianern geführt, bei Nachtzeit auf einen anderen sehr schwierigen Gebirgspfad, der von den Uxiern unbesetzt geblieben war; mit Ta-

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Diodor (XIX. 21.) bezeichnet diesen großen Weg von Susa gen Persepolis sehr anschaulich: er sei bis zu der Klimax (den Persischen Pässen) Hohlweg und mühsam, dann frei in einer luftigen Bergebene, vom Pasitigris bis Persepolis habe das Heer vierundzwanzig Tage gebraucht (es sind gegen funfzig Meilen).

 

243gesanbruch erreichte er die Dorfschaften derselben, die meisten der Bewohner wurden in ihren Betten ermordet, die Häuser geplündert und den Flammen Preis gegeben; dann eilte das Heer zu den Engpässen, wohin sich die Uxier von allen Seiten versammelt hatten, um die Pässe zu sperren. Alexander sandte Kraterus mit einem Theile des Heeres auf die Höhen hinter dem von den Uxiern besetzten Paßwege, während er selbst gegen den Paß mit größter Eile vorrückte, so daß die Barbaren, umgangen, durch die Schnelligkeit des Feindes erschreckt, aller Vortheile, die der Engpaß gewähren konnte, beraubt, sich sofort, als Alexander in geschlossenen Reihen anrückte, fliehend zurückzogen; viele stürzten in die Abgründe, viele wurden von den verfolgenden Macedoniern, noch mehr von Kraterus Truppen auf der Höhe, nach der sie sich retten wollten, erschlagen. Alexander war anfangs Willens den ganzen Stamm der Berguxier aus diesen Gegenden zu versetzen; Sisygambis, die Königin Mutter, legte Fürbitte für sie ein; man sagt, Madates, ihrer Nichte Gemahl, sei ihr Anführer gewesen. Alexander ließ auf der Königin Bitten diesen Hirtenstämmen ihr Bergland, er legte ihnen einen jährlichen Tribut von tausend Pferden, fünfhundert Haupt Zugvieh, dreißigtausend Schaafen auf; Geld und Gewerbe hatten sie nicht 47).

So war der Eingang in die Gebirge geöffnet; und während Parmenion mit der einen Hälfte des Heeres, namentlich den Schwergewaffneten und dem Train, auf der großen Heerstraße weiter zog, eilte Alexander selbst an der Spitze der Getreuen zu Fuß und zu Roß, der Agrianer, Schützen und Plänkerer auf dem nächsten, aber beschwerlichen Gebirgswege, die Persischen Pässe zu erreichen; Eilmärsche brachten ihn am fünften Tage an den Eingang derselben, den er durch mächtige Mauern gesperrt fand; der Satrap Ariobarzanes, so hieß es, stehe mit vierzigtausend Mann Fußvolk und siebenhundert Reutern hinter der Mauer in einem festen Lager, entschlossen den Eingang um jeden Preis zu wehren. Alexander

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47) Arrian. III. 17. Curt. V. 3. 16. sagt, daß sie unter den Susischen Satrapen gestellt worden. Nach Arrian. Ind. 40 suchte der König diese Hirtenvölker zum Ackerbau zu gewöhnen und bauete ihnen Städte in den Bergen.

 

244 lagerte sich; am nächsten Morgen wagte er sich in die von hohen Felsen eingeschlossene Paßgegend hinein, um die Mauer anzugreifen; ihn empfing ein Hagel von Schleudersteinen und Pfeilen, Felsmassen von den Abhängen hinabgestürzt, von drei Seiten ein erbitterter Feind; vergebens suchten Einzelne die Felswände zu erklimmen, die Stellung der Feinde war unangreifbar, Alexander zog sich in sein Lager, eine Stunde vor dem Paß, zurück. Seine Lage war peinlich; nur dieser Paß führte nach Persepolis, man müßte denn den Medischen Weg, der vierzig Tagereisen nordwärts durch die Gebirge führt 48), nehmen wollen; die Straße, die Parmenion eingeschlagen, führte nur auf bequemeren Wegen zu eben diesen Pässen; sie mußten genommen werden, wenn nicht eine gefährliche Unterbrechung eintreten sollte; aber an diesen Felsenwänden schienen die höchsten Anstrengungen der Kunst und des Muthes scheitern zu müssen; und doch hing Alles von der Einnahme dieser Pässe ab. Von den Gefangenen aus dieser Gegend erfuhr Alexander, daß die Gebirge meist mit dichten Wäldern bedeckt seien, daß kaum einzelne gefährliche Fußsteige hinüber führten, daß sie jetzt doppelt mühselig wegen des Schnees in den Bergen sein würden, daß andererseits nur auf diesen Felsenpfaden die Pässe zu umgehen und in das von Ariobarzanes besetzte Terrain zu gelangen sei; Alexander entschloß sich zu dieser, vielleicht der gefährlichsten Expedition seines Lebens. Kraterus blieb mit seiner und Meleagers Phalanx, mit einem Theile der Schützen und der Macedonischen Geschwader im Lager zurück, mit der Weisung, durch Wachtfeuer und auf jede andere Weise dem Feinde die Theilung der Armee zu verbergen, dann aber, wenn er von jenseits der Berge herüber die Macedonischen Trompeten hörte, mit aller Gewalt gegen die Mauer zu stürmen. Alexander selbst brach mit den Divisionen Amyntas, Perdikkas, Könus und Polysperchon, mit den Hypaspisten und Agrianern, mit einem Theile der Schützen und sechs Macedonischen Geschwadern unter Philotas in der Nacht auf, und stieg nach einem sehr beschwerlichen Marsche von etwa zwei Meilen über das mit tiefem Schnee bedeckte Gebirge. Er war am anderen Morgen jenseits; rechts die Bergkette, die an den Pässen und über dem Lager der

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48) Diod. XIX. 19.

 

245 Feinde endete, vor der Fronte das Thal, das sich zur Ebene des Araxes, über den hin der Weg nach Persepolis führt, ausbreitet, im Rücken die mächtigen Gebirge, die, mit Mühe überschritten, vielleicht bei irgend einem Unfalle den Rückweg, die Rettung unmöglich machten. Alexander theilte nach einiger Rast sein Heer; er ließ Amyntas, Polysperchon, Könus, Philotas mit ihren Corps in die Ebene hinab gehen, sowohl um auf dem Wege nach Persepolis über den Fluß eine Brücke zu schlagen 49), als auch um den Persern, wenn sie bewältigt wären, den Rückzug auf Persepolis zu sperren; er selbst rückte mit seinen Hypaspisten, mit der Phalanx Perdikkas, mit dem Geleit der Ritterschaft und zwei anderen Geschwadern, mit den Schützen und Agrianern rechts gegen die Pässe hin; ein höchst beschwerlicher Marsch, durch die Waldung des Berges, durch den heftigen Sturm, durch das Dunkel der Nacht doppelt schwierig. Vor Tagesanbruch traf man die ersten Vorposten der Perser, sie wurden niedergemacht; man nahete den zweiten, wenige entkamen zu der dritten Postenreihe, um sich mit diesen nicht in das Lager, sondern in die Berge zu flüchten. Im Persischen Lager ahnete man nichts von dem, was vorging, man glaubte die Macedonier unten im Thale, man hielt sich in diesem winterlichen Sturmwetter in den Zelten, überzeugt, daß Sturm und Schnee dem Feinde das Angreifen unmöglich machen werde; so war Alles im Lager ruhig, als plötzlich, es war in der Frühstunde, rechts auf den Höhen die Macedonischen Trompeten schmetterten, und von den Höhen herab, aus dem Thale herauf zugleich der Sturmruf ertönte. Und schon war Alexander, der sich mit dem größeren Theile seines Heeres in den Rücken der Perser hinabgezogen hatte, gegen diese Seite des Lagers im Anmarsch, während Ptolemäus mit zweitausend Mann von der Höhe herabstürmte; auch Kraterus hatte vom Thale herauf den Sturm gewagt und die in der Verwirrung schlecht vertheidigten Eingänge erbrochen; so trafen von allen Seiten die Macedonier im Lager zusammen. Hier begann ein gräßliches Gemetzel, Fliehende stürzten den Macedoniern in die

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49) Unmöglich kann der Araxes gemeint sein, der ja kaum eine Stunde weit von Persepolis vorüberfließt; eher dürfte der Arosisfluß bei Sul überbrückt worden sein.

 

246 Schwerdter, viele in die Abgründe, Alles war verloren; Arlobarzanes schlug sich durch, er entkam mit wenigen Reutern in die Gebirge und auf heimlichen Wegen nach Medien 50).

Alexander dagegen brach nach kurzer Rast gen Persepolis auf; um desto schneller die Stadt zu erreichen, ließ er das Fußvolk zurück und jagte mit den Reutern voraus; mit Tagesanbruch war er an der Brücke, die bereits von der Vorhut geschlagen war, und eilte, ohne lange zu ruhen, in höchst angestrengten Märschen weiter; er besorgte, daß die ungeheueren Schätze von Persepolis geplündert werden möchten. Seine unvermuthet schnelle Ankunft, er war fast der Kunde von dem Gefecht vorausgeeilt, machte allen Widerstand und alle Unordnung unmöglich; die Stadt, die Palläste, die Schätze wurden ohne Weiteres in Besitz genommen. Eben so schnell fiel Pasargadä dem Sieger mit neuen größeren Schätzen zu; viele tausend Talente Gold und Silber, unzählige Prachtgewebe und Kostbarkeiten wurden hier aufgehäuft gefunden, und man erzählt, daß zehntausend Paar Maulthiere und dreitausend Kameele dazu nöthig gewesen, um die Schätze der beiden Perserstädte von dannen zu bringen 51). Wichtiger noch als diese Reichthümer, die Alexanders Freigebigkeit aus den todten Schatzgewölben in den Verkehr der Völker, dem sie so lange entzogen gewesen, zurückzuführen eilte, war der Besitz dieser Gegend selbst, der eigentlichen Heimath des Persischen Königthums. In dem Thale von Pasargadä hatte Cyrus die Medische Herrschaft bewältigt und zur Erinnerung des großen Sieges dort sein Hoflager,

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50) Cf. Arrian. III. 18. Diod. XVII. 68. Curt. V. 9. Polyaen. IV. 3. 21. — 51) Diod. Curt. Plut. Die Summen der Schätze werden sehr verschieden angegeben; Curt. V. 6. 9. und Diod. XVII. 71. sagt hundertzwanzigtausend Talente; Strabo XV. p. 322. in Susa und Persien seien vierzigtausend, nach Anderen funfzigtausend Talente erbeutet. Die Verschiedenheit von Persepolis und Pasargadä ist bei den vollkommen klaren Zeugnissen des Alterthums unzweifelhaft; Cyrus Grab erkennt man auf das deutlichste in dem Grabe der Suleimansmutter bei Murghaub, im NO von Tschil Minar. Die berühmte Streitfrage kann nach den trefflichen Arbeiten der Englischen Reisenden, die diese Gegenden besucht haben, für abgethan gelten.

 

247 seine Palläste und sein Grab gebaut, zwischen den Monumenten höchster irdischer Pracht ein einfaches Felsenhaus, bei dem fromme Magier jeden Tag opferten und beteten. Ein Felsenweg voll Skulpturen und Grotten führt südwärts in das schöne Thal von Persepolis; Darius, des Hystaspis Sohn, der zuerst Erde und Wasser gefordert von den Hellenen, der Ordner des Persischen Reiches hatte hier seinen Pallast, seinen Säulenhof und sein Grab gebaut; von vielen seiner Nachfolger war mit neuen Prachtgebäuden, mit Jagdrevieren und Paradiesen, mit Pallästen und Königsgräbern das Felsenthal des Bundemir erfüllt; die Königspforte der tausend Säulen, der stolze Felsenbau auf dreifacher Terrasse, die lagernden Riesenbilder am Eingange, ein Riesenplan von Gebäuden der höchsten Pracht und feierlichsten Größe schmückten diesen heiligen Bezirk, den die Völker Asiens ehrten als die Wiege des Achämenidengeschlechtes, als den Ort der Königsweihe und der Huldigungen, als die Grabstätte des Persischen Fürstenhauses, als Heerd und Mittelpunkt des einst so mächtigen Reiches. Dies Reich war jetzt gestürzt; Alexander saß auf dem Throne desselben Xerxes, der einst so stolz auf der Düne des Salaminischen Strandes gethront, dessen frevelnde Hand die Tempel der Hellenischen Götter niedergebrannt und die theuern Gräber zerstört hatte; der Rächer der Hellenen war jetzt mit dem Rechte des Siegers in Xerxes Pallast; es schien die Zeit gekommen, altes Unrecht zu rächen und die Götter und die Todten im Hades zu versöhnen; hier an diesem Heerde der Persischen Herrlichkeit sollte das Recht der Vergeltung geübt und die alte Schuld gesühnt werden. In dem Hochgefühle des Rächers der Hellenischen Geschichte, des Siegers über Xerxes Reich gebot Alexander, den Feuerbrand in das Cederngetäfel des Königspallastes zu werfen; er hörte nicht Parmenions Warnung, des schönen Gebäudes, seines Eigenthumes, zu schonen, nicht die Perser zu kränken in den Denkmälern ihrer einstigen Größe und Herrlichkeit. Der König antwortete: „ich will die Perser strafen für den Brand Athens und für den Frevel an den Hellenischen Tempeln, ich will alle das Unheil rächen, das sie über Hellas gebracht“ 52). So brannte ein Theil des Pallastes von Per-

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52) Klitarch, der Segur Alexanders, der mit außerordentlichem

 

248sepolis nieder, zwischen Persern und Hellenen der letzte feindliche Akt, das letzte Opfer einer alten Blutrache 53).

Fortan war kein Haß und keine Rache mehr gegen die Ueberbleibsel des gestürzten Perserthums; und als Alexander feierlichst den Thron der Persischen Könige, als deren Nachfolger in der Herrschaft Asiens er gelten wollte, bestiegen, und unter goldenem

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Talente, aber auf Kosten der Geschichte Geschichten gemacht hat, ist für diese Winterrast in Persepolis überschwenglich reich an geistreichen Zügen. Seine Plünderung von Persepolis, jene Griechen, die vergreis’t, verstümmelt, gebrandmarkt, voll Schaam und Verzweiflung dem Könige entgegen treten, endlich jene Athenische Tänzerin Thais, die in der Begeisterung des Tanzes einen Feuerbrand vom Altare reißt und in den Pallast wirft, deren Beispiel trunken und in wilder Siegeslust Alexander und seine Getreuen folgen, das alles sind Mährchen (cf. Plut. cp. 38. οἱ δ'ἀπὸ γνώμης ταῦτα γενέσϑαι φασίν), die, aus derselben Quelle geschöpft, von einer Reihe spätgeborener Schriftsteller so oft und mit solcher Zuversicht wiederholt werden, daß sie mit der Zeit zu historischer Gewißheit geworden sind. Wer weiß, wie einst der Brand des Kremls und die gebrandmarkten Reste des Polnischen Adels in den Bergwerken Sibiriens späteren Geschlechtern erscheinen werden? – Cf. Ker Porter I. p. 647. — 53) Schon im Alterthume haben Parmenions verständige Reden mehr Beifall gefunden, als die rasche That Alexanders, die sie hindern sollten; man hat hinzugefügt, daß solches Wüthen gegen den todten Stein, gegen Kunstdenkmale, gegen Erobertes zugleich kindisch, barbarisch und beklagenswerth sei; und in der That scheinen diejenigen mit Recht so zu sprechen, welche in dem Charakter eines Helden nichts als ihre eigenen Tugenden, Bestrebungen und Maximen in erhöheter Potenz zu finden hoffen. Indeß haben große Männer das Recht, nach ihrem Maaße gemessen zu werden, und in dem, was man ihre Fehler nennt, liegt ein tieferer Sinn als in der ganzen Moral, gegen die sie zu verstoßen den Muth haben. Träger der Gedanken ihrer Zeit und ihres Volkes, handeln sie mit jener dunklen Leidenschaft, die, eben so weit als ihr Beruf über den Horizont der Alltäglichkeit hinaus, sie in die einsame Region der geschichtlichen Größe trägt, die nur der Blick der Bewunderung zu erreichen vermag. Mag darum der Brand von Persepolis denen ein Aergerniß sein, die in einem Tugendhelden das Ideal menschlicher Herrlichkeit sehen; in dem Heldenleben Alexanders ist dennoch dieser Tag von Persepolis die Sonnenhöhe und das Fest der lautersten Freude.

 

249 Thronhimmel die Huldigungen empfing, und der treue Korinthier Demaratus sprach, daß die Hellenen, die vor diesem Tage gestorben, der höchsten Wonne entbehrten 54), da war der Macedonische König nicht mehr ein Feind Asiens oder ein glücklicher Widersacher des Persischen Namens, sondern Herr und Großkönig über Asien und Erbe der Herrschaft, die zuletzt in der Perser Händen gewesen. So sah er es selbst an; er ehrte das Gedächtniß der Könige, die das Reich gegründet, er ehrte das Grab des großen Cyrus, und ließ es schmücken und wohl behüten 55). Er ließ dem Tiridates die Aufsicht in den Pallästen von Persepolis, er gab dem edlen Phrassaortes, dem Sohne des Feldherrn Rheomithres, der bei Issus gefallen war, die Satrapie Persiens; er zog selbst, es war im strengsten Winter, gegen die räuberischen Bewohner der nahen Gebirge aus, um das Land für immer gegen ihre Einfälle zu sichern. Es waren namentlich die Mardier 56) in den südli-

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54) Plut. 37. Es ist sehr wahrscheinlich, daß Alexander hier eine solenne Königsweihe gefeiert hat, und daß in dem Zusammenhange dieser Feierlichkeit der Brand des Pallastes selbst die oben angedeutete Beziehung hatte. Curt. V. 2. 14. scheint die Thronbesteigung nach Susa zu verlegen. — 55) Strabo XV. p. 321. — 56) Von diesem Zuge berichtet nur Curtius mit Ausführlichkeit, begnügt sich aber mit einigen pittoresken Uebertreibungen, so daß man weder die Richtung noch den Gang der Unternehmung erkennt; er setzt sie vor dem Brande in Persepolis und sub ipsum Vergiliarum tempus; der Frühuntergang der Plejaden ist im November, der Spätuntergang Anfang April, der Frühaufgang im Mai, der Spätaufgang im September; die einzige Zeit, die passen könnte, wäre der Spätuntergang im April; aber auch dies scheint schon zu spät und würde den Anfang der Frühlingszeit bezeichnen, statt daß Curtius diese Bezeichnung der Plejaden erdichtet zu haben scheint, um mit beliebter Phrase die Winterlichkeit, die er schildern will, anschaulich zu machen. Von derselben Unternehmung sagt Diod. XVII. p. 73: nach dem Brande habe Alexander die übrigen Städte Persiens angegriffen, und die einen mit Güte, die anderen mit Gewalt genommen. Arrian. Ind. 40. sagt, daß alle diese räuberischen Bergvölker, die Uxier, Mardier, Kossäer, in Winterzeit, wo sie sich in ihren Bergen am sichersten geglaubt, besiegt seien. Es scheint, daß die Sitze dieser Mardier in den südlichen Bergen von Persis waren, da die westlichen von den Uxiern, die nördlichen von den Kossäern besetzt waren; es kommt dazu, daß Hamdulla (bei Ou-

 

250chen Gebirgen, die, ähnlich den Uxiern, bisher in zu großer Unabhängigkeit und in tiefer Barbarei gelebt hatten. Durch sehr mühselige Züge in ihre schneebedeckten Bergthäler, zwang sie Alexander sich zu unterwerfen, und es wurden wenigstens die ersten Anfänge zu ihrer Ansiedelung und Cultur gemacht. Die Satrapie Karamanien, der sich Alexander bei diesem Zuge genahet haben mochte, unterwarf sich und der Satrap Aspastes wurde in ihrem Besitze bestätigt 57). Nach einem Monate kehrte der König wieder nach Persepolis zurück; es schien nöthig, nach so vielen anstrengenden Unternehmungen den Truppen noch einige Rast zu gönnen, bevor die Verfolgung des Königs Darius begonnen würde; es kam dazu, daß die Wege gen Medien während der Jahreszeit noch nicht füglich zu passiren waren; erst nach viermonatlichem Aufenthalte in dem schönen Thale des Araxes brach Alexander, es mochte Ende April sein, gen Medien auf 58), wohin Darius mit dem Reste des Heeres von Arbela geflüchtet war. –

Darius nämlich hatte sich nach dem Verlust der Schlacht durch die Medischen Pässe gen Ekbatana geflüchtet 59), mit der Absicht, hier abzuwarten, was Alexander unternehmen würde, und sobald derselbe ihm auch hierher nachsetzte, verwüstend in den Norden seines Reiches zu flüchten; zu dem Ende hatte er bereits die Karavane seines Harems, seine Schätze und Kostbarkeiten an den Eingang der Parthischen Pässe gen Ragä gesandt, um durch sie, wenn schleunige Flucht nöthig würde, nicht behindert zu sein. Indeß verging ein Monat nach dem andern, ohne daß sich auch nur ein feindliches Streifcorps den Pässen des Zagrosgebirges, oder der inneren Grenze Mediens nahete. Dann war Ariobarzanes, der heldenmüthige Vertheidiger der Persischen Thore, in Ekbatana an-

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sely III. p. 566) erzählt, Firuzabad sei eine alte Stadt und von Alexander zerstört worden; sie habe einst Khur geheißen (Cyropolis regio ibi maritima, Plin. VI. 26). Daß in diesen Gegenden und nicht blos in den Kaspischen Gebirgen Mardier wohnten, bemerkt Strabo XI. p. 451, XV. p. 317. — 57) Curt. IX. 10. 21. — 58) Plut. 37. — 59) Es scheint wohl ziemlich sicher, daß das heutige Hamadan die Lage des alten Ekbatana bezeichnet; cf. Ker Porter II. p. 90 sqq. Ousely III. an mehreren Stellen.

 

251gekommen und man mochte jetzt die Macedonier erwarten; doch wieder verging mehr als ein Vierteljahr und kein Feind ließ sich sehen. Gefielen dem Sieger die Schätze von Persepolis und Pasargadä vielleicht besser als neuer Kampf? Hielten ihn und sein übermüthiges Heer die neuen und betäubenden Genüsse des schönen Morgenlandes gefesselt? Noch sah sich Darius von treuen Truppen, von hochherzigen Perserfürsten umgeben; mit ihm war der Kern des Persischen Adels, die Chiliarchie, die Nabarzanes führte, Atropates von Medien, Authophradates von Tapurien, Phrataphernes von Hyrkanien und Parthien, Satibarzanes von Arien, Barsaentes von Arachosien und Drangiana, der kühne Baktrianer Bessus, Fürst des Turanischen Landes, des Großkönigs Verwandter, umgeben von dreitausend Baktrischen Reutern, die sich mit ihm aus der letzten Schlacht gerettet hatten; ferner des Großkönigs Bruder Oxathres und vor allen der greise Artabazus, der vielbewährte Freund des Darius, vielleicht der würdigste Name des Perserthums, mit ihm seine Söhne; auch des Großkönigs Ochus Sohn Bisthanes, auch des abtrünnigen Mazäus von Babylon Sohn Artabelus war in Ekbatana. Noch hatte Darius ein kleines Heer um sich, außer den Resten der Chiliarchie die dreitausend Baktrischen Reuter des Bessus, die tapferen Griechischen Söldner unter des Phociers Patron Führung; er erwartete die Ankunft mehrerer Tausend Kadusier und Scythen; leicht konnten von Ekbatana aus die Völker von Turan und Ariana noch einmal zu den Waffen gerufen werden, um sich unter ihren Satrapen um die Person des Königs zu sammeln und den Osten des Reiches zu vertheidigen; dazu kam, daß die Medische Landschaft und die Gegend der Kaspischen Pässe für die Vertheidigung äußerst günstig, den Euröpäischen Truppen vielfach beschwerlich, den Völkern, die das neue Perserheer bilden sollten, bekannt und bequem waren. So beschloß Darius noch einmal das Glück der Waffen zu versuchen und mit dem Heere, das er bis zur Ankunft Alexanders versammelt haben würde, den Feind am weiteren Vordringen zu hindern; er hatte durch die Gesandten Spartas und Athens, die sich an seinem Hoflager befanden, die sehr wichtige Botschaft erhalten, daß die Nachricht von der Schlacht von Gaugamela in Hellas den tiefsten Eindruck auf alle Gemüther gemacht, und 252 die antimacedonische Parthei zu neuen Versuchen angefeuert habe, daß viele Staaten sich entweder schon mit Sparta offenbar vereint hätten, oder nur den ersten Erfolg abwarteten, um von dem Korinthischen Bunde abzufallen, daß sich so in Griechenland ein Umsturz der Verhältnisse vorbereite, der die Macedonier bald genug aus Asien zurückzukehren zwingen werde. So glaubte Darius hoffen zu dürfen, daß das Ende seines Unglücks nicht mehr fern sei 60).

Und schon nahete Alexander; Parätacene, die Landschaft zwischen Persis und Medien, hatte sich unterworfen und Oxathres, den Sohn des Susianischen Satrapen Abulites, zum Satrapen erhalten; auf die Nachricht, daß Darius unter den Mauern von Ekbatana, an der Spitze eines bedeutenden Heeres von Baktrianern, Griechen, Scythen, Kadusiern das Macedonische Heer erwarten werde, eilte Alexander, den Feinden möglichst bald zu begegnen; er ließ, um desto schneller fortzukommen, die Bagage mit ihrer Bedeckung zurück und betrat nach zwölf Tagen das Medische Gebiet; da erfuhr er, daß weder Kadusier noch Scythen, die Darius erwartet, eingetroffen seien, daß Darius, um ein entscheidendes Zusammentreffen zu verzögern, sich bereits zum Rückzuge nach den Kaspischen Pässen, wohin die Weiber, Wagen und Feldgeräthe schon vorausgegangen seien, anschicke. Doppelt eilte Alexander, er wollte Darius selbst in seiner Gewalt haben, um allem weiteren Kampfe um den Perserthron ein Ende zu machen. Da kam, drei Tagereisen vor Ekbatana, Bisthanes, des Königs Ochus Sohn, einer von denen, die dem König Darius bis dahin gefolgt waren, ins Macedonische Feldlager; er bestätigte das Gerücht von Darius Flucht; seit fünf Tagen sei er aus Ekbatana, er habe die Schätze Mediens, etwa siebentausend Talente, mit sich genommen, ein Heer von sechstausend Mann Fußvolk und dreitausend Pferden sei

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60) Der Weg, den Alexander nahm, führte wohl durch den Paß von Ourtchiny (Ousely III. p. 567. Megala sc. climax Plin. V. 26.) gen Isfahan oder Aspadana (cf. Ousely III. p. 5), welches die Residenz der Satrapie Parätacene gewesen zu sein scheint; der weitere Weg nach Ekbatana oder Hamadan kann nicht viel von der heutigen Straße verschieden gewesen sein.

 

253 seine Begleitung 61). Alexander eilte nach Ekbatana 62); schnell wurden die dortigen Angelegenheiten geordnet, die Thessalier, deren Dienstzeit um war, mit vollem Sold und einem Geschenk von zweitausend Talenten in die Heimath gesandt, der Perser Oxydates, der in Susa, früher von Darius zum ewigen Gefängniß verdammt, durch Alexander befreit war und darum doppelten Vertrauens würdig schien, an Atropates Stelle, der mit Darius war, zum Satrapen über Medien bestellt, Parmenion mit einem Theile des Heeres zurück gelassen, um die Schätze aus Persis, die in Ekbatana niedergelegt werden sollten, in Empfang zu nehmen und dann durch das Land der Kadusier nach Hyrkanien zu marschixen, Harpalus mit der Bewachung des Schatzes beauftragt, Klitus, der krank in Susa zurückgeblieben war, angewiesen, sobald es seine Gesundheit gestatte, die sechstausend Mann, die vorläufig bei Harpalus blieben, ins Parthische zu führen, um sich dort mit der großen Armee wieder zu vereinen. Mit den übrigen Phalangen, mit den Macedonischen Geschwadern, den Agrianern, Schützen und anderen leichten Corps eilte Alexander dem fliehenden Darius nach; in eilf höchst angestrengten Tagemärschen, in denen viele Menschen und Pferde liegen blieben, erreichte er Ragä, von wo aus für Alexanders Eile noch eine Tagereise von acht Meilen bis zum Eingang der Kaspischen Thore war. Aber die Nachricht, daß Darius bereits jenseits des Passes sei, und einen bedeutenden Vorsprung auf dem Wege nach Baktrien voraus habe, so wie die Erschöpfung seiner Truppen bewog den König einige Tage in Ragä zu rasten.

Um dieselbe Zeit lagerte Darius mit seinem Zuge wenige Tagemärsche im Osten der Kaspischen Pässe, er hatte kaum noch

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61) Dieser Schätze von Ekbatana erwähnen auch die Orientalischen Autoren; s. Ext. et Not. II. p. 501. Die Zahl der Truppen, die Darius begleiteten, giebt Curtius auf dreißigtausend Mann leichtes Volk, viertausend Griechen, dreitausendfünfhunoert meist Baktrische Reuter an. — 62) Nach Curt. V. 13. 1. hätte Alexander gar nicht Ekbatana berührt, sondern den geraden Weg nach den Pässen über Tabä (Sawa) genommen; nicht minder unzuverlässig ist seine Nachricht (V. 7. 12.), daß Alexander bei seinem Eintritt in Medien neue Truppen, in der Zahl von fünftausend Mann Fußvolk und tausend Reutern unter Führung des Atheners Plato erhalten habe.

 

254 zwanzig Meilen Vorsprung vor Alexander; er mußte sich überzeugen, daß es einerseits unmöglich sei, bei der ungeheueren Schnelligkeit, mit der Alexander nacheilte, das Turanische Land fliehend zu erreichen, andererseits, wenn doch gekämpft werden müßte, möglichst langsam vorzurücken sei, damit die Truppen mit frischer Kraft den vom Verfolgen ermatteten Feinden gegenüberträten; dazu kam, daß aus dem Persischen Zuge schon Manche zu Alexander übergegangen waren, daß man bei weiterer Flucht immer mehr Abtrünnigkeit fürchten mußte, da durch sie Vieles zu gewinnen, durch Treue nur zu verlieren war. Darius berief deshalb die Großen seiner Umgebung zur Versammlung und gab ihnen seine Ansicht kund, das Zusammentreffen mit den Macedoniern nicht länger meiden, sondern noch einmal das Glück der Waffen versuchen zu wellen. Diese Erklärung des Großkönigs machte einen tiefen Eindruck auf die Versammelten; das Unglück hatte die Meisten entmuthigt, man dachte mit Entsetzen an neuen Kampf; Wenige waren bereit, ihrem Könige Alles zu opfern; unter ihnen der greise Artabazus; gegen ihn erhob sich Nabarzanes, der Chiliarch: die dringende Noth zwinge ihn, ein hartes Wort zu sprechen, hier zu kämpfen sei der sicherste Weg zum Verderben, man müsse gen Turan flüchten und neue Heere rüsten; aber die Völker trauten dem Glück des Königs nicht mehr; nur eine Rettung gebe es; Bessus habe bei den Turanischen Völkern großes Ansehen, die Scythen und Indier seien ihm verbündet, er sei Verwandter des königlichen Hauses; der König möge ihm, bis der Feind bewältigt sei, die Tiara abtreten. Der Großkönig riß seinen Dolch aus dem Gürtel, kaum entkam Nabarzanes, er eilte, sich mit seiner Perserschaar von dem Lager des Königs zu sondern; Bessus folgte ihm mit den Baktrischen Völkern; Beide handelten im Einverständniß und nach einem längst vorbereiteten Plane; Barsaentes von Drangiana und Arachosien wurde leicht gewonnen; die übrigen Satrapen der Ostprovinzen waren, wenn nicht offenbar beigetreten, doch geneigter, ihrem Vortheile als ihrer Pflicht zu dienen. Darum beschwor Artabazus den König, nicht seinem Zorne zu folgen, bei den Meuterern sei die größere Streitmacht, ohne sie sei man verloren, er möge sie durch unverdiente Gnade zur Treue oder zum Schein des Gehorsams zurückrufen. Indeß hatte Bessus versucht, die Schaar der Perser zum Auf255bruch gen Baktrien zu bewegen; aber sie schauderten noch vor dem Gedanken des offenbaren Verrathes, sie wollten nicht ohne den König fliehen; Bessus Plan schien mislungen; desto hartnäckiger verfolgte er ihn; er schilderte ihnen die Gefahr, in die sie der Großkönig stürze, er gewöhnte sie, die Möglichkeit eines Verbrechens zu denken, das allein retten könne. Da erschien Artabazus mit der Botschaft, der König verzeihe das unüberlegte Wort des Nabarzanes und die eigenwillige Absonderung des Bessus. Beide eilten in des Königs Zelt, sich vor ihm in den Staub zu werfen, und mit heuchlerischem Geständniß ihre Reue zu erklären.

Des anderen Tages rückte der Zug auf dem Wege nach Thara weiter; die dumpfe Stille, die mistrauische Unruhe, die überall herrschte, offenbarte mehr eine drohende als überstandene Gefahr. Der Führer der Griechen bemühete sich, in die Nähe des Königs zu kommen, dessen Wagen Bessus mit seinen Reutern umgab. Endlich gelang es dem treuen Fremdling, er sagte dem Könige, was er fürchte, er beschwor ihn, sich dem Schutze der Griechischen Truppen anzuvertrauen, nur dort sei sein Leben sicher. Bessus verstand nicht die Sprache, wohl aber die Miene des Hellenischen Mannes; er erkannte, daß nicht länger zu zögern sei. Man langte gegen Abend in Thara an; die Truppen lagerten, die Baktrianer dem Zelte des Königs nahe; in der Stille der Nacht eilten Bessus, Nabarzanes und Barsaentes mit einigen Vertrauten in das Zelt, fesselten den König und schleppten ihn in den Wagen, in dem sie ihn als Gefangenen mit sich gen Baktrien führen wollten, um sich mit seiner Auslieferung Frieden von Alexander zu erkaufen. Die Kunde von der That verbreitete sich schnell durch das Lager, Alles lösete sich in wilder Verwirrung; die Baktrier zogen gen Osten weiter, mit Widerstreben folgten ihnen die meisten Perser; Artabazus und seine Söhne verließen den unglücklichen König, dem sie doch nicht mehr helfen konnten, sie zogen sich mit den Griechischen Truppen und den Gesandten aus Hellas nordwärts in die Berge der Tapurier zurück; andere Perser, namentlich des Mazäus Sohn Artabelus und Bagisthanes von Babylon, eilten rückwärts, sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen 63).

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63) So Curt. V. 8–12. Nur er erzählt diese Vorgänge im

 

256 Alexander hatte seine Truppen einige Tage in Ragä rasten lassen; am Morgen des sechsten Tages brach er wieder auf; Tages darauf stand er innerhalb der Pässe am Saume der Haide, über die der Weg ostwärts nach der Parthischen Hauptstadt Hekatompylos, dem Mittelpunkt der Heerstraße gen Hyrkanien, Baktrien und Ariana, führt. Während das Heer hier lagerte und sich einige Haufen in der Gegend zerstreueten, um für den Weg durch die Steppe zu fouragiren, kamen gegen Abend Bagisthanes und Artabelus in das Macedonische Lager, unterwarfen sich der Gnade des Königs und sagten aus, daß Bessus und Nabarzanes sich der Person des Großkönigs bemächtigt hätten und eiligst gen Baktrien zögen, was weiter geschehen, wüßten sie nicht. Mit desto größerer Eile beschloß Alexander die Fliehenden zu verfolgen; indem er den größeren Theil der Truppen unter Kraterus und mit dem Befehl, langsam nachzurücken, zurück ließ, eilte er selbst mit den Edelschaaren, den Plänkerern, den leichtesten und kräftigsten vom Fußvolk den Fliehenden nach. So die Nacht hindurch bis zum folgenden Mittag; und wieder nach wenigen Stunden Rast die zweite Nacht hindurch, mit Sonnenaufgang erreichte man Thara, wo vier Tage früher Darius von den Meuterern gefangen genommen war. Hier erfuhr Alexander von des Großkönigs Dolmetscher Melon, der krank zurückgeblieben war 64), daß Artabazus und die Griechen sich nördwärts in die Tapurischen Berge zurückgezogen hätten, daß Bessus an Darius Statt die Gewalt in Händen habe und von den Persern und Baktrianern als Gebieter anerkannt werde, daß der Plan der Verschworenen sei, sich in die Ostprovinzen zurückzuziehen, und dem Könige Alexander gegen den ungestörten und unabhängigen Besitz des Persischen Ostens die Auslieferung des Darius anzubieten, wenn er dagegen weiter vordringe, ein möglichst großes Heer zusammenzubringen und sich gemeinschaftlich im Besitz der Herrschaft, die sie hätten, zu behaupten, vorläufig aber die Führung des Ganzen in Bessus Händen zu lassen, angeblich wegen seiner Verwandtschaft mit dem königlichen Hause und seines nächsten Anrechts auf den Thron 65).

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Persischen Lager; seine Angaben sind, wenn auch ausgeschmückt, doch in sich wahrscheinlich. — 64) Curt. V. 13. 7. — 65) Arrian. III. 21. 9. fügt hinzu: „und weil alles das in Bessus Satrapie geschehen

 

257 Alles drängte zur größten Eile; kaum gönnte sich Alexander während des heißen Tages Rast, am Abend jagte er weiter, die ganze Nacht hindurch; fast erlagen Mann und Roß; so kam er Mittags in ein Dorf, in dem Tages zuvor die Verschworenen gelagert und das sie am Abend verlassen hatten, um, wie gesagt wurde, fortan bei Nacht ihren Zug fortzusetzen; sie konnten nicht mehr als einige Meilen voraus sein; aber die Pferde waren erschöpft, die Menschen mehr als ermattet, der Tag heiß; Alexander fragte die Einwohner, ob sie nicht irgend einen kürzeren Weg hinter den Fliehenden her wüßten; es hieß, es gebe wohl einen, der sei aber öde, ohne Brunnen. Diesen beschloß Alexander zu verfolgen; er wählte fünfhundert Pferde der Edelschaaren und für diese die Officiere und tapfersten Leute des Fußvolkes aus, und ließ sie in ihren Waffen zu Roß steigen; und mit dem Befehl, daß die Agrianer unter Attalus möglichst schnell auf dem Heerwege nachrücken, die anderen Truppen unter Nikanor geordnet folgen sollten, zog Alexander mit seinen „Doppelkämpfern“ um die Abenddämmerung den wasserlosen Haideweg hinab. Viele erlagen der übermäßigen Anstrengung und blieben am Wege liegen. Als endlich der Morgen graute, sah man die zerstreuete, unbewehrte Karavane der Hochverräther; da jagte Alexander auf sie los; der plötzliche Schrecken verwirrte den langen Zug, mit wildem Geschrei sprengten die Barbaren auseinander; wenige versuchten Widerstand, sie erlagen bald, die übrigen flohen in wilder Hast, Darius Wagen in der Mitte, ihm zunächst die Verräther. Schon nahete Alexander; nur ein Mittel noch konnte retten; Bessus und Barsaentes durchbohrten den gefesselten König und jagten fliehend nach verschiedenen Seiten. Darius aber verschied kurz darauf. So fanden die Macedonier den Leichnam, und Alexander, so sagt man, deckte seinen Purpur über ihn 66).

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sei“; vielmehr war es in Phrataphernes Satrapie Parthien geschehen; vielleicht ist anzunehmen, daß Bessus, wie auch wohl frühere Fürsten von Baktrien (Ctesias apd Phot. 31 a. 15.) den ganzen Osten des Reiches unter seiner Oberhoheit hatte. — 66) Das geschah im Juli 330 (Hekatombäon; Arrian. III. 22. 3.). Gegen die Autorität Arrians, des eben so sorgfältigen wie besonnenen Schriftstellers, hat man die Eilmärsche Alexanders für unmöglich ausgeben wollen. Eine

 

258 Das war das Ende des Königs Darius Kodomannus, der, durch ein finsteres Verhängniß bis in den Tod verfolgt, die Schuld seiner Ahnen gebüßt und gesühnt hat. Nicht daß er selbst ohne

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genauere Betrachtung fordert, sich zuerst über das Lokale genau zu unterrichten. Von Hamadan zu den Ruinen von Ragä oder Rey sind nach Arrowsmiths Karte zu Fraser’s Journey into Khorasan 215 Englische Meilen (60 Fars. Ebn Kaukal p. 167), die Alexander in eilf Tagen zurücklegte; Plutarch (cp. 43.) macht daraus 3300 Stadien oder 66 Meilen. Von Ragä aus führen zwei Wege gen Osten, der eine über Gilard und Serbendan gen Firuzkuh, wo sich die Straße nordwärts durch das Waldgebirge Hyrkaniens gen Sari wendet, der andere am südlichen Saume der Berge entlang über Kebud Gumbed bei einer weitläuftigen Ruinenmasse vorüber (gegen sieben Meilen von Rey) in die Paßgegend hinein, die bei Aiwani-Keif beginnt und entweder nordwärts bei Sahrun vorüber nach Firuzkuh in die frühere Straße (Ousely), oder unter dem Namen Gurdun-i-Sirdara ostwärts gen Khuar (Choarene bei Isidor, Choara, amoenissimus sinus nach Plin. VI. 15.) und von hier durch ebenes Land gen Damaghan (cf. Chereffeddin VI. c. 19. p. 154 und V. 2. p. 205.) führt. Daß nur diese Straße die von Alexander verfolgte sein kann, ist durch Fraser (p. 291) auf das entschiedenste aus der Natur der Gegend erwiesen; nur auf diesem Wege konnte Alexander in die öde Gegend kommen, die ihn Leute zum Fouragiren auszuschicken nöthigte. Alte Zeugnisse bestätigen, daß die Pässe zwischen Aiwan-i-Keif und Khuar oder Mahallehbagh dieselben Kaspischen Thore sind, von denen aus so viele Messungen im Alterthume bestimmt wurden; denn Apollodor sagt (bei Strabo XI. p. 435.) von Ragä bis zu den Pässen seien 500 Stadien (zehn Meilen, wie auch Ousely und Fraser angeben; 57 M. P. von Rey bis Kahda geogr. Nub. p. 209), von den Pässen bis Hekatompylos 1960 Stadien (nicht 1260, wie eine Seite später in den Ausgaben Strabos steht; noch 130 M. P., wie Plin. VI. 15. angiebt; beide Angaben würden wenig über Semnoun, Apamea Isidors, hinausführen), d. h. 39 Meilen; und bei Fraser sind von Aiwan-i-Keif bis Damaghan 164–168 Englische Meilen, eine Differenz, die mir zu unbedeutend erscheint, um ihrentwegen zu zweifeln, daß diese wichtige Stadt, in der sich die Wege von allen Richtungen vereinen, das alte Hekatompylos ist (cf. Polyb. X. p. 28); überdies könnte man leicht daran denken, gen Osten sei vom Ostein-

 

259 Unrecht gewesen; zu leicht für den Thron, der auf den Stufen der Erniedrigung gegründet war, zu schwach für den Scepter des entarteten Despotismus, zu klein für die große Zeit der Entschei-

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gang des Passes, der zwei Farasangen Länge hat, zu rechnen. Der Ort Thara (var. lect. Dara, Tanea) ist der einzige, der in Beziehung auf Alexanders Geschichte auf diesem Wege von Ragä bis Hekatompylos genannt wird (Justin. XII. 15.), obschon es gewiß ist, daß von Alexander selbst hier mehrere Städte angelegt und benannt sind (Strabo XI. p. 436.), namentlich dürfte von ihm Charax am Westeingange der Pässe (Isidor) herstammen; für Thara selbst läßt sich kein ähnlicher Name auf jener Straße finden, es müßte denn Kara, wie Jonas Hanway (Travels I. p. 357) Khuar nennt, sein; doch scheint die Entfernung von Thara zu groß und eher auf Abdolabad zu führen. – Was nun die Märsche Alexanders anbetrifft, so scheinen sie auf folgende Weise erklärbar: Nach fünftägiger Rast in Ragä ging Alexander am sechsten Tage bis zum Eingang der Pässe, am siebenten bis innerhalb der Paßgegend, so weit sie bewohnt war (das stimmt genau mit Fraser p. 294); er mochte jetzt eilf Meilen ostwärts von Ragä sein. Am Abend dieses Tages traf Mazäus Sohn bei Alexander ein, mit dem Bericht, er habe den Großkönig in Thara verlassen; Darius Flucht war durch den Plan, noch einmal ein Treffen zu versuchen, durch die Meuterei in seinem Heere und die daraus entstandene Verwirrung aufgehalten; man darf annehmen, daß Thara nicht viel über zwölf Meilen von den Pässen entfernt lag, und daß Mazäus Sohn am Morgen des vorigen (sechsten) Tages diesen Ort verließ. Alexander brach denselben (siebenten) Abend auf, marschirte die Nacht durch bis am folgenden (achten) Mittag, dann nach einiger Rast auch diese Nacht durch bis zum Morgen des neunten Tages; so erreichte er Thara am vierten Morgen nach Darius Aufbruch aus Thara. War der Perserkönig jeden Tag drei Meilen gezogen, so war er um die Zeit von Alexanders Ankunft in Thara, drei Märsche von Thara oder neun Meilen entfernt. In der Nacht vem neunten auf den zehnten Tag zog er drei Meilen weiter, während Alexander mit übermenschlicher Anstrengung die Nacht hindurch bis zum folgenden Mittag, also in vierzehn Stunden neun Meilen vorwärts eilte, und so die letzte Station des Feindes erreichte, der jetzt nur noch einen Marsch oder drei Meilen voraus war. Alexanders Märsche verdienen den Ruhm des Ungeheuern, den sie im Alterthume

 

260dung erlag seine Seele dem Kummer, der Schande und der Betäubung; verlassen und vergessen, in seinem Reiche heimathlos, ein Flüchtling unter Verräthern, ein König in Ketten, so fiel er von den Dolchen seiner Satrapen, seiner Blutsverwandten durchbohrt; ihm blieb der eine Ruhm, nicht mit der Krone sein Leben erkauft, noch dem Verbrechen ein Recht über die königliche Majestät zugestanden zu haben, sondern als König gestorben zu sein. Als König ehrte ihn Alexander; er sandte den Leichnam zur Bestattung in die Gräber von Persepolis; und Sisygambis begrub den Sohn.

Alexander hatte mehr erreicht als erwartet; nach zwei Schlachten hatte er den geschlagenen König fliehen lassen; aber seit er sich von Persischen Großen umgeben, von den Völkern Asiens als Herrn und König verehrt sah, seit er, Herr der heiligen

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hatten. Mit den fünfhundert Auserwählten und mit der letzten Kraftanstrengung zog der König von dieser Station während der Nacht (vom zehnten zum eilften), in der die Perser zu dem Vorsprunge von drei Meilen noch einen etwas größeren Nachtmarsch (Arrian.) hinzufügten, weiter, worauf er am Morgen, nach einem Gewaltmarsch von acht Meilen (Arrian: vierhundert Stadien), den Feind erblickte. Der Ort könnte ungefähr in der Gegend von Amravan, gegen sieben Meilen vor Damaghan oder Hekatompylos und neun Meilen hinter Semnoun zu suchen sein. – Plutarch sagt, nur sechszig Mann hätten mit dem Könige ausgehalten; jedenfalls ist die gänzliche Erschöpfung der einzig denkbare Grund dafür, daß Alexander den letzten Rest der Perser nicht weiter verfolgte. Unglaublich ist es nicht, daß vor Alexanders sechszig Mann die ganze Schaar der Königsmörder zerstiebte; ohne die entfernteste Ahnung von Alexanders schneller Verfolgung mußten sie eben so überrascht, wie von der Nähe größerer Streitmacht überzeugt sein; und seit dem Abzuge der Griechischen Söldner konnte Alexander schon einen Handstreich wagen. Von großen Märschen im Alterthume, so wie von der großen Marschfertigkeit der Macedonier s. St. Croix p. 322. – Die Darstellung von Curtius ist, wenn auch anschaulich und ergreifend, doch nicht ohne rhetorische Ausschmückung; die Erzählung von dem Trunk Wasser, den der Macedonier Polystratus dem sterbenden Darius gereicht haben soll, wage ich bei Arrians Stillschweigen nicht zu vertreten, obschon sie zu den beliebtesten Gemeinplätzen der antiken Schönrednerei gehört.

 

261 Städte Persiens, auf dem Throne des Cyrus gesessen und nach Persischer Weise die Huldigungen der Großen entgegengenommen, durfte der flüchtige König nicht länger den Namen seiner verlorenen Herrlichkeit, eine Fahne zu immer neuem Aufruhr, durch die Steppen von Iran und Turan tragen. Der Wille und die Nothwendigkeit, den Feind zu fangen, wurde nach der heroischen Natur Alexanders zur persönlichen Leidenschaft, zum Achilleischen Zorn; so verfolgte er ihn mit einer Hast, die an das Ungeheuere grenzte, und die, vielen seiner braven Krieger zum Verderben, ihn dem gerechten Vorwurf der furchtbarsten Schonungslosigkeit aussetzen würde, wenn er nicht selbst Mühe und Ermüdung, Hitze und Durst mit seinen Leuten getheilt, selbst die wilde Jagd der vier Nächte geführt und bis zur letzten Erschöpfung ausgehalten hätte. Damals, heißt es, brachten ihm Leute einen Trunk Wasser im Eisenhelm; er durstete und nahm den Helm, er sah seine Reuter traurig nach dem Labetrunk blicken, und gab ihn zurück: „Tränke ich allein, meine Leute verlören den Muth.“ Da jauchzten die braven Macedonier: „Führe uns, wohin Du willst! wir sind nicht ermattet, wir dürsten auch nicht, ja wir sind nicht mehr sterblich, so lange Du unser König bist!“ So spornten sie ihre Rosse an und jagten mit ihrem Könige weiter, bis sie den Feind sahen und den todten König fanden 67). Man hat Alexanders Glück darin wieder erkennen wollen, daß sein Gegner todt, nicht lebend in seine Hand gefallen; er würde stets ein Gegenstand gerechter Besorgniß für Alexander, ein Anlaß gefährlicher Wünsche und Pläne für die Perser gewesen sein, und endlich hätte doch nur über seinen Leichnam der Weg zum ruhigen Besitze Asiens geführt; Alexander sei glücklich zu preisen, daß ihm nur die Frucht, nicht auch die Schuld dieses Mordes zugefallen; er habe sich um der Perser Willen das Ansehen geben können, als beklage er ihres Großkönigs Tod. Vielleicht hat Alexander, wie nach ihm der große Römer, über den schmachvollen und erschütternden Untergang seines Feindes sich der Vortheile zu freuen vergessen, die ihm aus

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67) So Plutarch 42. Arrian (VI. 26.) verlegt die Erzählung nach Gedrosien, Curtius (VII. 5. 10.) in den Paropamisus, Polyän (IV. 3. 25.) giebt sie ohne bestimmte Lokalisirung.

 

262 dem Blute eines Königs zufließen sollten; große Geister fesselt an den Feind ein engeres Band als das der Freundschaft, der Gewohnheit oder des Interesses je werden kann. Bedenkt man, wie die Königin Mutter, wie die Gemahlin und Kinder des Großkönigs von Alexander aufgenommen waren, wie er überall ihr Unglück zu ehren und zu lindern suchte, so kann man nicht zweifeln, welches Schicksal er dem gefangenen Könige gewährt hätte, dessen Leben in Feindes Hand sicherer gewesen wäre, als unter Persern und Blutsverwandten.

Alexander hatte Darius verfolgt, um den Besitz Asiens nicht zu gewinnen, sondern vor dem einzig rechtmäßigen Einspruch zu sichern. Wäre Darius lebend in seine Hand gefallen, so konnten die Persischen Großen dem Gewaltrecht des Eroberers mit gleichem Rechte Gewalt entgegensetzen, und die Abdikation ihres Königs unfreiwillig und Verrath an der Persischen Sache, sich selbst als die ächten Vertreter des alten Perserthumes nennen. Umgekehrt jetzt; jene Großen waren, als Mörder des Königs, Verräther an der Persischen Sache geworden, das natürliche Vermächtniß des ermordeten Königs bestellte den Sieger Alexander zum Rächer an seinen Mördern; die Majestät des Persischen Königthums, durch das Recht des Schwertes gewonnen, ward jetzt zum Schwerte des Rechtes und der Rache in Alexanders Hand, sie hatte keinen Feind mehr, als die letzten Vertreter, keinen Vertreter, als den einstigen Feind desselben Königthumes.

So hatte sich die Stellung der Persischen Großen merkwürdig verändert; die ihren König nach der Schlacht von Gaugamela nicht verlassen hatten, meist Satrapen der östlichen Provinzen, hatten ihre eigene Sache geschützt, wenn sie um die Person des Königs zusammenhielten; jene Aufopferung und rührende Anhänglichkeit des Artabazus, der, einst in Pydna an König Philipps Hofe willkommener Gast, einer ehrenvollen Aufnahme bei Alexander hätte gewiß sein können, theilten wenige, da sie ohne Nutzen und voll Gefahr erschien; sobald des Großkönigs Unglück ihren Vortheil, ja die Existenz ihrer Macht auf das Spiel setzte, begannen sie sich und ihre Ansprüche auf Kosten dieses Königs zu schützen, durch dessen Verblendung und Schwäche allein sie das Reich der Perser ins Verderben gestürzt glaubten; das ewige Fliehen des Darius 263 brachte nun nach dem Verlust so vieler und schöner Länder, auch die Ostsatrapien in Gefahr; es schien natürlich, lieber Etwas zu retten, als Alles zu verlieren, lieber den Rest des Perserreiches zu behaupten, als auch ihn noch für eine verlorene Sache zu opfern; wenn nur durch sie noch Darius König sein konnte, so glaubten sie nicht minder, sich ohne Darius im Besitz ihrer Herrschaft behaupten zu können. So hatten sie Darius gefangen genommen, Alexanders plötzlicher Angriff zwang sie, ihn zu morden, um sich selbst zu retten; sie flohen, um die Verfolgung zu erschweren, in zwei Haufen 68), Bessus auf dem Wege von Korassan nach Baktrien, Nabarzanes mit den Resten seiner Chiliarchie und von dem Parthischen Satrapen begleitet nach Hyrkanien, um von dort aus gen Baktrien zu eilen, und sich mit Bessus zu vereinigen. Ihr Plan war, die Persische Monarchie im Osten wenigstens aufrecht zu erhalten und dann aus ihrer Mitte, wie einst nach Smerdes Ermordung, einen neuen König der Könige zu ernennen. Indeß war es klar, daß, wenn Phrataphernes aus Parthien, Satibarzanes aus Aria, Barsaentes aus Drangiana hinweg nach Baktrien ging, um unter Bessus Kommando, wie verabredet war, zu kämpfen, jedenfalls ihre Satrapien dem Feinde in die Hände fielen, und sie ihre Länder einer sehr fernen Hoffnung aufopferten; so blieb Phrataphernes in Hyrkanien stehen, und Nabarzanes schloß sich ihm an; Satibarzanes ging nach Aria, Barsaentes nach Drangiana, um nach den weiteren Unternehmungen Alexanders ihre Maaßregeln zu nehmen; die elende Selbstsucht, die sie zum Königsmorde vereint hatte, zerriß die letzte Macht, die den Feinden entgegentreten konnte, und indem sie jeder nur sich und den eigenen Vortheil im Auge hatten, sollten sie vereinzelt desto sicherer dem Schwerte des Eroberers erliegen.

Alexander seinerseits war nach jenem Ueberfall wegen der gänzlichen Erschöpfung seiner Leute nicht im Stande gewesen, Darius Mörder, die nach allen Seiten hin flohen, zu verfolgen. In der Ebene von Hekatompylos rastete er, um die zurückgebliebenen Truppen an sich zu ziehen und die Angelegenheiten der Satrapie Par thien zu ordnen. Der Parther Amminapes, der sich dem Kö-

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68) Curt.

 

264nige bei dessen Eintritt in Aegypten mit Mazaces unterworfen hatte 69), erhielt die Satrapie, Tlepolemus, aus der Schaar der Getreuen, wurde ihm zur Wahrnehmung der königlichen Rechte an die Seite gesetzt. – Im Norden der Stadt beginnen die Vorberge der Elburusketten, die von den Tapuriern bewohnt wurden; von einzelnen Pässen durchschnitten, trennen sie die Grenzen von Parthien im Süden und Hyrkanien im Norden, die erst weiter ostwärts in den Klippenzügen von Korassan an einander stoßen; der Besitz dieser Pässe, die als Verbindung zwischen dem Kaspischen Meere und dem Inneren, zwischen Iran und Turan so wichtig sind, war für den Augenblick doppelt nothwendig für Alexander, weil sich einerseits die Griechischen Söldner von Thara aus in die Tapurischen Berge zurückgezogen hatten, andererseits Nabarzanes und Phrataphernes jenseits des Gebirges in Hyrkanien standen. Demnach verließ Alexander die Straße von Korassan, auf der sich Bessus geflüchtet hatte, um sich erst dieser wichtigen Paßgegend zu versichern. Zadracarta, eine Hauptstadt Hyrkaniens 70) am Nordabhange des Gebirges, ward als der Vereinigungspunkt der drei Heeresabtheilungen bestimmt, mit denen Alexander nach Hyrkanien zu gehen beschloß. Auf dem längsten, aber bequemsten Wege führte Erigyius, von einigen Reuterabtheilungen begleitet, die Bagage und Wagen hinüber; Kraterus mit seiner und mit Amyntas Phalanx, mit sechshundert Schützen und eben so vielen Reutern, zog über die Berge der Tapurier, um sie und zugleich die Griechischen Söldner, wenn er sie träfe, zu unterwerfen; Alexander selbst mit den übrigen Truppen schlug den kürzesten, aber beschwerlichsten Weg ein 71),

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69) Arrian. III. 22. 2. Dagegen sagt Curtius (VI. 4. 24.), daß Amminapes vor dem Könige Ochus flüchtig an Philipps Hof gekommen sei; wie bei Artabazus kann beides wahr sein. — 70) Curt. VI. 4. 23. — 71) Diese Wege zu bestimmen, hat unzählige Schwierigkeiten. Sicher ist, daß das Land der Tapurier, heute Taberistan, am Südabhang der Elburuskette und etwa von Firuzkuh bis Damaghan liegt. Da sich die Griechen von Thara aus in die Berge der Tapurier zurückgezogen hatten, da ferner Kraterus mit seinem Corps sie aufsuchen und wo möglich die Tapurier unterwerfen sollte, so ergiebt sich soviel, daß sein Weg im Westen von Hekatompylos über das Gebirge führen mußte. Er vereinigte sich mit Alexander nicht lange

 

265 der nordwestlich von Hekatompylos in die Berge führt und in mannigfachen Wendungen, von steilen Felsen überragt, an dem Bette des wilden, oft unter den Klippen verschwindenden Bergstro-

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nachdem dieser an dem Bergstrome Stibötes oder Ziobetis, der sich in den Rhidago ergießt, gelagert hatte. Diese Vereinigung zweier Flüsse und die bedeutende Breite des vereinten Stromes (dreizehn Stadien; Curt.) läßt nur zwischen dem Fluß, der bei Muschidi-Sir mündet und dem Gorganflusse in der Südostecke des Kaspischen Meeres die Wahl; letzterer würde vollkommen außer dem Wege des Kraterus liegen, so ist klar, daß der Fluß, der sich bei Balfrusch vorüber ergießt, der Rhidago ist, und daß der Stibötes, in dessen Thal Alexander hinabzog, derselbe wilde Bergstrom ist, den G. Forster auf seiner Reise (er nennt ihn the Mazanderanriver) mehrfach übersetzte. Alexander ging von Hekatompylos (Damaghan) aus; mit drei Tagemärschen durch Parthisches Gebiet kam er an die Grenze Hyrkaniens; drei Meilen weiter trat er in den Paßweg ein (Curt. VI. 4. 1 – 4.). Dies dürfte genau der Weg sein, den Forster nahm (s. G. Forster Journey from Bengal to England, Vol. II, p. 191); der Engpaß von Chaloo ist dreizehn Meilen von Damaghan entfernt, und drei Meilen vor demselben fand Forster eine Reihe Ruinen auf einer Höhe. Jenseits des Passes beginnt nun die waldige Wildniß, die Curtius so anziehend beschreibt, und die Forster in drei Tagereisen (funfzehn Farasangen) bis an ihr Nordwestende durchzog, von wo noch drei Farasangen bis Sari. Sari nun bedeutet nach Ouselys Angabe Granatapfel, eine Frucht, die auch nach den alten Angaben in jener Gegend häufig ist (Curt. Diod.), und die mehr als einer Stadt am Elburus den Namen gegeben hat (so Sari-Camich; Chereff. IV. 19. p. 154); mehr als diese Namensähnlichkeit beweiset die Richtung der Wege, daß Sari und Zadra-Carta (Zadra-Stadt) gleich sind; denn nur hier können sich die drei Straßen, die Alexanders Truppen nahmen, vereinen. Von diesem Zadracarta (Arrian. III. 23. 11.) ist vollkommen verschieden ein zweites Zadracarta (Arrian. III. 25. 1.) oder auch Zeudracarta, die Residenz Hyrkaniens, mag dieser Name bei Arrian richtig oder falsch sein; denn erst von dem Lager bei Zadracarta rückte Alexander zur Residenz. Wo letztere lag, ist nicht zu sagen; doch hat Strabo (XI. p. 426) neben dem Namen Carta (d. i. Zadracarta) als Residenz Tape angeführt. Dieser Ort liegt dicht am Meere, vierzehnhundert Stadien von den Kaspischen Pässen (natürlich den Südpässen) entfernt, eine Bezeichnung, die genau auf Kara-

 

266mes Stibötes, den dicht bewaldeten Nordabhang des Gebirges hinabführt. Am vierten Tage erreichte er den Eingang der waldigen Paßgegend; mit der größten Vorsicht rückten die Colonnen vor; Posten, auf die Höhen zu beiden Seiten des Passes vertheilt, sicherten den

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Tapeh (Schwarz Tapeh), fünf Meilen nordöstlich von Sari, paßt. – Curtius bezeichnet Alexanders Ankunft und Lagerung in Chaloo, beschreibt dann die waldige Wildniß und fährt fort: „schon stand er hier vier Tage im Lager, als Nabarzanes seine Unterwerfung anzeigte; dann rückte Alexander geschlossenen Zuges vor (ein fortlaufendes Thal zieht sich zum Meere hinab), zwanzig Stadien weit auf schmalen Felsenwegen, hier erreichte er das Ende der Wildniß (tandem ad ulteriora perventum est); dreißig Stadien weiter kam Phrataphernes zum König; dann erreichte man Arvas, und hier trafen Erigyius und Kraterus ein.“ Zadracarta erwähnt Curtius nicht. Den Marsch von Chaloo durch die Bergwälder, den Curtius zu bezeichnen vergißt, ergänzt Arrian (III. 23 c.): ὑπερβαλὼν τὰ πρῶτα ὄρη ist bei Chaloo, ᾔει χαλεπὴν ὁδὸν καὶ δύσπορον ist der Weg durch die Bergwaldung; διελϑὼν τὰ στενὰ ἐν τῷ πεδίῳ κατεστρατοπέδευσεν πρὸς ποταμῷ οὐ μεγάλῳ sind die zwanzig Stadien Engpaß, die Curtius bezeichnet, und vielleicht derselbe „Höllenpaß“, durch den Timur den Rebellen Iskender von Firuzkuh verfolgte (Chereffeddin IV. 2. p. 160 sqq.); erst jenseits des Passes läßt, nach Arrian, Alexander seine Truppen vier Tage im Lager, um die einzelnen Posten, die zurückgeblieben sind, an sich zu ziehen (Curtius scheint seine vier Tage Lagerung zu früh anzusetzen), und es dürfte dies ungefähr einen Marsch oberhalb Sari gewesen sein. Woher Curtius den Namen Arvas für Sari hat, weiß ich nicht. – Der Weg des Kraterus dürfte über Firuzkuh oder Goor-i-Sefid in die durch Ousely so genau beschriebene Paßstraße nach Sari geführt haben, da die militärische Wichtigkeit jener beiden Punkte ihre Besetzung wohl nöthig machte. – Erigyius Marsch anlangend ist es kein Zweifel, daß er den bequemeren Weg über Sawer und Asterabad nahm (der Weg von Langaru bei Chereffeddin II. 48. p. 375, oder Lengheroud; VI. 20. p. 159), derselbe, den Isidorus Characenus bezeichnet, wenn er sagt: von den Kaspischen Thoren durch Choarene neunzehn Schönen (etwa bis Semnoun), durch Comisene achtundfunfzig (schreibe achtundzwanzig) Schönen (etwa bis Damaghan, doch kennt er hier keine Stadt Hekatompylos mehr), dann durch Hyrkanien sechszig (?) Schönen, mit eilf Stationen.

 

267 beschwerlichen Zug, den die wilden Stämme jener Berge beutelüstern zu überfallen bereit lagen; sie zu bekämpfen wäre zu zeitraubend, wenn nicht gar erfolglos gewesen; so eilte Alexander, mit den Bogenschützen an der Spitze des Zuges, hinabzukommen, und erst als er schon vier Tage in seinem Lager am Flusse Stibötes stand, kamen die Agrianer, die Nachhut des Zuges, nicht ohne einzelne Gefechte mit den Barbaren, von den Bergen herab. Dann rückte Alexander auf dem Wege nach Zadracarta vor, wo denn auch demnächst Kraterus und Erigyius eintrafen, dieser mit den Wagen und dem Gepäck, Kraterus mit dem Bericht, daß er zwar die Griechischen Söldner nicht getroffen, daß dagegen die Tapurier theils mit Gewalt unterworfen seien, theils sich freiwillig ergeben hätten.

Schon in dem Lager am Stibötes hatte Alexander Boten vom Nabarzanes erhalten, der sich bereit erklärte, die Sache des Bessus zu verlassen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen; auf dem weiteren Wege war der Satrap Phrataphernes nebst mehreren anderen der angesehensten Perser 72) aus der Umgebung des Darius zu Alexander gekommen und hatte sich unterworfen; den Bruder des Großkönigs, Oxathres, nahm er sogleich unter die Zahl der Getreuen auf; der Chiliarch, einer von denen, die Darius gebunden hatten, mochte sich mit der Verzeihung für sein Verbrechen begnügen müssen; sein Name, sonst einer der ersten im Reiche, verschwindet aus der Geschichte; Phrataphernes dagegen und seine beiden Söhne Pharismanes und Sissines gewannen bald Alexanders hohes Vertrauen, dessen sie sich in mehr als einer Gefahr würdig zeigen sollten; in Kurzem erhielt der Vater seine Satrapien Parthien und Hyrkanien zurück 73). – Bald darauf, es war im Lager von Zadracarta, kam der greise Artabazus mit dreien seiner Söhne, Arsames, Kophen und Ariobarzanes, dem muthigen Ver-

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72) Curtius sagt: cum propinquis Darii; VI. 5. 1., aber 2. 9. erzählt er, daß beim Ueberfall bereits mehrere edle Perser und Perserinnen in Alexanders Hände gefallen seien; er nennt dort namentlich des Königs Ochus Tochter (Parysatis? Arrian. VII. 4. 6.) und des Königs Darius Bruder Oxathres; cf. Plut.73) Arrian. III. 28. 4.

 

268theidiger der Persischen Pässe; Alexander empfing sie mit der höchsten Auszeichnung, indem er zugleich ihre Treue für den unglücklichen König Darius und die Erinnerung jener Zeit, die Artabazus in Pydna an König Philipps Hofe verlebt hatte, ehrte; sie nahmen fortan in der Umgebung Alexanders gleichen Rang mit den vornehmsten Macedoniern ein. Mit ihnen zugleich war Autophradates, der Satrap der Tapurier, gekommen; auch er wurde mit Ehren aufgenommen, und in dem Besitz seiner Satrapie bestätigt. Zu gleicher Zeit war von den Griechischen Truppen mit Artabazus eine Gesandtschaft eingetroffen, bevollmächtigt, im Namen der ganzen Schaar mit dem Könige zu kapituliren; auf seine Antwort, daß das Verbrechen derer, die wider den Willen von ganz Hellas für die Barbaren gekämpft hätten, zu groß sei, als daß mit ihnen kapitulirt werden könne, daß sie sich auf Gnade oder Ungnade ergeben, oder so gut sie könnten, retten möchten, erklärten die Bevollmächtigten, daß sie bereit seien, sich zu ergeben, der König möge Jemanden mitsenden, unter dessen Führung sie sicher in das Lager kämen. Alexander wählte dazu den edlen Artabazus, ihren Führer auf dem Rückzuge von Thara und den Andronikus, einen der angesehensten Macedonier, den Schwager des schwarzen Klitus 74).

Alexander erkannte die außerordentliche Wichtigkeit der Hyrkanischen Satrapie, ihrer Engpässe, ihrer hafenreichen Küsten, ihrer zum Schiffbau trefflichen Waldungen; schon jetzt mochte ihn der große Plan einer Kaspischen Flotte, eines Verkehrs zwischen diesen Küsten und dem Osten Asiens, einer Entdeckungsfahrt in diesem Meere beschäftigen; noch mehr als dies forderte die Communication zwischen den bisherigen Eroberungen und den weiteren Heereszügen vollkommene Besitznahme dieser paßreichen Gebirgslandschaft, die das Südufer des Kaspischen Meeres beherrscht; Alexander hatte sich eben jetzt der Pässe der Tapurischen Distrikte versichert; Parmenion war beauftragt, mit dem Corps, das in Medien stand, im nächsten Frühling durch das nördliche Medien und die Kaspischen Westpässe im Lande der Kadusier nach dem Meeres-

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74) Andronikus war mit Alexanders Amme, Lanice, der Schwester des Klitus, vermählt (Arrian. IV. 9. 4.); der Admiral Proteas (s. oben S. 150) war sein Sohn.

 

269strande hinabzurücken, um die Straße, welche Armenien und Medien mit dem Thale des Kur und dem Kaspischen Meere verbindet, zu öffnen; er sollte von dort aus, am Strande entlang, nach Hyrkanien und weiter der großen Armee nachziehen 75). Die Pässe von Pyl-Rudbar, die aus Medien am Amardusstrom hinab zum Meere führen, und welche durch das kriegerische und raublüsterne Bergvolk der Amardier gesperrt wurden, beschloß Alexander durch einen Streifzug gegen diese Amardier sofort zu öffnen 76). Während die Hauptmasse des Heeres im Lager von Arvas zurückblieb, zog er selbst an der Spitze der Hypaspisten, der Phalangen Könus und Amyntas, einiger Rittergeschwader und mehrerer leichter Corps gen Westen; die Amardier, im Vertrauen auf die Unzugänglichkeit ihrer Berge, da noch nie ein Feind in ihre Wälder eingedrungen war, hatten sich bisher um die Macedonier nicht viel gekümmert; da rückte Alexander von der Ebene heran; die nächsten Ortschaften wurden genommen, die Bewohner flüchteten sich in die waldigen Gebirge. Mit unsäglicher Mühe zogen die Macedonier durch diese wegelosen, dicht verwachsenen und schauerlichen Wälder nach; oft mußten sie sich mit dem Schwerte den Weg durch das Dickicht bahnen 77), während bald hier, bald da einzelne Haufen von Amardiern sie überfielen, oder aus der Ferne mit ihren Speeren trafen; als aber Alexander immer höher hinaufdrang und die Höhen mit seinen Wegen und Posten immer dichter einschloß, da schickten die Amardier Gesandte an den König und unterwarfen sich und ihr Land seiner Gnade; er nahm von ihnen Geißeln, ließ sie übrigens im ungestörten Besitz und stellte sie unter dem Satrapen Autophradates von Tapurien 78).

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75) Diese Pässe, deren heutigen Namen ich nicht weiß, liegen zwischen Ardebil und den Küstenorten Astara und Lenkoran. Die Kadusier, „wie der Grieche die Gelä nennt“ (Plin. VI. 11. und 16.), bewohnen das Gebirge von Gilan, ostwärts bis zum Amardusflusse (dem Kizil-Ozein oder Sefid-rud). Mannert hat sich über den Weg Parmenions vollkommen geirrt (Persien p. 132 sqq.). — 76) Dieser Paßweg liegt auf dem Wege von Kaswin nach Raescht; cf. Morier Voy. II. 26. — 77) Eben so Timur in diesen Gegenden; Chereffeddin VI. 21. p. 161. — 78) Arrian. III. 24. 3. Curt. VI. 5. 11. Die Barbaren, wird erzählt, bekamen bei einem Ueberfalle unter an-

 

270 In das Lager von Zadracarta zurückgekehrt, fand Alexander bereits die Griechischen Söldner, funfzehnhundert an der Zahl, mit ihnen Gesandte von Sparta, Athen, Chalcedon, Sinope, die, an Darius gesandt, seit Bessus Verrath sich mit den Griechen zurückgezogen hatten. Alexander befahl, daß von den Griechischen Söldnern diejenigen, welche schon vor dem Korinthischen Vertrage in Persischem Solde gewesen waren, ohne Weiteres entlassen, den anderen unter der Bedingung, daß sie in das Macedonische Heer einträten, Amnestie bewilligt werden sollte; Andronikus, der sich für sie verwendet hatte, erhielt den Befehl über sie. Die Gesandten anlangend entschied der König, weil Chalcedon und Sinope nicht mit in dem Hellenischen Bunde seien, überdies Gesandtschaften an den Perserkönig ihnen als ehemaligen Unterthanen desselben nicht zum Vorwurf gemacht werden könnten, ihre Gesandten sofort auf freien Fuß zu setzen; die Gesandten von Sparta und Athen dagegen, die offenbar verrätherische Verbindungen mit dem gemeinsamen Feinde aller Hellenen unterhalten hätten, festzunehmen und bis auf weiteren Befehl in Verwahrsam zu halten.

Demnächst brach Alexander aus dem Lager auf und rückte in die Residenz der Hyrkanischen Satrapie ein, um nach kurzer Rast die weiteren Operationen zu beginnen. –

Während dieser Vorfälle in Asien hatte in Europa das Glück der Macedonischen Waffen noch eine gefährliche Probe zu bestehen, es war der letzte Widerstand, der Griechischer Seits gegen Alexander versucht wurde; die Entscheidung war um so wichtiger, da Sparta, nach Athens Unterwerfung, nach Thebens Fall der namhafteste Staat Griechenlands, sich an die Spitze dieser Bewegungen gestellt hatte. Es ist bereits berichtet worden, daß König Agis im Herbst 333 mit der Persischen Flotte gemeinschaftlich zu operiren begann. Hätte damals Athen den Beschluß, hundert Segel in See gehen zu lassen, ausgeführt, und diese unter Anführung eines tüchtigen Feldherrn mit den Persern und Spartanern ge-

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deren des Königs Schlachtroß Bucephalus in ihre Gewalt, der König drohete mit der Ausrottung ihres ganzen Stammes, wenn sie das Pferd nicht zurückgäben; sie lieferten es schleunigst aus. Curt. Plut. etc.

 

271meinschaftlich agiren lassen, so wären bedeutende Erfolge zu erwarten gewesen. Aber damals war Demades aufgetreten, hatte dem Volke vorgestellt, daß, wenn es seine Schiffe ausrüsten wolle, es sich selbst das Geld zu Festschmaus und Dionysosfeier entzöge, und dadurch so viel erreicht, daß von Seiten Athens nichts geschah79). Die anderen Bundesstaaten wagten nicht, ohne Athens Vorgang die beschworenen Verträge zu brechen, und durch den Beistand einiger Tyrannen und Oligarchen auf den Inseln war die Persische Seemacht nicht im Stande gewesen, sich genug zu verstärken, um es gegen Amphoterus und Hegelochus auszuhalten. Dennoch wurde es in Griechenland nicht ruhig; weder die fortwährenden Siege Alexanders und seiner Admirale, noch die Nähe des bedeutenden Heeres, das der Reichsverweser in Macedonien unter den Waffen hielt, hatten die noch immer zahlreiche und einflußreiche Parthei der Mißvergnügten einzuschüchtern vermocht; unzufrieden mit allem, was geschehen war und noch geschah, und noch immer in dem Wahne, daß es möglich sei, die Demokratie im alten Sinne und Ansehen gegen die Uebermacht der Macedonischen Monarchie aufrecht zu erhalten, benutzten sie jede Gelegenheit, in der leichtsinnigen und leichtgläubigen Menge Misgunst, Besorgniß, Erbitterung zu nähren; Thebens unglückliches Ende war ein unerschöpflicher Quell zu Deklamationen, den Korinthischen Bundestag nannten sie eine schlechtberechnete Illusion; alles was von Macedonien ausging, selbst Ehren und Geschenke, wurde verdächtigt oder als Schmach für freie Staaten bezeichnet: man wolle nichts Anderes, als die Gesandten der einzelnen Staaten beim Bundestage selbst zu Werkzeugen der Macedonischen Despotie machen; die Einheit der Hellenen sei eher im Hasse gegen Macedonien als im Kampfe gegen Persien zu finden; ja die Siege über Persien seien für Macedonien nur ein Mittel mehr, die selbstständige Freiheit der Hellenischen Staaten auszurotten. Natürlich war die Rednerbühne Athens der rechte Ort, dieses Misvergnügen in unerschöpflichen Deklamationen zur Schau zu stellen; nirgends standen sich die beiden Partheien schärfer gegenüber; und das Volk, bald von Demosthenes, bald von

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79) Plut. praec. reip. ger.; cf. Boekh Staatshaushaltung I. 182. II. 246.

 

272 Demades und Aeschines beschwatzt, widersprach sich oft genug selbst in seinen souveränen Beschlüssen; während einer Seits Gesandte nach Macedonien gingen, um der Königin Mutter des Volkes Beileid wegen Ablebens ihres Bruders, des Epirotenkönigs Alexander, zu bezeugen80), stand man anderer Seits fortwährend mit dem flüchtigen Perserkönig in gesandtschaftlicher Verbindung, die nach dem Korinthischen Vertrage so gut wie offenbarer Verrath war; während die Athener mit dem Korinthischen Bundestage wetteifernd Glückwünsche und goldene Kronen für Alexander dekretirten, eiferte Demosthenes selbst gegen die Stellung des vertragsmäßigen Kontingentes, das ja leicht gegen Griechenland selbst gebraucht werden könne81). Indessen wurde trotz aller solcher Deklamationen von Seiten der Athener nichts gethan; und je exaltirter man von alter Hoheit und Freiheit sprach, desto tiefer versank das Volk in Leichtsinn und Baucheslust.

Mit dem Frühjahre 331 war die Persische Seemacht in den Hellenischen Gewässern verschwunden, die Tyrannen der Inseln, die sich zu den Persern gehalten hatten, wurden verjagt oder hingerichtet82), ein Macedonisches Geschwader unter Amphoterus segelte nach der Insel Kreta, die ein Jahr vorher von Agis Bruder besetzt war; Agis selbst, der sich bis zur Asiatischen Küste nicht ohne Glück vorgewagt hatte, war gezwungen, sich ganz auf das Hellenische Festland zu beschränken. Dennoch gab er seine Pläne nicht auf; er hatte einen bedeutenden Theil der Griechischen Söldner, die sich nach der Schlacht von Issus gerettet hatten, um sich versammelt, hatte auf dem Vorgebirge Tänarum einen förmlichen Werbeplatz eröffnet, hatte mit den Gleichgesinnten in anderen, namentlich Peloponnesischen Staaten Verbindungen angeknüpft, die den glücklichsten Fortgang versprachen, kurz er hatte mit solcher Umsicht und Kühnheit seinen Einfluß und seine Macht erweitert, daß die Gegner Macedoniens mit der sichersten Hoffnung auf ihn blickten.

Alexander wußte schon, als er von Tyrus aus nach dem obe-

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80) Aeschin. ct. Ctesiph. p. 439. — 81) Plut. X Orat. Demosth. — 82) Demosth. de foed. p. 192.

 

273ren Asien vorrückte, von diesen Bewegungen des Königs Agis; er begnügte sich damals, hundert Phönicische Schiffe nach Kreta abzusenden, die dann unter Amphoterus den Peloponnes beobachten sollten; er ehrte die Athenischen Gesandten, die ihm in Tyrus mit Glückwünschen und goldenen Kränzen entgegengekommen waren, und gab die am Granikus gefangenen Athener frei, um desto gewisser den Athenischen Staat in Unthätigkeit zu halten; er schien geflissentlich vermeiden zu wollen, daß es zwischen Macedonischen und Spartanischen Waffen zum offenbaren Kampfe käme, der bei der Stimmung vieler Städte gefährlich werden konnte; im Begriff, einen neuen und entscheidenden Schlag gegen Darius auszuführen, behielt er sich vor, den Eindruck desselben mit als Waffe gegen die Misvergnügten in Hellas zu benutzen. So mußte Antipater während des Jahres 331 ruhig die Rüstungen des Spartanerkönigs und dessen wachsenden Einfluß im Peloponnes mit ansehen, und sich begnügen, den Macedonischen Einfluß am Korinthischen Bundestage möglichst geltend zu machen, im Uebrigen die Bewegungen der feindlichen Parthei genau und stets gerüstet zu beobachten; er durfte die durch den Tod des Epirotenkönigs entstandenen Verwirrungen nicht benutzen, um seines Herrn Macht zu vermehren, und selbst den Unwillen und die bitteren Vorwürfe der Königin Olympias, die, wie es scheint, auf das Reich ihres Bruders Ansprüche machte, mußte er ruhig ertragen. Als aber jetzt Zopyrion, der Statthalter des unteren Donaulandes, bei einem Zuge gegen die Geten vollkommen geschlagen83) und mit dem größten Theile seines Heeres umgekommen war, als in Folge dieses Unglücks der Odrysische Fürst Seuthes Neuerungen versuchte und der Thracische Feldhauptmann Menon84), im Vertrauen auf seine Macht und

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83) Justin. XIII. 1. und 2. und Curt. X. 1. 44, der diese Begebenheiten zu spät setzt. — 84) Man darf ohne Bedenken den von Curtius (IX. 3. 21.) erwähnten Menon mit dem oben genannten für denselben halten. Der Thessalier Menon, der mit der antimacedonischen Linie des Epirotischen Königshauses verschwägert war, kann nicht gemeint sein, da ausdrücklich Thracien als der Ort des Aufstandes genannt wird. Unkundige haben diesen Feldhauptmann mit dem Rhodier Memnon vielfach verwechselt.

 

274 den Beistand des Seuthes und der Thracischen Völkerschaften, die er zu den Waffen rief85), dem Macedonischen Reichsverweser den Gehorsam aufkündigte, da war die Verbindung zwischen Asien und Macedonien gefährdet; Antipater mußte ins Feld rücken, und um jeden Preis die Empörung zu unterdrücken suchen86).

Indeß hatten die Bewegungen in Griechenland einen sehr ernsten Charakter angenommen; es war die Nachricht von der Schlacht von Arbela eingelaufen, sie mußte die Gegner Alexanders entweder zur Unterwerfung oder zur letzten Kraftanstrengung veranlassen. Alexanders Entfernung und der Thracische Aufstand begünstigten das kühnste Wagniß; noch durfte man wenigstens Subsidien von Darius erwarten, noch durfte Alexander nicht wagen, sein Heer, das kaum zur Besetzung des ungeheuren Weges hinreichen konnte, zu theilen, um Griechenland anzugreifen; zögerte man jetzt, so konnte der letzte Rest der Persischen Macht erliegen, so konnte man fürchten, daß Alexander an der Spitze eines ungeheuren Heeres wie ein zweiter Xerxes Griechenland überfluthen und zu einer Satrapie seines Reiches machen werde. Die fieberhafte Lebendigkeit des Volksgeistes, die exaltirten Deklamationen der demokratischen Redner, die alten Erinnerungen des Spartanischen Namens, die dem Zeitalter eigenthümlicht Lust am Uebertriebenen und Unglaublichen, Alles vereinte sich, eint Eruption hervorzubringen, die für die Macedonische Monarchie verhängnißvoll werden konnte. Ein glückliches Gefecht des Agis gegen Korragos gab das Zeichen zu einem Aufstande, der sich plötzlich über den ganzen Peloponnes und den größten Theil von Hellas verbreitete; Elis vereinte sich mit Sparta, die Arkadier, die Achäer fielen von dem Korinthischen Bunde ab87), über den Peloponnes hinaus wiederholten sich die Bewegungen, die Aetolier zerstörten die Stadt der Oeniaden wegen ihrer Anhänglichkeit an Alexander, die Thessalier und Perrhäber waren in der heftigsten Aufregung; nur

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85) Polyaen. IV. 1. 4. — 86) Diod. XVII. 63. — 87) Von den Achäern blieb nur Pallene treu (Aeschin. adv. Ctesiph. p. 438.), obschon es damals noch nicht unter der Herrschaft Chärons gestanden zu haben scheint, da dessen im Katalog bei Demosth. de coron. p. 291. keine Erwähnung geschieht. Messenien stand unter der Tyrannei der beiden Söhne des Philiades, Demosth. de foed. p. 192; cf. Dinarch. p. 156.

 

275 Athen blieb ruhig, selbst Demosthenes schwieg wider seine Gewohnheit; man freute sich der Standbilder der Befreier Harmodius und Aristogiton, die Alexander eben jetzt aus Susa der Stadt sandte. Desto eifriger war Agis; schon war ein Heer von mehr als zwanzigtausend Mann Fußvolk und zweitausend Reutern bei einander 88), es rückte gegen Megalopolis, die einzige Stadt Arkadiens, welche aus edler Dankbarkeit gegen das Macedonische Königshaus standhaft in der Treue blieb. Die Stadt wurde belagert; sie vertheidigte sich lange und tapfer, sie schien der Uebermacht doch endlich erliegen zu müssen, mit jedem Tage erwartete man ihren Fall; da kam die Nachricht, daß ein Macedonisches Heer über den Isthmus rücke. Denn Antipater hatte, sobald er von dem Aufruhr in Griechenland erfuhr, mit Menon einen Vertrag abgeschlossen, und war dann so schnell als möglich nach dem Peloponnes aufgebrochen; die Aufregung, die überall herrschte, hatte seine Rüstungen bedeutend verzögert, und selbst von manchen verbündeten Staaten wagte er nicht Hülfstruppen mit ins Feld zu nehmen 89). Endlich, nachdem er im schnellen Durchzuge die Bewegungen in Thessalien unterdrückt und die Contingente der zuverläßigsten Bundesstaaten an sich gezogen hatte, kam er mit einem Heere von etwa vierzigtausend Mann im Peloponnes an. Er eilte Megalopolis zu entsetzen; bald trafen sich die Heere zu einer Schlacht; die Spartaner kämpften ihres alten Ruhmes würdig, die Uebermacht Antipaters war zu groß, Agis, mit Wunden bedeckt, von allen Seiten eingeschlossen, erlag endlich dem Andrang; er fiel fechtend; Antipater hatte, wenn auch mit bedeutendem Verlust, einen vollständigen Sieg errungen 90).

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88) Die angegebenen Zahlen finden sich bei Diodor, scheinen aber zu gering, da nach Dinarchs nicht unwahrscheinlicher Angabe allein zehntausend Söldner im Heere waren. — 89) Frontin. II. 11. 4. — 90) Ueber die Zahl der Todten haben Diodor und Curtius abweichende Angaben; Spartanischer Seits sollen mehr als fünftausend Mann gefallen sein; die Tapferkeit, die sie in dieser lange schwankenden Schlacht bewährten, macht es wahrscheinlich, daß Diodors Angabe, die Macedonier hätten mehr als dreitausend Todte gezählt, richtiger ist als die des Curtius mit ihrer ungewissen Lesart. Ueber den Ort der Schlacht ist keine sichere Angabe vorhanden; indeß scheint sie in

 

276 So stürzte die letzte Macht zusammen, die den Namen der Hellenischen Freiheit gegen Macedonien vertreten und retten zu wollen vorgab; man muß gestehen, daß diese Schlacht, wenn je eine andre ein rechtes Gottesurtheil, der Parthei den Untergang gebracht hat, welche unfähig der alten Eifersucht und der alten kleinlichen Ansichten los zu werden, das große Werk des Hellenischen Lebens durch heimlichen und offenbaren Verrath geschändet hatte. Denn Verrath an der Griechischen Sache war jene Weigerung Sparta’s am Korinthischen Bunde Theil zu nehmen, um hinterdrein, wenn Alexander in Persien kämpfte, mit dem Erbfeinde von Hellas verbündet ihn hinterrücks zu gefährden; doppelter Verrath war der Abfall der Peloponnesier, die trotz der beschworenen Bündnisse sich mit den Feinden Alexanders verbanden. Nur der Sieg kann solchen Verrath rechtfertigen; und die Spartaner hätten gesiegt, wenn sich

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der Nähe von Megalopolis geliefert zu sein; wenigstens darf man sich nicht durch Pausan. VIII. 10. 4. und sonst, zu der Vermuthung verleiten lassen, daß die Schlacht vor Mantinea geliefert sein möchte; denn Pausanias verwechselt nicht Agis III. und Agis IV., sonde[r]n erzählt nur etwas Verkehrtes von Agis IV. Noch schwieriger ist die Zeitbestimmung dieser für Griechenland so verhängnißvollen Schlacht. Wenn sie nach Plutarch und Dionys. ep. ad Ammaeum cp. 12. (p. 746) gleichzeitig mit der Schlacht von Arbela, nach Curtius sogar vor derselben geliefert wäre, so würde Alexander nicht aus Susa Geld an Antipater zum Spartanerkriege (Arr. III. 16.) gesendet haben. Aeschines sagt in seiner Rede gegen Ctesiphon, daß eben Agis besiegt sei, daß demnächst Spartanische Gesandten an Alexander gehen würden, daß die Pythien in wenigen Tagen beginnen würden, ein Fest, das in jedem dritten Olympiadenjahr, und zwar im September (nicht in Frühling, wie Boeckh gemeint hat) gefeiert wurde, v. Clinton fast Hell. Excurs. 1. Die Rede wurde Ol. 112. 3. unter dem Archen Aristophon gegen Herbst des Jahres 330 gehalten; und da die Schlacht unter demselben Archon vorfiel, so gehört sie in die ersten Monate dieses Olympiadenjahrs, in den Sommer 330. Agis Vater, Archidamus, war am Tage der Schlacht von Chäronea (2. Aug. 338) gefallen, von da an datirt Agis Herrschaft; wenn nun Diodor sagt, daß er 9 Jahre regiert habe, so kann dieß nur heißen, er sey im 9ten Jahre seiner Regierung, die mit dem August 330 begann, also zwischen diesem und dem Anfang der Pythien gefallen.

 

277 die Hellenen vereint hätten, für die Freiheit ihrer Väter zu kämpfen; die Zeit war günstiger als je; aber Gewinn, Genuß, Zerstreuung war das Einzige, was die Gemüther fesselte, Griechenland zersplittert, verwildert, entnervt, der Freiheit nicht mehr werth noch fähig; so offenbarte sich, daß dies zersplitterte Einzelleben der kleinlichen Staaten, das unter dem Reiz alter theurer Namen Ohnmacht und Entartung barg, in den Zusammenhang eines größeren staatlichen Verbandes untergehen mußte. Man muß die Mäßigung und Vorsicht der beiden Macedonischen Könige bewundern, daß sie verschmähten, die wiederholentlich besiegten Griechen zu Unterthanen ihres Reiches zu machen, und daß sie vielmehr die schonendste und freieste Form fanden, die demokratischen Städte für die Monarchie zu gewinnen. Jener Bundestag von Korinth, der den Staaten ihre Freiheit als städtische Freiheiten ließ und für sich nur die Befugniß, die allgemeinen Angelegenheiten in Uebereinstimmung mit Macedonien zu leiten, in Anspruch nahm, war in der That das sicherste, wenn auch nicht kühnste oder schnellste Mittel, der Zersplitterung Griechenlands Einheit und Richtung, die steten Vorzüge der Monarchie, zurückzugeben; nur daß dies von Außen Gegebene in dem erschöpften Leben Griechenlands keine neuen Entwickelungen mehr zu erwecken vermocht hat.

Mit jenem Siege Antipaters war die Beruhigung Griechenlands vollendet; Eudamidas, des erschlagenen Königs jüngerer Bruder und Nachfolger, rieth selbst, obschon sich die Bundesgenossen mit nach Sparta zurückgezogen hatten und noch eine bedeutende Streitmacht bildeten, keinen weiteren Widerstand zu versuchen 91); es wurde an Antipater gesendet und um Friede gebeten. Dieser forderte funfzig der edelsten Spartaner als Geißeln und verwies den Antrag an den Bundestag nach Korinth; der Bundestag erklärte sich nach vielfachen Berathungen für incompetent, und beschloß die Entscheidung dem Macedonischen Könige anheimzustellen, worauf Spartanische Gesandte nach dem obern Asien abgingen. Wenn schon nicht genauer berichtet wird, wie sie der König beschieden habe, so ist doch aus allen Umständen zu vermuthen, daß er fortan den Beitritt Sparta’s zum Griechischen Bunde forderte; in der Verfassung

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91) Plut. apophth.

 

278 und dem Gebiet des Heraklidischen Königthums wurde nichts geändert; bis auf wenige Häupter der antimacedonischen Parthei wurden auch die Bundesgenossen der Spartaner begnadigt, als Strafe aber ihnen eine Geldbuße von hundertundzwanzig Talenten an die treue Stadt Megalopolis zu zahlen auferlegt 92).

Von jetzt an traten die Verhältnisse Griechenlands in den Hintergrund, die einzelnen Städte wetteifern den Macedonischen König mit Ehren zu überhäufen, und der unermüdliche Aerger des Demosthenes findet in Athen, in Griechenland kaum noch einen Anklang; dem leichten Sinn des Volkes hat sich eine neue Welt erschlossen, die heimkehrenden Krieger bringen aus dem Morgenlande unermeßliche Beute, Wundermährchen, neue Genüsse und Ansprüche mit in die Heimath; die Jugend des Landes sucht Ruhm, Beute, Genuß im Dienst des siegreichen Königs oder vergeudet ihre Kraft daheim in Studien, Schwelgereien und Privatintriguen; kurz das Griechische Leben, bis zur Zeit Alexanders in gleichförmiger, wenn auch oft heftiger Entwickelung gereift, bricht auf und zerstreut sich in den endlosen Möglichkeiten persönlichster Interessen, Leidenschaften und Fähigkeiten, in diesem Trouble wüster und unnatürlicher Verhältnisse, in dem die menschliche Gesellschaft nie aufhören wird, sich ihrer höchsten Vollkommenheit am nächsten zu glauben.

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92) Curt. VI. 1. Diod. XVII. 73.

 

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279 Sechstes Kapitel.

Der Feldzug in Ariana und Turan.

 

Um die Zeit der Spartanischen Niederlage stand Alexander in Hyrkanien, am Nordabhange jenes Gebirgwalles, der Iran und Turan von einander scheidet, vor ihm die Wege nach Baktrien und Indien, nach dem unbekannten Meere, das er jenseits beider Länder als Grenze seines Reiches zu finden hoffte, hinter ihm die Hälfte des Perserreichs, und Hunderte von Meilen rückwärts die Hellenische Heimath. Er wußte von Agis Kämpfen, vom Abfall der Peloponnesischen Staaten, von der unsichern Stimmung im übrigen Griechenland, welche die Alternativen des Kriegsglückes doppelt gefährlich machte; er kannte die Macht seines Gegners und dessen Vorsicht, dessen Thätigkeit. Und doch ging er weiter und weiter gen Osten, ohne Unterstützung an Antipater abzusenden oder günstige Nachrichten abzuwarten. Wenn nun Agis gesiegt hätte? oder trotzte Alexander auf sein Glück? verachtete er die Gefahr, der er nicht mehr begegnen konnte? wagte er nicht, um Griechenland zu retten, die Königsmörder mit halb soviel Truppen zu verfolgen, als zu den Siegen von Issus und Arbela hingereicht hatten? Nichts von alle dem; einst war freilich Griechenlands Ruhe und die Anerkenntniß der Macedonischen Hegemonie die wesentliche Grundlage seiner Macht und seiner Siege gewesen; jetzt garantirten ihm seine Siege die Ruhe Griechenlands, und der Besitz Asiens die Anerkenntniß einer Hegemonie, die ihm streitig zu machen mehr thöricht als gefährlich gewesen wäre. Unterlag Antipater, so waren die Satrapen in Lydien und Phrygien, in Syrien und Aegypten bereit, nicht Erde und Wasser, wohl aber Genugthuung für Treubruch und Verrath im 280 Namen ihres großen Königs zu fordern; und wahrlich diese Freiheitsliebe der Misvergnügten, dies zweideutige Heldenthum der Bestechung und Verrätherei hätte kein Marathon gefunden.

So durfte der König unbekümmert um die Bewegungen in seinem Rücken seine großen Pläne weiter verfolgen. Durch den Besitz der Kaspischen Pässe, durch die Besatzungen, die am Eingange des Medischen Paßweges in Ekbatana zurückgeblieben waren, durch die mobile Kolonne, welche die Linie des Tigris beherrschte, war Alexander, wennschon durch einen Doppelwall von Gebirgen vom Syrischen Tieflande getrennt, doch in so vollkommen sicherer Verbindung mit den fernsten Provinzen seines Reiches, daß er unbekümmert die große Länder- und Völkergrenze der Hyrkanischen Gebirge zum Ausgangspunkt neuer und kühnerer Unternehmungen machen konnte, denen die Verfolgung der Königsmörder Namen und Richtung geben sollte.

Nachdem Alexander seinem Heere einige Rast gegönnt, nach Hellenischer Sitte Festspiele und Wettkämpfe angestellt und den Göttern geopfert hatte, brach er aus der Hyrkanischen Residenz auf. Er hatte für den Augenblick etwa zwanzigtausend Mann zu Fuß und dreitausend Reuter1) um sich, namentlich die Chiliarchien der Hypaspisten, deren tapferer General Nikanor, Parmenions Sohn, nur zu bald einer Krankheit unterliegen sollte, ferner die Phalangen Kraterus, Amyntas, Könus und, wie es scheint, Perdikkas 2), endlich die gesammte Macedonische Ritterschaft unter Führung des Philotas, dessen Vater Parmenion den höchst wichtigen Posten in Ekbatana befehligte; von leichten Truppen hatte Alexander die Schützen und Agrianer bei sich; während des Marsches aber sollten nach und nach die andern Corps wieder zur großen Armee stoßen, und namentlich Klitus die beiden Phalangen Meleager und Polysperchon, so wie später Parmenion selbst die leichten Truppen, mit denen er zurückgeblieben war, nachführen 3). – Das nächste Ziel der weiteren Bewegungen sollte Baktra, die Haupt-

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1) Plut. Alex. c. 47. — 2) Curt. VI. 8. 17. — 3) Die Erzählung des Curtius von dem Mismuth, dem Heimweh, der durch Alexanders Rede wiedererweckten Kampflust des Heeres ist natürlich übergangen worden, da man aus Plut. l. c. sieht, was an der ganzen Geschichte Wahres und Wichtiges ist. Noch widerwärtiger sind die ewigen Wiederholungen des Curtius über Alexanders moralische Verschlechterung, die er

 

281stadt der Baktrianischen Satrapie sein; denn dorthin, wußte Alexander, hatte sich Bessus mit seinem Anhange zurückgezogen, dorthin sollten sich alle, die es mit der Altpersischen Sache hielten, versammeln, um sich noch einmal dem Macedonischen Eroberer, wenn er über die Hyrkanischen Gebirge hinaus vorzudringen wage, entgegenzustellen. So konnte Alexander hoffen, mit schnellem Vorrücken an den Ufern des Oxus die letzte namhafte Heeresmacht, die ihm den Besitz der Persischen Herrschaft stören konnte, zu treffen und zu vernichten, um darnach den weiteren Gang seiner Operationen zu bestimmen. Er folgte zunächst der großen Heerstraße, die von Hyrkanien aus am Nordabhange des Gebirgs entlang nach Baktrien führte; zwar blieben auf diese Weise die Arianischen Satrapien des Persischen Hochlandes noch unberührt und außer dem Bereich seiner Macht; indeß war von ihnen aus wohl keine Gefahr zu befürchten; von Medien und Persien durch die Karamanische Wüste, von dem Turanischen Tieflande durch die unwirthbaren Klippenzüge Korassans und den rauhen Paropamisus getrennt, ostwärts Indischen Völkern benachbart, schienen sie für den Zusammenhang späterer Unternehmungen aufbewahrt werden zu können. Demnach zog Alexander von Hyrkanien aus durch den nördlichen Theil Parthiens, durch den Landstrich der Satrapie Aria, welcher unmittelbar an die Turanischen Steppen grenzt; unweit der Grenze, in der Stadt Susia 4) kam der Satrap des Landes Satibarzanes in das

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von dieser Zeit her datirt und die der Prüderie der Römischen Kaiserzeit eben so sehr zusagte, wie sie noch heut zu Tage das beliebteste Schulthema zu Deklamationen gegen den größten Helden Griechenlands abgiebt. Für den Anekdotenliebhaber ist noch anzuzeigen, daß das berühmte Beilager Alexanders mit der Amazonenkönigin Thalestris, der Kaidasa der Morgenländer, von einigen in diese Zeit gesetzt wird. Die schöne Liebesgeschichte von Zariadres und Odatis anlangend (Chares X. bei Athen. XIII. p. 575) verweise ich auf die Sage von Gustasp und Kattyun bei Malcolm Geschichte Persiens, übersetzt von Spazier I. p. 44.; die Geschichte und der Name Zari-adres gehört der Gegend von Sara, Zadra-carta (s. o. p. 265) oder Ζάρις (Ctesias apd. Phot. 43. a. 30.) an. — 4) Ueber die Lage der Stadt so wie über die Richtung des ganzen Zuges sind die seit St. Croix verbreiteten Ansichten sehr unrichtig, und allerdings ist es schwierig, hier ein sicheres Resultat zu finden.

 

282 Lager, sich und das Land dem Könige zu unterwerfen und zugleich wichtige Mittheilungen über Bessus zu machen 4a). Satibarzanes blieb im Besitz seiner Satrapie; sechzig Mann von den reitenden Bogenschützen, unter Führung des Anaxippus aus den Edelschaaren, wurden zurückgelassen, um das Land, wenn die folgenden Kolonnen

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Im Allgemeinen ist klar, daß Alexander, da er nach Baktrien eilte, den nächsten Weg, und, da er zugleich occupiren wollte, nicht schon gemachte Wege nahm; gewiß also ist er nicht über Damaghan rückwärts gegangen, um dann auf der Straße von Korassan über Nischapur zum Ochus, Margus und Oxus zu gelangen. Die Straße, welche Isidor bezeichnet, führt über die Stadt Nisae, ohnweit des Ochus, mit uralten Heiligthümern; „Stadt Nessa“ oder Scheher Nessa nennen sie die Morgenländer, sagen, daß sie am Saume der Wüste Kivac, nicht weit von Abiverd und Seraks (s. Bakui in den Not. et Extr. des Msc. du Roi. II. p. 499) und unter 38° 45' und 93° 20' (bei uns 75° 50') liege (s. Chereffeddin II. c. 48. p. 371. c. not.). Daß nicht Nischapur das Nisäa der Alten sein kann, ist daraus klar, weil diese Stadt, die Alexander zerstört haben soll, früher den Namen Aber Scheher führte und erst unter den Sassaniden wieder erbaut den neuen Namen Nischapur, d. i. „Rohrschapur“ erhielt (s. Herbelot bibl. or. III. p. 71. Malcolm 1. 79.). – Nehmen wir nun an, daß Alexander dem Wege über Nessa oder Nisäa, das nach Strabo XI. 427. in der Regel noch zu Hyrkanien gerechnet wurde, folgte, so muß er sich von hier aus südöstlich gewendet haben, um durch Parthisches Gebiet (Arrian) und durch die Sariphischen Berge nach Susia zu kommen. Dieser Name scheint unfehlbar auf Thus, die uralte Stadt des Dschemschid, die in neuerer Zeit Mesched genannt worden ist, hinzuführen (s. Herbelot III. p. 499.). Thus liegt nach Ulug Beg 37° 0' und 92° 30' (bei uns 75°), eben so hat Nasser Etus. (beide in Hudson geogr. min. III. p. 109 und 141); dagegen hat Fraser (app. p. 136) 59° 35' bis 44' (Greenw.), das ist etwa 77° 25' unserer Karte, und diese Messung scheint richtiger zu sein. – Alexanders Weg nach Baktrien hin war nun derselbe, den Timur unzählige Male gemacht hat, über Seraks, den Murgab gen Ankei (s. Fraser app. p. 44. Meyendorf voy. p. 143 sqq.). Auf diesem Wege gründete der König die Stadt Alexandria Margiana, später Antiochia (Plin. VI. 16.), die man nach der Richtung des Marsches, nach der Beschreibung bei Strabo XI. p. 438. Plin., Isidor, und nach der morgenländischen Tradition (s. Herbelot II. p. 609) für dieselben mit Merv al Rud (ἔνυδρος bei Isidor.) halten muß. — 4a) Curt. VI. 6. 13.

 

283 des Macedonischen Heeres diese Gegend durchzögen, vor jeder Art von Beeinträchtigung zu bewahren; eine Uebereinkunft, welche, vielleicht mehr zur Sicherung der Heerstraße gegen Ueberfälle der Arier geschlossen, deutlich genug zeigte, daß Alexander unter der Form einer Oberherrlichkeit, die nicht viel bedeutete, den mächtigen Satrapen in der Flanke seines Marsches zunächst nur in Unthätigkeit halten wollte, um seinen Zug nach Baktrien sicher vorsetzen zu können. Denn schon hatte Bessus, wie Satibarzanes eröffnete und mehrere der Perser, welche aus Baktrien nach Susia kamen, bestätigten, die Tiara, den Königsmantel, den Titel König von Asien, den Königsnamen Artaxerxes angenommen, hatte viele Schaaren flüchtiger Perser und eine bedeutende Zahl Turanischer Fürsten versammelt, und erwartete Hülfsheere aus den nahen Scythischen Landschaften.

So rückte denn Alexander auf dem Wege nach Baktra vor; sein Heer, etwa dreiundzwanzigtausend Mann stark, wurde durch einige hundert Mann schwerer Reuterei, die der Reutergeneral Philippus aus Ekbatana nachführte, verstärkt, unter diesen die Thessalier, welche von Neuem Dienst genommen hatten 4b). Der König hoffte an der Spitze seines trefflichen Heeres und mit der ihm gewöhnlichen Schnelligkeit den Baktrischen Usurpator binnen Kurzem zu überwältigen. Und schon war er den Grenzen von Baktrien nahe, da liefen höchst beunruhigende Nachrichten aus Aria ein: Satibarzanes habe treuloser Weise die Macedonischen Posten überfallen und sämmtliche Macedonier nebst ihrem Führer Anaxippus erschlagen, das Volk seiner Satrapie zu den Waffen gerufen, Artacoana, die Königsstadt der Satrapie, sei der Sammelplatz der Empörer; von dort aus wolle der treubrüchige Satrap, sobald Alexander aus dem Bereich der Arischen Berge sei, sich mit Bessus vereinigen, und die

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4b) Nach Curtius VI. 6. 36. kamen fünfhundert Griechische, dreitausend Illyrische, einhundertdreißig Thessalische, dreihundert Lydische Reuter, zweitausendsechshundert Mann Lydisches Fußvolk; die Angabe ist der Uebertreibung verdächtig. Arrian sagt: „Alexander zog auf Baktria los, indem er bereits seine ganze Macht bei sich hatte; auf dem Wege stieß Philipp aus Ekbatana zu ihm.“ Offenbar waren die Truppen in verschiedenen Marschcolonnen nach Susia gekommen, und sie mögen die Hauptstraßen durch die Berge von Korassan durchzogen haben.

 

284 Macedonier, wo er sie träfe, mit dem neuen König Artaxerxes Bessus gemeinschaftlich angreifen. Alexander konnte sich nicht verhehlen, daß solche Bewegungen in der Flanke seiner Marschroute von der größten Gefahr sein konnten; von Arien aus konnte er gänzlich abgeschnitten, von dort aus der Usurpation des Bessus vielfache Unterstützung zu Theil werden; unter solchen Verhältnissen den Zug gegen Baktrien fortzusetzen, wäre tollkühn gewesen; und selbst auf die Gefahr hin, dem Usurpator Zeit zu größeren Rüstungen zu lassen, mußte er den Operationsfehler, die ganze Flanke seiner Bewegungen einem verdächtigen Bundesgenossen anvertraut zu haben, schnell und entschieden wieder gut zu machen und das gesammte Gebiet in der Flanke selbst erst zu unterwerfen suchen, um in ihr eine sichre Operationsbasis gegen das Tiefland von Turan zu gewinnen. Demgemäß änderte der König seinen Kriegsplan; er gab die Verfolgung des Bessus und die Unterwerfung des Baktrischen Landes für jetzt auf, um sich des Besitzes von Aria und der übrigen Arianischen Länder zu vergewissern und von dort her die unterbrochenen Unternehmungen gegen den Usurpator mit doppelter Sicherheit fortsetzen zu können. An der Spitze zweier Phalangen, der Bogenschützen und Agrianer, der Edelschaaren und reitenden Schützen brach der König eiligst gegen den empörten Satrapen auf, während das übrige Heer unter Kraterus an Ort und Stelle lagerte. Nach zwei höchst angestrengten Tagemärschen stand Alexander vor der Königsstadt Artacoana 4c), er fand Alles in heftiger Bewegung; Sati-

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4c) Die Lokalitäten dieser Gegend sind nicht genau zu bestimmen. In keinem Falle ist Artacoana (über die Schreibung des Namens s. van der Chys Comment. p. 77) das heutige Herat; die Schilderung in Curtius, die hier, wie gewöhnlich, richtige Lokalfarbe trägt, bezeichnet deutlich, daß es in einem gen Norden, nicht wie Herat in einem gen Westen streichenden Thale lag; und daß das Hauptland der Arier in einem nordwärts gewandten Flußthale lag, erhellt aus Strabos Aeußerung, das Land sei zweitausend Stadien lang und in der Ebene dreihundert Stadien breit. Nach Ptol. VI. 17. liegt Articaudna um 40' westlicher und 10' nördlicher als Alexandria Arion oder Herat; indeß ist der Breitenabstand ohnfehlbar zu gering, da Alexander auf dem Wege gen Baktra nur zwölf Meilen von dieser Burg entfernt stand; daher paßt weder Ghourian noch Fuscheng.

 

285barzanes, durch den unerwarteten Ueberfall bestürzt und von dem zusammengebrachten Kriegsvolk verlassen, war mit wenigen Reutern über die Gebirge zum Bessus entflohen; die Arier hatten voll Furcht vor dem zürnenden König ihre Ortschaften verlassen und sich in die Berge geflüchtet; Alexander warf sich auf sie, dreizehntausend Bewaffnete wurden umzingelt und theils niedergehauen, theils zu Sklaven gemacht. Dies schnelle und strenge Gericht unterwarf die Arier; dem Perser Arsames wurde die Satrapie anvertraut 5).

Das Land der Arier ist bis auf den heutigen Tag eins der wichtigsten Gebiete von Iran, es ist das Passageland zwischen Iran und Ariana, und wo der Ariusstrom seinen Lauf plötzlich nordwärts wendet, dort kreuzen sich die großen Heerstraßen aus Hyrkanien und Parthien, aus Margiana und Baktrien, aus dem Oasengebiet von Sejestan und dem Stufenland des Kabulstromes; eine Macedonische Kolonie, das Arische Alexandrien, wurde an dieser wichtigen Stelle gegründet, und noch heut lebt unter dem Volke von Herat die Erinnerung an Alexander, den Gründer ihrer reichen Stadt 6).

Von hier aus hätte das Heer gerade ostwärts auf der großen Straße gen Ortospana zur großen Königsstraße und den Eingangspässen von Baktrien marschiren können; indessen lag südwärts von diesem Wege die große Satrapie des Barsaentes, der namentlich bei dem Königsmorde thätig gewesen war; das Beispiel des Arischen Satrapen war zu schlagend, als daß Alexander nicht auf alle Weise einer Gefahr hätte vorbeugen sollen, die um so größer werden konnte, da Barsaentes fast das ganze Arianische Gebiet, mit Ausschluß der Arier selbst, inne hatte. Deshalb wandte sich Alexander, sobald Kraterus mit den übrigen Truppen wieder zu ihm gestoßen war, südwärts, um die einzelnen Distrikte dieses damals

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5) Arrian. III. 25. — 6) Strabo. Plin. Herbelot II. pag. 240. St. Croix p. 822. u. A. Ammian Marcell. XXIII. 6. sagt, daß man von Alexandrien aus in das Caspische Meer schiffe; die Entfernung von eintausendfünfhundert Stadien, die er angiebt, ist zu gering, doch das Faktum wohl nicht zu bezweifeln, da einerseits Strabo angiebt, Hyrkanien werde von dem Ochus bis zu seiner Mündung hin durchflossen und Nisäa liege an dem Fluß, andrerseits Ptolemäus die beiden Mündungen Ochus und Oxus genau bezeichnet (s. u.). Arrian. IV. 6. scheint den Margus und Arius zu verwechseln.

 

286 reichen und wohlbevölkerten Landes zu unterwerfen. Barsaentes wartete seine Ankunft nicht ab, sondern flüchtete sich über die Ostgrenze seiner Satrapie zu den Indiern, die ihn späterhin auslieferten. Alexander rückte im Thale des Flusses von Furrah in das Land der Zaranger oder Dranger hinein, deren Hauptstadt Prophthasia 7) sich ohne weitres ergab. Südwärts von den Zarangern wohnten in den damals noch nicht versandeten Fruchtebenen des südlichen Sejestans die Ariaspen oder, wie die Griechen sie nannten, Euergeten 8), ein friedliches, ackerbautreibendes Volk, das, seit uralten Zeiten in diesem „Frühlingslande“ heimisch, jenes stille, fleißige

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7) Arrian nennt diesen Namen nicht, doch ist er für die Zarangerhauptstadt mit Recht angenommen worden. Die Lage ist die des heutigen Furrah, dessen Entfernung von Herat bei Pottinger einhundertzwanzig Meilen und genau entsprechend bei Plinius 119 M. R. oder 952 Stadien (nicht 1500 oder 1600, wie Strabo hat) die Identität des alten Prophthasia erweiset. — 8) Ueber die Euergeten sind die Stellen von den Erklärern zu Curt. VII. 3. gesammelt; ihr früherer Name war Ari-aspen (Roß-Arier), ihre Wohnsitze waren vom Flusse Etymander (Hindmend) durchströmt (Arrian. IV. 6.); dieser fließt in einem nicht breiten Klippenthale, durch die Wüste hinab, und erst, wo er dem Ariussee naht, treten die steilen Klippen zurück und öffnen ein fruchtbares und schönes Gelände, in dem sich noch heute Ruinen von mehreren sehr großen Städten, von Kanalbauten und Wasserleitungen befinden; hier dürften die Sitze der Ariaspen zu finden sein. Es ist merkwürdig, daß der Fluß von Drangiana nach Ptolemäus Angabe sich in den Indischen Ocean ergießt, merkwürdig darum, weil sich noch jetzt von der Gegend von Dergasp (Roßthor) aus, wo der Ueberhand nehmende Flugsand den großen Hindmend heute gen Westen zu strömen zwingt, die Spuren eines mächtigen Flußbettes durch die Wüste hinab bis an das Indische Meer verfolgen lassen. Jene Gegend hat mit der alten Kultur ihre ehemalige Physiognomie bis zur Unkenntlichkeit verloren; wenn Arrian sagt, daß der Etymander nicht kleiner sei als der Peneus in Thessalien, so kann das nicht genau auf den Hindmend passen, der selbst in seiner heutigen Größe der Elbe nichts nachgiebt. Es ist möglich, daß der Etymander der Furrahrud oder Kaschrud war, und sich erst bei dem Versanden jener einst schönen Gegenden mit dem großen Flusse von Arachosien (Arachotus; die Zendavesta unterscheidet die Landschaft Heetomeante und Arrochaodschi 1. 2. 350.) vereinigte.

 

287 und geordnete Leben führte, welches in der Lehre des großen Zerdutsch mit so hohem Preise geschildert wird. Alexander ehrte ihre Gastfreundlichkeit auf vielfache Weise; es war ihm offenbar von dem wesentlichsten Interesse, dies wohlhabende und oasenartige Ländchen in Mitten der hohen Arianischen Steppen sich möglichst geneigt zu wissen; ein längerer Aufenthalt unter diesen Stämmen, eine kleine Erweiterung ihres Gebietes, die sie längst gewünscht hatten, die Aufrechterhaltung ihrer alten Gesetze und Verfassung, die denen der gebildetsten Griechischen Städte in keiner Weise nachzustehen schienen, endlich ein Verhältniß zum Reiche, das jedenfalls unabhängiger war als das der andern Satrapien, das etwa waren die Mittel, mit denen Alexander das merkwürdige Volk der Ariaspen, ohne Kolonien unter ihnen zurückzulassen oder Gewaltsmaaßregeln zu brauchen, für die neue Ordnung der Dinge gewann 9). – Nicht minder friedlich zeigten sich ihm die Stämme der Gedrosier, deren Gaue er bei weiterem Marsch berührte 9a). Ihre nördlichen Nachbarn, die Arachosier, unterwarfen sich; ihre Wohnsitze erstreckten sich bis in die Paßgegend, welche in das Gebiet der zum Indus strömenden Flüsse hinüberführt; drum gab Alexander diese wichtige Satrapie dem Macedonier Menon, stellte viertausend Mann Fußvolk und sechshundert Reuter unter seinen Befehl 10), und befahl jenes Arachosische Alexandrien zu gründen, das an dem Eingange

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9) Nach Curtius erhielten sie den Geheimschreiber des Darius, nach Diodor mit den Gedrosiern gemeinschaftlich den Tiridates zum Satrapen, nach Arrian blieben sie frei; zu entscheiden ist unmöglich; indeß erscheinen späterhin gewöhnlich die Satrapien Arachosien und Gedrosien einerseits, Aria und Drangiana andrerseits vereinigt; und nach Curt. IX. 10. 20. zu schließen erhielt der Satrap von Arachosien die im Text genannten Gedrosier mit unter seinen Befehl. Die Dranger (Drangianer) und Zaranger sind zuverlässig dasselbe Volk; die Angaben Strabos über die Sitze aller dieser Volksstämme sind so genau, daß man über die Lage derselben nicht zweifeln kann. — 9a) Alexander scheint hier eine Stadt seines Namens gegründet zu haben, wenigstens giebt Isidor in dieser Gegend (zu seiner Zeit Sacasene, bei Ptol. Tatacene), eine Alexanderstadt an; ich weiß sie nicht genauer zu lokalisiren, da ich Scanderi bei Waihend, wohin sie D’Anville verlegt hat, auf neueren Karten vergebens suche. — 10) Curt. VII. 3. 5.

 

288 der Pässe 11) belegen und bis auf den heutigen Tag eine der blühendsten Städte jener Gegend, in dem neueren Namen das Andenken ihres Gründers bewahrt hat 12). Aus dem Arachosischen Lande rückte das Macedonische Heer unter vielen Beschwerden, denn schon war der Winter gekommen und bedeckte die Berggegenden mit tiefem Schnee, in das Land der Paropamisaden, des ersten Indischen Volksstammes, den es auf seinem Zuge fand 13); nordwärts von diesem erhebt sich der Indische Kaukasus, über den der Weg in das Land des Bessus führte; aber die strenge, schneereiche Winterkälte zwang den König zu rasten, bis die Straßen wieder auf waren.

So etwa die Märsche, mit welchen Alexander in den letzten Monaten des Jahres 330 sein Heer von dem Nordsaume Korassans bis an den Fuß des Indischen Kaukasus führte. Voll Mühseligkeit und arm an kriegerischem Ruhm sollte diese Zeit durch ein Verbrechen eine traurige Berühmtheit erlangen; es galt nichts Geringeres, als den König mitten in seinen Siegen zu ermorden, man rechnete auf die Stimmung des Heeres, und allerdings hatten sich mannigfache Verhältnisse ergeben, in denen Erwartungen getäuscht und Besorgnisse wahr geworden sein mochten.

Es hatte Alexander, in dem sich zunächst und allein die Einheit

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11) Es sind die Pässe von Kelat und Urghundab (s. Sultan Baber Mem. p. 171. 224. und sonst, Chereff. II. c. 47. p. 366). — 12) Das im Text bezeichnete Kandahar wird nach den Traditionen des Morgenlandes (Ferishta, Abul Gasi etc. ef. Elphinstone Cabul von Rühs II. p. 152) für eine Stadt Alexanders gehalten, und Wilson’s Gegenbeweise (Asiat. Researches XV. p. 106) scheinen die Sache noch nicht zu erschüttern. Mit Unrecht suchte man Alexandria sub ipso Caucaso an dieser Stelle; Stephan von Byzanz, wennschon etwas verwirrt, läßt keinen Zweifel, daß ein Arachosisches Alexandrien da war; die Entfernungen, die die Alten angeben (250 M. R. von Ortospana, d. i. Kabul, nach Plinius; 2000 Stadien nach Strabo) passen auf die bezeichnete Lage. — 13) Vgl. Ritter Alexander des Großen Feldzug am Indischen Kaukasus p. 150. Wie schneereich die Winter in jenen Gegenden, beweist die anziehende Schilderung bei Baber p. 209. cf. Strabo XV. p. 312. Alexander ging über den Paropamisus um den Untergang der Plejaden (Strabo XV. p. 312.), also gegen Ende November; sein Weg war wohl nicht der über Kelat, sondern über Urghundab und Gori.

 

289 des ungeheuren Reiches und die Vereinigung des abend- und morgenländischen Lebens ausprägte, durch die Gewalt der Umstände und im Sinne seines großen Planes das morgenländische Wesen in der ausgedehntesten Weise anzuerkennen und an sich heranzuziehen; und wenn sich das Hellenistische Reich Alexanders in der Form zunächst wenig von der Achämenidenherrschaft unterscheiden mochte, so lag ein wesentlicher und in seinen Folgen unberechenbarer Unterschied in der neuen Kraft, welche über Asien zu herrschen begann; dem unendlich beweglichen und durchbildeten Geiste des Griechenthums durfte die Vollendung dessen, was die Siege der Maçedonischen Waffen begonnen hatten, überlassen werden. Von jener Anerkenntniß bestehender Verhältnisse und Vorurtheile hing für den Anfang die Existenz des neuen Reiches ab; die Persischen Satrapen, an die sich die Völker im Lauf der Jahrhunderte gewöhnt hatten, sofort mit Macedonischen Generalen, die althergebrachten Formen der Verfassung gar mit neuen Institutionen im Sinne der Europäischen Monarchie vertauschen zu wollen, wäre Wahnsinn gewesen; die Persischen Großen, die morgenländischen Sitten, der Glaube an die göttliche Majestät des Königthums, endlich ein freies Nebeneinander des Griechischen und morgenländischen Wesens, das waren die natürlichen Mittel, den neuen Thron fest zu gründen und der begonnenen Ineinsbildung eine Zukunft zu sichern.

Alexander selbst war das große Vorbild dieser Ineinsbildung; er liebte es, sie in seinem äußeren Leben und in seiner Umgebung hervortreten zu lassen; seit dem Tode des Königs Darius begann er, Asiaten, die zu ihm kamen, im Persischen Kleide zu empfangen und die nüchterne Mäßigkeit des Macedonischen Feldlagers mit dem blendenden Pomp des morgenländischen Hoflebens abwechseln zu lassen; so gewann er die Asiaten, ohne sich die Macedonier zu entfremden, die ihren König nach wie vor im Kampf voran, unermüdlich bei Strapazen, voll Sorge und Umsicht für die Truppen, jedem Einzelnen gnädig und zuzänglich sahen 14).

Anders die Macedonischen Großen; nicht alle begriffen wie Hephästion die Absichten und die Politik ihres Königs, oder hatten, wie Kraterus, Hingebung und Selbstverläugnung genug, dieselbe

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14) Plut. Alex. 45.

 

290 ihrerseits zu unterstützen; die Mehrzahl verkannte und misbilligte was der König that und unterließ. Während Alexander Alles versuchte, um die Besiegten zn gewinnen und sie in den Macedoniern ihre Sieger vergessen zu lassen, hätten viele der Macedonischen Großen in ihrem Hochmuth und ihrer Selbstsucht lieber ein Verhältniß gänzlicher Unterwürfigkeit zur Grundlage aller weiteren Einrichtungen gemacht, und zu der despotischen Machtvollkommenheit der früheren Satrapen noch das grausame Gewaltrecht von Eroberern in Anspruch genommen; während Alexander den Kniefall der Persischen Großen und die abgöttische Verehrung, die ihm die Morgenländer schuldig zu sein glaubten, mit derselben Huld empfing wie die Ehrengesandtschaften der Griechen und den soldatischen Zuruf seiner Phalangen, hätten sie sich gern als die Gleichen ihres Königs, alles Andere tief unter sich im Staube der Unterwürfigkeit gesehen; und während sie sich selbst, so viel es das Kriegslager und die Nähe ihres laut misbilligenden Königs gestattete, der ganzen wilden Ueppigkeit und Zügellosigkeit des Asiatischen Lebens ohne anderen Zweck als den des verwildertsten Genusses hingaben, verargten sie ihrem Könige das Medische Kleid und den Persischen Hofstaat, in dem ihn die Millionen Asiens als ihren Gott König erkannten und anbeteten. So waren viele der Macedonischen Großen im bösesten Sinne des Wortes zu Asiaten geworden, und der Asiatische Hang zu Despotie, Kabale und Ausschweifung vereinigte sich mit jenem Macedonischen Uebermaaß von Heftigkeit und Selbstgefühl, das sie noch immer nach Ruhm begierig, im Kampf tapfer, zu jedem Wagniß bereit machte.

Sobald Alexander morgenländisches Wesen in seine Hofhaltung aufzunehmen begann, Persische Große um sich versammelte, sie mit gleicher Huld und Freigebigkeit wie die Macedonier an sich zog, mit gleichem Vertrauen auszeichnete, mit wichtigen Aufträgen ehrte, mit Satrapien belehnte, da war es natürlich, daß die Macedonischen Großen, in ihrem Stolz und ihrer Selbstsucht gekränkt, auf dies Asiatische Wesen, das der König begünstigte, ihren Abscheu wandten und dem gegenüber in sich die Vertreter des alt und ächt Macedonischen erkannten. Viele, besonders die älteren Generale aus Philipps Zeit, verhehlten ihre Misgunst gegen die Perser, ihr Mistrauen gegen Alexander nicht; sie nannten sich zurück291gesetzt und von dem, der ihnen Alles danke, undankbar behandelt; Jahre lang hätten sie kämpfen müssen, um jetzt die Frucht ihrer Siege in die Hände der Besiegten übergehen zu sehen; der König, der jetzt die Persischen Großen als ihres Gleichen behandele, werde sie selbst bald wie diese einstigen Sklaven des Perserkönigs behandeln; Alexander vergesse den Macedonier, man müsse auf seiner Hut sein. Der König kannte diese Stimmung vieler Generale, seine Mutter selbst hatte ihn wiederholentlich gewarnt, ihn beschworen, vorsichtig gegen die Großen zu sein, ihm Vorwürfe gemacht, daß er zu vertraut und zu gnädig gegen diesen stolzen Adel Macedoniens sei, daß er mit überreicher Freigebigkeit aus Unterthanen Könige mache, ihnen Freunde und Anhang zu gewinnen Gelegenheit gebe, sich selbst seiner Freunde beraube 15). Alexander konnte sich nicht verhehlen, daß selbst unter seiner nächsten Umgebung Viele seine Schritte mit Mistrauen oder Misbilligung betrachteten; in Parmenion war er gewohnt einen steten Warner zu haben; von dessen Sohn Philotas wußte er, daß er seine Einrichtungen unverhohlen gemisbilligt, ja über seine Persönlichkeit sich auf die schonungsloseste Weise geäußert habe; er hielt es dem heftigen und finsteren Sinne des sonst tapferen und im Dienst unermüdlichen Generales zu Gute; tiefer kränkte es ihn, daß selbst der edle Kraterus, den er vor Allen hoch achtete, nicht immer mit dem, was geschah, einverstanden war, und daß sogar Klitus, dem Alexander so Großes verdankte, sich mehr und mehr von ihm entfremdete. Immer deutlicher trat unter den Macedonischen Generalen bei Hofe und im Kriegsrath eine Spaltung hervor, die, wenn auch für jetzt ohne bedeutende Folgen, doch schon nicht selten momentane Störungen veranlaßte; diejenigen, welche nicht im Sinne des Königs stimmten, wollten die Kriege beendet, das Heer aufgelöst, die Beute vertheilt sehen, sie wußten selbst in dem Heere das Verlangen nach der Heimath aufzuregen.

So steigerte sich von Tage zu Tage die Misstimmung; schon wurde mit Geschenken, mit Nachsicht und Vertrauen der König ihrer nicht mehr Herr. Es konnte und durfte nicht lange in dieser Weise fortgehen; und wenn sich Alexander von Kraterus, Klitus, Philotas, Parmenion und den anderen Edlen auch keiner That gewärtig

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15) Plut. Alex. 39.

 

292 sein mochte, so mußte er des Beispiels und der allgemeinen Stimmung im Heere wegen eine Krisis herbeiwünschen, die ihm die Faction offen gegenüberstellen und sie niederzutreten Gelegenheit geben konnte.

Alexander rastete im Herbste des Jahres 330 mit seinem Heere in der Hauptstadt des Drangianerlandes; Kraterus war von dem Baktrischen Wege her wieder zu ihm gestoßen; auch Könus, Perdikkas und Amyntas mit ihren Phalangen, auch die Macedonische Ritterschaft des Philotas und die Chiliarchien der Hypaspisten waren um ihn; ihr Führer Nikanor, Philotas Bruder, war vor Kurzem gestorben, dem Könige ein schmerzlicher Verlust; durch den Bruder hatte er ihn feierlich bestatten lassen. Ihr Vater Parmenion stand mit den meisten der übrigen Truppen im fernen Medien, die Straße nach der Heimath und die reichen Schätze des Perserreiches zu hüten; im nächsten Frühling sollte er wieder zu der großen Armee stoßen. In dem Gefolge des Königs befand sich der Macedonier Dimnus aus Chaläsira; nicht eben vom höchsten Range, war er doch von Alexander stets mit Auszeichnung behandelt worden, – und Niemand mochte ahnen, daß gerade er auf eignen oder fremden Antrieb des Königs Leben gefährde. Er vertraute seinem Liebling Nikomachus, einem Jüngling aus der Edelschaar des Königs: daß er von Alexander an seiner Ehre gekränkt und entschlossen sei, sich zu rächen; vornehme Personen seien mit ihm einverstanden, allgemein werde eine Aenderung der Dinge gewünscht; Alexander, Allen verhaßt und im Wege, müsse aus dem Wege geräumt werden; in dreien Tagen werde er todt sein. Der Jüngling, für Alexanders Leben besorgt, aber zu scheu, so Großes vor der Majestät seines Königs zu enthüllen, theilt den verruchten Plan seinem älteren Bruder Cebalinus mit, und beschwört ihn, mit der Anzeige zu eilen. Der Bruder eilt zum Schlosse; um alles Aufsehen zu meiden, wartet er im Eingang, bis einer der Generale herauskömmt, dem er die Gefahr entdecken kann. Philotas ist der erste, den er findet; ihm sagt er, was er erfahren, er macht ihn verantwortlich für die schleunige Meldung und für das Leben des Königs. Philotas kehrt zum Könige zurück, er spricht mit ihm von gleichgültigen Dingen, nicht von der nahen Gefahr; auf die Fragen Cebalins, der ihn am Abend aussucht, antwortet er, es habe sich nicht machen wollen, 293 am nächsten Tage werde noch Zeit genug sein. Doch auch am zweiten Tage schweigt Philotas, obschon mehrfach mit dem Könige allein. Cebalin schöpft Verdacht; er wendet sich an Metron, den Schildknappen des Königs, er theilt ihm die nahe Gefahr mit, er beschwört ihn um eine geheime Unterredung mit dem Könige. Metron läßt ihn in das Waffenzimmer Alexanders, sagt diesem während des Bades von dem, was Cebalin ihm entdeckt, läßt dann ihn selbst hervortreten. Cebalin vervollständigt den Bericht, sagt, daß er nicht Schuld an der Verzögerung dieser Anzeige sei, und daß er diese, bei dem auffallenden Benehmen des Philotas und der Gefahr weiterer Verzögerung, unmittelbar an den König machen zu müssen geglaubt habe. Alexander hört ihn nicht ohne tiefe Erschütterung an; er befiehlt sofort den Dimnus festzunehmen. Der sieht die Verschwörung verrathen, seinen Plan vereitelt, und entleibt sich 16). Dann wird Philotas zum Könige beschieden; er versichert, die Sache für eine Prahlerei des Dimnus und nicht der Rede werth gehalten zu haben, er gesteht, daß Dimnus Selbstmord ihn überrasche, der König kenne seine Gesinnung. Alexander entläßt ihn ohne Zweifel an seiner Treue, er ladet ihn ein, auch heute nicht bei Tafel zu fehlen; er beruft einen geheimen Kriegsrath, und theilt das Geschehene mit; die Besorgniß der treuen Freunde vermehrt des Königs Verdacht eines weiteren Zusammenhanges und seine Unruhe über Philotas räthselhaftes Benehmen; er befiehlt das strengste Stillschweigen über diese Verhandlung; er bescheidet Hephästion und Kraterus, Könus und Erigyius, Perdikkas und Leonnatus zu Mitternacht zu sich, die weiteren Befehle zu empfangen. Zur Tafel versammeln sich die Getreuen bei dem Könige, auch Philotas fehlt nicht; man trennt sich spät am Abend. Um Mitternacht kommen die Generale, von wenigen Bewaffneten begleitet, der König läßt die Wachen im Schloß verstärken, läßt die Thore der Stadt, namentlich die nach Ekbatana führen, besetzen, sendet einzelne Commandos ab, diejenigen, die als

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16) Nach Plutarch wurde Dimnus, da er sich der Gefangennahme auf das Wüthendste widersetzte, von dem dazu Commandirten erstochen; entweder unglaublich, oder ein doppeltes Zeugniß von der Größe der Gefahr, daß der Abgeschickte selbst im Interesse des Philotas den Mann, dessen Zeugniß Alles offenbaren konnte, umzubringen eilte.

 

294 Theilnehmer der Verschwörung bezeichnet sind, in der Stille festzunehmen, schickt endlich den alten Atarras mit 300 Mann zu Philotas Quartier, mit dem Befehl, erst das Haus mit einer Postenreihe zu umschließen, dann einzudringen, den General festzunehmen und ins Schloß zu bringen. So vergeht die Nacht.

Am anderen Morgen wird das Heer zur Versammlung berufen 17). Niemand ahndet noch, was geschehen; dann tritt der König selbst in den Kreis: das Heer sei nach Macedonischer Sitte zum Gericht berufen, ein hochverrätherischer Plan gegen sein Leben sei an den Tag gekommen. Nikomachus, Cebalinus, Metron legen Zeugniß ab, der Leichnam des Dimnus ist die Bestätigung ihrer Aussage. Dann bezeichnet der König die Häupter der Verschwörung: an Philotas sei die erste Anzeige gebracht, daß am dritten Tage der Mord geschehen sollte, und obschon er täglich zweimal in das königliche Schloß komme, habe er den ersten, den zweiten Tag kein Wort geäußert; dann zeigt er Briefe des Parmenion, in denen der Vater seinen Söhnen Philotos und Nikanor rieth: sorgt erst für euch, dann für die Euren, so werden wir erreichen, was wit bezwecken; er fügt hinzu, daß diese Gesinnungen durch eine Reihe von Thatsachen und Aeußerungen bestätigt und Zeugniß für das schnödeste Verbrechen würden; schon bei König Philipps Ermordung habe Philotas sich für den Prätendenten Amyntas entschieden, seine Schwester sei Gemahlin des Attalus gewesen, der ihn selbst und seine Mutter Olympias lange Jahre verfolgt, ihn von der Thronfolge zu verdrängen gesucht, sich endlich, mit Parmenion nach Asien voraus gesandt, empört habe; trotz dem sei diese Familie von ihm mit jeder Art von Auszeichnung und Vertrauen geehrt worden; schon in Aegypten habe er von den frechen und drohenden Aeußerungen, die Philotas gegen die Hetäre Antigone oft wiederholt, sehr wohl gewußt, aber sie seinem heftigen Charakter zu gut gehalten, dadurch sei Philotas nur noch herrischer und hochfahrender geworden; seine zwei-

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17) Nach Curtius Angabe waren sechstausend Macedonier zur Stelle, um sie her drängten sich Troßbuben, Knechte etc.; man darf wohl aus dieser Angabe nicht folgern, daß etwa nur die Adelcorps (die Ritterschaft und die Hypaspisten) berufen und zum Gerichte über Adlige, wie die Verschworenen waren, berechtigt gewesen seien.

 

295deutige Freigebigkeit, seine zügellose Verschwendung, sein wahnsinniger Hochmuth hätten selbst den Vater besorgt gemacht und denselben zu der häufigen Warnung, sich nicht zu früh zu verrathen, veranlaßt; längst hätten sie nicht mehr dem Könige treulich gedient und die Schlacht von Gaugamela sei fast durch Parmenion verloren worden; seit Darius Tode aber seien ihre verrätherischen Pläne gereift, und während er fortgefahren, ihnen Alles anzuvertrauen, hätten sie den Tag seiner Ermordung bestimmt, die Mörder gedungen, den Umsturz alles Bestehenden vorbereitet. Mit der tiefsten Bestürzung hatten die Macedonier dem Könige zugehört, und schon ergriff Könus einen Stein, um ihn auf Philotas zu schleudern und das Gericht nach Macedonischer Sitte zu beginnen; der König hielt ihn zurück: erst müsse Philotas sich vertheidigen; er selbst verließ die Versammlung, um nicht durch seine Gegenwart das Recht der Vertheidigung zu beeinträchtigen. Philotas läugnete die schweren Beschuldigungen des Königs, er verwies auf seine, seines Vaters, seiner Brüder treue Dienste, er gestand, die Anzeige des Cebalinus verschwiegen zu haben, um nicht als nutzloser und lästiger Warner zu erscheinen, wie sein Vater Parmenion in Tarsus, als er vor der Arzenei des Akarnanischen Arztes gewarnt habe; aber Haß und Furcht foltere stets den Despoten, und das sei es ja, was sie Alle beklagten. Unter der heftigsten Aufregung entschieden die Macedonier, daß Philotas und die übrigen Verschworenen des Todes schuldig seien; der König hob das Gericht bis zum folgenden Tage auf.

Noch fehlte das Geständniß des Philotas, das zugleich über die Schuld seines Vaters und der Mitverschworenen Licht verbreiten mußte; der König berief einen geheimen Rath; die meisten verlangten das Todesurtheil sofort zu vollstrecken; Hephästion, Kraterus und Könus, des Verurtheilten Schwager, riethen, erst das Geständniß zu erzwingen; dafür entschied sich endlich die Stimmenmehrheit; die drei Generale erhielten den Auftrag, bei der Folter gegenwärtig zu sein; unter den Martern bekannte Philotas, daß er und sein Vater von Alexanders Ermordung gesprochen, daß sie dieselben bei Darius Lebzeiten nicht gewagt hätten, da sie dann nicht ihnen, sondern dem Perser genützt hätte, daß er, Philotas, mit der Vollstrekkung geeilt habe, ehe sein Vater durch den Tod, dem sein greises Leben nahe sei, dem gemeinschaftlichen Plane entrissen würde, daß 296 er diese Verschwörung ohne Vorwissen des Vaters angestistet. Mit diesen Zeugnissen trat der König am nächsten Morgen in die Versammlung des Heeres; Philotas wurde vorgeführt und von den Lanzen der Macedonier durchbohrt. –

Auch Parmenion war des Todes schuldig erkannt worden 18), es erschien nothwendig, das Urtheil so schnell wie möglich zu vollstrecken; denn er stand an der Spitze einer bedeutenden Truppenmasse, die er bei seinem außerordentlichen Ansehn im Heere und mit den Schätzen, die ihm zur Bewachung anvertraut waren und die sich auf viele Tausend Talente beliefen, leicht zu dem Aeußersten bringen konnte; selbst wenn er an der Verrätherei seines Sohnes keinen unmittelbaren Antheil hatte, so war jetzt nach dessen Hinrichtung alles Mögliche zu besorgen; er stand in Ekbatana, 30 bis 40 Tagereisen entfernt, was konnte, wenn er sich empörte, in dieser Zeit geschehen? Alexander durfte bei solchen Umständen nicht sein Begnadigungsrecht üben, er durfte nicht wagen, den Feldherrn offenbar und in Mitten der so leicht irre zu führenden Truppen verhaften zu lassen; deshalb wurde Polydamas, aus der Schaar der Getreuen, nach Ekbatana an Sitalces, Menidas und Kleander gesandt, mit dem schriftlichen Befehl des Königs, Parmenion in der Stille aus dem Wege zu räumen. Auf schnellen Dromedaren, von zwei Arabern begleitet, kam Polydamas mit der zwölften Nacht in Ekbatana an; der Thracische Fürst und die beiden Griechischen Hauptleute entledigten sich schnell ihres Auftrages 19).

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18) Diod.19) Die Darstellung dieser Verschwörung ist zum größten Theil nach Curtius VI. 7. sqq., dessen Meisterstück dieser Theil seines Werkes ist; nach Anleitung des Diodor, Plutarch und Arrian, die mit ihm im Wesentlichen übereinstimmen, und aus den im Zusammenhange der Geschichte sich ergebenden Personalien lassen sich seine Fehler berichtigen. Die in anderen Schriftstellern zerstreuten Andentungen (Strabo, Justin, Themistius etc.) geben keine neuen Data; doch bestätigt Strabo’s große Autorität die Anwendung der Tortur gegen Philotas, die Curtius mit so vielem Geschick dargestellt hat, daß man sie leicht für eine Erfindung halten könnte. Uebrigens muß man bedauern, daß St. Croix in seinem Eifer gegen Alexander sich zu einer so unredlichen Benutzung der Quellen hat verleiten lassen, daß die offenbar mit Beobachtung aller Formen vorgenommene Untersuchung

 

297 In Prophthasia gingen indeß die Untersuchungen fort, mehrere Hinrichtungen folgten der des Philotas; ihm waren die Söhne des Stymphäers Andromenes sehr befreundet gewesen; es kam dazu, daß Polemon, der jüngste von den Brüdern, der in den Geschwadern der Ritterschaft stand, sich, sobald er von der Gefangennehmung seines Generals Philotas gehört, in blinder Angst auf die Flucht begeben hatte; seine und seiner Brüder Theilnahme an der Verschwörung schien so gut wie erwiesen; Amyntas, Simmias, Attalus, alle drei Generale der Phalanx, wurden vorgeführt, und namentlich gegen Amyntas mehrfache Beschuldigungen geltend gemacht. Dieser vertheidigte sich und seine Brüder dergestalt, daß die Macedonier ihn aller Schuld freisprachen; dann bat er um die Vergünstigung, seinen entflohenen Bruder zurückbringen zu dürfen; der König gestattete es; er reiste noch desselben Tages ab, und brachte Polemon zurück; das und der rühmliche Tod, den er bald darauf in einem Gefecht fand, benahmen dem Könige den letzten Verdacht gegen die edlen Brüdern, die fortan von ihm auf mannigfache Weise ausgezeichnet wurden.

Bemerkenswerth ist, daß bei Gelegenheit dieser Untersuchungen die Sache des Lynkestiers Alexanders, der vier Jahre früher in Kleinasien einen Anschlag auf des Königs Leben gemacht hatte, damals aber auf ausdrücklichen Befehl Alexanders nur festgenommen war, jetzt zur Sprache gebracht wurde; mag es wahr sein, daß das Heer seine Hinrichtung forderte, jedenfalls mußte es dem Könige genehm sein, einen Mann, den er mit Rücksicht auf seine Verschwägerung mit dem Reichsverweser in Macedonien bisher der gerechten Strafe vorenthalten, von der öffentlichen Stimme gezwungen, seinen Richtern hinzugeben. Indeß ist es nicht unwahrscheinlich, daß neue Anlässe hinzukamen, gerade jetzt ihn vor Gericht zu stellen; leider berichten unsere Quellen nichts Genaueres. Aber, wenn der Zweck der Verschwörung, wie Philotas eingestand, Alexanders Ermordung war, so mußte natürlich die erste und im Voraus

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wie ein Werk des verruchtesten Despotismus, ja die Verschwörung selbst wie eine polizeiliche Fiction im Geschmack der neusten Zeit erscheint, die Alexander zur Unterdrückung einer ihm lästigen Opposition zu ersinnen sich erniedrigt hätte.

 

298 bedachte Frage sein, wer nach ihm das Diadem erhalten sollte; bei der bekannten Anhänglichkeit der Macedonier für legitime Fürsten konnte es Niemanden einfallen, etwa Parmenion oder seinen Sohn oder einen Anderen der Generale auf den Thron zu setzen; dagegen mußte der Lynkestier Alexander um so erwünschter sein, als durch ihn, worauf gewiß besonders Rücksicht zu nehmen war, Antipater, sein Schwiegervater, für die neue Ordnung der Dinge gewonnen werden konnte; und es ist in der That merkwürdig, daß Antipater, sobald er von den Vorgängen in Prophthasia und Ekbatana unterrichtet war, Schritte that, die ohne solchen Zusammenhang unbegreiflich wären, daß er sich namentlich ins Geheim mit den Aetoliern verband, die Alexander wegen Zerstörung der ihm ergebenen Stadt Oeniadä auf das Strengste zu bestrafen befohlen hatte; eine Vorsicht, die für den Augenblick ohne weiteren Erfolg war, aber dem Könige nicht unbekannt blieb, und der erste Beginn eines Mistrauens wurde, das in der Folgezeit sich vielfach bethätigen sollte 20).

Auf diese Weise war das Attentat gegen des Königs Leben mit der strengsten Gerechtigkeit bestraft worden; das Herr hatte in seiner richterlichen Entscheidung gezeigt, daß es, weit entfernt, Mistrauen oder Abneigung gegen Alexander zu hegen, vielmehr diejenigen verabscheute, die, unter dem Vorwande, die Macedonische Sitte aufrecht erhalten zu wollen, nur ihren Ehrgeiz und ihre Habsucht zu befriedigen gedachten; und wenn selbst die Macedonier Alexanders Medische Tracht früher ungern gesehen hatten, so war er ihnen durch die große Gefahr, der er entronnen, durch dies ächt Macedonische Gericht, in dem er nach alterthümlicher Weise als Kläger erschien, durch die Anhänglichkeit selbst, die sie ihm bezeugt hatten, von Neuem zu werth geworden, als daß sie an so kleinen Aeußerlichkeiten hätten haften sollen. Ueberhaupt ist stets die Menge geneigter zu bewundern, und durch Selbstsucht weniger mistrauisch als die Vornehmeren; diese waren durch das strenge Strafexempel genugsam geschreckt, um nicht wieder durch ihre engherzigen und eifersüchtigen Besorgnisse die Pläne des Königs zu stören oder in dem Wahne, die Gleichen des Königs zu sein, übertriebene Ansprüche zu machen; das zu große Ansehn, das Parmenion durch seinen alten Ruhm, Philotas

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20) Plut. Alex. 49.

 

299 durch seine Stellung als Anführer der gesammten adeligen Ritterschaft neben Alexander behauptet hatten, mußte, wenn sich das monarchische Princip bedeutender entwickeln sollte, fortan vermieden, überhaupt die Person des Königs höher und gleichsam monarchischer gestellt werden. In dieser Ansicht war es, daß weder die Stelle Parmenions, mit dem Alexander in der Regel den Oberbefehl der Armee theilte, noch die seines Sohnes Nikanor als Führer der Hypaspisten wieder besetzt, und daß der Oberbefehl über die acht Geschwader der Ritterschaft zwischen des Königs Liebling Hephästion und dem schwarzen Klitus, dem bisherigen Anführer des ersten Geschwaders, getheilt wurde. Ueberhaupt benutzte der König, wie es scheint, die Verhältnisse mit der größten Gewandtheit, um das, was er früher vielleicht noch nicht hätte versuchen dürfen, einzuführen und namentlich der Asiatischen Sitte an seinem Hofe mehr und mehr Raum zu gestatten 21). –

Während dieser Vorfälle hatte Bessus, der den Königsnamen Artaxerxes angenommen, in den Turanischen Ländern mannigfache Rüstungen gemacht, um sich dem weiteren Vordringen der Macedonier zu widersetzen 22). Außer den Truppen, die noch seit der Ermordung des Königs um ihn waren, hatte er aus Baktrien und Sogdiana etwa siebentausend Reuter um sich versammelt, auch einige Tausend Daer waren zu ihm gestoßen; mehrere Fürsten des Turanischen Landes, Dataphernes und Oxyartes aus Baktrien, Spitamenes aus Sogdiana, Catanes aus Parätacene, befanden sich bei ihm, auch

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21) Nur die oben bezeichnete Veränderung in der Einrichtung des Heeres ist nach den authentischen Berichten des Ptolemäus und Aristobul (bei Arrian. III. 27.) für gewiß anzunehmen; außerdem wird erzählt, Alexander habe seine Leute aufgefordert, an die Ihrigen, da gerade Boten nach der Heimath gingen, zu schreiben, habe dann die Briefe erbrochen und auf diese Weise die Unzufriedenen in seiner Armee kennen gelernt, diese in ein eigenes abgesondertes Corps vereint; so berichten Curt. VII. 2. 36. Diodor. XVII. 80., in denen die gemeinschaftliche Quelle nicht zu verkennen ist; auch Justin VII. 5. und Polyaen IV. 3. 19. erzählen dieß. Das Schweigen Arrians ist gewiß nicht ohne Gewicht; und wennschon glaublich ist, daß diese Erzählung Klitarchs nicht ohne allen geschichtlichen Grund ist, so hatte sie gewiß nicht die Ausdehnung, die ihr gegeben worden ist. 22) Arrian. III. 28.

 

300 Satibarzanes hatte sich, nachdem seine Empörung im Rücken Alexanders misglückt war, nach Baktrien geflüchtet; ein Unfall, der für Bessus den großen Vortheil mit sich zu führen schien, daß Alexander, einmal von dem großen Wege nach Baktrien abgelenkt, wahrscheinlich die schwer zugänglichen Pässe, die über den Kaukasus nach Turan führen, meiden, und den Feldzug gegen Baktrien entweder ganz aufgeben oder wenigstens Zeit zu neuen und größeren Rüstungen lassen, vielleicht auch einen Einfall nach dem nahen Indien machen werde, die schönste Gelegenheit, die neuunterworfenen Länder in seinem Rücken zum Abfall zu reizen. Um seiner Sache desto gewisser zu sein, ließ Bessus die Gegenden am Nordabhange des Gebirges mehrere Tagereisen weit verwüsten, und hoffte so jedes Eindringen eines feindlichen Heeres unmöglich zu machen; zugleich übergab er dem Satibarzanes, welcher auf die Anhänglichkeit seiner ehemaligen Unterthanen in Arien rechnen konnte, etwa zweitausend Reuter, um mit diesen eine Diversion im Rücken der Macedonier zu machen, die, wenn sie glückte, den Feind gänzlich abschnitt. In der That fielen die Arier bei dem Erscheinen ihres ehemaligen Herrn sofort ab und schlossen sich ihm an, ja der von Alexander eingesetzte Satrap Arsames selbst schien die Empörung zu begünstigen. Auch nach Parthien hin sandte Bessus einen seiner Getreuen, Barzanes, um dort eine Insurrection zu Gunsten des alten Perserthums zu bewirken 23).

Alexander erhielt die Nachricht vom Arischen Aufstande in Arachosien; sofort sandte er die Reuterei der Bundesgenossen, sechshundert Mann, unter ihren Führern Erigyius und Karanus, so wie die Griechischen Söldner unter Artabazus, sechstausend Mann, unter denen auch die in den Kaspischen Pässen übergetretenen unter Andronikus waren 24), nach Aria ab, und ließ zugleich dem Satrapen

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23) Arrian. III. 29. 10. IV. 7. 2. — 24) Die genaueren Angaben des Curtius (VII. 3. 2.) bestätigen sich durch ihre innere Wahrscheinlichkeit. Das Contingent der Bundesstaaten beläuft sich auf sechshundert Reuter (Diod. XVII. 17.) und in der Schlacht von Arbela ist es zwischen Erigyius und Koiranus (wahrscheinlich Karanus) getheilt (Arrian. III. 12. 7.); Andronikus führte die Griechischen Söldner, die früher bei Darius waren, etwa funfzehnhundert an der Zahl; und es ist nicht unglaublich, daß Artabazus, den Alexander so hoch ehrte und welcher so oft in seinem Leben mit Griechischen Soldtruppen zu thun

 

301 in Hyrkanien und Parthien, Phrataphernes, den Befehl zukommen, mit seinen Reuterschaaren zu jenen zu stoßen. Zu gleicher Zeit war das Hauptheer, mit dem sich bereits die zwei in Ekbatana zurückgelassenen Phalangen, von Klitus geführt, so wie fünftausend Griechische Söldner und vierhundert Reuter 25) vereinigt hatten, aus dem Arachosischen aufgebrochen und unter der strengsten Winterkälte über die nackten Paßhöhen, welche das Gebiet der Arachosier von dem der Paropamisaden trennen, gezogen. Alexander fand dies Hochland stark bevölkert, und obschon jetzt tiefer Schnee die Felder überdeckte, doch Vorräthe genug in den zahlreichen Dörfern, die ihn freundlich aufnahmen 26). Die Strenge des Winters zwang ihn einige Zeit zu rasten, da es für jetzt nicht seine Absicht war, dem Lauf der Gewässer ostwärts in die wärmeren Thäler des Induslandes hinab zu folgen, sondern zuvörderst der Usurpator Bessus, der jenseits des himmelhohen Hindukuhgebirges sich seines Turanischen Königthums zu sicher glaubte, vernichtet werden mußte.

Aus dem Hochlande von Kabul führen sieben Pässe über das Gebirge Hindukuh nach dem Stromthale des Oxus; drei von diesen führen an den Quellflüssen des Pundschir aufwärts und am weitesten östlich über den Kamm der Gebirge, diese und noch mehr die drei nächsten, welche zu den Quellen des Surkab und Anderab hinabführen, sind vier bis fünf Monate hindurch vom Schnee so bedeckt, daß man sie nicht passiren kann; man muß dann den westlichsten Paß, den von Dundan Shikan, einschlagen, auf dem man mit etwa sechzig Meilen von Kabul nach Balk gelangt; dieser Weg führt durch mehrere Bergketten diesseits und jenseits des Hauptgebirges, und die Thäler zwischen denselben sind an Quellen, an Weide und Heerden reich, von friedlichen Hirtenstämmen bewohnt 27). Alexander

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gehabt hatte, den Oberbefehl über diesen Theil des schwerbewaffneten Fußvolkes erhalten hatte; offenbar wurde er als Perser besonders zu dieser Expedition ausersehen. — 25) Curt. VII. 3. 4. — 26) Strabo XVI. p. 312. Curtius schildert den Uebergang über dies Plateau von Ghizni mit sehr starken Uebertreibungen, dennoch findet man viele seiner geographischen Notizen durch die Angaben Babers, Elphinstons und Anderer bestätigt. — 27) Die classische Stelle für diese Paßgegend findet sich in den Memoiren des Sultan Baber p. 139; die östlichen Paßgegenden durchzog Timur, und Chereffeddin schreibt zu Anfang und zu Ende des vierten

 

302 wartete nur die strengste Winterkälte ab, um auf diesem Wege nach Baktrien hinüberzueilen; er benutzte die Rastzeit, um an dem Nordsaume der Hochebene, von wo die verschiedenen Wege zu den Pässen des Hochgebirges führen, die Stadt „Alexandria am Kaukasus“ zu gründen; er gab ihr eine Besatzung von siebentausend Macedoniern, er erlaubte den Dienstunfähigen, sich hier anzusiedeln 28), er bestellte den Perser Proexes zum Satrapen, und übergab dem Niloxenus aus der

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Buches viel Bemerkenswerthes über sie. Alexanders Straße zu verfolgen, müssen wir zunächst die Lage von Alexandria aufsuchen. Sie lag, wie der Name sub ipso Caucaso (Plin. 5. 16.) bezeugt, unmittelbar am Eingange in das Gebirge, aber noch in der Ebene, funfzig M. R. von Ortospana oder Carura (Cabul) entfernt. Dies führt mit ziemlicher Gewißheit auf die Gegend, wo sich der Ghurbend und Pundschir, die letzten Höhen durchbrechend, vereinigen. Von hier ging Alexanders Straße über Bamian, Fort Zohak, den Paß von Gumbezek (im Choutour Gerdan), die Ebene von Saeghan, den Hauptpaß Dundan Shikan, in das Thal von Kehmerd; hier scheidet sich die Straße, der eine Weg führt westlich in das Thal des Flusses Dehasch, (Abysiah bei Chereff. I. 8. 55.) durch den Paß von Ghez gerade nach Balk hinab, der andre, dem Alexander folgte, führt an dem Fluß von Khullum hinab; unterhalb der Stadt Khullum durchbricht der Fluß, mit dem Wasser mehrerer kleiner Bergströme, die ihm von beiden Seiten zufließen, verstärkt, die letzte Gebirgskette gegen die Ebene des Oxus hin; dies ist wahrscheinlich die Position von Adrapsa oder Drapsaka, die Alexander besetzte. Von hier mit vier Meilen erreicht man den Ausgang des Passes bei Muzar; er war, wie es scheint, durch ein Castell gesperrt, das Alexanders Geschichtsschreiber Aornos nennen; anderthalb Meilen weiter kommt man durch die ansehnliche Stadt Schach Meydan und erreicht dann mit zwei Meilen die Ebene von Balk, s. Baber 199. sqq. Fraser Appendix p. 122. Meyendorf voyage p. 140. Moorcroft’s Brief in Asiat. Jour. 1826. Vol. XXI. p. 609. Ayen Akbery II. p. 160. – Bemerkenswerth ist Diod. VII. 83.: der König habe noch mehrere Städte, alle eine Tagereise von Alexandrien belegen, angelegt oder colonisirt. — 28) Nach Diod. XVII. 83. wären jene siebentausend Asiatische Kolonisten gewesen, außerdem aber dreitausend Mann, die nicht im Heere einrangirt waren (?) und von den Söldnern so viele da wollten, zurückgeblieben; es scheint dieser Angabe eine Verwechselung mit dem, was Alexander bei seiner Rückkehr aus Baktrien that, zum Grunde zu liegen.

 

303 Zahl der Getreuen die Feldhauptmannschaft dieses wichtigen Landes. Sobald nun die Tage der strengsten Kälte vorüber waren, brach Alexander, nach feierlichen Opfern und Wettkämpfen in Hellenischer Weise, aus der Winterrast auf, um das erste Beispiel eines Gebirgsüberganges zu geben, mit dessen staunenswürdiger Kühnheit nur die ähnlichen Wagnisse Hannibals und Napoleons zu wetteifern vermögen. Die Verhältnisse, unter denen Alexander den Marsch unternehmen mußte, erschwerten denselben bedeutend; noch war das Gebirge mit Schnee bedeckt, die Luft kalt, die Wege beschwerlich; zwar fand man zahlreiche Dorfschaften und die Einwohner friedlich und bereitwillig zu geben, was sie hatten, aber sie hatten nichts als ihre Heerden; die Berge, ohne Waldung und nur hie und da mit Terpenthinbüschen bewachsen, boten keine Feuerung dar; ohne Brot und ungekocht wurde das Fleisch genossen, nur gewürzt mit dem Silphion, das in den Bergen wächst. So zog man vierzehn Tage lang über Bergstraßen; je näher man den Nordabhängen kam, desto drückender wurde der Mangel, man fand die Gegenden verwüstet und verödet, die Ortschaften niedergebrannt, die Heerden fortgetrieben; man war genöthigt sich von Wurzeln zu nähren und das Zugvieh der Bagage zu schlachten. So von Allem entblößt, von der Witterung und dem Hunger gequält, mit Verlust der meisten Pferde und Kameele, im traurigsten Aufzuge, erreichte das Heer endlich am funfzehnten Tage die erste Baktrische Stadt Drapsaka oder Adrapsa 29).

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29) Strabo XV. p. 312. Curt. V. 4. 25. Aelian. V. II. XII. 37. Arrian. III. 28. Wenn Aelian. l. c. angiebt, daß auf diesem Zuge „in Baktriana“ der Schnee so tief gelegen, daß man die Dörfer nur an dem aufsteigenden Rauch erkannt habe, und die Eingänge aufzugraben genöthigt gewesen sei, so bezieht sich das nach Curt. VII. 3. 16. auf den Zug durch das Plateau von Ghizni. Die neusten Berichte von diesem Bergwege über Bamian sind die von Burnes (Asiat. Jour. 1833. Feb. p. 163), er sagt: „wir zogen vier Tage (es war im May) unter Steilklippen und Felswänden hin, welche die Sonne vor unserem Gesichte verbargen und sich über uns zu einer perpendikulären Höhe von zweitausend bis dreitausend Fuß erhoben; mir ist die Nase hier erfroren und vor den Schneefeldern das Auge fast erblindet; wir konnten nur des Morgens weiter, wo der Schnee überfroren war; diese Ge-

 

304 Hier ließ Alexander rasten, rückte dann durch die letzte Paßgegend, welche die nördlichsten Vorberge bilden, nach Aornos hinein und von dort über die schönen Fruchtebenen Baktriens nach Baktra, der Hauptstadt des Landes, ohne irgend wo Widerstand zu finden. Denn Bessus, so lange die Feinde noch fern waren, voll Zuversicht und in dem Wahne, daß die Gebirge und die Verwüstungen an ihrer Nordseite das Turanische Land schützen würden, hatte nicht sobald von dem Anrücken Alexanders gehört, als er auch eilends aus Baktra aufbrach, über den Oxus floh, und, nachdem er die Fahrzeuge, die ihn über den Strom gesetzt, verbrannt hatte, sich mit seinem Heere nach Nautaka im Sogdianerlande zurückzog; denn noch hatte er einige Tausend Sogdianer unter Spitamenes und Oxyartes bei sich, die Baktrischen Reuter dagegen hatten sich, sobald sie sahen, daß ihr Land Preis gegeben wurde, von Bessus getrennt und in ihre Dörfer zerstreut, so daß Alexander mit leichter Mühe alles Land diesseits des Oxus unterwarf. Zu gleicher Zeit kam Artabazus und Erigyius aus der Arischen Satrapie zurück, Satibarzanes war nach kurzem Kampfe besiegt, der tapfere Erigyius hatte ihn mit eigner Hand getödtet; die Arier hatten die Waffen sofort gestreckt und sich unterworfen. Alexander sandte den Macedonier Stasanor in jene Gegenden, mit dem Befehl, den bisherigen Satrapen Arsames, der bei dem Aufstande eine zweideutige Rolle gespielt hatte, zu verhaften, und statt seiner die Statthalterschaft zu übernehmen. Die reiche Baktrische Satrapie erhielt der greise Artabazus; Aornos, am Nordeingange der Pässe, wurde zum Waffenplatz ausersehen 30), die Veteranen, die zum Dienst untauglich waren, und die Thessalischen Freiwilligen, deren Zeit um war, reich beschenkt in die Heimath entlassen 31).

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birge sind fast ohne Bewohner und unser Lager war „des Bergstroms Bett“ während des Tages.“ — 30) Ob diese Stadt den Namen Alexandria erhalten habe und Αλεξανδρεῖα κατὰ Βακτρὸ des Stephanus bezeichne, oder ob letztere mehr östlich zu suchen sei, wo die Orientalischen Geographen Iskandereh nennen (Ebn Haukal 224. Abulfeda bei Reiske 352.), wage ich nicht zu entscheiden. — 31) Arrian. Curt. VII. 5. 27.

 

305 So war mit dem Frühlinge des Jahres 329 alles bereit, die Unterwerfung des Transoxianischen Landes zu beginnen. Die eigenthümlichen Verhältnisse desselben hätten, gehörig benutzt, einen langen und vielleicht glücklichen Widerstand möglich gemacht; das schöne, reichbevölkerte Thalland von Marakanda, im Westen durch weite Wüsten, im Osten durch Gebirge mit höchst schwierigen Paßgegenden geschützt, war nicht bloß leicht gegen jeden Angriff zu vertheidigen, sondern überdieß zu steter Beunruhigung Ariens, Parthiens und Hyrkaniens günstig gelegen; leicht konnten bedeutende Kriegsheere aus dem tapferen Volke der Sogdianer zusammengebracht werden; die Daischen und Massagetischen Schwärme in den westlichen Wüsten, die Scythischen Horden jenseit des Jaxartes waren stets zu Raubzügen geneigt; selbst Indische Fürsten hatten sich bereit erklärt, an einem Kriege gegen Alexander Antheil zu nehmen. Im Falle, daß die Macedonier siegten, boten die Wüsten im Westen, die Felsburgen des obern Landes sichere Zuflucht und Ausgangspunkte zu neuen Unternehmungen; es kam dazu, daß die vorherrschende Bevölkerung von Sogdiana, gleich weit entfernt von der Rohheit der Iranischen Gebirgsvölker wie von der Verweichlichung Babylons und Syriens, einen eigenthümlichen Sinn der Unabhängigkeit und Kühnheit bewahrt hatte, der selbst einem Feinde wie Alexander war, nach wiederholentlichen Siegen noch gefährlich werden konnte. Desto wichtiger war es für Alexander, sich der Person des Bessus zu bemächtigen, bevor seine Usurpation des königlichen Namens zur Losung eines allgemeinen Aufstandes wurde. Er brach aus Baktra auf, um Bessus über den Oxus hin zu verfolgen. Nach einem sehr mühseligen Marsche über die Einöde, die das Fruchtgebiet um Baktra von dem Strome trennt 32), erreichte das Heer das Ufer des mächtigen und reißenden Stromes. Nirgend waren Kähne zum Uebersetzen; Bessus hatte sie auf sei-

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32) Nach Curtius Beschreibung muß man diese Gegend für Wüste halten und dieß wird durch Arrians Angabe, daß auf diesem Wege viele Thiere erlagen, bestätigt; dessen ungeachtet ist es sicher, daß der Fluß von Baktra (Dehas) damals so gut, wie zu Schach Nadirs Zeit, sich in den Oxus ergoß und keinesweges in der Steppe versandete. Cf. Plin. VI. 17.

 

306ner Flucht verbrannt; hindurchzuschwimmen oder hindurchzuwaten war bei der Breite und Tiefe des Stromes unmöglich; eine Brücke zu schlagen zu zeitraubend, da man weder Holzung genug in der Nähe hatte, noch das weiche Sandbette und der heftige Strom des Flusses das Einrammen von Pfählen leicht hätte bewerkstelligen lassen. Alexander griff zu demselben Mittel, dessen er sich an der Donau mit so gutem Erfolg bedient hatte; er ließ die Felle, unter denen die Truppen zelteten, mit Stroh füllen und fest zunähen, dann zusammenbinden, pontonartig ins Wasser legen, mit Balken und Brettern überdecken und so eine fliegende Brücke zu Stande bringen, über welche das gesammte Heer in Zeit von fünf Tagen den Strom passirte 33). Ohne Aufenthalt rückte Alexander auf der Straße von Nautaka vor; sein Weg führte ihn an einer von Griechen bewohnten Ortschaft vorüber; es waren die Nachkommen jener Branchiden, die vor 150 Jahren dem König Xerxes den Tempelschatz von Milet verrathen hatten, und dann nach der Salaminischen Niederlage, vor den erbitterten Milesiern in Furcht, geflüchtet waren, worauf sie Xerxes in diesen fernen Gegenden angesiedelt hatte; in ihrer Sitte und Sprache schon halb Barbaren, schienen sie um so weniger Verzeihung für das Verbrechen ihrer Väter zu verdienen, da sie nicht einmal jetzt dem Interesse des Macedonischen Siegers dienen zu wollen schienen; Alexander, so heißt es, strafte die Nach-

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33) Arrian. III. 29. Itin. Alex. c. 77. Dieser Uebergang über den Oxus wurde wahrscheinlich bei Kilif (Ford of Kilif bei Babet p. 36; 8 lieues von Balk, Chereffeddin II. 2. p. 205.) oder noch weiter stromabwärts, gewiß aber nicht bei Termez (2 Tagereisen von Balk s. Ebn Haukal p. 228.) bewerkstelligt, da Alexander nicht durch die Pässe des Karatagh, sondern auf der Südstraße am Saum der Wüste gen Nautaka gehen mußte. Warum Bessus diesen Weg der Flucht genommen, ist leicht zu erkennen. Nautaka muß, wie man aus dem Zusammenhange aller Bewegungen sieht, in dem Kanton des Kokscha (Karshi) zu suchen sein, wo das reizende Kesch und Nachschab oder Karshi, Timurs Winterresidenz, von alter Berühmtheit sind; der Name, die Richtung der Wege und Alexanders spätere Cantonirungen lassen vermuthen, daß Nautaka und Nachschab denselben Ort bezeichnen.

 

307kommen der Tempelräuber und Landesverräther mit der Zerstörung ihrer Stadt und ihrer Heiligthümer; gewiß ist, daß irgend ein tieferer Grund den vorsichtigen König zu diesem Gericht veranlaßt hat 34).

Während dieser Zeit hatte das Schicksal des Königs Artaxerxes Bessus eine Wendung genommen, wie sie seines Verbrechens und seiner elenden Ohnmacht würdig war; in steter Flucht vor Alexander, jedes Wollens und Handelns unfähig, schien er den Großen in seiner Umgebung ihre letzte Hoffnung zu vereiteln und zu verrathen; es kam dazu, daß selbst in solcher Erniedrigung der Name der Macht noch lockt; und gegen den Königsmörder ward Unrecht für erlaubt gehalten. Der Sogdianer Spitamenes, von dem Anrücken des feindlichen Heeres unterrichtet, hielt es an der Zeit, durch eine That gegen Bessus sich Alexanders Gunst zu erwerben; er theilte den Fürsten Dataphernes, Katanes, Oxyartes seinen Plan mit, sie verständigten sich bald, sie griffen den König Artaxerxes und legten ihn in Ketten, sie meldeten es an Alexander: er möge ihnen eine kleine Heeresabtheilung schicken, so wollten sie den Königsmörder Bessus ausliefern zur gerechten Strafe. Auf diese Nachricht gewährte Alexander seinen Truppen einige Ruhe, und sandte, während er selbst in kleineren Tagemärschen nachrückte, den Lagiden Ptolemäus mit den Geschwadern der Ritterschaft und der berittenen Schützen, mit einer Phalanx, einer Chiliarchie der Hypaspisten, den Agrianern und einem Theil der Bogenschützen, im Ganzen etwa fünf bis sechstausend Mann voraus, die hinreichend schienen, selbst wenn das Barbarenheer sich der Auslieferung des Bessus widersetzen sollte, dieselbe zu bewerkstelligen. In vier Tagen legte dieses Corps einen Weg von zehn Tagereisen zurück und er-

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34) Curt. VII. 5. 28. St. Croix p. 331. Es ist auffallend, daß Arrian von dieser Geschichte schweigt; der vorsichtige Strabo führt sie indeß an, und Callisthenes schrieb von dieser Branchidenortschaft in seinen Denkwürdigkeiten, so daß an der Sache Wahres sein muß. Nach Aleranders Charakter darf man vermuthen, daß Clitarch und nach ihm Curtius, Aelian, Plutarch etc. für den frappanten Schein eines alten und hart gestraften Tempelraubes den wahren Zusammenhang aufgaben.

 

308reichte die Stelle, wo Tages zuvor Spitamenes mit seinen Leuten gestanden hatte. Hier erfuhr man, wie Ptolemäus selbst in seinen Denkwürdigkeiten erzählte 35), daß Spitamenes und Dataphernes in Beziehung auf Bessus Auslieferung nicht sicher waren; deshalb befahl der General dem Fußvolk langsam nachzurücken, während er selbst an der Spitze der Reuterei eiligst weiterzog und bald vor den Mauern eines Fleckens stand, in dem sich Bessus, von Spitamenes und den anderen Verschworenen verlassen, mit dem kleinen Rest seiner Truppen befand; ihn mit eigner Hand auszuliefern hatten sich die Fürsten geschämt. Ptolemäus ließ nun den Flecken umzingeln, und die Einwohner durch einen Herold auffordern, sie möchten den Bessus ausliefern, so werde er ihrer schonen. Man öffnete die Thore, die Macedonier rückten ein, nahmen den Bessus fest, und zogen in geschlossenen Colonnen zurück, mit ihrer Beute zu Alexander zu stoßen; doch ließ Ptolemäus vorher anfragen, wie Alexander befehle, daß der gefangene Königsmörder vor ihm erscheinen solle, Alerander befahl, ihn nackt, ins Halseisen gebunden vorzuführen, und ihn rechts an dem Wege, wo er mit dem Heere vorüberziehen würde, aufzustellen. So geschah es; und als nun Alexander ihm gegenüber war und seiner ansichtig wurde, ließ er seinen Wagen halten und fragte ihn: warum er Darius, seinen König und Herrn, seinen Verwandten und Wohlthäter festgenommen, gefangen fortgeschleppt, endlich ermordet habe? Bessus antwortete: er habe dies nicht auf seine Entscheidung allein gethan, sondern in Uebereinstimmung mit Allen, die damals um Darius Person gewesen seien, in der Hoffnung sich vor Alexander zu retten. Darauf ließ ihn der König geißeln und durch einen Herold bekannt machen, was er mit dem Königsmörder gesprochen; Macedonier und Barbaren priesen ihres Königs Gerechtigkeit und edlen Sinn. Bessus aber ward dem Bruder des ermordeten Königs, dem Oxathres übergeben und in Ketten nach Baktra abgeführt, um zu seiner Zeit gerichtet zu werden.

Etwas abweichend von Ptolemäus erzählt Aristobulus, daß

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35) Nach Arrian. IV. 30. Curtius folgt der Erzählung des Aristobulus.

 

309 Spitamenes und Dataphernes selbst den Bessus an Alexander übergeben hätten; wenn auch der Bericht des zu dieser Execution commandirten Generals glaubwürdiger ist, so kann man doch aus der anderen Angabe so viel abnehmen, daß sich Spitamenes, Dataphernes und Katanes bald bei Alexander einfanden und, wie es scheint, im Besitz ihrer Landschaften unter des Königs Oberhoheit bestätigt wurden. Denn Alexander rückte zwar von Nautaka nach Marakanda, der großen Hauptstadt Sogdianas, hinab 36), und ließ auch eine Besatzung in der Stadt zurück; aber von einem Satrapen, dem er dies wichtige Land übergeben hätte, oder von anderen Maaßregeln der Unterwerfung wird nichts erwähnt; das Einzige, was für jetzt von den Sogdianern verlangt wurde, war, daß sie die Macedonische Reiterei, die im Paropamisus und auf der Steppe von Baktra viele Pferde eingebüßt hatte, wieder vollständig beritten machten 37).

Alexander zog weiter nordostwärts, die Ufer des Tanais, den die Bewohner Jaxartes „den großen Strom“ nennen, zu erreichen. Die Heerstraße von Marakanda nach Cyropolis, der letzten Stadt des Reiches, bei den Südufern des Tanais, führt durch die Pässe der von räuberischen Stämmen bewohnten Oxischen Berge, durch die Landschaft von Uratippa. Hier war es, wo einige Schaaren Macedonier, beim Fouragiren in den Bergen verirrt, von den Barbaren überfallen und niedergemacht oder gefangen wurden; sofort rückte Alexander mit den leichteren Truppen gegen sie aus; sie hat-

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36) Daß Marakanda das heutige Samarkand ist, gründet sich einerseits auf die Namensähnlichkeit, denn daß der heutige Name von dem Eroberer Samar abgeleitet „Samar’s Stadt“ bezeichne, scheint ein morgenländisches Autoschediasma; den Uebergang des alten Namens (vielleicht Meru-kand) in den heutigen zu erklären, liegt außer dem Bereich meiner Kenntnisse. Ein zweiter Grund für jene Annahme ist, daß Abulfeda (in den geogr. min. ed. Hudson III. p. 45.) des Alfaras und Albiruni Längen- und Breitenbestimmung für Samarkand mit der des Ptolemäus zusammenstellt. Endlich kommen die Züge Alexanders dazu, welche nur in der Annahme dieser Identität strategischen Zusammenhang haben. Die Morgenländer halten Samarkand für eine Gründung Alexanders (s. Baber p. 48.) — 37) Cf. Arrian. IV. 3. 14.

 

310ten sich, an drei tausend Bewaffnete, auf ihre steilen und mit Burgen besetzten Berge zurückgezogen, von denen aus sie die heftigen und wiederholten Angriffe der Macedonier mit Schleudern und Pfeilen zurückschlugen; unter den vielen Verwundeten war Alexander selbst, dem durch einen Pfeilschuß das Schienbein zerschmettert wurde; dadurch zu neuer Wuth entflammt, nahmen die Seinigen endlich die Höhe; der größte Theil der Barbaren wurde niedergehauen, andere stürzten sich von den Felsen hinab und zerschmetterten in den Abgründen, nicht mehr als acht tausend blieben am Leben, sich dem Könige zu unterwerfen 38).

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38) Arrian. III. 30. Curt. VII. 6. Curtius erzählt diese Begebenheit als ob sie vor Marakanda vorgefallen sei; doch ist Arrians Zeugniß entscheidend. Daß die in Frage stehende Localität keine andere als die von uns bezeichnete des Alpengaues von Osruschnah in den Montes Oxii des Ptolemäus sei, ergiebt sich aus der feststehenden Direction der dortigen Wege. Drei Straßen führen vom Sogdthal zum Jaxartes; die westlichste über Karabolak, am Ostabhange des Nuratagh, durch den Paß von Zuzangheran, über Tambic, Askoulat, am Saum der Wüste entlang, zum unteren Jaxartes (Chereffeddin VI. 27. p. 208.); die östlichste Straße über Rebat zu den Quellen des Flusses Aksu und an dessen Ufer hinab zum Jaxattes (Chereffeddin I. 21. p. 151.); der mittelste Weg ist der bekannteste, er führt von Samarkand gerade nordwärts mit 12 Meilen gen Dizak, dann mit dem Thale eines kleinen Flusses in den „weißen Paß“ Ak-kutel (bei Chereffeddin Biti Codak), von hier in die Landschaft Osruschnah, zunächst an den Fluß von Dscham (10 Meilen von Dizak) über Sebat und Uratippa, durch die Berge der Masikha (Memaceni bei Curt. VII. 6. 19.) über Aksu nach Kojend, der wichtigsten Position an der Linie des Jaxartes (16 Meilen von Dscham) Cf. Fraser Append. und viele Andere, unter ihnen Ebn Haukal, bei Abulfeda in den geogr. min. III. p. 65, der jedoch zwischen Dscham und Uratippa statt Sebat das westlichere Zamin angiebt. Dieser mittleren Straße folgte Alexander, und noch zur Zeit des Achmed Alcateb (bei Abulfeda l. c. p. 69.) fanden sich in der Landschaft Osruschnah an 400 Burgen. Der Name Uratippa wird zwar von alten Autoren nicht genannt, doch das Xenippa bei Curtius zeigt wenigstens, daß diese Analogie von Namen, die noch heute in jenen Gegenden sehr verbreitet ist, von alter Zeit her datirt.

 

311 Alexander zog dann aus diesen Berggegenden nordwärts, ohne den geringsten Widerstand zu finden. Der eigenthümliche Charakter dieser Landschaft hat sie zu allen Zeiten zu einer wichtigen Völkergränze und zur Vormauer orientalischer Kultur gegen die Horden der Turanischen Steppenländer gemacht. Im Süden und Osten durch mächtige unwegsame Gebirge, im Norden durch den Strom und die Bergzüge, die ihm ihre wilden Gebirgswasser zusenden, geschützt, ist sie nur von Westen und Norden her fremden Einfällen offen; und allerdings lauern dort in dem weiten Steppenlande, das sich auf beiden Seiten des unteren Jaxartes ausdehnt, unzählige Horden streitbarer Völkerschaften, welchen das Alterthum den gemeinschaftlichen Namen der Seythen zu geben pflegt; es sind das die Turanier der alten Parsenlehre, gegen deren Invasionen gewiß frühzeitig jene merkwürdige Reihe von Grenzburgen errichtet worden ist, die unter anderen und anderen Völkerverhältnissen ihre Wichtigkeit bis in die neuere Zeit behauptet haben. Alexander fand sieben Städte dieser Art vor, die, wenige Meilen von einander entfernt, den Rand der Steppengegend begleiten; die bedeutendste unter ihnen war die Stadt des Cyrus, die, größer und stärker befestigt als die übrigen, als Hauptfeste der Landschaft galt 39). Ale-

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39) Strabo XI. p. 440. sagt Κύρου κτίσμα ἐπὶ τῷ Ιαξάρτῃ κείμενον, nicht genau, da nach Arrians ansdrücklicher Angabe diese Stadt nicht am Jaxartes lag, sondern ein Fluß, dessen Wasser jetzt in der Sommerzeit ausgetrocknet war, ging durch die Stadt. Man erkennt daraus, daß sie schon am Fuß der Berge, am Saum der Wüste lag. Dieß kann nicht auf den Fluß von Aksu, von Uratippa, von Aktippa passen, da diese mit vollem Wasser den nahen Hauptstrom erreichen; aber im Süden der Berge von Uratippa fließt von den weißen Bergen herab der Fluß von Dscham, bei Sebat vorüber gen Zamin am Eingang der Wüste; dort trocknet er aus. Ebn Haukal sagt, die Stadt Zamin liegt unter den Bergen von Osruschnah, vor ihr die Wüste. Dieß, glaube ich, ist Cyropolis oder Cyreschata, das die Erklärer zum Steph. Byz. wohl mit Unrecht auf Koreskarta zurückführen. Wegen seiner Namensähnlichkeit den festen Flecken Kurak, 6 Meilen vor Kojend (Fraser App.) hieher zu ziehen, würde die Entfernung und der Charakter der Landschaft verbieten. Cyropolis war der von Alexandria (Kojend) ent-

 

312xander ließ in alle diese Plätze Macedonische Besatzungen einrücken, während er selbst mit der Armee einige Stunden nordostwärts an der Stelle lagerte, wo der Tanais mit allmähliger Wendung gen Norden die letzten Stromengen bildet, um sich fortan durch die Sandsteppen weiter zu wühlen. Alexander erkannte die Wichtigkeit dieser Localität, einer der merkwürdigsten Völkerscheiden des inneren Asiens, der natürlichen Grenzfeste gegen die Räuberhorden der Wüste; von hier aus war es leicht, den Einfällen der Scythen im Norden und Westen zu begegnen; für einen Feldzug in ihr Gebiet bot sie den gelegensten Ausgangspunkt 40); Alexander hoffte, daß sie nicht minder wichtig für den friedlichen Verkehr der Völker werden müßte; und wenn, was kaum zu bezweifeln, schon in jener Zeit Handelsverbindungen des Tieflandes mit dem Inneren Hochasiens bestanden, so führte aus dem Lande der Serer die einzige Gebirgsstraße von Kaschgar über Usch unmittelbar zu dieser Stelle hin, die zu einem Markte der umwohnenden Völker überaus günstig gelegen war 41).

Und in der That schienen sich die Verhältnisse mit den Scy-

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fernteste Platz in der Festungsreihe; da diese gegen die Wüste der Karakilpaks, Ghaz oder Ghazna genannt, (Ebn Haukal und Ketab Yemini in Not. et Extr. IV. 345. c. n.) gerichtet war, so möchte der Name der Feste Gaza vielleicht mit dem der Wüste eher als mit dem der übrigen Gazas im Perserreich zusammenfallen; sie lag am nächsten bei Alexandria, etwa wo Abulfeda die Feste Bencath nennt. — 40) Arr. IV. 1. 4. — 41) Nur Kojend hat die militärisch wichtige Lage, die dem Plane Alexanders entsprechen konnte; sie ist zu aller Zeit der Schlüssel zur Ferghana und Maveralnahar, der stete Punkt der Invasionen herüber und hinüber, eine Hauptstation der großen Straße zwischen Samarkand und Kaschgar gewesen; die Züge Dschingischans, Timurs, Babers, die Angaben der morgenländischen Geographen haben für das Gesagte unzählige Beweise; Sultan Baber sagt, die Stadt sei sehr alt, ihre Burg liege auf einem Felsenvorsprung, einen Büchsenschuß weit vom Strom, auf der Stadtseite nördlich die Myog-Berge bis an den Strom, der sich an ihrem Fuß vorüber nordwärts wende und durch den Sand weiter wühle. Plin. VI. 16. nennt dieß Alexandria eschata, in ultimis Sogdianorum finibus, und gerade die Biegung des Jaxartes bezeichnet Plolemäus als Grenze Sogdianas.

 

313thischen Nachbarn freundlich gestalten zu wollen; von dem merkwürdigen Volke der Abier 42), so wie von den sogenannten Europäischen Scythen 43), kamen Gesandschaften an den König, mit ihm Bündniß und Freundschaft zu schließen; Alexander ließ mit den Scythen einige seiner Vertrauten zurückreisen, angeblich, um durch seine Gesandten Freundschaft mit ihrem Könige zu schließen, in der That aber, um über das Land der Scythen, über die Bevölkerung des Landes, über die Lebensweise, die körperliche Beschaffenheit und das Waffenthum der Scythen sichere Nachricht zu erhalten. 44)

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42) Ueber dieß räthselhafte und vielbesprochene Volk, dessen Namen schon Homer und die Griechische Tragödie kennt, wage ich keine Meinung zu äußern; Klaproth hat sich neuerdings so entschieden gegen die von C. Ritter über sie geäußerten Vermuthungen ausgesprochen, daß ich gespannt bin, wie der große Geograph sich in der neuen Ausgabe seines Werkes über diesen Gegenstand erklären wird. — 43) Man hat umsonst diese Bezeichnung zu verdächtigen gesucht; wenn dasselbe Scythische Geschlecht, das die (Sarmatischen) Gegenden im Norden des Pontus bewohnte, sich über das Kaspische und Aralmeer hinaus bis an den Sihonfluß ausdehnte, so nannte man es mit Recht Europäisch, und daß dem so war, sieht man aus dem Namen Tanais, cf. Klaproth Nouv. Journ. Asiat. t. 1. p. 50. Die Flußnamen überhaupt, welche die Macedonier hier hörten, geben Gelegenheit, die verschiedenen Scythenarten dieser Gegenden zu unterscheiden; während die Scythen am unteren Lauf des Flusses, den sie Tanais nannten, Europäische Scythen, Sarmaten, sind, erkennt man andere anwohnende Barbaren an dem Flußnamen Iksartes oder Jaxartes für Mongolische Völkerschaften, und es ist unbezweifelt, daß dieß die Scythen sind, welche nordwärts am oberen Lauf des Stromes bald als Alexanders Feinde auftreten. Der dritte Name des Flusses, Silys, den Plinius aufbewahrt, führt wohl auf Tartarischen Ursprung zurück, wie denn zuverlässig die Scythen im Süden des Stromes, die Saker, Daer, Massageten etc. zu diesem Stamme gehören, (τῶν Τούρκων, τῶν Σάκων καλουμένων τὸ παλαί. Menander p. 151. cf. Klaproth Mem. rel. à l’Asie II. p. 384.). — 44) Schon Herodot 1. 203. und Aristot. Meteor. II. 354. a. 21. wissen, daß das Kaspische Meer ein geschlossenes ist; und jene Ansicht, daß es mit dem Ocean in Verbindung stehe, scheint mit der Entdeckung der Einfahrten in das Persische und Arabische Meer (Ar-

 

314 Indeß waren im Rücken Alexanders Bewegungen ausgebrochen, welche mit außerordentlicher Gewalt um sich griffen und das Macedonische Heer mit den drohendsten Gefahren umgaben. Der Haß gegen den erobernden Fremdling vereint mit dem wildbeweglichen Sinn, der zu allen Zeiten die herrschende Klasse der Turanischen Bevölkerung ausgezeichnet hat, bedurfte nur eines Anlasses, um plötzlich in die heftigste Empörung auszubrechen; und der Fürst Spitamenes, der sich in seinen hochfahrenden Hoffnungen getäuscht haben mochte, eilte diese Stimmung, das Vertrauen, das ihm Alexander geschenkt, und dessen Entfernung zu benutzen. Er wußte unter seinen sieben tausend Reutern, die an dem Verrath gegen Bessus Theil gehabt hatten, das Gerücht zu verbreiten, daß Alexander im Sinn habe, sie alle aus dem Wege zu räumen; zur wildesten Wuth entflammt bildeten sie den Kern eines allgemeinen Aufstandes, dem die kleine Besatzung der Macedonier in Marakanda erliegen zu müssen schien. Es kam dazu, daß die Massageten, die Daer, die Saker in der Wüste, alte Kampfgenossen des Spitamenes und durch die Macedonier nicht minder bedroht, durch die Vorspiegelung von Mord und Plünderung leicht zur Theilnahme gereizt wurden, und daß Baktrien gemeinschaftliche Sache mit den Sogdianern zu machen eilte; die Zusammenkunft 44b) der Baktrischen Häuptlinge nach Zariaspa, so hieß es, die Alexander für den nächsten Winter angesetzt hatte, sei bestimmt, die Führer des Volks mit einem Schlage über Seite zu schaffen; man müsse der Gefahr vorbeugen, und sich sichern, ehe es zum Aeußersten komme. Oxyartes, Katanes, Chorienes,

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rian. VII. 16.) aufgekommen und seit Patrokles Berichten geglaubt worden zu sein. Uebrigens ist es möglich, daß die Macedonier den Jaxartes-Tanais für identisch mit dem Tanais-Don hielten; nur hat diesen Unterschied, auf dessen Entdeckung sich 50 Jahre später der Milesier Demodamas so viel zu Gute that (Solin. c. 49. c. intpp.), Alexander wohl schon erkannt, indem er sonst nicht an eine Durchfahrt vom Kaspischen zum Indischen Meere hätte denken können. Aristoteles meint (Meteor. 1. p. 350. a. 20.), ein Arm des Araxes (so nennt er den Jaxartes) gehe zum Mäotischen See. — 44b) In jenen Ländern ein zu aller Zeit gebräuchliches Institut, Korultai genannt.

 

315 Haustanes und viele andere Baktrische Fürsten, mit ihnen der größere Theil der herrschenden Bevölkerung, warteten nur auf das Zeichen zum Aufstande. Und kaum war dieß Zeichen durch die Ermordung der Macedonischen Besatzungen in den sieben Grenzfesten gegeben, so loderten im weiten Bereich des Transoxianischen Landes die wildesten Flammen des Aufruhrs empor. Die Kunde von diesen Vorgängen verbreitete sich schnell über den Jaxartes in die Steppen der Asiatischen Scythen; voll Mordlust und Raubgier drängten sich die Horden an die Ufer des Stromes, um sogleich bei dem ersten Erfolge, den die Sogdianer erringen würden, mit ihren Pferden den Strom zu durchschwimmen und über die Macedonier herzufallen. So war Alexander plötzlich in einem furchtbaren Netze von Gefahren; der geringste Unfall oder Verzug mußte ihm und seinem Heere den gräßlichsten Untergang bereiten; es bedurfte der ganzen Kühnheit und Geistesgröße eines Helden, um schnell und sicher den Weg der Rettung zu finden.

Alexander rückte eiligst gen Gaza, der nächsten der sieben Festen, indem er Kraterus gegen Cyropolis, wohin sich die meisten Barbaren der Umgegend geworfen hatten, voraus sandte mit dem Befehl, die Stadt mit Wall und Graben einzuschließen und Maschinen bauen zu lassen. Vor Gaza angekommen, ließ er sofort gegen die nicht hohen Erdwälle der Stadt den Angriff beginnen; während Schleuderer, Schützen und Maschinen durch einen Hagel von Geschossen die Wälle bestrichen und rein fegten, war das schwere Fußvolk von allen Seiten her zugleich zum Sturm herangerückt, hatte die Leitern angelegt, die Mauern erstiegen, und in Kurzem waren die Macedonier Herren der Stadt; auf Alexanders ausdrücklichen Befehl mußten alle Männer über die Klinge springen; Weiber, Kinder und alle sonstigen Habseligkeiten wurden den Soldaten Preis gegeben, die Stadt in Brand gesteckt. Noch an demselben Tage wurde die zweite Feste angegriffen und auf die gleiche Weise erstürmt; die Einwohner traf dasselbe Schicksal. Am nächsten Morgen standen die Phalangen vor der dritten Stadt, auch sie fiel bei dem ersten Sturm. Die Barbaren der zwei nächsten Festen sahen die Rauchsäule der eroberten Stadt emporsteigen; Einige, aus derselben entronnen, brachten die Nachricht von dem fürchterlichen Ende der Stadt; auf diese Nachricht hielten die Barbaren in beiden Städten Alles für 316 verloren, in hellen Haufen stürzten sie aus den Thoren, in die Berge zu flüchten. Alexander hatte dieß ahnend bereits in der Nacht seine Reuterei vorausgesandt, mit dem Befehl, die Wege um beide Städte genau zu beobachten; so rannten die fliehenden Barbaren den dichtgeschlossenen Schwadronen der Macedonier in die Klinge und wurden meist niedergemacht, ihre Städte genommen und niedergebrannt 45).

Nachdem so in zwei Tagen die fünf nächsten Festen bewältigt waren, wandte sich Alexander gegen Cyropolis, vor der bereits Kraterus mit einigen Truppen angekommen war. Diese Stadt, größer als die übrigen, mit sicheren und stärkeren Mauern und im Innern mit einer Burg versehen, war von ungefähr funfzehn tausend Mann vertheidigt, unter denen die streitbarsten Barbaren der Umgegend. Alexander ließ sofort das Sturmzeug auffahren und gegen die Manern zu arbeiten beginnen, um möglichst bald eine Bresche zum Angriff zu gewinnen. Während die Aufmerksamkeit der Belagerten auf die so bedrohten Punkte gerichtet war, bemerkte Alexander, daß der Fluß, der durch die Stadt herab kam, ausgetrocknet, wie er war, durch die Lücke, die sich dort in der Mauer befand, einen Weg darbiete in die Stadt hineinzuschleichen. Er ließ jetzt Hypaspisten, Agrianer und Schützen auf das nächstgelegene Thor lesrücken, während er selbst mit wenigen Anderen durch das Flußbette unbemerkt in die Stadt hineinschlich, zu dem nächsten Thore eilte, es erbrach, und die Seinigen einrücken ließ. Die Barbaren, obschon sie Alles verloren sahen, warfen sich mit der wildesten Wuth auf Alexander; ein blutiges Gemetzel begann, Alexander, Kraterus, viele der Officiere wurden verwundet, desto heftiger drangen die Macedonier vor; während sie den Markt der Stadt eroberten, waren auch die Mauern erstiegen, die Barbaren, von allen Seiten umringt, warfen sich in die Burg; sie hatten an acht tausend Todte verloren. Sofort schloß Alexander die Burg ein; es bedurfte nicht weiterer Anstrengungen, Wassermangel nöthigte sie zur Uebergabe.

Nach dem Falle dieser Stadt war von der siebenten und letzten Feste kein langer Widerstand zu erwarten; und nach dem Berichte des Ptolemäus ergab sie sich, ohne einen Angriff abzuwarten, auf

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45) Arrian. IV. 2.

 

317 Gnade und Ungnade; nach anderen Nachrichten wurde auch sie mit Sturm genommen und die Bevölkerung niedergemacht 46). Wie dem auch sei, Alerander mußte gegen die aufrührerischen Barbaren dieser Gegend um so strenger verfahren, je wichtiger ihr Gebiet war, er mußte sich um jeden Preis in vollkommen sicheren Besitz dieser Paßgegend zu setzen suchen, ohne welche an die Behauptung des Sogdischen Landes nicht zu denken war; mit dem Blute vieler Tausende, mit der Auflösung aller alten Verhältnisse mußte die Einführung des Neuen, das Transoxiana für Jahrhunderte umgestalten sollte, beginnen.

Durch die Unterwerfung der sieben Städte, aus denen die Reste der Bevölkerung zum Theil in Fesseln mitgeschleppt wurden, um in der neuen Stadt Alexandria am Tanais angesiedelt zu werden, hatte sich Alexander den freien Rückweg nach Sogdiana erkämpft, und allerdings war es die höchste Zeit, daß die in Marakanda zurückgelassene und von Spitamenes belagerte Besatzung Hülfe erhielt. Zugleich aber standen die Scythischen Horden, durch die Empörung der sieben Städte gelockt, an den Nordufern des Stromes bereit, über die Macedonier herzufallen; wollte Alexander nicht alle am Tanais errungenen Vortheile und eine Zukunft neuen Ruhmes und neuer Macht aufgeben, so mußte er die am Strome genommene Position auf das Vollständigste befestigen, und den Scythen ein für Allemal die Lust zu Invasionen verleiden, bevor er nach Sogdiana zurückkehrte; vorläufig schien es genug, wenn einige tausend Mann zum Entsatz von Marakanda geschickt wurden. So wurden demnach in einem Zeitraume von etwa zwanzig Tagen die Werke der neuen Stadt, die gegen dreiviertel Meilen Umfang hatten, vollendet,

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46) Arrian. IV. 3. Curtius VII. 6. stimmt weder mit Ptolemäus noch mit Aristobulus überein; die Ermordung von 50 Macedonischen Reutern, wie er sie erzählt, scheint etwas romanhaft; denn jedenfalls würden sich Alexanders Truppen in jener gefährlichen Zeit vorsichtiger benommen haben. So viel indeß ist ihm zu glauben, daß die Cyrusstadt so wie die anderen Grenzfesten zerstört wurden, denn Alexander veränderte mit der Anlage von Alexandrien das frühere Vertheidigungssystem dieser Gegend, das von Cyrus und Semiramis herstammen sollte (Justin. XII. 5. und Curt.)

 

318 und für die ersten Ansiedler die nothwendigen Wohnungen errichtet; Macedonische Veteranen, ein Theil der Griechischen Söldner, überdieß aus den Barbaren der Umgegend wer da wollte, und die aus den zerstörten Festungen fortgeführten Familien bildeten die erste Bevölkerung dieser Stadt, welcher der König unter den gebräuchlichen Opfern, Wettkämpfen und Festlichkeiten den Namen Alexandria gab 47).

Indessen lagerten die Scythischen Horden noch immer am jenseitigen Ufer des Flusses, sie schossen wie zum Kampf herausfordernd Pfeile hinüber, sie prahlten und lärmten, die Fremdlinge würden wohl nicht wagen, mit Scythen zu kämpfen, wagten sie es, so sollten sie inne werden, welch ein Unterschied zwischen den Söhnen der Wüste und den Persischen Weichlingen sei. Alexander beschloß über den Strom zu gehen und sie anzugreifen; aber die Opfer gaben ihm keine günstigen Zeichen; es mochte dazu kommen, daß er von der Wunde, die er bei der Einnahme von Cyropolis empfangen, noch nicht so weit wiederhergestellt war, um persönlich an dem Ueberfall Antheil nehmen zu können. Als aber die Scythen mit ihrem Prahlen immer frecher wurden, und zu gleicher Zeit aus Sogdiana die bedrohlichsten Nachrichten einliefen, da ließ der König seinen Zeichendeuter Aristander zum zweiten Male opfern und den Willen der Götter erforschen; und wieder verkündeten die Opfer nichts Gutes, sie bezeichneten persönliche Gefahr für den König; da befahl Alexander mit den Worten, daß er sich selbst lieber der höchsten Gefahr aussetzen, als länger zum Gelächter der Barbaren dienen wolle, die Truppen an die Ufer rücken zu lassen, die Wurfgeschütze aufzufahren, die zu Pontons verwandelten Zeltfelle zum Uebergang bereit zu machen. Es geschah; während auf dem jenseitigen Ufer die Scythen auf ihren Pferden laut lärmend auf und niederjagten, rückten die Macedonischen Schaaren in voller Rüstung längs dem Südufer auf, vor ihnen die Wurfmaschinen, die dann plötzlich alle zugleich Pfeile und Steine über den Strom zu schleudern begannen. Das hatten die halbwilden Scythen noch nie gesehen; bestürzt und verwirrt wichen sie vom Ufer zurück, während

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47) Curt. Justin. Arrian.

 

319 Alexander unter dem Schmettern der Trompeten über den Fluß zu gehen begann; die Schützen und Schleuderer, die ersten am jenseitigen Ufer, deckten den Uebergang der Reuterei, die zunächst folgte; sobald diese hinüber war, fingen die Plänkerer und die schweren Griechischen Reuter, im Ganzen etwa zwölfhundert Pferde stark, das Gefecht an; die Scythen, eben so flüchtig zum Rückzug, wie wild im Angriff, umschwärmten sie bald von allen Seiten, beschossen sie mit einem Hagel von Pfeilen, und setzten, ohne einem Angriff Stand zu halten, der weit kleineren Zahl der Macedonier hart zu. Da aber brachen die Schützen und Agrianer mit dem gesammten leichten Fußvolk, das eben gelandet war, auf den Feind los, bald begann an einzelnen Punkten ein stehendes Treffen; es zur Entscheidung zu bringen, gab Alexander den reitenden Schützen und drei Geschwadern der Macedonier den Befehl zum Einhauen; er selbst sprengte an der Spitze der übrigen Geschwader, die in tiefen Colonnen vorrückten, den Kämpfenden in die Flanke, so daß sie jetzt, von allen Seiten beschäftigt, nicht mehr im Stande, sich zum fliegenden Gefecht zu zerstreuen, an allen Punkten zurückzujagen begannen; die Macedonier setzten ihnen auf das Heftigste nach; die wilde Hast, die drückende Hitze, der brennende Durst machte die Verfolgung höchst anstrengend; Alexander selbst, auf das Aeußerste erschöpft, trank, ohne abzusitzen, von dem schlechten Wasser, das die Salzsteppe bot; schnell und heftig stellte sich die Wirkung des unglücklichen Trunkes ein; dennoch jagte er den Feinden noch über eine Meile weit nach 48); endlich versagten seine Kräfte, die Verfolgung wurde abgebrochen, der König krank in das Lager zurückgetragen, die Gefahr, in der sich sein Leben befand, bestätigte nur zu sehr die Zeichen der Götter, wie sie Aristander gedeutet hatte 49); mit seinem Leben stand Alles auf dem Spiele.

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48) Plut. de fort. Alex. II. — 49) Curtius erzählt sehr abweichend; seine Erzählung wird schon dadurch verdächtig, daß er meint, der Seythenkönig habe die Wichtigkeit der neuen Stadt geahndet (suis impositum esse cervicibus), und darum zu hindern gesucht. Die berühmte Rede der Scythischen Gesandten paßt wenig in den historischen Zusammenhang. Wie weit Alexander den Seythen nachgesetzt sei, wird verschieden (80, 100, 150 Stad.) angegeben.

 

320 Indeß genas Alexander bald; der Angriff auf die Scythen hatte ganz den erwünschten Erfolg; es kamen Gesandte ihres Königs, das Vorgefallene zu entschuldigen, es sei die Nation ohne Antheil an jenem Zuge, den ein einzelner Haufe beutelüstern auf eigene Hand unternommen; ihr König bedauere die durch denselben veranlaßten Verwirrungen; er sei bereit, sich den Befehlen des großen Königs zu unterwerfen 50). Alexander antwortete ihnen auf das Huldreichste, und gab die in dem Gefechte Gefangenen, etwa 150 an der Zahl, zum Zeichen seiner Versöhnung, ohne Lösegeld frei 51), eine Großmuth, die auf die Gemüther der Barbaren nicht ihren Eindruck zu machen verfehlte, und die, mit den leuchtenden Heldenthaten des erobernden Fremdlings vereint, seinem Namen jene Glorie übermenschlicher Hoheit gaben, an welche die Einfalt roher Naturvölker eher zu glauben als zu zweifeln geneigt ist. Wie sieben Jahre früher an der Donau auch unbesiegte Völker ihre Huldigungen darbrachten, so kamen jetzt voll Bewunderung gegen den Helden, dem selbst die Scythen der Bergsteppen erlegen waren, Gesandte der Sakischen Scythen, dem Könige Frieden und Freundschaft anzutragen. So waren sämmtliche Völker in der Nachbarschaft von Alexandria beruhigt und traten zum Reiche in das Verhältniß, mit welchem Alexander für jetzt sich begnügen mußte, um desto schneller in Sogdiana erscheinen zu können.

Und allerdings standen die Sachen in Sogdiana sehr gefährlich; dem Aufstande, welcher von Spitamenes und seinem Anhange begonnen war, hatte sich der sonst friedliche feldbautreibende Theil der Bevölkerung, vielleicht mehr aus Furcht als aus Neigung 52),

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50) Arrian IV. 5. — 51) Curt. VII. 9. 19. — 52) Curt. VII. 6. 24. Diese Angabe ist durch nichts im Arrian widerlegt, sondern durch einige Andeutungen bestätigt: er sagt IV. 2. „die meisten Sogdianer“ nahmen Antheil, er berichtet, daß Pharnuches „zum Unterhandeln“ abgeschickt sei. Es scheint damals wie jetzt in den Chanat Bochara gewesen zu sein, daß nämlich der größere Theil der Bevölkerung, friedlich gesinnt und dem Ackerbau und Handel ergeben, Unterthan eines herrschenden Stammes war. Die Tadjiks von Bochara, fleißig, gebildet, unkriegerisch, erzählen noch heute daß sie seit Iskanders Zeiten dieß Land bewohnen, daß nie einer

 

321 angeschlossen; die Macedonische Besatzung vor Marakanda ward belagert und bedeutend bedrängt, dann hatte sie einen Ausfall gemacht, den Feind zurückgeschlagen und sich ohne Verlust in die Burg zurückgezogen; das war etwa um dieselbe Zeit geschehen, als Alexander, nach der schnellen Unterwerfung der sieben Festungen, Entsatz schickte. Auf die Nachricht davon hatte Spitamenes die Belagerung gänzlich aufgehoben, und sich nach der (zweiten) Königsburg von Sogdiana zurückgezogen. Indeß waren die Macedonischen Truppen, die Alexander nach dem Fall von Cyropolis abgesendet, in Marakanda angekommen, acht hundert Griechische Reuter unter Andromachus, sechsundsechzig Macedonische Ritter unter Karanus, tausend fünf hundert schwerbewaffnete Söldner unter Menedemus; die Führung der Expedition hatte Alexander dem Lycier Pharnuches, der der Landessprache kundig war, anvertraut, überzeugt, daß das Erscheinen eines Macedonischen Corps die Empörer in die Flucht zu jagen hinreichen, im Uebrigen es aber besonders darauf ankommen würde, sich mit der sonst friedliebenden Masse der Bevölkerung Sogdianas zu verständigen. Pharnuches und die ihm beigegebenen Generale hatten sich, als sie die Gegend von Marakanda bereits von Spitamenes geräumt sahen, denselben zu verfolgen beeilt; bei ihrem Herannahen war er an die Westgränze Sogdianas geflüchtet; indeß war es den Macedonischen Generalen nothwendig erschienen, noch weiter zu verfolgen, und die Scythen in der Wüste, welche den Empörern Zuflucht zu gestatten schienen, zu züchtigen. Dieser unüberlegte Angriff auf die Scythen hatte zur Folge, daß Spitamenes sie zu offenbarem Beistande bewegen und seine Streitmacht mit sechs hundert jener tapferen Reuter, wie sie

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aus ihrer Mitte Fürst im Lande gewesen sei, daß sie nur zu gehorchen verständen (Meiendorf p. 194.). Und Hammer (Nouv. Journ. Asiat. 1828 p. 68) erkennt in diesen Tadjiks die Δαδίκαι Herodots. Chinesische Berichte aus dem zweiten Jahrhundert vor Christus nennen schon diese Tiao-tchi: „die Alten wußten aus Tradition, daß bei ihnen der Jo-choui und Si-vang-mou (Mutter des Königs des Occidents) war, aber niemand hatte sie gesehen“ Nouv. Journ. Asiat. 1829. p. 425. Dieß darum, weil Elphinstone geneigt ist, den Ursprung der Tadjiks auf die angesiedelten Araber zurückzuführen.

 

322 in der Steppe heimisch sind, vermehren konnte. Er rückte den Macedoniern auf der Grenze der Steppe entgegen; ohne einen förmlichen Angriff auf sie zu machen oder von ihnen zu erwarten, begann er die geschlossenen Reihen des Macedonischen Fußvolks zu umschwärmen und aus der Ferne zu beschießen, der Macedonischen Reuterei, wenn sie auf ihn losrückte, zu entfliehen und sie durch wilde Flucht zu ermüden, an immer anderen und anderen Punkten seine Angriffe zu erneuen; die Macedonischen Pferde waren durch Märsche und durch Mangel an Futter erfchöpft, viele von den Leuten lagen schon todt oder verwundet auf dem Platze; Pharnuches forderte, die drei Generale sollten den Oberbefehl übernehmen, da er nicht Soldat und mehr zum Unterhandeln als zum Kämpfen gesendet sei; die Generale weigerten sich die Verantwortlichkeit für eine Expedition zu übernehmen, die schon so gut als misglückt war; man begann, sich von dem freien Felde zum Strome zurückzuziehen, um dort unter dem Schutz eines Gehölzes den Feinden Widerstand zu leisten; aber der Mangel an Einheit im Befehl vereitelte die letzte Rettung; Karanus, an den Fluß angekommen, ging an der Spitze seiner Reuter hinüber; das Fußvolk, in dem Wahne, daß Alles verloren sei, stürzte sich in wilder Hast nach, um das jenseitige Ufer zu erreichen. Kaum gewahrten dieß die Barbaren, so sprengten sie von allen Seiten heran, gingen oberhalb und unterhalb über den Fluß, und von allen Seiten umzingelnd, von hinten nachdringend, von den Flanken her einhauend, die an das Ufer Steigenden zurückdrängend, ohne den geringsten Widerstand zu finden, trieben sie die Macedonier auf einen Werder im Flusse zusammen, wo die Barbaren von den beiden Ufern her den Rest der Truppen mit Pfeilen durchbohrten. Wenige waren gefangen, auch diese wurden ermordet; die Meisten, unter ihnen die Generale, waren gefallen; nur vierzig Reuter und drei hundert Mann vom Fußvolk hatten sich gerettet 53). Spitamenes selbst rückte sofort mit

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53) Die Erzählung ist nach Ptolemäus, dessen Bericht sich durch Aristobuls Notizen ergänzt. Curtius Angaben differiren in wesentlichen Punkten; nach ihm wäre dem Spitamenes und Catanes die Dämpfung des Sogdianischen Aufstandes übertragen worden. Aus dem Gehölz am Strome, in welchem nach Aristobulus Spitamenes

 

323 seinen Seythen gegen Marakanda, und begann, durch die errungenen Vortheile ermuthigt und von der Bevölkerung unterstützt, die Besatzung der Stadt zum zweiten Male zu belagern.

Diese Nachricht nöthigten den König Alexander, auf das Schleunigste die Verhältnisse mit den Scythischen Völkern am Tanais zu ordnen; zufrieden, in der neugegründeten Stadt am Tanais zugleich eine Grenzwarte und eine wichtige Position für künftige Unternehmungen zu besitzen, eilte er, indem er den größeren Theil des Heeres unter Kraterus Führung nachrücken ließ, an der Spitze des leichten Fußvolks, der Hypaspisten und der Hälfte der Edelschaaren nach dem Soghdthale; mit verdoppelten Tagemärschen stand er am vierten Tage vor Samarkanda 54). Spitamenes war auf die

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einen Hinterhalt gelegt hatte (?) macht Curtius ein silvestre iter und saltus, er nennt diese Scythen Dahae, doch ließe sich aus der Variante Dacae auch Sacae machen, nur daß hier mit einem Namen nicht viel gewonnen wird. Schwieriger und wichtiger ist es, die Lokalitäten aufzusuchen. Daß der Strom Polytimetus kein anderer ist, als der Soghdfluß, ist ausgemacht; aber wo ist die „Residenz“ Baktra (so nennt sie Curtius VII. 9. 20.) zu suchen, zu der Spitamenes von der Residenz Markanda flieht? Bedenkt man die Wichtigkeit und die Schönheit des unteren Soghdthales, welches durch die Oxuspassage bei Amol und den Weg von Merv mit Iran die nächste Verbindung hat, und vergleicht man damit den Umstand, daß aus Alexanders Zeit keine weitere Ortschaft unterhalb Samarkand die paradisischen Tumans von Bochara bezeichnet, so wird man geneigt, diese „βασίλεια“ dort ohngefähr zu suchen; des Cl. Ptolemäus Tribactra liegt ziemlich genau in derselben Gegend, wenige Meilen nordöstlich von dem Oxiana See, der kein anderer ist, als der Karakul; und Abulfeda nennt unter den Orientirungen von Bochara die des Cl. Ptolemäus; von Bochara aus wird Spitamenes über den einige Meilen entfernten Südarm des Soghdflusses (Zer-afchan) gen Westen geflohen sein, denn hier beginnt bald jene Steppe, in der sich der Nordarm (Wafkend) verliert. — 54) Die Entfernung von tausend fünf hundert Stadien stimmt mit der Angabe bei Abulfeda, daß Kojend sieben Tagereisen von Samarkand entfernt sei, (Geog. min. ed. Hud. t. III. p. 32) und noch genauer mit der Reiseroute, die oben aus Fraser mitgetheilt ist. Die Angabe bei Baber, daß Samarkand von Kojend eben so weit entfernt sei wie An-

 

324 Nachricht von seinem Heranrücken nach der Wüste zu geflohen; Alexander folgte, sein Weg führte über jene Ufergegend, die an den Leichen Macedonischer Krieger als Wahlstatt des unglücklichen Gefechtes kenntlich war; er begrub die Todten so feierlich als die Eile gestattete, setzte dann den flüchtenden Feinden weiter nach, bis die Wüste, die sich endlos gen West und Nord öffnet, vom weiteren Verfolgen abzustehen nöthigte. So war Spitamenes mit seinen Truppen aus dem Lande gejagt; die Sogdianer, im Bewußtsein ihrer Schuld und voll Furcht vor des Königs gerechtem Zorn, hatten sich bei seinem Herannahen hinter die Erdwälle ihrer Städte geflüchtet, und Alexander war an ihnen, um erst Spitamenes zu verjagen, vorübergeeilt; seine Absicht war nicht, sie ungestraft zu lassen; je abscheulicher dieser wiederholte Abfall, je wichtiger der sichere Besitz dieses schönen Landes, und je unzuverlässiger eine erzwungene Unterwerfung der Sogdianer war, desto nothwendiger erschien die größte Strenge gegen die Empörer. Sobald Alexander demnach vom Saum der Wüste zurückkehrte, begann er das reiche Land zu verwüsten, die Dörfer niederzubrennen, die Städte zu zerstören, die Barbaren, die sich in die Städte geflüchtet hatten, niederzumetzeln, und so verheerend und ausrottend für das neue Wesen, das er in diesen Landen gründen zu müssen glaubte, reine Stätte zu bereiten 55).

Nachdem auf diese Weise Sogdiana unterworfen war, ging

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dejan, nämlich fünfundzwanzig Farasangs, ist unrichtig, und ist auch in der Persischen Uebersetzung der Memoiren ausgelassen. — 55) Diese Verheerung des Sogdianischen Landes gehört mit zu den merkwürdigsten Ereignissen in der Geschichte Alexanders; wie ausgedehnt sie gewesen, beweist der Auftrag, den später Hephästion erhält, die Städte von Neuem zu bevölkern. Zwölf Myriaden Menschen sollen nach epit. Diod. umgebracht sein. Was man auch über sie in moralischer Hinsicht urtheilen mag, jedenfalls ist sie ein großes Dokument für die Klarheit und Strenge, mit der Alexander seine Pläne mit seinen Mitteln in Einklang brachte; und erkennt man einmal das Große seines Strebens, dessen Erfolg die Geschichte von Jahrhunderten und die Erinnerung des heutigen Orients bewähren so sind Dinge dieser Art, vor denen das Gefühl der Menschlichkeit schaudert, nothwendige Consequenzen.

 

325 Alexander, indem er den Peukolaus mit drei tausend Mann zurückließ, nach Zariaspa im Baktrianischen, wohin er die Häuptlinge des Landes zu einer Versammlung berufen hatte. Mögen die Baktrianer, geschreckt durch das hatte Gericht, welches über Sogdiana verhängt worden, sich nun unterworfen, oder von Anfang her ihre Theilnahme an der Empörung minder bethätigt haben, jedenfalls fand Alexander militärische Unternehmungen gegen sie für jetzt nicht nöthig, und von einer Bestrafung der bei der beabsichtigten Empörung Betheiligten ist nicht mehr als eine unbedeutende Notiz überliefert 56). Diejenigen von den Großen, welche mit in den Sogdianischen Aufstand verwickelt waren, hatten sich in die Berge geflüchtet und hielten in den dortigen Felsenschlössern sich für sicher.

Der Winter 329 auf 328, den Alexander in Zariaspa 57)

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56) Diod. XVII. ep. ὼς Βακτριανοὺς ἐκόλασεν, eine vielleicht nicht einmal zuverlässige Notiz. — 57) Ueber Zariaspa sind die alten Nachrichten schwer in Einklang zu bringen; das Leichteste wäre, wenn man ohne Weiteres Strabos Angabe folgen dürfte, daß Baktra und Zariaspa dieselbe Stadt sei; doch lassen sich dagegen wesentliche Einwände erheben: 1) Arrian, der beide Namen nennt, bezeichnet damit unläugbar zwei verschiedene Städte, indem er kein einziges Mal Βάκτρα ὴ καὶ Ζαρίασπα sagt, vielmehr den Zusammenhang der Begebenheiten (cf. IV. 16.) so berichtet, daß unmöglich beide Namen denselben Ort bezeichnen können; auch Polyb. X. 49. nennt in der Expedition des großen Antiochus die Stadt Zariaspa ohne Zusatz. 2) Ptolemäus nennt beide Städte unter verschiedenen Gradbestimmungen; dazu kommt, daß er einen Fluß Zariaspes, an dem gewiß die gleichnamige Stadt lag, entschieden trennt von dem Dargidus, an dem Baktra liegt. Wenn so die Verschiedenheit beider Städte unzweifelhaft ist, so fragt sich, wo Zariaspa lag. Ritter behauptet, daß diese Stadt dieselbe sei mit dem unteren Merv, und in der That hat diese Annahme so viel Ansprechendes, daß man sie gern für erwiesen halten möchte; es ist kein Zweifel, daß sich in jener Zeit der Murghab bei Amol (44° 20' 109° 10' Ptol.) in den Oxus ergoß, und noch heut ist Merv die südwestlichste Grenzfeste der Ouzbecken von Bochara. Dennoch scheint diese Annahme keinen sicheren Grund zu haben. Wenn man sich nach Ptolemäus Angaben die Karte von Hyrkanien, Margiana,

 

326 zubrachte, war in vielfacher Beziehung merkwürdig; das Zusammenströmen des hohen Persischen Adels, das Eintreffen neuer Kriegsvölker aus dem Abendlande, mehrere Gesandtschaften Europäischer und Asiatischer Völker, dazu die glückliche Natur des Baktrischen Fruchtlandes, das rüstige Leben unter diesem stets siegreichen Heere, die unendlichen Reichthümer, die in demselben verbreitet waren, das bunte Gemisch Macedonischen Soldatenlebens, Persischer Prunksucht und Hellenischer Hoffahrt, das alles zusammen giebt das eben so seltsame wie charakteristische Bild für die Hofhaltung des Königs Alexander, der sehr wohl wußte, daß er zu

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Arien und Baktrien zeichnet, so sieht man bald die Uebereinstimmung zwischen seinen und den neueren Flußzeichnungen; sein wichtigster Fehler ist, die wahre Mündung des Oxus in das Kaspische Meer für die des Polytimetus, und die Ochusmündung für die des Oxus gehalten zu haben; fast alles Andere stimmt genau; sein Dragomanes (Arius bei Polyb. X. 49. Orchomanes bei Ammian. Mare.) ist der Heriroud, zwischen dem und dem Margus (Murghab) die Stadt Mervrud, die erst Alexandria und später Antiochia Margiana hieß, lag; sein Dargidus (Darja-Fluß) ist der bei Balk vorüberfließende Dahas, endlich sein Hauptstrom Oxus der Fluß von Khullum, der östlichste Strom, der aus jenem wasserreichen Bergrevier seit Alexander bekannt sein mochte. Noch bleibt der Fluß Zariaspes, von dessen Mündung etwas südwärts Ptolemäus die gleichnamige Stadt ansetzt, (gewöhnlich ριγ' und μδ' L'δ'; in Editt. μγ'; daraus ριβ' L'δ' und μγ'). Von einem Flusse zwischen Dahas und Murghab wissen zwar unsere Karten nichts, indeß erfuhr Meyendorf in jenen Gegenden, daß bei der Stadt Ankoi, über die der Karawanenzug aus Maveralnahar nach Herat geht, ein Fluß vorbeifließt, den ich geneigt bin für den Zariaspes des Ptolemäus zu halten. Ankoi liegt funfzig Meilen Weges vom Murghab, und ein und zwanzig von Meimoneh, dreizehn Meilen von der Oxuspassage (bei Kirki), von der man noch zwei und zwanzig Meilen bis Bochara hat, zwölf Meilen von Balk (Fraser Append. p. 121.). Wie eine Verwechselung zwischen Baktra und Zariaspa entstehen konnte, ist schwer zu erklären; vielleicht führte letztere, wie so viele Städte jener Gegend (Tribaktra bei Ptolemäus, Balk ab Fayin, Chan Balk, Balk ab Bala etc. auch den Namen Baktra (Βάκτρα ὴ καὶ Ζαρίατπα), und wurde so leicht mit dem berühmteren Baktra verwechselt.

 

327 dem wahren Ruhm seiner Siege und Gründungen noch den überschwänglichen Prunk des Morgenlandes und die volle Majestät des höchsten irdischen Glückes hinzufügen müsse, ohne das die neu gewonnenen Völker an der Größe irre geworden wären, die sie als überirdisch zu verehren bereit waren.

Wie sehr Alexander die Vorurtheile des Morgenlandes ehrte, bewies vor Allem das Gericht über Bessus, das mit aller der Feierlichkeit gehalten wurde, die das furchtbare Verbrechen des Königsmordes zu verdienen schien. Die in Zariaspa anwesenden Großen wurden zur Versammlung berufen, dann Bessus in Ketten vorgeführt, der König selbst trat als Kläger wieder ihn auf; es ward das Urtheil gefällt, daß dem Bessus zunächst Nase und Ohren abgeschnitten, er selbst dann nach Ekoatana abgeführt und unter den Augen der Meder und Perser ans Kreuz geschlagen werden solle 58). Alexander bestätigte das Urtheil, und Bessus, vor den Augen der Versammlung nach Persischer Sitte verstümmelt und gestäupt, ward zur Hinrichtung nach Ekbatana abgeführt 59).

Um diese Zeit trafen Phratapharnes der Parthische Satrap und Stasanor von Arien zu Zariaspa ein; sie brachten in Fesseln den treulosen Arsames, der als Arischer Satrap die Invasion des Satibarzanes begünstigt hatte, den Perser Barzanes, dem von Bessus die Parthische Satrapie übergeben worden war, so wie einige andere Großen, die der Usurpation des Bessus ihre Unterstützung geliehen hatten; mit ihnen war der letzte Rest einer Parthei vernichtet, die bei besserer Führung glücklicheren Widerstand zu leisten und den letzten Schein des Rechtes für sich in Anspruch zu nehmen vermocht hätte; wer jetzt noch Parthei gegen Alexander hielt, schien sich einer untergegangenen Sache oder der leichtsinnigsten Selbstsucht zu opfern.

Unter den Gesandtschaften, die im Laufe des Winters in dem Königlichen Hoflager eintrafen, waren besonders die der Europäischen Scythen merkwürdig. Alexander hatte im vorigen Sommer

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58) Nach Plut. Alex. 43. sollte er zwischen zwei niedergebeugten Baumspitzen gebunden, und von ihrem Zurückschnellen zerrissen werden. — 59) Arrian. IV 7. Curt. VII. 5. und 10. Justin. XII. 5. Diod. Plut. u. a. m.

 

328 mit den Seythischen Gesandten einige seiner Vertrauten zurückgehen lassen, diese kamen jetzt in Begleitung einer zweiten Gesandtschaft zurück, welche von Neuem die Huldigungen ihres Volkes und Geschenke, wie sie den Scythen die werthvollsten erschienen, überbrachte: ihr König sei in der Zwischenzeit gestorben, des Königs Bruder und Nachfolger beeile sich, dem König Alexander seine Ergebenheit und Bundestreue zu versichern, deß zum Zeichen biete er ihm seine Tochter zur Gemahlin an; verschmähe sie Alexander, so möge er gestatten, daß sich die Töchter seiner Großen und Häuptlinge mit den Großen bei Alexanders Hof und Heer vermählten; er selbst sei bereit, wenn Alexander es wünsche, persönlich vor ihm zu erscheinen, um seine Befehle entgegen zu nehmen; er nnd seine Scythen seien gewillt, sich in Allem und Jedem Alexanders Befehlen zu unterwerfen. Alexanders Bescheid war seiner hohen Macht und den damaligen Verhältnissen angemessen; ohne auf die Vorschläge zu einer Scytischen Brautfahrt einzugehen, entließ er die Gesandten reichbeschenkt und mit der Versicherung seiner Freundschaft für das Volk der Scythen. – Um dieselbe Zeit war der Chorasmierkönig 60) Pharasmanes mit einem Gefolge von tausend fünf-

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60) Die Lage von Chorasmien ist unzweifelhaft; die Ostküste des Kaspischen Meeres, mit jenem vielfach wechselnden Wassersystem der Mündungen des Oxus und des Jaxartes, wie sie die alten Küstenfahrer des Meeres bezeichnen, sind sein Gebiet. – Arrian. IV. 15. Curt. VIII. 1. 8.; die Aeußerungen des Pharasmanes, wie sie uns berichtet werden, mit Alexanders Antwort, er wolle jetzt nicht in die Pontischen Landschaften eindringen, könnten die Annahme, Alexander habe den Tanais Europas mit dem Jaxartes verwechselt, zu bestätigen scheinen; man begreift sonst nicht, wie er zu einem Pontischen Feldzuge die Hülfe der Chorasmier am Aralsee in Anspruch nehmen und Pharasmanes sich Nachbar der Kolchier nennen konnte. Indeß glauben wir nicht zweifeln zu können, daß nicht bei Alexander, wohl aber bei den übertreibenden Macedoniern diese Verwechselung anzunehmen ist. Die Getreuen, die mit der Gesandtschaft der Europäischen Scythen gegangen waren, mußten gewiß Nachrichten vom Aral und Kaspischen See eingezogen haben, und wenn dem Pharasmanes der Name der Amazonen in den Mund gelegt wird, so ist das Beweis genug, daß seine Angaben vielfach ver-

 

329hundert Pferden nach Zariaspa gekommen, dem großen Könige persönlich seine Huldigung zu bringen, da bei der freundlichen Aufnahme, die Spitamenes unter den ihm benachbarten Massageten gefunden hatte, er selbst leicht verdächtig werden konnte; er herrschte über das Land des unteren Oxus, und versicherte, Nachbar des Kolchischen Stammes und des Weibervolkes der Amazonen zu sein; er erbot sich, wenn Alexander einen Feldzug gegen die Kolchier und Amazonen zu unternehmen und die Unterwerfung des Landes bis zum Pontus Euxinus zu versuchen geneigt sei, ihm die Wege zu zeigen und für die Bedürfnisse des Heeres auf diesem Zuge zu sorgen. Alexanders Antwort auf diese Anträge läßt einen Blick in den großen Zusammenhang seiner Pläne thun, die, so kühn sie auch sind, von der merkwürdigen Einsicht in das geographische Verhältniß der verschiedenen Länderstrecken, von deren Dasein durch seine Züge die erste Kunde verbreitet wurde, das sicherste Zeugniß ablegen. Er hatte sich bereits durch den Augenschein und durch die Berichte seiner Gesandtschaft und der Eingebornen überzeugt, daß das offenbare Meer keinesweges der Nordgränze des Perserreiches nahe sei, und daß Scythische Horden noch ungemessenen Landstrecken gen Norden inne hätten, daß es unmöglich sei, für das neue Reich auf dieser Seite eine Naturgränze in dem großen Meere zu finden; dagegen erkannte er sehr wohl, daß für die vollkommene Unterwerfung des westasiatischen Hochlandes, die seine nächste Absicht blieb, der Besitz der angrenzenden Tiefländer wesentliche Bedingung sei, und die Folgezeit hat gelehrt, wie richtig er den Euphrat und Tigris, den Oxus und Jaxartes, den Indus und Hyphasis zu Stützpunkten seiner Herrschaft über Persien und Ariana gemacht hat. Er antwortete dem Pharasmanes, daß er für jetzt nicht daran denken könne, in die Pontischen Landschaften einzudringen; sein nächstes Werk müsse die Unterwerfung Indiens sein, dann Herr von Asien

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größert im Heere Alexanders verbreitet und geglaubt wurden. Was das Wahre davon sein mag, ist nicht mehr zu erkennen; vielleicht, daß Pharasmanes eine maritime Verbindung mit der gegenüberliegenden Landschaft des Kur und Araxes meinte, deren Alter alte Angaben und neue Forschungen hinreichend erweisen.

 

330 denke er nach Hellas zurückzukehren, und durch den Hellespont und den Bosporus in den Pontus mit seiner ganzen Macht einzudringen; bis auf diese Zeit möge Pharasmanes das, was er jetzt anbiete, aufschieben; für jetzt schloß der König mit ihm Freundschaft und Bündniß, empfahl ihn den Satrapen von Baktrien, Parthien und Arien, und entließ ihn mit allen Zeichen seines Wohlwollens.

Indeß gestatteten die Verhältnisse noch keinesweges, den Indischen Feldzug zu beginnen; Sogdiana war zwar unterworfen und verheert worden, aber das strenge Strafgericht, das Alexander über das unglückliche Land verhängt hatte, weit entfernt, die Gemüther zu beruhigen, schien nach einer kurzen Betäubung allgemeine Wuth hervorgebracht zu haben; bei Tausenden waren die Einwohner in die ummauerten Plätze, in die Berge, in die Bergschlösser der Häuptlinge im obern Lande und in den Oxianischen Grenzgebirgen geflüchtet; überall, wo die Natur Schutz bot, lagen Banden von Geflüchteten, um so gefährlicher, je hoffnungsloser ihre Sache war 61). Der Statthalter Peukolaus vermochte nicht, mit seinen dreitausend Mann die Ordnung aufrecht zu erhalten und das platte Land zu schützen, von allen Seiten her bildeten sich die Massen einer förmlichen Insurrektion, und es schien nur ein Anführer zu fehlen, der die Abwesenheit Alexanders benutzte. Spitamenes, der, nach dem Ueberfall am Polytimetus zu urtheilen, nicht ohne militärisches Geschick war, scheint, ins Land der Massageten geflüchtet, ohne weitere Verbindung mit diesem zweiten Abfall seines Chanates gewesen zu sein; wenigstens wäre sonst nicht zu begreifen, warum er nicht früher mit seinen Scythen herbei eilte. Denn daß Alexander den Ausstand sich so weit entwickeln ließ, ehe er ihn zu unterdrücken eilte, war ein Zeichen, daß für den Augenblick seine Streitkräfte nicht so angethan waren, um diese kühnen und zahlreichen Feinde in ihren Bergen aufzusuchen; nach der Besetzung von Alexandria in Arachosien, am Paropamisus und Tanais konnten kaum mehr als zehn tausend Mann disponibel sein. Erst im Laufe des Winters waren bedeutende Verstärkungen aus dem Abendlande eingetroffen. Unter Nearch, dem Statthalter der Südküste Kleinasiens, waren acht tau-

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61) Arrian. IV. 15.

 

331send Macedonier, unter denen fünf hundert Ritter, unter Asander, der von seiner Satrapie Lydien aus Werbungen angestellt hatte, drei tausend Mann Fußvolk und fünf hundert Reuter gekommen; aus Syrien brachte der Satrap Asklepiodor und der Hyparch Menes andere drei tausend Mann Fußvolk und fünf hundert Reuter, die Generale Epocillus, Ptolemäus und Menides, die theils von Susa, theils von Ekbatana mit Geldtransporten und mit den heimkehrenden Thessaliern an das Meer gesendet waren, kamen mit drei tausend Mann Fußvolk und ein tausend Mann Reuter, so daß Alexander jetzt Truppen genug um sich hatte, um die Insurrektion Sogdianas bis in ihre letzten Schlupfwinkel zu verfolgen 62).

Mit dem Frühjahr 328 verließ Alexander das Hoflager von Zariaspa, woselbst in den Lazarethen einige hundert Mann von den Macedoniern nebst einer kleinen Besatzung von Reutern und Edelknaben zurückblieben 63). Das Heer, etwa dreißig tausend Mann stark, ging an den Oxus; eine Oelquelle, die neben dem Zelte des Königs hervorsprudelte, ward von Aristander für ein Zeichen erklärt, daß man zwar siegen, aber mit vieler Mühe siegen werde; und in der That bedurfte es großer Vorsicht, diesen Feinden, die von allen Seiten her drohten, zu begegnen. Alexander theilte sein Heer so, daß Meleager und Polysperchon mit ihren und zwei anderen Phalangen hier im Baktrischen Lande zurückblieben, und, an der Linie des Stromes aufgestellt, eine Basis für die verschiedenen Bewegungen des übrigen Heeres darboten, welches, in fünf Kolonnen getheilt, unter der Führung des Königs, des Hipparchen Hephästion, des Leibwächters Ptolemäus, des Generals Perdikkas, des Baktrischen Satrapen Artabazus, dem der General Könus beigegeben war, in verschiedenen Richtungen in das Sogdianische Land

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62) Arrian. IV. 15. Curt. VII. 10. 13, wo statt „Alexander ex Lycia“ offenbar Asander ex Lydia zu lesen ist, wogegen Arrians Melamnidas aus Curtius in Menidas verwandelt werden muß. — 63) Kraterus scheint den Militairbefehl über Baktrien erhalten zu haben, wenigstens ist er im Lauf des Sommers, als Spitamenes mit den Massageten Zariaspa überrumpelt, nahe genug, um schleunig Hülfe zu leisten. Arrian IV. 17. 1. Curt. VIII. 1. 6.

 

332 einrückten. Ueber die Einzelnheiten in diesen Unternehmungen sind keine weitern Nachrichten überliefert, nur im Allgemeinen wird ongeführt, daß die verschiedenen festen Plätze des Landes theils durch Sturm genommen wurden, theils sich freiwillig unterwarfen; in kurzer Zeit war der wichtigste Theil des Transoxianischen Landes, das Thal des Polytimetus, wieder in Alexanders Händen, und von den verschiedenen Seiten her trafen die einzelnen siegreichen Kolonnen in Marakanda zusammen. Indeß waren noch die Berge im Osten und Norden des Landes in Feindes Hand, und es war zu vermuthen, daß Spitamenes, der sich zu den raublüsternen Scythenhorden der Massageten geflüchtet hatte, dieselben leicht zu neuen Einfällen bereden würde; zu gleicher Zeit mußte Alles angewendet werden, um dem furchtbar zerrütteten Zustande des Landes möglichst schnell durch eine neue und durchgreifende Organisation ein Ende zu machen, und besonders der zersprengten, obdachlosen und der nothwendigsten Bedürfnisse entblößten Bevölkerung zu helfen. Demnach erhielt Hephästion den Auftrag, die Städte des Landes von Neuem zu bevölkern, neue Städte zu gründen und Lebensmittel herbeizuschaffen 64), während Könus und Artabazus gegen die Scythen zogen, um wo möglich des Spitamenes habhaft zu werden, Alexander selbst aber mit der Hauptmacht aufbrach, um mit der Einnahme der einzelnen Bergschlösser die Unterwerfung des Landes zu vollenden.

Unter diesen Bergschlössern Sogdianas war das des Ariomazes vielleicht das wichtigste. Der nächste Weg von Marakanda und

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64) Strabo XI. p. 440. sagt, Alexander habe 8, Justin XII. 5. er habe 12 Städte in Sogdiana und Baktriana erbaut. Die 6 dicht bei einander liegenden Städte, die nach Curt. VII. 10. 16. an der Stelle von Marginia gegründet worden, scheinen mit der Alexandria Oxiana dieselbe zu sein, die nach Ptolemäus Angabe ohngefähr die gleiche Lage mit Kesch am Flusse Kokscha oder Oxus hat; sie liegt so, wie Alexander stets seine Städte zu gründen pflegte, sie beherrscht den Paß Sultan Artudsche, der durch die Sogdii Montes (Ptol.), das Zarkab-Gebirge bei Ebn Haukal, nach Samarkand führt.

 

333 Nautaka nach Baktra, welcher gerade durch die Berge des oberen Sogdianas führt, durchschneidet in den Pässen von Tschekedalik und Kaluga zwei bedeutende Gebirgszüge, um dann in das Felsenthal des Flusses von Hissar und neben diesem Flusse hin zu dessen Mündung in den Oxus und zur Passage von Termez zu fühten 65). Innerhalb jener Paßgegend erhob sich, wie es scheint, jener Felsen mit der Sogdianischen Burg 66) auf einem seiner Vorsprünge, der, im Rücken durch eine steile Felswand, auf den anderen Seiten durch Abgründe geschützt, nur durch einen schmalen Felsenpfad mit der Ebene in Verbindung stand. In diese Burg hatten sich mehrere tausend Sogdianer geflüchtet; auch der Baktrier Oxyartes, der in den Aufstand sehr verwickelt war, hatte seine Gemahlin und seine Töchter dorthin in Sicherheit gebracht. Die Burg war mit Lebensmitteln zu einer langen Belagerung versehen,

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65) Diese merkwürdige Paßgegend ist aus den Kriegen Timurs und Babers mit ziemlicher Genauigkeit zu erkennen. Der Weg führt von Kesch über den Fluß Tum, dann in den Paß von Derbeldgin durch die Berge von Cuzar, danu über die Ebene von Dehno und den Fluß Tschekedalik zu den Pässen von Tschekidschek; von diesen steigt man zur Ebene von Derrei Zenghi und zum Fluß Barik hinab, jenseit dessen sich die eiserne Pforte, Derbent Kaluga am Karatagh aufthut. — 66) Man hat gemeint, dieß Bergschloß sei das berühmte Hissar Schaduman an dem Flusse von Weksch; indeß wird in der Geschichte der Belagerung weder eines Flusses erwähnt, noch konnte diese Gegend noch zur Sogdiana gehören, da die entschiedenste Naturgrenze das Oberland des Oxus von den Gegenden des Polytimetus oder Soghd trennt. In dem Paß von Tschekidschek möchte sich das fragliche Bergschloß befunden haben; nur so würde es noch zur Sogdiana gehören können. – Auffallen könnte es, daß wir diese Unternehmung mit Curtius und gegen Arrians Autorität in das Frühjahr 328 und nicht 327 gesetzt haben; indeß ist es sehr deutlich, daß Arrian die Eroberungen der Bergfesten aus beiden Jahren zusammennimmt; er sagt, mit dem Frühling sei Alexander gegen den Sogdianischen Felsen gezogen, und bald darauf: bei der Belagerung von Chorienes Felsen habe das Heer viel durch den Winter gelitten. Dazu kommt die ganz verschiedene Lokalität.

 

334 Wassermangel war um so weniger zu fürchten, da reichlich Schnee gefallen war, welcher zugleich das Ersteigen der Felsen doppelt gefährlich machte. Als Alexander vor dieser Burg ankam, ließ er durch Artabazus Sohn Kophenes den Beschlshaber der Burg Ariomazes zur Uebergabe auffordern, indem er Allen, die sich in derselben befanden, freien Abzug versprach; die Barbaren antworteten; er möge sich geflügelte Soldaten suchen. Alexander war entschlossen, um jeden Preis den Felsen zu erobern; eine Kriegslist mußte das Unmögliche möglich machen. Er ließ in seinem Lager durch Heroldsruf verkünden, die Felsenstirn, die über der Burg emporrage, müsse erstiegen werden; zwölf Preise bis zu zwölf Talenten seien denen, die die Ersten oben wären, bestimmt; für Alle, die an dem kühnen Wagniß Theil nähmen, werde es ruhmvoll sein. Dreihundert Macedonier 67), die das Felsenklettern verstanden, begierig, unter den Augen des Königs sich auszuzeichnen, traten hervor und empfingen die näheren Befehle; dann versah sich jeder mit einigen Eisenpflöcken, wie sie bei den Zelten gebraucht werden, und mit starken flächsernen Stricken; sie nahmen Mundvorrath auf zwei Tage und von den Waffen das Schwert und die Lanze mit. Um Mitternacht naheten sie sich der Stelle des Felsens, die am steilsten und deshalb unbewacht war; anfangs stiegen sie mühsam, bald begannen die jäh abgestürzten Felswände, glatte Eislagen, lose Schneedecken, mit jedem Schritt wuchs die Mühe und die Gefahr. Dreißig dieser Kühnen stürzten in den Abgrund, endlich mit Tagesanbruch hatten die Anderen den Gipfel erreicht, und ihre Fähnchen flatterten hell im Frühwinde. Sobald Alexander, der voll ängstlicher Erwartung über das Schicksal seiner Getreuen unten am Fuß des Berges stand, das verabredete Zeichen sah, ließ er die

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67) Nach der ausdrücklichen Angabe Arrians, der Polyaen. IV. 3. 29. nicht entgegen ist, waren es Macedonier; und daß diese, gymnastisch geübt und selbst in Berggegenden zu Hause, dergleichen verstanden, beweiset der Uebergang über den Ossa im Jahre 336. Man braucht deshalb wohl nicht an Felsenkletterer aus dem benachbarten Badackschan, die 1600 Jahre später gerühmt werden (Chereffeddin II. c. 37. p. 343.) zu denken.

 

335 Heertrompeten blasen und die jubelnden Truppen ausrücken, sandte dann von Neuem einen Herold, der den feindlichen Vorposten zurief, sie möchten sich ergeben, die gefiügelten Menschen hätten sich gefunden, sie seien über ihren Häuptern, längerer Widerstand sei nicht möglich. Die Barbaren, bestürzt und überzeugt, daß die Macedonier einen Weg auf den Felsen entdeckt, zögerten nicht länger, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, und Alexander zog klingenden Spieles in die Sogdianische Felsenburg ein. Reiche Beute fiel dort in seine Hand, unter dieser viel Frauen und Töchter Sogdianischer und Baktrischer Häuptlinge, auch des Oxyartes Gemahlin und seine Tochter Roxane, die Perle des Morgenlandes; es staunte Alexander vor ihrem Anblick, und das gefangene Mädchen besiegte des Siegers stolzen Sinn; sie erkor er, mit ihr den Thron des Morgenlandes zu theilen, die Vermählung mit ihr sollte den Frieden im Transoxianischen Lande besiegeln. Auf die Kunde hiervon eilte Roxane’s Vater zu Alexander; um seines Kindes Willen ward ihm verziehen. Der greise Artabazus, der die Baktrische Satrapie niederzulegen gewünscht hatte, erhielt die Felsenburg und das theure Kleinod in ihr zu hüten, bis der Tag des Friedens gekommen sei 68).

Alexander selbst kehrte vom Sogdianischen Felsen nach Marakanda zurück; er gedachte gegen die Oxianischen Grenzgebirge aufzubrechen, wo Baktrianische und Sogdianische Empörer Zuflucht gefunden hatten. An Artabazus Stelle wurde die Baktrische Satrapie dem schwarzen Klitus bestimmt, der dem Könige am Granikus das Leben gerettet hatte und seit Philotas Verrath mit Hephästion den Befehl über die Macedonische Ritterschaft theilte. Alexander wollte die Rückkehr des Hephästion abwarten, um mit dessen Truppen verstärkt, gegen die nordwestlichen Grenzen vorzurücken. Große Jagden und Gastmähler füllten die Zwischenzeit,

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68) Nach Strabo XI. p. 440., der an dieser Stelle unbegreiflich verwirrt ist, wäre Roxane auf dem Felsen des Sysimithres gefangen worden; doch ist nicht abzusehen, warum der Baktrische Fürst die Seinen an die entfernteste Westgränze Sogdianas an den Nuratagh sollte geflüchtet haben.

 

336 es waren gerade die Tage eines Dionysischen Festes 69), das aber der König, wie es heißt, zu Ehren der Dioskuren feierte; der Gott Dionysus, glaubten die Griechen, habe darum gezürnt und den König nicht ungewarnt zu schwerem Frevel getrieben. Sie erzählen, Alexander habe schöne Früchte vom Meere her gesandt erhalten, und Klitus einladen lassen, daß er mit ihm äße; und Klitus habe das Opfer, das er eben beginnen wollte, verlassen und sei zum Könige geeilt; ihm nach seien drei zum Opfer besprengte Schaafe gelaufen, nach Aristanders Deutung ein trauriges Zeichen; der König habe für Klitus zu opfern befohlen, doppelt besorgt durch einen seltsamen Traum, den er in dieser Nacht gehabt, und in dem er Klitus im schwarzen Kleide zwischen den blutenden Söhnen Parmenions habe sitzen sehen. – Abends kam Klitus zur Tafel, man war beim Weine froh bis in die Nacht; man sprach von den großen Thaten Alexanders, er habe Größeres gethan, als die Dioskuren, selbst Herakles sei ihm nicht zu vergleichen, nur der Neid sei es, der dem Lebenden die gleichen Ehren mit jenen Heroen misgönne. Schon war Klitus vom Wein erhitzt, längst hatte die Persische Umgebung Alexanders, die übergroße Bewunderung der Jüngeren, die frechen Schmeicheleien Hellenischer Sophisten, die der König in seiner Nähe duldete, ihn im Innersten verdrossen; jenes leichtsinnige Spiel mit den Namen der großen Heroen brachte ihn auf: das sei nicht die Art, des Königs Ruhm zu feiern, seine Thaten seien auch nicht so gar groß, wie jene meinten, zum guten Theile gebühre den Macedoniern der Ruhm. Alexander hörte mit Unwillen diese rücksichtslosen Reden von einem Manne, den er

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69) St. Croix meint, dieß seien die großen Dionysien gewesen, deren Feier vom 8. bis 18. Elaphebolion, also im Jahre 328 vom 20. bis 30. März fällt; außer der Möglichkeit, daß die Macedonier gleiche Dionysien mit den Athenern feierten, läßt sich nichts zur Begründung dieser Vermuthung anführen, vielmehr scheint das Durchziehen der Sogdiana und die Einnahme des Felsens einige Zeit gekostet zu haben, so daß man für die Rückkehr nach Marakanda lieber den Juni ansetzen möchte.

 

337 vor Allen ausgezeichnet, doch schwieg er. Immer lauter wurde der Streit; auch König Philipps Thaten kamen zur Sprache, und als nun behauptet wurde, er habe nichts Großes und Bewunderungswürdiges gethan, sein Ruhm sei, Alexanders Vater zu heißen, da sprang Klitus von seinem Sessel auf, den Namen seines alten Königs zu vertreten, Alexanders Thaten zu verkleinern, sich selbst und die alten Generale zu rühmen, des todten Parmenion und seiner Söhne zu gedenken, alle die glücklich zu preisen, die gefallen oder hingerichtet seien, ehe sie die Macedonier mit Medischen Ruthen gepeitscht und bei den Persern um Zutritt zum Könige bitten gesehen. Mehrere der alten Generale standen auf, verwiesen dem von Wein und Eifer erhitzten Klitus seine Rede und suchten vergeblich die steigende Unruhe zu stillen; Alexander wandte sich zu seinem Tischnachbarn, einem Griechen, und sprach: „nicht wahr, ihr Griechen scheint euch unter den Macedoniern wie Halbgötter unter Thieren umherzuwandeln?“ Klitus aber lärmte weiter; er wandte sich mit lauter Stimme an den König: „diese Hand hat dich, Alexander, am Granikus errettet! du aber rede, was dir gefällt, und lade fürder nicht freie Männer zu deiner Tafel, sondern Barbaren und Sclaven, die deiner Kleider Saum küssen und deinen Gürtel anbeten!“ Länger hielt Alexander seinen Zorn nicht, er sprang auf, nach seinen Waffen zu greifen; die Freunde hatten sie fortgeschafft; er schrie seinen Hypaspisten auf Macedonisch zu, ihren König zu rächen; keiner kam; er donnerte dem Trompeter zu, Lärm zu blasen, und schlug ihn mit der Faust ins Angesicht, da er nicht gehorchte. Indeß war Klitus, der nicht abließ den König zu verlachen und frech zu prahlen, von den Freunden hinaus geführt vor die Wälle des Schlosses; es war still im Saal, nur Alexander ging in der heftigsten Bewegung auf und ab: gerade so weit sei es mit ihm gekommen, wie mit Darius zu jener Zeit, da er von Bessus und dessen Genossen gefangen fortgeschleppt sei und nichts als den elenden Namen des Königs gehabt habe; und der ihn verrathe, das sei dieser Mensch, der ihm Alles danke, dieser Klitus! Kaum daß er den Namen genannt, da trat der arge Mann zum anderen Ende des Saales herein, und ihm gegenüber rief er: „hier ist ja Klitus, o Alexander!“ er sang das Spottlied: o armes Griechenland, wie geht es dir so bös! Da riß Alexander ei338ner Wache die Lanze aus der Hand und schleuderte sie gegen Klitus, der zähneknirschend und röchelnd zu Boden sank. Entsetzt wichen die Freunde, des Königs Zorn war gebrochen; Bewußtsein, Schmerz, Verzweiflung bewältigten ihn; man sagt, er habe den Speer aus Klitus Brust gezogen und gegen den Boden gestemmt, sich auf der Leiche zu ermorden; die Freunde hielten ihn zurück, sie brachten ihn auf sein Lager. Dort lag er weinend und wehklagend, und rief den Namen des Ermordeten und den Namen seiner Amme Lanice, der Schwester des Ermordeten: das sei der schöne Ammenlohn, den ihr Pflegling zahle; ihre Söhne seien für ihn kämpfend gefallen, ihren Bruder habe er mit eigener Hand ermordet, ermordet den, der sein Leben gerettet; er gedachte des greisen Parmenion und seiner Söhne, er wurde nicht satt, sich anzuklagen als den Mörder seiner Freunde, sich zu verfluchen und den Tod zu rufen. So lag er drei Tage lang über Klitus Leichnam eingeschlossen in seinem Zelte, ohne Schlaf, ohne Speise und Trank endlich vor Ermattung stumm; nur einzelne tiefe Seufzer tönten noch aus dem Zelte hervor. Die Truppen, voll banger Sorge um ihren König, kamen zusammen und richteten über den Todten; er sei mit Recht getödtet; sie riefen nach ihrem Könige, der aber hörte sie nicht; endlich wagten es die Generale, das Zelt zu öffnen, sie trugen den Leichnam hinaus, sie beschworen den König, seines Heeres und seines Reiches zu gedenken, sie sagten, nach den Zeichen der Götter habe Dionysos die unselige That verhängt, sie erlangten es endlich, daß Alexander aß und trank und sein Zelt verließ dann ward er ruhiger, er befahl dem zürnenden Gotte zu opfern mit kriegerischem Freudengeschrei empfingen ihn seine treuen Schaaren 70). –

Während dieser Vorgänge in Marakanda hatte Spitamenes noch einmal einen Versuch gemacht, in die Baktrischen Lande einzudringen; unter den Massageten, zu denen er mit dem Rest seiner Sogdianer geflüchtet war, hatte er einen Haufen von sechs bis achthundert Reutern angeworben und war an deren Spitze plötzlich vor einem der festen Grenzplätze erschienen, hatte die Besatzung herauszulocken gewußt und sie dann von einem Hinterhalt her über-

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70) Arrian. Curt. Diod. Plut.

 

339fallen; der Befehlshaber des Platzes fiel in die Hände der Scythen, seine Leute waren meist geblieben, er selbst wurde gefangen mit fortgeschleppt. Durch diesen Erfolg kühner gemacht, erschien Spitamenes wenige Tage darauf vor Zariaspa; die Besatzung des Platzes, zu der die Wiedergenesenen aus den Lazarethen, meist Getreue der Ritterschaft, kamen, schien zu bedeutend, um einen Angriff räthlich zu machen; plündernd und brennend zogen sich die Massageten über die Felder und Dörfer der Umgegend zurück. Als das Pithon, der Befehlshaber des königlichen Schlosses, und Aristonikus, der Citherspieler, erfuhren, riefen sie die achtzig Reuter Besatzung, die Wiedergenesenen von der Ritterschaft und die Edelknaben, die im Schlosse den Dienst hatten, zu den Waffen, und eilten vor die Thore, die plündernden Barbaren zu züchtigen; diese ließen ihre Beute im Stich und entkamen mit Mühe, viele wurden gefangen oder niedergemacht, und fröhlichen Muthes kehrte die kleine tapfere Schaar zur Stadt zurück. Spitamenes überfiel sie aus einem Hinterhalt mit solchem Ungestüm, daß die Macedonier geworfen und fast abgeschnitten wurden; sechzig von ihnen blieben auf dem Platze, unter diesen der Citherspieler Aristonikus; Pithon fiel schwer verwundet in die Hände der Feinde, es war nahe daran, daß die Stadt selbst in ihre Gewalt kam. Schnell ward Kraterus von dem Vorfall unterrichtet, die Scythen warteten seine Ankunft nicht ab, sondern zogen sich gen Westen zurück, indem sich immer neue Haufen mit ihnen vereinten; am Rande der Wüste holte sie Kraterus ein, und es entspann sich ein hartnäckiger Kampf; endlich entschied sich der Sieg für die Macedonier; mit Verlust von hundert und fünfzig Mann floh Spitamenes in die Wüste zurück, die jede weitere Verfolgung unmöglich machte 71).

Nachrichten solcher Art mochten mehr als die Bitten der Generale oder der Trost frecher Schmeichler dazu dienen, den hochherzigen Alexander seines bitteren Grames vergessen zu machen und ihn der gewohnten Thätigkeit zurück zu geben. Zwölf Tage nach dem unglücklichen Gastmahl erhielt das Heer Befehl zu marschiren; die dem Klitus bestimmte Satrapie von Baktra erhielt Amyntas, Könus blieb mit zwei Divisionen der Phalanx und vierhun-

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71) Arrian VII. 16. 17. Curt. VIII. 1. 4

 

340dert Mann von der Ritterschaft, mit sämtlichen reutenden Schü tzen und den bisherigen Truppen des Amyntas zur Deckung der Sogdiana zurück; Hephästion ging mit einem Corps nach dem Baktrischen Lande, um die Verpflegung der Heere für den Winter zu besorgen; Alexander selbst führte das Hauptheer gegen die nordwestliche Grenze. Dort hatten in der dorfreichen Berggegend von Xenippa 72) viele der Empörer Zuflucht gefunden; aber bei der Nachricht von Alexanders Anrücken wurden sie von den Bergbewohnern, die nicht durch unzeitige Gastfreundschaft ihr Hab und Gut in Gefahr bringen wollten, verjagt, und suchten nun, stets an räuberisches Wegelagern gewöhnt, durch heimlichen Ueberfall den Macedoniern Abbruch zu thun; etwa zweitausend Pferde stark warfen sie sich auf einen Theil des Macedonischen Heeres; erst noch einem lange schwankenden Gefecht wurden sie zum Weichen gezwungen, sie hatten gegen achthundert Mann theils Todte, theils Gefangene verloren; so zusammengeschmolzen, ohne Führer, ohne Proviant, zogen sie es vor, sich zu unterwerfen. Alexander verzieh ihnen; er zog durch den Gau von Xenippa, westwärts nach den Bergen von Naura 73). Hier war die Felsenburg des Sysimithres, unzugänglich, wohlbefestigt, von zweitausend Mann Bewaffneten aus der Umgegend, die unter Sysimithres Befehl standen, vertheidigt. Wie es scheint, wurde sie nach mannigfacher Anstrengung durch Sturm genommen, die Besatzung, welche zum Theil in die Berge zu entfliehen suchte, verfolgt und niedergemacht; Philippus, des Lysimachus jüngerer Bruder, der nicht von des Königs Seite ge-

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72) Curt. VIII. 2. 14. Dieser Name, der oft für eine Griechische Fiktion gehalten worden, gehört wenigstens der Hauptsache nach der alten Landessprache an, wie noch das heutige Karatippa, Uratippa, das in anderer Formation Urakend lautet, beweisen kann. Man darf diese Gegend westlich von der Straße nach Kojend, in Norden der Ruine von Schiraz suchen. — 73) Dieß ist unverkennbar der schneereiche und sehr hohe Rouratagh, 70 Werste nordwärts von Bochara, in dem ein gleichnamiges Städtchen mit heiligen Plätzen von Allebab bei Abulfeda (Geogr. min. ed. Hudson. III. p. 31.) genannt wird. Die Gegend der Sysimithresburg möchte vielleicht an den Pässen von Zuzangberan zu suchen sein.

 

341wichen war, gab, von der ungeheueren Anstrengung erschöpft, in Alexanders Armen den Geist auf; der tapfere General Erigyius war bei dem Sturme gefallen. Nach der Einnahme dieser Burg mußte sich das flache Land unterwerfen; die Beruhigung der Sogdiana war vollendet 74).

Spitamenes seinerseits glaubte, bevor ihm von dem rastlosen Eifer Alexanders das ganze Grenzgebiet gesperrt würde, noch einen Versuch auf das Sogdianische Land machen zu müssen; während Alexander an den nordwestlichen Bergen stand, und nur ein Theil des Heeres unter Könus Führung das untere Gebiet deckte, erschien er mit seinen Sogdianern und mit dreitausend Scythischen Reutern, welche die versprochene Beute lockte, vor Bagä, an der südwestlichen Grenze Sogdianas. Von diesem Einfall benachrichtigt, rückte ihm Könus schleunig mit Heeresmacht entgegen; nach einem blutigen Gefechte wurden die Scythen mit Verlust von achthundert Mann zum Rückzuge gezwungen. Die Sogdianer und Baktrianer, die auch den letzten Versuch scheitern sahen, verließen, Dataphernes an ihrer Spitze, den Spitamenes auf der Flucht und ergaben sich an Könus; die Massageten, um die Beute im Sogdianerlande betrogen, plünderten die Zelte und Wagen der Abtrünnigen; sie flohen mit Spitamenes der Wüste zu. Da kam die Nachricht, Alexander, der eben die Gegend von Naura bewältigt habe, sei von Norden her in die Wüste vorgedrungen, und somit Flucht und Rettung unmöglich. Damals, so heißt es, trat die schöne Gemahlin des Spitamenes, die kühne Genossin seiner Pläne und Wagnisse, in ihres Herren Zelt und flehte ihn fußfällig an, ein

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74) Curtius, der über diesen Zug allein Auskunft giebt, hat, wie eine Vergleichung lehrt, die Belagerungsgeschichte des Chorienesfelsens auf diese Nauraburg übertragen; daher der sonderbare Widerspruch bei ihm, daß Sysimithres capitulirt und seine Truppen dennoch verfolgt werden. Hierher gehört die Erzählung bei Plut. Alex. 58, Alexander habe den Oxyartes gefragt, ob Sysimithres sehr tapfer sei, und auf dessen Antwort, daß er der feigste Mensch von der Welt wäre, geantwortet: so werden wir den Fels leicht erobern, da der leicht zu überwinden sein wird, der ihn vertheidigen sollte. Zugleich beweiset diese Anekdote, daß sich nicht in der Burg des Sysimithres, wie Strabo meint, Roxane befand.

 

342 Ende zu machen und sich der Gnade Alexanders zu unterwerfen. Spitamenes aber, voll Argwohn, daß sie seiner satt sei, daß sie mit ihrer Schönheit den verhaßten Macedonier zu fesseln hoffe, stieß sie mit dem Fuß hinweg; sie ging, sie bewältigte das Gefühl des tiefgekränkten Stolzes, sie kehrte um die Stunde der Dämmerung zurück und nahte dem Gemahl mit süßem Bitten und Schmeicheln; und ihre Thränen rührten den Fürsten, er zog sie zu sich nieder auf den Teppich, um in ihren Armen, im Rausch der Liebe und des Weins, seine Sorge zu ertränken; um Mitternacht, da er schlief, ergriff das stolze Weib ihres Herren Säbel und trennte sein Haupt vom Rumpf; dann schlich sie zu ihren Kindern und floh mit ihnen zu Alexander. Der aber, heißt es, habe sich mit Abscheu von der Mörderin gewandt, und sie in die Einöde verwiesen 75). Nach anderen Berichten 76) waren es die Scythen selbst, die, vom Alexander verfolgt, dem Spitamenes den Kopf abschnitten und ihn an den König sandten, um ihn von sich abzuwenden 77).

Der Tod dieses eben so kühnen wie verbrecherischen Mannes machte der letzten Besorgniß ein Ende, und verhieß dem Sogdianischen Lande endlich die Ruhe, deren es nur bedurfte, um selbst nach so vielen Kämpfen und Zerrüttungen bald den alten Wohlstand und den Ruhm eines Gartens des Orients wieder zu gewinnen. Der Winter war herangekommen, der letzte, den Alexander im Sogdianerland zuzubringen gedachte; die verschiedenen Heeresabtheilungen sammelten sich um Nautaka, die Winterquartiere zu beziehen. Dorthin kamen die Satrapen der nächstgelegenen Landschaften, Phrataphernes von Parthien und Stasanor von Arien, die im vergangenen Winter bei ihrer Anwesenheit in Zariaspa verschiedent, wahrscheinlich auf das Heerwesen bezügliche Aufträge erhalten hatten. Phrataphernes wurde darauf zurückgesandt, um den Satrapen der Mardier und Tapurier, Autophradates, der Alexanders Befehle auf eine gefahrliche Weise zu misachten begann, festzunehmen. Auch Stasanor ging in seine Lande zurück. Nach Medien wurde Atropates mit dem Befehle gesandt, den Satrapen Oxydates,

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75) Curt. VIII. 3. 14. — 76) Arrian. IV. 17. 10. — 77) Es ist zu bemerken, daß vier Jahre später eine Tochter des Spitamenes an Seleukus vermählt wurde.

 

343 der sich pflichtvergessen gezeigt hatte, zu entsetzen und dessen Stelle zu übernehmen. Auch Babylon erhielt, da der treffliche Perser Mazäus gestorben war, in der Person des Stamenes einen neuen Satrapen. Sopolis, der Befehlshaber des Amphipolitischen Geschwaders, und die Reuterobristen Menides und Epocillus gingen nach Europa, neue Truppen zu werben. – Die Winterrast in Nautaka wurde, so scheint es, zu Vorbereitungen für den Indischen Feldzug benutzt, den Alexander in dem nächsten Jahre zu beginnen gedachte; doch blieb zuvor noch etwas zu thun; denn in den fast unzugänglichen Bergen von Parätacene 77a) hielten sich noch einige von den Baktrianischen Häuptlingen, die an der Empörung des Jahres 329 Antheil genommen hatten, namentlich Katanes, Austanes und Chorienes, dessen Felsenburg, reichlich mit Vorräthen aller Art versehen, selbst dem Eroberer des Sogdianischen Felsens Trotz bieten zu können schien. Nach dreimonatlicher Rast brach das Macedonische Heer gen Parätacene auf; es war um Frühlingsanfang, in den waldigen Bergschluchten lag tiefer Schnee, häufige Regenschauer, Glatteis, Aequinoctialstürme, furchtbare Gewitter machten die Märsche noch beschwerlicher, das Heer litt an dem Nothwendigsten Mangel, viele blieben erstarrt liegen; des Königs Beispiel, der Mangel und Mühsal mit den Seinen theilte, hielt allein noch den Muth der Macedonier aufrecht; es wird erzählt, daß der König, als er Abends am Bivouacfeuer saß, sich zu erwärmen, und einen alten Soldaten, von Kälte erstarrt und wie bewußtlos heranwanken sah, aufstand, ihm die Waffen abnahm und auf seinen Feldstuhl beim Feuer niedersetzen ließ; als der Veteran sich erholt hatte, seinen König erkannte, und bestürzt aufstand, sagte Alexander heiter: „siehst du, Kamerad, auf des Königs Stuhl zu sitzen bringt bei den Persern den Tod, dir hat es das Leben wiedergegeben.“ End-

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Daß dieß Parätacene die Landschaft Waksch, daß des Curtius Bubacene etwa Badakschan, daß die Sacae die Aspasiaken des Polybius an der Steinbrücke Pul Senghin sind, daß der Chorienesfelsen nicht unwahrscheinlich mit der berühmten Festung Schaduman Hissar zusammengestellt werden könne, habe ich in der Abhandlung „Alexanders Züge in Turan“, im Rheinischen Museum 1833. Heft 1. zu erweisen gesucht.

 

344lich langte man vor der Burg des Chorienes an; sie lag auf einem schroffen und überaus hohen Felsen, an dem nur ein schmaler und schwieriger Pfad hinauf führte; überdieß strömte auf dieser allein zugänglichen Seite in einer sehr tiefen Schlucht ein Bergwasser vorüber. Alexander, gewohnt keine Schwierigkeit für unüberwindlich zu halten, befahl sofort, in den Tannenwäldern, die ringsumher die Berge bedeckten, Bäume zu fällen und Leitern zu bauen, um vorerst die Schlucht zu gewinnen. Tag und Nacht wurde gearbeitet, mit unsäglicher Mühe gelangte man endlich in die Tiefe hinab; nun wurde der Bach mit einem Pfahlwerk überbaut, dann Erde aufgeschüttet, und auf diese Weise die Schlucht ausgefüllt; bald arbeiteten die Maschinen und schleuderten Geschosse in die Burg hinauf. Chorienes, der bisher die Arbeiten der Macedonier gleichgültig mit angesehen hatte, erkannte mit Bestürzung, wie sehr er sich verrechnet habe; einen Ausfall auf die Gegner zu machen, verhinderte die Natur des Felsens, gegen Geschosse von oben her waran die Macedonier durch ihre Schirmdächer geschützt. Endlich mochten frühere Beispiele ihn überzeugen, daß es sicherer sei, mit Alexander sich zu vergleichen, als es zum Aeußersten kommen zu lassen; deshalb ließ er Alexander durch einen Herold um eine Unterredung mit Oxyartes bitten; sie wurde gestattet, und Oxyartes wußte seinem alten Kampfgenossen leicht die letzten Zweifel zu nehmen, die ihm geblieben sein mochten; so erschien Chorienes, von einigen seiner Leute umgeben, vor Alexander, der ihn auf das Huldvollste empfing und ihm Glück wünschte, daß er sein Heil lieber einem rechtschaffenen Mann als einem Felsen wollte anvertraut sein lassen. Alexander behielt ihn bei sich im Zelte und bat ihn, von seinen Begleitern einige abzusenden, mit der Anzeige, daß die Feste durch gütlichen Vertrag an die Macedonier ergeben sei, und daß Allen, die sich auf der Burg befänden, (es waren namentlich viele bei dem Aufstande betheiligte Landeshäuptlinge dort) das Vergangene vollkommen verziehen sei. Am Tage darauf zog der König, von einem Corps der Hypaspisten begleitet, hinauf, um die Burg in Augenschein zu nehmen; er bewunderte die Festigkeit des Platzes und ließ den für eine lange Belagerung getroffenen Vorsichtsmaaßregeln und Einrichtungen alle Gerechtigkeit widerfahren. Chorienes verpflichtete sich, das Heer auf zwei Monate mit Lebensmit345teln zu versorgen; und sofort ließ er aus den überaus reichen Vorräthen seiner Burg den Macedonischen Truppen, die durch die Strenge des Winters und durch so lange Entbehrungen sehr mitgenommen waren, Brod, Wein und eingesalzenes Fleisch zeltweise vertheilen.

Alexander gab ihm die Burg und die Statthalterschaft der umliegenden Gegend zurück; er selbst ging mit dem größten Theile des Heeres nach Baktra, indem er den Kraterus mit einigen Geschwadern der Ritterschaft und vier Divisionen der Phalanx weiter nach Parätacene hinein gegen Katanes und Austanes, die einzigen noch übrigen Empörer, absandte; die Barbaren wurden in einer blutigen Schlacht überwunden, Katanes erschlagen, Austanes gefangen vor Alexander gebracht, das Land zur Unterwerfung gezwungen; in Kurzem folgte Kraterus mit seinen Truppen dem Könige nach Baktra 78). –

Es waren zwei Jahre verflossen, seit Alexander diese Gegenden zum ersten Male betreten und ein Unternehmen begonnen hatte, das, je größere Schwierigkeiten es zu überwinden geboten hatte, desto vollständiger gelungen war; die Strenge der Maaßregeln, deren es bedurft hatte, ist durch den Erfolg und durch ihre Nachwirkung auf Jahrhunderte gerechtfertigt worden, und es verstummt der Vorwurf der Härte vor der gerechteren Bewunderung, mit der Alexanders Name noch heute von den Völkern Maveralnahars gefeiert wird. In der That, die ersten historischen Beziehungen jenes merkwürdigen Gebietes, das fortan in der Geschichte des Morgenlandes eine entscheidende Rolle spielen sollte, datiren von diesem Zuge Alexanders. Nachdem er die Bevölkerung mit mächtiger Hand gebändigt, die Fürsten des Landes gestraft und ihre Burgen

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78) Wie weit ins Innere des Landes hinauf Alexanders Truppen kamen, ist natürlich nicht zu ermitteln. Doch berichten Marco Polo, Baber und Andere, daß sich die Fürsten von Badakschan und Derwaz ihrer Abstammung von Sekander Filkûs (Alexander Philipps Sohn) rühmten. Dasselbe hörte der wunderliche Wanderer Wolff in Klein-Kaschgar von den dortigen Fürsten rühmen (Asiat. Journ. 1833. May App. p. 15.). Raturgrenzen sind von Balk aus nach dieser Seite hin auf das Deutlichste ausgeprägt.

 

346 zerstört, denen, die sich unterwarfen, verziehen und neue Macht verliehen, endlich in mehreren Kolonien dem Hellenistischen Leben, für das er diese Völker zu gewinnen hoffte, Kraft, Anhalt und Beispiel gegeben hatte, war es an der Zeit, durch ein offenbares und erfreuliches Zeugniß die Versöhnung zu feiern, die allein dem Neuen eine Zukunft sichern konnte. Des Königs Vermählung mit der Baktrianischen Fürstentochter Roxane 79), eben so sehr eine Maaßregel der weisesten Politik, wie das schöne Werk einer Neigung, die dem Herzen des großen Mannes Ehre macht, war zugleich das Vorbild jener vollkommenen Einigung Asiens und Europas, die Alexander als das Ziel seiner Siege und als die Grundlage seiner Macht erkannt und in allmähliger Erweiterung durchzuführen versucht hat.

Fragt man, in wie weit Alexanders großes Werk einer Verschmelzung des Abend- und Morgenlandes gelingen konnte und schon gelungen war, so muß man vor Allem auf das Verhältniß der Elemente sehen, die zu einander traten. Es ist die Eigenthümlichkeit des Asiatischen Wesens überhaupt, spröder, einförmiger und beschränkter zu sein; es mußte maaßgebend für die Gestaltung des Neuen werden, die Vorurtheile, die Anschauungsweise, die ganze Eigenthümlichkeit Asiatischer Völker mußte die Richtung bezeichnen, in der sie, nachdem sie einer Europäischen Macht unterworfen waren, sich an diese gewöhnen, an dem Europäischen Wesen allmählig Theil zu nehmen lernen konnten. Darum die Asiatische Hofhaltung, mit der sich der König umgab, darum seine Medische Tracht, in der er sich gefiel, wenn die Waffen ruhten, darum das Ceremo-

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79) Nach Curtius Erzählung ist zu schließen, daß diese Vermählung zu dieser Zeit vor der Rückkehr nach Baktra gefeiert ist. Cohortanus heißt bei Curtius der Vater (VIII. 4. 25.), woraus der neueste Herausgeber, ungehörig wie er nicht pflegt, Oxyartes gemacht hat; Wesselings schöne Emendation zum Plutarch (Diod. tom. 8. p. 451.) bestätigt des Curtius vollkommen irriges Cohortanus satrapes, und zeigt, daß dieser Fehler auf alter Ungenauigkeit beruht; nach Strabo wäre die Hochzeit in eben der Burg, wohin Roxane früher geflüchtet war, gefeiert worden, also nach unserer Darstellung in der des Ariomazes. Alle diese Verwirrungen aufzuklären, ist nicht mehr möglich.

 

347niel und die überschwengliche Pracht des Hofes, die der Morgenländer als das „Gewand des Staates“ (Libas-i-daulet) an seinem Gebieter zu sehn fordert, darum endlich das Mährchen von des Königs göttlicher Abstammung, über die er selbst mit seinen Vertrauten scherzte; es war dieß eine ähnliche Illusion, wie die heroische Abstammung altgriechischer, wie das „von Gottes Gnaden“ der christlichen Könige. Die Macedonier ihrer Seits hatten längst über die Reichthümer Asiens, über das neue wunderreiche Leben, das sich mit jedem Tage herrlicher erschloß, über die stete Mühe des Heerdienstes und den steten Taumel des Sieges, des Ruhmes und der Herrschaft jene altväterische Einfalt aufgegeben, die vor einem Jahrzehent noch der Spott der Attischen Rednerbühne gewesen war; die Begeisterung für ihren König, der nach wie vor unter ihnen kämpfte, der wunderbare Glanz seiner Herrlichkeit, in deren Wiederschein sie sich sonnten, der unendliche Reiz des Herrseins, das jedem in seiner Sphäre hohes Selbstgefühl und die Begier zu neuen Thaten gab, hatte sie längst vergessen lassen, daß sie friedliche Bürger in der Heimath sein konnten. Und in der Heimath das Macedonische Volk, in schnellem Aufschwung auf der Höhe des geschichtlichen Lebens, es hörte der Heimkehrenden wunderbare Erzählungen, es sah die Reichthümer Asiens dem Vaterlande zuströmen, es fühlte sich als das erste Volk der Welt, und die Hoheit des Königthums, das einst nah und vertraulich auf Einer Scholle Erde mit ihnen geweilt hatte, wuchs wie die Entfernungen nach Babylon, nach Ekbatana, nach Baktrien und Indien, ins Unendliche. – Was das Griechenthum anlangt, so mußte es als Volk im Verhältniß des ungeheueren Reiches verschwinden; desto wichtiger war es, wie sich die Griechische Bildung, der Alexander die Wege nach Asien öffnete, zu dem Neuen verhielt; ihr Charakter war der der Aufklärung, längst war die alte Religiosität, der Glaube an Orakel, Opfer und Götter erschüttert; gebildet zu sein galt höher, als tugendhaft sein; Frivolität, Selbstsucht und die Begierde, sich irgendwie hervorzuthun, das waren die bewegenden und maaßgebenden Richtungen in dem Leben der Einzelnen, das die Leidenschaften, die so lange jede Vereinigung gehindert und die Zerwürfnisse immerfort gesteigert hatten, bis Alexanders Züge jeder Kraft und jeder Begierde ein unendliches Feld 348 erschlossen. Fortan wetteiferte der Grieche mit jedem Asiaten in Ueppigkeit und Unterwürfigkeit; Rhetoren, Poeten, Witzlinge, wie sie waren, gesielen sie sich in Phrasen, wie sie auf die Helden von Marathon und Salamis, auf Heroen wie Perseus und Herakles, auf die Siege des Bacchus und Achilles zu wiederholen, aus der Mode gekommen war; sie erhoben den Heldenkönig mit allem Uebermaaß ihrer Rhetorik und ihres gewissenlosen Leichtsinnes; die Ehren der alten Heroen und des Olymps mußten zum Preise des mächtigen Herrschers dienen. Denn längst hatten die Sophisten gelehrt, daß alle die, zu welchen man wie zu Göttern betete, eigentlich ausgezeichnete Kriegshelden, gute Gesetzgeber, vergötterte Menschen wären; und so gut manches Geschlecht sich von Zeus oder Apollon abzustammen rühmte, eben so gut könne ja wieder der Menschen Einer durch große Thaten wie einst Herakles in den Olymp kommen, oder wie Harmodius und Aristogiton heroischer Ehren theilhaftig werden. Ohne Beispiel war dergleichen nicht; der lahme Spartanerkönig Agesilaus war zwanzig Jahr früher von den Thasiern mit Tempel und Altar zum Gott installirt worden, und König Philipp hatte sich im Kostüm eines dreizehnten Olympiers bei den großen Festlichkeiten von Aegä gezeigt. Um wie viel Größeres nun hatte Alexander gethan? und Kallisthenes, der Schüler und Neffe des großen Aristoteles, schrieb in seinen Geschichtsbüchern von dem unmittelbar göttlichen Ursprung Alexanders, ohne daß man Anstoß daran genommen hätte; ja die Athener hatten schon früher das heilige Theorenschiff mit Gesandten an den König nach Tyrus geschickt, und wenn späterhin in Hellenischen Staaten ihm göttliche Ehren zu gewähren in Vorschlag gebracht wurde, so war es nicht im Interesse der Religion, sondern nur in dem einer politischen Parthei, daß dem Antrag theilweise widersprochen wurde.

Alles dieß vorausgesetzt, kann man sich ein ungefähres Bild von der Umgebung Alexanders machen. Dieß bunte Durcheinander der verschiedenartigsten Interessen, das geheime Spiel von Rivalitäten und Intriguen, der unablässige Wechsel von Gelagen und Kämpfen, von Festlichkeiten und Strapazen, von Ueberfluß und Entbehrung, von strengem Dienst im Felde und zügellosen Genüssen in den Cantonirungen, dazu das stete Weiterdringen in andere und an349dere Länder, ohne Sorge für die Zukunft und nur der Gegenwart gewiß, das Alles vereinte sich, der Umgebung Alexanders jene abentheuerliche und phantastische Haltung zu geben, die zu dem wunderbaren Glanze seiner Siegeszüge paßte. Neben seiner überwiegenden Persönlichkeit treten die Einzelnen selten aus der Masse hervor, ihr Verhältniß zum Könige ist ihr Charakter 80); so der edle Kraterus, der den König, der milde Hephästion, der Alexandern liebte, so der unermüdliche Lagide Ptolemäus, der gewandte Kardianer Eumenes, der das Kabinet des Königs leitete. Kenntlicher sind die allgemeinen Charaktere: die Macedonischen Edlen, kriegerisch, ungestüm, gebieterisch, die Asiatischen Fürsten, ceremoniös, prunkend, Meister in jeder Kunst des Luxus, der Unterwürfigkeit und Intrigue, die Hellenischen Begleiter, theils in der Adjudantur und für wissenschaftliche Interessen beschäftigt, theils als Dichter, Künstler, Philosophen, Müßiggänger im Gefolge des Königs, der, Grieche genug, um unter den Waffen der Musen nicht zu vergessen, sich gern von den Gebildetsten des Jahrhunderts gefeiert sah, und weder Geschenke noch Huld und Herablassung sparte, um die für sich zu gewinnen, welche er um den Ruhm der Wissenschaft beneidete.

Unter diesen Hellenen in Alexanders Gefolge waren besonders zwei Literaten, die durch sonderbare Verknüpfung der Umstände einige Bedeutung in den Verhältnissen des Hoflagers gewannen. Der eine war der oben erwähnte Olynthier Kallisthenes; Schüler und Verwandter des großen Aristoteles, der ihn seinem königlichen Zöglinge zugesandt hatte, begleitete er den König nach Asien, um als Augenzeuge die Großthaten der Macedonier der Nachwelt zu überlifern; Philosoph ohne Kenntnisse, hochmüthig ohne Charakter, von selbstgefälliger Wohlbeleibtheit und voll kleinlicher Schwächen, glaubte er eigentlich der große Mann zu sein, unter dessen Augen der König und das Heer jene Thaten ausführe, deren Wesen und Werth er allein zu würdigen verstände: durch ihn werde Alexanders Name berühmt werden, ihm und seinem Geschichtswerke, nicht den Mährchen, die Olympias sich einrede, noch den Orakeln des Ammon und

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80) Alexander zürnte einst auf Hephästion, der sich mit Kraterus entzweit hatte; er sagte: was ist deine Macht, was ist deine That, wenn dir jemand Alexandern entreißt. Plut. de fort. Alex. II.

 

350 der Branchiden von Milet, danke es Alexander, daß er als Gott geehrt werde 81). In diesem Sinne hatte er bereits die Geschichte einiger Jahre niedergeschrieben, und seine pomphafte Darstellung fand vielen Beifall; sein Talent des mündlichen Vortrages, seine zur Schau getragene Tugendhaftigkeit, seine affektirte Strenge und Würde machten ihn besonders bei den jungen Adligen in des Königs Leibschaar, die mit Eifer seine Vorträge hörten, zu einem Gegenstande der Bewunderung. Sehr anders war der Abderite Anaxarchus; er gehörte einer längst veralteten Philosophenschule an, deren materialistischer Tendenz seine Persönlichkeit entsprach; er war ein Mann von Welt, nicht kalt gegen die Genüsse des Lebens, gegen Mindere vornehm, dem König der stets unterthänige und oft lästig; einst bei einem Gewitter fragte er ihndonnerst Du, Sohn des Zeus? worauf Alexander lachend antwortete: ich mag mich meinen Freunden nicht so furchtbar zeigen, wie du wohl wünschest, der du deswegen meine Tafel verachtest, daß ich „statt der Fische nicht Satrapenköpfe aufsetzen lasse“ 82); ein Ausdruck, dessen sich Anaxarchus bedient hatte, als er den König sich an einem Gericht kleiner Fische, die ihm Hephästion geschickt hatte, freuen sah 82a). Man kann ahnden, in welchem Sinne seine Schrift von dem Königthum geschrieben war 82b); noch mehr zeigen das die Trostgründe, mit denen er nach Klitus Ermordung den König aufzurichten suchte: „weißt du nicht, o König, sagte et damals, daß darum die Gerechtigkeit zur Beisitzerin des König Zeus gemacht ist, weil Alles, was Zeus thut, gut und recht ist? eben so muß, was ein König auf dieser Welt gethan, zunächst von ihm selbst, dann von der übrigen Menschheit für Recht erkannt werden“ 83).

Kallisthenes glaubte sich, wie es scheint, von dem Könige vernachlässigt, und Andere vorgezogen; der philosophische Mann be-

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81) Cf. St. Croix. p. 24. sqq.82) Aehnliches in Plutarch’s Tischreden IX. 1. — 82a) Ist dieß noch in Persien geschehen, so kann man bemerken, daß unter allen Persischen Flüssen nur der von Sahend in Aderbidschan Fische hat; s. Malcolm Geschichte Persiens I. p. 391. — 82b) Clemens Strom. 1. p. 337. — 83) Arrian. IV. 9. Plut.

 

351gann sich zu ärgern, sich zurückzuziehen, des Königs Tafel zu meiden oder durch hochmüthiges Schweigen die Aufmerksamkeit auf sich zu wenden, und, sonst der eifrigste Vertheidiger alles dessen, was Alexander that und wollte, den Republikaner zu spielen und die gute alte Zeit zu rühmen. Einst war er zur Tafel beim Könige und wurde von diesem aufgefordert, beim Wein eine Lobrede auf die Macedonier zu halten; er that es mit der ihm eigenthümlichen Kunst unter dem lautesten Beifall der Anwesenden. Dann sagte der König, es sei leicht das Ruhmreiche zu rühmen, er möge seine Kunst beweisen, indem er gegen dieselben Macedonier spräche und durch gerechten Tadel sie des Bessern belehren; das that der Sophist mit schneidender Bitterkeit: der Griechen unselige Zwietracht habe die Macht Philipps und Alexanders gegründet, im Aufruhr komme auch ein Elender bisweilen zu Ehren. Empört sprangen die Macedonier auf, und Alexander sagte: nicht von seiner Kunst, sondern von seinem Haß gegen uns hat der Olynthier einen Beweis gegeben. Kallisthenes aber ging heim, und sagte dreimal zu sich selbst: Auch Patroklus mußte sterben und war mehr denn du! 84).

Alexander wünschte, die Sitte der morgenländischen Anbetung an seinem Hofe eingeführt zu sehen; es hätte als ein Vorzug gegen Griechen und Macedonier erscheinen können, wenn er nur von Asiaten diese Art der Huldigung, die seiner Macht gebührte, annahm; er wünschte jeden äußeren Unterschied aufgehoben. Den Vorurtheilen, an welchen Mancher haftete, mochte er nicht durch einen Befehl Anlaß zur Misdeutung und Unzufriedenheit geben; er hoffte, daß sich die Sache in Form stillschweigender Uebereinkunft machen würde. Hephästion und einige Andere übernahmen es, die Griechen und die Macedonischen Generale zu bereden; auch Kallisthenes verpflichtete sich, was bei seinem Ansehn wichtig war und Manchen über seine etwanigen Bedenken beruhigen konnte. Als nun am verabredeten Tage die Großen bei Alexander zur Tafel waren, so nahm Alexander die goldene Schaale und trank seinen Freunden einzeln zu, worauf sich jeder zum Altar wandte, seinen Becher trank, dann aufstand, vor dem Könige das Knie beugte, und ihn küßte. Als nun die Reihe an Kallisthenes kam, und der König ihm zu-

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84) Plut.; cf. Philostrat. vit. Apoll. VII. 1. 2.

 

352getrunken, und dann mit Hephästion sprach, der an seiner Seite saß, stand der Philosoph auf, leerte den Becher und ging zum Könige, um ihn zu küssen; der König wollte es nicht sehn, daß der Mann nicht anbetete; aber einer der Getreuen sagte: „Küsse ihn nicht, König, er ist der einzige, der nicht angebetet“. Alexander weigerte den Kuß, und Kallisthenes sprach, indem er sich hinwegwandte: „So gehe ich um einen Kuß ärmer fort“. Unverkennbar hatte der hochmüthige Mann diesen Skandal gesucht; Hephästion versicherte den König, daß er die Huldigung versprochen habe; Lysimachus und Andere fügten hinzu, es sei nicht auszuhalten mit dem Dünkel des Sophisten, er wandle so stolz einher, als ob er das Königthum stürzen wolle, er sei gefährlich, da sich viele Macedonische Jünglinge an ihn hingen, seine Worte wie Orakel, ihn selbst wie den einzigen Freien unter den Tausenden des Heeres betrachteten. Und nur zu bald sollten diese Besorgnisse eine traurige Bestätigung finden 85).

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85) So erzählt Chares von Mitylene, (Plut. Alex. 55.) der eine der größten Hofchargen bei Alexander bekleidete, und von den man nicht sagen kann, daß er partheiisch für Alexander schrieb; so Athen. X. 436 St. Croix p. 39. Nach anderen Berichten (Curtius, Arrian) verhielt sich die Sache folgendermaaßen: Alexander sei mit den Sophisten und den vornehmsten Medern und Persern übereingekommen, die Sache während eines Trinkgelages zur Sprache zu bringen, Anaxarchus habe da das Wort ergriffen und geäußert, Alexander verdiene mehr als Bacchus und Herakles göttliche Ehre bei den Macedoniern; nach seinem Tode werde sie ihm niemand weigern, desto mehr müsse man ihn bei Lebzeiten anbeten. Dann hätten einige angebetet, und da die Macedonier, obschon unzufrieden, geschwiegen, sei Kallisthenes aufgestanden und habe in einer sehr freimüthigen Rede dem Vorschlage des Anaxarchus widersprochen, namentlich Alexanders göttliche Verehrung als etwas Verkehrtes dargestellt, angeführt, daß erst Cyrus unter den Persern diese gottlose Sitte eingeführt habe, daß er dafür von den Seythen besiegt worden so wie Xerxes von den Griechen, Artaxerxes von den Zehntausend und der letzte Darius von Alexander, dem nicht Angebeteten. Dieß habe den König bitter gekränkt, die Macedonier aber alle erfreut, wes-

 

353 Nach einer schon von König Philipp herstammenden Einrichtung pflegten die Söhne der Macedonischen Großen mit ihrem Eintritt ins Jünglingsalter in die Schaar der Edelknaben einzutreten, um mit dem Dienst um des Königs Person ihre kriegerische Lauf-

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halb Alexander weiter von der Sache zu sprechen verboten habe; nun sei eine unangenehme Pause in der Unterhaltung eingetreten, worauf sich die ältesten Perser sofort erhoben und angebetet hätten. Leonnatus, der Vertrauten einer, (nach andern Polysperchon) habe dabei über die Bewegungen eines der niederfallenden Perser laut aufgelacht und sich dadurch Alexanders Ungnade zugezogen. So Arrian; nach Curtius war Alexander während jener Reden abgetreten, hatte die einzelnen Aeußerungen hinter einem Vorhange belauscht, und den Polysperchon, als er über den anbetenden Perser lachte, im vollen Zorn beim Arme gefaßt und an die Erde geschleudert mit den Worten: so thue dasselbe, worüber du andere verlachtest! Diese ganze Erzählung, die Arrian nicht aus seinen zuverlässigen Quellen geschöpft zu haben scheint, (er begleitet sie mit einem „man sagt“) dürfte aus Klitarch oder ähnlichen Autoren sein; dafür spricht die von Kallisthenes gehaltene Rede und besonders der unpragmatische Charakter, in dem das Ganze dargestellt ist; Leonnats hohe Würde eines Leibwächters würde nicht mit den Gesinnungen passen, die er bei dieser Gelegenheit äußerte; dazu kommt, daß genau dieselbe Sache von Cassander und dessen Audienz im Jahre 323 erzählt wird, Plut. Alex. c. 74.; auch ist es nicht glaublich, daß der König eine Sache, die so unangenehm enden konnte, von dem augenblicklichen Eindrucke der Reden abhangen ließ; erst wenn man des Erfolges sicher war, durfte der Versuch gemacht werden die Anbetung einzuführen. Die Wortbrüchigkeit des Kallisthenes giebt der Geschichte ihre häßliche Pointe und einen neuen Beweis für die freche Eitelkeit und Anmaaßlichkeit dieses Menschen. Justin. XI. 3 erzählt, daß Lysimachus, ein eifriger Anhänger des Kallisthenes, dem Philosophen auch in dieser Zeit dienstwillig gewesen und deshalb von dem erzürnten Könige einem wilden Löwen vorgeworfen sei, den er so glücklich bekämpfte, daß Alexander ihm verzieh. Die Kritik dieser Erzählung giebt Curt. VII. 1. 15. – Uebrigens ist jenes Ceremoniel beim Trinkgelage ächt Turanisch und wiederholt sich in der Muhamedanischen Zeit; wenn ich nicht irre, thut auch Malcolm in seiner Persischen Geschichte dessen Erwähnung.

 

354bahn zu beginnen; sie waren im Felde seine Begleitung, sie hatten die Nachtwache vor dem Königszelte, sie führten ihm das Pferd vor und huben ihn in den Bügel, sie waren um ihn bei Tafel und auf der Jagd; sie standen unmittelbar unter seiner Obhut, und nur er durfte sie strafen; er sorgte ihrer hohen Geburt und den hohen Anforderungen ihrer künftigen Stellung angemessen für ihre wissenschaftliche Ausbildung, und namentlich für sie waren berühmte Griechische Gelehrte im königlichen Gefolge. Unter diesen jungen Adlichen war Hermolaus, der Sohn des Sopolis, des Befehlshebers vom Amphivolitischen Geschwader, desselben, der von Nautaka aus auf Werbung nach Macedonien gesandt war 86). Hermolaus, ein eifriger Verehrer des Kallisthenes und seiner Philosophie, hatte, so scheint es, die strengen Ansichten und republikanischen Theorien seines Lehrers mit Begeisterung aufgefaßt, mit jugendlichen Unwillen sah er diese Vermischung des Persischen und Macedonischen Wesens, deren Nothwendigkeit er nicht begriff; das Selbstgefühl besserer Einsicht und der Trotz des unterdrückten Rechtes verleiteten ihn zu einer eben so unbesonnenen wie zwecklosen That. Bei einer Jagd, als ein Eber auf die Wildbahn kam, und dem Könige, der nach der Hofsitte den ersten Wurf hatte, vor den Speer rannte, erlaubte sich der junge Mann den ersten Wurf und erlegte das Thier; ein Dienstvergehen, das Alexander unter anderen Umständen vielleicht nicht beachtet hätte, bei Hermolaus aber als absichtlich ansah und demgemäß bestrafte, indem er ihn züchtigen und ihm sein Pferd nehmen ließ. Hermolaus war auf das Heftigste empört; Kallisthenes schürte das Feuer seines Ingrimms mit dem bitteren Troste: er sei ja ein Mann; dann sprach er ihm von dem Ruhme des Harmodius, der den einen Tyrannen ermordet habe 87); und der auf goldenem Bette ruhe, sei ein Mensch ver-

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86) Eines Effektes Willen läßt Curtius den Sopolis nicht abgereiset sein, wie doch Arrian ausdrücklich berichtet. — 87) Diese auf verschiedene Namen erzählte Geschichte paßt hierher eben so gut wie auf Philipps Mörder Pausanias. Wenn nach Plutarch Kallisthenes diese Aeusserung gegen Philotas that, so ist natürlich nicht Parmenions Sohn, sondern der Thracier gemeint. Cf. Diog Laert. IV. 2. 6. c. intpp.

 

355wundbar wie alle. So reifte in der Seele des unglücklichen Jünglings der Gedanke der traurigsten Rache. Sein Busenfreund war Sostratus, der Sohn des Stymphäers Amyntas, desselben, der mit seinen drei Brüdern bei der Philotasverschwörung in den Verdacht der Theilnahme gefallen war, und, um sich aller Schuld frei zu zeigen, den Tod im Kampfe gesucht hatte; diesem Sostratus theilte sich Hermolaus mit: das Leben sei ihm verleidet, wenn er sich nicht rächen könne. Leicht war Sostratus gewonnen: es sei ja Alexander, der ihm schon den Vater entrissen, der ihm jetzt den Freund beschimpft. Die beiden Jünglinge zogen noch vier andere aus der Schaar der Edelknaben ins Geheimniß; es waren Antipater, der Sohn des Asklepiodor, des gewesenen Statthalters von Syrien, Epimanes, Arseas Sohn, Antikles, Theokrits Sohn und der Thracische Philotas, des Karsis Sohn; sie verabredeten, in der Nacht, wenn Antipater die Wache hätte, den König im Schlafe zu ermorden. Die Nacht kam; Alexander hatte mit den Freunden zu Abend gegessen und blieb länger als sonst in der Gesellschaft der Getreuen; schon war Mitternacht vorüber, man wollte aufbrechen und sich zur Ruhe begeben. Nun war, so heißt es, ein Syrisches Weib, voll Zauber und Weissagung, in ihrem begeisterten Wahnsinn dem König seit Jahren gefolgt, und hatte den Freunden schon oft Anlaß zu Spott und Neckereien gegen Alexander gegeben, der dann lachend einstimmte; als sich aber wiederholentlich ihre Sprüche wahr erfunden, misachtete sie der König nicht länger, er befahl, ihr Nacht und Tag den Zugang zu seiner Person zu gestatten, und oftmals war sie in der Stille der Mitternacht plötzlich vor seinem Bette erschienen, mit Warnung oder Rath. Als man jetzt eben von Tafel aufbrach, stand das Weib an des Königs Seite und bat ihn: „bleib und trinke die Nacht durch!“ Und Alexander rief fröhlich den Freunden zu, sie möchten bleiben, so wollten es die freundlichen Götter. So tranken und scherzten sie bis zum Morgen. Als nun Alexander, da schon der Tag anbrach, heimging, und die Pagen, deren Zeit schon lange vorüber war, noch wachen und ihn erwarten sah, lobte er sie für ihre Sorge, und entließ sie reich beschenkt. Die Verschworenen gingen heim, entschlossen, die nächste Nachtwache, die auf sie fiel, zu benutzen. Epimenes sah Tages darauf seinen Busenfreund Charikles, den Sohn des Menander, 356 der als Befehlshaber eines festen Platzes im Baktrischen von Alexander vor Kurzem, weil er den ihm anvertrauten Posten verlassen hatte, niedergestochen war 88). Epimenes mochte seinem Freunde nicht länger das Geheimniß verhehlen; er sagte ihm, was bereits geschehen, was noch im Werke sei. Bestürzt und empört eilte Charikles zu seines Freundes Bruder Eurylochus, und beschwor ihn durch schnelle Anzeige den König zu retten; sofort ging dieser in des Königs Zelt, und entdeckte dem Lagiden Ptolemäus den furchtbaren Plan. Auf seine Anzeige befahl der König, schleunigst die Verschworenen nebst Kallisthenes, dessen Verhältniß zu ihnen bekannt war, zu verhaften; sie wurden verhört, sie bekannten auf der Stelle ihren Plan, ihre Genossen, Kallisthenes Mitwissenschaft. Dann wurde das Heer zum Kriegsgericht berufen, die Gefangenen, außer Kallisthenes (denn dieser war Grieche) vorgeführt; der König klagte auf Hochverrath; mit lautem Unwillen hörten die tapferen Macedonier von dem Plan und ihres Königs Gefahr. Dann fragte Alexander die Verschworenen, was sie zu ihrer Vertheidigung vorzubringen hätten. Hermolaus nahm das Wort, er sprach mit dem Gefühl eines Märtyrers der Wahrheit und dem ganzen Stolz der Hoffnungslosigkeit: Alexanders Uebermuth könne kein freier Mann mehr ertragen; der Macedonier Ruhm sei durch des Königs Frevel tausendfach geschändet; gegen Recht und Sitte sei Philotas hingerichtet, der greise Parmenion meuchlings ermordet, trunken habe der König den edlen Klitus, der ihm das Leben gerettet, durchbohrt, niemand mehr sei vor dem Despoten sicher; nur Asiatische Sklaven wolle er um sich sehen; schon sei versucht, freie Macedonier zur Anbetung zu zwingen; der König wisse, daß er, Verräther an der Sitte der Väter, mit seinem Medischen Kleide und seiner Asiatischen Wollust, mit seinem zwischen Rausch und Schlaf getheilten Leben unter freien Männern verachtet und gefährdet, nur unter Erniedrigten und mit ihm Entarteten seines unwürdigen Lebens sicher sei; die Verschworenen hätten sich und die Macedonier befreien wollen, bevor es zu spät gewesen. Die Macedonier aber, empört über den verruchten Anschlag, steinigten

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88) Dieser (Plut. 57.), nicht der Lydische Satrap, der Magnesier Menander, scheint bezeichnet zu sein.

 

357 nach der Sitte der Väter ihn und seine Genossen. Kallisthenes aber, der wenn auch nicht unmittelbaren Antheil an dem Verbrechen gehabt hatte, wurde in Ketten geworfen, um später im Beisein des Aristoteles, gegen dessen Treue der König Zweifel zu hegen begann, gerichtet zu werden. Alexander schrieb darüber an Antipater: „die jungen Verräther sind von den Macedoniern gesteinigt worden, den Sophisten aber will ich selbst bestrafen, und auch diejenigen, die ihn zu mir geschickt haben, und die in ihren Städten Verräther gegen mich aufnehmen“. Kallisthenes aber starb, bevor er gerichtet war, während des Indischen Feldzuges an der Läusesucht 89). –

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89) Die Angaben über Kallisthenes Schuld und Tod weichen vielfach von einander ab. Nach Alexanders Brief an Atralus, den Oheim des Sostratus (Plut. 55.), hatten die Verschworenen jede anderweite Theilnahme an ihrem Verbrechen abgeleugnet; daß aber Kallisthenes die Gesinnung der jungen Leute gekannt und mit kluger Vorsicht auf den Königsmord geleitet habe, ist nach seinem Charakter und durch die Angaben des Ptolemäus und Aristobul (Arrian. IV. 14. 1.) ausgemacht. Vor Allem ist diese Geschichte mit großer Partheilichkeit gegen den König entstellt worden; die Philosophen, Gelehrten und Gebildeten des Alterthums verschreien Alexanders Gerechtigkeit als eine Barbarei gegen das sacrosancte Haupt eines wissenschaftlichen Mannes, der leider mehr Eitelkeit als Verstand hatte, wie sein Oheim und Lehrer Aristoteles selbst sagte, cf. St. Croix p. 365.; derselbe hatte ihn beim Abschiede ermahnt, ut cum rege aut rarissime aut quam jucundissime loqueretur. Dieß und Aehnliches weiset Stahr in seinen trefflichen Aristoteliis (1. p. 124.) nach, und es ist nur zu bedauern, daß er das allgemeine Vorurtheil für Kallisthenes theilt. – Die ganze Verschwörungsgeschichte ist im Obigen nach den übereinstimmenden Berichten des Aristobul und Chares erzählt worden; Ptolemäus weicht nur über Kallisthenes Tod ab; er sagt, der Sophist sei gefoltert und dann aufgeknüpft worden. Arrian 1. c. Nach Suidas wurde mit ihm zugleich sein Freund, der Dichter Neophron aus Sicyon, hingerichtet, den Elmsley, wunderlich genug, zu einem älteren Zeitgenossen des Euripides gemacht hat.

 

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358 Siebentes Kapitel.

Der Indische Feldzug.

 

Indien, durch die vollendete Eigenthümlichkeit seiner Natur, seiner Bevölkerung, seiner Civilisation in sich abgeschlossen, ist lange Jahrhunderte hindurch von den geschichtlichen Bewegungen der Westwelt unberührt geblieben. Von zweien Seiten umfluthen es Oceanische Meere, in denen erst spät Wissenschaft und Betriebsamkeit die Straßen der leichtesten und sichersten Verbindung finden sollte; von zweien anderen Seiten thürmen sich in doppelter und dreifacher Umwallung Gebirgsmassen auf, durch deren Schneepässe und glühende Felsspalten der fromme Pilger, der wandernde Handelsmann, der Räuber der Wüste einen mühsamen Weg findet. Auch bedarf dieß Land der Hindu nicht des Verkehrs mit der Welt draußen; vielgestaltig in sich, überreich an Erzeugnissen aller An, bis zum Unglaublichen bevölkert, hat es in vollendeter Selbstständigkeit eine Geschichte von Jahrtausenden entwickelt; ihre Erinnerungen sind dem eigenen Volke fast verschwunden, in zeit- und raumlosen Phantastereien scheint dessen Gedächtniß verkommen zu sein, seit es aufgehört hat, sich selbst anzugehören; aber dem voraus liegt eine Vergangenheit großer und mannich faltiger Entwickelungen; in ihrer Blüthe scheint sie der Macedonische Eroberer gesehen zu haben, der erste Fremdling des Abendlandes, der den Weg nach Indien gefunden.

Ein Strom durchbricht den Felsenwall, der Indien von der Westwelt scheiden sollte; entsprungen aus jenen Bergen, denen dicht aneinander die Gewässer von Turan und Ariana, von Balk und Kandahar entquellen, stürzt er sich ostwärts zu dem Bette des Indus hinab; umsonst thürmen sich im Norden und Süden 359 des Stromes die wildesten Felsenmassen empor, sie öffnen seinen Fluthen ein breites Thor, und das Thal von Lamghanat führt zu dem fruchtüppigen Tropenklima Indiens hinab. Und doch ist es noch nicht das rechte Indien, das sich hier öffnet; die fünf Ströme des Panschab, die Ueberschwemmungen der Sommer, der breite Gürtel der Wüste im Osten und Süden machen das Abendland Indiens zu einer zweiten Schutzwehr des heiligen Gangeslandes, und es ist, als habe die Natur einen Liebling vor Gefahren, denen sie selbst einen Weg geöffnet, doch noch zu schützen versuchen wollen. An das Gangesland ist alles Heilige und Große, was der Hindu kennt, geknüpft, dort ist der uralte fromme Glaube und die strenge Sonderung der Kasten, die aus Brahma gezeugt sind, heimisch, dort sind die heiligsten Orte der Wallfahrten und der Strom des geweihten Wassers; die Stämme im Abend der Wüste, obschon verwandten Geschlechtes und Glaubens, sind abgewichen von der strengen Reinheit des göttlichen Gesetzes, sie haben nicht den Verkehr mit den Javanen in der Außenwelt gemieden, sie haben nicht die Würde königlicher Herrschaft, nicht die Lauterkeit der Kasten, nicht die Abgeschlossenheit gegen die unreinen und verhaßten Fremdlinge bewahrt, in der doch Bedingung, Sicherung und Beweis des heiligen Lebens beruht; sie sind die Entarteten und den Fremdlingen Preis gegeben.

Und in der That, die Fremdlinge haben nicht umsonst jenes Völkerthor, das zum schönen Indien hinabführt, geöffnet gesehen. Indier wohnten an dem Weststrom aufwärts bis zu seinen Quellen im Paropamisus; aber sie widerstanden dem Völkerdrängen nicht, das von Abend her sich den glücklichen Ebenen Indiens zuwendete. Aelter als die Geschichte ist der Beginn dieses Vordringens gen Osten; aus den wüsten Gebirgen Arianas, aus den Klippeneinöden von Korassan sind nomadische Horden dorthinabgewandert; aber zu roh zum Erobern blieben sie mit ihren Heerden auf den Gebirgsweiden, die zu dem reichen Thallande des Indus hinabschauen 1). Dann ward Assyrien mächtig; aber die stolze Semiramis

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1) Für diese Angaben darf ich nur auf die treffliche Abhandlung Ritters: „Ueber Alexanders Zug am Kaukasus“ in den Abhand. der Berliner Akademie 1829 verweisen. Der Choaspes, der Name des Kahmehflusses, ist vollkommen Iranisch.

 

360 sah an der Indischen Brücke die Kameele der westlichen Steppen vor den Elephanten des riesigen Ostens flüchten; und Persien, plötzlich groß um langsam abzusterben, hat an den Ufern des Indus den Beginn einer großen Zukunft gesucht, um deren Erfüllung es die Kämpfe im Abendlande betrogen.

Nie hat sich die Herrschaft der Achämeniden bis jenseits des Indus erstreckt; die Ebene am Fuß des Paropamisus mit den westlichsten Zweigen Indischer Bevölkerung war das letzte Gebiet, das die Großkönige mit Sicherheit besaßen; von dort aus hatte der große Darius seine Schiffe gen Sonnenaufgang hinab gesandt, daß sie die Mündungen des Indischen Stromes erkundeten, von dort her waren die Elephanten des letzten Perserkönigs, die ersten, welche die Westwelt sah, gekommen. Oestlichere Landstriche zu erobern, gelang jenem großen Darius nur für die Dauer seiner Herrschaft, und in der späteren Achämenidenzeit verschwindet jede Spur eines Verhältnisses zu den Indusländern. Statt dessen tritt im Osten des Kohistan am Kophen auf das Deutlichste eine Menge unabhängiger Staaten hervor, die sich über die fünf Ströme gen Osten bis zur Wüste, gen Süden bis zur Indusmündung ausdehnte, eine Musterkarte kleinerer und größerer Völker, Fürstenthümer und Republiken, ein buntes Durcheinander politischer Zersplitterung und religiöser Verwirrung, unter einander ohne andere Gemeinschaft als die der gegenseitigen Eifersucht und des steten Wechsels von treulosen Bündnissen und selbstsüchtigen Fehden. –

Alexander hatte mit der Unterwerfung des Sogdianischen Landes die Besitznahme des Perserreiches vollendet; die Satrapie des Paropamisus, die er im Jahre 329 besetzt hatte, war, wenn schen von Indiern bewohnt, doch ein Theil des Achämenidenreiches, dessen Grenzen er noch nicht überschritten, aber allerdings schon auf die entschiedenste und nach allen Seiten hin drohendste Weise besetzt hatte. Seiner Absicht, auch in Indien das Glück seiner Waffen zu versuchen, boten die politischen Verhältnisse der Fürsten des Induslandes eine erwünschte Gelegenheit. Leider sind die Nachrichten darüber mangelhaft, und kaum daß uns die Folgen der vielfachen schon früher angeknüpften Verbindungen über ihren Charakter und ihren Zweck einigen Aufschluß geben. Von überwiegender Wichtigkeit war Alexanders Verhältniß mit dem Fürsten von Taxila; das Reich 361 desselben lag auf dem Ostufer des Indus, der Mündung des Kophenflusses gegenüber, es erstreckte sich ostwärts gegen den Hydaspes hin in einer Ausdehnung, die man der der Aegyptischen Statthalterschaft gleich schätzte. Der Fürst, mit mehreren seiner Nachbarn, namentlich dem Fürsten Porus am Hydaspes, verfeindet und zugleich nach Erweiterung seines Gebietes begierig, hatte den König Alexander während seines Aufenthaltes in Sogdiana zu einer Indischen Heersahrt aufgefordert und sich bereit erklärt, die Indier, die sich ihm zu widersetzen wagen würden, mit ihm gemeinschaftlich zu bekämpfen 2). Dieß war, so scheint es, der erste äußere Anknüpfungspunkt für den Feldzug, zu dem sich Alexander, wie seine Antwort an den Chorasmierkönig erweiset, bereits zur Zeit der Winterrast in Zariaspa entschlossen hatte. Ein günstiger Zufall wollte, daß der Indische Fürst Sisikyptos, der mit Bessus in Verbindung getreten war und demselben Indische Hülfstruppen, um das Baktrische Königthum zu vertheidigen, zugesagt hatte, nach des Königsmörders Gefangennehmung sich an Alexander ergab und in seinen Dienst trat, in dem er sich bald durch treue Ergebenheit auszeichnete 3). Durch diese und andere Verbindungen konnte Alexander über die Indischen Verhältnisse, über die Natur des Landes und seiner Bevölkerung Hinreichendes in Erfahrung bringen, um den Gang seines großen Unternehmens und die zu demselben erforderlichen Vorbereitungen und Streitkräfte mit einiger Sicherheit bestimmen zu können 4).

Und in der That läßt sich in den neuen und bedeutenden Vorbereitungen, die während des letzten Jahres gemacht wurden, die richtige Würdigung der bevorstehenden Schwierigkeiten keinesweges verkennen. Das disponible Heer, das seit der Vernichtung der Persischen Macht nicht eben bedeutend zu sein brauchte, um die einzelnen Satrapien zu unterwerfen, war zum Kampfe gegen die stark bevölkerten und mit großer Kriegsmacht versehenen Indischen Staaten unzureichend; die Europäischen Truppen, obschon deren im-

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2) Diod. XVII. 86. — 3) Curt. VII. 4. 6. — 4) Ich führe dieß an, um der Ansicht A. W. v. Schlegels, als habe sich Alexander durch die lügenhaften Berichte des Ktesias führen lassen, zurückzuweisen.

 

362mer neue Tausende von Beute und Ruhm gelockt gen Asien nachgezogen waren, so daß die anfängliche Zahl von fünf und dreißig tausend Combattanten im Lauf der sechs Jahre trotz der vielen Kämpfe und der unberechenbaren Verluste, welche die unausgesetzten Anstrengungen, die Züge durch Schneegebirge, die Einflüsse fremder Klimate und die eben so oft durch Mangel wie durch Ueberfluß ungesunde Lebensweise hervorgebracht haben mußte, sich dennoch verdoppelt haben mochte, waren zum guten Theil als Besatzungen der occupirten Länder und der Hauptwaffenplätze in denselben zurück geblieben; das Oxianische Gebiet allein behielt ein Corps von zehntausend Mann Fußvolk und viertausend fünfhundert Reutern, für Ariana waren viertausend fünfhundert Mann im Arachosischen Alexandrien geblieben; nicht minder bedeutende Streitkräfte mußten in Ekbatana, Babylon, Aegypten u. s. w. stehen, wenn schon es wahrscheinlich ist, daß namentlich die Westsatrapien nicht von der großen Armee, sondern aus Europa selbst ihre Besatzungen ergänzten. Um jene Lücken auszufüllen und für den Indischen Feldzug die erforderliche Streitmacht ins Feld zu stellen, wurden namentlich aus den streitbaren Völkern der Oxianischen und Arianischen Länder vielfache Schaaren angeworben, die sich dann in ihrer Weise bewaffnet der Macedonischen Hauptmasse anschlossen; Baktrianer, Parthier, Scythen und Sogdianer, desgleichen Phönicier, Aegypter, Kleinasiaten zogen mit gen Indien 5); die Gesammtzahl des Heeres soll sich auf hundert und zwanzigtausend Mann, die funfzehntausend Reuter, wie Einige behaupten, nicht mit eingerechnet, belaufen haben 6).

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5) Curt. VIII. 5. 1. giebt ihre Zahl auf dreißigtausend an; et scheint die dreißigtausend Barbaren, die im Jahre 324 zum Kriegsdienst herangebildet waren, (Arrian. VII. 6. 3.) und deren Aushebung allerdings um diese Zeit angeordnet wurde, im Sinne gehabt zu haben. — 6) Arrian. Ind. 19. Curt. VIII. 5. 4. Plut. 66. Die Organisation des Heeres im Einzelnen ist nicht mehr zu erkennen; genannt werden folgende 11 (cf. Arrian. V. 29. 2.) Phalangen: Gotgias, Klitus, Meleager, Könus, Attalus, Balacer, Philipp, Philitas, Polysperchon, Pithon, Alcetas; dieß würde drei und dreißig tausend Mann schweres Fußvolk ergeben; dazu kommen die Hyp-

 

363 Gegen Ende des Frühlings 327 brach Alexander von Baktrien auf. Die Gebirgswege, die vor zwei Jahren so viele Mühe gemacht hatten, lagen jetzt frei von Schnee, Vorräthe waren reichlich vorhanden; auf einer kürzeren Straße 7) erreichte man nach einem zehntägigen Marsche die Stadt Alexandrien am Südabhange des Gebirges. Alexander fand sie nicht in dem Zustande, wie er erwartet hatte; Niloxenus, der seine Befehlshaberstelle nicht mit der nothwendigen Umsicht und Kraft verwaltet hatte, wurde entsetzt, auch der Perser Proexes verlor sein Amt als Satrap der Paropamisaden; aus der Umgegend wurde die Bevölkerung der Stadt vermehrt, von dem Heere blieben die zum Dienst untauglichen in ihr zurück; den Befehl über die Stadt und ihre Besatzung, so wie den Auftrag, für ihren weiteren Ausbau Sorge zu tragen, erhielt Nikanor, von den Getreuen des Königs 8); Tyriaspes wurde zum Satrapen des Landes bestellt, dessen Grenze fortan der Kophenfluß 9) am Westabhange des Koondgebirges sein sollte. Alexander zog durch dieß schöne, blumenreiche Land zu der einheimischen Hauptstadt Kabura oder Ortospana, der die Macedonier, so scheint es, zum glücklichen Omen für den nächsten Feldzug den Namen Siegesstadt, Nicäa 10), gaben; die Opfer, die der

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aspisten im Belauf von sechstausend Mann. Diese scheinen sämmtlich nur Macedonier zu sein; neben ihnen vielleicht eine nicht viel geringere Zahl fremder Truppen. — 7) Arrian IV. 22. sagt in zehn Tagen, wohl durch den Paß von Kamerd, den nächsten zwischen Balk und Kabul. (cf. Strabo XV. p. 267.) — 8) Stasanor, weder der Stagirite, der später bei den Olympischen Spielen die Zurückberufung der Verbannten verkündete (Harpocrat. v., Dinarch. p. 169.) noch aus Parmenions Familie, sondern ohne Zweifel der Vater des Balacer, der in dieser Zeit Statthalter in Cilicien war. — 9) Der Kophes oder Kophenes ist wohl nicht der Fluß, der bei Kabul vorüber fließt, sondern der wasserreiche Pundschir, der an der Gebirgslinie, die sich über Jellallabad zum Riesengipfel Koond aufthürmt, südwärts hinabströmt, den Fluß von Kabul aufnimmt und dann durch das felsige Thal von Jellalli (Paß von Lamghanat. Baber p. 140) mit vielen Stromschnellen und Strudeln in das offene Land, das sich allmählig zum Indus senkt, hinabfließt. — 10) Diese Annahme Ritters ist wohl ziemlich sicher; wenigstens ist sie durchaus passend

 

364 König für Pallas Athene brachte, bezeichneten, so war es seine Weise, den Beginn des neuen Feldzugs.

Das Heer nahte sich dem Grenzstrome der Paropamisaden; Herolde waren vorausgesandt an die Indischen Fürsten, die am unteren Laufe des Kophenstroms und am Ufer des Indus herrschten; Alexander ließ sie zu sich entbieten, um ihre Huldigung zu empfangen. So kam der Fürst von Taxila und mehrere Rajas des Landes diesseits des Indus, nach der prunkenden Art der Hindufürsten auf geschmückten Elephanten und mit reichem Gefolge; sit brachten dem großen Könige kostbare Geschenke, sie boten ihm ihre Elephanten, es waren fünf und zwanzig, zum beliebigen Gebrauch. Alexander seinerseits eröffnete ihnen, er hoffe im Laufe dieses Sommers das Gebiet bis zum Indus zu beruhigen, er werde die vor ihm erschienenen Fürsten belohnen, diejenigen aber, welche sich nicht unterworfen hätten, zum Gehorsam zu zwingen wissen, er gedenke den Winter am Indus zuzubringen, um mit dem nächsten Frühlinge die Feinde seines treuen Verbündeten, des Fürsten von Taxila, zu strafen. Sodann theilte er seine gesammten Streitkräfte zu zwei Armeen, von denen die eine unter Perdikkas und Hephästion an dem rechten Ufer des Kophen zum Indus hinabziehen sollte, während er selbst mit der anderen das sehr schwierige, von streitbaren Völkern bewohnte Land im Norden desselben Flusses durchziehen wollte 11).

Demnach rückten die beiden Generale Hephästion und Perdikkas mit drei Phalangen, mit vier Geschwadern der Macedonischen Ritterschaft und der sämmtlichen fremden, namentlich Asiatischen Reuterei, am rechten Ufer des Kophenflusses hinab, indem die Indischen Fürsten, die dem Könige gehuldigt hatten, mit ihnen in ihre Länder zurückkehrten; die Generale hatten Befehl, alle bedeutenden Städte zu besetzen, oder falls ihre Uebergabe geweigert würde, sie mit Gewalt zu unterwerfen, an den Ufern des Indus angelangt, sofort den Bau der Indusbrücke zu beginnen, über

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und erklärt den sonderbaren Umstand, daß in der Regel Ortospana oder Carura (Cabura), nicht aber Nicäa genannt wird. — 11) Arrian. IV. 22.

 

365 welche Alexander nach dem Inneren Indiens vorzurücken gedachte 12).

So die Südarmee; während dessen ging Alexander mit den Hypaspisten, mit vier Geschwadern der Ritterschaft, unter diesen die Leibschaar, mit dem größeren Theile der Macedonischen Phalangen, mit den Bogenschützen, den Agrianern und den reitenden Schützen über den Kophen und durch den Paß von Jellalli ostwärts vor. Dort stürzt ein Bergstrom, der Choas oder Choaspes von den hohen Gebirgen im Norden her zum Kophen herab, und bildet längs den mächtigen Felsenlagen des Koond ein wildes Thalland; gegenüber erheben sich die Gebirge von Neuem, wenn auch minder gewaltig, doch immer gefährlich genug für militärische Bewegungen; das Volk der Aspasier oder Hippasier hatte hier seine Sitze, seine Bergfesten, seine zahlreichen Heerden; einige Tage nordwärts am Choaspes lag die Fürstenstadt Gorydale, wichtig auch durch die Gebirgsstraße, die hier vorüber nach dem Quelllande des Oxus führt 13). Sobald nun Alexander über diesen Fluß gesetzt war, und dem sich allmählig verengendem Thale folgend die Südgränze des Aspasischen Landes erreichte, flüchteten sich die Einwohner sofort theils in die Berge, theils in die festen Städte, entschlossen den Macedoniern Widerstand zu leisten. Desto mehr eilte Alexander vorwärts; mit der gesammten Reuterei und achthundert seiner Hyp-

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12) Von den vier Wegen, die zum Indus von Kabul aus hinabführen (s. Baber p. 140.), führt nur der von Lamghanat längs dem Kabul zur Mündung dieses Stromes, mag man nun den Paß von Kheiber auf dem Südufer (Elphinstone Kabul übers. von Rühs II. 54.), oder den viel schwierigeren von Karrava auf dem Nordufer des Kabulstromes wählen (Elphinstone II. 51.). Strabo sagt XV. p. 268.: Alexander hatte in Erfahrung gebracht, daß die Gegenden im Norden und in den Bergen fruchtbar und wohl bevölkert seien, die südlichen dagegen entweder ganz wasserlos, oder, wo Ströme flössen, von glühender Hitze und mehr für Thiere als für Menschen passend; deshalb, und weil er die Flüsse ihren Quellen näher leichter passiren zu können meinte, ging er die nördlichsten Wege. — 13) Dieß schreibe ich auf Ritters Autorität (Alexanders Zug p. 167); eine bestimmte Angabe über diesen Paßweg habe ich nicht finden können.

 

366aspisten, die gleichfalls beritten gemacht wurden, rückte er voraus und gelangte bald zu der ersten Stadt der Aspasier, die mit einer doppelten Mauer versehen war und durch eine bedeutende unter den Wällen auf gestellte Streitmacht vertheidigt wurde. Unmittelbar vom Marsch aus griff der Köuig an; nach einem heftigen Gefecht, in dem er selbst in der Schulter, und von seiner nächsten Umgebung die Leibwächter Ptolemäus und Leonnatus verwundet wurden, mußten sich die Barbaren hinter die Mauern ihrer Stadt zurück ziehen. Der Abend, die Erschöpfung der Truppen, die Wunde des Königs machten weiteren Kampf unmöglich; die Macedonier lagerten hier an den Mauern der Stadt. Früh am nächsten Morgen begann der Sturm; die Mauer ward erstiegen und besetzt; erst jetzt sah man die zweite stärkere Mauer der Stadt, die auf das sorgsamste besetzt war. Indeß war die Hauptmasse des Heeres nachgerückt, sofort wurde zum neuen Angriff geschritten; während die Schützen von allen Seiten her die Posten auf den Mauern trafen, wurden die Sturmleitern angelegt, bald waren hie und da die Zinnen erklommen; die Feinde hielten nicht länger Stand, sie suchten aus den Thoren der Stadt auf die Berge zu entkommen; viele wurden erschlagen; die Macedonier, über des Königs Wunde erbittert, schonten Niemandes; die Stadt selbst wurde dem Erdboden gleich gemacht 14).

Dieser erste Erfolg war nicht ohne den wirksamsten Eindruck auf die Feinde; eine zweite Stadt Andaka, an dem Paßwege vom Choaspes zum nächsten Flußthal gen Osten belegen, ergab sich sofort und rettete sich dadurch; sie erhielt eine Macedonische Besetzung, da ihre Lage sie zu einem Hauptpunkte des Landes machte; sie beherrschte den ganzen östlichen Theil des Aspasiergebietes, der sich längs den Bergen, welche ihre Quellen zum Soastusfluß hinab senden, bis nordwärts zur festen Stadt Arigäum hinzog. Kraterus mit dem größeren Theil des schweren Fußvolkes erhielt den Auftrag, diesen Landesstrich zu durchziehen und zu unterwerfen, und durch das Thal von Berawal gen Arigäum zu rücken 15),

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14) Arrian. VI. 23. — 15) Elphinstone II. 46.; nach einer mündlichen Bemerkung desselben (zu Baber Mem. p. 248) ist auf seiner Karte der Fluß von Banjore unrichtig niedergelegt; die

 

367 Alexander selbst wandte sich mit den übrigen Truppen nordostwärts zum Choaspes, um in möglichster Schnelle Gorydale zu erreichen, und wo möglich den Fürsten selbst in seine Gewalt zu bekommen. Bereits am zweiten Tage erreichte er die Stadt, doch war die Kunde von seinem Anrücken vorausgeeilt; die Stadt stand in vollen Flammen, die Wege zu den Bergen waren mit Fliehenden bedeckt, ein fürchterliches Gemetzel begann; doch hatte der Fürst selbst mit seiner zahlreichen und wohlbewehrten Leibwache bereits die unwegsamen Höhen erreicht. Ptolemäus, der im Getümmel den fürstlichen Zug erkannt und heftig verfolgt hatte, rückte, sobald das emporsteigende Gelände für sein Pferd zu steil wurde, zu Fuß an der Spitze der wenigen Hypaspisten, die um ihn waren, in möglichster Eile den Fliehenden nach; da wandte plötzlich der Fürst mit seinen Kriegern, stürmte auf die Macedonier los, warf sich selbst auf Ptolemäus, schleuderte ihm den Speer gegen die Brust; Ptolemäus, durch seinen Harnisch gerettet, rannte dem Fürsten die Lanze durch die Hüften und riß den Sterbenden zu Boden. Der Fall des Fürsten entschied den Sieg; während die Macedonier verfolgten und niedermetzelten, begann der Lagide den fürstlichen Leichnam seiner Rüstung zu berauben. Das sahen die Aspasier von den Bergen; sie stürzten sich in wilder Wuth herab, wenigstens die Leiche ihres Fürsten zu retten; indeß war auch Alexander herangekommen; ein heftiger Kampf entspann sich, mit Mühe wurde der Leichnam behauptet, erst nach schwerem Kampf zogen sich die führerlosen Barbaren tief in die Berge zurück 16).

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Märsche Babers klären einiges auf: er zog denselben Weg wie Kraterus; er nennt dieß Thal von Berawal Thal des Flusses Chandûl. – Der Paß Ambahir (Baber p. 251.) führt von Andaka den Malemantus hinab. — 16) Arrian. IV. 24. Es ist keine Frage, daß der Euaspla bei Arrian IV. 24. der Choas oder Choaspes ist, ein Name, der durch Aristot. Meteor. I. 350. a. 23. vollkommen gesichert ist. Gorydale ist die Aspasier Hauptstadt, wie sich aus Strabo XV. p. 268. ergiebt, wo man nur das καὶ in και κατὰ Πληγήριον zu streichen hat, um alles genau zu finden. Abweichend von Ritter nehme ich die Lage von Arigäum an der Penjcora, und nicht am Banjore an; der Guräus Fluß ist die heutige Penjcora,

 

368 Alexander, nicht Willens weiter hinauf in die Schneegebirgt vorzudringen, wandte sich von der Gegend von Gorydale ostwärts, um durch die Bergpässe, die dem Thale des Guräus zuführen, die Stadt Arigäum zu erreichen. Er fand die Stadt niedergebrannt und verlassen, die Bevölkerung war in die Berge geflohen. Die Wichtigkeit dieser Lokalität, welche die einzige Straße zum Choaspes beherrscht, bewog den König, Kraterus, der durch das Thal von Berawal von Süden heranrückte, mit dem Wiederaufbau der Stadt zu beauftragen, indem er die zum Dienst untauglichen Macedonier, und von den Landeseinwohnern alle, die sich dazu bereit erklärten, hier anzusiedeln befahl. Auf diese Weise waren die beiden Paßwege zum Choaspes durch die Besetzung von Andaka und Arigäum in Alexanders Macht. Doch schien es nothwendig, die tapferen Alpenbewohner im Norden der Stadt, die in den Bergen eine drohende Stellung angenommen hatten, das Uebergewicht der Macedonischen Waffen fühlen zu lassen. So rückte Alexander von Arigäum aus gegen das Alpenland; am Abend lagerte er am Fuß der Berge; Ptolemäus, zum Recognosciren ausgesandt, brachte die Nachricht mit, daß der Feuer in den Bergen eine sehr große Zahl sei, und daß man auf eine bedeutende Uebermacht der Feinde schließen müsse. Sofort wurde der Angriff beschlossen; ein Theil des Heeres behauptete die Stellung am Fuß des Gebirges, mit dem übrigen rückte der König selbst die Berge hinauf; sobald er der feindlichen Feuer ansichtig ward, ließ er Leonnatus und Ptolemäus sich rechts und links um die Stellung der Feinde hinziehen, um durch einen gleichzeitigen Angriff von drei Seiten die Uebermacht des Feindes zu zertheilen; er selbst rückte gegen die Höhen, wo die größeste Masse der Barbaren stand. Kaum sahen diese die Macedonier vorrücken, so stürzten sie sich im Vertrauen auf ihre Uebermacht von den Höhen herab auf Alexander; ein hartnäckiger Kampf entspann sich. Während dessen rückte auch Ptolemäus heran; da aber die Barbaren hier nicht von ihrer Höhe herabgingen, war er

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und zwar nimmt sie von Osten her den Soastus (Ritter p. 157.), von Westen, von Andaka her den Malcmantus (Banjore) auf. So bildet sich die schöne Thalgegend der Guräer.

 

369 genöthigt auf ungleichem Boden den Kampf zu beginnen; mit ungemeiner Anstrengung gelang es ihm endlich, die Abhänge zu erklimmen, die Feinde, die mit ausgezeichnetem Muthe kämpften, nach der Seite der Höhe zurückzudrängen, die er, um nicht durch vollständige Umzingelung zur verzweifelten Gegenwehr zu zwingen, unbesetzt gelassen hatte. Auch Leonnatus hatte auf seiner Seite die Feinde zum Weichen gebracht, und schon verfolgte Alexander die geschlagene Hauptmacht der Mitte; ein furchtbares Blutbad vollendete den mühsam erkämpften Sieg; vierzig tausend Mann wurden kriegsgefangen; ungeheuere Rinderheerden, der Reichthum dieses Alpenvolkes, fielen in die Hände des Siegers; Ptolemäus berichtet, es seien an acht und zwanzig tausend Haupt Vieh gewesen, von denen Alexander die schönsten ausgesucht und zum Behuf des Feldbaues nach Macedonien geschickt habe 17).

Indessen war die Nachricht eingelaufen, daß die Assakaner, die nächsten Anwohner des Indus, sich auf das Eifrigste rüsteten, daß sie Söldner von jenseit des Indus her an sich gezogen und bereits eine Streitmacht von dreißig tausend Mann Fußvolk, zwanzig tausend Pferden, dreißig Elephanten beisammen hätten. Alexander mußte, um ihr Land zu erreichen, zuvor durch das Gebiet der Guräer; diese hatten sich bis jetzt noch nicht unterworfen; deshalb rückte er mit einem Theile seiner Truppen schnell vorauf, während Kraterus mit den übrigen, so wie mit den schweren Maschinen von Arigäum aus langsamer nachfolgte. Die Bergwege, die kalten Nächte machten den Marsch beschwerlich; desto lachender und reicher war das Thalgebiet der Guräer, zu dem man hinabstieg; rings Weingelände, Haine von Mandelbäumen und Lorbeeren, friedliche Dörfchen an den Bergen hinaufgebaut, unzählige Heerden auf den Alpen weidend 18). Hier, so wird erzählt, kamen die Edelsten des Landes, Akuphis an ihrer Spitze, zum Zelt des Königs; als sie eintraten und ihn im Glanz seiner Waffen, auf die Lanze gestützt und mit hohem Helme da sitzen sahen, knieten sie staunend nieder; der König hieß sie aufstehen und reden. Sie nun

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17) Arrian. IV. 25. Es ist eine merkwürdige Bestätigung dieser Notiz, daß noch heute in jenen Gegenden mit Stieren geackert wird. — 18) Curt. VIII. 10. 14.

 

370 nannten den Namen ihrer Feste Nysa, berichteten, sie seien aus dem Westen her gekommen, seit jener Zeit hätten sie selbstständig und glücklich unter einer Aristokratie von dreißig Edlen gelebt. Darauf erklärte Alexander, daß er ihnen ihre Freiheit und Selbstständigkeit lassen werde, daß Akuphis unter den Edlen des Landes die Vorstandschaft haben, daß endlich einige hundert Reuter zum Heere des Königs stoßen sollten. Dieß mag ohngefähr das Wahre von einer Sache sein, die, vielleicht nicht ohne das Zuthun des Königs selbst, auf das Wundervollste ausgeschmückt, weiter erzählt wurde, fortan hießen die Nysäer unmittelbare Nachkommen von den Begleitern des Dionysus, dessen Züge der Griechische Mythos bereits bis Indien ausgedehnt hatte; die tapferen Macedonier fühlten sich, in weiter Ferne von ihrem Vaterlande, heimisch unter heimathlichen Erinnerungen 18a).

Von Nysa aus ging Alexander ostwärts durch den heftigströmenden Guräus zum Lande der Assakaner; diese zogen sich bei sei-

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18a) Arrian. Ind. 2. Curt. Strabo XV. p. 252. Ich habe nach den bekannten Arbeiten von Colonel Tod, Bohlen, Ritter etc. nicht ausführlicher über diese Mährchen sein mögen, als es für den pragmatischen Zusammenhang der Begebenheiten nothwendig ist; gewiß war es bei Alexander nicht die bloße Eitelkeit, mit den Eroberungszügen des Dionysos zu wetteifern, wenn er jenen frommen Glauben gern in seinem Heere verbreitet sah. Bei dem vielfachen Wechsel der Bewohner jenes ganzen Gebietes ist es unmöglich, ethnologische Bestimmungen mit Sicherheit aufzuführen. Vielleicht läßt sich das Volk der Nysäer, die Arrian (Ind. 2.) als Nicht-Indier bezeichnet, auf das altheimische Volk der Kaffern zurückführen; wenigstens stimmt Alles, was die Brittische Gesandschaft in Kabul über sie in Erfahrung brachte (Elphinstone II. 321.) mit den Schilderungen bei Curt. und Arrian. V. 1. überein; noch heute führen diese Stämme ein heiteres und in der That Dionysisches Leben; ihre Pfeifen und Tambourins, ihre Gastmähler und Fackelzüge dazu das Europäische Klima und die Europäische Natur der Landschaft, das Alles mochte in der That den Eindruck auf die Umgebung Alexanders machen, die jenes Dionysische Mährchen erklärlich und charakteristisch erscheinen läßt. Die Erinnerung jener Völker an Alexander, von dessen Macedoniern sie abzustammen vorgeben ist, wenn nicht richtig, doch merkwürdig.

 

371nem Herannahen in ihre festen Städte zurück; unter diesen war Massaga die bedeutendste; der Fürst des Landes hoffte sich in ihr zu behaupten. Alexander rückte nach und lagerte sich unter den Mauern der Stadt; die Feinde, im Vertrauen auf ihre Macht, machten sofort einen Ausfall; ein scheinbarer Rückzug lockte sie eine halbe Stunde weit von den Thoren hinweg, in ordnungsloser Hast, mit wildem Siegsgeschrei verfolgten sie; da wandten sich die Macedonier plötzlich, und rückten im Sturmschritt gegen die Indier los, voran das leichte Volk, der König an der Spitze der Phalangen ihnen nach; nach kurzem Gefecht flohen die Indier mit bedeutendem Verlust zurück; Alexander folgte ihnen auf den Fersen, aber seine Absicht mit ihnen zugleich in das Thor einzubrechen ward vereitelt. So ritt er an der Mauer dahin, die Angriffspunkte für den nächsten Tag zu bestimmen; da traf ihn ein Pfeilschuß von den Zinnen der Stadt her; mit einer leichten Fußwunde kehrte er ins Lager zurück. Am nächsten Morgen begannen die Maschinen zu arbeiten, bald lag eine Bresche, die Macedonier suchten durch sie in die Stadt zu dringen, die tapfere und umsichtige Vertheidigung des Feindes zwang sie endlich am Abend zu weichen. Mit Heftigkeit wurde des andern Tages der Angriff unter dem Schutz eines hölzernen Thurmes, der mit seinen Geschossen einen Theil der Mauer von Vertheidigern rein hielt, erneut; doch auch so kam man noch um keinen Schritt vorwärts. Die Nacht wurde mit neuen Zurüstungen verbracht, neue Sturmblöcke, neue Schirmdächer, endlich ein Wandelthurm an die Mauer geschafft, dessen Fallbrücken unmittelbar auf die Zinnen führen sollten. Am Morgen rückten die Phalangen aus, zugleich führte der König selbst die Hypaspisten in den Thurm, er erinnerte sie, daß sie auf gleiche Weise Tyrus genommen hätten; alle brannten vor Begier zu kämpfen und die Stadt zu erobern, die ihnen schon zu lange widerstanden. Dann ward die Fallbrücke hinabgelassen, die Macedonier drängten sich auf sie, jeder wollte der erste sein; unter der übergroßen Last brach die Brücke, die Tapferen stürzten zerschmettert in die Tiefe. Lautschreiend sahen das die Indier, sie schleuderten von den Zinnen herab Steine, Balken, Geschosse auf die Macedonier, sie drängten sich aus den Mauerpforten aufs Feld hinaus, die Verwirrung zu benutzen; überall zogen sich die Macedonier zurück; 372 kaum daß es der Phalanx Alcetas, der es der König geboten, gelang, die Sterbenden vor der Wuth der Feinde zu sichern und ins Lager zurückzubringen. Das Alles mehrte nur die Erbitterung und die Kampfbegier der Macedonier; am nächsten Tage ward der Thurm von Neuem an die Mauern gebracht, von Neuem die Fallbrücke hinabgesenkt; doch leisteten die Indier den erfolgreichsten Widerstand, wennschon ihre Reihen immer lichter, ihre Gefahr immer größer wurde. Da ward ihr Fürst von einem Katapultenpfeil getroffen, und sank todt nieder. Dieß endlich bewog die Belagerten, Unterhandlungen anzuknüpfen, um sich der Gnade des Siegers zu ergeben; und Alexander, voll gerechter Anerkennung gegen die Tapferkeit seiner Feinde, war gern bereit einen Kampf abzubrechen, der nicht ohne viel Blutvergießen zu Ende geführt wäre; er forderte die Uebergabe der Stadt, den Eintritt der Indischen Söldner in das Macedonische Heer, die Auslieferung der fürstlichen Familie 19). Die Bedingungen wurden angenommen, die Mutter und Tochter des Fürsten kamen in des Königs Lager; die Indischen Söldner rückten bewaffnet aus und lagerten sich in ei-

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19) Die Lage von Massaga genauer zu bestimmen ist nicht mehr möglich; der Strom, der nach Curt. VIII. 10. 23. an den Mauern der Stadt vorüberströmt, dürfte vielleicht der Burrindu sein, dessen Thal von den Assakanern bewohnt war, und den Arrian. (Ind.) Ptarenus zu nennen scheint. Curtius läßt mit einer Liebesgeschichte zwischen Alexander und der Königin Mutter, deren Sohn, der Fürst des Landes, schon vor lexanders Ankunft gestorben wäre, diesen Angriff enden; er stellt die Gläubigkeit seiner Leser auf eine harte Probe, wenn er berichtet, daß die ehrwürdige Frau durch ihre Reize den Sieger besiegt, und ihm einen Sohn geboren habe. Die Angaben des Diodor, des Justin, des Orosius sind von keinem höheren Werth. Die Behauptung, daß die Indier von dem Wandelthurm Alexanders in den höchsten Schrecken versetzt worden, ist doppelt abgeschmackt, da diese Schriftsteller selbst nicht müde werden, bei Weitem staunenswürdigere Dinge als in Indien heimisch anzuführen. Endlich was die Namen Dädala und Acadera anbetrifft, die Curtius zwischen Nysa und Massaga nennt, so läßt sich eben nichts weiter über ihre Lage sagen, als daß Curtius irrig zwischen diesen Städten und Massaga noch den Choaspes passiren läßt.

 

373niger Entfernung von dem Heere, mit dem sie hinfort vereint werden sollten. Doch voll Abscheu gegen die Fremdlinge, und des Gedankens, fortan mit diesen vereint gegen ihre Landsleute kämpfen zu müssen, unfähig, faßten sie den unglücklichen Plan, Nachts aufzubrechen und sich an den Indus zurückzuziehen. Alexander erhielt davon Nachricht; überzeugt, daß Unterhandlungen vergeblich, Zaudern gefährlich sein würde, ließ er sie Nachts umzingeln und niederhauen. So war er Herr des wichtigsten Postens im Assakanerlande 20).

Von Massaga aus schien es leicht, die Occupation des herrenlosen Landes zu vollenden; Alexander sandte demnach einige Truppen unter Könus südwärts zu der Festung Bazira, überzeugt, daß sie sich auf die Nachricht von Massaga’s Fall ergeben werde; ein anderes Detaschement unter Alcetas ging nordwärts gegen die Festung Ora 21), mit dem Befehl, die Stadt zu blokiren, bis die Hauptarmee nachrückte. Bald liefen von beiden Orten ungünstige Nachrichten ein; Alcetas hatte nicht ohne Mühe einen Ausfall der Oriten abgewehrt, und Könus, weit entfernt, Bazira zur Uebergabe bereit zu finden, hatte Mühe sich vor der Stadt zu halten. Schon wollte Alexander dorthin aufbrechen, als er die Nachricht erhielt, daß Ora in Verbindung mit dem Fürsten Abisares von Kaschmir 22) getreten sei, und durch dessen Vermittelung eine bedeutende Zahl Truppen von den Bergbewohnern im Norden erhalten habe; des-

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20) Arrian. IV. 26. 27. — 21) Die Lage dieser beiden Städte ist ihrer Richtung nach zu erkennen; Ora lag mehr dem Gebiete des Abisares zugewandt, Bazira nicht fern von Aornos und von der Kophenmündung. Abisares kam nicht selbst zur Hülfe, sondern bewog die Bergindier in der Nähe von Ora, in den Quellbergen des Ptarenus, zur Unterstützung; denn so viel wir wissen, sind die Berge zwischen Kaschmir und dem Thale des Burrindu nicht eben sehr wegsam. — 22) Daß Abisares Fürst von Kaschmir gewesen, ergiebt sich aus seinen Legationen an Alexander; seine Allianz mit Porus gegen Alexander einerseits, und mit den Völkern westwärts vom Indus andererseits ist nur von Kaschmir aus möglich; endlich kommt dazu, daß nach Wilson die alten Annalen von Kaschmir den südlichen Theil dieses Landes Abhisâram nennen. Lassen Penta pot. p. 18. cf. Ritter Erdkunde ed. 2. tom. 3. f. 1085.

 

374halb sandte der König Befehl an Könus, die Belagerung von Bazira aufzuheben und in einiger Entfernung von der Stadt ein festes Lager zu beziehen. Er selbst eilte gegen Ora; die Stadt, obschon fest und tapfer vertheidigt, vermochte sich nicht zu halten, sie wurde mit Sturm genommen; reiche Beute, unter dieser einige Elephanten, fiel in diese Hände der Macedonier. Indeß hatte sich Könus auf den Befehl des Königs von Bazira zurückgezogen; sobald die Indier diese Bewegung bemerkten, brachen sie aus den Thoren hervor, warfen sich auf die Macedonier und begannen ein Gefecht, in dem sie endlich mit Verlust zum Rückzuge gezwungen wurden. Könus verschanzte sich der Stadt gegenüber auf einer Höhe, die jede Verbindung der Festung mit dem flachen Lande beherrschte. Als sich nun die Kunde verbreitete, daß selbst Ora den Macedoniern erlegen sei, so verzweifelten die Baziriten, sich in ihrer Feste halten zu können; sie verließen um Mitternacht die Stadt und zogen sich auf die Felsenburg Aornos am Indus auf der Südgränze des Assakanerlandes zurück 23).

Durch die Besitznahme der drei Plätze Massaga, Ora und Bazira war Alexander Herr im Lande des Ptarenus, von dem südwärts das Gebiet des Fürsten Astes von Peucela lag 24). Dieser Fürst hatte, so scheint es, sein Gebiet auf Kosten seiner Nachbarn vergrößert und selbst südwärts des Kophenflusses festen Fuß

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23) Arrian.24) Ohne Grund wird diese Stadt und die Landschaft Peucelaotis an den Kophen und die Mündung des Suastus verlegt; Ptolemäus Zahlen haben irre geführt; er kennt zwischen dem Indus und Suastus weiter keinen Fluß, daher seine nicht genaue Bezeichnung; die des Plinius, von Ortospana bis Pencelaotis, 227 M, ist richtiger. Der heutige Name, Pukkely, bezeichnet die Gegend ostwärts des Indus, oberhalb des Durflusses; die große Stadt Peucela lag auf dem rechten Indusufer und zwar unfern des Zeugma oberhalb von Embolima (Strab. XV. p. 269. Arrian. Ind.). Das Gebiet von Peucela reichte wohl damals wie heute nordwärts bis zu den Schneegebirgen, die der Indus, nachdem er den Abbasin (vielleicht Saparnus bei Arr. Ind. c. 4.) aufgenommen, durchreißt. Es ist wahrscheinlich, daß die Astakaner bei Arrian. Ind. die Unterthanen des Fürsten Astes, also die Pencelaoten sind.

 

375 gefaßt; Sangäus, der als Flüchtling zum Taxiles gekommen war, hatte seine Herrschaft durch ihn verloren; als Alexanders Herolde die Fürsten Indiens gen Nicäa beschieden, war Astes so wenig als Assakanus zur Unterwerfung bereit gewesen. Aber der glückliche Fortgang der Macedonischen Waffen, das Näherkommen Alexanders, der Tod des Assakanus bewogen den Fürsten von Peucela, um wenigstens nicht persönlich dem großen Könige und seiner furchtbaren Kriegsmacht gegenüber zu treten, sein Stammland zu verlassen, und in seinem neuen Gebiete südwärts vom Kophen Zuflucht zu suchen; dort auf einer festen Felsenburg hoffte er der Macedonischen Südarmee Trotz bieten zu können. Indessen hatte Hephästion bei seinem Vorrücken sich vor die Festung gelegt, und sie nach einer dreißigtägigen Belagerung erstürmt; bei dem Sturme war Astes selbst umgekommen, und Sangäus, der sich bei Taxiles befand, wurde mit Bewilligung Alexanders in den Besitz der Stadt gesetzt. Die Stadt Peucela selbst, ohne Herrn und ohne Vertheidiger, ergab sich, sobald Alexander aus dem benachbarten Assakanerlande heranzog, freiwillig, sie erhielt Macedonische Besatzung; ihrem Beispiele folgten die anderen minder bedeutenden Städte am Indus, an dessen Ufern der König zur Kophenmündung bei Embolima hinabzog, wo er sich wieder mit Hephästion vereinigte 25).

So war im Laufe des Sommers durch eine Reihe bedeutender und mühseliger Kämpfe das Land von den Paropamisaden bis zum Indus unterworfen. Auf der Südseite des Kophen, wo das Flußthal bald durch öde Gebirge geschlossen wird, hatte Hephästion das Land in Besitz genommen, und die Bergfeste des Sangäus, so wie eine zweite Stadt, Orobatis 26), die er genom-

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25) Arrian. IV. 28. Wilken erkennt in ihnen die heutigen Afghanen wieder. — 26) Ueber die Lage dieser beiden Ortschaften wird nichts Genaueres überliefert; indeß scheint der Name Orobatis, den die von den Macedoniern besetzte Feste erhielt, verbunden mit dem Umstande, daß sie auf der Südseite des Kophen gelegen haben muß, auf die Paßgegend zu führen, welche der Weg dicht vor dem Indus übersteigt, s. Elphinstone I. p. 117. Für die Feste des Sangäus finde ich keine bestimmte Localität, es

 

376men und mit Macedoniern besetzt hatte, wurden die militärischen Stützpunkte für die Behauptung des Südufers. Im Norden waren nach einander die Flußthäler des Choaspes, des Guräus und des Ptarenus, das Gebiet der Aspasier, der Guräer, der Assakaner und Peucelaoten durchzogen, die Barbaren am oberen Choaspes und am Guräus weit in die Gebirge zurückgesprengt, endlich durch die Festungen Andaka und Arigäum das Thal der Guräer, durch Massaga, Ora, Bazira das der Assakaner, durch Peucela das Westufer des Indus gesichert. Das Land, obschon es zum guten Theil unter einheimischen Fürsten blieb 27), trat doch fortan in ein Verhältniß der Abhängigkeit gegen Macedonien, und erhielt unter dem Namen des diesseitigen Indien einen eigenen Satrapen.

Noch aber war eine Bergfeste in der Nähe des Indus, die, von Indiern besetzt, den Weg stromaufwärts zu sperren vermochte; die Macedonier gaben ihr wegen ihrer außerordentlichen Höhe den Namen Aornos, gleich als ob der Flug der Vögel nicht zu ihr hinaufgereicht hätte. Nemlich in der Nähe des Indusstromes erhebt sich eine einzelne Felsenmasse, am Fuß etwa vier Meilen im Umfang, bis zur Höhe von fünf tausend Fuß; auf der Stirn dieser steilen Bergmasse lag jene merkwürdige Felsenfestung, deren Mauern Gärten, Quellen und Holzung umschlossen, so daß

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müßte denn die Bergfeste Timrood oder vielmehr Jamrood (Baber p. 127.), 7 Cos S. O. von Peschawer am Osteingange der Pässe von Kheiber sein; s. Forster II. p. 53. — 27) Es sind namentlich die Fürsten Akuphis in Nysa, Sangäus im Süden des Kophen; Kophäus und Assagetes, der Hyparch der Assakaner, die Arrian. IV. 28. V. 20. nennt; desgleichen alle die, welche sich zu Nicäa eingefunden hatten; auch Taxiles scheint einiges Gebiet im Westen des Indus erhalten zu haben. Alle diese Fürsten waren zur Heeresfolge verpflichtet. – Arrian nennt als Satrapen der Satrapie Indien denselben Nikanor, der schon Strateg am Paropamisus war; vielleicht durch einen Irrthum; wenigstens späterhin wird nur Philipp als solcher genannt. Gleichfalls ungenau scheint es zu sein, wenn er V. 20. 10. den Sisikyptos Satrapen der Assakaner nennt.

 

377 sich Tausende von Menschen Jahr aus, Jahr ein oben erhalten konnten. Dorthin nun hatten sich viele Indier des flachen Landes geflüchtet, voll Vertrauen auf die Sicherheit dieses Königssteines, von dessen Uneinnehmbarkeit mannigfache Sagen im Schwange waren 28). Desto nothwendiger war es für Alexander, diesen Felsen zu erobern; er mußte den moralischen Eindruck berechnen, den eine glückliche Unternehmung gegen Aornos auf seine Truppen und auf die Indier zu machen nicht verfehlen konnte, er mußte vor Allem darauf Rücksicht nehmen, daß dieser wichtige Punkt in Feindeshand den gefährlichsten Bewegungen in seinem Rücken Anlaß und Anhalt werden konnte. Jetzt, nachdem das flache Land umher unterworfen, nachdem es durch die feste Stellung am Indus möglich geworden war, das Belagerungsheer stets, wie lange auch die Belagerung währen mochte, mit Vorräthen zu versorgen, begann Alexander seine eben so verwegenen wie gefährlichen Operationen. Sein unerschütterlicher Wille, diese Feste zu nehmen, war das Einzige, was einen glücklichen Erfolg denkbar machte. Er rückte gegen den Felsen an und bezog am Fuße desselben ein Lager; aber nur ein Weg führte hinauf und dieser war so geschickt angelegt, daß er an jedem Punkte leicht und vollkommen vertheidigt werden konnte 29). Da kam ein Greis, von seinen zwei Söhnen begleitet, zu Alexander; er hatte lange Jahre an dem Felsen gewohnt, er erbot sich, geheime Wege zu zeigen, auf denen man sich den Mauern der Feste nähern könne. Der Lagide Ptolemäus ging, von einem leichten Corps begleitet, mit dem Indier ab, den Felsen zu ersteigen; auf rauhen und schwierigen Fußsteigen gelangte er, den Barbaren unbemerkt, zu der bezeichneten

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28) Hier, erzählen die Macedonier, hätten die Siege des Herakles ein Ende gehabt. – Die Geschichtschreiber Alexanders stimmen darin überein, daß Alexander nichts weiter beabsichtigt habe, als die Thaten des Herakles zu überbieten; er hatte längst Größeres gethan. Aornos (Renas bei Bohlen 1. 143.) muß das Ostende jener Berglinie sein, die sich längs dem linken Ufer des Kophen vom Suastus bis Indus hinzicht, und nordwärts sich in die Ebene Tschumle hinabsenkt, s. Elphinstone II. p. 9. — 29) Diod. XVII. 85. Curt. VIII. II. 3.

 

378 Stelle, verschanzte sich dort und zündete das verabredete Feuerzeichen an. Sobald dies Alexander gesehen, beschloß er den Sturm für den nächsten Morgen, in der Hoffnung, daß Ptolemäus von der Höhe des Gebirges aus zugleich angreifen würde. Indeß war es unmöglich, von der Tiefe her das Geringste zu gewinnen; die Indier, von dieser Seite vollkommen sicher, wandten sich mit desto größerer Keckheit gegen die von Ptolemäus besetzten Höhen, und nur mit der größten Anstrengung gelang es dem Lagiden, sich hinter scinen Schanzen zu behaupten. Seine Schützen und Agrioner hatten den Feind sehr mitgenommen, der sich mit Anbruch der Nacht in seine Feste zurückzog. Alexander hatte sich durch diesen unglücklichen Versuch überzeugt, daß es unmöglich sei, von der Tiefe aus zum Ziel zu gelangen; er sandte daher durch einen der Gegend kundigen Mann über Nacht den schriftlichen Befehl an Ptolemäus, daß er, wenn am nächsten Tage an einer dem Ptolemäus näheren Stelle der Sturm versucht und dann gegen die Stürmenden von der Feste aus ein Ausfall gemacht würde, von der Höhe herab den Feinden in den Rücken kommen und um jeden Preis die Vereinigung mit Alexander zu bewerkstelligen suchen solle. So geschah es; mit dem nächsten Frühroth stand der König da an dem Fuße des Gebirges, wo Ptolemäus hinaufgestiegen war. Bald eilten die Indier dorthin, die schmalen Fußsteige zu vertheidigen; bis Mittag wurde auf das Hartnäckigste gekämpft, dann begannen die Feinde ein Wenig zu weichen; Ptolemäus that seinerseits das Mögliche, gegen Abend waren die Pfade erstiegen, und beide Heeresabtheilungen vereinigt; der immer eiligere Rückzug der Feinde und der durch den Erfolg hochaufgeregte Muth seiner tapferen Krieger bewogen den König, die fliehenden Indier zu verfolgen, um vielleicht unter der Verwirrung den Eingang in die Feste zu erzwingen; jedoch mislang dies, und zu einem Sturm war das Terrain zu eng. Er zog sich auf die von Ptolemäus verschanzte Höhe zurück, die, niedriger als die Feste, von dieser durch eine weite und tiefe Schlucht getrennt war. Alexander erkannte sofort die Nothwendigkeit, die Ungunst dieser örtlichen Verhältnisse überwältigen zu müssen; er faßte den ungeheueren Plan, diese Schlucht von fast viertausend Fuß Breite mit einem Damm zu durchbauen, und auf diese Weise der Feste wenigstens 379 so weit zu nahen, daß sein Geschütz ihre Mauern zerschmettern konnte. Mit dem nächsten Morgen begann die Arbeit, der König war überall, zu loben, zu ermuntern, selbst Hand an zu legen; mit dem lebendigsten Wetteifer wurde gearbeitet, Bäume gefällt, in die Tiefe gesenkt, Felsstücke aufgethürmt, Erde aufgeschüttet; schon war am Ende des ersten Tages eine Strecke von dreihundert Schritten gebaut; die Indier, anfangs voll Spott über dieß tollkühne Unternehmen, suchten am nächsten Tage die Arbeit zu stören; bald war der Damm weit genug vorgerückt, daß die Schleuderer und die Maschinen von seiner Höhe aus ihre Angriffe abzuwehren vermochte. Am sechsten Tage war der Damm bis in die Nähe einer isolirten Felsspitze gelangt, die, in gleicher Höhe mit der Burg, von den Feinden besetzt war; sie zu behaupten oder zu erobern, wurde für das Schicksal der Burg entscheidend. Eine Schaar auserwählter Macedonier wurde gegen sie gesandt; ein entsetzlicher Kampf begann; Alexander selbst eilte an der Spitze seiner Leibschaar nach; mit der größten Anstrengung wurde die Höhe erstürmt. Dieß und das stete Näherrücken des Dammes, den nichts mehr aufzuhalten vermochte, ließ die Indier daran verzweifeln, sich auf die Dauer gegen einen Feind zu behaupten, den Felsen und Abgründe nicht hemmten, sondern langsam aber desto sicherer zum Ziele führten, und der den staunenswürdigen Beweis gab, daß Menschenwille und Menschenkraft auch die letzte Scheidewand, welche die Natur in ihren Riesengestaltungen aufgethürmt, zu überwinden und zu einem Mittel seiner Zwecke umzuschaffen im Stande sei. Sie sandten an Alexander einen Herold ab, mit dem Erbieten, unter günstigen Bedingungen die Feste zu übergeben; sie wollten nur bis zur Nacht Zeit gewinnen, um sich dann auf geheimen Wegen aus der Feste in das flache Land zu zerstreuen. Alexander merkte lhre Absicht; er zog seine Posten ein, und ließ die Feinde ungestört ihren Abzug beginnen; dann wählte er siebenhundert der Hypaspisten aus, zog in der Stille der Nacht den Felsen hinauf, und begann die verlassene Mauer zu erklettern; er selbst war der erste oben; sobald seine Schaar an verschiedenen Punkten nachgestiegen war, stürzten sie alle mit lautem Kriegsgeschrei über die nur zur Flucht gerüsteten Feinde; viele wurden erschlagen, andere zerschmetterten in den Abgründen; am nächsten 380 Morgen zog das Heer klingenden Spiels in die Felsenfeste ein. Reiche und fröhliche Opfer feierten dieß glückliche Ende einer Unternehmung, die Alexanders Kühnheit und die Tapferkeit seiner Truppen allein möglich machen konnte. Die Befestigung der Burg selbst wurde mit neuen Werken vermehrt, eine Macedonische Besatzung in dieselbe gelegt, der Fürst Sisikyptos, der sich des Königs Vertrauen im höchsten Grade zu erwerben gewußt hatte, zu ihrem Befehlshaber ernannt. Der Besitz dieser Feste war für die Behauptung des disseitigen Indiens von der entschiedensten Wichtigkeit; sie beherrschte die Mündung des Kophen in den Indus 29b).

Indessen hatten sich gefährliche Bewegungen im Assakanerlande gezeigt; der Bruder des in Massaga gefallenen Fürsten Assakanus 30) hatte ein Heer von zwanzigtausend Mann und funfzehn Elephanten zusammengebracht, und sich in die Gebirge des oberen Landes geworfen; die Feste Dyrta 31) war in seinen Händen; er hoffte sich durch die Unzugänglichkeit dieser wilden Gebirgsgegend genug geschützt, er hoffte, Alexanders Entfernung werde ihm bald Gelegenheit geben, seine Macht zu erweitern. Desto nothwendiger war es für Alexander, ihn zu vernichten. Sobald Aornos eingenommen war, eilte der König mit einigen Tausend leichter Truppen nach Dyrta im oberen Lande; die Nachricht von seinem Anrücken hatte hingereicht, den Prätendenten in die Flucht zu jagen; mit ihm war die Bevölkerung der Umgegend, vor Alexanders gerechtem Zorn besorgt, entflohen. Der König sandte so-

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29b) Arr. IV. 30. Strabo scheint diese ganze Belagerung zu bezweifeln (XV. p 252); die abweichenden Angaben bei Diodor und Curtius widerlegen sich selbst; vielleicht gehört zu dieser Unternchmung die Angabe des Chares bei Athen. III. p. 127. c. wie Alexander bei Belagerung der Stadt Petra in Indien Schnee aufzubewahren angeordnet habe. — 30) Curtius nennt diesen Fürsten Eryx, Diodor Aphrices; daß dieser derselbe mit Arrians „Bruder des Assakanus“ ist, ergiebt sich aus der Erzählung selbst. — 31) Die Lage von Dyrta müßte wohl zientlich nordwärts in den Bergen zwischen dem Ptarenus und Indus zu suchen sein, etwa in der Gegend von Mullai unserer Karten.

 

381fort einzelne Corps aus, um die Gegend zu recognosciren und die Spur des flüchtigen Fürsten und besonders der Elephanten aufzufinden: er erfuhr, daß Alles in die Gebirgswildniß ostwärts geflohen sei; er drang nach. Dichte Urwaldung bedeckt diese Gegenden; das Heer mußte sich mühsam den Weg bahnen. Man griff einzelne Indier auf; sie berichteten, die Bevölkerung sei über den Indus in das Reich des Abisares geflüchtet, die Elephanten, funfzehn an der Zahl, habe man auf den Wiesen am Strom frei gelassen. Da kam auch schon ein Haufe Indischer Soldaten vom fliehenden Heere, das, über das Ungeschick des Fürsten misvergnügt, sich empört und ihn erschlagen hatte; sie brachten den Kopf des Fürsten 32). Alexander, nicht gewillt, ein Heer ohne Führer in unwegsames Gebiet zu verfolgen, ging mit seinen Truppen zu den Induswiesen hinab, um die Elephanten einzufangen; von Indischen Elephantenjägern begleitet, machte er Jagd auf die Thiere; zwei stürzten in Abgründe, die übrigen wurden eingefangen. Alexander liebte das Außerordentliche, er wußte, wie sehr es seine Macedonier anfeuerte, und welchen Eindruck es auf die Völker machte; so gebot er hier in den dichten Waldungen am Indus Werkholz zu fällen und Schiffe zu zimmern; in kurzer Zeit war eine Stromflotte erbaut, wie sie der Indus noch nicht gesehen, auf der der König mit seinem Heere den breiten und zu beiden Seiten mit vielen Städten und Dörfern bedeckten Strom hinabfuhr; nach zehn Tagen landete er an der Brücke, die von Hephästion und Perdikkas bereits über den Indus geschlagen war 33). –

Es war in den ersten Frühlingstagen des Jahres 326, daß das Macedonische Heer, verstärkt von den Kontingenten der Fürsten in der diesseitigen Satrapie, an der Kophenmünde sich zum

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32) Diod. XVII. 88. Curt. VIII. 12. 3. — 33) Nach einer andern Leseart 16 Tage, wenn überhaupt Curtius verkehrter Ausdruck so verstanden werden darf. Die Entfernung von der Gegend von Mullai bis zur Mündung beträgt nach Macartncy’s schöner Charte gegen 30 geograph. Meilen zu Wasser. Die Indusbrücke, die man mit Arrian für eine Schiffbrücke halten darf, lag nach Strabo XV. p. 269. in der Nähe der Stadt Peucelaitis; offenbar oberhalb der Kophenmündung.

 

382 Uebergang über den Indus anschickte. Da erschien eine Gesandtschaft der Fürsten von Taxila vor dem Könige, sie versicherte von Neuem die Ergebenheit ihres Herren; sie überbrachte dem Könige kostbare Geschenke, dreitaufend Opferstiere, zehntausend Schaaft, dreißig Kriegselephanten, zweihundert Talente Silber, endlich siebenhundert Indische Reuter, das Bundescontingent ihres Fürsten, sie übergab dem Könige die Residenz ihres Fürsten, die herrlichste Stadt zwischen dem Indus und Hydaspes. Alexander belobte sie; dann befahl er, die Weihe des Indusüberganges zu beginnen; unter gymnastischen Spielen und festlichem Umzuge des Heeres wurde am Stromufer geopfert; und die Opfer waren glücklich. So begann der Uebergang über den mächtigen Strom, ein Theil des Heeres zog über die Schiffbrücke, andere setzten auf Induskähnen hinüber, der König selbst und sein Gefolge auf zwei Jachten, die dazu bereit lagen. Neue Opfer feierten die glückliche Vollendung dieses Ueberganges. Dann rückte das große Heer auf der Straße von Taxila vorwärts, durch reich bevölkerte und im Schmucke des Frühlings prangende Gegenden, nordwärts mächtige Schneeberge, die Gränze von Kaschmir, südwärts die weiten und herrlichen Ebenen, welche das Duab des Indus und Hydaspes erfüllen, überall die großen Formen der Landschaft, die überreiche Vegetation, die fremdartigen Gestalten, Trachten und Sitten der Bevölkerung, wie sie der Indischen Welt eigenthümlich sind. Eine Stunde vor der Residenz sah das staunende Heer zum erstenmale jene Indischen Büßer, die nackt, einsam, regungslos unter den Gluthstrahlen der Mittagssonne und dem kalten Thau sternklarer Nächte das heilige Werk des Nivan vollbringen 33b).

Als Alexander der Stadt Taxila nahete, zog ihm der 34)

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33b) Strabo XV. p. 294. Arrian VII. 3. — 34) Die Lage von Taxila ist auf dem Wege vom Indus zum Hydaspes, doch gewiß nicht, wie Rennel (Memoir of a map of Hindostan p. 29.) vermuthete, bei Attock selbst zu suchen. Plinius sagt: von Peucelaotis zum (sollte heißen über den) Indus und zur Stadt Taxila 60 M., von da zum Hydaspes 120 M. Davon ⅙ für die Krümmungen des Weges abgerechnet, giebt 150 M. oder 30 Meilen, und die

 

383 Fürst im höchsten Pompe, mit geschmückten Elephanten, gewappneten Schaaren und kriegerischer Musik entgegen; und als nun der König sein Heer halten und sich ordnen ließ, sprengte der Fürst seinem Zuge voraus und zu Alexander hin, begrüßte ihn ehrerbietigst und übergab ihm sein Reich und sich selbst. Dann zog Alexander an der Spitze selnes Heeres, der Fürst an seiner Seite, in die prächtige Residenz. Hier folgten zu Ehren des großen Königs eine Reihe von Festlichkeiten, deren Glanz durch die Anwesenheit mehrerer Fürsten des Landes, die ihre Geschenke und Huldigungen darzubringen gekommen waren, erhöht wurde. Alexander bezeugte mit alle dem seine Zufriedenheit, er bestätigte sie

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geraden Abstände vom Hydaspesübergange über Ravil Pindee zum rechten Ufer des Indus sind nach Elphinstones Karte 28 Meilen. cf. Asiatic Journal tom. V. 1818. p. 216. – Dr. Gerard (Asiatic Journal 1832. Decbr. p. 365) meint, daß das Monument von Manikiyala die Lage von Taxila bezeichne, er fand bei den Bauern der Umgegend viele Griechische Münzen, cf. Tod Radjastan II. p. 231.; jedoch ist diese Lage zu weit vom Indus entfernt, und selbst Ravil Pindee dürfte noch zu weit ostwärts liegen. Den Namen der Stadt und des Fürstenthums anlangend, hat Vincent (the voyage of Nearchus ed. I. p. 86.) vermuthet, daß der Name Taxili, so hörte Tieffenthaler das westlichste von den 12 Stadtthoren von Lahore nennen, das alte Taxila angeht; Wilford sagt, (Asiatic Researches IX. p. 31.) Taxila sei Tâchsa-Syala, von dem Volksstamme der Syalas so genannt, deren Ueberreste man noch jetzt im Panschab fände. Tod (Radjastan II. p. 228.) hat noch weitere Notizen über diese Täkshac’s oder Nagas, d. i. Schlangenvolk; doch irrt er, wenn er Tâk und Bazar bei Sultan Baber für identisch mit Taxila hält. Lassen pent. p. 35. weiset nach, daß der heimische Name dieses Landes, Urasa, bei Ptolemäus als Varsa erscheint. – Den Fürsten dieser Landschaft nennt Curtius Omphis, Diodor aber Mophis. (Ophis oder Schlange vermuthet Tod l. c. als Griechische Uebersetzung von Tâk). Sie fügen über ihn einige unbedentende Details hinzu: bei dem Tode seines Vaters, dem er zur Vereinigung mit Alexander gerathen, habe er nicht eher den fürstlichen Titel Taxila angenommen, als bis es Alexander gestattete.

 

384 Alle in ihrem Besitz und erweiterte das Gebiet Einiger nach ihrem Wunsche und ihrem Verdienst, namentlich das des Taxiles, der zu gleich für die Fürsorge, mit der er die Südarmee aufgenommen hatte, und für die Aufmerksamkeit, mit der er dem Könige wiederholentlich entgegen gekommen, auf das Reichlichste beschenkt wurde; Medische Prachtkleider, einige zwanzig Macedonische Schlachtrosse, goldene und silberne Trinkschaalen von Hellenischer Arbeit, endlich einen Schatz von tausend Talenten empfing der Fürst aus den Händen des Königs von Asien. Auch Abisares von Kaschmir schickte eine Gesandschaft gen Taxila, es war sein Bruder, von den Edelsten des Landes begleitet, er brachte Kleinodien, Elfenbein, feine Webereien, Kostbarkeiten aller Art zum Geschenk, er versicherte die treue Ergebenheit seines fürstlichen Bruders und stellte die heimliche Unterstützung, die derselbe den Assakanern zugewandt haben sollte, durchaus in Abrede. Wie damals die Angelegenheiten des Duab-Landes geordnet waren, ist nicht mit Bestimmtheit zu erkennen; jedenfalls lagen die Gebietserweiterungen in der diesseitigen Satrapie, so wie anderer Seits die Fürsten sämmtlich unter die Souverainität Alexanders traten; vielleicht erhielt Taxiles das Principat unter den Raja’s diesseits des Hydaspes, wenigstens wird im Verhältniß zu Alexander fortan nur seiner erwähnt. Uebrigens blieb in seiner Residenz eine Macedonische Besatzung, so wie die dienstunfähige Mannschaft zurück; die sogenannte Indische Satrapie wurde dem Philippus anvertraut, dessen hohe Geburt und vielfach bewährte Anhänglichkeit an Alexander der Wichtigkeit dieses Postens entsprach; seine Provinz umfaßte außer dem ganzen rechten Indusgebiet auch die Aufsicht über die im Reiche des Taxiles und der anderen Fürsten zurückbleibenden Truppen 35).

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35) So scheinen sich die verschiedenen Angaben über Philipps Satrapie zu vereinbaren. Arrian IV. 2. 5. nennt ihn, sich in Alexanders Stellung an dem Hydaspes denkend, den Satrapen des jenseit des Indus, des gegen Baktrien hin liegenden Landes, und IV. 14. 6. wird die Landschaft der Mallier seiner Provinz zugefügt; der Ausdruck in Arrian. Ind. 18. ist zu allgemein, um auf die Aus-

 

385 Von Taxila aus hatte Alexander an den Fürsten Porus gesandt und ihn auffordern lassen, ihm an der Grenze seines Fürstenthums entgegen zu kommen, um die königliche Entscheidung über sein Verhältniß zum Fürsten von Taxila zu erwarten. Porus hatte die Antwort zurückgesandt, er werde den König an der Grenze seines Reiches mit gewaffneter Hand erwarten; zu gleicher Zeit hatte er seine Bundesgenossen aufgeboten, hatte den Fürsten Abisares, der ihm, trotz der noch neuerdings gethanen Versicherungen seiner Ergebenheit für Alexander, Hülfstruppen versprochen hatte, um deren schleunige Zusendung ersucht, war selbst an den Grenzstrom seines Reiches gerückt, und hatte sich auf dessen linkem Ufer gelagert, entschlossen, dem Feinde um jeden Preis den Uebergang zu wehren. Auf diese Nachricht sandte Alexander den General Könus an den Indus zurück, mit dem Befehl, die Fahrzeuge der Stromflotte zum Transport über Land zersägen und auf Wagen verpackt möglichst schnell an den Hydaspes bringen zu lassen. Zu gleicher Zeit brach das Heer nach den üblichen Opfern und Kampfspielen von Taxila auf, es waren fünftausend Mann Indische Truppen des Taxiles und der benachbarten Fürsten dazu gestoßen; die Elephanten, die Alexander in Indien erbeutet oder als Geschenk erhalten hatte, blieben zurück, da die Macedonischen Pferde nicht an ihren Anblick gewöhnt waren, und sie überdieß der den Macedoniern eigenthümlichen Angriffsweise nur hinderlich gewesen wären 36).

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dehnung der Satrapie Ober-Indien schließen zu lassen. Uebrigens war dieser Philipp der Sohn des Machatas, aus dem Fürstengeschlecht von Elymiotis und des Amigonus Vater, Großvater des Poliorceten Demetrius, um diese Zeit bereits hoch in den Siebzigern. — 36) Nur Polyän IV. 3. 26. sagt, daß Alexander Elephanten in seinem Heere gehabt habe; ein Beweis, wie wenig auf seine Compilation zu geben ist. Curtius erzählt, daß auf diesem Marsche der Indische Fürst Gamaxus und der Exsatrap Barsaentes von Ariana, der zu ihm geflohen war, dem Könige gebunden zugeführt, die dreißig Elephanten des Fürsten ausgeliefert und von dem Könige dem Fürsten Taxiles eingehändigt worden seien; und Arrian (III. 25. 14.) berichtet, daß Barsaentes gen Indien geflo-

 

386 Während des Marsches begannen die ersten Schauer des tropischen Regens sich von den Gebirgen hernieder zu senken, die Wasser strömten rauschender, die Wege wurden beschwerlicher, häufige Gewitter, mit Orkanen verbunden, verzögerten den Marsch vielfach. Man nahte der Südgrenze des Fürstenthums von Taxila; eine lange nnd ziemlich enge Paßstraße führte hier in das Gebiet des Spittakus, eines Verwandten und Bundesgenossen des Porus; sie war durch die Truppen dieses Fürsten, welche die Höhen zu beiden Seiten besetzt hielten, gesperrt; durch ein kühnes Reutermanöver unter der unmittelbaren Führung Alexanders wurden die Feinde überrascht, von ihrer Stellung gedrängt und dermaßen in die Enge getrieben, daß sie erst nach bedeutendem Verlust das freie Feld gewannen. Spittakus selbst eilte, ohne an die weitere Vertheidigung seines Fürstenthums zu denken, sich mit dem Reste seiner Truppen mit Porus zu vereinigen 37).

Etwa zwei Tage später erreichte Alexander das Ufer des Hydaspes, der jetzt eine Breite von fast zwölfhundert Schritten hatte 38); auf dem jenseitigen Ufer sah man das weitläuftige Lager des Fürsten Porus, und das gesammte Heer in Schlachtordnung aufgerückt, vor demselben, gleich Festungsthürmen, dreihundert Kriegselephanten; man bemerkte, wie nach beiden Seiten hinaus bedeutende Schaaren abgesendet wurden, um die Postenlinie längs dem Stromufer zu verstärken, und namentlich die wenigen Fuhrten, die das hohe Wasser noch gangbar ließ, zu beobachten. Alexander erkannte die Unmöglichkeit, unter den Augen des Feindes den Strom zu passiren, und lagerte sich auf dem rechten Ufer, den Indiern gegenüber; er begann damit, durch mannichfache Truppen-

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hen, von den Indiern ausgeliefert und wegen seiner Theilnahme am Morde des Darius hingerichtet sei. — 37) Polyän IV. 3. 21. Dieß ist vielleicht der von Elphinstone I. 129. bezeichnete Engpaß und derselbe Hohlweg von Hambatu, den Baber passirte, in dessen Memoiren (p. 255) man überhaupt den Weg, den Alexander nahm, wiederkennt. — 38) Curt. VIII. 13. 8. Der Fluß hatte noch nicht seine volle Breite, die er erst im August erreicht; schon im Juli fand ihn Macariney fast dreitausend Schritt breit. S. Elphinstone I. p. 551.

 

387bewegungen den Feind über den Ort des beabsichtigten Ueberganges zu verwirren und seine Aufmerksamkeit zu ermüden; er ließ zugleich durch andere Abtheilungen seines Heeres die Ufergegend nach allen Seiten hin recognosciren, durch andere das von Vertheidigern entblößte Gebiet des Spittakus brandschatzen und von allen Seiten her große Vorräthe zusammenbringen, als ob er noch lange an dieser Stelle zu bleiben gedächte; er wußte bis in das feindliche Lager das Gerücht zu verbreiten, daß er in dieser Jahreszeit den Flußübergang allerdings für unmöglich halte, daß er das Ende der Regenzeit abwarten wolle, um, wenn das Wasser gefallen wäre, den Angriff über den Strom hin zu versuchen. Zu gleicher Zeit aber mußten die steten Bewegungen der Macedonischen Reuterei, das Auf- und Abfahren stark bemannter Böte, das wiederholte Ausrücken der Phalangen, die trotz der heftigsten Regengüsse oft stundenlang unter den Waffen und wie zum Kämpfen bereit standen, den Fürsten Porus in steter Besorgniß wegen Eröffnung der Feindseligkeiten halten; ein Paar Werder im Flusse gaben Veranlassung zu kleinen Gefechten, es schien, als ob sie, sobald es zum ernsteren Kampfe käme, von entscheidender Wichtigkeit werden mußten.

Indeß erfuhr Alexander, daß Abisares von Kaschmir, trotz aller neuerdings wiederholten Versicherungen seiner Ergebenheit, nicht bloß heimlich Verbindungen mit Porus unterhalte, sondern bereits mit seiner ganzen Macht heranrücke, um sich mit demselben zu vereinigen 39); und war es auch von Anfang her keinesweges des Königs Absicht gewesen, die Regenzeit hindurch unthätig am rechten Flußufer stehen zu bleiben, so bewog ihn doch diese Nachricht noch mehr, ernstlich an einen baldigen Angriff zu denken, da der Kampf gegen die vereinte Macht des Abisares und Porus schwierig, wenn nicht gefährlich werden konnte; aber es war unmöglich, hier im Angesicht des Feindes über den Fluß zu gehen: einmal war das Strombette selbst durch die Fülle und Strömung des Wassers unsicher und das niedrige Ufer drüben voll schlammiger Untiefen, sodann wäre es tollkühn gewesen, die Phalangen unter den Geschossen des dicht geordneten und sicher stehenden Feindes an’s Ufer

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39) Diod. XVII. 87.

 

388 führen zu wollen, endlich war vorauszusehen, daß die Macedonischen Pferde sich vor dem Geruch und dem heiseren Geschrei der Elephanten, die das jenseitige Ufer deckten, beim Anlegen scheuen, zu fliehen versuchen, sich von den Fähren hinabstürzen, die gefährlichste Verwirrung anrichten würden. Es kam alles darauf an, das feindliche Ufer unbemerkt zu erreichen; darum ließ Alexander, es war um Mitternacht, im Lager Lärm blasen, die Reuterei an verschiedene Stellen des Ufers vorrücken und sich mit Kriegsgeschrei und unter dem Schmettern der Trompeten zum Uebersetzen anschicken, die Bote auslaufen, die Phalangen unter dem Schein der Wachtfeuer an die Furthen rücken. Sofort wurde es auch im feindlichen Lager laut, die Elephanten wurden vorgetrieben, die Truppen rückten an das Ufer, man erwartete bis zum Morgen den Angriff, der doch nicht erfolgte. Dasselbe wiederholte sich in den folgenden Nächten, und immer von Neuem sah sich Porns getäuscht, er wurde es müde, seine Truppen umsonst in Regen und Wind die Nächte durch wachen zu lassen, er begnügte sich damit, den Fluß durch die gewöhnlichsten Posten zu bewachen.

Das rechte Ufer des Flusses ist von einer Reihe rauher Höhen begleitet, die sich drei Meilen stromauf hinziehen und dort zu bedeutenden, dicht bewaldeten Bergen emporsteigen, an deren Nordabhang ein kleiner Fluß zum Hydaspes hinabeilt 40). Der schnellströmende Hydaspes, der von Kaschmir herab bis hieher südwärts strömt, verändert jetzt plötzlich und sast im rechten Winkel seine Richtung, und eilt, zur Rechten die rauhe Bergreihe, zur Linken eine weite und fruchtbare Niederung, abendwärts weiter. Der Bergecke gegenüber, unter der Mündung jenes Flüßchens, liegt im

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40) Die Lokalität bei Elphinstone I. 132. Auf der waldigen Insel Jamad befand sich zu Timnrs Zeit das feste Schloß des Cheab-eddin cf. Chereffeddin IV. 10. p. 49., den kleinen Fluß im Norden der Berge und im Süden der Stadt Behreh, beschreibt Baber Mem. p. 257. Nach Plut. de Fluv. 1. scheinen diese Bergt von den Macedoniern Elephantenberge genannt worden zu sein; ich mache auf die Erzählung Plutarchs von dem Schlangennest und den Opfern aufmerksam, welche, mit dem alten Ophitendienst von Kaschmir übereinstimmend, ethnographisch wichtig sein dürften.

 

389 Strome die hohe und waldige Insel Jamad, oberhalb deren die gewöhnliche Straße von Kaschmir den Hydaspes übersetzt 40a. Dieß war der Ort, den Alexander zum Uebergange ausersehen. Eine Reihe Feldposten war vom Lager aus längs dem Ufer aufgestellt; ihr gegenseitiges Zurufen, ihre nächtlichen Wachtfeuer, die neuen Truppenbewegungen in der Nähe des Lagers, hätten den Feind vollkommen über den Ort des bevorstehenden Ueberganges täuschen müssen, wenn er sich nicht schon daran gewöhnt hätte, dergleichen nicht mehr für bedeutend zu halten. Alexander seinerseits hatte auf die Nachricht, daß Abisares nur noch drei Tagemärsche entfernt stände, alles dazu vorbereitet, den entscheidenden Schlag zu wagen. Kraterus blieb mit seiner Hipparchie, mit der Reuterei der Arachosier und Paropamisaden, mit den Phalangen Alcetas und Polysperchon und den Indischen Bundestruppen, im Ganzen etwa zwanzigtausend Mann, in der Nähe des Lagers, er wurde angewiesen, sich ruhig zu verhalten, bis er die Feinde drüben entweder ihr Lager verlassen, oder in der Nähe desselben geschlagen sähe; wenn er dagegen bemerkte, daß die feindlichen Streitkräfte getheilt würden, so sollte er, falls die Elephanten ihm gegenüber am Ufer zurückblieben, den Uebergang nicht wagen, falls sie aber mit stromauf gegen die bei der Insel übersetzenden Macedonier geführt würden, so sollte er sofort und mit seinem ganzen Corps über den Strom setzen, da die Elephanten allein dem glücklichen Erfolg eines Reuterangriffs Schwierigkeiten in den Weg stellten 41). Ein zweites Corps, aus den Phalangen Meleager, Gorgias und Attalus, aus dem gesammten Fußvolk der Fremden und

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40a Von den fünfundzwanzig Wegen, die nach Tieffenthaler aus Hindostan nach Kaschmir führen, sind die meisten kaum für Fußgänger zugänglich; die Straßen über Puckhely und Bember sind die gangbarsten, aber jene war dem Abisares gesperrt, diese hätte zu weit um, und zum Theil durch das feindliche Bergrevier der Glausen geführt; da seine Herrschaft Abisharam das Land der südlichen Vorthäler Kaschmirs und wahrscheinlich bis zu den Quellbergen des Sewnflusses umschloß, so konnte er keinen näheren und besseren Weg wählen, als den, welcher am rechten Ufer des Hydaspes von Muzufferabad herab (Elphinstone II. p. 552.) über Perhâleh (Baber Mem. p. 261.) führt. — 41) Hier ist eine Lücke im Text

 

390 und [sic] der Reuterei der Söldner bestehend, rückte unter des Lagiden Ptolemäus Führung anderthalb Meilen stromauf, mit der Weisung, sobald sie jenseits des Stromes die Schlacht begonnen sähen, corpsweise durch den Strom zu gehen 42). Der König selbst brach mit den Geschwadern Hephästion, Perdikkas, Demetrius und der Leibschaar Könus, mit den Scythischen, Baktrischen und Sogdianischen Reutern, mit den Daischen Bogenschützen zu Pferde, mit den sechs Chiliarchien der Hypaspisten, den Phalangen Klitus und Könus, den Agrianern, Schützen und Schleuderern, im Ganzen fünftausend Mann Reuterei und etwa sechszehntausend Mann Fußvolk, am Morgen aus seinem Lager auf. Alle diese Bewegungen wurden zwar durch den anhaltenden Regen erschwert, aber zugleich dem Auge des Feindes entzogen; um desto sicherer zu seyn, zog der König hinter den waldigen Uferhöhen zu dem Orte hin, den er zum Uebergang ausersehen. Am späten Abend kam er dort an; schon war hier der Transport zersägter Fahrzeuge, den Könus vom Indus herangeschafft hatte, unter dem Schutz der dichten Waldung wieder in Stand gesetzt und verborgen worden, auch an Fellen und Balken zu Flößen und Fähren war Vorrath; die Vorbereitungen zum Uebergang, das Hinablassen der Fahrzeuge, das Füllen der Häute mit Stroh und Werg, das Zimmern der Flösse [sic]

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Arrians; sie beginnt mit den Worten: das übrige Heer aber .... gewiß fehlt hier mehr, als die Herausgeber vermuthen; denn die Zahl der sämmtlichen Truppen, die Alexander zur Schlacht disponirt, beträgt nicht funfzigtausend Mann, eine Zahl, die, so groß man auch die in der Satrapie Indien und in Taxila zurückgelaßenen Corps annehmen mag, doch kaum zwei Drittel des am Hydaspes stehenden Heeres betragen kann. Vielleicht, daß die Phalangen, die unter den disponirten Truppen nicht aufgeführt sind, so wie einige andere Corps unterhalb des Lagers an verschiedenen Stellen des Ufers vertheilt, auch ihrerseits den Feind engagiren, und sobald der Kampf begonnen, übersetzen sollten; auch über diese scheint Kriterus das Kommando erhalten zu haben. Arrian. V. 12. 1. — 42) Der Text Arrians sagt, diese drei Phalangenanführer seien mit der Reuterei und dem Fußvolk der Söldner dort aufgestellt; der Zusammenhang lehrt, daß vor allen ihre drei Phalangen mit ausgerückt waren.

 

391 füllte die Nacht aus; furchtbare Regengüsse, von Sturm und Gewitter begleitet, machten es möglich, daß das Klirren der Waffen, das Hauen der Zimmerer jenseits nicht gehört wurde, der dichte Wald auf dem Vorgebirge und auf der Insel verbarg die Wachtfeuer der Macedonier.

Gegen Morgen legte sich der Sturm, der Regen hörte auf, der Strom fluthete brausend an den hohen Ufern der Insel vorüber; oberhalb derselben sollte das Heer übersetzen; der König selbst, von Perdikkas, Lysimachus und Seleukus nebst einer auserlesenen Schaar Hypaspisten begleitet, befand sich auf der Jacht, welche den Zug eröffnete; auf den andern Jachten folgten die übrigen Hypaspisten, auf Boten, Stromkähnen, Flößen und Fähren die Reuterei und das Fußvolk, mit Ausschluß der beiden Phalangen, die zur Deckung und Beobachtung des Weges von Kaschmir zurückblieben 43). Und schon steuerten die Jachten an dem hohen und waldigen Ufer der Insel vorüber; sobald man an deren Nordecke vorüber war, sah man die Reuter der feindlichen Vorposten, die beim Anblick der herüberfahrenden Heeresmacht, eiligst über das Blachfeld zurücksprengten. So war das feindliche Ufer von Vertheidigern entblößt und Niemand da, die Landung zu hindern; Alexander war der erste am Ufer, nach ihm legten die anderen Jachten an, bald folgte die Reuterei und das übrige Heer, bald war Alles in Marschkolonnen formirt, um weiter zu rücken; da zeigte sich, daß man auf einer Insel war; die Gewalt des Stromes, dessen Bett sich an dieser Stelle plötzlich gen Westen wendet, hatte das niedrige Erdreich am Ufer durchbrochen, und einen neuen wasserreichen Arm gebildet. Lange suchten die Reuter vergebens und mit Lebensgefahr eine Furth hindurch, überall war das Wasser zu breit und zu tief, es schien nichts übrig zu bleiben, als die Fahrzeuge und Fähren um die Spitze dieser Insel herbeizuschaffen, es war die höchste Gefahr, daß durch den daraus entstehenden Zeitverlust

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43) Dieß ergiebt sich aus der spätern Angabe, daß die Schlachtlinie des schweren Fußvolks sechstausend Mann betragen habe, (Arrian. V. 14. 1.), so viel betrugen die Hypaspisten allein; wären beide Phalangen mit übergesetzt, so müßten zwölftausend Mann genannt werden.

 

392 der Feind zur Absendung eines bedeutenden Truppencorps, das das Landen erschweren, ja unmöglich machen konnte, Zeit gewann; da fand man endlich einige Stellen, die zu durchwaten waren; mit der größten Mühe hielt sich Mann und Pferd gegen die heftige Strömung, das Wasser reichte bis an die Brust, den König trug sein Schlachtroß Bucephalus schwimmend hindurch 44), nach und nach gewannen die verschiedenen Abtheilungen das jenseitige Ufer; in geschlossener Linie, rechts die Turanische Reuterei, ihr zunächst die Macedonischen Geschwader, dann die Hypaspisten, das leichte Fußvolk endlich auf dem linken Flügel, rückte das Heer auf, dann mit rechtsum den Strom hinab in der Richtung zum feindlichen Lager. Um das Fußvolk nicht zu ermüden, ließ Alexander es langsam nachrücken, und ging selbst mit der gesammten Reuterei und den Bogenschützen unter Tauron eine halbe Stunde weit voraus; er glaubte, wenn Porus auch mit seiner ganzen Macht entgegenrückte, an der Spitze der trefflichen und den Indiern überlegenen Reuterei das Gefecht, bis das Fußvolk nachrückte, halten zu können, wenn dagegen die Indier, durch sein plötzliches Erscheinen erschreckt, sich zurückzögen, an seinen fünftausend Reutern zum Einhauen und zum Verfolgen genug zu haben.

Porus seinerseits hatte, als ihm von seinen zurücksprengenden Vorposten das Heranrücken bedeutender Truppenmassen gemeldet war, im ersten Augenblick geglaubt, es sei Abisares von Kaschmir mit seinem Heere; aber sollte der Bundesfreund versäumt haben, sein Herannahen zu melden, oder doch, nachdem er über den Strom gesetzt, Nachricht von seiner glücklichen Ankunft vorauszusenden? es war nur zu klar, daß die Gelandeten Macedonier seien, daß der Feind den Uebergang über den Strom, der ihm Tausende hätte kosten müssen, ungehindert und glücklich zu Stande gebracht habe, und daß ihm Indischer Seits das diesseitige Ufer nicht mehr streitig gemacht werden könne. Indeß schienen die Truppenmassen, die man noch am jenseitigen Ufer stromauf und stromabwärts aufgestellt sah, zu beweisen, daß das über den Fluß vorgeschobene Corps nicht bedeutend sein konnte. Porus hätte Alles daran setzen müssen,

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44) So Arrian. V. 13. etwas abweichend Frontin. I. 4. 9.

 

393 dasselbe, da es einmal uber den Strom war, abzuschneiden und zu vernichten; er hätte sofort die Offensive ergreiffen müssen, die durch seine Schlachtwagen und Elephanten so sehr begünstigt und fast gefordert wurde; statt dessen war es ihm nur darum zu thun, für jetzt das weitere Vordringen des Feindes aufzuhalten und jedes entscheidende Zusammentreffen bis zur Ankunft des Abisares zu vermeiden. Er sandte seinen Sohn mit zweitausend Reutern und einhundert und zwanzig Schlachtwagen den Macedoniern entgegen, er hoffte, mit diesen den König Alexander aufhalten zu können 45).

Sobald Alexander dieses Corps über die Uferwiesen heranrücken sah, glaubte er nicht anders, als daß Porus mit seinem ganzen Heere heranziehe, und daß dieß der Vortrab sei; er ließ seine Reuterschaar sich zum Gefecht fertig machen; dann bemerkte er, daß hinter diesen Reutern und Wagen kein weiteres Heer folgte, sofort gab er Befehl zum Angriff. Von allen Seiten her jagten die Turanischen Reuter auf den Feind los, ihn zu verwirren und zu umzingeln; geschwaderweise sprengten die Macedonier nach zum Einhauen, umsonst suchten die Indier zu widerstehen, sich zurückzuziehen, in kurzer Zeit waren sie trotz der tapfersten Gegenwehr gänzlich geschlagen, vierhundert Todte blieben auf dem Platze, unter ihnen der königliche Prinz; die Wagen, außer Stand, in dem tiefen und aufgefahrenen Wiesengrunde schnell zu entkommen, fielen den Macedoniern in die Hände, die jetzt mit doppelter Kampflust vorwärts rückten.

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45) Diese Darstellung ist nach Ptolemäus, dessen Angabe auch Arrian, der besonnene und umsichtige Taktiker, als die richtige annimmt cf. Plut. Alex. 68. Aristobul erzählte, daß der Prinz die Maccdonier noch während des Durchwatens der letzten Fuhrt getroffen, aber nicht gewagt habe, sie sofort anzugreifen; andere sagen, daß sich dabei ein lebhafter Kampf entsponnen habe; diese Angaben sind nachweislich unrichtig, indem die Entfernung des Lagers wenigstens vier Stunden Zeit erforderte, ehe der Prinz herankommen konnte. Wenn Alexander etwa früh um vier Uhr überzusetzen begann, so möchte das Reutergefecht gegen zehn oder elf Uhr vorgefallen sein. – Die Größe des unter dem Prinzen detaschirten Corps wird von Aristobul auf tausend Pferde und sechszig Wagen angegeben; von eben so viel, sagt Plutarch, habe Alexander in seinen

 

394 Die Ueberreste des zersprengten Corps brachten die Nachricht von ihrer Niederlage, von des Prinzen Tod, von Alexanders Anrücken ins Lager zurück; Porus sah zu spät ein, welchen Feind er gegenüber hatte; die Zeit drängte, den traurigen Folgen einer halben Maaßregel, die die Gefahr nur beschleunigte, so viel noch möglich war, zu begegnen; die einzige Rettung war, sich noch jetzt mit Uebermacht auf den heranrückenden Feind zu werfen, und ihn zu vernichten, bevor er Zeit gewann, mehr Truppen an sich zu ziehen und so den letzten Vortheil, den Porus noch über ihn hatte, auszugleichen; jedoch durfte das Ufer dem Macedonischen Lager gegenüber nicht entblößt werden, damit nicht das vor demselben schlagfertig stehende Heer den Uebergang erzwänge und die Schlachtlinie der Indier im Rücken bedrohe. Demnach ließ Porus einige Elephanten und mehrere Tausend Mann im Lager zurück, um die Bewegungen des Kraterus zu beobachten und das Ufer zu decken; er selbst rückte mit seiner gesammten Reuterei, viertausend Pferde stark, mit dreihundert Schlachtwagen, mit dreißig tausend Mann Fußvolk und zweihundert Elephanten gegen Alexander aus. Sobald er über den Wiesengrund, der sich in der Nähe des Stromes dahinzog, rechts hinaus war und das freie Feid, das für die Entwickelung seiner Streitmacht und die Bewegung der Wagen und Elephanten gleich bequem war, erreicht hatte, ordnete er sein Heer nach Indischem Brauch zur Schlacht, vorauf die furchtbare Linie der zweihundert Elephanten, die, je funfzig Schritt von einander, fast eine Meile Terrain beherrschten 46), hinter ihnen im zweiten Treffen das Fußvolk, in Schaaren von etwa einhundert funfzig Mann zwischen je zwei Elephanten aufgestellt; an die letzte Schaar des rechten und linken Flügels, die über die Elephantenlinie hinausreichte, schlossen sich je zweitausend Mann Reuter an; die beiden Enden der weiten Schlachtlinie

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Briefen gesprochen; die im Text nach Ptolemäus angegebenen Zahlen bestätigt Arrian mit einem verständigen Raisonnement. — 46) Arrians ausdrückliche Angabe über diese Distanzen muß natürlich den Vorzug gegen Curtius, Diodor und Polyän erhalten, die von funfzig Fuß Entfernung sprechen. Die Bemannung der Streitwagen schildert Curtius, ich weiß nicht ob der Wahrheit ganz gemäß.

 

395 wurden durch je einhundert funfzig Wagen gedeckt, von denen jeder zwei Schwerbewaffnete, zwei Schützen mit großen Bogen und zwei bewaffnete Wagenlenker trug. Die Stärke dieser Schlachtlinie bestand in den zweihundert Elephanten, deren Wirkung um so entscheidender sein mußte, da die Reuterei, auf welche Alexander den Erfolg des Tages berechnet hatte, nicht im Stande war, ihnen gegenüber das Feld zu halten.

In der That hätte ein gut geführter Angriff die Macedonier vernichten müssen, die Elephanten hätten gegen die feindliche Linie losbrechen, und, von den einzelnen Abtheilungen Fußvolk wie Geschütz durch Scharfschützen gedeckt, die Reiterei aus dem Felde jagen und die Phalanx zerstampfen, die Indische Reuterei nebst den Schlachtwagen die Fliehenden verfolgen und die Flucht über den Strom abschneiden müssen; selbst die außerordentlich gedehnte und den Feind weit überflügelnde Schlachtlinie konnte von großem Erfolg sein, wenn die Wagen und Reuter auf beiden Flügeln sogleich, wenn die Elephanten losbrachen, dem Feinde mit einer halben Schwenkung in die Flanke fielen; in jedem Falle mußte Porus, sobald er den Feind zu Gesicht bekam, den Angriff beginnen, um nicht die Vortheile der Offensive und namentlich die Wahl des Punktes, wo das Gefecht beginnen sollte, dem Feinde zu überlassen. Er zögerte, Alexander kam ihm zuvor, und benutzte seinerseits Alles mit der Umsicht und Kühnheit, die allein der Uebermacht des Feindes das Gleichgewicht zu halten vermochte. Da die Ueberlegenheit der Indier in den Elephanten bestand, so mußte der entscheidende Schlag diese vermeiden, er mußte gegen den schwächsten Punkt der feindlichen Linie, und, um vollkommen zu gelingen, mit dem Theil des Heeres ausgeführt werden, dessen Ueberlegenheit unzweifelhalft war. Alexander hatte fünftausend Mann Reuterei, während der Feind auf jedem Flügel deren nur etwa zweitausend hatte, welche, zu weit von einander entfernt, um sich gegenseitig unterstützen zu können, nur in den einhundert funfzig Wagen, die neben ihnen aufgefahren, eine zweideutige Unterstützung fanden. Theils der Macedonische Kriegsgebrauch, theils die Rücksicht, möglichst in der Nähe des Flusses anzugreifen, um nicht ganz von dem jenseits aufgestellten Corps des Ptolemäus abgeschnitten zu werden, veranlaßten den König, den rechten Flügel 396 zur Eröffnung des Gefechts zu bestimmen. Sobald er in der Ferne die Indische Schlachtlinie geordnet sah, ließ er die Reuterei Halt machen, bis die einzelnen Kolonnen des Fußvolkes nachkamen. Diese marschirten in möglichster Eile und voll Begier, sich mit dem Feinde zu messen, heran; einige Evolutionen der Reuterei, die vor der Linie ausgeführt wurden, gaben ihnen Zeit, sich zu sammeln und zu ordnen, und nahmen dem Feinde die Möglichkeit, die Unruhe ihres Einrückens in Reih und Glied zum Angriff zu benutzen. Jetzt war die Linie des Fußvolks, rechts die Edelschaar des Seleukus, dann das Agema und die übrigen Chiliarchien unter Antigenes, im Ganzen sechs tausend Hypaspisten, ihnen zur Linken die vier tausend Mann leichtes Fußvolk unter Tauron, geordnet, sie erhielten den Befehl, nicht eher gegen die Elephanten vorzurücken, als bis der linke Flügel des Feindes durch den Angriff der Reuterei geworfen, und auch das Fußvolk in der zweiten Linie in Verwirrung wäre. Sodann zog sich der größere Theil der Reutergeschwader an der Fronte des Fußvolkes zum rechten Flügel hinab, das Geschwader Demetrius und die Leibschaar dagegen rückte unter Könus Führung links neben dem Fußvolk auf, mit der Weisung, die linke Flanke vor einem etwanigen Angriff zu decken, wenn aber die feindliche Reuterei ihm gegenüber, um dem anderen Flügel, den Alexander demnächst zu werfen beabsichtigte, zu Hülfe zu eilen, mit linksum abritte, derselben in den Rücken zu fallen und so die rechte Flanke der feindlichen Linie zu bedrohen 47). Alexander selbst führte die Geschwader Hephästion und Perdikkas und die zweitausend Turanischen Reuter weiter gegen den Strom hinab, indem er die tausend Daischen Reuter vorschob, um durch sie das Gefecht zu eröffnen.

Sobald man auf Pfeilschußweite genaht war, warfen sich die tausend Daer auf die Linie der feindlichen Reuter, um sie durch einen Hagel von Pfeilen und durch den Ungestüm ihrer wilden

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47) Nach dem ausdrücklichen Zeugniß Plutarchs, aus Alexanders eigenen Briefen, so wie nach Arrian, stand Könus auf dem linken Macedonischen Flügel; es wäre tollkühn gewesen, diesen ohne Deckung gegen die Wagen und Reiter des feindlichen Flügels zu lassen.

 

397 Pferde zu verwirren; zugleich war die Linie der Macedonischen Reuterei halb rechts nachgerückt; das Geschwader Perdikkas sprengte auf die Reihe der Schlachtwagen ein 48), die, bald in vollkommenster Verwirrung, umsonst sich zu halten oder zu fliehen versuchten, in kurzer Zeit waren sie vernichtet und die Flanke der feindlichen Linie geösfnet. Bevor noch die Indische Reuterei, schon durch den Angriff der Daer bestürzt und verwirrt, links schwenken und sich in Linie vor der Flanke formiren konnte, rückte Alexander schon mit der ganzen Reutermacht seines rechten Flügels zum Angriff auf sie heran; da erhielten die Wagen und Reuter vom jenseitigen Ende der Indischen Schlachtordnung Befehl, dem linken Flügel möglichst schnell zu Hülfe zu kommen, aber kaum hatten sich Reuter und Wagen gewandt, so war auch schon Könus mit seinem und Demetrius Geschwader ihnen nach auf der Flanke und bald hinter der Indischen Linie. Die Indier, von zwei Reutermassen zugleich bedroht, versuchten beiden die Spitze zu bieten und eine doppelte Fronte zu formiren; um so weniger vermochten sie der Uebermacht zu wiederstehen; bei dem ersten Angriff der Macedonier jagten sie zurück, um hinter der festen Linie der Elephanten Schutz zu suchen. Da ließ Porus, auf dem Elephanten des linken Flügels reitend, einen Theil der Thiere wenden und gegen die feindliche Reuterei treiben; ihr heiseres Geschrei ertrugen die Macedonischen Pferde nicht, scheu flohen sie rückwärts. Zugleich aber war die Phalanx im Sturmschritt angerückt, gegen sie brachen die andern Elephanten der Linie los, es begann der furchtbarste und mörderischste Kampf; die Thiere durchbrachen und zerstampften die dichtesten Reihen, sie schlugen heulend mit ihren Rüsseln nieder und durchbohrten mit ihren Fangzähnen, jede Wunde machte sie wüthender; dennoch wichen die Macedonier nicht, die Reihen aufgelöst, kämpften sie wie im Einzelkampf mit den Riesenthieren, aber ohne weiteren Erfolg, als den, noch nicht vernichtet oder aus dem Felde geschlagen zu sein. Indeß hatten sich die Indischen Reuter gesammelt, sie begannen noch einmal den

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48) Die verwirrte Darstellung des Curtius scheint es folgern zu lassen, daß Perdikkas diesen Angriff auf die Wagen, dessen Arrian als minder bedeutend nicht erwähnt, geführt habe.

 

398 Kampf gegen Alexander, und zum zweiten Male geworfen flüchteten sie wieder zu den Elephanten. Alexander aber warf sich, die gesammte Reuterei zu einer furchtbaren Linie formirt, mit heftigem Ungestüm auf das Indische Fußvolk, das, unfähig zu widerstehen, in ordnungsloser Eile, dicht von den Feinden verfolgt, mit großem Verlust zu den kämpfenden Elephanten zurückfloh. So drängten sich die Tausende auf den gräßlichen Kampfplatz der Elephanten zusammen; schon war Feind und Freund in dichter und blutiger Verwirrung bei einander, die Thiere, meist ihrer Führer beraubt, durch das wüste Geschrei des Kampfes verwirrt und verwildert, vor Wunden wüthend, schlugen und stampften nieder, was ihnen nahe kam. Lange wüthete das Gemetzel, dann ertönte die Macedonische Trompete durch das Feld, und langsam zogen sich die Macedonier aus dem Gefecht zurück; sie sammelten sich Schaar bei Schaar in neuen geschlossenen Reihen; wohin die schon müden Elephanten getrieben wurden, wichen sie aus, die Agrianer und Schützen trafen die Thiere aus der Ferne, und jagten sie gegen die Indier zurück, oder nahten sich vorsichtig mit Beilen, um ihnen die Fersen zu durchhauen. Schon wälzten sich viele von diesen sterbend auf dem Felde voll Leichen und Sterbenden, andere wankten in ohnmächtiger Wuth brüllend noch einmal gegen die geschlossene Phalanx, die sie nicht mehr fürchtete. Da gab Alexander an der Spitze der jenseit des Schlachtfeldes aufgerückten Reuterei das Zeichen zum letzten Sturm; während sie selbst in dichter Linie mit eingelegten Lanzen herantrabte, rückte auch die Phalanx fest verschildet und mit vorstarrenden Sarissen auf die Indier los; ein Doppelangriff sollte sie zermalmen. Nun war kein weiterer Widerstand; dem furchtbaren Gemetzel entfloh, wer es vermochte, landeinwärts, in die Sümpfe des Stromes, in das Lager zurück. Und schon waren von jenseit des Stromes dem Befehl gemäß Ptolemäus und Kraterus herübergegangen und, ohne Widerstand zu finden, an’s Ufer gestiegen; sie trafen zur rechten Zeit ein, um den durch achtstündigen Kampf ermatteten Truppen die Verfolgung abzunehmen. An zwanzig tausend Indier waren erschlagen, unter ihnen zwei Söhne des Porus und der Fürst Spittakus, desgleichen alle Anführer des Fußvolks, der Reuterei, alle Wagen- und Elephantenlenker; drei tausend Pferde und mehr als 399 hundert Elephanten lagen todt auf dem Felde, gegen achtzig Elephanten fielen in die Hände des Siegers. König Porus hatte, nachdem er seine Macht gebrochen, seine Elephanten überwältigt, sein Heer umzingelt und in völliger Auflösung sah, kämpfend den Tod gesucht; zu lange schützte ihn sein goldener Panzer und die Vorsicht des treuen Thieres, das ihn trug; endlich traf ein Pfeil seine rechte Schulter; zum weiteren Kampfe unfähig, und besorgt, lebendig in des Feindes Hände zu fallen, wandte er sein Thier, aus dem Getümmel zu entkommen. Alexander, voll Bewunderung für den tapferen Fürsten, den er bis zum letzten Augenblick hatte kämpfen sehen, eilte ihm nach, sein Leben auf der Flucht zu retten; da stürzte sein altes und treues Schlachtroß Bucephalus, von dem heißen Tage erschöpft, unter ihm zusammen; so sandte er den Fürsten von Taxila dem fliehenden Könige nach; als aber der seinen alten Feind erblickte, wandte er sein Thier und schleuderte mit der letzten Anstrengung den Speer gegen den Fürsten, so daß dieser mit Mühe entkam. Alexander zürnte nicht, er sandte andere Indier, unter ihnen den Fürsten Meroes, der ehemals dem Könige Porus befreundet gewesen war. Porus, vom Blutverlust erschöpft und von brennendem Durste gequält, hörte ihn gelassen an, dann kniete sein Thier nieder und hob ihn mit dem Rüssel sanft zur Erde; er trank und ruhte ein wenig, bat dann den Fürsten Meroes, ihn zu Alexander zu führen. Als der König ihn kammen sah, eilte er ihm, von wenigen seiner Getreuen begleitet, entgegen, er bewunderte die Schönheit des greisen Fürsten, und den edlen Stolz, mit dem er ihm, obschon besiegt, entgegen trat; er begrüßte ihn mit Würde und fragte ihn, wie er sich behandelt zu sehen wünschte. Königlich, antwortete Porus; und auf Alexanders Antwort, selbst König werde er ihn nicht anders behandeln, er möge sagen, was er für sich wünsche, antwortete der Fürst, in diesem Wort sei Alles enthalten 49).

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49) Wir haben die Anzahl der Todten Macedonischer Seits noch nicht angegeben, denn die Zahlen Arrians sind wohl zu gering; er sagt, es seien ohngefähr achtzig Mann vom Fußvolk, zwanzig von den Macedonischen, zehn von den Daischen und etwa zweihundert von den übrigen Turanischen Reutern gefallen; Diodor hat die

 

400 Und in der That, Alexander bewies sich königlich gegen den Besiegten; seine Großmuth war die der richtigsten Politik. Der

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Angabe, daß mehr denn siebenhundert vom Fußvolk gefallen seien, was nicht unwahrscheinlich ist, denn das Fußvolk hatte den furchtbaren Kampf gegen die Elephanten zu bestehen gehabt. Die Schilderung der Schlacht bei Diodor, Curtius und Polyän verräth durch die Vergleichung der Indischen Linie mit Stadtmauern und Mauerthürmen den gemeinschaftlichen Ursprung, aus dem man niemals bedeutende Aufschlüsse über das Militairische erwarten darf. Desto trefflicher ist die Darstellung Arrians; nur muß man sich nicht daran stoßen, daß er, wie alle kriegsverständigen Schriftsteller des Alterthums, nur die entscheidenden Truppenbewegungen bezeichnet, und daß er selbst darin vielleicht noch zu sparsam ist; er sagt nichts von den zwei Phalangen, die an dem Orte des Uebergangs zur Deckung des rechten Stromufers und des Weges aus Kaschmir zurückblieben; und doch ist es nur daraus begreiflich, warum Alexander nicht zwölf tausend Mann Schwerbewaffnete in den Kampf führte. Desto glücklicher bezeichnet er den Gang der Schlacht selbst. Alexander wußte, daß er sich auf seine Hypaspisten verlassen konnte; die an das Unglaubliche grenzende moralische Kraft in diesem trefflichen Corps machte es möglich, daß Alexander hier, wie in der Schlacht von Gaugamela, Alles wagen konnte, um Alles zu gewinnen; es gehörte die außerordentliche Disciplin Macedonischer Truppen dazu, um sich plötzlich aus der größten Verwirrung des Handgemenges zur geschlossenen Phalanx zu sammeln, und ich wage zu behaupten, daß allein dieß mit der höchsten Präcision ausgeführte und durch die Reuterei secundirte Manöver, dem die Indier nichts Aehnliches entgegen zu setzen vermochten, den Sieg am Hydaspes entschieden hat. – Endlich ist noch die Chronologie dieser Schlacht zu erwähnen. Das ausdrückliche Zeugniß Arrians setzt sie in den Monat Manychion (vom 19. April bis 18. Mai) des Athenischen Archonten Hegemon, dessen Amtsjahr vom 28. Juni des Jahres 327 bis zum 17. Juli 326 reicht, so daß also die Schlacht Ende April oder Anfang Mai 326 geliefert ist. Dagegen hat Raderus, Schmieder, Clinton etc. geltend gemacht, daß derselbe Arrian, V. 9. 6. sagt: Alexander habe um die Zeit des Jahres ᾗ μετὰ τροπὰς μάλιςτα ἐν ϑέρει τρέπεται ὀ ἥλιος, am Hydas-

 

401 Zweck des Indischen Feldzuges war keinesweges, die unmittelbare Herrschaft über Indien zu erobern. Alexander konnte nicht Völker, deren höchst eigenthümliche Civilisation der Hellenischen den Rang streitig machte, mit einem Schlage zu Unterthanen eines Macedonisch-Persischen Reiches machen wollen. Aber bis an den Indus hin Herr alles Landes zu sein, über den Indus hinaus das entschiedenste politische Uebergewicht zu gewinnen, und hier dem Hellenistischen Leben solchen Einfluß zu sichern, daß im Laufe der Zeiten selbst eine unmittelbare Vereinigung Indiens mit dem übrigen Asien ausführbar werden konnte, das waren die großen Absichten, die Alexanders Politik in Indien geleitet haben; nicht die Völker, wohl aber die Fürsten mußten von ihm abhängig sein. Die bisherige Stellung des Porus in dem Fünfstromlande des Indus konnte für die Politik Alexanders den Maaßstab abgeben. Offenbar hatte Porus bis dahin ein entschiedenes Principat in dem Gebiet der fünf Ströme gehabt, und eben dadurch die Eifersucht der Fürsten von Taxila rege gemacht; sein Reich umfaßte zunächst zwar nur die hochcultivirten Ebenen zwischen dem Hydaspes und

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pes gestanden; sie haben daraus gefolgert, daß die Schlacht nach der Sommersonnenwende geliefert, und im Arrian statt des Munychion der Metageitnion des Archonten Hegemon zu lesen sei, der in den August 327 fallen würde, eine Zeit, in der Alexander noch in der Gegend des Choaspes stand. Sie haben übersehen, daß einmal das „ungefähr“ in Arrians Ausdruck um so weniger bindend ist, da jene Anführung der Sommersonnenwende nur die Absicht hat, darauf aufmerksam zu machen, wie gerade jetzt die Zeit des tropischen Regens und der großen Ueberschwemmungen war, und daß auderer Seits Nearch bei Strabo ausdrücklich bezeugt, man habe in der Zeit der Sommerwende schon am Acesines gelagert; Strabo XV. p. 259. Durch den bezeichneten Irrthum ist Clintons Chronologie von 327 bis 323 voll Irrthümer, und man darf sich wundern, daß der Deutsche Gelehrte, der ihn ins Lateinische übersetzt hat, keinen Anstoß darin fand, daß Alexander nach Clinton mit dem Ende des Frühlings (Mai) über den Paropamisus ging, und trotz der großen Kämpfe in der Indischen Satrapie schon um die Sommersonnenwende (Juni) sechszig Meilen ostwärts am Hydaspes lagerte.

 

402 Acesines, doch hatte im Westen des Hydaspes sein Vetter Spittakus, im Osten des Acesines in der Gandaritis 50) sein Großneffe Porus wahrscheinlich durch ihn selbst die Herrschaft erhalten, so daß der Bereich seines politischen Uebergewichtes sich ostwärts bis an den Hyarotis erstreckte, der die Grenze gegen die freien Indischen Völker bildete; ja mit Abisares verbündet, hatte er seine Hand selbst nach ihrem Lande auszustrecken gewagt, und wenn schon seine Bemühungen an der Tapferkeit dieser Stämme gescheitert waren, so blieb ihm doch ein entschiedenes Uebergewicht in den Ländern des Indus. Alexander hatte Taxiles Macht schon bedeutend vergrößert; er durfte nicht Alles auf die Treue eines Fürsten bauen; das gesammte Land der fünf Ströme dem Scepter des verbündeten Fürsten zu unterwerfen, wäre der sicherste Weg gewesen, ihm die Abhängigkeit von Alexander zu verleiden, und hätte ihm Mittel an die Hand gegeben, sich derselben leicht zu entziehen, um so mehr, da die alte Feindschaft gegen den Fürsten Porus ihn in den freien Stämmen leicht Verbündete hätte finden lassen. Alexander konnte seinen Einfluß in Indien auf keinen sicherern Grund bauen, als auf die Eifersucht der beiden Fürsten Taxiles und Porus; es kam dazu, daß, wenn er Porus als Fürsten anerkannte, er zugleich damit die Befugniß gewann, die östlicheren Völker als Feinde seines neuen Verbündeten anzugreifen und auf ihre Unterwerfung seinen weiteren Einfluß in diesen Gegenden zu gründen; er mußte Porus Macht in dem Maaße vergrößern, daß sie fortan dem Fürsten von Taxila das Gleichgewicht zu halten vermochte, ja er durfte ihm größere Gewalt anvertrauen und selbst die Herrschaft über bisherige Widersacher geben, da ja Porus fortan gegen sie so wie gegen Taxiles in der Gunst des Macedonischen Königs allein Recht und Rückhalt finden konnte.

Das etwa waren die Gründe, die den König Alexander bestimmten, nach dem Siege am Hydaspes Porus nicht nur in seiner Herrschaft zu bestätigen, sondern ihm dieselbe bedeutend zu ver-

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50) Ueber den weitverbreiteten Namen der Gandari s. Wilson in den Nachträgen zu history of Caschmir, Asiat. Resear. XV. p. 105.

 

403größern. Er begnügte sich, an den beiden wichtigsten Uebergangspunkten des Hydaspes zwei Hellenistische Städte zu gründen; die eine, an der Stelle, wo der Weg von Kaschmir herab über den Strom kommt und wo die Macedonier selbst in das Land des Porus hinüber gegangen waren, erhielt nach Alexanders Schlachtroß, das in der Schlacht gefallen war, den Namen Bucephala; etwa drei Meilen unterhalb, wo der Weg aus Taxila über den Strom führt, wurde die Stadt Nicäa, zum Gedächtniß des großen Sieges so genannt, gegründet 50b). Alexander selbst ließ sein Heer in dieser schönen und reichen Gegend gegen dreißig Tage rasten; die Leichenfeier für die in dem Kampf Gefallenen, die Siegesopfer mit Wettkämpfen aller Art verbunden, der erste Anbau der beiden neuen Städte füllten diese Zeit reichlich aus. Den König selbst beschäftigten die vielfachen Anordnungen, welche dem großen Siege folgten 51). Vor Allem wichtig war das politische Verhältniß zu dem Fürsten Abisares, der trotz der beschworenen Verträge an dem Kampf gegen Alexander Theil zu nehmen im Sinne gehabt hatte. Es kam dazu, daß um dieselbe Zeit von Sisikyptos, dem Befehlshaber auf Aornos, die traurige Nachricht einlief, daß die Assakaner den von Alexander eingesetzten Fürsten erschlagen und sich empört hätten; die früheren Verbindungen dieses Stammes mit Abisares und dessen offenbare Treulosigkeit machten es nur zu wahrscheinlich, daß er nicht ohne Theilnahme an diesen gefährlichen Bewegungen war; die Satrapen Tyriaspes am Paropamisus und Philipp in der Satrapie Indien erhielten den 52)

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50b) Nach Strabo XV. p. 270. und Curtius IX. 1. 6. lagen diese Städte zu beiden Seiten des Stromes; aus Curtius sieht man, daß die Stadt Bucephala oberhalb Nicäa lag; nach Diodor XVII. 89. könnte es scheinen, daß Bucephala auf der rechten Seite des Stromes lag; Arrian Periplus p. 25. ed. Hud. und Schol. Arist. Nub. init. nennen die Stadt Bucephalos Alexandria. – Nach Plutarch mußte Porus den Namen eines Satrapen annehmen; bei dem gänzlichen Schweigen Arrians und bei der klar vorliegenden Art des Abhängigkeitsverhältnisses darf man mit Recht an der Richtigkeit dieser Angabe zweifeln. — 51) Arrian. V. 20. Diodor. Curtius. — 52) Strabo XV. p. 271.

 

404 Befehl, mit ihren Heeren zur Unterdrückung dieses Aufstandes auszurücken. Um dieselbe Zeit kam eine Gesandtschaft des Fürsten Porus von Gandaritis, eines Großneffen des besiegten Porus, der es sich zum Verdienst anrechnen zu wollen schien, seinen fürstlichen Verwandten und Beschützer nicht gegen Alexander unterstützt zu haben, und die Gelegenheit günstig hielt, sich durch Unterwürfigkeit gegen Alexander des lästigen Verhältnisses gegen den greisen Verwandten frei zu machen; wie aber mußten die Gesandten erstaunen, als sie denselben Fürsten, den sie wenigstens in Ketten und Banden zu seines Siegers Füßen zu sehen erwartet hatten, in höchsten Ehren und in dem vollen Besitz seines ehemaligen Reiches an Alexanders Seite sahen; es mochte nicht die günstigste Antwort sein, die sie von Seiten des hochherzigen Königs ihrem Fürsten zu überbringen erhielten. Freundlicher wurden die Huldigungen einiger freien Städte des Gebirges, die deren Gesandtschaften mit reichen Geschenken überbrachten, entgegengenommen; sie unterwarfen sich freiwillig einem Könige, vor dessen macht sich der mächtigste Fürst des Fünfstromlandes hatte beugen müssen 53).

Desto nothwendiger war es, die noch übrigen freien Stämme dieser Gegend durch die Gewalt der Waffen zu unterwerfen; es kam dazu, daß Abisares, trotz seines offenbaren Abfalls, und vielleicht im Vertrauen auf die von Gebirgen geschützte Lage seines Fürstenthums, weder Gesandte geschickt, noch irgend etwas gethan hatte, um sich bei Alexandern zu rechtfertigen; ein Zug in das Gebirgsland sollte die Bergstämme unterwerfen und zugleich den treulosen Fürsten an seine Gefahr und Pflicht erinnern. Deshalb brach Alexander nach einer dreißigtägigen Rast von den Ufern des Hydaspes auf, indem er Kraterus mit dem größten Theile des Heeres zurückließ, um den Bau der beiden Städte zu vollenden. Von den Fürsten Taxiles und Porus begleitet, mit der Hälfte der Macedonischen Ritterschaft, mit Auserwählten von jeder Abtheilung des Fußvolks, mit dem größten Theile der leichten Truppen, zu denen eben jetzt der Satrap Phrataphernes von Parthien und Hyrkanien eine bedeutende Zahl Thracier zugeführt hatte, zog Alex-

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53) Arrian l. c.

 

405ander nordostwärts gegen die Glaukaniker oder Glausen, die in den schönen Vorbergen oberhalb der Ebene wohnten, eine Bewegung, die zugleich den Gebirgsweg nach Kaschmir öffnete. Jetzt endlich beeilte sich Abisares, durch schnelle Unterwerfung die Verzeihung des Königs zu gewinnen; durch eine Gesandtschaft, an deren Spitze sein Bruder stand, unterwarf er sich und sein Land der Gnade des Königs, er begleitete seine Demüthigung mit einem Geschenk von vierzig Elephanten und mannichfachen Kostbarkeiten seines schönen Landes. Alexander mistraute den Worten eines Fürsten, der ihm, trotz der heiligsten Versprechungen, im Augenblick der Entscheidung als Feind gegenüber zu treten im Begriff gewesen war; er befahl, Abisares sollte sofort persönlich vor ihm erscheinen, widrigenfalls er bald selbst an der Spitze eines Macedonischen Heeres in Kaschmir sein werde. So zog er durch die Berge weiter. Die Glausen wagten keinen Widerstand, sie unterwarfen sich, und ihr reichbevölkertes Gebiet (es zählte siebenunddreißig Städte, von denen keine unter fünftausend und mehrere über zehntausend Einwohner hatten, und außerdem eine große Zahl von Dörfern und Flecken) wurde dem Fürsten Porus übergeben 54). Für Alexander hatte diese Gegend noch namentlich die große Wichtigkeit, daß sich hier in der Nähe des Stromes bedeutende Waldungen ausdehnten, welche Schiffsbauholz in reichem Maaße lieferten; schon jetzt ließ er hier Bäume fällen und nach Buccphala und Nicäa hinabflößen, woselbst unter Kraterus Aufsicht die große Stromflotte gebaut werden sollte, auf der der König nach Unterwerfung Indiens zum Indus und zum Meere hinabzufahren gedachte 55).

Das Heer rückte ostwärts zum Acesines hinab 56); Alexander hatte

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54) Arrian. V. 20. 6. Die Landschaft der Glausen ist nach Lassen Pentap. p. 26. orientirt; durch sie führt der Paß von Bember. — 55) Strabo XV. p. 270. Diod. XVII. 89. Von dem trefflichen Schiffsbauholz dieser Gegend s. Burnes und Gerards Bericht in Asiatic Journal 1832. Dec. p. 364.; es sind besonders Cedern, wie es auch Diodor XVII. 89. angiebt. — 56) Alexander nannte diesen Strom, dessen einheimischer Name gräcisirt Sandrophagos, fast wie der „Männerfressende“ oder gar der „Alexander-

 

406 hatte Nachricht erhalten, daß der Fürst Porus von Gandaritis 57), durch das Verhältniß, in welches sein Großoheim zu Alexander getreten war, für sich selbst besorgt gemacht und an der Möglichkeit verzweifelnd, daß die unlautere Absicht seiner Unterwürfigkeit von Alexander verziehen werden würde, so viel Bewaffnete und Schätze als möglich zusammen gebracht habe und ostwärts nach den Gangesländern hin geflohen sei. Angekommen an den Ufern des mächtigen Acesines, sandte Alexander den Fürsten Porus in sein Land zurück, mit dem Auftrage, Truppen auszuheben und diese nebst allen Elephanten, die nach der Schlacht am Hydaspes noch kampffähig wären, ihm nachzuführen. Alexander selbst ging mit seinem Heere über den Strom, der, hochangeschwollen, in einer Breite von fast dreiviertel Stunden 58), ein durch Klippen und Felsenvorsprünge gefährliches Thalbette durchwogte, und in seiner wilden, strudelreichen Strömung vielen auf Kähnen Uebersetzenden verderblich wurde; glücklicher brachten die Zelthäute htnüber. Hier nun auf dem linken Stromufer blieb der General

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fressende“ lautete, um das böse Omen zu vermeiden, den „Schadenheilenden“ Acesines A. W. v. Schlegel Ind. Biblioth. II. 297. Die Localität, wo er ihn passirte, kann nach der Schilderung, die Ptolemäus von seinen felsigen Ufern und den vielen Klippen in ihm macht, nicht auf der großen Straße von Attok nach Lahore, die Alexander überhaupt nicht hielt, also nicht bei Wuzirabad gesucht werden; die Breite des übervollen Stromes läßt vermuthen, daß das Heer nicht hoch in den Berggegenden, sondern etwa bei dem Austritt desselben aus den Gebürgen, also auf dem Wege zwischen Bember und Jumboo hinüberging. Strabo sagt sehr anschaulich (XV. p. 272.) vom Indus zum Hydaspes sei Alexander südwärts, von da ostwärts und zwar mehr in bergigen als in flachen Gegenden gegangen. Die Zeit, wo Alexander an diesem Strom lagerte, war nach Strabo die Sommersonnenwende, also Ende Juni. — 57) Diodor XVII. 91. sagt, dieser Porus sei aus seinem Reiche nach Gandaritis geflüchtet, im offenbaren Widerspruch mit Strabo XV. p. 271., dem wir natürlich folgen; wenn nicht etwa die Lesart Γαγγαριδῶν bei Diodor aufzunehmen ist. — 58) Macartney fand den Strom bei Wuzirabad gegen Ende Juli an viertausend Schritt breit. Elphinstone II. p. 554.

 

407 Könus mit seiner Phalanx zurück, um für den Uebergang der nachrückenden Heeresabtheilungen Sorge zu tragen, und aus den Ländern des Porus und Taxiles alles zur Verpflegung der großen Armee Gehörige zu beschaffen. Alexander selbst eilte durch den nördlichen Theil der Gandaritis, ohne Widerstand zu finden, gen Osten weiter; er hoffte, den treulosen Porus noch einzuholen; er ließ in den wichtigsten Plätzen Besatzungen zurück, die die nachrückenden Corps des Kraterus und Könus erwarten sollten. Am Hyarotis, dem östlichen Grenzfluß der Gandaritis 59), wurde Hephästion mit zwei Phalangen, zwei Macedonischen Geschwadern und der Hälfte der Schützen südwärts detaschirt, die Herrschaft des landesflüchtigen Fürsten in ihrer ganzen Ausdehnung zu durchziehen, die etwa innerhalb des Hyarotis und des Acesines ansässigen freien Stämme zu unterwerfen, auf dem linken Ufer des Acesines an der großen Straße eine Stadt zu gründen, und das gesammte Land an den getreuen Porus zu übergeben. Mit dem Hauptheere ging Alexander selbst über den minder schwer zu passirenden Strom, und betrat nun das Gebiet der sogenannten freien Indier 60).

Es ist eine merkwürdige und in den eigenthümlichen Naturverhältnissen des Panschab’s tief begründete Erscheinung, daß sich hier in allen Jahrhunderten, wenn auch unter anderen und anderen Namen, republikanische Staaten gebildet und erhalten haben, wie sie dem sonstigen Despotismus Asiens gerade entgegen und dem strenggläubigen Indier des Gangeslandes ein Gräuel sind; die Panschanadas nennt er mit Verachtung Aratta’s, die Königslosen, denn ihre Fürsten, nicht aus alter und heiliger Kaste, sind Usurpatoren, ohne anderes Recht als das der Gewalt. Und in der That, fast scheint es, als ob das Fürstenthum des Porus selbst diesen Charakter an sich getragen hätte 61); aber der Versuch, das ganze Königslose

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59) Daß ich der Schreibart Strabos lieber als der Arrians (der Hydraotes) folge, geschieht auf A. W. v. Schlegels Autorität cf. Indische Biblioth. II., 305. Doch schreibt Lassen ziemlich durchgängig Hydraotes. — 60) Arrian V. 21. Diod. XVII. 91. — 61) Helladius Chrest. apd Phot. 530. a. 35. sagt, Porus Vater sei ein Barbier gewesen; Divdor und Curtius sagen dasselbe von dem

 

408 Indien in seine Gewalt zu bringen, war an den kriegerischen und mächtigen Stämmen jenseits des Hyarotis gescheitert; es bedurfte der Europäischen Waffen, sie zu bewältigen. Nur wenige von ihnen unterwarfen sich, ohne den Kampf zu versuchrn 62); die meisten von ihnen erwarteten den Feind mit gewaffneter Hand; unter diesen vor Allen die Kathäer oder Katharer, die, berühmt als der kriegerischste Stamm des Landes, nicht nur selbst auf das Trefflichste zum Kriege gerüstet waren, sondern auch die freien Nachbarstämme zu den Waffen gerufen und mit sich vereinigt hatten 63).

Auf die Nachricht von ihren Rüstungen eilte Alexander ostwärts durch das Gebiet der Adraisten 64), die sich freiwillig un-

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Prasierkönig Xandrames; nach Plutarch. de Fluv. 1. stammt Porus von Gegasius, aber wer ist der? — 62) Ich glaube, zu diesen gehören die Kekäer (Kekaya, Lassen p. 12.) die nach Arrian. Ind. 4. an den Quellen des Saranges, eines östlichen Nebenflusses des Hyarotis, saßen. Bemerkenswerth ist, daß in der kleinen Fluß- und Völkertafel Arrians, aus der diese Angabe entnommen ist, ein großer Fluß Tutapus genannt wird, von dem sonst nirgend Erwähnung geschieht; er ergießt sich in den Acesines, kann also wohl kein anderer als der Tuve Fluß bei Jumboo sein, den Alexander wahrscheinlich bei seinem Marsch passirte. — 63) Ueber den Namen und die Wohnsitze der Kathäer hat Lassen p. 23. sq. ausführlich gesprochen; doch habe ich mich nicht überzeugen können, daß die Arattenstadt Sakala des Indischen Epos mit der Kathäerstadt Sangala wenigstens der gleiche Name wäre (Lassen p. 20.); die Erklärungsversuche des trefflichen Gelehrten scheinen etwas gewagt zu sein. Nach Strabos Darstellung wäre selbst das Duab, in dem die Kathäer wohnten, nicht sicher; Arrians Angaben lassen darüber keinen Zweifel; er setzt die Stadt der Kathäer drei Tagemärsche jenseit des Hyraotis, und da Alexander hier überall sich mehr in den Bergen als in den Ebenen hielt, so trifft sein Marsch wohl im Ganzen mit der großen Straße von Jumboo über Burpur, Rajapur gen Belaspur zusammen. Ueberbleibsel dieser Nation glaubt Tod (Rajastan II. p. 264.) in den Cat’hi zwischen Ihalore und Aravulli zu finden, cf. Rajastan I. p. 113. — 64) Adraisten oder Adresten bei Diod. Justin. und Orosius; Pimprama ihre Hauptstadt nach Arrian; Lassen vermuthet, daß ihr Name mit dem Indischen Arashtra, im Prakrit Aratta zu vergleichen sei; vielleicht ist es genauer,

 

409terwarfen; am dritten Tage nahte er der Kathäerhauptstadt Sangala; sie war von bedeutendem Umfang, mit starken Mauern umgeben, auf der einen Seite durch einen See geschützt; auf der anderen erhob sich in einiger Entfernung von den Thoren ein Bergrücken, der die Ebene beherrschte; diesen hatten die Kathäer nebst ihren Verbündeten so stark als möglich besetzt, hatten um den Berg ihre Streitwagen zu einem dreifachen Verhau in einander geschoben, und lagerten selbst in dem inneren Bezirk dieser mächtigen Wagenburg; selbst unangreifbar, vermochten sie jeder Bewegung des Feindes schnell und mit bedeutender Macht zu begegnen. Alexander erkannte sehr bald das Drohende dieser Stellung, welche den Berichten von der Kühnheit und kriegerischen Gewandtheit dieses Volks vollkommen entsprach; je mehr er von ihnen Ueberfall und kühnes Wagniß erwarten durfte, desto behutsamer glaubte er selbst vorgehen, desto schneller Entscheidendes wagen zu müssen.

Während noch die übrigen Heeresabtheilungen heranrückten und sich in Schlachtlinie stellten, waren schon die Turanischen Bogenschützen vorgegangen und plänkerten längs der feindlichen Linie, um das Anrücken der noch ungeordneten Massen vor der Gefahr eines Ausfalls zu sichern. Endlich standen die sämmtlichen Corps der Vorhut in Schlachtordnung da: auf dem rechten Flügel der König selbst mit zwei Geschwadern der Ritterschaft, mit den Hypaspisten und den Agrianern; den linken Flügel unter Perdikkas Befehl bildeten die Phalangen und das Geschwader Perdikkas; die Bogenschützen standen auf die Spitze der beiden Flügel vertheilt; zu ihnen wurden die Reuter, die aus den nachrückenden Kolonnen noch anlangten, an die Flanken detaschirt, während einiges Fußvolk ebendaher zur Verstärkung der Phalanx herangezogen wurde. Und schon begann Alexander seinen Angriff; er hatte bemerkt, daß die Wagenreihe nach der linken Seite des Feindes hinüber minder dicht, das Terrain aber weit und frei für einen Angriff der schweren Reuterei war; er hoffte durch eine schnelle und gefahrdrohende

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statt der Attakaner, die Arrian an den Reudrusquellen zwischen dem Acesines und Hyarotis notirt, Arratakanen zu lesen, wohin dann die Arattenstadt Saccala des Mahabharata gehören wird, s. Wilson in Asiat. Researches XV. p. 107.

 

410 Reuterattake gegen diesen schwachen Punkt den Feind zu einem Ausfall zu vermögen, durch den dann der Verhau geöffnet wäre. So sprengte er an der Spitze seiner zwei Geschwader gegen den Flügel an; die feindlichen Wagen blieben dichtgeschlossen, ein Hagel von Speeren und Pfeilen empfing die Macedonischen Reuter, die natürlich nicht die Waffe waren, eine Wagenburg zu stürmen und zu sprengen. Alexander warf sein Pferd herum, jagte zu den Phalangen und führte die feste Linie der Schwerbewaffneten im Sturmschritt heran. Lange und hartnäckig kämpften die Indier von ihren Wagen herab, endlich zogen sie sich vor dem immer von Neuem andringenden Feinde hinter die zweite Wagenreihe zurück, die dichter geschlossen und von geringerem Umfang war, so daß sich die Zahl der Vertheidiger nicht so zu vertheilen brauchte; für die Macedonier dagegen war der Angriff doppelt beschwerlich, indem ringsher Leichen und Wagentrümmer das Feld bedeckten und die Linien nicht geschlossen anzudringen vermochten. Mit desto heftigerem Ungestüm drangen die einzelnen Rotten vor, es begann ein mörderischer Kampf, und die Macedonische Tapferkeit hatte eine harte Probe gegen die kriegsgewandten und mit der höchsten Erbitterung kämpfenden Feinde zu bestehen. Als aber auch dieß Verhau durchbrochen war, da verzweifelten die Kathäer, den Macedoniern gegenüber sich hinter ihrer dritten Wagenreihe halten zu können; sie gaben ihre Stellung auf dem Berge auf und zogen sich hinter die Mauern der Stadt zurück 65).

Alexander rückte noch desselben Tages mit seinem ganzen Heere

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65) Curtius erzählt diesen Angriff auf abweichende Weise; er sagt: Die Barbaren rückten zum Kampf mit Wagen, die unter einander verbunden waren, aus; die Einen führten Bogen, die Anderen Spicße, noch Andere Beile; sie sprangen, um sich einander zu unterstützen, mit kühner Gewandtheit von Wagen zu Wagen. Anfangs entsetzte die Macedonier dieser neue Kampf, der sie aus der Ferne gefährdete; dann drängten sie sich zwischen die Wagen und erschlugen die Kämpfenden; und der König befahl, die Stricke, mit denen die Wagen an einander gebunden waren, zu zerhauen, um die einzelnen desto leichter zu umzingeln. So flohen die Feinde mit Verlust von achttausend Todten in die Stadt zurück. Curt. IX. I. 17.

 

411 nach, in der Absicht, die Stadt sofort einzuschließen, da er glaubte, daß die Kathäer, durch den Ausgang dieses Tages bestürzt, in der Stille der Nacht aus ihrer Stadt zu flüchten versuchen würden; doch reichte sein Heer nicht hin, den weiten Umfang der Mauern zu umgeben; deshalb lagerten die einzelnen Abtheilungen des Fußvolks in mäßigen Zwischenräumen von einander, welche dann von der Reuterei besetzt wurden; eben so umschlossen Neuterposten das ganze Ufer des Sees, der, von geringer Tiefe und bis an die Mauern der Stadt reichend, die Feinde bei einem Versuch zur Flucht sehr begünstigte. Die Vermuthung Alexanders, ein Beweis, wie richtig er den Charakter des Indischen Volkes zu würdigen wußte, bestätigte sich bald genug. Es war um die zweite Nachtwache, als die Reuterposten jenseits an der Stadtmauer ein großes Gewimmel von Menschen bemerkten; Tausende drängten sich über den See her, sie versuchten, das Ufer und dann das Weite zu gewinnen, sie wurden von den Reutern aufgefangen und niedergehauen; lautschreiend flohen die Uebrigen zur Stadt zurück; das Uebrige der Nacht verging ruhig. –

Am anderen Morgen ließ Alexander die Belagerungsarbeiten beginnen; es wurde ein doppelter Graben von der Nähe des Sees aus rings um die Mauern bis wieder in den See geführt; den See selbst umgab eine doppelte Postenlinie; schon standen die Schirmdächer und Sturmblöcke aufgerichtet, die am nächsten Tage gegen die Mauer zu arbeiten und Bresche zu legen beginnen sollten; da brachten Ueberläufer aus der Stadt die Nachricht, die Belagerten wollten in der nächsten Nacht von Neuem einen Ausfall versuchen, sie hätten sich die freie Stelle zwischen dem See und der Walllinie zum Hindurchbrechen ansersehen. Sofort ordnete Alexander Alles an, den Plan der Feinde zu vereiteln; der Lagide Ptolemäus wurde mit drei Chiliarchien der Hypaspisten, mit sämmtlichen Agrianern und einer Abtheilung der Schützen zur Nachtwache an diese Stelle detaschirt, mit dem Befehl, wenn die Barbaren den Ausfall wagen sollten, sich ihnen mit aller Macht zu widersetzen, zugleich aber Lärm blasen zu lassen, damit sofort die übrigen Truppen ausrücken und in den Kampf eilen könnten. Ptolemäus eilte seine Stellung zu nehmen und so viel wie möglich zu befestigen; er ließ die am vorigen Tage erbeuteten Wagen zusammenfahren, um die Lücke zwischen dem See und der Befestigung zu decken; 412 er ließ die zu Pallisaden gefällten Baumstämme, die noch nicht in die Wälle eingelassen waren, in mäßigen Abständen zu Haufen übereinanderwerfen, um dem Feinde so viel als möglich den Ausfall zu behindern; unter diesen Arbeiten verstrich ein guter Theil der Nacht. Endlich gegen Morgen öffnete sich das Seethor der Stadt, in hellen Haufen brachen die Feinde hervor und rückten im Sturmschritt auf die wohlverwahrte Linie; zu gleicher Zeit begannen die Lärmtrompeten im Lager zu blasen; während die Indier sich tief und tiefer in dem Verhau von Bäumen und den Wagenreihen verwirrten, war schon Ptolemäus mit seinen Schaaren mitten unter ihnen, und nach langem und unordentlichem Gefechte sahen sie sich gezwungen, zur Stadt zurückzufliehen.

Nun war den Indiern jeder Ausweg zur Flucht abgeschnitten; die Maschinen begannen gegen die Mauern der Stadt zu arbeiten, zugleich wurden sie an mehreren Stellen unterminirt, und mit so günstigem Erfolg, daß in kurzer Zeit Lücken stürzten und der Sturm auf die Stadt beginnen konnte. So wurde die Stadt erobert; wenige von den Belagerten retteten sich; desto mehr wurden von den erbitterten Macedoniern in den Straßen der Stadt niedergemacht; man sagt an siebzehntausend, eine Zahl, die nicht unwahrscheinlich ist, da Alexander, um die Unterwerfung dieses kriegerischen Volksstammes möglich zu machen, den strengen Befehl gegeben hatte, jeden Bewaffneten niederzuhauen; die siebzigtausend Kriegsgefangene, welche erwähnt werden, scheinen die übrige Bevölkerung der Indischen Stadt ausgemacht zu haben. Die Macedonier selbst zählten gegen hundert Todte und ungewöhnlich viel schwer Verwundete, nämlich eintausend zweihundert, unter diesen mehrere Officire und namentlich den Somatophylax Lysimachus 66).

Gleich nach der Erstürmung der Stadt sandte Alexander den Kardianer Euwenes mit dreihundert Reutern nach den beiden mit den Kathäern verbündeten Städten, mit der Anzeige von dem Falle Sangala’s, und der Aufforderung sich zu ergeben: sie würden, wenn sie sich dem Könige freiwillig unterwürfen, eben so wenig zu fürchten haben, wie so viele andere Indier, welche die Macedonische Frcundschaft schon als ihr wahres Heil zu erkennen anfingen. Aber

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66) Arrian. V. 23, 24. und Polyän. IV. 3. 30.

 

413 die aus Sangala Geflüchteten hatten die gräßlichsten Berichte von Alexanders Grausamkeit und dem Blutdurst seiner Soldaten mitgebracht; an die freundlichen Worte des Eroberers glaubte niemand, man suchte sich zu retten, ehe es zu spät sei; so zogen denn die Einwohner der beiden Städte in eiliger Flucht hinweg, indem sie ihr Hab und Gut, so viel sie konnten, mit sich nahmen. Auf die Nachricht hiervon brach Alexander selbst schleunig aus Sangala auf und verfolgte die Fliehenden; aber sie hatten zu weiten Vorsprung, nur einige hundert, die vor Ermattung zurückgeblieben waren, fielen in seine Hände und büßten mit dem Leben die Widersetzlichkeit und den panischen Schrecken ihrer Mitbürger. Nach einer langen und ermüdenden Verfolgung kehrte der König nach Sangala zurück; die Stadt wurde dem Erdboden gleich gemacht, das Gebiet derselben an die benachbarten Stämme, die sich freiwillig unterworfen hatten, namentlich an die Adraisten vertheilt. Porus, der während der Belagerung von Sangala mit fünftausend Indiern und seinen Elephanten eingetroffen war, erhielt den Befehl, diejenigen Distrikte, die sich freiwillig unterworfen hatten, in Besitz zu nehmen und Besatzungen in ihre Städte zu legen; Alexander selbst ging in mehr südlicher Richtung vor; die übertriebenen Gerüchte von seiner Grausamkeit und von der Barbarei seiner Soldaten, welche seit dem Untergange von Sangala Alles mit Schrecken erfüllt und mehr als eine Ortschaft zu dem Entschluß, lieber kämpfend zu sterben als sich zu unterwerfen, gebracht hatten, gaben dem Könige erwünschte Gelegenheit, seine Nachsicht und Großmuth desto erfreulicher und siegreicher wirken zu lassen 67). Bald bedurfte es keines weiteren Kampfes; wohin Alexander kam, unterwarf sich ihm die Bevölkerung. Dann betrat er das Gebiet des Fürsten Sopeithes, dessen Herrschaft sich über die ersten Bergketten des Imaus und in die Reviere der Steinsalzlager an den Hyphasisquellen erstreckte. Das Heer nahte sich der fürstlichen Residenz, in der, man wußte es, sich Sopeithes befand; die Thore waren geschlossen, die Zinnen der Mauern und Thürme ohne Bewaffnete; man zweifelte, ob die Stadt verlassen oder Verrath zu fürchten sei. Da öffneten sich die Thore; in dem bunten und flimmernden Staate eines In-

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67) Curt. IX. 1, 22. Polyän. l. c. –

 

414dischen Rajas, in hellfarbigen Kleidern, in Perlenschnüren und Edelsteinen und goldenem Schmuck, von schallender Musik begleitet, mit einem reichen Gefolge zog der Fürst Sopeithes dem großen Könige entgegen, und brachte mit vielen und kostbaren Geschenken, unter denen eine Meute Tigerhunde 68), seine Huldigung dar; sein Fürstenthum ward ihm bestätigt und, wie es scheint, vergrößert 69). Dann zog Alexander weiter in das benachbarte Gebiet des Fürsten Phegeus 70); auch dieser eilte seine Huldigungen und seine Geschenke darzubringen; er blieb im Besitz seines Fürstenthums; es war das

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68) cf. Wesseling ad Diod. XVII. p. 655. — 69) Leider erwähnt Arrian dieses Fürsten Sopeithes an rechter Stelle nicht; Diod. XVII. 92. und Curt. IX. 1. 24. sind dem Obigen zum Grunde gelegt; nach ihnen liegt das Gebiet dieses Fürsten jenseits des Hyarotis. Strabo XV. p. 271. sagt: „Kathaia, eines gewissen Nomarchen Sopcithes Land, setzen Einige in diese Mesopotamia (des Hydaspes und Acesines), Andere aber jenseit des Acesines und des Hyarotis, benachbart dem Fürstenthum des jungen Porus; sie nennen das Gebiet unter diesem Lande Gandaris“; und etwas später: „in Sopeithes Land soll ein Berg von Steinsalzlagern sein, der ganz Indien mit Salz zu versehen im Stande wäre, und schöne Gold- und Silberminen nicht weit entfernt in anderen Bergen, wie Gorgos der Metalleut erzählt“. Dieß find die Steinsalzlager von Mundi, zwischen dem Beyas und Satadru in den ersten Bergketten des Himalaya (Ritter p. 1075.). Das Gold findet sich bekanntlich in ungeheuerer Menge in der Quellgegend des Indus und Satadru, theils in Minen, theils als Goldkörner, die von den bauenden Springhasen mit geflecktem Fell (cf. Megasthenes und Nearch, bei Arrian Ind. 15.) welche die Griechen Ameisen nannten (cf. Ritter p. 660.) aufgescharrt werden. Nach alle dem muß sich das Fürstenthum des Sopeithes etwa bis zu den Mandibergen im Osten, und dem Gebirge des Retung-Passes, wo die Quellwasser des Hypasis und Acesines, die Gränzen der Länder Abisares und Sopeithes sich nahe sind, im Norden erstreckt haben. — 70) Phegeus bei Diodor. Phegelas bei Curtius, wahrscheinlich genannt nach dem Flusse des Fürstenthums, dem Hyphasis oder Bejas, welcher Name dem Strom auch nach seiner Vereinigung mit dem Satadru bleibt (Elphinstone 1. p. 501.) Von der Lage dieses Fürstenthums s. u. Note 76.

 

415 östlichste Land, das Alexander in seinem Siegeslaufe betreten sollte; der Tag der Rückkehr war gekommen.

Die historische Tradition hat diesen Punkt in der Geschichte Alexanders auf eine bemerkenswerthe Weise verdunkelt; selbst von dem Aeußerlichsten wird nicht Genügendes und Uebereinstimmendes angegeben; manche der Macedonier haben Unglaubliches in die Heimath berichtet, und Kraterus schrieb seiner Mutter, bis zum Ganges seien sie vorgedrungen und hätten diesen ungeheueren Strom voll Haifische und brandend wie das Meer gesehen 71). Andere nannten wenigstens den Hyphasis der Wahrheit gemäß als das Ende der Macedonischen Züge; aber, um doch irgendwie zu erk ären, warum der Eroberung ein Ziel gesetzt worden, haben sie aus dem äußerlichen Anlaß der Rückkehr einen Causalzusammenhang hergeleitet, über dessen Werth weder die sonstige Glaubwürdigkeit der Berichterstatter noch der verdachtlose Glaube, der ihnen seit zwei Jahrtausenden geschenkt worden, täuschen darf.

Alexander, so wird erzählt 72), war an den Hyphasis vorgedrungen, mit der Absicht, auch das Land jenseits zu unterwerfen, denn es schien ihm kein Ende des Krieges, so lange noch irgend Feindliches da war. Da erfuhr er, jeuseits des Hyphasis sei ein reiches Land, und drinnen ein Volk, das fleißig den Acker baue, die Waffen mit Muth führe, sich einer wohlgeordneten Verfassung freue; denn die Edelsten beherrschten das Volk ohne Druck und Eifersucht; die Kriegselephanten seien dort mächtiger, wilder und in größerer Zahl als irgendwo sonst in Indien. Das Alles erregte des Königs Verlangen, weiter zu dringen. Aber die Macedonier sahen mit Schmerz, wie ihr König Mühe auf Mühe, Gefahr auf Gefahr häufe; sie traten hie und da im Lager zusammen, sie klagten um ihr trauriges Loos, sie schwuren einander, nicht weiter zu folgen, wenn es auch Alexander geböte. Als das der König erfuhr, eilte er, bevor die Unordnung und die Muthlosigkeit der Truppen weiter um sich griffe, die Generale zur Versammlung zu berufen. „Da sie, so sprach er, ihm nicht weiter von gleicher Ge-

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71) Strabo XV. p. 275. cf. Arrian Peripl. p. 27. ed. Hudson. Justin. VII. 8. Paul Oros. III. 19. etc. — 72) Arrian. V. 25. sqq. wie es scheint (c. 28.) nach Ptolemäus.

 

416sinnung beseelt, folgen wollten, so habe er sie herbeschieden, um entweder sie von der Räthlichkeit des weiteren Zuges zu überzeugen, oder von ihnen überzeugt zurückzukehren; erscheine ihnen das bisher Durchkämpfte und seine eigene Führung tadelnswerth, so habe er nichts Weiteres zu sagen; er kenne für den hochherzigen Mann kein anderes Ziel alles Kämpfens, als die Kämpfe selbst; wolle jemand das Ende seiner Züge wissen, so sei er nicht mehr weit bis zum Ganges, bis zum Meere im Osten, dort werde er seinen Macedoniern den Seeweg zum Hyrkanischen, zum Persischen Meere, zum Lybischen Strande, zu den Säulen des Herakles zeigen; die Grenzen, die der Gott dieser Welt gegeben, sollten die Grenzen des Macedonischen Reichs sein; noch aber sei jenseit des Hyphasis bis zum Meer im Osten manches Volk zu bewältigen, und von dort bis zum Hyrkanischen Meere schweiften noch die Horden der Scythen unabhängig umher; seien denn die Macedonier vor Gefahren bange? vergäßen sie ihres Ruhmes und der Hoffnung? einst, wenn die Welt überwunden, werde er sie heimführen gen Macedonien, überreich an Habe, an Ruhm, an Erinnerungen.“ Nach dieser Rede Alexanders entstand ein langes Schweigen, niemand wagte entgegen zu sprechen, niemand beizustimmen; umsonst forderte der König wiederholentlich zum Sprechen auf: er werde auch der entgegengesetzten Meinung Gehör schenken. Lange schwieg man; endlich erhob sich Könus, des Polemokrates Sohn: „der König wolle, daß das Heer nicht sowohl seinem Befehl, als der eigenen Ueberzeugung folge; so spreche er denn nicht für sich, denn er sei zu Allem bereit, sondern für das Herr, nicht um der Menge zu gefallen, sondern was ihm die Zeitumstände zu sagen geböten; sein graues Haupt, seine Wunden, des Königs Vertrauen gäben ihm ein Recht offen zu sein; je mehr Alexander und das Heer vollbracht, desto nothwendiger sei es ein endliches Ziel zu setzen; wer von den alten Kriegern noch übrig sei, wenige im Heere, andere in den Städten zerstreut, sehnten sich nach der Heimath, nach Vater und Mutter, nach Weib und Kind zurück; dort wollten sie den Abend ihres Lebens, im Schooß der Ihrigen, in der Erinnerung ihres thatenreichen Lebens, im Genuß des Ruhmes und der Habe, die Alexander mit ihnen getheilt, verleben; solches Heer sei nicht zu neuen Kämpfen geschickt, Alexander möge sie heimführen, 417 er werde seine Mutter wiedersehen, er werde die Tempel der Heimath mit Trophäen schmücken; er werde, wenn er nach neuen Thaten verlange, ein neues Heer rüsten und gegen Indien oder Libyen, gegen das Meer im Osten oder jenseit der Heraklessäulen ziehen; und die gnädigen Götter würden ihm neue Siege gewähren; der Götter größtes Geschenk aber sei Mäßigung im Glück; nicht den Feind, wohl aber die Götter und ihr Verhängniß müsse man scheuen.“ Unter allgemeiner Bewegung schloß Könus seine Rede; Viele vermochten die Thränen nicht zu hemmen, es war offenbar, wie der Gedanke der Heimkehr ihr Herz erfüllte. Alexander aber, unwillig über die Aeußerungen des Generals und die Zustimmung der Uebrigen, entließ die Versammlung. Am nächsten Tage berief er sie von Neuem; „er werde, so sprach er, in Kurzem weiter gehen, er werde keinen der Macedonier nöthigen zu folgen, noch seien genug der Tapferen übrig, die nach neuen Thaten verlangten; die Uebrigen möchten heimziehen, es sei ihnen erlaubt; sie möchten in der Heimath berichten, daß sie ihren König mitten in Feindesland verlassen hätten.“ Nach diesen Worten verließ der König die Versammlung und zog sich in sein Zelt zurück; während dreier Tage zeigte er sich den Macedoniern nicht, er erwartete, daß sich die Stimmung im Heere ändern, daß sich die Truppen zur weiteren Heerfahrt entschließen würden. Und die Macedonier waren zwar betrübt über des Königs Zorn, aber ihr Sinn änderte sich nicht. Dessen ungeachtet opferte der König am vierten Tage an den Ufern des Stromes wegen des Ueberganges, aber die Zeichen der Opfer waren nicht günstig; da berief er die Hauptleute, die Veteranen der Getreuen zu Fuß und zu Roß und viele Andere vom Heere zur Versammlung, und verkündete die Rückkehr; und die Macedonier weinten und jubelten vor Freude, sie drängten sich um des Königs Zelt und priesen ihn laut, daß er sich, stets unbesiegt, von seinen Macedoniern habe besiegen lassen.

So die Erzählung nach Plutarch und Arrian; bei Curtius und Diodor 73) ist sie mit einigen Nebenumständen bereichert, welche nicht allzu glaubwürdig erscheinen: Alexander habe die Truppen, um sie für den weiteren Feldzug geneigt zu machen, auf

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73) Curt. IX. 2. Diod. XVII. 94.

 

418 Plünderung in die sehr reichen Ufergegenden des Hyphasis, also in das befreundete Land des Phegeus ausgesandt, und während der Abwesenheit der Truppen den Weibern und Kindern der Soldaten Kleider und Vorräthe aller Art, namentlich den Sold eines Monats zum Geschenk gemacht; dann habe er die mit Beute heimkehrenden Soldaten zur Versammlung berufen und nicht etwa im Kriegsrath, sondern vor dem gesammten Heere die wichtige Frage über den weiteren Zug verhandelt. Strabo sagt 74): Alexander sei zur Umkehr bewogen worden durch gewisse heilige Zeichen, durch die Stimmung des Heeres, das den weiteren Heereszug wegen der ungeheueren Strapazen, die es bereits erduldet, versagte, vor Allem aber, weil die Truppen durch den anhaltenden Regen sehr gelitten hatten; und in der That, diesen letzten Punkt muß man in seiner ganzen Ausführung vor Augen haben, um die Rückkehr am Hyphasis zu begreifen. Klitarch, den man in den Worten Diodors sehr deutlich wieder erkennt, stellt das Elend der Truppen in den crassesten Bildern dar: wenige von den Macedoniern, sagt er, waren übrig und diese der Verzweiflung nahe, durch die Länge der Feldzüge waren den Pferden die Hufe abgenutzt, durch die Menge der Schlachten die Waffen der Krieger stumpf und zerbrochen; Hellenische Kleider hatte Niemand mehr, Lumpen Barbarischer und Indischer Beute, elend an einander geflickt, deckten diese benarbten Leiber der Welteroberer; seit siebzig Tagen waren die furchtbarsten Regengüsse unter Stürmen und Gewittern vom Himmel herabgeströmt. Allerdings waren gerade jetzt die Peschekal, die tropischen Regen mit den weiten Ueberschwemmungen in ihrer höchsten Steigerung; man muß sich vergegenwärtigen, was ein abendländisches Heer, seit drei Monaten im Lager oder auf dem Marsche, durch dieß furchtbare Wetter, durch die dunstige Nässe des ungewohnten Klimas, durch den unvermeidlichen Mangel an Bekleidung und Lebensmitteln gelitten haben, wie viel Menschen und Pferde der Witterung und den Krankheiten, die sie erzeugte, erlegen sein 75), wie endlich durch das um sich grei-

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74) Strabo XV. p. 268. — 75) Timur passirte diese Gegenden etwa einen Monat später (im Safar); der Peschekal brachte na-

 

419fende Siechthum, durch die unablässige Qual der Witterung, der Entbehrung, der schlechten Wege und unaufhörlichen Märsche, durch die gräßliche Steigerung des Elends, der Sterblichkeit und der Hoffnungslosigkeit die moralische Kraft mit der physischen zugleich gebrochen sein mußte, – und man wird es begreiflich finden, daß in diesem sonst so kriegsrüstigen und enthusiastischen Heere Mismuth, Heimweh, Erschlaffung, Indolenz einreißen konnte. Und wenn Alexander jener Stimmung im Heere und der Weigerung weiterer Heeresfolge nicht mit rücksichtsloser Strenge entgegen zu treten wagte, sondern, statt sie durch alle Mittel soldatischer Disciplin zu brechen und zu strafen, ihr endlich nachgab, so ist dieß der entschiedenste Beweis, daß ihr nicht Meuterei und Haß gegen den Feldherrn zum Grunde lag, sondern daß sie die nur zu begreifliche Folge jener endlosen Leiden der letzten drei Monate war.

Wohl scheint es der höchste Wunsch Alexanders gewesen zu sein, seine siegreichen Waffen bis zum Ganges und bis zum Meere im Osten hinaus zu tragen; die Berichte von der colossalen Macht der Fürsten am Ganges, von den unendlichen Schätzen der dortigen Residenzen, von allen Wundern des fernen Ostens, wie er sie in Europa und Asien hatte preisen hören, nicht minder das Verlangen, in dem östlichen Meere eine Grenze der Siege und neue Wege zu Entdeckungen und Weltverbindungen zu finden, vor Allem aber jenes dunkle und geheimnißvolle Verhängniß der Größe, jenseits des Erreichbaren ihr Ziel zu suchen, dieß Alles mag in den Tagen am Hyphasis Alexanders Geist erfüllt und ihn zu jenen äußersten Versuchen, über das Unglück und die Stimmung seiner Truppen Herr zu werden, gebracht haben. Er mochte hoffen, daß die begeisternde Kühnheit seines neuen Planes, daß die große Zukunft, die er dem ermattenden Blicke seiner Macedonier zeigte, daß sein Aufruf und der kühne Enthusiasmus eines unablässigen Vorwärts sein Heer alles Leiden vergessen lassen und mit neuer Kraft durchflammen werde. Er hatte sich geirrt; Ohnmacht und Klage war das Echo seines Aufrufs. Der König versuchte

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mentlich unter die Pferde eine große Sterblichkeit. Chereffeddin IV. 13. p. 59.

 

420 das ernstere Mittel der Beschämung und seiner Unzufriedenheit; er entzog sich den Blicken seiner Getreuen, er ließ sie seinen bittern Unwillen fühlen, er hoffte, sie durch Schaam und Reue aus ihrem Elend und ihrer Demoralisation empor zu reißen; und mit tiefer Trauer sahen die Veteranen, daß ihr König zürne, zu ermannen vermochten sie sich nicht. Drei Tage herrschte im Lager das qualvolle Schweigen; Alexander mußte erkennen, daß alles Bemühen vergeblich, neue Versuche gefährlich seien, daß seine Größe an den Grenzen der Endlichkeit stehe, daß er nicht an den Ufern des Ganges die Palme der schönsten Siege brechen sollte. Er ließ an den Ufern des Stromes die Opfer zum Uebergange feiern, und die gnädigen Götter weigerten ihm die günstigen Zeichen der weiteren Heerfahrt; sie geboten, heim zu kehren. Der Ruf zur Heimkehr, der nun durch das Lager ertönte, wirkte wie ein Zauber auf die Gemüther der Macedonier, jetzt war das Leiden vergessen, jetzt Alles Hoffnung und Jubel, jetzt in Allen neue Kraft und neuer Muth, und es ist glaublich, daß von allen Macedoniern Alexander allein trauernd gen Abend blickte. –

Es ist bemerkenswerth, das diese Umkehr am Hyphasis, im Sinne des Heldenlebens und der Hoffnungen Alexanders die erschütternde Katastrophe, zu gleicher Zeit nothwendig im Sinne seines geschichtlichen Berufes, vorbereitet und vorgedeutet im Zusammenhange seiner Unternehmungen genannt werden muß. Man kann es nicht läugnen, daß der weitere Feldzug gen Osten den Westen so gut wie Preis gegeben hätte; schon jetzt waren aus den Persischen und Syrischen Provinzen Berichte eingegangen, die deutlich genug zeigten, welche Folgen von einer noch längeren Abwesenheit des Königs, von der noch weiteren Entfernung der streitbaren Macht zu erwarten waren; Unordnungen aller Art, Bedrückungen gegen die Unterthanen, Anmaaßungen der Satrapen, gefährliche Wünsche und verbrecherische Versuche von Persischen und Macedonischen Großen, die, während Alexander an den Indus hinabgezogen war, sich ohne Aufsicht und Verantwortung zu fühlen begannen, hätten durch einen weiteren Feldzug in die Gangesländer ungefährdet weiter wuchern und vielleicht zu einer vollkommenen Auflösung des noch keinesweges fest gegründeten Reiches führen können. Selbst aber angenommen, daß der außeror421dentliche Geist Alexanders noch aus dem fernsten Osten her die Zügel der Herrschaft fest und streng anzuziehen vermocht hätte, so wären die größten Erfolge in den Gangesländern für das Bestehen des Reiches am gefährlichsten gewesen; die ungeheuere Ausdehnung dieses Stromgebietes hätte einen unverhältnißmäßigen Aufwand von abendläudischen Besatzungen gefordert, und endlich doch eine wahrhafte Unterwerfung und Verschmelzung mit dem Reiche unmöglich gemacht. Dazu kam, daß eine Wüste von nicht geringerer Ausdehnung als die Halbinsel Kleinasien, die Ostländer vom Fünfstromlande scheidet; ohne Baum, ohne Gras, ohne anderes Wasser als das brakige der engen bis dreihundert Fuß tiefen Brunnen, unerträglich durch den wehenden Flugsand, durch den glühenden Staub, der in der schwülen Luft flirrt, noch gefährlicher durch den plötzlichen Wechsel der Tageshitze und der nächtlichen Kühle, ist diese furchtbare Einöde die fast unüberwindliche Vormauer des Gangeslandes; nur ein Weg führt vom Norden am Saume der Imausketten vom Hyphasis und Hesudrus zu den Strömen des Ganges, und mit Recht nennen ihn die Morgenländer ein zu schwaches Band, um das große und überreiche Gangesland an die Krone von Persien zu heften. Endlich muß man behaupten, daß Alexanders Politik, wenn man sie von dem ersten Eintritt in das Indische Land an verfolgt, auf das Entschiedenste dahin weiset, daß es seine Absicht nicht gewesen ist, das Fünfstromland, geschweige gar die Länder des Ganges, zu unmittelbaren Theilen seines Reiches zu machen. Das Reich Alexanders hatte mit der Indischen Satrapie im Westen des Indus ein Ende; das Land ostwärts sollte unter einheimischen Fürsten unabhängig, aber unter Macedonischem Einfluß bleiben, wie er in der eigenthümlichen Stellung der Fürsten Taxiles und Porus zu einander und zum Könige sicher genug begründet war; selbst der so hochbegünstigte Porus erhielt nicht alles Land bis zum östlichen Grenzstrom des Panschab; wie auf der einen Seite Taxiles, so wurden auf der andern Seite die unabhängigen Fürstenthümer des Phegeus und Sopeithes ein Gegengewicht, zwei Fürsten, die zu unbedeutend, um mit eigener Macht etwas wagen zu können, einzig in der vollsten Ergebenheit gegen Alexander Kraft und Halt finden konnten. So waren diese Fürsten, ähnlich dem Rhein422bunde der neueren Zeit, durch gegenseitige Furcht und Eifersucht, der Abhängigkeit von der überlegenen Macht Alexanders, wenn er auch nach Westen zurückkehrte, gesichert; sollte eine Eroberung des Gangeslandes möglich sein, so hätte Alexander das Indusland, wie früher Sogdiana, wenn auch mit denselben strengen Mitteln und gleichem Zeitaufwand, sich unmittelbar und vollkommen unterwerfen und zu organischen Theilen seines ungeheueren Reiches machen müssen; aber er hatte sich von Anfang her überzeugt, daß die Bevölkerung des Induslandes in allen Verhältnissen des Lebens, des Staates und der Religion zu eigenthümlich entwickelt, und in ihrer Entwickelung zu fertig war, als daß sie schon jetzt für das Hellenistische Leben gewonnen werden konnte. So konnte Alexander nicht daran denken, jenseits der nur verbündeten Fürstenthümer eine neue Reihe von Eroberungen seinem Reiche in der Form unmittelbarer Abhängigkeit einzuverleiben; und wenn er bereits nach der Schlacht am Hydaspes den Bau einer Flotte beginnen ließ, die sein Heer den Indus hinab zum Persischen Meere bringen sollte, so zeigt dies unzweideutig, daß er auf dem Wege des Indus, nicht des Ganges, zurück zu kehren die Absicht hatte, daß also sein Zug gegen die Gangesländer nicht viel mehr als eine Invasion sein sollte. Man darf vermuthen, daß sie, wie Napoleons großer Feldzug gegen Osten, von einer Operationsbasis kaum bewältigter Fürstenthümer aus, die nur durch die schwachen Bande der Dankbarkeit, der Furcht und Selbstsucht an den Eroberer gefesselt waren, wahrscheinlich einen eben so traurigen Ausgang gehabt haben würde; überhaupt aber scheint es nicht zu viel, wenn man läugnet, daß Alexander klar und entschieden den Zweck und den Plan des Gangesfeldzuges ins Auge gefaßt habe; wenigstens bietet eine Analogie dafür Napoleons staunenswürdiges Unternehmen, das offenbar durch denselben Fehler so vollkommen gescheitert und seines Sturzes Anfang geworden ist. –

Es mochte in den letzten Tagen des Augusts 326 sein, als sich das Macedonische Heer an den Ufern des Hyphasisstromes zum Rückmarsch rüstete; jede der zwölf Phalangen erhielt den Befehl, an den Ufern des Stromes einen mächtigen, thurmähnlichen Altar zu errichten, zum Andenken des abendländischen Heeres und zum Dank für die Götter, die es bis hicher siegreich hatten 423 vordringen lassen. Alexander opferte auf diesen Altären, während von den Truppen Kampfspiele aller Art nach Hellenischem Brauche gefeiert wurden 76). Dann brach das Heer gen Westen hin auf; es war befreundetes Land, durch welches der Weg führte 77); ohne andere Schwierigkeiten, als die des noch immer häufigen Regens, gelangte man zum Hyarotis, und über diesen durch die

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76) Wir sind nicht im Stande, den Ort dieser zwölf Altäre genau auf unseren Karten anzugeben. Nach Curtius Angabe, daß jenseits des Stromes die Wüste sich zwölf Tagereisen weit erstrecke, könnte man glauben, daß der Ort unterhalb der Vereinigung des Hyphasis und Hesudrus liege, da das Duab, welches Kaiser Akbar Beyt-Jalindher nannte (Ayeen Akbery II. p. 108.) außerordentlich cultivirt ist, und überdieß der Name des vereinigten Stromes Bhis oder Beas (Elphinstone II. p. 559.) offenbar Hyphasis ist, unter welchem Namen der Indus die fünf vereinigten Ströme aufnimmt; Strabo XV. p. 273. Doch ist Plinius Excerpt aus den Stathmen dagegen; er sagt (VI. 17.): exsuperato amne (Hyphasi) arisque in adversa ripa dicatis ..... ad Hesudrum 168 M. (cf. Asiatic. Journal tom. V. 1818. p. 215 sq.); wäre jene Zahl nicht augenscheinlich corrumpirt, so würde man aus ihr Genaueres folgern können. – Von den Ornamenten dieser Altäre und dem angeblichen Bestreben Alexanders, durch riesenmäßige Geräthschaften, die hier zurückblieben, für die Macedonier den Schein eines Riesengeschlechtes zu gewinnen, sind die Stellen ad Curt. IX. 3. 19. gesammelt. Es soll auf den Altären folgende Inschrift gestanden haben: „Meinem Vater Ammon und meinem Bruder Herakles und der vorsorgenden Athene und dem Olympischen Zeus und den Samothracischen Kabiren und dem Indischen Helios und meinem Bruder Apollo.“ Diesen Unsinn wiederholt Philostrat. vit. Apoll. II. 15. und fügt hinzu: eine eherne Säule zwischen den Altären habe die Inschrift getragen: „Hier machte Alexander Halt.“ Nach Suidas v. Βραχμάνος stand auf derselben: „Ich, der König Alexander, bin bis hieher vorgedrungen.“ – Nach der obigen Angabe des Plinius ergiebt sich, daß des Phegeus Fürstenthum wahrscheinlich in das Duab Beyt-Jalindher hineinreichte; sicher grenzte es gen Norden mit dem Lande des Sopeithes zusammen. — 77) Arrian, der vom Sopeithes und Phegeus nichts erwähnt, sagt, daß Porus alles Land bis zum Hyphasis erhalten habe, was nicht richtig sein kann.

 

424 Landschaft Gandaritis an die Ufer des Acesines; hier an der Passage des Stroms stand bereits die Stadt, mit deren Bau Hephästion beauftragt worden war, fertig 78). Alexander ließ hier kurze Zeit rasten, um theils für die Hinabfahrt zum Indus einige Einrichtungen zu treffen, theils die neue Stadt zu colonisiren, zu welchem Ende die Indier der Umgegend zur Ansiedelung aufgefordert und zugleich die kampfunfähigen Söldner aus dem Heere hieselbst ansäßig gemacht wurden; der Tod des Generals Könus und die Feierlichkeiten bei seiner Bestattung mochten weitere Verzögerungen veranlassen. Während dieser Rastzeit kam der Bruder des Fürsten Abisares von Kaschmir und andere kleine Fürsten der oberen Gegenden, alle mit vielen, kostbaren Geschenken, dem großen Könige ihre Huldigungen darzubringen; namentlich sandte Abisares dreißig Elephanten und ließ in Antwort auf den Befehl, den Alexander ihm hatte zukommen lassen, in Person zu erscheinen, seine vollkommenste Ergebenheit versichern und eine Krankheit, die ihn darnieder geworfen, als Entschuldigung für sein Nichterscheinen angeben. Da die von Alexander mit gen Kaschmir gesandten Macedonier diese Angaben bestätigten, und das jetzige Benehmen des Fürsten für seine weitere Ergebenheit zu bürgen schien, so wurde ihm sein Fürstenthum als Satrapie übergeben, und der Tribut bestimmt, den er hinfort zu entrichten habe, auch das Fürstenthum des Arsaces in den Bereich seiner Macht gegeben 79). Nach feierlichen Opfern zur Weihe der neuen Stadt ging Alexander über den Acesines, gegen Mitte Septembers trafen die verschiedenen Heeresabtheilungen in Bucephala und Nicäa am Hydaspes zusammen.

Es war ein großer und glücklicher Gedanke Alexanders, aus dem Gebiet des Indusstromes, das er jetzt nach Osten

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78) Diese Stadt Alexandria am Acesines, auf der großen Straße, die Plinius zu bezeichnen scheint, dürfte etwa dem heutigen Wuzirabad entsprechen; welches Alexandrien im Katalog des Stephanus hieher gehört, behalte ich mir vor, in einer Abhandlung über diesen Katalog zu erörtern. — 79) Ich bin nicht im Stande, den Namen dieses Fürsten zu erklären, noch die Lage seines Fürstenthums zu entdecken.

 

425 durchzogen hatte, nicht etwa auf dem Wege, den er gekommen, in sein Reich zurück zu kehren, sondern eben so in den Ländern stromabwärts die Gewalt der Europäischen Waffen geltend zu machen und den Saamen des Hellenistischen Lebens auszustreuen. Sein Verhältniß zu dieser neuentdeckten Indischen Welt, nicht das eines unmittelbaren Herrschers, sondern auf den jetzt zum ersten Male eröffneten Verkehr mit jenen Völkern begründet, auf das allmählige Wachsthum dieser neuen Verbindungen und Anfänge berechnet, hätte, wenn etwa nur die Indische Satrapie mit dem Kophenstrome das vermittelnde Band blieb, weder durchgreifend wirken, noch selbst für die Dauer bestehen können. Wenn auch jene Satrapie die Hauptstraße des gegenseitigen Verkehrs darbot, so mußte doch die ganze Linie des Indusstromes in Händen der Macedonier sein, es mußten die tiefer am Strome wohnenden Völker denselben Einfluß wie die Völker des Fünfstromlandes anerkennen lernen, es mußte um so entschiedener gegen sie verfahren werden, je mehr manche derselben, namentlich die Mallier und Sudraker auf ihre Unabhängigkeit und ihren kriegerischen Ruhm trotzten, und jeden fremden Einfluß verabscheuten oder verachteten; vor Allem mußte dieser Einfluß selbst durch Hellenistische Colonien am Indusstrome Halt und Nachdruck erhalten. In diesem Plane war es, daß Alexander schon, als er von dem Hydaspes gen Osten aufgebrochen war, den Befehl zum Bau der großen Stromflotte gegeben hatte, mit der er zum Indus und bis zum Meere hinab zu segeln gedachte; jetzt, da es unmöglich geworden war, den Feldzug bis zum Ganges und zum Ostmeere fort zu setzen, mochte sich Alexander mit doppeltem Eifer zu dieser Expedition wenden, die, wenn nicht eben so viel Ruhm, wie die Heerfahrt zum Ganges, so doch gewiß große Erfolge erwarten ließ.

Während der vier Monate, die Alexander vom Hydaspes entfernt gewesen, hatte sich die äußere Gestalt dieser Gegend, in der seine beiden Städte lagen, vollkommen verwandelt; die Regenzeit war vorüber, die Wasser begannen in ihr altes Bette zurück zu treten, und weite Reisfelder, auf dem Fruchtboden der Ueberschwemmungen im üppigsten Grün, zogen sich auf der rechten Seite des Stromes hinab; das Ufer drüben unter den waldigen Höhen war meilenweit mit Schiffswerften bedeckt, auf denen Hunderte von 426 großen und kleinen Fahrzeugen theils noch gezimmert wurden, theils schon fertig standen; Flößholz aus dem Gebirge, Kähne mit Vorräthen aller Art, Transporte von Bau- und Kriegsmaterial kamen auf dem Strome daher, dessen Ufern das bunte Treiben eines lagernden und rastenden Heeres aller Nationen seltsam genug belebte. Alexanders nächste Sorge war, die beiden Festen, die, schnell und auf tiefem Grunde erbaut, in ihren Erdwällen und Baracken durch die Gewalt des Wassers manchen Schaden erlitten hatten, vollständiger und dauerhafter auszubauen, dann wurde die Ausrüstung der Schiffe begonnen. Nach Hellenischer Sitte ernannte Alexander, da seine Kassen erschöpft waren, aus der Zahl der Reichsten und Vornehmsten in seiner Umgebung drei und dreißig Trierarchen, denen diese Liturgie oder Ehrenleistung einer stattlichen und tüchtigen Schiffsausrüstung zum Gegenstand eines für die Sache selbst sehr förderlichen Wetteifers wurde 79b). Zur Bemannung der Stromflotte wurden aus dem Heere die Phönicier, Aegypter, Cyprier, Griechen der Inseln und Asiatischen Küste ausgewählt und als Schiffsleute und Ruderer auf die Fahrzeuge vertheilt; und in weniger als einem Monat Zeit war Alles zur Abfahrt bereit. Nah an zweitausend Fahrzeuge aller Art lagen auf dem Strom bereit, unter diesen achtzig Jachten, ganz zum Kämpfen eingerichtet, zweihundert unbedeckte Schiffe zum Transport von Pferden; alle diese waren neu gebaut, die übrigen Fahrzeuge, zum größeren Theil aus den Ufergegenden, wie man sie gerade vorfand, beigetrieben, waren zum Fortschaffen von Truppen und zum Nachfahren der Lebensmittel und Kriegsmaterialien bestimmt, wovon eben jetzt große Transporte zugleich mit neuen Truppen, sechstausend Reutern unter dem Thracier Menon und mehreren tausend Mann Fußvolks, angekommen waren 80).

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79b) Diese Erklärung der Trierarchien, deren Arrian Ind. 18. erwähnt, bestätigt Plut. Eumenes 2 und Plin. XIX. 1 Der vorschriftsmäßige Aufwand für Jeden der Dreiunddreißig kann nicht, wie man nach Plutarch glauben sollte, dreihundert Talente betragen haben, wenn schon die Kosten hier, wo der Trierarch auch den Bau der Schiffe übernehmen mochte, bedeutender waren als in Athen. — 80) Arrian VI. 2. Ind. 19.; Diod. XVII. p. 95. sagt:

 

427 In den ersten Tagen des November 81) sollte die Stromfahrt beginnen. Alexander berief sämmtliche Befehlshaber und Hauptleute seines Heeres, so wie die Getreuen der Ritterschaft und des Fußvolkes zu einer Versammlung, zu welcher die Fürsten des Landes und die Inoischen Gesandten, die anwesend waren, eingeladen wurden. Der König verkündete, daß Alles zur Abfahrt bereit und der Tag bestimmt sei; er sprach seine Hoffnung dahin aus, daß der Frieden, den er dem Fünfstromlande wieder gegeben, für die Dauer gegründet und durch seine Anordnungen gesichert sei. Die bisher für die Indusländer getroffenen Einrichtungen wurden feierlichst bestätigt, namentlich dem Fürsten Porus seine Gebietsvergrößerungen, die nicht weniger als zweitausend Städte umsaßte und sich bis in die Nähe des Hyphasis erstreckte, garantirt, und sein Verhältniß zu den Nachbarfürsten Abisares, Sopcithes und Phegeus genau bestimmt, der Fürst Taxiles in dem unabhängigen Besitz seiner alten und neuen Länder feierlich anerkannt, die abhängigen Fürstenthümer im Bereich der Indischen Satrapie mit ihren Tributen und anderweitigen Verpflichtungen an den dortigen Satrapen verwiesen, ihre, so wie die anderen Indischen Kontingente in die Heimath entlassen. Sodann wurde der Versammlung die Ordnung des ferneren Zuges mitgetheilt; der König selbst werde mit allen sechs Chiliarchien der Hypaspisten, mit den zweitausend Agrianern und Bogenschützen, mit dem Geleit der Macedonischen Ritterschaft, im Ganzen etwa achttausend Mann, zu Schiffe gehen 82), Nearch den Befehl über die gesammte

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mehr als dreißig tausend Mann Söldner und Hellenische Bundestruppen, Curt. IX. 4. 21. dagegen siebentausend Mann von Harpalus gesandt und fünf und zwanzigtausend Rüstungen. — 81) Strabo XV. p. 259. „Nicht viele Tage vor dem Untergang der Plejaden“ d. i. vor dem 13. November nach Callippus, dem Zeitgenossen Alexanders, s. Idler über das Todesjahr Alexanders p. 275. — 82) Aus dieser Angabe der Gesammtzahl (Arrian Ind.) ersieht man, daß Arrian. VI. 2. ungenau sagt: die ganze Macedonische Ritterschaft sei mit auf die Schiffe genommen; Bestätigung ist, daß erst später tausend siebenhundert Macedonische Ritter auf die Schiffe kommen. Arrian. VI. 14. 7. Die Zahl der Schiffe

 

428 Flotte, Onesikrit die Führung des königlichen Schiffs erhalten; die übrigen Truppen sollten in zwei Heere vertheilt zu beiden Seiten des Stromes hinab ziehen, das eine unter Kraterus Führung auf dem rechten, dem westlichen Ufer, das andere größere, bei welchem die zweihundert Elephanten, auf dem linken unter Hephästions Führung; beide wurden angewiesen, möglichst schnell vorzurücken, drei Tage stromabwärts 83) Halt zu machen, und die Stromflotte zu erwarten; dort sollte der Satrap Philipp von der Indischen Satrapie zu ihnen stoßen. Nach diesen Mittheilungen entließ der König die Versammlung; nach heimathlicher Sitte wurden nun mehrere Tage hindurch Kampfspiele aller Art und künstlerische Wettkämpfe gehalten, Opferthiere in reichlicher Menge an die einzelnen Heeresabtheilungen gegeben, und mit großen Opfern und Festmahlen der Abschied aus dem Lande des Porus gefeiert 84).

Dann kam der zur Abfahrt bestimmte Tag; mit dem frühsten Morgen begann das Einschiffen der Truppen; auf beiden Seiten des Stromes hatten Hephästion und Kraterus ihre Phalangen, ihre Reuterei, ihre Elephanten in glänzender Schlachtlinie aufrücken lassen; während sich ein Schiffsgeschwader nach dem anderen unter dem lauten Jauchzen der Truppen ordnete, hielt der König an den Ufern des Stromes feierliche Opfer nach Hellenischem Brauch; nach der Weisung der vaterländischen Priester opferte er den Göttern der Heimath, dem Poseidon, der hülfreichen Amphitrite, dem Oceanus, den Nereiden, außerdem dem Strome Hydaspes; dann stieg er selbst auf sein Schiff, trat an den Bord des Vordertheiles und spendete aus goldener Schaale in den Fluß, den Hydaspes anrufend und den Acesines und den Indus; und als er von Neuem für seinen Ahnherrn Herakles und für Ammon Zeus und für die andern Götter, für die er pflegte,

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betreffend ist Arrian. Ind. 19. statt achthundert von Schmieder mit Recht eintausend achthundert geschrieben. — 83) Arrian. VI. 2. nennt die βασίλεια Σωπείϑου, einen Namen, dessen er an der gehörigen Stelle, bei dem Zuge durch das Hyphasisland nicht erwähnt. Sollte er nicht diesen Fürsten mit Spittakus verwechselt haben? — 84) Arrian VI. 2.

 

429 gespendet, da gaben alle Trompeten des Heeres zugleich das Zeichen zum Aufbruch, und unter Trompetenschmettern und Alalageschrei schlugen die Ruder von allen Schiffen zugleich in die Wellen. So fuhr nun das seegelbunte Geschwader, die achtzig Jachten vorauf, in schönster Ordnung den Strom hinab, ein wunderbares und unbeschreibliches Schauspiel. „Mit nichts vergleichen läßt sich dieß Rauschen des Ruderschlages, der auf allen Schiffen zugleich sich wechselnd hob und senkte, dieß gleichmäßige Rufen der Lotsen, wenn das Ruder ruhen, wenn wieder beginnen sollte, dieß Hoihogeschrei der Matrosen, mit der sie die Arbeit wieder begannen; zwischen den hohen Ufern wiederhallte dann hundertfach das Rufen, und den Rudergesang wiederholte das Echo; dann wieder umschlossen Wälder den Strom, und fern in der Waldeinsamkeit widerhallte der Fahrenden Ruf; bei Tausenden standen die Indier an den Ufern und sahen staunend dieß fahrende Heer und die Streitrosse auf den Schiffen mit wehenden Wimpeln, und die wunderbare, stets gleiche Ordnung der Geschwader; sie jauchzten dem Rufe der Ruderer entgegen und zogen singend den Strom mit hinab 85).“

Nach einer dreitägigen Fahrt 86) kam Alexander zu der Ufergegend, wo er den Generalen Kraterus und Hephästion die Flotte zu erwarten befohlen hatte; sie lagerten schon zu beiden Seiten des Stromes. Hier rastete Heer und Flotte zwei Tage, um den Satrapen Philipp mit der Nachhut der großen Armee herankommen zu lassen. Sobald die gesammte Macedonische Kriegsmacht beieinander war, traf Alexander die Einrichtungen, welche beim

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85) Arrian VI. 3. 5. Plin. XIX. 1., der besonders die Pracht der bunten Seegel schildert. — 86) Nach Plinius. VI. 17. machte Alexander täglich sechshundert Stadien, nach Curtius vierzig, beides ist unrichtig; nach achttägiger Fahrt kommt die Flotte zur Acesines-Mündung, die von dem Ort der Ausfahrt fünf bis sechs Tagereisen zu Lande (s. Vincent p. 110.), zu Wasser (nach Macartney’s Karte) etwa acht und zwanzig Meilen, die Krümmungen des Stromes mitgerechnet wohl vierzig Meilen entfernt ist; gewiß schrieb Curtius statt quadraginta nicht quadringenta, was Freinsheim vorschlägt.

 

430 baldigen Einrücken in fremdes Gebiet und zunächst zur Unterwerfung des Landes bis zur Acesinesmündung nöthig waren; namentlich wurde Philipp links ab an den Acesines detaschirt, um sich des westlichen Stromufers zu versichern; Hephästion und Kraterus zogen rechts und links vom Hydaspes etwas landeinwärts weiter; jenseits der Acesinesmündung sollte die gesammte Heeresmacht wieder zusammen treffen, um den Feldzug gegen die Mallier und Sudraker von dort aus zu beginnen. Denn schon war von den bedeutenden Rüstungen, die diese großen und streitbaren Völker machten, Nachricht eingelaufen; schon hätten sie, hieß es, ihre Weiber und Kinder in die festen Plätze gebracht und bei vielen Tausenden zögen sich Bewaffnete an den Hyarotis zusammen, Alexander glaubte um so mehr vorwärts eilen und den Feldzug eröffnen zu müssen, ehe der Feind seine Rüstungen vollendet hätte. So ging die Flotte nach zweitägiger Rast weiter den Strom hinab; überali, wo sie anlegte, unterwarfen sich die Anwohner freiwillig oder wurden mit leichter Mühe dazu gezwungen 87).

Am fünften Tage hoffte Alexander die Mündung des Acesines in den Hydaspes zu erreichen; er hatte bereits in Erfahrung gebracht, daß diese Stelle für die Schifffahrt schwierig sei, daß sich die Ströme unter starkem Wellenschlag und vielen Strudeln vermischten, um dann in ein schmales Bette zusammen gedrängt mit Ungestüm weiter zu strömen 88). Diese Nachrichten waren auf der Flotte verbreitet, und zugleich zur Vorsicht ernstlich ermahnt worden. Gegen Ende der fünften Tagefahrt hörte man aus Süden her ein gewaltiges Brausen, ähnlich dem der Meeresbrandung bei hohler See; staunend hielten die Ruderer der ersten Geschwader inne, unschlüsssg, ob das Meer oder ein Unwetter oder was sonst nahe sei; dann belehrt und ermahnt zu rüstiger Arbeit, wenn

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87) Arrian VI. 3. 4. — 88) Neuere Berichte bestätigen diese Angaben; s. Vincent p. 112. Chereffeddin IV. 10. 52. sagt von dieser Stelle: les vagues, qui se forment en ce lieu, le font paraitre une mer agitée. Diodor XVII. 96. und Curtius 99., so verwirrt sie auch über diesen Feldzug berichten, haben doch manche Notizen, die den Arrian veranschaulichen und ergänzen; doch muß man in ihrem Gebrauch sehr vorsichtig sein.

 

431 sie der Mündung nahten, fuhren sie weiter. Immer mächtiger wurde das Brausen, die Ufer verengten sich, schon sah man die Mündung, eine wildwogende, schaumige Stromesbrandung, in der die Fluth des Hydaspes senkrecht auf die Wassersäule des Acesines stürzt und in strudelnder, tosender Wuth gegen ihn kämpft, um pfeilgeschwind mit ihm zwischen den engen Ufern hinab zu brausen. Noch einmal ermahnten die Steuerleute zur Vorsicht und zur höchsten Anstrengung der Arbeit, um durch die Gewalt der Ruder die Strömung, die die Schiffe in die Strudel gerissen hätte, wo sie unrettbar verloren waren, zu überwinden und möglichst schnell aus der Stromenge in freieres Wasser zu gelangen. Und schon riß der Strom die Schiffe mit sich fort, mit unsäglicher Mühe hielten Ruder und Steuer die Richtung; mehrere wurden überwältigt, in die Strudel gerissen, kreiselnd umgekehrt, die Ruder zerbrochen, die Flanken beschädigt, sie selbst mit genauer Noth vor dem Untergehen gerettet; besonders die langen Schiffe waren in großer Gefahr, zwei von ihnen, gegen einander gejagt, zerschellten und versanken; leichtere Fahrzeuge trieben ans Ufer; am glücklichsten kamen die breiten Lastschiffe durch, die, von dem Strudel ergriffen, zu breit um umzuschlagen, von der Gewalt der Wellen selbst wieder in die rechte Richtung gebracht wurden; Alexander selbst soll mit seinem Schiffe in den Strudeln und in der augenscheinlichster Lebensgefahr gewesen sein, so daß er schon sein Oberkleid abgeworfen hatte, um sich in das Wasser zu stürzen und sich durch Schwimmen zu retten 89).

So kam die Flotte nicht ohne bedeutenden Verlust über die gefährliche Stelle hinaus; erst eine Stunde abwärts wurde das Wasser ruhiger und freier; der Strom wendet sich hier um die Uferhügel rechts hin; hinter ihnen konnte man bequem und vor der Strömung gesichert anlegen, zugleich war das weit hinaus reichende Uferland zum Auffangen der hinabtreibenden Scheiter und Leichname geeignet. Alexander ließ hier die Flotte an den Strand legen und befahl dem Nearch, die Ausbesserung der beschädigten Fahrzeuge möglichst schnell zu bewerkstelligen. Er selbst benutzte die Zeit zu einer Excursion in das Land hinein, damit die streit-

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89) Curt. IX. 4. 10. Diod. XVII. 96.

 

432baren Völker dieser Landschaft, die Sibas und Agalassen, den Malliern und Sudrakern, von denen sie der Acesines trennte, nicht etwa bei dem bevorstehenden Angriff der Macedonier zu Hülfe kämen. Nach einem Marsche von sechs Meilen, der dazu benutzt wurde, durch Verwüstungen Schrecken zu verbreiten, stand Alexander vor der nicht unbedeutenden Hauptstadt der Sibas; sie wurde ohne bedeutende Mühe erstürmt. Nach einem anderen Berichte ergab sie sich freiwillig 90).

Bei seiner Rückkehr zum Acesines fand Alexander bereits die Flotte in segelfertigem Stand, auch war Kraterus im Lager, Hephästion und Philippus oberhalb der Strommündung angekommen. Sofort disponirte der König die verschiedenen Heeresabtheilungen für den Zug gegen die Mallier, deren Gebiet etwa sieben Meilen stromabwärts bei der Hyarotismündung begann und an diesem Strome weit gen Norden hinauf reichte. Sie waren, das wußte Alexander, auf einen Angriff gefaßt und gerüstet; sie mußten erwarten, daß das Macedonische Heer zur Hyarotismündung hinabgehn und von da aus in ihr Gebiet eindringen würde, da es durch eine wasserlose Wüste von mehreren Meilen Breite vom Acesines getrennt war, und also von der Gegend der Schiffsstation aus unangreifbar schien. Demnach beschloß Alexander, sie auf diesem Wege, wo sie es am wenigsten erwarteten, und in dem oberen Theil ihres Landes, unfern von den Grenzen der Gandaritis und der Kathäer plötzlich anzugreifen, und sie von da aus den

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90) Diese Sibas (Σίβαι Arrian Ind. 5. Strabo XV. p. 253 und 273. Steph. Byz. 5. v., weniger gut Σίβοι bei Diod., Sobii bei Curtius) sind offenbar Siva-Diener, wie Bohlen „das alte Indien“ p. 208. nachweiset. Arrian spricht in der Anabasis von diesem Volke nicht insbesondere, da er natürlich die Abstammung desselben von Herakles nur für ein Mährchen halten und am wenigsten, wie Diodor thut, diese Verwandtschaft mit dem Herakliden Alexander zu einer politischen Bedeutung erheben kann. Doch deutet er diese Excursion an der gehörigen Stelle (VI. 5. 9.) an; man ersieht daraus zugleich, daß sie auf dem rechten Ufer des Acesines in dem Duab wohnten.

 

433 Hyarotisstrome hinab zu drängen; an den Mündungen dieses Flusses sollten sie, wenn sie Zuflucht oder Beistand auf dem jenseitigen Ufer des Acesines suchten, den Macedoniern wiederum in die Hände fallen. Deshalb ging zunächst die Flotte unter Nearch dorthin ab, um das rechte Ufer des Acesines der Hyparotismündung gegenüber zu besetzen und so die Verbindung des Mallischen Landes mit dem Uferlande drüben abzuschneiden; Kraterus sollte mit seinen Truppen, mit den Elephanten und der Phalanx Polysperchon, die bisher bei Hephästion gewesen waren, und mit den Truppen des Philipp, die den Hydaspes oberhalb seiner Mündung übersetzten, drei Tage später auf der Station Nearchs eintreffen und mit dieser bedeutenden Heeresmacht auf dem rechten Stromufer die Basis für die kühnen Operationen jenseits bilden. Sobald Nearch und Kraterus aufgebrochen waren, theilte Alexander das noch übrige Heer in drei Corps; während er selbst mit dem einen den Ueberfall im Innern des Mallierlandes bewerkstelligen und die Feinde stromab treiben würde, sollte Hephästion, der mit dem zweiten Corps fünf Tage früher ausrückte, die Linie des Hyarotis besetzen, um die Fliehenden aufzufangen, der Lagide Ptolemäus dagegen mit dem dritten Corps drei Tage später ausrücken, um den etwa rückwärts zum Acesines Flüchtenden den Weg zu sperren. Die Mallier und Sudraker ihrer Seits, so heißt es, hatten zwar bei der Nachricht von Alexanders Herannahen ihre alten Fehden beigelegt, sich zu gegenseitiger Hülfeleistung durch Geißeln verpflichtet und ein sehr bedeutendes Heer (über sechzigtausend Mann Fußvolk, zehntausend Reuter, siebenhundert Streitwagen) zusammengebracht, waren aber bei der Wahl eines gemeinsamen Anführers (denn sie gehörten zu den Aratten, den Indiern ohne Fürsten), mit einander so uneins geworden, daß sich die Heeresmacht auflösete und die Kontingente der einzelnen Distrikte sich in ihre festen Städte zerstreuten; eine Angabe, die zwar nicht durch besondere Autorität verbürgt wird, aber durch die Eigenthümlichkeit des Operationsplanes, den Alexander entworfen, einige Bestätigung erhält 91). Nach anderen Berichten hatten die Mallier und Su-

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91) Curt. Diod.

 

434draker die Absicht sich zu verbünden, und würden dann eine bedeutende Kriegsmacht den Macedoniern entgegen gestellt haben, weshalb eben Alexander seinen Angriff so sehr beeilte, um der Vereinigung der beiden Völker zuvor zu kommen 92).

An dem zum Aufbruch bezeichneten Tage (gegen Mitte November) rückte Alexander aus; mit ihm waren die Hypaspisten, die Schützen und Agrianer, die Phalanx Pithon, die Hälfte der Macedonischen Geschwader und die Turanischen Reuter Bogenschützen, im Ganzen gegen eilftausend Mann Fußvolk und fünftausend Reuter. In kurzer Entfernung vom Acesines begann die Wüste; nach einem fünfstündigen Marsche gelangte man zu einem Wasser, dort wurde Halt gemacht, Mittag gehalten, ein wenig geruht, Wasser in die Behälter, wie sie Jeder hatte, geschöpft, dann weiter marschirt; den noch übrigen Theil des Tages und die folgende Nacht durch ging es in möglichster Eile weiter, am anderen Morgen sah man, nach einem Marsche von fast acht Meilen, die Mallische Stadt Agalassa 93) mit ihrer Burg gen Osten liegen. Hierher hatten sich viele Mallier zurück gezogen; sie lagerten unbewacht und unbewaffnet vor den Mauern der Stadt, die die Menschenmenge nicht faßte; sie waren so vollkommen überzeugt, daß ein Ueberfall durch die Wüste her unmöglich sei, daß sie das herannahende Heer für alles Andere, nur nicht für Macedonier hielten. Und schon waren Alexanders Reuter mitten unter ihnen; an Widerstand war nicht zu denken; Tausende wurden

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92) Arrian. VI. 11. 7. — 93) Arrian hat diesen Namen nicht, und bei Curtius, der hier fast wörtlich mit Diodor stimmt, verbirgt ihn die falsche Lesart alia gens (IX. 4. 5.); so verwirrt Beide erzählen, so läßt sich in ihnen doch die Uebereinstimmung mit Arrian noch heraus finden; das superato amne bei Curtius ist vom Acesines zu verstehen, über den Alexander gehen mußte, um von dem Lager, in das er nach der Expedition gegen die Sibas zurück gekehrt war, auf das Ostufer des Stromes ins Mallische Gebiet zu gelangen. Ueber die Mallier cf. Tod Rajastan II. p. 292, 443. Agalassa, acht Meilen von der Station unter der Hydaspesmündung entfernt, trifft genau mit der Lage von Pinde Schaich Moosa, ein und eine halbe Meile vom Hyarotis, zusammen

 

435 niedergehauen, was fliehen konnte, rettete sich in die Stadt, die Alexander sofort von seiner Reuterei einschließen ließ, bis das Fußvolk nachkäme, um den Sturm zu beginnen. Sobald dieses heran war, entsandte der König schleunigst den Perdikkas mit zwei Geschwadern und den Agrianern zu einer benachbarten Stadt 93b), in die sich viele Indier geflüchtet hatten, mit der Weisung, dieselbe auf das Sorgfältigste zu beobachten, selbst jedoch nichts gegen die Stadt zu unternehmen, bevor das Heer von Agalassa nachrückte, damit nicht die Flüchtlinge zugleich die Nachricht von der Nähe der Macedonier weiter landein verbreiteten. Indeß begann Alexander den Sturm; die Indier, die schon bei dem ersten Ueberfall hart mitgenommen waren, verzweifelten die Mauern behaupten zu können; von den Thoren und Thürmen zurückfliehend, wurden sie von den nachdringenden Macedoniern größtentheils erschlagen, nur einige Tausend flüchteten sich in die Burg und wehrten sich von dort herab mit dem Muthe der Verzweiflung; mehr als ein Angriff der Macedonier wurde zurückgeschlagen, die immer steigende Erbitterung, das Beispiel und der Zuruf Alexanders, die Erschöpfung der Gegner ließ die Macedonier endlich den Sieg erringen, für dessen Mühe sie sich mit einem gräßlichen Gemetzel unter den Indiern rächten; von den Zweitausend, welche die Burg vertheidigt hatten, entkam keiner 94).

Indessen hatte Perdikkas die Stadt, gegen die er gesandt war, bereits von den Einwohnern verlassen gefunden; er beeilte sich den Fliehenden nachzusetzen, er holte sie in der That noch ein, und die sich nicht über den Strom oder in das Sumpfland an dessen Ufer gerettet hatten, wurden erschlagen. Alexander seinerseits hatte nach Erstürmung der Burg von Agalassa den Seinigen wenige Stunden Ruhe gegönnt; mit Einbruch der Nacht ließ er, nachdem eine kleine Besatzung in die Burg gelegt war, aufbrechen und dem Hyarotis zu marschiren, um den Malliern der Umgegend die Flucht auf das jenseitige Ufer abzuschneiden. Gegen Morgen erreichte er die Furth des Flusses, die meisten der Feinde waren schon hinüber geflüchtet; die noch zurück geblieben,

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93b) Dieß könnte etwa Moree unfern des Stromes sein. — 94) Arrian. VI. 6.

 

436 wurden niedergehauen; Alexander selbst setzte sogleich durch den Strom, bald waren die fliehenden Schaaren eingeholt, von Neuem begann das Gemetzel; wer entkam, rettete sich in eine nahe liegende Feste, die übrigen ergaben sich dem Sieger. Sobald das Fußvolk nachgekommen war, entsandte der König den Pithon mit seiner Phalanx und zweien Geschwadern gegen diese Feste, sie fiel beim ersten Sturm, und die Mallier in ihr wurden zu Kriegsgefangenen gemacht, worauf sich Pithon wieder mit Alexander vereinte.

Alexander war indessen gegen eine Brachmanenstadt, in die sich gleichfalls viele Mallier geworfen hatten, vorgerückt und hatte sofort die Mauern umzingelt und sie zu untergraben beginnen lassen; zugleich von den Geschossen der Macedonier bedeutend mitgenommen, zogen sich die Indier in die Burg der Stadt zurück; eine Schaar Macedonier war allzu kühn vorgegangen und mit in die Burg hineingedrungen; aber sie vermochte sich nicht gegen die Uebermacht zu halten; fast abgeschnitten, schlug sie sich mit bedeutendem Verluste durch. Das steigerte die Erbitterung der Macedonier, sofort ließ Alexander Sturmleitern heran bringen und die Burgmauern unterminiren; sobald ein Thurm und der daran stoßende Theil der Mauer eingestürzt war und eine Bresche zum Stürmen darbot, war Alexander der erste auf den Trümmern, ihm nach drangen jubelnd die Macedonier und in kurzer Zeit war die Mauer trotz der tapfersten Gegenwehr von Feinden gesäubert; viele von ihnen wurden im Kampfe erschlagen, andere warfen sich in die Gebäude, steckten sie in Brand und schleuderten, während die Feuersbrunst ungehemmt um sich griff, aus den brennenden Häusern Speere und Balken auf die Macedonier, bis sie der Gluth und dem Dampf erlagen. Wenige fielen lebend den Macedoniern in die Hände, gegen fünftausend waren beim Sturm und beim Brande der Burg umgekommen 95).

Alexander ließ hier seine, durch die ungeheueren Anstrengungen der letzten fünf Tage erschöpften Truppen einen Tag ruhen; mit frischen Kräften zogen sie dann aus, die anderen Mallischen Städte auf der Südseite des Hyarotis zu erobern; aber überall

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95) Arrian. VI. 7.

 

437 waren die Einwohner vor ihrer Ankunft bereits entflohen, und Alexander, nicht gesonnen, die einzelnen Haufen aufzusuchen, begnügte sich, die Städte zu zerstören. So mehrere Tage; dann folgte wieder ein Ruhetag, damit die Truppen zum Angriff auf die größte Stadt diesseits, in die sich, auf ihre Stärke vertrauend, viele Mallier geworfen haben sollten, frische Kraft sammeln konnten. Um die waldigen Ufer stromaufwärts, im Rücken der ferneren Bewegungen, den zersprengten Mallier nicht zum Zufluchtsort und zum Sammelplatz für eine gefährliche Diversion werden zu lassen, wurde die Phalanx Pithon, das Geschwader Demetrius und zwei Haufen leichtes Volk an den Strom zurückgesandt, mit dem Auftrage, die Indier dort in den Wäldern und Sümpfen aufzusuchen, und alle, die sich nicht freiwillig ergäben, niederzuhauen. Mit den übrigen Truppen zog Alexander selbst, in der Erwartung eines hartnäckigen Kampfes, auf die oben bezeichnete Stadt los; aber so groß war der allgemeine Schrecken, den die Macedonischen Waffen verbreitet hatten, daß die Indier in der großen Stadt, an der Möglichkeit, sie zu behaupten, verzweifelnd, sie Preis gaben, sich über den nahen Strom zurück zogen und dessen hohe Nordufer besetzten, in der Hoffnung, von dieser allerdings günstigen Position aus den Uebergang der Macedonier hindern zu können. Sobald Alexander davon unterrichtet war, brach er schleunigst mit der gesammten Reuterei auf, und befahl dem Fußvolk ohne Verzug nachzurücken. Angekommen an dem Strom, ließ er, unbekümmert um die jenseits aufgestellte Linie der Feinde, sofort den Uebergang beginnen, und die Indier, durch die Kühnheit dieses Mandvers in Schrecken gesetzt, zogen sich, ohne den ungleichen Kampf zu versuchen, in geschlossener Linie zurück; aber sobald sie bemerkten, daß ihnen nicht mehr als vier bis fünftausend Mann Reuter gegenüber waren, wandte sich ihre ganze Linie, wohl funfzigtausend Mann stark, gegen Alexander und dessen Reutercolonne, und versuchte sie vom Ufer, das sie bereits besetzt hatten, hinab zu drängen. Mit Mühe und nur durch eine Reihe künstlicher Bewegungen, durch welche jedem Handgemenge ausgewichen wurde, behaupteten sich die Reuter auf diesem schwierigen Terrain, bis nach und nach einige Schaaren leichtes Volk und namentlich die Schützen nachgekommen waren, und man jen438seits auch schon das schwere Fußvolk dem Ufer nahen sah. Jetzt begann Alexander zum Kampf vorzurücken, aber die Indier wagten nicht den Angriff zu erwarten; sie wandten sich zur Flucht in eine benachbarte, stark befestigte Stadt; die Macedonier verfolgten sie lebhaft, tödteten viele auf der Flucht und machten nicht eher, als unter den Mauern der Stadt, Halt 96).

Alexander ließ sofort die Stadt von der Reuterei umzingeln; doch wurde es später Abend, ehe das Fußvolk heran kam, zugleich waren Alle, die Reuterei von dem Flußübergange und der heftigen Verfolgung, das Fußvolk von dem weiten und schweren Marsche, so erschöpft, daß für diesen Tag nichts weiter unternommen werden konnte; so wurde das Lager rings um die Stadt her aufgeschlagen. Aber mit dem ersten Morgen begann Alexander mit der einen, Perdikkas mit der zweiten Hälfte des Heeres von allen Seiten das Stürmen gegen die Mauern; die Indier vermochten nicht sie zu behaupten, sie zogen sich von allen Seiten auf die stark befestigte Burg zurück. Alexander ließ auf seiner Seite ein Thor der Stadtmauer erbrechen, und drang an der Spitze seiner Leute, ohne Widerstand zu finden, in die Stadt und durch die Straßen zur Burg; sie war mit starken Mauern versehen, die Thürme wohlbemannt, die Belagerungsarbeit unter den Geschossen der Feinde gefährlich. Dennoch begannen die Macedonier sofort zu untergraben, andere brachten ein Paar Sturmleitern heran und versuchten sie anzulegen; aber der ununterbrochene Pfeilregen von den Thürmen machte selbst die Muthigsten stutzen. Da ergriff Alexander eine Leiter; in der Linken den Schild, in der Rechten sein Schwert, stieg er empor, ihm nach Peucestas und Leonnatus auf derselben, ein alter Kriegshauptmann Abreas auf einer zweiten

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96) Arrian. Die Lage dieser Stadt ist nicht mehr nachzuweisen; möglich jedoch ist, daß sie etwa da, wo auf Macartney’s Karte Sumpur verzeichnet ist, lag, und daß der Stromübergang Alexanders von der Stadt Ima gen Sumpur führte; wenigstens führen darauf die auf Macartney’s Karte verzeichneten Wege, und es stimmt ziemlich damit, daß Alexanders Jacht (s. u.) mit der Strömung in vier Tagen bis zum Lager an der Mündung des Hyarotis hinabfuhr.

 

439 Leiter. Und schon ist der König bis an die Zinne; den Schild vor sich aufgestützt, zugleich kämpfend und sich wehrend, stürzt er die Indier, die auf ihn hinabschlagen, rücklings von der Mauer hinab, und braucht sein kurzes Schwert gegen ihre Füße; endlich ist die Stelle vor ihm einen Augenblick frei, er schwingt sich auf die Zinne, ihm folgt Perdikkas, Leonnatus, Abreas, schon dringen die Hypaspisten mit lautem Geschrei auf den Leitern nach, überfüllt brechen diese zusammen, und der König auf der Zinne ist abgeschnitten. In seiner glänzenden Rüstung und seinem Helmbusch erkennen ihn die Indier; zu nahen wagt ihm Niemand, aber Pfeile, Speere, Steine werden aus den Thürmen herab, aus der Burg herauf gegen ihn geschleudert; seine Getreuen rufen ihm zu, zurück zu springen und seines Lebens zu schonen; er aber mißt mit einem Blick die Mauerhöhe zur Burg hinein, und schon ist der kühne Sprung gethan, er steht allein innerhalb der feindlichen Mauer; mit dem Rücken an sie gelehnt erwartet er die Feinde. Schon wagen sie zu nahen, schon dringt ihr Führer auf ihn los, mit einen Schwertstoß durchbohrt ihn Alexander, einen Zweiten zerschmettert er durch einen Steinwurf, ein Dritter, ein Vierter sinkt unter des Königs Schwert; die Indier weichen zurück, sie beginnen von allen Seiten her mit ihren Pfeilen auf ihn zu zielen; noch schützt ihn sein Schild, dann ermüdet sein Arm; aber jetzt treten Peucestas, Leonnatus, Abreas an seine Seite, und schon sinkt dieser von einem Pfeile durchbohrt nieder; jauchzend sehen das die Indier, mit doppeltem Eifer schießen sie; ein Pfeil trifft des Königs Brust, der Panzer ist durchbohrt, ein Blutstrahl sprüht hervor, mit ihm der Athem der Lunge; Alexander merkt es in der Wuth des Kampfes nicht, er will noch kämpfen; da beginnt das Blut zu stocken, zu erkalten, die Knie schwanken, der Athem röchelt, das Auge bricht, er sinkt nieder auf seinen Schild. Wilder dringen die Indier vor, Peucestas deckt den Gefallenen mit dem heiligen Schilde von Ilion, Leonnatus beschirmt ihn von der anderen Seite; und schon trifft sie Pfeil auf Pfeil, sie halten sich kaum noch aufrecht, der König verblutet.

Indeß ist vor den Mauern die wildeste Bewegung; die Macedonier haben ihren König in die Stadt hinab springen sehen; es ist nicht möglich, daß er sich rettet, und sie vermögen ihm nicht zu 440 folgen; man will Sturmleitern, Maschinen, Bäume anlegen, Alles verzögert, jeder Augenblick Säumniß kann sein Tod sein; sie müssen ihm nach; die Einen treiben Pflöcke in die Mauer und klimmen empor, Andere steigen auf den Schultern der Kameraden zu den Zinnen hinan; da sehen sie den König am Boden, Feinde dicht umher, schon sinkt Peucestas, vor Wuth und Jammer schreiend stürzen sie sich hinab; sie schaaren sich schnell um den Gefallenen, dicht verschildet rücken sie vor und drängen die Barbaren hinweg; andere werfen sich auf das Thor, reißen es auf, heben die Thorflügel aus den Angeln, und mit wildem Geschrei stürzen die Kolonnen hinein in die Burg. Nun geht es mit doppelter Macht auf den Feind, sie schlagen Alles todt, Weiber, Kinder werden durchbohrt, das Blut soll ihre Rache kühlen. Andere tragen den König auf seinem Schilde hinaus; noch ist der Pfeil in seiner Brust; man versucht ihn hinaus zu ziehen, ein Widerhaken hält ihn zurück; der Schmerz läßt den König aus seiner Ohnmacht erwachen; seufzend bittet er, den Pfeil aus der Wunde zu lösen, die Wunde mit seinem Schwert zu erweitern. So geschieht es, reichlich rieselt das Blut hervor, eine neue Ohnmacht überfällt ihn; Leben und Tod scheint über ihn ringen; weinend stehen die Freunde um sein Bett, die Macedonier vor dem Zelt; so vergeht der Abend und die Nacht 97).

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97) Arrian hat VI. II. die von der obigen Darstellung (nach Ptolemäus) abweichenden Angaben kritisch untersucht, so daß über deren Irrthümlichkeit kein Zweifel sein kann. Besonders tadelt er die Angabe, daß der Vorfall im Lande der Oxydraker geschehen sei, wie Curtius IX. 4. 26., Lucian Dial. mort. XIV. 14, Appian. civ. Il. 102, Paus. I. 6., Andere bei Freinsheim ad Curtium IX. 1. c. berichten. Eine zweite Abweichung findet bei den Namen derer Statt, die mit dem Könige in der Burg waren; Plutarch 63. nennt Peucestas und Limnäus, Curtius IX. s. 15. Peuccstas, Timäus, Leonnatus, Aristonus; Timagenes und Klitarch (nach Curtius) und nach ihnen Paus. l. c., Steph. Byz. v. Οξίδρακαι fügten den Lagiden Ptolemäus hinzu, der wenigstens zehn Meilen entfernt stand. Peucestas galt allgemein im Alterthum für Alexanders Retter (Alexandri Magni servator Plin. XXXIV. 8.). Viele

 

441 Indeß waren Gerüchte von diesem Kampf, von der Wunde, vom Tode Alexanders sehr bald in das Lager an der Hyarotismündung gekommen, und hatten dort eine Bewegung hervor gebracht, die nicht leicht zu beschreiben ist; von Mund zu Mund ging die Kunde, und in kurzer Zeit füllte lautes Jammern und Weinen das Lager; dann wurde es stiller, man begann zu fragen, was nun werden sollte, Besorgniß, Muthlosigkeit, das furchtbarere Schweigen der Verzweiflung nahm Ueberhand; wer sollte des Heeres Führer werden? wie sollte das Heer in die Heimath zurück kehren? wie die endlosen Länderstrecken, die furchtbaren Ströme, die öden Gebirge, die Wüsteneien hindurch Weg und Rath finden? wie sich vertheidigen vor allen den streitbaren Völkern, die ihre Freiheit zu vertheidigen, ihre Unabhängigkeit wieder zu erkämpfen, ihre Rache an den Macedoniern zu stillen, nicht länger zögern würden, da Alexander nicht mehr zu fürchten war? Und als die Nachricht kam, noch lebe der König, so glaubte man es kaum, so verzweifelte man, daß er dem Tode entrinnen würde: und als Briefe von dem Könige selbst kamen, daß er in der Genesung sei, daß er in Kurzem in das Lager zurück kehren werde, so meinte das Heer in seiner hoffnungslosen Bekümmerniß, der Brief sei von des Königs Feldherren erdichtet, um die Gemüther

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nannten außer Alexanders Brustwunde auch noch einen Keulenschlag gegen den Hals. Der Pfeil selbst wurde entweder durch Perdikkas oder durch den Asklepiaden Kritobulus von Kos (Kritodemus bei Arrian), den berühmten Arzt des Königs Philipp, der diesem den Pfeil von Methone aus dem Auge gelöst hatte, herausgezogen, Plinius VII. 37. Das Herauslösen des Pfeils erzählt Plutarch de fort. Alex. II. fin. etwas anders: den Pfeil aus dem Brustbeine heraus zu ziehen, vermochte man nicht; das Rohr abzusägen wollte man nicht wagen, aus Furcht, der Knochen möchte splittern; da Alexander die Bestürzung der Umgebung sah, sing er selbst an, das Rohr an der Oberfläche des Harnisches mit dem Dolche wegzuschneiden, aber die Hand erstarrte und sank herab, er befahl daher, unerschrocken anzugreifen; er schalt die Umstehenden wegen ihres Weinens und Mitleidens, er schalt sie Verräther, da sie ihm ihre Hülfe versagten u. s. w.

 

442 zu beruhigen, in Wahrheit aber der König todt und sie ohne Rath und Rettung.

Indeß war Alexander wirklich vom Tode gerettet und nach sieben Tagen seine Wunde, wennschon noch offen, doch ohne weitere Gefahr; die Nachrichten aus dem Lager und die Besorgniß, es möchte bei den Truppen der Glaube, er sei todt, Unordnungen erzeugen, veranlaßten ihn, seine völlige Herstellung nicht abzuwarten, sondern schon jetzt zum Heere zurück zu kehren. Er ließ sich zum Hyarotis hinab und auf eine Jacht tragen, auf der ein Zelt für sein Krankenlager errichtet war; ohne Ruderschlag, um die Erschütterung zu meiden, nur von der Strömung getragen, nahte die Jacht erst am vierten Tage dem Lager. Die Kunde, Alexander komme, war voraus geeilt, Wenige glaubten sie; sie meinten, des Königs Leichnam werde daher gebracht. Und schon sah man zwischen der Uferwaldung die Jacht mit dem Purpurzelte den Strom herab kommen; mit ängstlicher Spannung standen die Tausende längs dem Ufer. Da gebot Alexander, das Zelt aufzuschlagen, damit ihn Alle sähen; er breitete die Arme den Seinigen entgegen; da erscholl unendlicher Jubelruf von den getreuen Kriegern, sie streckten die Hände gen Himmel empor oder ihrem Könige entgegen, und Freudenthränen mischten sich in den wiederholten Jubelruf. Dann legte die Jacht an, und die Hypaspisten trugen des Königs Lager aus Ufer; er aber ließ sich ein Pferd bringen, um durch die Reihen der Seinigen dahin zu reiten; als diese ihn wieder hoch zu Roß in ihrer Mitte sahen, da jauchzten und jubelten sie von Neuem, und es wiederhallten die Ufer drüben und die Waldungen umher. So nahte er dem Zelte, das für ihn bereitet war und stieg vom Pferde, um die kurze Strecke bis hinein zu gehen; es drängten sich die Macedonier von allen Seiten heran, ihn von Nahem zu sehen, seine Hand, sein Knie, sein Kleid zu berühren, ihm ein herzliches Willkommen zuzurufen, ihm Bänder und Blumen zuzuwerfen. Und die Freunde an seiner Seite, vor Allen Hephästion, Kraterus und der Lagide Ptolemäus sprachen herzlich mit ihm und schalten ihn, daß er sich so der Gefahr ausgesetzt: das sei des Soldaten, nicht des Feldherrn Sache. Der König aber freute sich mehr über eines Böotischen Kriegsmannes Rede, der ihm aus der Menge den Aeschyleischen 443 Vers zurief: o Alexander, dem Mann die That, doch folgt der That ihr Leid! – 98).

Was man auch über die Verwegenheit Alexanders sagen mag, jedenfalls hatte die schnelle Eroberung der Mallischen Hauptfeste den mächtigsten Eindruck auf sämmtliche Völkerschaften dieser Gegenden gemacht. Die Mallier selbst, obschon noch ein Theil ihres Gebietes von den Macedoniern nicht berührt war, verzweifelten, längeren Widerstand zu leisten; in einer demüthigen Gesandtschaft ergaben sie sich und ihr Land dem großen Könige. Die Oxydraker oder Sudraker 99), die mit den Malliern als die tapfersten Völker Indiens berühmt waren, und über eine bedeutende Streitmacht zu verfügen hatten, zogen es vor, sich zu unterwerfen; eine große Gesandtschaft, bestehend aus den Befehlshabern der Städte, den Herren der Landschaft und einhundert und funfzig der Vornehmen des Landes, kamen mit reichen Geschenken zu Alexander, zu Allem, was er fordern würde, bevollmächtigt; sie sagten, daß sie nicht schon eher vor dem Könige erschienen, sei ihnen zu verzeihen, da sie mehr noch als irgend ein anderes Volk Indiens ihre Freiheit liebten, die sie seit undenklichen Zeiten, seit dem Zuge des Gottes, den die Griechen Dionysos nennen, bewahrt hätten; dem

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98) Arrian. VI. 13. Aeschyl. apd. Stob. ecl. Phys. I. 4. p. 118. — 99) Wir haben keinen Anstand genommen, mit Lassen p. 27. die Oxydraker, oder, wie sie von anderen Autoren genannt werden, Sudraker, Hydraker, in dem Namen der vierten Indischen Kaste der Sudris (Adjekt. und Diminut. Sûdraka) wieder zu erkennen, welche im übrigen Indien die Masse des Volkes bilden, und, ohne übrigens verachtet oder im Druck zu leben, von den höheren Kasten, besonders in religiöser Hinsicht, nachgesetzt werden, indem ihnen das Lesen und Anhören der Vedas verboten ist. Wie man sich auch das Entstehen der Kasten oder Farben in Indien vorstellen mag, jedenfalls sind diese an dem Indus wohnenden Völker nicht kastenhaft constituirt, sondern ein Nebeneinander von Stämmen, wie sie im übrigen Indien sich nach und nach subordinirten; und jener Siegeszug des Gottes, den die Sudraker Dionysos nannten, möchte mit Bestimmtheit auf eine Erinnerung der Indischen Geschichte zurück zu führen sein. cf Bohlen das alte Indien p 140 sq.

 

444 Alexander aber, denn er solle ja von den Göttern stammen, und seine Thaten seien Beweis dafür, unterwürfen sie sich gern, und seien bereit, einen Satrapen, den er setzen würde, aufzunehmen, Tribut zu zahlen und Geißeln zu stellen, so viel der König verlangen würde. Er verlangte tausend der Edelsten des Volks, und stellte ihnen anheim, ob sie ihn als Geißeln oder als Kampfgenossen bis zur Unterwerfung der noch übrigen Landschaften Indiens begleiten wollten. Die Sudraker stellten die tausend Edlen, außerdem sandten sie freiwillig fünfhundert Kriegswagen mit vollständiger Bemannung, worauf Alexander die Tausend huldreich entließ, die Kriegswagen aber seinem Heere zufügte; ihr Gebiet nebst dem der Mallier wurde zu der Satrapie Indien unter Philipp geschlagen. –

Nachdem Alexander vollkommen hergestellt war, und den Göttern in feierlichen Opfern und Kampfspielen für seine Genesung gedankt hatte, brach er aus seinem Lager an der Hyarotismündung auf; während des Aufenthaltes an dieser Stelle waren viele neue Schiffe gebaut worden, so daß jetzt bedeutend mehr Truppen als bisher mit dem Könige stromab fahren konnten, es waren mit ihm zehntausend Mann vom Fußvolk, von den Leichtbewaffneten die Schützen und Agrianer und tausend siebenhundert Mann Macedonische Ritterschaft. So segelte der König aus dem Hyarotis in den Acesines hinab, durch das befreundete Land der Sudraker, an der Hyphasismündung vorüber bis zur Vereinigung des mächtigen Punjund mit dem Indus. Nur die Abasthanas hatte Perdikkas im Vorüberziehen zur Unterwerfung zwingen müssen; die anderen Völkerschaften von nah und fern schickten Gesandtschaften mit reichen und kostbaren Geschenken, feinen Webereien, Edelsteinen und Perlen, bunten Schlangenhäuten, Schildkrötenschaalen, gezähmten Löwen und Tigern; auch neue Schiffe in bedeutender Zahl, die Alexander im Lande der Xathras hatte bauen lassen, kamen den Strom herab 100).

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100) Arrian VI. 15. Die Lage dieser Völker nachzuweisen ist um so schwieriger, da Diodor und Curtius Alles verwirren, und in den Indischen Berichten Arrians andere Verwirrungen durch die oft falschen Augaben über die verschiedenen Strommündungen

 

445 Hier, wo der Indus den großen östlichen Nebenarm, in den sich alle Ströme des Panschab ergießen, aufnimmt, und wo für den Verkehr zwischen dem Innern des Landes und der Indusmündung sich der natürliche Mittelpunkt bildet, beschloß Alexander eine Hellenische Stadt zu gründen, die eben so wichtig für die Behauptung des Landes, wie durch den Indushandel bedeutend und blühend werden mußte 101); sie sollte der südlichste Punkt in der Indischen Satrapie des Philipp sein, der hier mit einer ansehnlichen Heeresmacht, bestehend aus den sämmtlichen Thracischen Truppen und einer verhältnißmäßigen Zahl Schwerbewaffneten aus den Phalangen zurückblieb, mit dem Auftrage, namentlich für den sicheren Handel in dieser Gegend die möglichste Sorge zu tragen, einen geräumigen Hafen im Indus, Schiffswerfte und Magazine anzulegen, und auf alle Weise das Aufblühen dieses Alexandriens zu befördern.

Es mochte im Februar des Jahres 325 sein, daß das Macedonische Heer von Alexandria zu den Ländern des unteren Indus aufbrach; der größere Theil desselben nebst den Elephanten war unter Kraterus auf das östliche Ufer des Stromes hinübergesetzt, wo die Wege besser und die anwohnenden Völker noch nicht alle zur Unterwerfung geneigt waren. Der König selbst fuhr mit den oben genannten Truppen den Strom hinab. Heer und Flotte kam ohne Hinderniß in das Land der Sogdier, und

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entstehen; gewiß scheint nur das Eine, daß der Oxydraker oder Sudraker sehr ausgedehntes Gebiet nicht weit südwärts von der Hyarotismündung, an der Mallischen Grenze begann, und über die Grenze des heutigen Multan hinaus bis zur Vereinigung des Acesines und Hyphasis hinabreichte; die Xathras (Sodras bei Diodor XVII. 102., Sabracas Curtius IX. 84.), offenbar der Name der Kschatras, die aus Vermischung der Kschatrijas (Kriegerkaste) und der Sudras entstehen, müssen eine waldreiche Ufergegend bewohnt haben; es dürfte wohl eher die des unteren Hyphasis, heute Gharrafluß, als die des Indus gewesen sein. Die Abasthanas (Sambastae bei Diodor) und ihre Wohnsitze sind durch nichts bezeichnet. — 101) Daß diese Stadt das von Steph. Byz. bezeichnete sechste Alexandrien ist, scheint ziemlich gewiß. Wie glücklich sie für

 

446 machte bei deren Hauptstadt 102) Halt; sie wurde unter dem Namen des Sogdischen Alexandrien zu einer Hellenischen Kolonie gemacht, bedeutend befestigt, mit Hafen und Schiffswerften versehen und dem Satrapen des unteren Indus, dessen Gebiet sich von der Punjundmündung bis zum Meere erstrecken sollte, als Residenz angewiesen, Pithon aber mit einem Heere von zehntausend Mann zum Satrapen bestellt 102b).

Die Stelle des Sogdischen Alexandrien ist für den unteren Lauf des Indus eine der wichtigsten; hier beginnt sich der Charakter des Stromes, der Landschaft, der Bevölkerung entschieden zu ändern. Die Wüsten, die oberhalb noch an die beiden Ufer herantreten, weichen zurück, der Indus theilt sich in mehrere Arme, fruchtreiches, dichtbevölkertes Marschland dehnt sich längs den Ufern aus, bald wird die Nähe Oceanischer Einflüsse merkbar. Hierzu kommt ein zweites, nicht minder merkwürdiges Verhältniß;

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den Handel gelegen war, hat Vincent p. 136. ausführlicher gezeigt. Es darf nicht auffallen, daß ihrer in späterer Zeit nicht mehr erwähnt wird. Die Berichte aus der Zeit des Baktrianischen, des Indoscythischen Reiches sind zu ärmlich, als daß man dasjenige, was sie nicht nennen, für nicht mehr vorhanden halten müßte. Daß Alexander die Wüstenstrecke gen Osten nicht unberücksichtigt ließ, scheinen die Traditionen jener Gegend zu bestätigen. Unter den Johyas hat sich das Andenken an Secander Rumi erhalten, und die Ruinen von Rung-mahl bei Dandusir sollen die Hauptstadt eines Fürsten gewesen und von Alexander zerstört worden sein. Asiatic Journal. 1832. Mai p. 60. Tod II. p. 214. — 102) Vincent p. 119 sq. und Pottinger p. 382. finden, gewiß mit Recht, die Lage dieser Stadt in dem heutigen Bhukor wieder; den Namen Alexandrien führte sie nach dem ausdrücklichen Zeugniß des Curtius IX. 8. 8. und nach Steph. Byz., der sie nach dem Namen des umwohnenden Volkes bezeichnet. Die zehntausend Mann, die hier zurück blieben, giebt Diodor an. Pithon oder Peithon, nicht Python scheint der Name des Satrapen, der sowohl von Pithon, Krateas Sohn aus Eordäa, als auch von Python von Catana oder Byzanz (Athenäus), dem angeblichen Dichter des Satyrspiels Agen, zu unterscheiden ist. — 102b) „Pithon und Oxyartes“ sagt Arrian. Näheres darüber unten Note 112c. – Die Sogdi hält Tod I. p. 92. für Soda’s, die zu den Pramara’s gehören.

 

447 während sich ostwärts ein einförmiges, unabsehbares Flachland ausdehnt, sieht man über der Ebene im Westen einen mächtigen Gebirgswall emporsteigen, der die Landschaft schließend südwärts sich immer näher an den Strom heranzieht; der große Nebenarm, den bald unter Alexandria der Indus gen Westen sendet, bespült den Fuß dieses Gebirges, und kehrt dann in langsamer Windung zum Hauptbette zurück; überall ist das Land wie ein Garten, Weinberge schmücken die Höhen, der Weihrauch des Arabischen Trockenklimas, die Blumenflur feuchtwarmer Tropengegend, der Mais der sumpfigen Ufergegenden gedeiht hier neben einander; Städte und Flecken in zahlloser Menge schmücken das Land, auf den Flußarmen ist steter Verkehr, und die Bevölkerung südländisch, dunkelfarbig, unter fürstlichem Regiment, unterscheidet sich sehr von den Völkern der oberen Indusländer; hier hat die Kaste der Braminen hohen Rang und entscheidenden Einfluß auf das öffentliche Leben, und die Handlungsweise der Fürsten wird eben so sehr durch religiöse Vorurtheile wie von Argwohn und kleinlicher Selbstsucht bestimmt; eine Charakteristik, die im Laufe der Jahrhunderte, bei allem Wechsel der Herrschaft, der Religion, ja der Natur selbst, sich gleich geblieben ist.

Diese Eigenthümlichkeiten des Landes und der Bevölkerung machten sich im Verhältniß zu Alexander sofort geltend. Die Unterwerfung der Mallier hatte allen Widerstand der nächstwohnenden Völker aufhören lassen, und im ununterbrochenen Siegeszuge war das Heer bis in das Land der Sogdier gekommen. Hier aber wartete der König auf freiwillige Unterwerfung der weiteren Völkerschaften vergebens; weder die Fürsten selbst, noch Gesandtschaften der Fürsten kamen, dem Herrn des Induslandes zu huldigen; den mächtigen Fremdling zu verachten, mochten sie die Einflüsterungen der hochmüthigen Braminen oder das Vertrauen auf ihre eigene Macht verführt haben. Nur der Fürst Sambus 103) hatte sich freiwillig unterworfen; abhängig von dem

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103) So Arrian VI. 16. 4. Dagegen nennt Curtius IX. 8. 17., Diodor XVII. 102. und Strabo XV. p. 274. ihn Sabos, Plutarch aber 64. Sabbas, Justin XII. 10. Ambigerus, Orosius I. 19. gar Ambiras.

 

448 mächtigeren Musikanus, mochte er dem fremden Herrscher lieber, als dem Nachbarfürsten dienstbar sein wollen, und Alexander hatte ihn als Satrapen in seinem Berglande bestätigt 104), oder, was richtiger sein dürfte, in dem gleichen Verhältniß, wie die tributären Fürsten der Satrapie Oberindien, ihm seine Herrschaft gelassen.

Die unabhängige Stellung, welche Musikanus und die übrigen Fürsten des Landes behaupten zu wollen schienen, nöthigten den König, noch einmal die Gewalt der Waffen zu versuchen. Von Alexandrien aus fuhr er möglichst schnell stromabwärts in jenen Indusarm hinein, der gegen die Berge hin und zu der Residenz des Musikanus führt; er erreichte dessen Grenzen, bevor der Fürst einen Ueberfall ahnen mochte; durch die Nähe der Gefahr geschreckt, suchte er seinen hochmüthigen Trotz durch schnelle und niedrige Unterwürfigkeit vergessen zu machen; in Person kam er dem Könige entgegen, er brachte viele und köstliche Geschenke, unter diesen seine sämmtlichen Elephanten, er unterwarf sich und sein Land der Gnade des Königs, er gestand ein, großes Unrecht gethan zu haben, das gewisseste Mittel, Alexanders Großmuth für sich zu gewinnen. Er erhielt vollkommene Verzeihung; sein Land blieb ihm unter Macedonischer Hoheit; Alexander bewunderte die treffliche Natur dieses Landstriches; die Residenz des Fürsten, günstig zur Behauptung des ganzen Landes gelegen, erhielt eine Burg, die unter den Augen des Königs gebaut und mit einer Macedonischen Besatzung versehen wurde 105).

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104) Die Lage seines Fürstenthums der Bergindier hat Vincent p. 130 sqq. in der Gegend von Sebee, fast vierzig Meilen nordwestlich von Bhukor oder Alexandrien angesetzt; dafür ist nichts als die trügerische Namensähnlichkeit, dagegen die Entfernung, die nicht Indische Bevölkerung von Seweestan, das offenbare Zeugniß Strabos, welcher sagt, das Land grenze an Pattalene. Demnach hat Pottinger wohl Recht, wenn er die Berge, in denen das Gebiet des Sambus lag, für die Jungarberge im Süden des Indusarmes von Larkhanu, und die Hauptstadt für Sehwan am Indus hält (Pottinger p. 539. Uebers.). Colonel Tod (II. p. 220.) führt den Namen des Fürsten nach seiner Art auf die Dynastie Sind-Sama zurück. — 105) Arrian VI. 15. Der Name des Für-

 

449 Von hier brach Alexander mit den Schützen, den Agrianern und der Ritterschaft gegen das Land der Prästier und gegen den Fürsten Oxykanus, oder, wie ihn Andere nennen, Portikanus auf 106); nicht geneigt sich zu unterwerfen, hatte sich dieser mit bedeutender Streitmacht in seiner Hauptstadt eingeschlossen. Alexander nahte, schon war eine der ersten Städte des Fürstenthums ohne Mühe erobert worden, aber der Fürst, nicht durch das Beispiel des Musikanus geblendet, erwartete den Feind hinter den Mauern seiner Residenz. Alexander kam, begann die Belagerung, am dritten Tage war er so weit gediehen, daß sich der Fürst in die Burg der Stadt zurück zog und Unterhandlungen anknüpfen wollte; es war zu spät, schon war die Mauer der Burg durch eine Bresche geöffnet, die Macedonier drangen ein, die Indier im Kampf der Verzweiflung wurden überwältigt, der Fürst erschlagen. Nach dem Falle der Hauptstadt und des Fürsten war es leicht, die übrigen zahlreichen Städte dieses schönen Landes zu unterwerfen; Alexander gab sie der Plünderung Preis; er hoffte, durch das Schicksal der Prästier die Völker zu schrecken, und sie endlich die Unterwerfung, die er erzwingen konnte, freiwillig darbringen zu sehen 107).

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sten Musikanus ist zugleich der des Landes; Pottinger p. 382. (Deutsche Uebers. p. 538.) glaubt, er sei aus den beiden Landesnamen Mou und Sehwan entstanden; die Formation wäre sonderbar. Wenn der Name Mou wirklich die Landschaft bezeichnet, wie Abulfida (bei Anville Eclaircissemens p. 39.) behauptete, so möchte die Endung Kanus in dem Namen der Hauptstadt LarKhanu wieder zu finden und der Name Assakanus zu vergleichen sein. Weniger passend scheint es, mit Ritter (Asien II. p. 1095.) diesen und ähnliche Namen auf die Endung Khan zurück zu führen. Die Erklärung Tod’s (II. p. 394.) Mookh-Sehwan, d. h. the chief of Sehwan, stimmt mit der Geographie nicht überein. Aus Alexanders Operationen sieht man, daß des Fürsten Reich einen Theil der Strominsel Tschanduki umfaßte und sich auch über das Ostufer des Hauptstromes ausdehnte. — 106) Oxykanus hat Arrian, Portikanus Strabo, Diodor und Curtius; das Fürstenthum muß den Südwesten von Tschanduki umfaßt und bis zu den Jungar-Bergen südwärts gereicht haben. — 107) Arrian. VI. 16., Curtius

 

450 Aber schon waren neue Bewegungen an einem Punkte, wo man sie nicht vermuthet hätte, ausgebrochen. Der Fürst Sambus hatte mit Schrecken gesehen, daß Musikanus nicht bloß ungestraft geblieben, sondern in hohe Gunst bei dem Könige gekommen sei; er glaubte fürchten zu müssen, daß er jetzt die Strafe für seinen Abfall leiden werde; die Braminen seines Hofes, ohne anderes Interesse, als das des Hasses gegen den siegenden Fremdling, säumten nicht, seine Angst zu nähren, und ihn endlich zu dem verkehrtesten Schritt, den er thun konnte, zu bewegen; er floh über den Indus in die Wüste, und ließ in seinem Lande Verwirrung und Aufruhr zurück. Alexander eilte dorthin; die Hauptstadt Sindomana 108) öffnete die Thore, und unterwarf sich der Gnade Alexanders um so lieber, da sie nicht Theil an dem Abfall hatte; die Elephanten und Schätze des Fürsten wurden ausgeliefert, die anderen Städte des Landes folgten dem Beispiel der Residenz; nur eine, in welche sich die Braminen, die den Abfall veranlaßt, geflüchtet hatten, wagte Widerstand zu leisten; wohlbefestigt, wie sie war, schaffte sie den Macedoniern Mühe; endlich machte, so heißt es, ein Minengang, der bis in die Stadt hineingegraben wurde, und die Macedonier plötzlich auf dem Marktplatze der Feste erscheinen ließ, alle Rettung unmöglich; ein furchtbares Gemetzel machte dem Aufstande ein Ende, die Braminen büßten ihre Schuld am Kreuze 109).

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IX. 8. 12. — 108) So heißt sie bei Arrian, bei Strabo Sindonalia oder Sindolia. Die Lage ist unbekannt. Tod (I. p. 218.) hält die Indoscythische Stadt Minagara für Saminagara, d. i. Sambus Residenz (Nagara). — 109) Die Angaben sind aus Arrian, nur die Art der Eroberung nach Curtius IX. 8. 13. dargestellt; was er ein wenig später von derselben Braminenstadt erzählt, gehört einer demnächst folgenden Unternehmung an. Nach Plutarch waren es die Braminen des Sabbas, die dem Könige Alexander in jenen berühmten Sophismen antworteten, die, wie der gebildete Arrian nicht mit Unrecht bemerkt, ohne bedeutenden philosophischen Werth, dennoch den Ruhm tiefer Weisheit im Alterthume gehabt haben; jedenfalls sind sie vollkommen charakteristisch, und man erkennt in ihnen die ganze Spitzfindigkeit der Distinctionen und äußerlichen Verständigkeit, in welche die Indische

 

451 Der blinde Fanatismus der heiligen Kaste, um so wilder, je hoffnungsloser er war, hatte, durch das Schicksal der Braminen des Sambus ungeschreckt, während des Königs Abwesenheit den Fürsten Musikanus und die Bevölkerung seines Landes zum wildesten Haß gegen die Fremden, zur offenbaren Empörung, zur Ermordung der Macedonischen Besatzungen aufzureizen gewußt; zu beiden Seiten des Stromes loderte die Flamme des Aufruhrs, Alles griff zu den Waffen; und wäre der Wuth die Kraft des Willens und der Führung gleich gewesen, so hätte Alexander hier einen schweren Stand haben mögen. Aber kaum nahte er, so floh der Fürst Musikanus über den Indus; Pithon wurde zu seiner Verfolgung nachgeschickt; Alexander selbst zog gegen die Städte, die, ohne gegenseitigen Beistand, ohne verständige Führung und ohne Hoffnung sich zu retten, dem Sieger schnell in die Hände fielen 110); die Strafen des Abfalles waren streng, unzählige Indier wurden bei den Erstürmungen erschlagen, oder nach dem Siege hingerichtet, die Ueberlebenden in Sklaverei verkauft, ihre Städte zerstört und die wenigen, die stehen blieben, mit Burgen und Macedonischer Besatzung versehen, die das Land der Trümmer und der Verwüstung bewahren sollten. Musikanus selbst war gefangen worden, er und viele Braminen wurden des Todes schuldig erkannt und an den Landstraßen des Landes, dessen Unglück sie verschuldet, aufgeknüpft 111).

Der König kehrte jetzt nach seiner neuen Stadt am Indus zurück; die energische Strenge, mit der er die Empörungen erstickt und gestraft hatte, die Hinrichtungen und Verwüstungen im Lande des Musikanus schienen endlich auf die Gemüther der Indier den bezweckten Eindruck zu machen. Vor Allen be-

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Weisheit, wenn sie sich des Mythischen und Mystischen entäußert, verfallen ist. — 110) Hierher gehört die Brachmanenstadt Harmatalia (Diodor XVI. 103., Curtius IX. 8. 18.), bei deren Eroberung der Lagide Ptolemäus verwundet wurde. Die wunderliche Erzählung von seinem Traume auf dem Ruhebette des Königs scheint von Klitarch’s Erfindung zu sein; wenigstens erzählt Arrian davon nichts, der doch desselben Lagiden Denkwürdigkeiten vor sich hatte. – Abweichendes hat Strabo XV. p. 309. — 111) Arrian VI.

 

452eilte sich der Fürst Möris 112) von Pattala, dessen Herrschaft sich über das Indusdelta erstreckte, sich dem Könige zu unterwerfen; er kam gen Alexandria, ergab sich und sein Land der Gnade des Königs, und erhielt dafür seine Landschaft unter denselben Bedingungen, wie sie dem Fürsten Musikanus und den anderen Fürsten, welche im Bereich Macedonischer Satrapien saßen, vorgeschrieben gewesen waren. Nachdem Alexander von ihm nähere Erkundigungen über die Natur des Indusdelta, über die Strommündungen und den Ocean, in den sie sich ergießen, eingezogen, sandte er ihn in sein Land zurück, mit dem Befehl, Alles zur Aufnahme des Heeres und der Flotte vorzubereiten.

Mit der freiwilligen Unterwerfung des Möris, des letzten noch unabhängigen Fürsten im Induslande, waren die kriegerischen Bewegungen des Zuges geendet, wenigstens war kein großer und allgemeiner Kampf, sondern höchstens vereinzelter Widerstand und leicht zu unterdrückende Unordnungen in dem weiteren Induslande zu erwarten. So brauchte es nicht weiter der ganzen Kriegsmacht; es kam die Zeit der Rückkehr. Alexanders Wunsch, den Seeweg von Indien nach Persien zu entdecken, sein Plan, die südlichen Küstenlandschaften zwischen beiden Ländern, die bisher noch nicht durch seine unmittelbare Gegenwart unterworfen, und zum Theil von unabhängigen Stämmen bewohnt waren, zu durchziehen, machten gleichfalls nicht die Verwendung des ganzen Heeres nöthig, das zu unterhalten in den überreichen Indischen Ländern leicht war, aber auf dem Küstenwege durch oft wüste Landstriche mit mannigfachen Schwierigkeiten verknüpft sein mußte. Ueberdieß waren aus den nordöstlichen Gegenden des Reichs Nachrichten eingelaufen, welche es sehr wünschenswerth machten, eine bedeutende Macedonische Streitmacht in jenen Ländern zu zeigen. Namentlich hatte der Baktrische Fürst Oxyartes, der eben jetzt beim Heere eingetroffen war, die Nachricht von einem Aufstande der Hellenischen Militärcolonie in Baktra mitgebracht; Zwistigkeiten unter den alten Kriegsleuten hatten zu blutigen Auftritten ge-

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17. — 112) Den Namen giebt Curtius IX. 8. 28., und nur der, so daß man sich für die Richtigkeit desselben wohl nicht eben verbürgen kann.

 

453führt; von Furcht vor Strafe weiter getrieben, hatten sie sich der Burg von Baktra bemächtigt, die Barbaren zum Abfall aufgerufen, und dem Athenodorus, ihrem Rädelsführer, den Königlichen Namen gegeben, der sie seinerseits in die Hellenische Heimath zurück zu führen versprach; gegen Athenodorus hatte ein gewisser Bikon, voll Eifersucht auf dessen Königthum, Ränke geschmiedet, ihn auf einem Gastmahle bei Boxus, einem vornehmen Barbaren, ermordet, und anderen Tages vor dem versammelten Heere sich gerechtfertigt; mit Mühe war es den Hauptleuten gelungen, ihn vor der Wuth des Heeres zu schützen, sie selbst hatten sich dann wieder gegen ihn verschworen, ihn auf die Folter gespannt, um ihn dann gleichfalls zu tödten; da waren die Soldaten herein gedrungen, hatten ihn von der Folter befreit, und waren unter seiner Führung, dreitausend an der Zahl aufgebrochen, um den Weg in die Heimath zu suchen. Es ließ sich erwarten, daß dieser Haufe bereits von den Truppen der Satrapie zur Ruhe gebracht worden 112b); doch war es nothwendig, daß für jeden Fall bedeutende Truppenmacht in der Nähe erschien. Auch in der Satrapie des Paropamisos war nicht Alles in der gehörigen Ordnung, Tyriaspes hatte durch Bedrückungen und Ungerechtigkeiten aller Art die Bevölkerung gegen sich aufgereizt, so daß laute Beschwerde gegen ihn beim Könige einlief; er wurde seines Amtes entsetzt und der Fürst Oxyartes statt seiner gen Alexandria gesandt 112c). Beunruhigender waren die Nachrichten aus dem Inneren Arianas; der Perser Ordanes hatte sich unabhängig erklärt und die Herrschaft

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112b) Curtius IX. 7, 1., Diodor XVII. 99. der die Empörung bis Sogdiana ausdehnt. Beide sagen, daß diese Griechen auf dem Rückwege nach Alexanders Tode von Pithon überwältigt und niedergemacht seien, eine offenbare Verwirrung; das Wahrscheinlichere ist im Text angedeutet. — 112c) Arrian VI. 15., Curtius IX. 8. 9. Arrian sagt, daß Pithon und Oxyartes die Satrapie des unteren Indus erhalten hätten; das scheint um so weniger richtig, da beide nicht an einander grenzten, sondern durch die Satrapie des oberen Indien und Arachosien getrennt waren; das funfzehnte Kapitel, wo diese Angabe steht, ist auch sonst noch interpolirt.

 

454 der Ariasper am unteren Ctymander usurpirt 112d). Hier vor Allem war es wichtig, eine bedeutende Macedonische Streitmacht erscheinen zu lassen, um die Gefahr im Keime zu ersticken.

Deshalb wurde von Alexandria aus ohngefähr der dritte Theil des Heeres auf dem Wege durch das innere Land zurück gesandt. Es waren die Phalangen Attalus, Antigenes, Meleager, ein Theil der Bogenschützen und die sämmtlichen Elephanten; dazu diejenigen von den Getreuen und den übrigen Macedoniern, welche zum Dienst untauglich in die Heimath entlassen wurden; den Befehl über Alle erhielt Kraterus; er sollte, so lautete sein Auftrag, durch Arachosien und Drangiana gen Karamanien marschiren 113), sollte die böswilligen Neuerungen in jenen Gegenden unterdrücken, und namentlich die dortigen Satrapen veranlassen, Transporte

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112d) Arrian VI. 27. 6.; Curtius IX. 10. 20. hat Orcinen (Ocinen) et Tariaspen (Zariaspen) nobiles Persas; da Arrian nur den einen Ordanes kennt, den Kraterus auf seinem Wege durch Arachosien, Drangiana, das Ariaspenland und Choarene (so folgen die Eroberungen) gefangen nahm, so scheint es nicht zu dreist, bei Curtius den Fehler voraus zu setzen, daß er aus dem Namen des usurpirten Volkes den eines zweiten Empörers Ariaspes machte. — 113) Strabo sagt XV. p. 307., Kraterus sei „vom Hydaspes anfangend, durch Arachosien und Drangiana gezogen“. Kann das bezeichnen, daß er von dem Sogdischen Alexandrien aus, den Indus, den Acesines aufwärts bis zum Hydaspes ging, um dann seinen Rückmarsch anzutreten? Das wäre nicht bloß ein zweckloser und erschöpfender Umweg gewesen, sondern der Weg hätte dann weiter durch Taxiles Reich, durch die Indische Satrapie und die Paropamisaden gen Arachosien führen müssen. Strabo selbst giebt p. 313. das Richtige an die Hand, indem er als die südöstlichste Landschaft des Parthischen Reichs, die an Indien stößt, Choarene bezeichnet, und angiebt, daß durch sie Kraterus gezogen sei. Natürlicher ist, daß Kraterus den Weg durch die Arachotischen Gebirge, vielleicht den von Alexandria oder Bukhor über Shikapur nach Kandahar nahm. Diese wichtige Passage durfte überdieß nicht unbesetzt bleiben. Warum Kraterus nicht über Kelat in Beloodschistan gezogen sein kann, setzt Pottinger p. 386. (Deutsche Uebers.) auseinander.

 

455 von Lebensmitteln nach der Gedrosischen Küste, die Alexander demnächst zu durchziehen gedachte, hinab zu senden 114).

Nach der Absendung des Kraterus brach auch Alexander aus dem Gebiet der Sogdier auf; er selbst fuhr mit der Flotte den Strom hinab, während Pithon mit den berittenen Schützen und den Agrianern auf das rechte Stromufer hinüber ging, um die im Fürstenthum des Musikanus errichteten Burgflecken zu bevölkern, die letzten Spuren von Unordnungen in dem hartgestraften Lande zu unterdrücken, und sich dann in Pattala wieder mit dem Hauptheere zu vereinigen; das übrige Heer führte Hephästion auf dem linken Indusufer zu derselben Stadt hinab. Aber schon am dritten Tage der Fahrt erhielt Alexander die Nachricht, daß der Fürst von Pattala, statt Alles zum Empfange des Macedonischen Heeres zu bereiten, mit dem größten Theile der Einwohner in die Wüste geflohen sei; vielleicht aus Furcht vor dem mächtigen Könige, wahrscheinlicher von den Braminen aufgeregt. Alexander eilte desto schneller vorwärts, überall waren die Ortschaften von den Einwohnern verlassen; er erreichte, es war gegen Ende Juli, Pattala 115). Straßen und Häuser waren leer, alles bewegliche Gut geflüchtet, die große Stadt wie ausgestorben. Sofort wurden einige leichte Truppen ausgesandt, die Spur der Geflüchteten zu verfolgen; es gelang ihnen, Einige einzufangen; sie wurden vor den König gebracht, der sie mit unerwarteter Milde empfing, und sie an ihre Landsleute aussandte, mit der Aufforderung, in

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114) Diodor sagt XVII. 105., daß Alexander aus der Wüste Gedrosiens, als er in größter Noth war, diesen Befehl gab und daß derselbe noch zur rechten Zeit erfüllt worden; aus dieser widersinnigen Angabe läßt sich das richtige Sachverhältniß, das sich übrigens auch von selbst versteht und durch Arrian Ind. wiederholentlich bestätigt wird, zur Genüge schließen. — 115) Die Lage von Pattala, „da, wo sich der Indusstrom in zwei Arme zum Delta scheidet“ (Arrian), kann entweder auf die Stromscheide von Tatta oder auf die von Hyderabad gehen; das erste hat Vincent behauptet; doch widerspricht ihm die Darstellung Arrians durchaus. Die Zeit der Ankunft in Pattala bezeichnet Strabo mit dem Aufgange (Frühaufgang) des Hundssterns, Strabo XV. p. 259.

 

456 Frieden zu ihrer Behausung und ihren Geschäften zurück zu kehren, und ohne Besorgniß wegen ihres weiteren Schicksals zu sein, da ihnen nach wie vor nach ihrer Sitte und ihren Gesetzen zu leben, ihren Handel, Gewerbe und Ackerbau in Sicherheit zu treiben erlaubt sein würde. Auf diese Versicherungen des Königs kehrten die Meisten zurück, und Alexander konnte ohne Weiteres an die Ausführung des großen Planes, um dessen Willen ihm der Besitz der Indusmündungen so wichtig war, denken.

Alexander ahnte oder wußte, daß dasselbe Meer, in welches sich der Indus ergießt, den Persischen Golf bilde, und zu der Mündung des Euphrat und Tigris demnach ein Seeweg von den Indusmündungen aus zu finden sei; seine Herrschaft, die zum ersten Male die entlegensten Völker in unmittelbare Verbindung brachte, und welche nicht bloß auf die Gewalt der Waffen, sondern mehr noch auf die Interessen der Völker selbst begründet sein sollte, mußte vor Allem auf die Förderung der Handelsverbindungen zwischen den Völkern, auf die Begründung eines großen Verbandes aller auch noch so entlegenen Theile des Reiches, und eines umfassenden Welt- und Völkerverkehrs, wie er noch nicht existirt hatte, bedacht sein. Ueberall hatte Alexander diese Rücksicht vor Augen gehabt; die zur militairischen Behauptung von Iran und Turan gegründeten Städte waren eben so viele Haltpunkte für die Karavanenzüge, die in Indien gegründeten Festen sicherten die Flußschifffahrt des Indus und seiner Nebenströme, das Aegyptische Alexandrien, seit den fünf oder sechs Jahren, die es stand, war schon ein Centralpunkt für den Handel der heimathlichen Meere geworden; jetzt mußte dieses System des großartigsten Weltverkehrs durch die Besetzung des Indusdelta, durch die Gründung eines sicheren und günstig belegenen Handelsplatzes, endlich durch das Eröffnen von Handelsstraßen, wie sie die Reihe Hellenischer Städte ins Innere hinauf schon vorzeichnete, und wie sie der maritime Zusammenhang der Indus- und Euphratmündungen hoffen ließ, seine Vollendung erhalten.

Pattala, an der Stromscheide des Indusdelta belegen, bot sich von selbst zur Vermittelung des Handels nach dem Inneren und dem Oceane dar; es beherrschte zugleich in militairischer Hin457sicht das untere Indusland; darum wurde Hephästion beauftragt, die Burg der Stadt auf das sorgfältigste zu befestigen, und demnächst Schiffswerfte und einen geräumigen Hafen bei der Stadt zu erbauen. Zu gleicher Zeit sandte Alexander in die wüsten, baumlosen Gegenden, die nicht weit ostwärts von der Stadt begannen, mehrere Truppenabtheilungen aus, mit dem Auftrage, Brunnen zu graben, und das Land bewohnbar zu machen, damit auch von dieser Seite her die Verbindung mit Pattala erleichtert und den Karavanen aus den Ländern des Ganges und des Dekhan geöffnet wäre. Ein Ueberfall der in der Wüste hausenden Horden störte nur für einen Augenblick dieß höchst erfolgreiche Unternehmen 116). Nach einer längeren Rastzeit, während der der Bau der Burg ziemlich vollendet, der der Werfte bereits vorgerückt war, beschloß Alexander nun, in Person die Indusmündungen, ihre Schiffbarkeit und ihre Gelegenheit für den Handel zu untersuchen, und zugleich auf den Ocean, den bisher noch kein Grieche befahren, hinaus zu schiffen. Zunächst beschloß er, dem Hauptarm des Stromes, der rechts hinab führte, zu folgen; während Leonnat mit tausend Reutern und neuntausend Hopliten und Leichtbewaffneten auf dem inneren Ufer hinabzog, fuhr Alexander mit den schnellsten und besten Schiffen seiner Flotte den Strom hinab, freilich ohne Führer, die des Stromes kundig waren, da die Bewohner von Pattala und die Indier überhaupt, keine Seeschifffahrt trieben, und überdieß die Anwohner des Stromes, wenn die Macedonier nahten, entflohen. Alexander vertraute auf den Muth und die Geschicklichkeit seiner Schiffsleute, er konnte nicht ahnen, auf welche Probe die unerhörte Gewalt Oceanischer Erscheinungen sie stellen würde.

Es war gerade in der Mitte des Sommers, und der Strom in seiner größten Füllung, die niedrigeren Ufergegenden zum Theil überschwemmt, die Fahrt um so schwieriger. Am ersten Tage fuhr man ohne weiteres Hinderniß; aber am zweiten Tage, man mochte zehn Meilen unterhalb Pattala sein, erhob sich ein heftiger

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116) Arrian VI. 18. 3.

 

458 Wind von Süden her und staute die Wasser des Stromes auf, daß die Wellen hohl gingen und sich brandend brachen, und mehr als ein Schiff unterging, andere bedeutend beschädigt wurden; man eilte das Ufer zu gewinnen, um den Schaden so schnell und so gut wie möglich auszubessern, zugleich schickte Alexander Leichtbewaffnete aus, um von den geflüchteten Uferanwohnern einige einfangen zu lassen, die der Gegend kundig wären. Mit diesen fuhr man am nächsten Morgen weiter; immer breiter ergoß sich der mächtige Strom zwischen den flachen und öden Ufern, und man begann die kühlere Seeluft zu spüren; der Wellenschlag im Strome wurde heftiger und das Rudern beschwerlicher, ein scharfer Seewind wehte entgegen; es schien, von ihm zurückgedrängt, die wachsende Fluth gefährlich zu werden, und die Schiffe lenkten in einen Kanal ein, den die am vorigen Tage aufgefangenen Fischer zeigten. Immer schneller und mächtiger schwollen die Wasser und mit Mühe vermochte man, die Schiffe rasch genug an Land zu bringen. Kaum aber waren die Schiffe angelegt, so begann der Strom eben so schnell zu fallen; die Fahrzeuge blieben zum größten Theile auf dem Trockenen oder senkten sich in den Uferschlamm; Alexander und seine Leute waren voll Staunen und Rathlosigkeit. So vergingen einige Stunden, endlich wollte man daran gehen, die Schiffe wieder flott zu machen und wo möglich das Fahrwasser zu gewinnen; siehe, da begann das gefährliche Schauspiel von Neuem, rauschend schwoll die Fluth, überfluthete den schlammigen Moor und hob die eingesunkenen Fahrzeuge mit sich empor; und immer schneller wachsend brandete sie gegen die festeren Ufer, riß die Fahrzeuge, die dorthin sich gerettet, nieder, so daß viele umstürzten, viele zerschellten und versanken; ohne Ordnung und Rettung trieben die Schiffe auf der bösen Fluth bald gegen das Land, bald gegen einander, und ihr Zusammenstoßen war um so gefährlicher, je heftiger die schwellende Bewegung des Gewässers. Mit so vielen Gefahren und Verlusten erkaufte Alexander die erste Erfahrung von der Oceanischen Ebbe und Fluth, die hier, wohl noch zehn Meilen von der eigentlichen Strommündung, um so gewaltiger war, da sie mit der ungeheueren, gegen sie andrängenden Wassersäule des Indus zu kämpfen hatte, dessen 459 zwei Meilen breite Münde ihrem Eindringen vollkommenen Spielraum giebt 117).

Sobald Alexander diese Gefährlichkeiten überstanden und von ihrer regelmäßigen Wiederkehr die Mittel gelernt hatte, ihnen zu entgehen, sandte er, während die schadhaften Schiffe ausgebessert wurden, zwei tüchtige Fahrzeuge den Strom hinab zu der Insel Skilluta 118), wo, wie die Indischen Fischer sagten, der Ocean nahe und das Ufer zum Anlegen bequem und geschützt sei. Da sie die Nachricht zurückbrachten, daß die Insel bequemes Ufer habe, von bedeutender Größe und mit Trinkwasser wohl versehen sei, fuhr Alexander mit der Flotte dorthin, und ließ den größten Theil derselben unter den Schutz des Ufers anlegen: schon sah man von hier die schaumbedeckte Brandung der Indusmündung und darüber den hohen Horizont des Oceans, und kaum erkannte man jenselts des zwei Meilen breiten Stromes die niedrige, baumund hügellose Küste. Alexander steuerte mit den besten seiner Schiffe weiter, um die eigentliche Strommündung zu passiren, und zu untersuchen, ob sie fahrbar sei; bald verschwand die Westküste ganz aus seinem Blicke, und in endlose Ferne dehnte sich der

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117) Von Arrians verständiger Erzählung (VI. 18.) weicht Curtius Deklamation nicht im Wesentlichen ab. Die Stationen Alexanders dürften nicht leicht zu bezeichnen sein, gewiß aber ist er nicht den schmalen Westarm von Kurachee hinab gesegelt, wie Ritter gemeint hat. Vielleicht dürfte dieß der Kanal sein, in den sich die Flotte beim ersten Eindringen der Fluth rettete; die bei dieser Gelegenheit von Curtius IX. 8. 30. und 9. 8. erwähnten zwei Inseln dürften die sein, welche Pottingers Karte in der Gegend von Tatta, dicht oberhalb des Armes von Kurachee angiebt. — 118) Killuta, Skillustis, Psiltukis bei den verschiedenen Autoren. Das Indusdelta ist zu großen Aenderungen unterworfen, als daß man hier jede Localität wieder finden könnte; das weiter ins Meer ragende Ostufer der Münde läßt vermuthen, daß eine von den drei hier aufeinander folgenden, durch breite Flußarme gebildeten Inseln, und zwar die zweite gemeint ist. Leider ist der Anfang von Nearch’s Fahrt durch die Veränderung der ihm angewiesenen Station zu unklar, um etwas daraus entnehmen zu können.

 

460 hochwogende Ocean gen Abend hin; nach einer Fahrt von vier Meilen erreichte man ostwärts eine zweite Insel, an deren flacher und öder Sandküste schon rings der Ocean brandete; es wurde Abend und Alexander kehrte mit der Fluth in den Fluß zurück zu der Insel, bei der die Flotte gelandet war; ein feierliches Opfer für Ammon, wie es der Gott durch ein Orakel geboten, feierte dieß erste Erblicken des Oceans und des letzten Landes im Süden der bewohnten Erde. Am anderen Morgen fuhr der König wieder hinaus, landete auf jener Insel im Meere und opferte auch dort nach dem Geheiß des Ammon ihm und den anderen Göttern, dann fuhr er in die offenbare See hinaus, umher zu schauen, ob noch irgendwo festes Land zu erblicken; und als die Küsten ringsher verschwunden und nichts mehr als Himmel und Meer zu sehen war, da schlachtete er Stieropfer dem Poseidon, und senkte sie hinab in den Ocean, spendete dazu aus goldener Schaale und warf auch sie in die Fluth, und mischte neue Spenden den Nereiden und den rettenden Dioskuren und der silberfüßigen Thetis, der Mutter seines Ahnherrn Achilles: er betete, daß sie gnädig seine Geschwader aufnehmen und gen Abend zu den Mündungen des Euphrat geleiten möchten, und zum Gebet warf er die goldenen Becher in das Meer 119).

Dann kehrte Alexander zur Flotte und mit der Flotte in den Strom zurück und fuhr gen Pattala hinauf. Dort war der Bau der Burg vollendet und der des Hafens begonnen, dort auch Pithon mit seinem Heere angekommen, der seine Aufträge vollkommen erfüllt, das flache Land beruhigt, die neuen Burgflecken organisirt und bevölkert hatte. Alexander hatte den rechten Arm der Indusmündung und die mannigfachen Schwierigkeiten, die er für die Schifffahrt hatte, kennen gelernt; denn es vereinten sich die Mussonwinde und das hohe Wasser des Stromes in dieser Jahreszeit, ihn schwierig zu machen. Der König beschloß daher, auch den zweiten, den östlichen Hauptarm des Flusses hinabzufahren, und zu untersuchen, ob dieser vielleicht zur Schifffahrt geeigneter sei. Nachdem man eine gute Strecke südostwärts gefahren,

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119) Arrian. VI. 19.

 

461 breitete sich das Wasser zu einem sehr großen See aus, der durch den Zufluß einiger kleineren und größeren Flüsse von Morgen her verstärkt wurde, und einem Busen des Meeres ähnlich war; selbst Seefische fand man hier. An den Ufern dieses Sees legte die Flotte an, indem eingeborene Führer die bequemsten Stellen zeigten. Hier ließ Alexander den größten Theil der Truppen nebst den kleineren Schiffen unter Leonnatus zurück, und fuhr selbst, von seinen Rittern und einigen anderen Truppen begleitet, mit den Jachten durch den See zur eigentlichen Indusmündung hinab; er kam an das Meer, ohne die gewaltige Brandung oder die hohe Fluth zu erblicken, die den westlichen breiteren Indusarm gefährlich machte; er ließ an der Strommündung anlegen, und ging mit den Truppen drei Tagereisen weit am Meeresstrande hin, theils um die Natur der Küste zu untersuchen, theils um Brunnen für den Gebrauch der Seefahrer graben zu lassen; dann kehrte er zu seinen Schiffen und mit diesen durch den See stromauf gen Pattala zurück, während ein Theil des Heeres längs dem Ufer hinauf zog, um auch hier in der sonst dürren Gegend Brunnen zu graben. Von Pattala aus fuhr er zum zweiten Male in den See zurück, traf die Vorrichtungen zum Bau eines Hafens und mehrerer Schiffswerfte, und ließ zu ihrem Schutze eine kleine Besatzung zurück 120).

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120) Die neuesten Berichte und Karten über die Indusmündung wissen von keinem förmlichen See, den ein Indusarm bildet; der sogenannte Lonee-Fluß, der Ostarm, scheint seinen unteren Lauf geändert zu haben; da Alexander drei Tagemärsche weit von der Ostmündung gen Westen vorrücken konnte, so war auf dieser Strecke von gewiß 10 bis 15 Meilen keine von den sechs übrigen Mündungen des Indus, während heute von der Mündung des Lonee bis zur nächsten kaum 1½ Meile, bis zur großen Hauptmündung nicht über zehn Meilen Entfernung, und dazwischen eine Reihe von Strominseln ist. In dem sogenannten Periplus des Arrian heißt es p. 24. ed. Hudson von der Meeresbucht von Barace (Kutsch), daß sich in ihren inneren Ufern vielfache Spuren von Alexanders Heer zeigten, und nach den Angaben von Macmurdo (Bombay transact. II. p. 236) und von Tod II. p. 290 sqq. liegt im Osten

 

462 Auf diese Weise war Alles dem großen Plane des Königs gemäß organisirt, zu dessen Vollendung nur noch Eins, aber freilich auch das Schwierigste und Gefahrvollste übrig war, nemlich die Entdeckung des Seeweges selbst, der hinfort den Indus und Euphrat verbinden sollte. Betrachtet man den Zustand der damaligen Schifffarth und Erdkunde, so wird man der Kühnheit eines solchen Planes Gerechtigkeit widerfahren lassen. Der Bau der Schiffe war unvollkommen und am wenigsten auf die Eigenthümlichkeit Oceanischer Gewässer berechnet; das einzige Regulativ einer Seefahrt waren die Gestirne und die Seeküste, deren Nähe natürlich oft gefährlich werden mußte; die Einbildungskraft der Griechen bevölkerte den Ocean mit Wundern und Ungeheuern aller Art, und die Macedonier, unerschrocken und tapfer, wo sie dem Feinde ins Auge sahen, waren gegen das falsche Element ohne Waffe und nicht ohne Furcht; und wer endlich sollte die Führung übernehmen? Alexander selbst, kühn genug zum kühnsten Wagniß, und selbst bereit, dem Ocean den Sieg abzutrotzen, durfte sich um so weniger an die Spitze der Flotte stellen, da im Reiche schon während seiner Indischen Feldzüge manche Unordnungen vorgefallen waren, die dringend seine Rückkehr forderten; der Landweg nach Persien war schwierig und die Macedonischen Landtruppen bedurften, um diese öden und furchtbaren Gegenden zu durchzie-

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des Armes von Lonee Moorland, in das sich mehrere Flüsse von Osten her ergießen, und das in der Jahreszeit der Südwest-Mussons ein vollkommener See wird, Aranya oder kürzer Rin genannt. Von ihm aus führt ein breiter Ausfluß in den Meerbusen von Kutsch. Dieß dürfte die von Alexander besuchte Gegend sein; und wenn Nearch bei Strabo die Basis des Indusdelta auf 1800 Stadien (45 Meilen) angiebt, so trifft dieß mit überraschender Genauigkeit mit unseren Karten überein, wenn man von der großen Indusmündung bis zu der Mündung des Sumpfes mißt. In Arrians Periplus wird der Meerbusen von Barace als gefährlich und in seiner Einfurth voll Sandbänke bezeichnet, und hinzu gefügt, daß ihn das Land südwärts, gen Osten, dann gen Westen umschließe; vielleicht ist sein Irinus der See, den Alexander beschiffte, und der der gräcisirte Aranya (Tod Rajastan II. p. 295.) zu sein scheint.

 

463hen, seiner persönlichen Führung um so mehr, da sie nur ihm vollkommen vertrauten. Wen also zum Führer der Flotte wählen? wer hatte Muth, Geschick und Hingebung genug? wer konnte die Vorurtheile und die Furcht der zur Flotte commandirten Truppen beschwichtigen, und statt des Wahnes, als würden sie sorglos der augenscheinlichen Gefahr Preis gegeben, ihnen Vertrauen zu sich selbst, zu ihrem Führer und zu dem glücklichen Ende ihres Unternehmens einflößen. Alexander theilte alle diese Bedenken dem treuen Nearch mit, und fragte ihn um Rath, wem er die Flotte anvertrauen sollte. Nearch nannte ihm Einen nach dem Anderen, Alexander aber verwarf sie Alle; der Eine schien nicht entschlossen, ein Anderer nicht ergeben genug, um für ihn sich Gefahren auszusetzen, Andere waren mit dem Seewesen, mit dem Geist der Truppen nicht genug vertraut, oder voll Verlangen nach der Heimath und nach den Bequemlichkeiten eines ruhigen Privatlebens. Nearch, so erzählt dieser ausgezeichnete General selbst in seinen Denkwürdigkeiten, bot endlich seine Dienste an, und sprach: „ich, o König, will wohl die Führung der Flotte übernehmen, und mit Gottes Hülfe Schiffe und Menschen wohlbehalten bis zum Perserlande bringen, wenn anders das Meer schiffbar und das Unternehmen für menschliche Kräfte überhaupt ausführbar ist.“ Dagegen sprach Alexander, daß er einen so treuen und hochverdienten Mann nicht neuen Gefahren auszusetzen wünsche; aber Nearch bat um so dringender, und der König verhehlte sich nicht, daß gerade er vor Allen dazu geeignet sei; die Truppen, welche den edlen General liebten und des Königs große Zuneigung für ihn kannten, durften in dieser Wahl eine Gewähr für sich selbst finden, da ja Alexander nicht einen Freund und einen seiner ausgezeichnetesten Feldherren an die Spitze eines Unternehmens gestellt haben würde, an dessen Erfolg er selbst verzweifelte 121). So wurde Nearch, des Androtimus Sohn, zum Führer der Flotte ernannt, die glücklichste Wahl, die der König treffen konnte. Mochten die zur Flotte commandirten Truppen auch anfangs muthlos und über ihr Schicksal besorgt gewesen sein, das Vertrauen zu

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121) Arrian Ind. 20.

 

464 ihrem Führer, die Trefflichkeit und Pracht der Zurüstungen, die Zuversicht, mit der ihr König einen glücklichen Erfolg verhieß, der Ruhm, an der kühnsten und gefahrvollsten Unternehmung, welche je gewagt worden, Antheil zu haben, endlich das Beispiel des großen Königs, der die brandende Mündung des Indus hindurch auf die Höhe des Oceans gefahren war, das Alles ließ sie mit Verlangen und Freudigkeit den Tag der Abfahrt erwarten.

Alexander hatte Gelegenheit gehabt, sich über die Natur der Mussonwinde zu unterrichten; sie wehen regelmäßig während des Sommers von Südwest, während des Winters von Nordost, doch werden diese Nordostmussons durch die gerade westwärts streichende Küste von Gedrosien zu einem beständigen Ostwinde; dieser beginnt mit einigem Schwanken im Oktober, wird gegen Ende des Monats stehend und weht dann unausgesetzt bis in den Februar. Diese merkwürdige Eigenthümlichkeit des Indischen Oceans, höchst günstig für die beabsichtigte Küstenfahrt der Flotte, mußte natürlich benutzt und das Absegeln der Flotte demnach auf Ende Oktober bestimmt werden 122). Der Aufbruch des Landheeres durfte nicht so lange verschoben werden, da eines Theils der Zu-

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122) Die Zeitbestimmung ergiebt sich aus folgenden Angaben: Um die Zeit des Siriusaufganges (Ende Juli) war Alexander von Nicäa aus in Pattala angekommen (Strabo XV. p. 259.); Plutarch zählt für die Fahrt bis hierher nur sieben Monate, Strabo dagegen zehn, wohl bis zum Ocean, da von Nicäa bis Pattala in der That neun Monate (von Anfang November 326. bis Ende Juli 325.) gebraucht wurden. Nearch segelte deu 22. September ab (siehe unten) und traf nach etwa achtzig Tagen, gegen den 16. December in Karamanien wieder mit Alexander zusammen. Alexander war zwei Monate von der Grenze der Oriten bis Pura marschirt, vom Indus bis zu den Oriten sind gegen vierzig Meilen, bei den mancherlei Hindernissen, die sich vorfanden, ein Weg von mindestens zwanzig Tagen; von Pura bis zu dem Orte des Zusammentreffens ist nicht ganz so weit; man darf vom Indus bis zur Zusammenkunft in Karamanien etwas mehr als drei Monate rechnen, so daß Alexander also gegen Ende August aus Pattala aufbrach.

 

465stand des Reichs Alexanders baldige Rückkehr forderte, anderer Seits für die Flotte, die sich nicht auf die weite Fahrt verproviantiren konnte, auf der Küste Vorräthe aufgestapelt und Brunnen gegraben werden mußten. Demnach gab der König den Befehl, daß die Flotte bis zum November in den Stationen von Pattala bleiben sollte, ließ Vorräthe auf vier Monaten zu ihrem Unterhalt zusammenbringen und rüstete sich dann selbst zum Aufbruch aus Pattala.

 

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466 Achtes Kapitel.

Die Rückkehr.

 

Den Westen des Induslandes begrenzen mächtige Gebirge, die in fast ununterbrochener Linie von dem Kophenflusse bis zum Ocean hinabreichen; unmittelbar über der Brandung des Meeres ragen ihre letzten Felsenmassen noch bis in die Wolken empor, und von wenigen Pässen durchschnitten, sind sie zwischen dem Deltalande des Indus und dem wüsten Küstensaum Gedrosiens, zwischen dem Lande Sind und der hohen Steppe Arianas eine vollkommene Scheidewand; gen Morgen ist feuchte Tropenwärme, Wasserfülle, üppige Vegetation, eine reiche Thierwelt, dichte Bevölkerung mit dem weitverzweigten geselligen Verkehr, mit den tausend Erzeugnissen und Bedürfnissen einer unvordenklichen Civilisation; jenseits der Grenzgebirge, die in nackten Felsen über einander empor starren, ein Labyrinth von Felsschlünden, Klippenzügen, Bergsteppen, in ihrer Mitte das Tafelland von Kelat, nackt, traurig, von trockener Kälte oder kurzer, sengender Sommergluth, in Wahrheit die „Wüste der Armuth“ 1). Gen Norden und Westen umschließen sie steile Klippenzüge, an deren Fuß die furchtbare Wüste Arianas fluthet, ein endloser Ocean, mit der röthlich schillernden Atmosphäre des glühenden Flugsandes, mit dem wellenhaften Wechsel stets treibender Dünen, in denen der Pilger verirrt und das Kameel untersinkt. So der traurige Weg

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1) Dustibe-dulut nach Pottinger, dessen Angaben obiger Schilderung zum Grunde liegen.

 

467 ins Innere; noch öder und furchtbarer ist die Einöde der Küste und der Weg durch sie hin gen Westen. Wenn man von Indien aus durch die Pässe des großen Scheidegebirges gestiegen, so öffnet sich eine tiefe Landschaft, links das Meer, gen Westen und Norden mächtige Gebirge, in der Tiefe ein Fluß, der zum Ocean eilt, das letzte strömende Wasser auf diesem Wege; Getraidefelder am Fuß der Berge, Dörfer und Flecken in der Ebene zerstreut, die letzten auf einem Wege von Monaten. Gen Norden führen aus dieser „Ebene“ 2) düstere Zickzackpässe in die Bergwüste von Kelat; gen Westen ziehen die Berge der Oriten bis ans Meer hinab. Man übersteigt sie und nun beginnen die Schrecken der furchtbarsten Einöde; die Küste ist flachsandig, glühend heiß, ohne Gras und Strauch, von den Sandbetten vertrockneter Ströme durchfurcht, fast unbewohnbar, die elenden Fischerhütten, die einzeln auf Meilen weit an dem Strande zerstreut sind, von Fischgräten und Seetang erbaut, unter einsamen Palmengruppen, die wenigen Menschen noch elender als ihr Land. Eine Tagereise landein streichen nackte Klippenzüge, von Gießbächen durchrissen, die in der Regenzeit plötzlich anschwellen, reißend und brausend zur Küste stürzen und dort die tiefen Mündungsbetten auswühlen, sonst das Jahr hindurch trocken liegen, mit Genist, Mimosen und Tamarisken überwuchert, voll Wölfen, Schakalen und Mückenschwärmen. Hinter diesen Klippenzügen dehnt sich die Wüste Gedrosten, mehrere Tagereisen breit, von wenigen wandernden Stämmen durchirrt, dem Fremdling mehr als furchtbar; Einöde, Dürre, Wassermangel sind hier die kleinsten Leiden; Tages stechende Sonne, glühender Staub, der das Auge entzündet und den Athem erdrückt, Nachts durchfröstelnde Kühle und das Heulen hungriger Raubthiere, nirgend ein Obdach oder Grasplatz, nirgend Speise und Trank, nirgend ein sicherer Weg oder ein Ziel des Weges.

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2) Der Name der Provinz Lussa hat in der Judgalischen Sprache diese Bedeutung. Die Pässe oder Lukh’s sind gen Norden die Bergstraße (Kohen-wan s. Pottingers Tagebuch, 1. Februar) gen Osten nach Indien der von Hydrabad und Kurache, gen Westen der von Hinglatz, der zum Strande hinab führt, und der von Bela auf der Straße gen Kedje; s. Pottinger p. 431. Uebersetzung.

 

468 Durch diese Wüste, so wird erzählt, kehrte die Königin Semiramis aus Indien heim, und von den Hunderttausenden ihres Heeres retteten sich mit ihr nicht zwanzig Menschen gen Babylon; auch Cyrus soll diesen Rückweg genommen und das gleiche Schicksal erfahren haben; selbst der Fanatismus des Islam hat nicht gewagt erobernd in diese Wüste einzudringen; der Kalif verbot seinem Feldherrn Abdallah dieß Land, das der sichtliche Zorn des Propheten getroffen.

Alexander hat diesen Weg gewählt, nicht um Größeres zu vollbringen als Cyrus und Semiramis, wie das Alterthum, noch um die Verluste der Indischen Heerfahrt durch größere Verluste vergessen zu machen, wie der Unverstand neuerer Geschichtsschreiber geglaubt hat. Er mußte diesen Weg wählen; es durften nicht zwischen den Satrapien des Indus und des Persischen Meeres herrenlose Länderstrecken oder ununterworfene Völkerstämme den Zusammenhang der Occupation stören, sie durften es um so weniger, da die Klippenzüge am Saum der Einöde räuberischen Horden und rebellischen Satrapen ein stetes Asyl geboten hätten. Noch wichtiger war die Rücksicht auf die Flotte, welche längs der wüsten Küste dahin fahren und den Seeweg zwischen Indien und Persien öffnen sollte; sie konnte nicht auf Monate lang verproviantirt und mit Wasser versehen werden; um beides einzunehmen mußte sie von Zeit zu Zeit an die Küste gehen, von der sie sich bei der Natur der damaligen Nautik überhaupt nicht entfernen durfte. Sollte diese Expedition irgend glücken und ihr Zweck, die Fahrt vom Euphrat zum Indus zu öffnen, erreicht werden, so war es vor Allem nothwendig, die Küste zugänglich zu machen, Wasserbrunnen zu graben, Vorräthe zu beschaffen, Widerstand von Seiten der Einwohner zu hindern, die Bevölkerung namentlich der reicheren Distrikte mit in den Verband des Reiches hinein zu ziehen. Dieß waren die Gründe, die den König Alexander veranlaßten, durch Gedrosien zurück zu kehren, obschon ihm die Natur jener Landesstrecke nicht unbekannt sein konnte; er durfte den großen Plan nicht um der Gefahren Willen, die ihm nothwendig folgten, Preis geben, er durfte die Opfer nicht scheuen, die ihm das Unternehmen kosten sollte, er durfte die Stimme der Menschlichkeit und Besorgniß nicht achten, wo es galt, wesentliche Zwecke 469 zu erreichen; und erkennt man einmal die Größe und Berechtigung jenes Gedankens, Asien für das Hellenische Leben zu gewinnen, so muß man auch die Consequenzen desselben, mögen sie auch nach menschlicher Betrachtungsweise mit Menschlichkeit und Möglichkeit in Widerspruch erscheinen, anerkennen und als geschichtlich recht begreifen.

Es mochte gegen Ende August des Jahres 325. sein, als Alexander aus Pattala und dem Indischen Lande aufbrach 3); bald war das Grenzgebirge erreicht und auf dem nördlicheren Paßwege überstiegen; etwa mit dem neunten Tage 4) kam man

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3) Es wäre interessant, die Truppenzahl zu kennen, die Alexander bei sich hatte; nach Arrian VI. 21. 4. könnte es scheinen, daß es alle Geschwader der Ritterschaft, alle Chiliarchien der Hypaspisten, alle Phalangen, alle berittenen Schützen und die Mehrzahl der Bogenschützen gewesen seien: doch war dem nicht so; drei Phalangen und einen großen Theil der Schützen, ferner die Kampfunfähigen aller Waffen hatte Kraterus bei sich, dessen Heer sich ohnfehlbar auf mehr als dreißigtausend Mann belief. Schwieriger ist es zu sagen, wie viel Truppen zum Bedarf der Flotte verwendet waren; Schlosser rechnet, durch den Katalog der Trierarchen verführt, im Ganzen dreiunddreißig Schiffe und Vincent zweitausend Fahrzeuge; ich glaube, daß man nicht mehr als hundert Schiffe und fünftausend Menschen rechnen darf. Alexander brachte im Jahre 327. ein Heer von etwa hundertundzwanzigtausend Menschen nach Indien, und im folgenden Jahre kamen neue Truppen im Betrag von sechsunddreißigtausend Mann nach; Krankheiten, Gefechte, Ansiedelungen und Besatzungen (im unteren Indien allein blieben zehntausend Mann), dürften das Gesammtheer bis zum Sommer 325. wohl auf achtzigtausend Mann zurück gebracht haben, von denen demnach Alexander etwa vierzigtausend Mann mit sich gehabt haben dürfte. — 4) Dieses ist nach Curtius IX. 10. 5, der im Uebrigen, wie Diodor, für die Geographie dieser Gegend vollkommen unbrauchbar ist. Von Pattala bis zum Paß von Hydrabad sind etwa sechszehn Meilen, von da bis zum Arabiussluß (heute Poorally) gegen zwölf Meilen. Der Name der Oriten scheint in dem heutigen Flecken Huruana und Hoormora (fünfundzwanzig Meilen westlich von der Arabiusmündung) erkennbar. Die heutigen

 

470 in die Thallandschaft des Arabiusstromes, an dem disseits die Arabiter, jenseits bis in die Berge die Oriter wohnten; beide Stämme hatten sich noch nicht unterworfen; deshalb theilte Alexander sein Heer, ihr Land zu durchziehen und, wo es Noth thäte, zu verwüsten. Von ihm selbst, von Leonnat, von Ptolemäus geführt, zogen einzelne Kolonnen in das Land hinab, während Hephästion das übrige Heer nachführte. Alexander wandte sich links dem Meere zu, um zugleich an der Küste entlang für den Bedarf seiner Flotte Brunnen graben zu lassen, demnächst aber die Oriten, die für streitbar und zahlreich galten, zu überfallen; denn die Arabiten hatten beim Heranrücken der Macedonier ihre Dörfer verlassen und sich in die Wüste geflüchtet. Alexander kam an den Arabiusfluß, der seicht und schmal, wie er war, leicht überschritten wurde; ein nächtlicher Marsch durch die Sandgegend, die sich von seinem rechten Ufer abendwärts erstreckte, brachte ihn mit Tagesanbruch an die wohlbebauten Felder und Dorfschaften der Oriter. Sofort bekam die Reuterei Befehl, geschwaderweise aufzurücken, und, um desto mehr Feld zu bedecken, in gemessenen Entfernungen vorzurücken, während das Fußvolk in geschlossener Linie nachfolgte. So wurde nun ein Dorf nach dem anderen angegriffen und eingenommen; wo die Einwohner Widerstand versuchten und mit ihren Giftpfeilen gegen die Macedonischen Speere zu kämpfen wagten, wurden sie leicht bewältigt, ihre Dörfer verbrannt, sie selbst niedergehauen oder zu Gefangenen gemacht und in die Sklaverei verkauft. Das untere Gebiet der Oriten war ohne bedeutenden Verlust unterworfen; auch die Pfeilwunde, die das Leben des Lagiden Ptolemäus in Gefahr brachte, wurde schnell und glücklich geheilt 5); an einem Wasser lagerte und rastete Alexander und wartete die Ankunft des Hephästion ab. Mit ihm vereinigt zog er weiter zu dem Flecken Rambacia, dem größten im Lande der Oriter; die Lage desselben schien günstig für den Verkehr und zur Behauptung des Landes; Alexander beschloß, ihn

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Bewohner der Gegend nennen sich Urboo (cf. Vincent p. 195.). — 5) Strabo XV. p. 309., Cic. de Div. II. 66. und andere, Diodor XVII. 103. und Curtius IX. 8. 20. verlegen die Sache in das Indusdelta.

 

471 zur Hauptstadt der Oritischen Satrapie zu machen und zu colonisiren; Hephästion erhielt den Befehl zur Gründung der Oritischen Alexandria 6). Der König selbst brach mit der Hälfte der Hypaspisten und Agrianer, mit dem Geleit seiner Ritterschaft und den berittenen Schützen gegen die Berge hin auf, welche das Gebiet der Oriten und Gedrosier von einander scheiden; denn in den dortigen Pässen, durch welche der Weg nach Gedrosien führte, hätten sich, so war dem König berichtet, die Oriten und Gedrosier in sehr bedeutender Macht aufgestellt, um vereinigt den Macedoniern den Weg zu sperren. Sobald aber die Macedonier dem Eingang der Pässe nahten, flohen die Barbaren vor einem Feinde, dessen unwiderstehliche Kraft sie eben so sehr, wie seinen Zorn nach dem Siege fürchteten; die Häuptlinge der Oriten kamen in demüthiger Unterwürfigkeit zu ihm herab, sich, ihr Volk und ihr Alles seiner Gnade zu übergeben. Alexander empfing sie huldvoller, als sie erwartet, er trug ihnen auf, ihre zersprengten Dorfschaften wieder zu sammeln, und ihnen in seinem Namen Ruhe

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6) Die Lage von Rambacia glaubt Vincent und mit ihm van der Chys in einem heutigen Orte Ram-yur wieder zu finden, der auf Pottingers Karte nicht verzeichnet ist. Diodor sagt, da Alexander eine Stadt zu gründen wünschte, und einen sicheren (ἄκλυςον) Hafen und dabei eine wohl belegene Landschaft fand, so gründete er daselbst ein Alexandria. Curtius fügt hinzu, daß es mit Arachosiern (vielleicht aus dem Heere) bevölkert wurde. Nearchs Tagebuch erwähnt dieser neuen Stadt nicht; der Weiberhafen, den er ἄκλυςος nennt, liegt ostwärts vom Arabiusflusse. Daß die vierte Alexandria bei Steph. Byz. πόλις Νεαρτῶν und Diodors Νεωρειτῶν nichts anderes als Ὠρειτῶν bezeichnet und die von Arrian erwähnte Colonie in Rambacia ist, haben die Erklärer zu Diodor, Curtius und Steph. Byz. erwiesen. Arrian sagt, daß Leonnat ἐν Ὠροις zurückgelassen hat, was allerdings eine Stadt τὰ Ὦρα bezeichnen könnte, die mit dem Haur der Morgenländischen Autoren übereinstimmt; doch scheint es eher das Land zu bezeichnen. – Wie weit es gen Norden gereicht, wird nicht angedeutet, doch scheint der Zug der Berge zimlich bestimmt die Grenze gen Westen und Norden anzugeben.

 

472 und Sicherheit zu versprechen; er legte es ihnen ans Herz, seinem Satrapen Apollophanes, den er über ihr, der Arabiten und der östlichen Gedrosier Land setzen würde, zu gehorchen und namentlich den Anordnungen, die zur Versorgung der Macedonischen Flotte getroffen werden würden, gehörig nachzukommen. Zu gleicher Zeit wurde Leonnat der Leibwächter mit einem bedeutenden Heere, bestehend aus sämmtlichen Agrianern, einem Theil der Bogenschützen, einigen hundert Pferden der Macedonier und Hellenischen Söldner, einer entsprechenden Anzahl schwerbewaffneter und Asiatischer Truppen, in der neuen Satrapie zurück gelassen, mit dem Befehl, die Ankunft der Flotte an diesen Gestaden zu erwarten und Alles zu deren Aufnahme vorzubereiten, die Colonisation der neuen Stadt zu vollenden, den etwa noch vorkommenden Unordnungen und Widersetzlichkeiten von Seiten des Volks zu begegnen und Alles anzuwenden, um die bisher unabhängigen Oriter für die neuen Verhältnisse zu gewinnen; Apollophanes dagegen wurde angewiesen Alles zu thun, um in das Innere von Gedrosien Schlachtvieh und Vorräthe zusammenbringen zu lassen, damit das Heer nicht Mangel litte 7).

Demnächst brach Alexander aus dem Lande der Oriten gen Gedrosien hin auf. Schon wurde der heiße und flache Küstensaum breiter und öder, die Hitze stechender, der Weg beschwerlicher; man zog Tage lang durch einsame Sandstrecken, in denen von Zeit zu Zeit Palmengruppen einen ärmlichen Schatten unter der fast senkrechten Sonne boten; häufiger waren Myrrhenbüsche, stark duftend in der Gluth der Sonne und in der Fülle des unbenutzt ausfchwitzenden Harzes; die Phönicischen Kaufleute, die mit zahlreichen Kameelen dem Heere folgten, sammelten hier viel von dieser köstlichen Waare, die im Abendlande unter dem Namen der Arabischen Myrrhe so beliebt war 8). In der Nähe der See oder der Flüsse blühte die starkduftende Tamariske, über den Boden hin wucherte die Schlingwurzel der Narden und vielrankige Dorngebüsche, in denen sich die Hasen, die der nahende Hee-

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7) Arrian VI. 22. — 8) Ueber dieses Gewächs s. Asiat. Researches Vol. IV. p. 97 und 433.

 

473reszug aufgescheucht, wie Vögel im Dohnenstrich fingen. In der Nähe solcher Plätze wurde übernachtet und aus den Blättern der Myrrhen und Narden die nächtliche Streu bereitet. Aber mit jedem neuen Marsche wurde die Küste öder und unwegsamer. Die Bäche erstarben im heißen Sande, auch die Vegetation hörte auf; von Menschen und Thieren war auf weite Strecken keine Spur; man begann die Nächte zu marschiren, um während des Tages zu ruhen, man zog tiefer landein, um auf dem nächsten Wege diese Einöde zurückzulegen, und zugleich für die Flotte Vorräthe an die Küste zu schaffen; einzelne Trupps wurden dann an die Küste hinab gesandt, die Vorräthe aufzustapeln, Brunnen zu graben, die Zugänglichkeit des Strandes für die Schiffe zu untersuchen. Einige dieser Reuter unter Thoas Führung brachten die Nachricht, an der Küste seien wenige ärmliche Fischerhütten, aus Wallfischribben und Seemuscheln erbaut; die Bewohner, armselig und stumpfsinnig, lebten von gedörrten Fischen und Fischmehl, und tränken das brakige Wasser der Strandgruben; man hatte das Gebiet der Ichthyophagen erreicht. Tiefer landein, so hieß es, finde man einzelne Dorfschaften; dorthin mußte das Heer, da der Mangel an Lebensmitteln schon empfindlich zu werden begann. Nach langen, ermüdenden Nachtmärschen, in denen schon nicht mehr die strengste Ordnung und Mannszucht zu erhalten war, erreichte man diese Gegend; die Vorräthe, die sie darbot, wurden möglichst sparsam an das Heer vertheilt, damit das Uebrige, mit dem königlichen Siegel verwahrt und auf Kameele gepackt, an die Küste gebracht würde; aber als Alexander mit den ersten Colonnen zum weiteren Marsche aufbrach, rissen die bei den Vorräthen bestellten Wachen die Siegel auf, und von ihren hungernden Kameraden schreiend umdrängt, theilten sie aus, was sie bewahren sollten, unbekümmert, wie sie ihr Leben verwirkten, um es vor dem Hungertode zu retten. Alexander ließ es ungeahndet; Zucht und Gesetz war zu Ende, es galt das nackte Leben zu retten. Er eilte neue Vorräthe aufzutreiben und sie unter sicherer Bedeckung hinabzusenden; er befahl den Einwohnern, aus dem Inneren des Landes so viel Getraide, Dattelfrucht und Schlachtvieh als irgend möglich aufzubringen und an die Küsten zu schaffen; zuverlässige Männer wurden zurückgelassen, diese Transporte zu besorgen.

474 Jetzt zog das Heer weiter; es nahte dem furchtbarsten Theil der Wüste, in gräßlicher Steigerung wuchs der Hunger, das Elend, die Zügellosigkeit. Auf zehn, auf funfzehn Meilen weit kein Wasser, der Sand tief, heiß, wellenhaft wie ein stürmisches Meer zu tiefen Dünen aufgeweht, in denen man mit jedem Schritte tief einsank und sich mit endloser Mühe durchschleppte, um sogleich dieselbe Arbeit von Neuem zu beginnen; dazu das Dunkel der Nacht, die furchtbar wachsende Auflösung aller Ordnung, die letzte Kraft durch Hunger und Durst erschöpft oder zu selbstischer Gier verwildert. Man schlachtete die Pferde, Kameele und Maulthiere und aß ihr Fleisch; man spannte das Zugvieh von den Wagen der Kranken, und überließ diese ihrem gräßlichen Schicksal, während das Heer in wilder Hast weiter zog; wer vor Müdigkeit oder Entkräftung zurückblieb, der fand den Morgen kaum noch die Spur des großen Heeres wieder, und fand er sie, so bemühte er sich umsonst dasselbe einzuholen; in schrecklichen Zuckungen verschmachtete er unter der glühenden Mittagssonne oder verirrte in dem Labyrinth der Dünen, um vor Hunger und Durst langsam dahin zu sterben. Glücklich das Heer, wenn es vor Tagesanbruch die Brunnen erreichte, um zu rasten; oft aber war es noch fern, und schon brannte die Sonne durch die röthliche Gluthluft herab und der Sand glühte unter den wunden Füßen; dann stürzten die Thiere röchelnd zusammen, und den hinsinkenden Menschen brach das Blut jählings aus Auge und Mund, oder sie kauerten nieder im grinsenden Wahnwitz, während die Reihen aufgelöst in gespenstischer Stille an den sterbenden Kameraden vorüberwankten. Kamen sie endlich zu den Wassern, so stürzten sie hin und tranken in gräßlicher Gier, um die letzte Labung mit einem qualvollen Tode zu büßen. An einer der Raststellen, ein fast ausgetrocknetes Wasser floß vorüber, lagerte das Heer einen Tag und ruhte unter den Zelten; da füllte sich plötzlich das Strombette und brausend schwollen die Wasser über; Waffen, Thiere, Zelte, Menschen wurden mit hinweggerissen, und ehe man sich noch zu besinnen und zu helfen vermochte, war schon die Verwüstung auf ihrem Gipfel; Alexanders Zelt und ein Theil seiner Waffen wurden ein Raub der Fluth, deren Gewalt er selbst mit Mühe entrann. So häuften sich die 475 Schrecken; und als nun endlich gar bei dem weiteren Marsche, da ein heftigerer Wind die Dünen der Wüste durcheinander trieb und allen Weg spurlos verwehte, die landeingeborenen Führer verirrten und nicht mehr wo noch wohin wußten, da sank auch dem Muthigsten der Muth, und der Untergang schien Allen gewiß. Alexander aber sammelte die kräftigsten der Ritter, eine kleine Schaar, um sich, mit ihnen das Meer zu suchen, er beschwor sie, die letzten Kräfte zusammen zu nehmen und ihm zu folgen. Sie ritten mittagwärts durch die tiefen Dünen, von Durst gequält, in der tiefsten Erschöpfung; die Pferde stürzten zusammen, die Reuter vermochten nicht sich weiter zu schleppen, nur der König mit fünf Anderen war unermüdlich vorgedrungen; sie sahen endlich die blaue See, sie ritten hinab, sie gruben mit ihren Schwerdtern im Sande nach süßem Wasser und ein Quell sprudelte hervor, sie zu erquicken; dann eilte Alexander zurück zum Heere und führte es hinab an den kühleren Strand, und zu den süßen Quellen, die dort rieselten. Und die Führer fanden sich wieder zurecht, und führten das Heer noch sieben Tage lang an der Küste, wo an Wasser nicht Mangel und auch hie und da Vorräthe und Dorfschaften waren; mit dem siebenten Tage wandte man sich landeinwärts und zog durch fruchtprangende und heitere Gegenden gen Pura, der Residenz der Satrapie Gedrosien 9).

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9) Man hat die Darstellung des Zuges durch die Wüste für übertrieben halten wollen. Neuere Berichte, namentlich Pottingers, beweisen ihre Wahrhaftigkeit, die auch schon der Name Nearchs verbürgen würde, aus dessen Denkwürdigkeiten Arrian und Strabo ziemlich übereinstimmend excerpirt haben. Man vergleiche Pottingers Tagebuch vom April, mit Strabo XV. p. 307 und Arrian VI. 23. Den Weg im Einzelnen zu verfolgen ist natürlich unmöglich, doch scheint er nie über die Klippenzüge, die bis auf 10 bis 15 Meilen von der Küste entfernt sind, nordwärts gegangen zu sein. Den schnell anschwellenden Strom hat man für den Dustee, der mit dem Hindmend in Verbindung zu sein scheint, halten wollen, doch ohne gehörigen Grund. Auch über die Lage von Pura läßt sich nichts mit Bestimmtheit sagen, da der Name in Gedrosien häufig zu sein scheint; doch möchte die Gegend des heutigen Puhra

 

476 So erreichte das Heer endlich das Ziel seines Weges, aber in welchem Zustande! Der Marsch von der Oriten Grenze durch die Wüste hatte sechzig Tage gewährt 10), aber die Leiden und Verluste auf diesem Marsche waren größer als alles Frühere zusammen genommen. Das Heer, das so stolz und reich aus Indien ausgezogen, war auf ein Viertel zusammengeschmolzen, und dieser traurige Ueberrest des welterobernden Heeres war abgezehrt und entstellt, in zerlumpten Kleidern, fast ohne Waffen, die wenigen Pferde abgemagert und elend, das Ganze ein Aufzug des tiefsten Elends, der Auflösung und Niedergeschlagenheit. So kam der König gen Pura. Hier ließ er rasten, damit sich die erschöpften Truppen erholten und die auf dem Wege Verirrten sich sammelten. Der Satrap über Oritis und Gedrosien, der den Befehl erhalten, die Wege der Wüste mit Vorräthen versorgen zu lassen, und durch dessen Fahrlässigkeit dem Heere selbst noch die Erleichterung, welche die Wüste gestattet hätte, entzogen worden war, erhielt von hier aus seine Entlassung; Thoas wurde zu seinem Nachfolger in der Satrapie bestimmt 11).

Dann brach Alexander nach Karamanien auf, wo er den Kraterus mit seinem Heere und mehrere Befehlshaber der oberen

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und Bunpur, fast 30 Meilen landein, für die der alten Landesresidenz zu halten sein, da sie in dem fruchtbaren Theil Gedrosiens und auf dem Wege von der Küste zum oberen Karamanien belegen war; cf. Vincent p. 303. Der Weg Alexanders dürfte dann ziemlich der des Capitain Grant, der von Bunpur und Geh bis zur Küste hinab ging, sein. Alexander durfte sie hier verlassen, ohne für seine Flotte im Weiteren sorgen zu brauchen, da demnächst die wirthbarere Küste von Karamanien beginnt. — 10) Diese sechzig Tage scheinen im Widerspruch mit der Angabe von den ungeheueren Tagemärschen von vierhundert, ja sechshundert Stadien, die Alexander gemacht haben soll. Die gerade Distanz von der Oriter Gränze bis Bunpur sind fast hundert Meilen, dazu die Verirrungen, das Hinabgehen zur Küste und die Rückkehr ins Innere, möchten den Weg um die Hälfte vergrößert haben; das gäbe durchschnittlich auf den Tag zwei und eine halbe Meile, was schon hinreichend in solchem Terrain. — 11) Arrian. VI. 22. 1. Apollophanes war während der Zeit im Kampfe gegen die Oriten gefallen. (s. u.)

 

477 Provinzen, die er dorthin beordert, zu treffen hoffte. Es mochte Anfang December sein; von der Flotte und ihren Schicksalen hatte man nicht die geringste Nachricht; war die dem hochherzigen Nearch übertragene Expedition schon an sich gefahrvoll, und die gänzliche Ungewißheit über den Fortgang höchst beunruhigend, so mochte Alexander durch die jüngsten Erlebnisse und ihre unbeschreibliche Furchtbarkeit, eher Alles zu fürchten, als das Gelingen eines großen Planes zu hoffen geneigt sein; jene Küste, die dem größten Theil seines Heeres den elendesten Untergang gebracht hatte, war für die Flotte die letzte und einzige Zuflucht; und öde, flachsandig, hafenlos wie sie war, schien sie eher die unberechenbaren Wechselfälle von Wind und Wetter gefährlicher zu machen, als vor ihnen retten zu können; ein Orkan, und Flotte und Heer konnte spurlos vernichtet sein, eine unvorsichtige Fahrt, und der Ocean war weit genug zu endlosem Irren und rettungslosem Treiben.

Da kam der Hyparch der Seeküste Karamaniens zum Könige mit der Nachricht, fünf Tage südwärts, an der Mündung des Flusses Anamis sei Nearch wohlbehalten mit der Flotte gelandet, habe auf die Nachricht, daß sich der König im oberen Lande befände, sein Heer sich hinter Wall und Graben lagern lassen, und werde demnächst persönlich vor Alexander erscheinen. Des Königs Freude war im ersten Augenblick außerordentlich, bald genug sank sie in Ungeduld, in Zweifel, in größere Bekümmerniß zurück; umsonst erwartete man Nearchs Ankunft, es verstrich ein Tag nach dem andern; Boten auf Boten wurden ausgesandt, aber die Einen kamen zurück mit dem Bericht, sie hätten nirgend Macedonier der Flotte gesehen, nirgend von ihnen Kunde erhalten; andere Boten blieben ganz aus; endlich befahl Alexander, den Hyparchen, der treulose Mährchen geschmiedet und mit der Trauer des Heeres und des Königs Spott getrieben, fest zu nehmen und in Ketten zu legen; er selbst aber war trauriger denn zuvor, und von Leiden des Körpers und der Seele bleich.

Indeß hatte der Hyparch die volle Wahrheit gesagt: wirklich war Nearch mit seiner Flotte an der Karamanischen Küste; glücklich hatte er ein Unternehmen, dem an Gefahren und Wundern schon an sich nichts ähnlich war, und das überdieß durch das Zu478sammentreffen zufälliger Umstände überaus erschwert worden war, vollbracht. Schon am Indusstrome hatten diese Schwierigkeiten begonnen; denn kaum war Alexander mit dem Landheere über die Grenzen Indiens hinaus gegangen, so hatten auch schon die Indier, die sich jetzt frei und sicher glaubten, bedenkliche Unruhen begonnen, so daß die Flotte nicht mehr im Indus sicher zu sein schien 12). Nearch hatte, da es nicht seine Bestimmung war, das Land zu behaupten, sondern die Flotte glücklich zum Persischen Meerbusen zu führen, sich schnell und ohne die Zeit der stehenden

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12) So berichtet Strabo XV. p. 307. nach Nearch; Arrian in seinen Auszügen übergeht dieß und sagt, die Flotte sei abgesegelt, nachdem sich die Sommer-Etesien gelegt hätten; was allerdings richtig ist, doch waren noch nicht die Winter-Etesien eingetreten, die doch Nearch abgewartet hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre. Die Zeit seiner Abfahrt setzt Strabo l. c. in den Herbst gegen den Spätaufgang der Plejaden, der ohngefähr auf den 28. September fällt; cf. Ideler über Ovids Fasten (Abhandl. der Berl. Akademie 1822. p. 153.) Genauer ist die Angabe in Arrian; der Tag der Abfahrt sei der 20. Boëdromion, d. h. nach dem damals herrschenden Metonischen Kalender der 21. September. Weiter heißt es: „während zu Athen Cephisodorus Archon war“, wahrscheinlich Suffectus für Antikles, den allgemein bekannten Archon dieses Jahres. Endlich fügt Arrian hinzu: ὡς δὲ Μακεδόνες τε καὶ Ασιανοὶ ῇγον, τὸ ἑνδέκατον βασιλεύοντος Ἀλεξάνδρου. Hier ist nicht sowohl eine Lücke hinter ῇγον, als vielmehr der Fehler, daß der 21. September 325. im zwölften Regierungsjahre Alexanders liegt; denn wahrscheinlich rechnete man in Macedonien wie später in Aegypten volle Jahre, so daß, wenn Philipp etwa im Hyperberetäus (Boedromion) 336. ermordet wurde, dieses zu Ende gehende Macedonische Jahr das erste Alexanders, das mit dem Dius (Pyanepsion) anfangende in dessen zweites, somit der 20. Boëdromion 325. in dessen zwölftem Jahre war. Erklärt könnte die obige Lesart nur so werden, daß man annimmt, in Macedonien sei von dem Tage der Thronbesteigung an gerechnet worden, Alexander aber etwa mit dem 1. Pyanepsion 336. zur Herrschaft gekommen, so daß vom 21. bis 30. Boëdromion 325. die letzten neun Tage seines elften Regierungsjahres gewesen wären; doch ist dieß nicht wahrscheinlich.

 

479 Ostwinde abzuwarten, zur Abfahrt bereitet, war am 21. September abgesegelt, und hatte in wenigen Tagen die Kanäle des Indusdelta hinter sich; dann war er durch heftige Südwinde genöthigt, unter dem Vorgebirge, das Indien vom Arabiterlande trennt, in einem Hafen, den er nach Alexander nannte, ans Land zu gehen und daselbst vierundzwanzig Tage zu rasten, bis sich endlich die regelmäßigen Winde gesetzt hatten. Mit dem 23. Oktober war er weiter geschifft, war unter mannichfaltigen Gefahren, bald zwischen Klippen hindurchsteuernd, bald gegen die gewaltige Brandung des Oceans ankämpfend an der Arabiusmündung vorübergesegelt, und nach einem furchtbaren Seesturm am 30. Oktober, der dreien Fahrzeugen den Untergang brachte, bei Kokala an das Land gegangen, um zehn Tage zu rasten und die schadhaften Schiffe auszubessern; es war das der Ort, an dem kurz zuvor der Strateg Leonnat die Barbaren der Umgegend in einem sehr blutigen Treffen überwältigt hatte; der Satrap Apollophanes von Gedrosien war bei dieser Gelegenheit erschlagen worden. Hier reichlich mit Vorräthen versehen und nach wiederholentlichen Zusammenkünsten mit Leonnat, war Nearch weiter gen Westen gefahren, und am 10. November lag das Geschwader vor der Mündung des Flusses Tomerus, an dessen Ufern bewaffnete Oriter haufenweise standen, um die Einfahrt der Flotte zu hindern; ein kühner Ueberfall genügte, sie zu bewältigen, und für einige Tage einen ruhigen Landungsplatz zu gewinnen. Mit dem 21. November war die Flotte an die Küste der Ichthyophagen gekommen, jener armseligen und furchtbaren Einöde, bei der das Unglück des Landheeres so entsetzlich zu werden begann; auch das Schiffsheer hatte hier viel zu leiden, der Mangel an süßem Wasser und an Vorräthen wurde mit jedem Tage drückender. Endlich fand man in einem Fischerdorfe bald hinter dem Vorgebirge Bageia einen Eingeborenen Namens Hydraces, der sich erbot, die Flotte als Lootse zu begleiten; er war ihr von großem Nutzen, unter seiner Leitung vermochte man fortan größere Fahrten zu machen, und dazu die kühleren Nächte zu wählen. Unter immer steigendem Mangel fuhr man bei der öden Sandküste Gedrosiens vorüber, und schon hatte die Unzufriedenheit der Schiffsleute einen gefährlichen Grad erreicht; da endlich erblickte man die mit Fruchtfeldern, Palmhai480nen und Weinbergen bedeckten Gestade Karamaniens; jetzt war die Noth vorüber, jetzt nahte man der langersehnten Einfahrt in das Persische Meer, man war in befreundetem Gebiet. An der schönen Küste Harmozia und an der Mündung des Anamisstromes landete die Flotte, und das Schiffsvolk lagerte an den Stromufern, nach so vielen Mühen sich auszuruhen, und sich der überstandenen Gefahren zu erinnern, denen zu entkommen Mancher verzweifelt haben mochte; von dem Landheere wußte man nichts, seit der Küste der Ichthyophagen hatte man alle Spur von demselben verloren 13). Da geschah es, daß Einige von Nearchs Leuten, die ein wenig landein gegangen waren, um Lebensmittel zu suchen, in der Ferne einen Menschen in Hellenischer Tracht sahen; sie eilten auf ihn zu und erkannten sich unter Freudenthränen als Hellenische Männer; sie fragten ihn, woher er käme? wer er wäre? er antwortete, er wäre vom Lager Alexanders abgekommen, der König sei nicht ferne von hier; jauchzend und frohlockend führten sie ihn zu Nearch, dem er dann angab, daß Alexander etwa fünf Tage weit ins Land hinauf stehe, und sich zugleich erbot, ihn zum Hyparchen der Gegend zu bringen; das geschah; Nearch überlegte mit diesem, wie er zum Könige hinauf kommen möchte. Während er sodann zu den Schiffen zurückkehrte, um hier Alles zu ordnen und das Lager verschanzen zu lassen, war der Hyparch, in der Hoffnung, durch die erste Nachricht von der glücklichen Ankunft der Flotte des Königs Gunst zu gewinnen, auf dem kürzesten Wege in das innere Land hinauf gereist, und hatte dort jene Botschaft an den König gebracht, die ihm selbst so viel Leid zuzog, da deren Bestätigung ausblieb. Endlich war Nearch mit seinen Einrichtungen für die Flotte und das Lager so weit gediehen, daß er mit Archias, dem zweiten Befehlshaber der Flotte, und mit fünf oder sechs Begleitern von dem Lager aufbrach, und ins Innere wanderte. Diesen begegneten auf dem

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13) Ich wage nicht nach Vincents trefflichen Untersuchungen über das Einzelne dieser Fahrt Näheres hinzu zu fügen; ein Versuch der Art würde überdieß mehr Ausführlichkeit, als hier erlaubt ist, fordern.

 

481 Wege einige von den ausgesandten Boten Alexanders; aber sie erkannten weder den Nearch noch den Archias, so sehr hatte sich ihr Aeußeres verwandelt; ihr Haupt- und Barthaar war lang, ihr Gesicht bleich, ihre Gestalt abgezehrt, ihre Kleidung zerlumpt und voll Schiffstheer; und als diese sie fragten, in welcher Richtung wohl Alexanders Lager stände, zeigten sie ihnen Bescheid und zogen vorüber. Archias aber ahnete das Rechte und sprach: es scheint, o Nearch, daß die Männer ausgesandt sind, uns zu suchen; daß sie uns nicht erkennen, ist gar wohl zu begreifen, wir mögen wohl sehr anders als in Indien aussehen; laß uns sagen, wer wir sind, und sie fragen, wohin sie reisen. Das that Nearch; sie aber antworteten, sie suchten den Nearch und das Heer von der Flotte. Da sagte Nearch: ich bin es, den ihr suchet, führt uns zum Könige! Da nahmen sie sie jubelnd auf ihre Wagen und fuhren zum Lager; Einige aber eilten voraus und zum Zelte des Königs und sprachen: Nearch und Archias und fünf Andere mit ihnen kommen so eben daher. Da sie aber von dem übrigen Heere und von der Flotte nichts wußten, so glaubte der König, daß jene wohl unvermuthet gerettet, aber Heer und Flotte untergegangen sei, und seine Trauer war größer denn vorher. Da trat Nearch und Archias herein; Alexander erkannte sie kaum wieder, er reichte dem Nearch die Hand, führte ihn zur Seite und weinte lange Zeit; endlich sprach er: „daß ich dich und Archias wieder sehe, läßt mich den ganzen Verlust minder schmerzlich empfinden; nun aber sprich, wie ist meine Flotte und mein Heer zu Grunde gegangen?“ Nearch antwortete: o König, beides ist dir erhalten, deine Flotte und dein Heer; wir aber sind als die Boten ihrer Erhaltung zu dir gekommen. Da weinte Alexander noch mehr, und lauter Jubel war um ihn her; er aber schwur bei Zeus und Ammon, daß ihm dieser Tag theurer wäre als der Besitz von ganz Asien 13b).

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13b) So erzählt Nearch (in Arrians Ind.); die Zeit dieses Zusammentreffens läßt sich durch Nearchs Reise bestimmen, denn dieser war am 21. September abgesegelt, und war nach Vincents Nachrechnung am achtzigsten Tage d. h. dem 9. December am Anamisflusse gelandet; es mochte zwischen dem 15. und 20. Decem-

 

482 Und schon war auch Kraterus mit seinem Heere und den Elephanten nach einem glücklichen Marsche durch Arachosien und Drangiana in Karamanien angelangt; er hatte sich auf die Nachricht von Alexanders ungeheueren Verlusten möglichst beeilt, sein frisches und kräftiges Heer dem Könige zuzuführen. Mit ihm zugleich trafen die Befehlshaber, die seit fünf Jahren in Medien gestanden hatten, ein; es waren Kleander mit den Veteranen der Söldner, Herakon mit den Söldnerreutern, die früher Menidas geführt hatte, Sitalces mit dem Thracischen Fußvolk, Agathon mit den Odrysischen Reutern, im ganzen fünftausend Mann zu Fuß und tausend Reuter 14). Auch der Satrap Stasanor von Aria und Drangiana und Pharasmanes, der Sohn des Persischen Satrapen Phrataphernes waren mit Kameelen, Pferden und Heerden Zugvieh nach Karamanien gekommen, zunächst in der Absicht, dem Heere, das sie noch nicht angelangt glaubten, bei dem Zuge durch die Wüste die nothwendigen Bedürfnisse zu beschaffen; doch auch jetzt

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ber sein, daß er den König wieder sah. Schwieriger, ja unmöglich ist es, den Ort zu bestimmen, wo Alexander lagerte. Diodor erzählt (XVII. 106.), Alexander habe mit seinem Heere in der Küstenstadt Salmus gestanden, und man sei gerade im Theater versammelt gewesen, als Nearch mit seiner Flotte gelandet, und sofort ins Theater gekommen sei, um von seiner Fahrt zu berichten. In dem Glauben, daß in diesem allerdings ganz verkehrten Bericht wenigstens der Name Salmus richtig sein dürfte, hat Vincent p. 306. die Vermuthung aufgestellt, daß dieser Name (Sal-moun) dem Ort Maaun der Morgenländer entspreche. Die Hypothese scheint zu gewagt. Der einzige Umstand, der ungefähr die Lage dieses Ortes bezeichnen kann, ist, daß von ihm fünf Tagereisen, also etwa funfzehn bis zwanzig Meilen bis zum Schiffslager am Anamisoder Ibrahim-Fluß waren. Demnach ist es unmöglich, an Kerman, Jumalee oder einen der Orte, die Pottinger auf seiner Reise berührt hat, zu denken. Wäre nicht die Orographie Karamaniens so überaus unklar, so würde man mindestens die Stadt Alexandria, die hier der König bauen ließ, mit einiger Sicherheit bezeichnen können; vielleicht, daß eben dort das Lager des Wiedersehens war. Sollte vielleicht Giroft der Lokalität ohngefähr entsprechen? — 14) Arrian. VI. 27., cf. Curtius X. 1.

 

483 auch waren sie mit dem, was sie brachten, sehr willkommen, und die Kameele, Pferde und Rinder wurden im Heere auf die übliche Weise vertheilt. Dieß Alles, dazu die glückliche Natur des Karamanischen Landes, die Pflege und Ruhe, die hier den Soldaten zu Theil wurde, endlich die unmittelbare Anwesenheit des Königs, dessen Thätigkeit nie ernster und durchgreifender gewesen war, machten in kurzer Zeit die Spuren des furchtbaren Elends verschwinden und gaben dem Macedonischen Heere Haltung und Selbstvertrauen zurück. Dann wurden Festlichkeiten mannigfacher Art veranstaltet, um den Göttern für die glückliche Beendigung des Indischen Feldzuges, für die Heimkehr des Heeres und die wunderbare Erhaltung der Flotte zu danken; Zeus dem Erretter, Apollo dem Fluchabwehrer, dem Erderschütterer Poseidon und den Göttern des Meeres wurde geopfert, es wurden Festzüge gehalten, Festchöre gesungen, Kampfspiele aller Art gefeiert; in dem Gepränge des Festaufzuges ging Nearch bekränzt an des bekränzten Königs Seite, und das jubelnde Heer warf Blumen und bunte Bänder auf sie. In allgemeiner Heerversammlung wiederholte der Admiral den Bericht seiner Fahrt; er und andere der Führer, so wie viele vom Heere, wurden vom Könige durch Geschenke, durch Beförderungen und Auszeichnungen aller Art geehrt, namentlich wurde der edle Peucestas, bisher Alexanders Schildträger und bei dem Sturm auf die Mallierstadt der Erretter des Königs, in die Schaar der Leibwächter aufgenommen 15).

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15) Die oben bezeichneten Festlichkeiten (Arrian VII. 28. Ind. 37.) haben Veranlassung zu einer widerlichen Uebertreibung gegeben: der König sei sieben Tage lang in dem wildesten Bachanal durch Karamanien gezogen, er selbst auf einem ungeheueren, mit acht Rossen bespannten Wagen, Tag und Nacht mit seinen Freunden an einer goldenen Tafel schmausend, während auf unzähligen anderen, mit purpurnen Teppichen und bunten Kränzen geschmückten Wagen die übrigen Genossen nachfolgten, selbst schmausend und zechend; an den Wegen hätten Weinfässer und gedeckte Tafeln gestanden, und der Zug des übrigen Heeres habe sich taumelnd von Faß zu Faß fortgewälzt; lärmende Musik, unzüchtige Lieder, feile Dirnen, Phallusbilder, kurz alle erdenkliche Liederlichkeit und Ver-

 

484 Zu gleicher Zeit eröffnete der König die Ordnung für den weiteren Zug: die Flotte sollte ihre Fahrt längs der Küste des Persischen Meerbusens fortsetzen, in die Mündung des Pasitigris einlenken und stromauf in den Fluß von Susa fahren; mit dem größeren Theil des Landheeres, mit den Elephanten und der Bagage sollte Hephästion, um die schwierigen Wege, den Schnee und die Winterkälte in den Berggegenden zu vermeiden, an die flache Küste, die Vorräthe genug und in jetziger Jahreszeit milde Luft und bequeme Wege hatte, hinab ziehen 16), um sich in der Ebene von Susa mit der Flotte und dem übrigen Heere wieder zu vereinigen. Alexander selbst wollte mit der Macedonischen Ritter-

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worfenheit hätte sich hier vereinigt. So Plutarch, Curtius, außerdem eine unzählige Menge von Hindeutungen in den Griechischen und Römischen Autoren. Es genügt, dagegen Arrians Worte anzuführen. „Einige erzählen auch, was mir nicht wahrscheinlich erscheint, daß Alexander auf einem Doppelwagen, mit seinen Getreuen zu Tische sitzend und schwelgend, durch Karamanien gezogen und ihm das Heer gekränzt und jubelnd gefolgt sei; denn man habe wieder Lebensmittel in Ueberfluß gehabt, und Alles, was zur üppigsten Lust gehört, sei von den Karamaniern an die Wege gebracht worden; und das alles habe der König zur Nachahmung des Bachanals gethan, in dem Dionysus, nachdem er Indien unterworfen, zurück gekehrt sei. Doch erzählt dieses weder Ptolemäus noch Aristobul, noch irgend ein anderer glaubwürdiger Schriftsteller.“ Daß die Feste in Karamanien mit höchster Pracht gefeiert wurden, versteht sich von selbst; aber so wenig wie wir in neuer Zeit, wenn ähnliche Feste an Höfen der Könige und Kaiser gegeben werden, daraus böswillige Folgerungen über die Persönlichkeit der erhabenen Fürsten machen, eben so und noch weniger darf dem Herrn des Morgenlandes aus seiner Prachtliebe und großartigem Aufwand ein Vorwurf gemacht werden. — 16) Hephästions Weg kann nicht unmittelbar zur Seeküste geführt haben, da sonst Nearch bei seiner Rückkehr zum Anamis nicht von den Bergvölkern überfallen sein würde (Arrian. Ind. 36.); doch scheint Vincent ihn zu lange im Innern der Provinz verweilen zu lassen; wahrscheinlich ging er bis Lar den Weg, den Don Garcias de Silva Figueroa (Ambassade, traduit par Wicqfort p. 65 sq.) beschreibt, und von Lar aus zum Gestade hinab.

 

485schaft und dem leichten Fußvolk, namentlich den Hypaspisten und einem Theile der Bogenschützen, auf dem nächsten Wege durch die Berge über Pasargadä und Persepolis gen Susa ziehen 17).

So kehrte Alexander in den Bereich der Länder zurück, die ihm seit Jahren unterworfen und Theile des Macedonisch-Persischen Reiches waren; und man muß gestehen, es war hohe Zeit, daß er zurückkehrte. Arge Unordnungen und gefährliche Neuerungen waren an mehr als einem Punkte entstanden; nur zu bald hatte der Geist der Zügellosigkeit und Anmaßung, der in den Satrapen des früheren Perserreichs geherrscht hatte, auch bei den Macedonischen Statthaltern und Anführern Eingang gefunden; während des Königs Abwesenheit ohne Aufsicht und im Besitz einer fast unumschränkten Gewalt, hatten viele Satrapen, sowohl Macedonier als Perser, die Völker auf das Furchtbarste gedrückt, hatten ihrer Habgier, ihrer Wollust Alles erlaubt, hatten selbst die Tempel der Götter und die Gräber der Todten nicht geschont, ja auf den Fall, daß Alexander nie aus den Ländern Indiens zurückkehrte, hatten sie sich bereits mit Söldnerhaufen umgeben und alle Anstalten getroffen, um sich nöthigen Falls mit gewaffneter Hand im Besitz ihrer Provinzen zu behaupten. Die tollkühnsten Pläne, die ausschweifendsten Wünsche, die überspanntesten Hoffnungen waren an der Tagesordnung; die ungemessene Aufregung des Zeitalters, in dem alles Gewohnte, Herkömmliche und Wahrscheinliche über einander gestürzt war, hatte keine Sättigung mehr als im zügellosesten Wagen und im Ungeheueren des Genusses oder Verlustes. Das wilde Würfelspiel des Krieges, in dem Asien gewonnen war, wie leicht konnte es umschlagen, wie leicht mit einem Wurfe des Königs übergroßes Glück wie gewonnen so zerronnen sein. Auch das gestürzte Perserthum begann sich mit neuer Hoffnung zu erheben, und es war bereits mehr als ein Versuch von Seiten Morgenländischer Großen gemacht worden, die kaum geknüpften Bande mit dem neuen Königthum zu zerreißen und unabhängige Fürstenthümer zu gründen, oder im Namen des altper-

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17) Alexanders Weg scheint der von Edrist bezeichnete, von Giroft nach Fasa zu sein.

 

486sischen Königthums, des wiedererstandenen, die Völker zum Abfall zu reizen. Und als nun gar nach der jahrelangen Abwesenheit des Königs, nach dem immer wilderen Umsichgreifen der Unordnung und der Usurpation, die Gerüchte von dem Untergange des Heeres in der Gedrosischen Wüste sich bis ins Unendliche vergrößert verbreiteten, da mochte die Bewegung an allen Orten und in allen Gemüthern einen Grad erreichen, der einen vollkommenen Sturz alles Bestehenden befürchten ließ.

Das waren die Verhältnisse, unter denen Alexander mit den Ueberresten seines Heeres in die Westprovinzen zurückkehrte; es stand Alles auf dem Spiele; ein Zeichen von Besorgniß oder Schwäche, und das Reich stürzte über seinen Gründer in Trümmern; nur die kühnste Entschlossenheit, die ernsteste Kraft des Willens und der That konnte den König und sein Reich retten; Gnade und Langmuth wäre Geständniß der Ohnmacht gewesen, und hätte die Völker, die auch jetzt noch in treuer Ergebenheit dem Könige anhingen, um ihre letzte Hoffnung gebracht; es bedurfte der strengsten und schonungslosesten Gerechtigkeit, um den unter dem Druck der Satrapen und Strategen schmachtenden Völkern Genugthuung zu geben und das Vertrauen zu der Macht des großen Königs zu bewahren; es bedurfte eines schnellen und niederschmetternden Gerichtes, um der Majestät des Königthums ihren vollen Glanz wieder zu geben und die Schrecken ihres Zornes in alle Ferne zu verbreiten. Und in Wahrheit, Alexander mochte, seitdem er dem Lande seiner Hoffnung den Rücken gewandt, seitdem sich am Hyphasis und in der Wüste die Sonne seines Glücks tief und tiefer geneigt, seitdem er den furchtbaren Wechsel menschlicher Dinge in dem Hinsterben seiner Tausende erfahren, in jener Stimmung der Bitterkeit und Menschenverachtung sein, deren der zürnende Despot bedurfte; vorüber war die Zeit des Strebens und Erkämpfens, der Enthusiasmus der Jugend und der Hoffnungen war erkaltet, und zu oft getäuscht begann sein Vertrauen dem Argwohn zu weichen; eine Welt hatte er umgestaltet, er begann zu fühlen, daß er sich mit ihr verwandelt habe; es galt jetzt die Zügel der umumschränkten Gewalt fest zu ergreifen und zu halten, es galt jetzt schnelles Gericht, neuen Gehorsam, strenges Regiment.

487 Schon in Karamanien hatte Alexander zu strafen gefunden; der Satrap Aspastes, der sich im Jahre 330 unterworfen und seine Stelle behalten hatte, war vielfach verklagt worden und verbrecherischer Versuche verdächtig: zwar kam er jetzt, da der König wider alles Vermuthen aus Indien und aus der Gedrosischen Wüste zurückkehrte, demselben in unterwürfiger Ergebenheit entgegen, und wurde mit den Rücksichten aufgenommen, die sein hoher Rang forderte; aber als die näheren Untersuchungen den schweren Verdacht, der auf ihm lastete, bestätigt hatten, ward er den Händen des Henkers übergeben; Sibyrtius erhielt statt seiner die Provinz 18). Da indeß die Satrapie der Oriten und Arabiten durch den Tod des Thoas, den Alexander zu Apollophanes Nachfolger designirt hatte, erledigt war, so wurde Sibyrtius dorthin gesandt, und statt seiner Tlepolemus des Pythophanes Sohn, den seine bisherige Stellung in der Parthischen Satrapie bewährt hatte, nach Karamanien berufen 19). – Die Unordnungen, die im Innern Arianas durch den Perser Ordanes angestiftet und durch den, wie es scheint, gleichzeitigen Tod des Satrapen Menon von Arachosien freien Spielraum gewonnen hatten, waren von Kraterus auf seinem Durchzuge ohne Mühe unterdrückt worden, er brachte den Empörer in Ketten vor den König, der ihn der gerechten Strafe übergab; die erledigte Satrapie Arachosien wurde mit der von Ora und Gedrosien unter Sibyrtius vereinigt 20). – Auch aus Indien kam böse Zeitung; Taxiles berichtete, Abisares von Kaschmir sei gestorben und der Satrap Philippus im diesseitigen Indien von den Söldnern, die unter ihm dienten, erschlagen worden, doch habe die Macedonische Leibwache des Satrapen den Aufruhr sofort erdrückt und die Aufrührer hingerichtet; Alexander übertrug die einstweilige Verwaltung der Satrapie dem Fürsten von Taxila und dem Anführer der in Indien stehenden Thracier, und gebot ihnen, den Sohn des Abisares als Nachfolger im

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18) Curtius IX. 10. 21., Arrian. VI. 27. — 19) Arrian. 1. c. Daher war die Satrapie eine kurze Zeit ohne Verwaltung, Arrian. Ind.20) Arrian. VI. 27., V. 6. 2., Curtius IX. 10. 20.

 

488 Reiche Kaschmir anzuerkennen 21). – Von Medien her waren die Generale Herakon, Kleander, Sitalces und Agathon mit dem größten Theile ihrer Truppen gen Karamanien zu kommen beordert; und gekommen, mit ihnen zugleich viele ehrbare Einwohner der Provinz, die sie verklagten: sie hätten die Tempel geplündert, die Gräber aufgewühlt, sie hätten sich jede Art von Bedrückung und Frevel gegen die Unterthanen erlaubt, edle Jungfrauen geschändet, den Frieden der Ehen zerstört, auf alle Weise den Macedonischen Namen verhaßt gemacht, vor Allen sei Kleander, der Anführer der Hellenischen Veteranen, der Gegenstand allgemeiner Verwünschungen. Diese Aussagen wurden durch die Zeugnisse und Beschwerden vieler Soldaten bestätigt. Nur Herakon wußte sich zu rechtfertigen und wurde wieder auf freien Fuß gesetzt; Kleander, Sitalces und Agathon dagegen wurden vollständig überführt und nebst einer Menge mitschuldiger Soldaten, wie es heißt sechshundert, auf der Stelle niedergehauen. Dieses schnelle und strenge Gericht machte überall den tiefsten Eindruck; man gedachte der vielfachen Rücksichten, welche der König haben mußte, diese Männer, die heimlichen Vollstrecker des Todesurtheils an Parmenion, und diese bedeutende Zahl alter Soldaten, deren er jetzt so sehr bedurfte, zu schonen; die Völker erkannten, daß der König in Wahrheit ihr Beschützer, daß es nicht sein Wille sei, sie wie Unterworfene behandelt zu sehen; die Satrapen und Befehlshaber dagegen konnten erkennen, was auch sie zu erwarten hatten, wenn sie nicht mit reinem Gewissen vor den Stufen des Thrones zu erscheinen vermochten; manche von ihnen suchten, so wird erzählt, im Bewußtsein ihrer Schuld, neue Schätze zusammen zu raffen, ihre Söldnerschaaren zu verstärken, kurz sich so zu rüsten, um nöthigenfalls trotzen zu können; da erging ein königliches Schreiben an die Satrapen, welches gebot, sofort die Söldner, so viel nicht im Namen des Königs geworben seien, zu entlassen, und demnächst in Person nach Susa zu kommen, um Rechenschaft abzulegen und sich über jede Beschwerde zu rechtfertigen 22).

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21) Arrian. l. c. Curtius X. 1. 21. — 22) Arrian VI. 27. 6., Curtius X. 1.

 

489 Indeß war das Heer aus Karamanien gen Persien gezogen; der Satrap Phrasaortes, den Alexander hier bestellt hatte, war zur Zeit des Indischen Feldzuges gestorben; Orxines, aus dem Geschlecht der Achämeniden, von großem Ansehen unter den Persern und unermeßlichen Reichthümern 22b), hatte, im Vertrauen auf seine Geburt und seinen Einfluß, die erledigte Satrapie übernommen, und, wie nach Indien berichtet worden war, auf würdige Weise verwaltet; er kam jetzt dem Könige mit sehr reichen Geschenken von schönen Pferden, kostbaren Wagen, Edelsteinen, Prachtgeräthen, goldenen und silbernen Vasen, viertausend Talenten gemünzten Silbers entgegen, und es schien ihm sein früheres eigenmächtiges Verfahren vergessen zu sein. Indeß zeigte sich bald genug, daß er den Pflichten der Satrapie, die er ungeheißen auf sich genommen, keinesweges nachgekommen sei. Schon das erzürnte den König, daß er das Grab des großen Cyrus im Haine von Pasargadä erbrochen fand; bei seiner früheren Anwesenheit in Pasargadä hatte er die Kuppe des Steinhauses, in der der Sarg stand, öffnen und das Grab von Neuem schmücken lassen und den am Grabe wachenden Magiern die Fortsetzung ihres frommen Dienstes geboten; er wollte das Andenken des großen Königs auf jede Weise geehrt wissen; jetzt aber fand er das Grab zerstört, die goldene Bahre zerbrochen, den Sarg umgestürzt, den Leichnam, der Edelsteine und kostbare Geschmeide getragen hatte, verstümmelt, die Prachtgewänder, die goldenen Schaalen und andere Kostbarkeiten waren verschwunden. Alexander gab dem Aristobul Befehl, die Trümmern des Leichnams wieder in den Sarg zu legen, und mit dem Purpur zu bedecken, die Bahre wieder aufzurichten, Alles so, wie es vor dem Einbruch gewesen, herzustellen, die Steinthür der Kuppe wieder einzusetzen und mit dem königlichen Siegel zu verschließen. Er selbst untersuchte dann, wer

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22b) In der Schlacht von Gaugamela nennt ihn Curtius unter den Führern; er sagt: die Perser, Mardier (in den Bergen von Persis s. o. p. 249. Not. 56.) und Sogdianer, (v. 1. Sogdiani, vielleicht Susiani) unter Ariobarzanes und Orobatis, die den einzelnen Stämmen, und Orxines, der dem Ganzen vorstand. Arrian erwähnt seiner bei Gelegenheit dieser Schlacht nicht.

 

490 den Frevel begangen; die Magier, welche die Grabeswache gehabt, wurden ergriffen und auf die Folter gespannt, um die Thäter zu nennen, doch wußten sie nichts; sie mußten entlassen werden; auch die weiteren Nachforschungen ergaben keine sichere Spur; es war Niemand da, den Frevel zu büßen, und auf dem Satrapen lastete die Schuld der Fahrlässigkeit, daß dieses in seinem Lande an dem Grabe seines großen Ahnherrn hatte geschehen können 23). Bald aber sollten schwerere Vergehen des Satrapen zu Tage kommen; Alexander war von Pasargadä gen Persepolis gezogen, der Residenz des Orxines; die lautesten Klagen wurden hier von Seiten der Einwohner über ihn geführt: er habe sich die schnödesten Gewaltthätigkeiten erlaubt, um seiner Habgier zu fröhnen, er habe viele Perser ohne Anlaß und ohne Urtheil hingerichtet, er habe die Heiligthümer geplündert, er habe die dortigen Königsgräber erbrochen und den königlichen Leichen ihren Schmuck geraubt. Alexander fand bei näherer Untersuchung die Klagen begründet, und der Satrap ward den Händen der Henkersknechte übergeben und aufgeknüpft 24). Der Leibwächter Peucestes, des Makartatus Sohn, durch seine treue Anhänglichkeit und durch die Erinnerungen des Mallierlandes dem Könige werth,

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23) Arrian. VI. 29., Strabo XV. p. 321.; beide nach Aristobul, der an dem Zustande des Grabes erkannte, daß der Einbruch durch Räuber geschehen (προνομευτῶν ἔργον ἦν) und der Satrap ohne Schuld sei. Nach Plut. Alex. 69. war Polymachus aus Pella, ein sehr vornehmer Macedonier, der Thäter gewesen, und wurde deshalb am Leben gestraft. Vielleicht ist προνομευτῶν genauer zu nehmen in der Bedeutung „Fouragirende“; Polymachus konnte dann mit einem Trupp Soldaten diesen Frevel verübt haben. — 24) So Arrian. VI. 30. Nach Curtius X. 1. 21. wäre der Tod des Orxines durch den Eunuchen Bagoas, der damals Alexanders Günstling gewesen sein soll, intrigirt worden, der Satrap soll nicht nur unschuldig, sondern auch von ausnehmender Ergebenheit gegen den König gewesen sein. Von Alexanders Zuneigung zu diesem Eunuchen hat Dicäarch in seinem Buch „über das Opfer in Ilion“ (Athen. XVII. p. 603. b.) eine etwas starke Geschichte, die Plutarch (Alex. 67.) wiederholt.

 

491 erhielt die schöne Satrapie; er schien vor Allen geschickt zu sein, dieses Hauptland des Perserthums zu verwalten, da er sich ganz in die Asiatischen Lebensweise hinein gefunden hatte, Medische Kleidung trug, der Persersprache mächtig war, und sich gern und bequem im Persischen Ceremoniel bewegte, Dinge, welche die Perser mit Entzücken an ihrem neuen Gebieter sahen 25).

Um dieselbe Zeit traf der Satrap Atropates von Medien bei dem Könige ein; er brachte den Medier Baryaxes, der es gewagt hatte, die Tiara anzunehmen und sich König der Meder und Perser zu nennen; er mochte darauf gerechnet haben, daß die Bevölkerung der Satrapie, durch die Frevel der Macedonischen Besatzungen empört, zum Abfall bereit sein würden; jetzt wurde er mit den Theilnehmern seiner Verschwörung den Henkersknechten übergeben 26). – Und weiter zog der König durch die Persischen Pässe gen Susa hinab, und die Scenen von Karamanien und Persien erneuten sich; denn die Völker scheuten sich nicht mehr, laute Klagen über ihre Bedrücker zu erheben, sie wußten, daß Alexander sich ihrer annehme. So trat hier der Satrap Oxathres von Parätacene, des Abulites Sohn, vor Alexander, mit ihm seine Ankläger; der stolze Barbar vermochte sich nicht zu rechtfertigen und Alexander durchbohrte ihn mit eigener Hand. Des Gerichteten Vater, der Satrap Abulites von Susa, eilte dem zürnenden Könige entgegen; er hatte sich vieles vorzuwerfen, selbst für die Verpflegung des Heeres hatte er nicht gesorgt, mit reichen Geschenken hoffte er sich zu retten, er brachte dem Könige dreitausend Talente Gold dar; Alexander befahl, das Metall den Pferden vorzuwerfen, und fragte den Satrapen, ob das die Thiere sättige; er ließ ihn ins Gefängniß werfen und später, als seine weiteren Ungerechtigkeiten erforscht waren, hinrichten. Auch der kaum in dem Prozeß der Medischen Erpressungen freigesprochene Herakon, der früher in Susa gestanden hatte, wurde der Theil-

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25) Arrian. VI. 30. und sonst. — 26) Arrian. VI. 27., Curtius X. 1. 39. scheint denselben mit dem Namen Phradates zu meinen; doch bemerke ich, daß der frühere Satrap der Tapurier Autophradates bei ihm auch Phradates heißt.

 

492nahme an jenen Erpressungen des Satrapen überführt und der gleichen Strafe übergeben 27).

So folgten Schlag auf Schlag die strengsten Strafen, und mit Recht mochte denen, die sich nicht schuldrein wußten, vor ihrer eigenen Zukunft bange sein. Unter diesen war Harpalus, des Machatas Sohn, Bruder des kürzlich verstorbenen Satrapen Philipp vom diesseitigen Indien. Durch frühe Verbindungen und wesentliche Dienstleistungen dem Könige werth, hatte er von Anfang her die größten Beweise von dessen Gunst erhalten, und war beim Beginn des Persischen Krieges, da seine körperliche Beschaffenheit ihn zum Kriegsdienste untauglich machte, zum Schatzmeister ernannt worden; aber schon damals hatte er sich arger Ungesetzlichkeiten schuldig gemacht, war kurz vor der Schlacht von Issus in Gemeinschaft mit einem gewissen Tauriskon, der den Plan angegeben hatte, mit den königlichen Kassen davon gegangen, um sich zu dem Epirotenkönig Alexander, welcher damals in Italien kämpfte, zu begeben; doch da sich inzwischen dessen Unternehmung einem traurigen Ende zuneigte, hatte Harpalus seinen Entschluß geändert, und sich in Megara niedergelassen, um dort seinem Vergnügen zu leben. Dennoch glaubte Alexander, der Zeiten eingedenk, wo Harpalus mit Nearch, Ptolemäus und wenigen anderen seine Sache gegen König Philipp vertreten und darum Schande und Verbannung gelitten hatte, dem ausschweifenden Manne verzeihen zu müssen; mit dem Versprechen, alles Geschehene vergessen und für ungeschehen ansehen zu wollen, hatte er ihn bei seiner Rückkehr aus Aegypten im Frühjahr 331 zurück berufen und ihm wiederum das Schatzamt übergeben; die ungeheueren Schätze von Pasargadä und Persepolis wurden in Ekbatana niedergelegt und unter seine Aufsicht gestellt, ingleichen waren, so scheint es, die Schatzämter der unteren Satrapien unter seinem Bereich und sein Einfluß herrschte über den ganzen Westen Asiens 28). Indeß zog Alexander immer weiter gen Osten, und Harpalus, unbekümmert um die Verantwortlichkeit seiner Stellung

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27) Arrian. VII. 4., VI. 27. 12. — 28) Arrian. III. 6., Plut. Alex. 10 und 35.

 

493 und von Natur zu Genuß und Verschwendung geneigt, begann mit den königlichen Schätzen auf das Zügelloseste zu prassen und den ganzen Einfluß seiner Stellung auf Tisch und Bett zu verwenden; keine Art der Schwelgerei blieb ungekostet, und die schönen Asiatinnen durften es nicht wagen, sich dem mächtigen Wollüstling zu entziehen, der ihren Genuß mit geheimen Verbrechen zu erkaufen und sie dann der öffentlichen Schande feil zu geben liebte. Der ganzen Welt war das Leben dieses Menschen zum Skandal, und der Spott der Hellenischen Komiker wetteiferte mit dem Unwillen ernsterer Männer, seinen Namen der allgemeinen Verachtung zu überliefern; von dem berühmten Geschichtsschreiber Theopomp kam in jener Zeit ein offenes Sendschreiben an Alexander heraus, in welchem er den König aufforderte, diesem Unwesen ein Ende zu machen: „von der wüsten Liederlichkeit Asiatischer Weiber noch nicht gesättigt, habe Harpalus die Pythionice, die berüchtigste Coquette Athens, die erst bei der Sängerin Bakchis gedient habe, mit dieser dann in das Frauenhaus der Kupplerin Sinope gezogen sei, gen Asien kommen lassen und sich ihren Launen auf die unwürdigste Weise gefügt; als sie gestorben, habe er mit unverschämter Verschwendung dieser Person zwei Grabmonumente erbaut, und man staune mit Recht, daß, während den Tapferen von Issus, die für den Ruhm Alexanders und die Freiheit Griechenlands gefallen seien, weder von jenem noch von irgend einem der Statthalter ein Denkmal der Erinnerung geweiht sei, zu Athen und zu Babylon bereits die prächtigsten Monumente für eine Hure fertig da ständen; denn dieser Pythionice, die in Athen lange genug jedermann für Geld zugänglich gewesen, habe Harpalus, der sich Alexanders Freund und Beamten nenne, die Frechheit gehabt Tempel und Altäre zu errichten und als Heiligthum der Venus Pythionice zu weihen, ohne Scheu vor der Strafe der Götter, und der Majestät des Königs zum Hohn. Nicht genug das; kaum sei diese gestorben, so habe Harpalus sich auch schon eine zweite Maitresse aus Athen verschrieben, die berüchtigte Glycera; ihr habe er den Pallast von Tarsus zur Residenz eingerichtet, habe ihr auf Rossus eine Statue geweiht, jenem heiligen Platze, der für eine Bildsäule Alexanders bestimmt sei, habe 494 ein Mandat erlassen, daß Niemand ihm einen goldenen Ehrenkranz weihen dürfe, ohne zugleich der Maitresse, daß man vor ihr anbeten, sie mit dem Namen Königin begrüßen solle, kurz alle Ehre, die nur der Königin Mutter oder der Gemahlin Alexanders gebühren würde, vergeude der Großmeister vom Schatzamt an die Attische Dirne 29).“ Diese und ähnliche Berichte waren an den König gekommen; er hatte sie anfangs für unglaublich oder übertrieben gehalten, überzeugt, daß Harpalus nicht auf so wahnsinnige Weise die schon einmal verscherzte Gnade seines Gebieters aufs Spiel setzen werde 30); bald genug bestätigte Harpalus selbst alle jene Beschuldigungen durch seine Flucht. Er hatte sich darauf verlassen, daß Alexander nie zurückkehren werde; jetzt sah er das strenge Gericht des Königs gegen die, welche sich durch denselben Irrthum hatten verführen lassen; er verzweifelte daran, Verzeihung bei seinem Herrn zu erlangen. Deshalb raffte er alles an Schätzen, was er konnte, es war die ungeheuere Summe von fünftausend Talenten, zusammen, warb sich sechtausend Söldner, zog von diesen begleitet, mit seiner Glycera und dem Töchterchen, das ihm Pythionice geboren hatte 31), durch Kleinasien an das Aegäische Meer hinab, und schiffte sich auf dreißig Schiffen ein, um nach Attika überzusetzen; Ehrenbürger von Athen, mit den angesehensten Männern der Stadt befreundet und durch reiche Getreidespenden bei dem Volke sehr beliebt, zweifelte er nicht mit sei-

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29) Athen XIII. p. 586 und 595.; dieses Sendschreiben heißt bald ἠ πρὸς Αλέξανδρον ἐπισολή bald πρὸς Αλ. συμβουλαὶ, der in demselben verklagte Theokrit (Athen VI. p. 230 f.) ist der Rhetor aus Chios, dessen Strabo XIV. p. 183. als politischen Gegner des Theopomp erwähnt, und der den Vers vom „purpurnen Tode“ so bitter auf Alexander anwendete. Plut. de puer. educ. c. 16. und Suid. v. Θεόκριτος; cf. Ilgen. scol. Graecorum p. 162. Auch Aristoteles blieb von seinem Spotte nicht verschont, s. das Epigramm in Eusebius praep. evang. XV. p. 793 a. — 30) Darauf bezieht sich die Angabe Plutarchs, daß Ephialtes und Kissos, welche die erste Nachricht von Harpalus Flucht brachten, als falsche Angeber festgenommen wurden; Plut. Alex. 41. — 31) Plut. Phocion 22.

 

495nen Schätzen dort willkommen und vor einer Auslieferung an Alexander sicher zu sein 32). –

Während sich so der letzte Schuldige unter den Großen des Reichs der Verantwortlichkeit zu entziehen suchte, war Alexander mit seinem Heere, es war in der Mitte des Februar 324, in Susa eingerückt. Bald nach ihm traf auch Hephästion ein mit den übrigen Truppen, den Elephanten und der Bagage, und Nearch führte die Flotte, die ohne weitere Fährlichkeit die Küste des Persischen Meeres umschifft hatte, den Strom hinauf. Die Satrapen und Befehlshaber kamen den königlichen Befehlen gemäß mit reichem Gefolge und vielen Geschenken, es kamen die Fürsten und Großen des Morgenlandes, vom Könige geladen, mit ihren Frauen und Töchtern zur Residenz, von allen Seiten strömten Fremde aus Asien und Europa herbei, um den großen Festlichkeiten, die in Susa vorbereitet waren, beizuwohnen.

Und allerdings galt es ein wunderbares, im Laufe der Jahrhunderte einziges Fest zu begehen. Alexander glaubte jetzt das verwirklichen zu können, was seit zehn Jahren der Zweck seiner Kämpfe und seiner Einrichtungen gewesen war; er glaubte die große Kluft, die sonst Asien und Europa geschieden, ausgefüllt, den Siegerstolz in dem Adel Macedoniens gebrochen, in den Völkern Asiens Vertrauen und Hingebung geweckt zu haben; es war die Zeit gekommen, die volle Versöhnung und Einigung des Abendund Morgenlandes, wie sie stets als Zweck und Norm der neuen Verhältnisse hingestellt worden, auf die ausgedehnteste und eindringlichste Weise auszusprechen und zu bethätigen. Dieß war der Sinn der großen Hochzeit von Susa, die an demselben Tage der König, seine Generale, unzählige vom Heere mit den Töchtern Asiens feierten.

Die Beschreibung dieses an Pracht und Feierlichkeit Alles übertreffenden Festes geben die Augenzeugen etwa in folgender Weise 33): Das Beilager wurde nach Persischer Sitte gehalten,

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32) Athen l. c. Curtius X. 2.; daß die Flucht des Harpalus in diese Zeit gehört, versteht sich von selbst und wird durch Diodors Zeugniß (XVII. c. 108.) bestätigt. — 33) Man darf die An-

 

496 das große königliche Zelt war zu diesem Feste eingerichtet; die Kuppe desselben, mit bunten und reich gestickten Stoffen überbreitet, ruhte auf funfzig vergoldeten oder versilberten, mit kostbaren Gesteinen ausgelegten Säulen von dreißig Fuß Höhe; rings umher hingen als Zeltvorhänge kostbare, golddurchwirkte, mit vielfachen Schildereien durchwebte Teppiche von schwer vergoldeten Stäben herab; der Umfang des ganzen Zeltes betrug vier Stadien; das Innere desselben war mit Gold, Scharlach, Himmelblau und Purpur ausgeschmückt; in Mitten des Sales war die Tafel gedeckt, auf der einen Seite standen die hundert Divans der Bräutigame, auf silbernen Füßen ruhend, mit hochzeitlichen Teppichen überbreitet, nur der des Königs in der Mitte von Gold; auf der anderen Seite der Tafel und im Saale umher die Plätze der übrigen Gäste die geladen waren, der Morgenländischen Fürsten, der Gesandtschaften, der vielen Fremden am Hofe; im Hintergrunde des Gezeltes die zweiundneunzig Brautkammern, gleich kostbar und heimlich für die Brautnacht. Zu gleicher Zeit waren durch das ganze Lager hin für alle Truppen, für die Schiffsleute, für den Troß des Heeres und das Gefolge der Gäste, für alle Fremden im Lager reiche Tafeln gedeckt. Dann gaben die Heertrompeten vom königlichen Zelte her das Zeichen zum Beginn des Festes; die Gäste des Königs, es waren neuntausend, setzten sich zum Mahle. Und wieder verkündete das Schmettern der Trompeten durch das Lager, daß der König jetzt den Göttern spende; mit ihm spendeten seine Gäste, jeder aus goldener Schaale, dem Hochzeitsgeschenk des Königs. Als nun die Mischkrüge mit Wein gebracht waren, und die Becher kreiseten, trat der Zug der verschleierten Bräute herein, und die Fürstentöchter gingen jede zu ihrem Bräutigam, es ging Statira, des Großkönigs Tochter, zu Alexander, es ging ihre jüngere Schwester Drypetis zu Hephästion, dem Liebling des Königs, es ging Oxathres Tochter Amastrine, des

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gabe des Chares bei Athen. XII. p. 538. (aus ihm Aelian. VII. 7.) mit der gleichfolgenden Beschreibung des Audienzgezeltes nach Phylarch (Athen. p. 539.) combiniren, da beide dasselbe Gebäude im Sinne haben.

 

497 Großkönigs Nichte zu Kraterus, und des Medischen Fürsten Atropates Tochter zu Perdikkas, des greisen Artabazus Tochter Artakama zum Lagiden Ptolemäus dem Leibwächter, und ihre Schwester Artonis zu Eumenes, dem Geheimschreiber des Königs, die Tochter des Rhodiers Mentor zu Nearch, die Tochter des Spitamenes von Sogdiana zu Seleukus, dem Führer der jungen Edelschaaren, und so die anderen, jede zu ihrem Bräutigam 34); die Bräutigame reichten ihnen die Rechte entgegen und zogen sie zu sich auf den Teppich; dann gab der König seiner Braut den bräutlichen Kuß, und seinem Beispiele folgten die Getreuen; die Bräute liebkosend und beim Weine froh saßen sie bis spät in der Nacht, bis ein Paar nach dem andern in die bräutliche Kammer verschwand 35).

Fünf Tage nach einander folgten Feste auf Feste; von den

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34) Aristobul sagt (bei Arrian. VII. 4.) daß Alexander außer der Tochter des Darius auch des Königs Ochus Tochter Parysatis geheirathet habe; dieß scheint nicht wahrscheinlich; eben so ist Barsine, des Artabazus Tochter und Mentors Wittwe, nie seine Gemahlin gewesen, obschon er in Damaskus und später mit ihr Umgang hatte; sie lebte mit ihrem jetzt fünfjährigen Knaben (Diodor. XX. 20.) in Pergamum; nur Roxane war ebenbürtige und rechtmäßige Gemahlin Alexanders und wenigstens im folgenden Jahre bei ihm; der Name der Dariustochter war nach Arrian Barsine, aber in den Handschriften, die Photius excerpirt hat (p. 68. b. 7.) Arsinoe, während alle anderen Autoren (Diodor XVII. 107., Plutarch Alex. 70., Curtius IV. 5. 1., Justin. XII. 10., Memnon apd. Phot. p. 224. a. 30.) sie Statira nennen, wie nach Plutarch Alex. 30. und Phylarch. ap. Athen. XIII. p. 609. b. auch ihre Mutter hieß; vielleicht vertauschte die Prinzessin eben so wie einige andere Asiatinnen bei ihrer Vermählung ihren Persischen Namen Statira mit einem Hellenistischen. Die Amastrine Arrians heißt bei Diodor XIX. 109. Amestris, bei Strabo XII. p. 20. und auf Münzen (s. Sphanhem. de usu et praest. p. 495.) Amastris; die Töchter des Artabazus sind außer der oben genannten Barsine (Pharsine bei Syncell. p. 504.) Artakama oder Apama (Apamea) und Artonis oder Barsine, beide mit Hellenistischen Namen. — 35) Arrian. VII. 4.

 

498 Gesandtschaften, von den Städten und Provinzen des Reichs, von Bundesfreunden aus Asien und Europa wurden dem Könige unzählige Hochzeitsgeschenke überreicht, allein an goldenen Kränzen funfzehntausend Talente; und er wieder theilte mit gleicher Freigebigkeit aus; viele von den Bräuten waren elternlos; Alexander sorgte für sie wie ein Vater, allen gab er königliche Mitgift, allen, die sich mit ihm vermählt, überreiche Geschenke, allen Macedoniern, die sich jetzt oder früher Asiatische Mädchen gefreit, und mehr denn funfzehntausend schrieben ihre Namen auf, gab er Aussteuer. Neue Gastmähler und fröhliche Gelage, Schauspiele, Festaufzüge, Ergötzlichkeiten aller Art füllten die nächsten Tage; das Lager war voll Lustbarkeit und fröhlichen Getümmels, hier Rhapsoden und Harfenspieler aus Großgriechenland und Jonien, da Gaukler und Seiltänzer aus Indien, dort Magier und Kunstreuter aus den Persischen Ländern, dann wieder Tänzerinnen, Flötenbläser, Schauspielerbanden aus Attika. Denn auch dramatische Spiele, es war ja die Zeit der großen Dionysien, wurden aufgeführt, unter diesen ein Satyrspiel, Agen, angeblich von dem Byzantiner Python verfaßt, voll heiteren Spottes über die Flucht des Harpalus, des lahmen Großmeisters vom Schatzamte 36). Dann

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36) Dieses Satyrspiel Agen wurde, sagt Athen. XVI. p. 575. e. „zur Feier der Dionysien am Hydaspes aufgeführt, nachdem Harpalus bereits ans Meer geflohen und abgefallen war.“ Dies hätte nur im Jahre 326 entweder im April oder März, oder nach der Rückkehr zum Hyphasts im Oktober sein können; aber gerade damals schickte noch Harpalus neue Truppen dem Könige nach; Athenäus hat den Hydaspes statt des Choaspes bei Susa geschrieben; hierher gehört das Satyrspiel. Als Verfasser wurde Python von Byzanz oder von Katana, oder auch der König genannt; der Byzantiner Python ist wohl zuverlässig der Redner, der schon mit Philipp in naher Verbindung stand und in wichtigen Sendungen von ihm gebraucht wurde; s. Westermann’s Geschichte der Griechischen Beredsamkeit p. 125.; witzig genug, um ein Satyrspiel zu dichten, scheint er nach der Geschichte bei Athen. XII. p. 550. gewesen zu sein. Die zwei Fragmente aus dem Agen lauten folgender Maaßen:

 

499 ward durch Heroldsruf verkündet, daß der König die Schulden seines Heeres auf sich nehme und bezahlen werde, daß deshalb jeder die Summe, die er schuldig sei, aufschreiben und demnächst in Empfang nehmen solle. Indessen schrieben sich anfangs nur Wenige auf, die Meisten, namentlich die Hauptleute und höheren Offiziere, mochten fürchten, daß Alexander nur in Erfahrung bringen wollte, wer nicht mit seiner Löhnung auskäme und zu verschwenderisch lebe. Als dieß der König hörte, schalt er sehr über dieses Mistrauen seiner Krieger: ein König müsse nicht anders als wahr und offen gegen seine getreuen Unterthanen sein, und diese wieder müßten nicht glauben, daß der König anders als

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... Es steht bereis [sic] da, wo der Kalmus wächst,
Das Kuppel-Denkmal, an dem großen Wege links,
Der Dirne schönes Heiligthum, nach dessen Bau
Sich Pallides selbst des Baues wegen zur Flucht verflucht.
Und als nun von den Barbaren einige Magier
Ihn dort darnieder liegen sah’n erbärmiglich,
Da versprachen sie dem Betrübten, Pythionicens Geist
Empor zu zaubern.

und weiterhin frägt Einer:

... Hören möcht ich wohl von dir,
Da ich von dort fern weile, wie es in Attika
Zugeht zur Zeit, und wie es sich dort jetzt leben läßt.

Der Andere:

So lange sie lärmten: „ein Sklaven-Leben führen wir,“
Genug zu tafeln hatten sie da; jetzt kauen sie
An magren Erbsen und Bollen, die Kuchen sind zu End.

Der Erste:

Doch hör’ ich, viele tausend Wispel Weizenmehl
Und mehr denn Agen habe ihnen Harpalus
Gesandt, und sei zum Büger Athens dafür gemacht?

Der Andere:

Das war der Glycera Weizen, mehr für Athen vielleicht
Ein Sterbeschmaus als Werbeschmaus für Glycera.

Die Bezeichnung Pallides für Harpalus, ist eine eben so krasse Zweideutigkeit wie das Kuppel-Denkmal (ἀέτωμα λορδόν) im zweiten Verse; die Erklärung des Einzelnen ergiebt sich aus dem Text.

 

500 offen mit ihnen handele. Dann ließ er Tische an verschiedenen Punkten des Lagers aufstellen und Goldstücke aufschütten, mit dem Befehl, daß Jedem, der eine Rechnung vorzeige, der Betrag derselben, ohne weiter nach seinem Namen zu fragen, ausgezahlt werden sollte. Nun kamen sie alle ohne ferneres Mistrauen und freuten sich nicht sowohl, daß sie ihrer Schulden los würden, als daß dieselben nicht weiter bekannt würden; denn diese tapferen Männer hatten mit mehr als denkbarer Sorglosigkeit gewirthschaftet; trotz aller Beute und aller königlichen Geschenke war doch das ganze Heer so tief in Schulden, daß zu ihrer Deckung nicht weniger als zwanzigtausend Talente gehörten 37). Namentlich hatten die Offiziere ungeheuer verschwendet, und da der König sich oft misbilligend über ihren wahnsinnigen Aufwand geäußert hatte, mochten sie sehr froh sein, ohne sein weiteres Wissen an den Geldtisch treten und ihren erschütterten Finanzen schnell aufhelfen zu können. Auch Antigenes, der Führer der Hypaspisten in der Schlacht am Hydaspes, der im Jahre 340 vor Perinth ein Auge verloren hatte und wegen seiner Bravour und seiner Habsucht gleich bekannt war, trat damals an den Goldtisch und ließ sich eine namhafte Summe auszahlen; dann wurde entdeckt, daß er ohne alle Schulden, und die vorgezeigten Rechnungen falsch seien. Alexander war über diese schmutzige Geldiger sehr erzürnt, verwies den Antigenes vom Hofe und nahm ihm sein Kommando. Der tapfere General wurde durch diese Beschimpfung außer sich gebracht, und man konnte nicht zweifeln, daß er sich in seiner Trauer und Schwermuth ein Leides anthun werde. Das nun jammerte den König, er eilte dem tapferen und treuen Veteranen zu verzeihen, rief ihn an den Hof zurück, gab ihm sein Kommando wieder, und ließ ihm die Summe, die er in Anspruch genommen 38). Zu gleicher Zeit mit jener großen Schuldentilgung ver-

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37) So nach Arrian. VII. 5.; Plutarch Alex. 70. sagt neunhundert und siebzig Talente; Curtius X. 2. 10. und Diodor XVII. 109. sprechen eigentlich von dieser Schuldentilgung zu Susa gar nicht, sondern meinen die Geschenke an die zehntausend aus Opis heimkehrenden Veteranen, verwechseln diese aber allerdings mit dem, was in Susa geschah. — 38) Plutarch l. c.; nach Plutarch

 

501theilte Alexander an die durch Tapferkeit, durchkämpfte Gefahr oder treuen Dienst um seine Person Ausgezeichneten wahrhaft königliche Geschenke; er kränzte mit goldenen Kränzen den Leibwächter Peucestas, den Satrapen in Persis, der ihn in der Mallierstadt mit dem Schilde gedeckt, den Leibwächter Leonnat, den Befehlshaber im Oriterlande, der bei eben jenem gefährlichen Sturm an seiner Seite gekämpft, am Flusse Tomerus die Barbaren besiegt und mit glücklichem Eifer die Angelegenheiten in Ora geordnet hatte, ferner den Leibwächter und Admiral Nearch, der das kühne Unternehmen einer Seefahrt vom Indus zum Euphrat so ruhmvoll durchgeführt, den Onesikrit, den Führer des königlichen Schiffes auf dem Indus und vom Indus gen Susa, ingleichen den treuen Hephästion und die übrigen Leibwächter, namentlich den Pelläer Lysimachus, den Aristonus, des Pisäus Sohn, den Hipparchen Perdikkas, den Lagiden Ptolemäus und Pithon von Eeordäa 39).

Allen diesen großen und prächtigen Festen, mit denen das große Beilager von Susa verherrlicht wurde, sollte sich noch unerwartet eine Feierlichkeit von seltener und ergreifender Art zugesellen. Aus Indien her war einer jener Büßer auf dem Felde von Taxila, auf Alexanders Einladung, dessen Macht und dessen Liebe zur Weisheit er bewunderte, trotz seines Meisters Unwillen und seiner Mitbüßer Spott dem Macedonischen Heere gefolgt; sein hoher Ernst, seine Weisheit und Frömmigkeit hatte ihm die Hochachtung des Königs und allgemeine Verehrung im Heere erworben, und viele edle Macedonier, namentlich der Lagide Ptolemäus und Lysimachus der Leibwächter, suchten seinen belehrenden Umgang; sie nannten ihn Kalanus, denn mit diesem Worte pflegte er zu begrüßen; sein einheimischer Name soll Sphines gewesen sein; er war ein Greis von mehr denn siebzig Jahren; er hatte nie gekrankt, es war im Persischen Lande, wo er zum ersten Male in seinem Leben sich krank fühlte. Da sprach er zum Könige, er wolle nicht ein Leben des Siechthums führen, es sei

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de fort. Alex. 2. war es Tarras, offenbar derselbe Atarras, der p. 294. erwähnt ist. — 39) Arrian. l. c. cf. VI. 28.

 

502 schöner, dahin zu gehen, bevor sein körperliches Leiden ihn zwinge, seine bisherige Lebensregel zu verlassen. Und der König entgegnete ihm, er sähe nicht so krank, er würde sich um nichts hinopfern; aber der Indische Büßer antwortete, bei ihm daheim gelte nichts unwürdiger, als wenn die Ruhe des Geistes durch Krankheit gestört werde, es forderen die Gebräuche seines Glaubens, daß er den Scheiterhaufen besteige 40), er wolle sterben nach der Sitte seines Landes. Da befahl Alexander dem Lagiden, seinem Leibwächter, den Scheiterhaufen zu erbauen und den Flammentod des Indischen Heiligen mit aller Pracht zu feiern; er selbst mochte nicht zugegen sein, den Tod des theueren Greises mit anzusehen. Als nun der Tag gekommen war, so zog das Heer frühe Morgens im festlichen Zuge hinaus, vorauf die Reuterei und das Fußvolk in vollem Waffenglanze, und die Kriegselephanten in ihrem Aufzuge, dann Schaaren Weihrauchtragender, dann Andere, die goldene und silberne Schaalen trugen und königliche Gewänder, um sie mit dem Weihrauch in die Flammen zu werfen; dann Kalanus selbst; ihm war, da er schon nicht mehr zu gehen vermochte, ein Nysäisches Roß gebracht worden, er konnte es nicht mehr besteigen; in einer Sänfte ward er hinaus getragen. Und der Scheiterhaufen war aus köstlichem Holze errichtet, aus Myrrhen und Cypressen, aus Weihrauch und Cedern; als der Zug an den Fuß desselben angelangt war, stieg Kalanus aus seiner Sänfte, nahm mit einem Händedruck von jedem der Macedonier, die um ihn waren, Abschied, und bat sie, sie möchten zu seinem Gedächtniß den heutigen Tag in freudiger Feier mit ihrem Könige zubringen, bald werde er ihn in Babylon wiedersehen; dann schenkte er das Nysäische Roß dem edlen Lysimachus, und die Schaalen und Gewänder den Umstehendrn. Dann ward ringsum feierliche Stille, und der fromme Greis begann sich zu weihen; er besprengte sich wie ein Opferthier, er schnitt eine Locke von seinem greisen Haupte und weihete sie der Gottheit, er kränzte sich nach heimathlicher Weise und stieg, indem er Indische Hymnen sang, den Scheiterhaufen hinan; dann sah

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40) Strabo XV. p. 299.

 

503 er noch einmal auf das Heer hinab, wandte sein Angesicht zur Sonne, und sank auf die Kniee, um anzubeten. Dies war das Zeichen; es ward Feuer in den Scheiterhaufen geworfen, es schmetterten die Heertrompeten, es rief das Heer den Schlachtruf dazu, und die Elephanten erhoben ihre dumpftönenden Stimmen, als ob sie den sterbenden Büßer ihrer Heimath ehren wollten. Der aber lag anbetend auf dem Scheiterhaufen und regte sich nicht, bis die Flammen über ihn zusammenschlugen und ihn den Blicken entzogen; und viele Indier, die mit hinaus gezogen waren, sollen sich mit in die Flammen, die den frommen Greis verzehrten, gestürzt haben 41). Dann wurden zur Ehre des Todten künstlerische und gymnastische Wettkämpfe begonnen und ein festliches Gelag bei dem Könige gefeiert, dem sich ein Wetttrinken nach Indischem Brauch, wie es Kalanus sterbend gewünscht hatte, anschloß. Für den Sieger ward ein goldener Kranz von einem Talent und kleinere Preise für die nächstbesten Trinker bestimmt; es siegte Promachus, er starb aber schon am vierten Tage darnach mit mehreren Anderen an den Folgen des zu heftigen Trinkens 42).

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41) Diese Beschreibung nach Arrian. VII. 3., Aelian V. 6., II. 41. und Plutarch c. 69. Andere Notizen bei Philo p. 879. (ed. Frankf. 1691.) Lucian de morte Pereg. c. 25 et c. 39. Cicero Tusc. II. 22., de Divin. I. 23. und andere Autoren enthalten Unwesentliches oder Irriges. — 42) So Chares von Mitylene bei Athen. X. p. 437., Plutarch Alex. c. 69. und Aelian. II. 41. Ueber den Ort der ganzen Feierlichkeit weichen die Angaben von einander ab; Strabo XV. p. 300. scheint Pasargadä zu meinen; dieses ist unmöglich, da Nearch mit Ptolemäus bei dem Scheiterhaufen den Befehl hatte (Arrian. VII. 3.). Aelian. V. 6 sagt, der Scheiterhaufen sei in der schönsten Vorstadt von Babylon errichtet worden; dieses ist eben so unrichtig, da Alexander erst ein Jahr später nach Babylon kam, Kalanus aber im Persischen Lande, wie Arrian sagt, oder bestimmter in Pasargadä nach Strabo erkrankte und kurze Zeit darauf (Plutarch) den Scheiterhaufen wählte. Nur in Susa waren die Elephanten, die mit Hephästion zogen, und Nearch nebst dem Schiffsheere zusammen, und nur da kann die

 

504 Während auf diese Weise Festlichkeiten der mannigfachsten Art in dem Lager von Susa einander folgten und die Truppen beschäftigten, hatte Alexander eine Veränderung des Heerwesens vorbereitet, die jetzt ins Leben treten und noch entscheidender als die eben gefeierten Vermählungen eine vollkommene Anerkenntniß der morgenländischen Völker und deren Gleichstellung mit den Macedoniern bezeichnen sollte. Allerdings waren schon seit mehreren Jahren Asiatische Truppen mit zum Heere gezogen worden, aber einer Seits hatten sie in den Waffen und in der Weise ihres Landes gekämpft, anderer Seits waren sie stets nur als untergeordnete Hülfscorps angesehen und von dem Stolz der Macedonischen Krieger trotz ihrer trefflichen Mitwirkung in den Indischen Feldzügen als Besiegte und Barbaren verachtet worden; je weiter sich in allen übrigen Verhältnissen die Annäherung der verschiedenen Nationalitäten entwickelte, desto nothwendiger wurde es, auch in dem Heerwesen die Unterschiede von Siegern und Besiegten zu vertilgen. Das wirksamste Mittel war natürlich, Asiaten in die Reihen der Macedonischen Truppen mit gleichen Waffen und gleicher militairischer Ehre aufzunehmen, und der König hatte schon vor Jahren die dazu nöthigen Vorbereitungen getroffen, namentlich in allen Satrapien des Reichs junge Leute ausheben und in Macedonischer Weise bewaffnen und einüben lassen. Auch für die Hellenisirung der Völker konnte durch nichts schneller und sicherer gewirkt werden, als wenn die Jugend an Hellenische Bewaffnung und Heerdienste gewöhnt, in das Reichsheer aufgenommen und in den militairischen Geist, der zunächst noch die Stelle einer durchherrschenden Nationalität in dem ungeheueren Reiche vertreten mußte, unmittelbar hineingezogen wurden. Viele Rücksichten vereinigten sich, ihre Einberufung gerade jetzt nothwendig zu machen. Vor Allem war die Zahl sämmtlicher im aktiven

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Todtenfeier gehalten sein, und das scheint auch die Meinung Arrians zu sein. Dieser beschreibt erst des Kalanus Tod, dann die Rückkehr des Atropates gen Medien und darauf die Hochzeit, ohne die Chronologie streng berücksichtigen zu wollen; wahrscheinlich blieb doch Atropates bei dem Vermählungsfeste seiner Tochter und der übrigen Fürstinnen noch in Susa.

 

505 Heere befindlichen Macedonier durch die Indischen Feldzüge und den Zug durch Gedrosien bis auf fünfundzwanzigtausend zusammen geschmolzen; von diesen war fast die Hälfte für unfähig zum weiteren Heerdienste anzusehen, und in Kurzem zu entlassen oder anzusiedeln; aus Macedonien aber konnten kaum bedeutende Rekrutensendungen erwartet werden, der Mangel an jungen Leuten begann dort schon fühlbar zu werden. Anderer Seits fühlte Alexander sehr wohl, daß die Macedonischen Veteranen, nach den furchtbaren Bedrängnissen Indiens und Gedrosiens zu neuen Wagnissen stumpf sein und nach Ruhe und endlichem Genuß des Erkämpften verlangen mußten, daß es zu den großen Entwürfen, die seinen unermüdlichen Geist beschäftigten, des Enthusiasmus, des Wetteifers, der physischen und moralischen Kraft junger Truppen bedürfe, daß ferner der Stolz der Macedonischen Kerntruppen leicht eine Fessel für ihn selbst werden konnte, zumal da sie sich nach der alten kameradschaftlichen Vertraulichkeit zu ihrem Könige eine Freiheit in Urtheilen und Aeußerungen erlaubten, wie sie zu den ganz veränderten Verhältnissen nicht mehr passend erschien; ja er mußte fürchten, daß sie endlich bei irgend welcher Gelegenheit die Scenen vom Hyphasis zu erneuen versuchen könnten, da ihr Hochmuth nur zu geneigt war, die damalige Nachgiebigkeit des Königs nicht dem allgemeinen Unglück, sonden ihrem eigenen Einfluß zuzuschreiben. Ueberhaupt war seit jener Zeit eine gegenseitige Entfremdung zwischen dem Könige und den Macedoniern im Heere immer fühlbarer geworden, und die nachfolgenden Ereignisse hatten nur dazu beigetragen, dieselbe noch augenfälliger zu machen; selbst die Art, wie das Heer des Königs Anerbieten einer allgemeinen Schuldentilgung angenommen hatte, zeigte deutlich, wie tief das Mistrauen bereits gedrungen war. Alexander mochte gehofft haben, durch jene wahrhaft königliche Gnade, durch die ausgedehnteste Freigiebigkeit, mit der er Geschenke und Ehren an die Macedonier vertheilte, durch die Hochzeitfeier, die er mit Tausenden seiner Veteranen zugleich feierte, der Stimmung im Heere Herr zu werden; es war ihm nicht gelungen, er mußte einer gefährlichen Krisis entgegensehen, die durch jeden weiteren Schritt zur Hellenistischen Gestaltung des Reiches nur schneller herbeigeführt wurde; er mußte doppelt eilen, sich mit einer militairischen 506 Macht zu umgeben, an deren Spitze er im Nothfall seinen alten Phalangen entgegen zu treten vermochte.

Die Satrapen und Befehlshaber der verschiedenen, besonders westlichen Landschaften und Waffenplätze, welche nach Susa kamen, hatten nach den Befehlen des Königs jene junge Mannschaften aus ihren Distrikten mitgebracht 43); es waren im Ganzen dreißigtausend Mann, in der vollsten Jugendfrische, alle in demselben Alter, in voller Macedonischer Bewaffnung, und in allen Uebungen des Macedonischen Heerwesens vollkommen gewandt; sie führten ihre ersten Manöver vor dem Könige mit ausgezeichneter Gewandtheit und Sicherheit aus, und Alexander gab ihnen seine volle Zufriedenheit zu erkennen. Zugleich mit ihrer Aufnahme in das Heer 44) wurden aus den Turanischen und Arianischen, den Parthischen und Iranischen Reuterschaaren, die durch Geburt, Schönheit oder andere Vorzüge Ausgezeichneten ausgewählt und unter die Ritterschaft der Getreuen vertheilt, zu der überdieß eine fünfte Hipparchie hinzugefügt wurde, welche wenig-

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43) Arrian. VII. 6., cf. Plutarch 71., Diodor XVII. 108., die indeß irrig die späteren Vorfälle von Susa unmittelbar an diesem Punkte anknüpfen. Es ist bereits von Anderen darauf aufmerksam gemacht worden, daß Arrian (VII. 6. 8.) diesen Truppen irriger Weise den Namen der Epigonen giebt, der vielmehr den Kindern Macedonischer Soldaten und Asiatischer Frauen, für deren militairische Erziehung der König die Sorge übernahm, zukommt. In ähnlicher Weise hießen hundert Jahre später im Heere der Lagiden (Polyb. V. 65.) nicht die „nach Macedonischer Art bewaffneten Krieger,“ wohl aber die Nachkommen der von Philadelphus ins Land gerufenen Galater (Schol. ad Callim. in Del. 165.) Epigonen, cf. de Lagidarum regno p. 24.; bisweilen nennt Arrian diese neuen Truppen Perser, sie waren aber gewiß (cf. Justin. XII. 12.) aus verschiedenen Satrapien und aus jenen βασιλικοὶ παῖδες genommen, deren Alexander schon in Aegypten sechstausend hatte ausheben und einexerziren lassen, s. Suidas v. — 44) In welcher Weise sie aufgenommen wurden, ob als eigene Phalangen oder Ergänzung der bestehenden, ist nicht zu erkennen. Ueber das Zugleich ist zwar keine ausdrückliche Nachricht vorhanden, indeß scheint es sich von selbst zu verstehen.

 

507stens zum großen Theil aus Asiaten bestand. Endlich nahm Alexander mehrere Asiatische Fürsten in sein unmittelbares Geleit auf, und gab ihnen statt des Persischen Wurfspießes den Macedonischen Speer; es waren namentlich Artabelus und Hydarnes, des verstorbenen Satrapen Mazäus Söhne, Kophen des Artabazus Sohn, Sisines und Phradasmanes, des Satrapen Phrataphernes von Parthien Söhne, Histanes, des Oxyartes von Baktra Sohn, die Brüder Artobares und Mithrodäus und endlich der Baktrische Fürst Hystaspes, der die Führung der Schaar erhielt 45). – Alles das erzürnte die Macedonischen Truppen auf das Heftigste; Alexander, so hieß es, werde jetzt ganz zum Barbaren, er verachte Macedonien um des Morgenlandes willen; schon damals, als er sich in Medischen Kleidern zu zeigen begonnen, hätten würdige Männer alles Unglück geahndet, das aus jenem Anfang entspringen würde; jetzt erfülle sich das alles, jetzt seien dem Könige diejenigen die Liebsten, welche die Sprache und Sitte der Heimath verlernten, und Peucestas werde darum mit Ehren und Geschenken vom Könige überhäuft, weil er den Erinnerungen der Heimath am frechsten Hohn spräche; was helfe es, daß Alexander mit den Macedoniern gemeinschaftlich Hochzeit halte, es seien ja Asiatische Weiber und diese gar nach Persischer Sitte angetraut; und gar jetzt die Neulinge in Macedonischen Waffen, diese Barbaren in gleicher Ehre mit den Veteranen Philipps, es sei offenbar, daß Alexander der Macedonier müde sei, daß er alle Anstalten treffe, ihrer nicht mehr zu bedürfen, daß er die nächste Gelegenheit benutzen werde, sie ganz bei Seite zu schaffen. So die alten Truppen; es bedurfte nur eines Anstoßes, um diese Stimmung zum Ausbruch zu bringen, und bald genug sollte sich derselbe finden.

Alexander hatte beschlossen mit seiner Heeresmacht den Tigris aufwärts zu der Stadt Opis, wo sich die große Straße nach

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45) Ueber die Schreibung der Namen sind die Erklärungen zu Arrian. VII 6. zu vergleichen. Aus der Angabe, daß diese Perser den Speer und nicht die Lanze erhielten, sieht man, daß sie nicht in das Geleit der Hypaspisten, sondern der Ritterschaft aufgenommen wurden. – Hystaspes ist gewiß der von Curtius VI. 2. 7. genannte Verwandte des Darius.

 

508 Medien und dem Abendlande scheidet, zu ziehen; diese Lage der Stadt ließ ohngefähr schon den Zweck des Marsches errathen; zu gleicher Zeit lag es ihm am Herzen, sich über die Natur der Euphrat- und Tigrismündungen, über die Schiffbarkeit dieser Ströme und über den Zustand der Wasserbauten, namentlich im Tigris, von denen das Wohl und Wehe der tiefliegenden Ufergegenden abhängt, genau zu unterrichten. Deshalb übergab er die Führung des Heeres an Hephästion mit dem Befehl, er solle auf der gewöhnlichen Straße an den Tigris hinziehen. Er selbst bestieg mit seinen Hypaspisten, mit dem Agema und einer nicht bedeutenden Schaar der Ritterschaft die Schiffe Nearchs, welche bereits den Euläus herauf und bis unter die Mauern von Susa gekommen waren. Er fuhr mit diesen, es mochte im April sein, den Strom von Susa hinab. Als sich die Flotte der Mündung nahete, wurden die meisten Schiffe, da sie durch die Fahrt von Indien her sehr mitgenommen waren, hier zurück gelassen, die schnellsten Segler wählte der König aus, um mit diesen in den Persischen Meerbusen hinab zu segeln, während die anderen Schiffe durch den Kanal, welcher den Euläus und Tigris nicht weit oberhalb ihrer Mündung verbindet, in den großen Strom gehen sollten 46). Er selbst schiffte nun den Euläus hinab in den Persischen Meerbusen, fuhr dann an der Küste und den Mündungen der verschiedenen Kanäle entlang bis zur Tigrismündung, und nachdem er sich über Alles genau unterrichtet und namentlich die nöthigen Anweisungen zur Gründung einer Stadt Alexandria, zwischen dem Tigris und Euläus hart am Strande

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46) Wir haben oben p. 240. den Euläus als den Fluß von Dez-Foul bezeichnet, der nach seiner Vereinigung mit dem Karvun bei Bandikir den Namen des Flusses von Ahwas erhält; fast von der Breite des Tigris, fällt er unmittelbar in die See, s. Ebn Haukal p. 75. ed. Ousely, Mignan travels in Chaldaea 1829. p. 297. Von diesem Euläus führt der Kanal Kalla-el-Hafar, nach Mignan, vierzehn englische Meilen lang, zum Tigris; Thevenot und P. della Valle passirten ihn. Dieser Kanal, mit dem das Delta der Euphrat- und Tigrismündungen beginnt, ist derselbe, auf dem Alexander die meisten Schiffe zum Tigris steuern ließ.

 

509 gegeben hatte 46b), steuerte er in den Tigris hinein und den Fluß stromauf; bald traf er die übrigen Schiffe und nach einiger Fahrt das Landheer unter Hephästion, das an den Ufern des Stromes lagerte. Bei der weiteren Fahrt stieß die Flotte mehr als einmal auf mächtige Flußdämme, welche von den Persern errichtet worden waren, angeblich um jeden feindlichen Einfall vom Meere her unmöglich zu machen; Alexander ließ, nicht bloß weil er Angriffe von der See her nicht weiter fürchtete, sondern besonders, um den Strom für Handel und Schifffahrt zu öffnen, diese Dämme, wo er sie fand, einreißen; zu gleicher Zeit traf er die nöthigen Einrichtungen, um die Kanäle, die theils verstopft waren, theils ihre Deiche durchbrochen hatten, theils ganz versandet waren, wieder zu reinigen und mit den nöthigen Schleusen und Deichen zu versehen 47).

Es mochte im Monat Juli sein, als Heer und Flotte in Opis anlangten 48); man lagerte in der Umgegend der reichen

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46b) cf. Plinius VI. 26., cf. Mannert p. 421.; die Stadt wurde auf einer Erdaufschüttung zehn Stadien vom Meere entfernt erbaut und theils mit Macedoniern, theils mit der Einwohnerschaft der früher königlichen Stadt Durine bevölkert. — 47) Arrian. VII. 7. Ueber diese höchst wichtigen Wasserbauten im Tigris s. Strabo XVI. p. 338. Die Flußdämme heißen bei den Alten Katarakten, und in Beziehung auf sie ist der Feldzug des Kaiser Julian in diesen Gegenden höchst belehrend; auch er mußte avellere cataractas, wie Ammian Marcell. XXIV. c. 6. sagt, um den Königs-Kanal (Naarmalcha bei Ammian und in neuerer Zeit) befahren zu können. Einen Flußdamm dieser Art glaube ich in den Ruinen zu erkennen, die Mignan p. 30. als die einer Brücke beschrieben und aufgezeichnet hat; es stehen noch drei Pfeiler in Mitten des Stromes, mit einander durch Mauern verbunden, ohne daß irgend eine Oeffnung zum Durchströmen des Wassers zu finden ist; das Material ist dasselbe, wie in den Ruinen von Babylon; auch Kinneir travels in Asia minor etc. p. 501. erwähnt dieses Gebäudes; ein Aehnliches beschreibt Niebuhr II. 243. — 48) Die Lage von Opis nehme ich mit Rennel bei Al Howasch an. Die Zeit der Ankunft läßt sich nicht genauer bestimmen. Von Basra bis Bagdad ist zu Wasser

 

510 Stadt; die Misstimmung der Macedonischen Truppen hatte sich seit dem Aufbruche aus Susa keinesweges vermindert, die lästigen Märsche, die ihnen überflüssig, die Arbeiten an den Flußdämmen, die ihnen des Soldaten unwürdig erschienen, waren Stoff zu neuem Mißvergnügen, und die übertriebensten und verkehrtesten Gerüchte von dem, was der König mit ihnen beabsichtigte, fanden Glauben und steigerten ihr besorgliches Mistrauen bis zur höchsten Spannung. Da wurden sie zur Versammlung berufen; auf der Ebene vor Opis versammelte sich das Heer; der König bestieg die Tribüne: „er könne den Macedoniern Erfreuliches verkünden; viele unter ihnen, durch vieljährige Dienste, durch Wunden und Strapazen erschöpft, dürften mit Recht Anspruch darauf machen, die Waffen, die sie so ruhmvoll geführt, mit einer bequemen Ruhe zu vertauschen; er wolle sie nicht, wie frühere Invaliden, in die neuen Städte ansiedeln, er wisse, daß sie gern die Heimath wiedersähen, er wolle die für den weiteren Dienst Untauglichen ehrenvoll heimsenden; wer von diesen Veteranen bei ihm bleiben wolle, dem werde er diese Hingebung so zu vergelten wissen, daß sie beneidenswerther als die Heimgekehrten erscheinen, und in der Jugend der Heimath das Verlangen nach gleichen Gefahren und gleichem Ruhm verdoppeln sollten; da jetzt Asien unterworfen und beruhigt sei, so könnten möglichst Viele an der Entlassung Theil nehmen, es seien zum Heerdienst nur dreizehntausend Macedonier vom Fußvolk und zweitausend Reuter erforderlich, so daß die Zahl der zur Heimkehr bestimmten sich auf zehntausend Mann belaufe.“ Hier unterbrach den König ein wildes und verworrenes Geschrei: „er wolle der Veteranen los sein, er wolle nur ein Barbarenheer;

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nach Tavernier gegen sechzig Tage, nach Hackluit siebenundvierzig, (s. Vinccnt p. 462.) von Susa stromab bis zum Meere dürften an dreißig Meilen, etwa vier Tage sein; dazu kam für Alexander die Fahrt von der Euläus-Mündung zu der des Tigris, ferner der Aufenthalt beim Einreißen der Flußdämme, dann die weitere Fahrt von Bagdad bis El Howasch, endlich die in dieser Jahreszeit gewöhnliche Wasserfülle und die größere Schwierigkeit, stroman zu fahren, so daß drei Monate für die Fahrt von Susa bis Opis nicht zu viel sein dürften.

 

511 darum die dreißigtausend Epigonen, und die Barbaren in den Hipparchien; es sei Beschimpfung, es sei Entehrung für sie; nachdem er sie abgenutzt, danke er sie jetzt mit Verachtung ab, werfe er sie alt und entkräftet ihrem Vaterlande und ihren Aeltern zu, von denen er sie sehr anders erhalten.“ Immer wilder ward der Tumult; „er solle sie Alle entlassen; mit seinem Gott Vater möge er fürder ins Feld ziehen, mit seinen Puppen, den Asiatischen Bübchen, möge er die Welt erobern!“ So tobte die Versammlung der bewaffneten Veteranen in offenbarem Aufruhr durcheinander, es war die höchste Gefahr. Im heftigsten Zorn stürzte Alexander von der Bühne herab und unbewaffnet, wie er war, unter die lärmende Menge, ihm nach seine Generale; mit mächtiger Faust packte er die nächsten Rädelsführer und schleuderte sie seinen Leibwächtern zu, er zeigte dort- und dahin, die anderen Schuldigen zu ergreifen. Dreizehn wurden ergriffen; „zum Tode“ schrie Alexander. Plötzlich war die tiefste Stille, es zitterten die Veteranen. Und der König stand wieder auf der Tribüne, um ihn her seine Leibwächter, seine Generale und die Schaaren der treuen Hypaspisten; er sah hinab auf die Menge und sprach zu ihnen: „Nicht um euren Abzug zu hemmen, werde ich noch einmal zu euch sprechen; ihr könnt gehen, wohin ihr wollt, meinethalben! nur euch zeigen will ich, was ihr durch mich geworden. Mein Vater Philipp hat Großes an euch gethan; da ihr sonst arm und ohne feste Wohnsitze mit euren ärmlichen Heerden in den Gebirgen umher irrtet, stets den Ueberfällen der Thracier, Illyrier, Triballer ausgesetzt, hat mein Vater euch angesiedelt, euch statt des Felles das Kriegskleid gegeben, euch über die Barbaren in der Nachbarschaft zu Herrn gemacht, eurem Fleiße die Bergwerke des Pangäus, eurem Handel das Meer geöffnet, euch Thessalien, Theben, Athen, den Peloponnes unterworfen, die unumschränkte Hegemonie aller Hellenen zu einem Perserkriege erlangt; das hat Philipp vollbracht, Großes an sich, im Verhältniß zu dem später Vollbrachten Geringes. Von meinem Vater her fand ich weniges Gold und Silber an Geräthen im Schatze, nicht mehr denn sechzig Talente, an Schuld fünfhundert Talente, ich selbst mußte achthundert Talente Schuld hinzufügen, um den Feldzug zu beginnen; da öffnete ich euch, obschon die Perser das Meer beherrschten, den Helles512pont, ich besiegte die Satrapen des Großkönigs am Granikus; ich unterwarf die reichen Satrapien Klein-Asiens und ließ euch die Früchte des Sieges genießen, euch kamen die Reichthümer Aegyptens und Cyrenes zu Gute, euer ward Syrien und Babylon, euer Baktra, euer die Schätze Persiens und die Kleinodien Indiens und das Weltmeer, aus eurer Mitte sind die Satrapen, die Befehlshaber, die Generale. Was habe ich selbst von alle den Kämpfen, außer den Purpur und das Diadem? nichts habe ich für mich erworben, und es ist Niemand, der meine Schätze zeigen könnte, wenn er nicht euer Habe und was für euch bewahrt wird, zeigt; und warum auch sollte ich mir Schätze häufen, da ich esse, wie ihr esset, und schlafe, wie ihr schlaft; ja mancher von euch lebt köstlicher denn ich, und manche Nacht muß ich durchwachen, damit ihr ruhig schlafen könnt. Oder bin ich, wenn ihr Mühe und Gefahr duldetet, ohne Kummer und Sorge gewesen? wer kann sagen, daß er mehr um mich, als ich um ihn geduldet? Wohl, wer von euch Wunden hat, der zeige sie und ich will die meinen zeigen; kein Glied an meinem Körper ist ohne Wunde und keine Art von Geschoß und Waffe, deren Narbe ich nicht an mir trage; von Schwert und Dolch, von Bogen und Katapultenpfeil, von Steinwurf und Keulenschlag bin ich verwundet worden, da ich für euch und euren Ruhm und eure Bereicherung kämpfte, und euch siegend über Länder und Meere, über Gebirge, Ströme und Wüsteneien führte. Die gleiche Ehe mit euch habe ich geschlossen, und eure Kinder werden meinen Kindern verwandt sein; und wer von euch verschuldet war, unbekümmert, wie es bei so reichem Solde, bei so reicher Beute möglich gewesen, habe ich seine Schuld getilgt; die Meisten von euch haben goldene Kränze empfangen für ihre Tapferkeit, und meiner Achtung für sie zum ewigen Gedächtniß. Und wer gefallen ist im Kampfe, dessen Tod war rühmlich und dessen Begräbniß ehrenvoll; von vielen derselben stehen eherne Statuen daheim und ihre Aeltern sind hochgeehrt, frei von Abgaben und öffentlichen Lasten. Endlich ist Keiner von euch unter meiner Führung fliehend gefallen. Und jetzt hatte ich die Kampfesmüden unter euch, zur Bewunderung und zum Stolz unserer Heimath, zu entlassen im Sinn; 513 ihr aber wollt alle hinweg ziehen; so zieht alle hin! und wenn ihr in die Heimath kommt, so sagt, daß ihr euren König Alexander, der die Perser, die Meder, die Baktrier und Saker besiegt, der die Uxier und Arachosier und Drangianer bewältigt, der die Parthier, Chorasmier und Hyrkanier längs des Kaspischen Meeres gewonnen, der den Kaukasus jenseits der Kaspischen Pässe überstiegen, der den Oxus und Tanais überschritten und den Indus, wie nur Dionysos vor ihm, und den Hydaspes, den Acesines, den Hyraotis und, hättet ihr ihn nicht gehindert, auch den Hyphasis, der vom Indus herab in den Ocean fuhr, der durch die Wüste Gedrosiens zog, die Niemand vor ihm mit einem Heere durchzogen, dessen Flotte vom Indus gen Persien durch den Ocean kam, daß ihr ihn, euren König Alexander, verlassen, und ihn zu schützen den besiegten Barbaren übergeben habt; das zu verkünden wird euch gewiß rühmlich vor den Menschen und fromm vor den Göttern sein; ziehet hin!“ 49) Nach diesen Worten stieg er heftigen Schrittes von der Tribüne herab und eilte nach der Stadt zurück. Die Macedonier aber standen noch und schwiegen, Niemand wagte dem Könige zu folgen, außer seinen Leibwächtern und seinen Getreuen. Allmählig begann sich das Staunen und das Schweigen in der Versammlung zu lösen; man hatte erhalten, was man gefordert; das Heer war entlassen, nicht mehr ein Heer; man fragte: was nun? was weiter? man war ohne Rath und Willen, die Einen riefen zu bleiben, wieder Andere schrieen zum Aufbruch; so wuchs der Tumult und das wüste Geschrei, Keiner befahl, Keiner gehorchte, keine Schaar hielt sich beisammen, in Kurzem war das Heer, das die Welt erobert, ein verwilderter Haufen ohne Willen und ohne Ehre.

Alexander hatte sich indessen in das Königsschloß von Opis zurückgezogen; in der heftigsten Aufregung, wie er war, vergaß er die Sorge für seinen Körper, er wollte Niemand sehen, Niemand

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49) Ich habe lieber die Rede bei Arrian. VII. 9 und 10., als die bei Curtius X. 2. 15. angeführt, nicht als ob ich sie für ächter hielte, sondern weil sie von Arrian vielleicht nach ächten Motiven geschickt und im Sinne der Zeitumstände und im Charakter Alexanders ausgearbeitet ist.

 

514 sprechen, die Getreuen wachten vor seinem Schloß, sie vollstreckten seine Befehle, die Rädelsführer des Aufruhrs im Tigris zu ertränken 50). So den ersten, so den zweiten Tag. Indeß hatte in dem Lager der Macedonier die Verwirrung einen gefährlichen Grad erreicht; schnell und furchtbar zeigten sich die Folgen der Meuterei und des Unglücks, das sinnlos Geforderte im Uebermaaß erreicht zu haben; ihrem Schicksale und ihrer Schande überlassen, ohnmächtig und haltungslos, da ihnen nicht widerstanden worden, ohne Entschluß zu wollen, ohne Kraft zu handeln, ohne Recht und Hoffnung, was konnten sie beginnen, wenn sie nicht Hunger oder Verzweiflung zur offenbaren Gewalt trieb 51). – Alexander mußte sich vor einem Aeußersten schützen; zugleich wollte er einen letzten und freilich gewagtesten Versuch machen, die Macedonier zur Reue zu bringen und vollkommen zu demüthigen; zu dem Ende beschloß er, sich ganz den Asiatischen Truppen anzuvertrauen, sie nach dem Gebrauch des Macedonischen Heeres zu ordnen, sie mit allen Ehren, die einst die Macedonier gehabt hatten, auszuzeichnen; er durfte hoffen, daß diese Maaßregel auf die Macedonier den tiefsten Eindruck hervorbringen müßte, und daß, wenn sie so das letzte Band zwischen sich und dem Könige zerrissen sähen, sie entweder reuig um Vergebung flehen, oder bis zur Wuth empört zu den Waffen greifen würden; er war gewiß, daß er dann an der Spitze seiner kampfbegierigen Epigonen über den führerlosen Haufen den Sieg davon tragen würde; die Ergeben-

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50) Curtius X. 4. 2. — 51) Dieses ohne speciellere Ueberlieferungen; was das Heer in den drei traurigen Tagen gethan, wird von Niemand angegeben; nur Diodor XVII. 109. sagt: indem sich der Hader sehr vermehrte. Uebrigens hatten offenbar alle Macedonischen Truppen bis auf einen Theil der Hypaspisten (Arrian VII. 8. 6.) und selbst die Mehrzahl der Offiziere, mit Ausschluß der nächsten Umgebung des Königs, (Arrian VII. 11. 4.) an der Meuterei Antheil. Der Aufstand scheint in den Denkwürdigkeiten der Generale, die nach Alexanders Tode ein Interesse hatten, diesen Schandfleck in der Geschichte des Macedonischen Hecres möglichst zu verdecken, nicht ohne vielfache Milderung und Beschönigung berichtet gewesen zu sein.

 

515heit der Asiaten war so unbegrenzt, daß er sich ihnen ganz anvertrauen konnte. Deshalb berief er am dritten Tage die Perser in das Königsschloß, eröffnete ihnen seinen Willen, wählte aus ihnen die Hauptleute und Anführer im neuen Heere, nannte viele von ihnen mit dem Ehrennamen königlicher Verwandten und gab ihnen nach morgenländischer Weise das Vorrecht des Kusses; dann wurden die barbarischen Truppen nach Macedonischer Weise in Phalangen und Geschwader getheilt, es wurde ein Geleit der Perser, Persische Getreuen vom Fußvolk, eine Persische Schaar Hypaspisten Silberschildner, Persische Ritterschaft der Getreuen, ein königliches Geleit Persischer Ritterschaft ausgerüstet; es wurden die Posten am Schlosse von Persern besetzt und ihnen der Dienst beim Könige übergeben, es wurde den Macedoniern der Befehl gesandt, das Lager zu räumen und zu gehen, wohin sie wollten, oder sich, wenn sie es vorzögen, einen Führer zu wählen und gegen Alexander, ihren König, ins Feld zu rücken, um dann von ihm besiegt zu erkennen, daß sie ohne ihn nichts wären 52). Sobald dieser Aufruf des Königs, die Nachricht von der Einrichtung des neuen Heeres und von den Persischen Wachen beim Könige im Lager der Macedonier bekannt wurde, da hielten sich die alten Truppen nicht länger; sie überließen sich dem wildesten Schmerze und der bittersten Reue, sie verfluchten, was sie gethan, sie zogen in hellen Haufen vor des Königs Schloß, warfen ihre Waffen vor den Schloßpforten zusammen, zum Zeichen ihrer Demüthigung und ihres Flehens; sie jammerten und schrieen, daß sie sich auf Gnade und Ungnade ergäben, daß Alexander über sie verhängen möge, was ihm gut scheine, daß er sie strafen möge, wie es Undankbare, Aufrührer und Meuterer verdienten; sie forderten eingelassen zu werden, um sich dem Könige als Flehende zu nahen, um ihm die Urheber des Aufruhrs auszuliefern, sie würden Tag und Nacht nicht von hinnen weichen, bis sich der König erbarmte. So blieben sie zwei Tage und zwei Nächte vor dem Schlosse, und wurden nicht müde, um Gnade zu flehen und Alexander, ihren König, ihren Herrn zu rufen. Endlich öffneten

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52) Dieses etwa meinet Polyaen. IV. 3. 7.

 

516 sich die Pforten des Schlosses, und der König trat heraus; und da er seine Veteranen so demüthig da liegen sah, und ihren Freuderuf und ihr erneuetes Jammern hörte, da vermochte er nicht länger seinen Thränen zu wehren; dann trat er näher, um zu ihnen zu sprechen, sie aber drängten sich um ihn und hörten nicht auf mit Flehen, gleich als fürchteten sie das erste Wort ihres vielleicht noch nicht erweichten Königs. Und ein alter, braver Hauptmann aus der Ritterschaft, mit Namen Kallines, sprach also: „o König, was uns Macedonier vor Allem schmerzt, ist, daß du Perser zu deinen Verwandten gemacht hast, daß Perser sich nun Alexanders Verwandte nennen und dich küssen dürfen, und von uns Macedoniern ist nie einer dieser Ehre theilhaftig worden!“ Da rief der König: „euch Alle mache ich zu meinen Verwandten und nenne euch also von Stund an!“ er ging auf Kallines zu, ihn zu küssen; und es küßte ihn von den Macedoniern, wer es wollte; sie nahmen ihre Waffen auf und jubelten laut und sangen Freudenlieder und zogen jauchzend in in ihr Lager zurück. Alexander aber gebot, zur Feier der Versöhnung ein großes Opfer zu bereiten, und opferte den Göttern, denen er pflegte. Dann wurde ein großes Mahl gehalten, an dem fast das gesammte Heer Theil nahm, in der Mitte der König, ihm zunächst die Macedonier, nach diesen die Perser, und weiter Viele von den übrigen Völkerschaften Asiens; und der König trank aus denselben Mischkrügen mit seinen Truppen und spendete mit ihnen die gleichen Spenden, und es versahen dazu die Hellenischen Seher und die Persischen Magier die heiligen Gebräuche. Der König selbst aber betete zu den Göttern, sie möchten ihm und seinem Heer alles Gute verleihen, vor Allem aber Eintracht und Gemeinschaft des Reiches den Macedoniern und Persern. Es soll die Zahl derer, die an diesem Mahle Theil nahmen, neuntausend gewesen sein, und diese Alle spendeten zu gleicher Zeit den Unsterblichen und sangen zugleich den Lobgesang dazu 53).

So der Ausgang dieser gefährlichen und in jeder Hinsicht entscheidenden Krisis; es war der letzte Kampf zwischen dem Al-

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53) Arrian. VII. 11., Plutarch. Alex. 71., Justin. XII. 12.

 

517ten und Neuen; die letzte und gewichtigste Repräsentation des alt Macedonischen war moralisch bewältigt; und gerade die Maaßregeln, denen sie erlegen war, gaben diesem Siege Alexanders eine doppelte Wichtigkeit. Der Vorzug, den der König der Macedonischen Kriegsmacht bisher hatte zugestehen müssen, war aufgehoben, Asiatische Truppen traten in die Namen und Ehren des alt Macedonischen Heeres ein, es gab fortan zwischen Siegern und Besiegten keinen anderen Unterschied, als den des persönlichen Werthes und der Treue für den König. Man muß gestehen, daß der Aufruhr von Opis die schwerste Probe gewesen ist, welche das System Alexanders zu bestehen gehabt hat; und daß es gelang ihn zu bewältigen, war ein Beweis, daß das Hellenistische Königthum, welches so schnell und kühn emporgebaut war, daß dieses große Werk der neuen Zeit in sich fest und vollendet dastand, so daß das Gerüst und die stützenden Träger seiner Gründung hinweggebrochen werden konnten. Aber wäre es nicht möglich gewesen, daß die Veteranen in Opis über die Neuerungen des Königs den Sieg davon getragen hätten? Ohnfehlbar, wenn sie selbst noch in Wahrheit Macedonier gewesen wären; sie waren es nicht mehr, sie hatten selbst das Neue, das sie bekämpften, in sich aufgenommen, sie hatten sich in das Asiatische Leben hineingelebt, ohne diesem neuen Elemente das Recht, zu dem es berufen war, zugestehen zu wollen; und dieser Hochmuth, nur als Sieger dessen, das auch sie im innersten Wesen besiegt und durchdrungen hatte, gelten zu wollen, war die Schuld, um deren Willen sie erlagen. Indem so das Macedonische Heer, das Werkzeug, mit dem das Werk der neuen Zeit geschaffen war, von der mächtigen Hand des Meisters zerbrochen ward, war das Werk selbst als vollendet geweiht, und jeder Gefahr gewachsen; was auch die Zerwürfnisse und Verwirrungen der nächstfolgenden Zeit an den äußeren Formen dieses Reiches gerüttelt und zerstört haben, das Hellenistische Leben, die große Einigung des Griechenthums unter Macedonischem, Asiens unter Persischem Namen, war für Jahrhunderte gegründet.

So hatte sich das Neue durch alle Stadien innerer und äußerer Gefährdungen hindurch gekämpft; als Gedanke einer neuen Zeit anerkannt, als Princip des neuen Königthums ausgesprochen, als Regiment des Reiches an der Spitze, als Heeresmacht orga518nisirt, als Umgestaltung und Durchgeistigung des Völkerlebens in voller Arbeit, hatte es nichts als sich möglichst durchgreifend und den wesentlichen Interessen der Völker gemäß zu bethätigen. Dies war die Arbeit für die kurze Spanne Leben, welche das Schicksal dem Könige noch gönnen wollte; es war das letzte Stadium seines großen Berufes; was er fortan noch that, hatte dieß Eine zum Zweck oder zum Erfolge.

Selbst die Zurücksendung der Veteranen mußte, es war vorauszusehen, in diesem Sinne wirken; noch nie waren in solcher Zahl Truppen aus Asien in die Heimath zurückgekehrt, und mehr als alle früheren, hatten diese zehntausend Veteranen Asiatisches Leben in sich aufgenommen; ihre Zahl, ihr Beispiel, ihr Ruhm, ihre Erinnerungen, kurz Alles, was sie an verwandelten Ansichten und Bedürfnissen, an neuen Ansprüchen und Erfahrungen mitbrachten, mußte unter den Ihrigen in der Heimaih von nicht geringerem Einfluß sein, als ihn das Abendländische auf das Leben der östlichen Völker bereits ausübte. Auf das Feierlichste wurden die Veteranen aus dem Lager von Opis entlassen; Alexander verkündete ihnen, daß sie Jeder den Sold bis zur Heimath und überdieß ein Geschenk von einem Talente erhalten sollten; die Kinder, die morgenländische Frauen ihnen geboren, möchten sie, so forderte er, bei ihm lassen, um sich nicht den häuslichen Frieden zu stören; er werde dafür sorgen, daß die Soldatenkinder Macedonisch und zu Soldaten erzogen würden, und wenn sie Männer geworden, dann hoffe er sie nach Macedonien zurück zu führen und ihren Vätern wieder zu geben; für die Kinder der in den Feldzügen Gefallenen versprach er auf gleiche Weise zu sorgen, der Sold ihrer Väter werde ihnen bleiben, bis sie selbst sich gleichen Sold und gleichen Ruhm im Dienste des Königs erwerben würden; für die Veteranen solle in der Heimath alle Ehre bereitet sein, und es sei an den Reichsverweser in Macedonien der Befehl gesandt, daß die Veteranen bei jeder öffentlichen Feierlichkeit, bei Wettkämpfen und Schauspielen den Ehrenplatz haben und mit Kränzen geschmückt erscheinen sollten; zum Zeichen seiner innigsten Theilnahme und Sorge für sie, habe er ihnen den getreuesten seiner Generale, den. er wie sein eigen Haupt liebe, den Hipparchen Kraterus zum Hüter und Führer gegeben; dann dankte er ihnen für die Hingebung 519 und die Tapferkeit, mit der sie ihm zehn Jahre lang zu Gefahr und Sieg gefolgt seien, empfahl sie den geleitenden Göttern und nahm unter Thränen von den alten Kriegern, die sich weinend um ihn drängten, Abschied. Dann zogen die Veteranen von Opis aus; außer Kraterus waren die Phalangenführer Polysperchon, Gorgias und Klitus, von der Ritterschaft Polydamas und Amandas, endlich Antigenes, der Führer der Hypaspisten, mit ihnen; Polysperchon war bei der großen Kränklichkeit des Kraterus mit dem zweiten Kommando beauftragt 54).

Uebrigens bezogen sich des Kraterus Instruktionen keinesweges auf die Zurückführung der Veteranen allein; vielmehr war der Hauptzweck seiner Sendung, die Leitung der Europäischen Angelegenheiten an Antipaters Stelle 55) zu übernehmen, wogegen Antipater neue Truppen nach Asien zu führen beauftragt wurde. Es kam Vieles zusammen, diese Veränderung nothwendig zu machen. Vor Allem hatte die Uneinigkeit zwischen dem Reichsverweser und der Königin Mutter einen hohen Grad erreicht; man darf ohne Anstand behaupten, daß die überwiegende, vielleicht die alleinige Schuld auf Seiten der herrschsüchtigen Frau war. Alexander hatte sie stets hochgeehrt und überreich beschenkt, aber eben so entschieden ihre Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten verbeten; dennoch wurde sie nicht müde zu intriguiren, ihrem Sohne Vorwürfe und Klagen aller Art zu schreiben, eifersüchtig auf dessen Neigung zum Hephästion auch diesen mit bitteren Briefen heimzusuchen, vor Allem aber gegen Antipater unablässig die heftigsten Beschuldigungen nach Asien zu berichten 56). Antipater seiner Seits beschwerte sich eben so bitter über die Königin Mutter und deren Einmischung in die öffentlichen Angelegenheiten, aber umsonst; Alexander pflegte zu sagen: „Antipater weiß nicht, daß eine Thräne meiner Mutter tausend solcher Briefe auslöscht“ 57). Endlich mochten die immer wiederholten Klagen

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54) Arrian. VII. 12., Justin. XII. 12. — 55) Μακεδονίας τε καὶ Θρᾴκης καὶ Θετταλῶν ἐξηγεῖϑαι καὶ τῶν Ἑλλήνων τῆς ἐλευϑεσίας. — 56) Plutarch Alex. an mehreren Stellen. Arrian. l. c. Justin. l. c., Diodor XVII. 113. 118. — 57) Plutarch Alex. 39.

 

520 und Warnungen der Mutter einigen Einfluß auf Alexanders Gesinnung gegen den Reichsverweser ausüben, besonders seit er in der Verrätherei des Philotas und Parmenion erkannt hatte, daß selbst den treuesten nicht zu trauen; es war gar wohl denkbar, daß Antipater in der großen Gewalt, die ihm übertragen worden, die Grenzen treuer Ergebenheit überschritten, und daß er, nach außen hin so bescheiden, in seinem Innern in der That, wie Alexander sagte, nichts als Purpur hätte 58); es kam dazu, daß bei dem Prozeß des Philotas der Lynkestier, Alexander, sein Eidam, hingerichtet worden, und Alexander mochte seit jener Zeit sich ihm in demselben Maaße entfremdet fühlen, als ihm Antipaters Entfremdung denkbar schien 59). Alles das diente nicht dazu, das Verhältniß zwischen der Königin Mutter und dem Reichsverweser, und damit den Frieden in Macedonien zu erhalten. Es ist nicht mehr zu erkennen, bis zu welchem Punkte sich der Hader steigerte, und wie weit es richtig ist, daß sich während des Indischen Feldzuges die Königin Mutter in Verbindung mit ihrer Tochter Kleopatra, der königlichen Wittwe von Epirus, gegen Antipater auflehnte und für sich Epirus, für Kleopatra Macedonien in Anspruch nahm 60); jedenfalls aber waren es diese Zerwürfnisse, die den König bestimmten, den durchaus gewandten und kräftigen Reichsverweser abzuberufen; Arrian sagt ausdrücklich: „nicht zur Schande war dem Antipater befohlen nach Asien zu kommen, sondern Alexander wollte nur vorbeugen, daß Beiden, seiner Mutter und dem Reichsverweser, nicht etwas Unseliges und selbst für ihn Unheilba-

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Alexander forderte ihn auf, sich mit einer eigenen Leibwache zu umgeben, um vor den Nachstellungen seiner Feinde sicher zu sein. Plutarch. 39. — 58) Plutarch. Apophth. v. Ἀλεξ. — 59) Von Antipaters Verbindungen mit den Aetoliern s. o. p. 298. — 60) Dieses berichtet Plutarch. Alex. c. 68., Niemand sonst; die Sache scheint problematisch; oder, wie käme es, daß Kleopatra, die im Jahre 331 die Angelegenheiten in Epirus leitete (Lycurg. p. 203.) späterhin Macedonien wählte? Auffallend dagegen ist, daß nach Diodor. XVII. 108. Antipater und Olympias die Auslieferung des Harpalus von den Athenern forderten. Ich gestehe, über diese Verhältnisse zwischen Beiden noch nicht klar zu sehen.

 

521res aus diesem Zwist entstünde.“ 61) Deshalb sollte Antipater sein Amt auch keinesweges sofort niederlegen und gen Asien kommen 62), sondern die Verwaltung der Europäischen Länder bis zur Ankunft des Kraterus, die sich bei den langsamen Märschen der Veteranen über Jahr und Tag hinziehen konnte, ungestört behalten. Die sonderbare Wendung, die gerade jetzt die Hellenischen Angelegenheiten nahmen, schien überdieß seine Anwesenheit in Macedonien doppelt nothwendig zu machen.

In Hellas nemlich hatte seit der Niederlage der Spartaner im Jahre 330 tiefer Friede geherrscht; und eben so reich an außerordentlichen Thaten jenseits des Hellespontes, wie einförmig und kleinlich in heimathlichen Dingen, hatten diese fünf Jahre des Friedens den Gesichtskreis und die Verhältnisse des Hellenischen Lebens auf entschiedene Weise umgestaltet. Seitdem Macedonien übergroß, und weiterer Widerstand gegen diese Macht, die letzte Beziehung, die dem öffentlichen Leben Athens und der übrigen Staaten Haltung gegeben, unmöglich geworden war, ging auch der letzte Rest des republikanischen Lebens unter, und die Unterschiede von politischer Partheiung, wie sie namentlich Athen seit dreißig Jahren in dem „für oder wider Macedonien“ fest gehalten, begannen sich zu verwischen und in Cotterien der Habgier, in Intriguenen und Stadtklatschereien, in Persönlichkeiten und Gemeinheiten zu zerfallen. Wenn es im Interesse des Macedonischen Königthums war, die selbstständige Kraft der Hellenischen Freistaaten aufzureiben, so hatte Alexander, als er ihnen Freiheit und Selbst-

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61) Arrian. VII. 12. — 62) Justin. XII. 14. sagt: „Antipater habe vor Kurzem gegen die Führer besiegter Nationen (in praefectos devictarum nationum) grausame Strafen verhängt und deshalb gemeint, der König berufe ihn zur Strafe nach Asien.“ Die Verwirrung in dieser Angabe hindert nicht, etwas Wahres hinter ihr zu vermuthen; es liegt nahe, daß dieselben Völker, gegen welche Zopyrion gekämpft, eben jetzt von Antipater besiegt worden. Gewiß ist, daß im Frühjahr 323 des Antipater Sohn zu Alexander kam, um mehrfache Beschwerden gegen seinen Vater zu entkräften, die von den Betheiligten in Person an den König gebracht waren.

 

522ständigkeit ließ, das sicherste Mittel, ihnen beides allmählig zu entwenden, gefunden. So herrschte denn auf dem Markt von Athen Demades, dessen Einfluß nicht minder auf sein Verhältniß zu Macedonien, als auf seine Friedenspolitik, wie sie den Wünschen der Wohlhabenden entsprach und den genußlüsternen Pöbel mit Festschmausereien und Geldspenden zu ködern möglich machte, begründet war. Und allerdings war unter seiner Führung das materielle Wohl des Landes nicht wenig gefördert worden; „nicht der Krieger,“ so sprach er einst in der Ekklesia, „wird meinen Tod beklagen, denn ihm nützt der Krieg, und der Friede ernährt ihn nicht; wohl aber der Landmann, der Handwerker, der Kaufmann und jeder, der ein ruhiges Leben liebt; für sie habe ich Attika nicht mit Wall und Graben, wohl aber mit Frieden und Freundschaft gegen die Mächtigen geschützt.“ Aus dem Rechtshandel wegen seiner zwölfjährigen Staatsführung, durch den ihn seine Gegner zur Zeit, als Alexander im fernsten Osten stand, zu stürzen suchten, ging er vollkommen siegreich hervor 63). Demosthenes vermochte nichts mehr, und selbst frühere Freunde, namentlich Lykurg, wandten sich von ihm; und Phocion, der alte und strenge Patriot, der in gleichem Maaße seines Vaterlandes Verfall begriff und beklagte, wäre vermöge seiner richtigen Einsicht in die Zeitverhältnisse und seiner vollkommenen Rechtlichkeit der Führung des Staates fähig und würdig gewesen, wenn er nicht eben zu streng in seinen Grundsätzen, zu ernst in seinen Ansichten, zu redlich in seinem Bemühen gewesen wäre. Die Zeit der Demokratie war vorüber, überall zeigte sich die Nothwendigkeit, daß der veränderte politische und gesellschaftliche Zustand auch eine gründliche Umgestaltung in den Verfassungen der Staaten forderte; und wenn Alexanders Plan, die Griechen allmählig von der Demokratie zur Monarchie hinüber zu führen, durch seinen zu frühen Tod, oder will man lieber, durch die innere Nothwendigkeit des Hellenischer Wesens unvollendet geblieben ist, so liegt eben darin der Grund jenes trostlosen Hinwelkens, mit dem das nächste Jahrhundert der Hellenischen Geschichte den Ruhm besserer Zeiten besudeln sollte.

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63) Im Jahre 326; wer ihn verklagte, ist nicht klar; daß er Sieger blieb, sieht man aus seiner Stellung im Harpalischen Prozeß.

 

523 Im Sinne jenes Planes war es, daß Alexander von den Hellenen göttliche Ehre forderte, wie sie ihm von den Völkern des Morgenlandes von Anbeginn gezollt worden war. Was man auch in Beziehung auf die persönliche Gesinnung des Königs und deren Verwandelung aus diesem Gebot folgern mag, jeden Falls war es weder so überraschend und frevelhaft, wie es uns erscheint, noch ist die tiefe politische Bedeutsamkeit dieser Maaßregel zu verkennen. Man vergegenwärtige sich die Eigenthümlichkeit des Hellenischen Heidenthums, das die Götter wie Menschen anzusehen und großen Männern heroische Ehre zu erzeigen gewohnt war, und das in dieser Zeit der Aufklärung und Frivolität die Religion selbst als Ceremonie, die Ehren der Götter als Gewohnheit und Lustbarkeit, die Götter als menschliche Institutionen oder Allegorien irdischer Macht und Weisheit betrachtete, man nehme dazu, daß bereits seit mehreren Jahren die Gesandtschaften des Korinthischen Bundes an den König die Form heiliger Processionen angenommen, daß auch die Athener das heilige Schiff, das dem Gotte von Delos gesandt zu werden pflegte, an Alexander geschickt hatten, daß nach allgemeinen Gerüchten die Orakel des Ammoniums, wie man auch spotten mochte, am Ende doch den König als Zeus Sohn bezeichnet hatten, daß endlich Alexander, aus dem Geschlechte des Herakles und Achilleus, eine Welt erobert und umgestaltet und in Wahrheit Größeres als Herakles und Dionysos vollbracht hatte, kurz man denke sich diese ganze wunderliche Mischung von Aberglauben und Irreligiosität, von Gleichgültigkeit gegen die Götter und Hingebung an das Irdische, und man wird es begreiflich finden, daß für das damalige Griechenthum der Gedanke an göttliche Ehren und an das Vergöttern eines Menschen nicht allzufern lag; wie natürlich vielmehr dergleichen im Sinne der damaligen Zeit war, beweisen die nächsten Jahrzehnte bis zum Ueberdruß, nur daß der große Alexander der erste war, der für sich das in Anspruch nahm, was nach ihm die erbärmlichsten Fürsten und die verworfensten Menschen von allen Griechen, vor Allem aber von den Athenern für ein Billiges zu Kauf erhalten konnten. Nicht als ob Alexander einer Seits an seine eigene Gottheit geglaubt oder anderer Seits dieselbe für nichts als für eine äußerliche Maaßregel gehalten hätte; er selbst 524 äußerte sich darüber; „Zeus sei freilich aller Menschen Vater, aber nur die Besten mache er zu seinen Söhnen“ 63b). Die Völker des Morgenlandes sind gewöhnt, ihren König als ein Wesen höherer Art zu verehren, und allerdings ist dieser Glaube, wie er sich auch nach den Sitten und den Vorurtheilen der Jahrhunderte umgestalten mag, die wahre Stütze jeder Monarchie, ja jeder Form von Herrenthum; selbst die Dorischen Aristokratien des Alterthums gaben den Herakliden dieses Vorrecht gegen das arme Volk, und das demokratische Athen gründete auf ein durchaus analoges Vorurtheil gegen die Sklaven die Möglichkeit einer Freiheit, gegen welche die Monarchie Alexanders in jeder Hinsicht als Fortschritt zu bezeichnen ist. Alexander wollte Griechenland allmählig von den Formen einer überlebten Demokratie entwöhnen und in die der neuen Monarchie mit hineinziehen; es war der erste und wesentlichste Schritt, die Griechen zu demselben Glauben an seine Majestät, den Asien hegte, und in dem er mit allem Rechte die wesentlichste Garantie seines Königthums erkannte, zu veranlassen.

Zu der Zeit, als in Asien die letzten Schritte zur Verschmelzung des Abend- und Morgenländischen gemacht wurden, und das Königthum entschieden die Gestalt eines Hellenistischen angenommen hatte, ergingen nach Griechenland hin die Aufforderungen, durch öffentliche Beschlüsse dem Könige die Ehren der Götter zu gewähren 64). In Athen brachte Demades den Vorschlag vor das Volk, Pytheas trat auf, gegen ihn zu sprechen: es sei gegen die Solonischen Gesetze, andere als die väterlichen Götter zu ehren; und als gegen ihn eingewandt ward, wie er, noch so jung, wagen

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63b) Plutarch. apophth.64) Demades wurde späterhin wegen dieses Vorschlages zu zehn (Athen. VI. 251. a.) oder richtiger hundert Talenten, (Aelian. V. v. 12.) verurtheilt; dagegen siegte er mit der Rede über seine zwölfjährige Staatsverwaltung (326) und in dem erhaltenen Bruchstück ist wenigstens keine Spur davon, daß er die τιμὰς τῶν ἐν ούρανῷ dem Alexander schon dekretirt. Da im Jahre 323 zum ersten Male Theoren sämmtlicher Griechen an Alexander gehen, so ist das Gesetz des Demades wohl nicht früher, als 324 zu setzen.

 

525 könne in so wichtigen Dingen zu sprechen, antwortete er: Alexander sei noch jünger 65). Auch Lykurgus erhob sich gegen den Gesetzvorschlag: wie sei es möglich, sprach er, den als Gott zu verehren, der voll Ungerechtigkeit sei und selbst die Gesetze der Sitte und Schicklichkeit nicht achte 66). Demosthenes aber, der sich in früheren Jahren heftig genug über die Vergötterung, die dem Könige in Asien gezollt wurde, geäußert hatte, rieth jetzt dem Volke, dem mächtigen Könige die Ehren der Olympischen Götter nicht zu weigern, und das Athenäische Volk dekretirte nach dem Borschlage des Demades 67). Auch in Sparta wurde ohne Weiteres Folge geleistet; das lakonische Dekret lautete: will Alexander Gott sein, so sei er Gott 68). Die übrigen Hellenen folgten dem Beispiel der Hauptstaaten, und die nächsten Hellenischen Gesandten an Alexander kamen gekränzt und in der Weise, wie Theoren zu den Tempeln der Götter ziehen 69).

Eine zweite, nicht minder wichtige Anordnung Alexanders bezog sich auf die Verbannten der Hellenischen Freistaaten; die Verbannungen waren zum größten Theil Folge politischer Veränderungen, und hatten wegen der Siege, die die Macedonier seit den letzten funfzehn Jahren wiederholentlich davon getragen, natürlich die Gegner Macedoniens vorzüglich betroffen. Die Verbannten hatten früher in den Heeren des Persischen Großkönigs Dienste und fortgesetzten Kampf gegen Macedonien gefunden; nach Persiens Fall irrten sie hülflos und heimathlos in der Welt umher; manche mochten Dienste im Macedonischen Heere nehmen, andere wurden, während Alexander in Indien stand, von den Satrapen auf eigene Hand angeworben, noch Andere gingen nach Griechenland zurück, um in der Nachbarschaft ihrer Heimathstädte auf eine Veränderung der Dinge zu warten, oder zogen zu dem

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65) Plutarch. princ. pol. p. 804. — 66) Plutarch. X Orat. Lykurg sagte: was ist das für ein Gott, aus dessen Nähe man sich nicht entfernen darf, ohne sich zu reinigen? — 67) Dinarch. p. 172. Demades soll bei der Gelegenheit gesagt haben: sehet zu, daß, während ihr den Himmel hütet, die Erde euch nicht entrissen wird. Val. Max. VII. 2. 10. — 68) Aelian. V. H. 11. 19. — 69) Arrian. VII. 23. 3.

 

526 Werbeplatz auf Tänarum, um von dort aus in irgend Jemandes Sold zu treten. Die bedeutende Zahl dienstloser Leute mußte sich dort, seitdem Alexander allen Satrapen die Entlassung ihrer Söldner geboten, außerordentlich vermehrt haben 70); und in demselben Maaße, als sie zahlreich, unglücklich und hoffnungslos waren, mußten sie für die Ruhe Griechenlands und den für Macedonien wünschenswerthen Zustand der Dinge gefährlich werden. Diese Gefahr abzuwenden gab es kein besseres Mittel, als den Verbannten die Heimkehr zu bereiten; dadurch wurde auch denen, die durch Macedonischen Einfluß verbannt waren, ihr Haß zur Dankbarkeit umgewandelt und die Macedonische Parthei in den einzelnen Staaten auf die erfolgreichste Weise verstärkt; die Staaten selbst waren fortan für die innere Ruhe Griechenlands verantwortlich, und der innere Zwiespalt, der sich wieder und wieder zeigen mochte, gab der Macedonischen Macht das Recht souveräner Entscheidung. Freilich war die Maaßregel gegen die ausdrücklichen Stipulationen des Korinthischen Bundes und der gefährlichste Angriff auf die dort garantirte Souveränität der einzelnen Staaten; ja es war voraus zu sehen, daß die Ausführung dieser Maaßregel in Besitz, Ehre und öffentlicher Meinung Anlaß zu endlosen Verwirrungen geben mußte. Aber Alexander durfte höhere Rücksichten geltend machen; vor Allem betraf diese Wohlthat die Gegner Macedoniens; es war die Zeit gekommen, daß die Unterschiede nationaler Feindschaft in Asien und politischer Partheiungen in Europa in der Einheit der gemeinschaftlichen Monarchie untergehen sollten; das Begnadigungsrecht in dieser großartigen Ausdeh-

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70) Sollte sich hierauf die wunderliche Angabe des Pausanias (II. 15. und VIII. 52.) beziehen, Leosthenes habe die Griechen, die im Solde des Darius und der Satrapen standen und die Alexander in Asien habe ansiedeln wollen, bei funfzigtausend Mann, eingeschifft und von Asien nach Europa gebracht? Leosthenes war von ihnen zum Anführer erwählt (Diodor XVII. 101.) und hatte späterhin bei Eröffnung des Lamischen Krieges doch nur achttausend Söldner aufzubieten; jene Verminderung der Zahl dürfte sich auf die Heimkehr vieler Verbannten zurück führen lassen.

 

527nung zu üben, war der erste Akt der Souveränität, an die Alexander die Griechen zu gewöhnen hoffte.

Zur Verkündigung dieser Maaßregel hatte er den Stagiriten Nikanor nach Griechenland gesandt; bei der Feier der Olympischen Spiele des Jahres 324 sollte das königliche Schreiben publicirt werden. Die Kunde davon hatte sich im Voraus verbreitet; von allen Seiten strömten die Verbannten gen Olympia, um das Wort der Erlösung zu vernehmen. In den einzelnen Staaten dagegen brachte sie mannigfache Aufregung hervor, und während sich Viele freuten, mit Angehörigen und Befreundeten wieder vereint zu leben und durch eine große und allgemeine Amnestie die Ruhe und den Wohlstand besserer Zeiten zurückkehren zu sehen, mochten Andere in diesem Befehl einen Eingriff in die Rechte ihres Staates und den Beginn großer innerer Verwirrungen verabscheuen. In Athen erbot sich Demosthenes zur Archetheorie gen Olympia, um dort an Ort und Stelle mit dem Bevollmächtigten Alexanders zu unterhandeln, und ihm die Folgen jener Maaßregel und die Heiligkeit der Korinthischen Bundesverträge vorzustellen; dort blieben seine Bemühungen erfolglos. Während der Feier der hundert und vierzehnten Olympiade 71), im Anfang des Augustes, in Gegenwart der Hellenen aus allen Landschaften, unter denen sich der Verbannten an zwanzigtausend befanden, ließ Nikanor der Stagirite durch den Herold, der im Wettkampf der Herolde gekränzt war, das Dekret des Königs vorlesen; es lautete: „Der König Alexander den Verbannten der Griechischen Städte seinen Gruß. An eurer Verbannung sind nicht wir Schuld gewesen; aber die Rückkehr zur Heimath wollen wir Allen, mit Ausschluß derer, auf denen Fluch haftet, bewirken. Demnach haben wir an Antipater erlassen, daß er die Städte, welche die Aufnahme weigern, dazu

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71) Bekanntlich ist über die Zahl der Olympiade sehr weitläuftiger Streit geführt worden, indem sie für das Todesjahr Alexanders von großer Wichtigkeit ist; was Ideler mit eben so viel Scharfsinn als Gelehrsamkeit gegen die bekannte Oberflächlichkeit Champollions geltend gemacht hat, liegt unserer Darstellung zum Grunde; die einfache Aufeinanderfolge der Begebenheiten giebt unmittelbar dieselben Resultate.

 

528 zwinge.“ Mit unendlichem Jubel und Beifallklatschen wurde der Heroldsruf aufgenommen, und nach allen Seiten hin zogen die Verbannten mit ihren Landsleuten der lang entbehrten Heimath zu 72). Nur Athen und die Aetolier weigerten sich ernstlich, dem Befehl des Königs Folge zu leisten; denn die Aetolier hatten die Oeniaden vertrieben, und fürchteten deren Rache um so mehr, da sich Alexander selbst für sie und ihr Recht entschieden hatte. Die Athener aber sahen sich im Besitz der letzten Insel, die ihnen aus der Zeit ihrer früheren Herrschaft geblieben war, gefährdet; sie hatten im Jahre 361 die Bewohner von Samos vertrieben, und das Land unter Attische Kleruchen vertheilt 73); diese hätten jetzt, nach dem Befehl des Königs, den früheren Bewohnern weichen müssen; dazu kam, daß durch denselben Befehl die Demokratie in ihrer Freiheit und Souveränität vollkommen in Frage gestellt war, und daß Athen, wenn es gehorsamte, sich unmittelbar dem Macedonischen Königthum unterwürfig bekannt hätte; und noch wagten selbst die Macedonistischen Demagogen nicht, diesen Grad der Hingebung und diese Erniedrigung zu rathen. Es

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72) Diodor. XVII. 109., XVIII. 8.; Curtius X. 2.; Justin. XIII. 5.; Dinarch. p. 169 und 175.; die in dem Heimkehrgesetz Ausgenommen bezeichnet Diodor ein Mal πλὴν τῶν ἐναγῶν, ein ander Mal πλὴν τῶν ἱεροσύλων καὶ φονέων. Curtius sagt: exsules praeter eos, qui civili sanguine aspersi erant, Justinus praeter caedis damnatos. – Man hat in der Rede de foed. Alex., die sich unter denen des Demosthenes befindet, Beziehungen auf diesen Befehl Alexanders zu finden und darnach ihre Zeit bestimmen zu können geglaubt (Beckers Demosthenes als Redner und Staatsmann p. 265.); mit großem Unrecht, sie kann nur der Zeit zwischen 333 und 330 angehören, und ist offenbar gehalten, um Athen zur Theilnahme an den Krieg, der mit des Königs Agis Tode enden sollte, zu bewegen. — 73) Ich muß hier den p. 15. von mir gebrauchten Ausdruck, Philipp habe nach der Schlacht von Chäronea den Athenern für Samos das Gebiet von Oropus gegeben, zurück nehmen. Die Athener behielten gerade diese Insel, offenbar weil sie mit Attischen Bürgern bevölkert war, s. Plutarch Alex. 28.

 

529 kam ein unerwarteter Umstand hinzu, der, gehörig benutzt, die Macht der Athener bedeutend zu heben und ihrer Weigerung Nachdruck zu geben versprach.

Harpalus nemlich, der flüchtige Großschatzmeister Alexanders, hatte sich, wie oben erzählt worden, auf der Küste Kleinasiens mit dreißig Schiffen, sechstausend Söldnern und den ungeheueren Schätzen, die ihm anvertraut gewesen waren, gen Attika hin eingeschifft, und war glücklich auf der Rhede von Munychia angelangt. Der Strateg Philokles, der die Hafenwache commandirte, war leicht gewonnen, es waren bald mit den vornehmsten Führern des Volks Verbindungen angeknüpft, und Aristogiton, Mörokles, Demon, Kallisthenes, Aristonikon, Cephisophon widerstanden dem Golde nicht 73b); selbst Demades glaubte ein Geschenk von sechstausend Stateren mit seinen anderweitigen Verhältnissen zu Macedonien vereinbaren zu können, und Charikles, des eh[r]enwerthen Phocion Schwiegersohn, war bereits durch die dreißig Talente, die er dem Harpalus für das Grabmal der Pythionice am heiligen Wege hatte in Rechnung bringen dürfen, verpflichtet. Im Vertrauen auf diese Freunde glaubte der Großschatzmeister, Athen zu seinen Aufenthaltsorte wählen zu können; er trug bei dem Volke darauf an, sich mit seinen Schätzen und Schiffen in ihren Schutz begeben zu dürfen; die einverstandenen Redner thaten alles Mögliche, sein Gesuch zu unterstützen: die Athener seien ihm wegen früherer Getraidespende allen Dank schuldig, es sei ja ihre schöne Gewohnheit, Schutzflehenden barmherzig zu sein, sie hätten ihm bereits früher das Bürgerrecht der Stadt gegeben. Demosthenes aber erklärte sich offen dagegen: man müsse den Harpalus nicht aufnehmen, um nicht die Stadt in einen unnöthigen und ungerechten Krieg zu stürzen; auch Phocion, den Harpalus umsonst zu gewinnen versucht hatte, widersprach der Aufnahme, und das Volk wies des Harpalus Gesuch zurück 74). Indeß gab dieser

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73b) Athen. VIII. p. 591., Dionys. Hal. Din. c. 11. — 74) Plutarch Phoc. 21. Die Zeit dürfte sich daraus bestimmen, daß Philokles als Strateg verklagt wird, also nach dem Anfange des Attischen Jahres (Juli 324) den Hafen öffnete.

 

530 die Hoffnung noch keinesweges auf; vielleicht mochte die Stimmung, welche der kurz darauf erlassene Befehl Alexanders in Athen hervorgebracht hatte, ihm günstig genug zu einem zweiten Versuche scheinen; er segelte nach Tänarum, setzte dort seine Truppen ans Land, deponirte den größten Theil seiner Schätze, und kehrte mit etwa siebenhundert Talenten nach Athen zurück 75). Aber schon war von Macedonien her eine Aufforderung des Antipater, den Großschatzmeister der Strafe zu überliefern, eingelaufen 76), und das besorgte Volk schien geneigt zu willfahren. Harpalus sah sich sofort von denen, die er bezahlte, verlassen; nur Phocion suchte wenigstens seine Auslieferung an Antipater zu hindern; Demosthenes stimmte ihm bei 77), und schlug dem Volke vor, die Schätze einstweilen auf der Burg niederzulegen, bis Alexander Bevollmächtigte schickte, dieselben in Empfang zu nehmen. Das Volk gab dem Antrage seine Zustimmung und beauftragte ihn selbst mit der Deponirung der Gelder und Kostbarkeiten. Als kurze Zeit darnach in der Volksversammlung die Frage, was weiter mit Harpalus selbst zu bestimmen, an der Tagesordnung war, erschien der berühmte Redner, den Hals mit Tüchern und Binden umhüllt, vor dem Volke, und erklärte, er könne vor Halsweh nicht sprechen. Das Volk aber lärmte und lachte: er habe nicht Halsweh, sondern Goldweh, einen Goldbecher mit zwanzig Talenten, der ihm besonders gefallen, habe Harpalus in der Nacht zu ihm geschickt. Da sich der Redner rechtfertigen wollte, ließ ihn das Volk nicht zu Worte kommen, und ein Witzling sprach: bei

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75) Phot. p. 494. a. 30., Plutarch. Phoc. l. c., Plutarch. Demosth. 25. — 76) Diodor XVII. 108. sagt: von Antipater und Olympias; bei Photius, Plutarch, (X. Oratt. Dem.) und sonst ist nur von Antipater die Rede; Pausanias II. 33. sagt, Philoxenus habe seine Auslieferung gefordert, eine Unwahrscheinlichkeit, welche die Angaben jener Stelle verdächtigt. — 77) Hierher gehört seine Rede Περὶ τοῦ μὴ ἐκδοῦναι τόν Ἅρπαλον. Dionys. Dem. 57., wenn anders sie wirklich gehalten worden ist, und nicht etwa das Schicksal der Midiana gehabt hat. Die gleichnamige Rede, die Dionys als dem Dinarch angehörig bezeichnet, könnte von diesem wie alle Harpalischen für einen andern geschrieben sein.

 

531 Gelagen, ihr Athenäer, läßt man den reden, der den Becher hat 78). Darauf wurde vom Volke beschlossen, den Großschatzmeister in Verhaft zu nehmen, bis seinetwegen Jemand von Alexander geschickt würde. So geschah es; indeß fand oder erhielt Harpalus bald genug Gelegenheit, aus dem Gefängniß zu entwischen; er eilte gen Tänarum, raffte dort seine Schätze zusammen und schiffte sich nach Kreta hin ein; da aber wurde er von Thimbron aus Lacedämon ermordet, der mit den Schätzen gen Cyrene floh, während die übrigen Genossen sich zerstreuten; des Ermordeten vertrauter Sklave, der die Rechnungen geführt hatte, wurde auf Rhodus eingefangen und an Philoxenus, den königlichen Schatzmeister für diesseits des Taurus, ausgeliefert 79).

Der König Alexander scheint erwartet zu haben, daß Harpalus mit seinen Schätzen und Söldnern von den Athenern bereit-

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78) So Plutarch Dem. 25.; A. Gellius IX. 9. erzählt irrig die Geschichte in Beziehung auf eine frühere Bestechung des Demosthenes; daß der Komiker Timokles (Athen. VIII. p. 391) statt zwanzig Talente funfzig nennt, thut nichts zur Sache; der berühmte Witzling Korydus sagte in Beziehung auf den Goldbecher: „Demosthenes, der sonst immer von den Helden des Bechers spricht, hat jetzt den vollsten gewonnen.“ Athen. VI. p. 246. a. — 79) Diodor XVII. 109, Arrian. apd. Phot. 70. a. 12.; von Pausanias wird ein Pausanias als Mörder genannt, eine zweite Verdächtigung seiner kritisch sein sollenden Stelle, die oben angeführt ist. Im Uebrigen ist die ganze Harpalusgeschichte von den verschiedenen Autoren sehr verschieden dargestellt worden; aus den oft widersprechenden Angaben schien sich ungefähr das Obige mit Sicherheit zu ergeben. Neuere Schriftsteller haben den großen Redner von aller Schuld frei sprechen und als einen Heiligen in Sachen des Geldes darstellen zu müssen geglaubt, gleich als ob es nicht möglich wäre, daß sich das größeste Genie der Beredsamkeit mit der Hellenischen Liebe zum Golde vertrüge. So groß seine politische Thätigkeit dem Philipp gegenüber, eben so unlauter sind die Mittel, deren er sich gegen Alexander zu bedienen nicht verschmäht hat, und je mehr sein öffentlicher Einfluß verliert, desto klarer treten die Schwächen seines Privatcharakters und des Alters in ihm hervor.

 

532willig würde aufgenommen werden; wenigstens hatte er in die Seeprovinzen den Befehl gesandt, die Flotte bereit zu halten, um nöthigenfalls Attika unverzüglich überfallen zu können; und in dem Lager Alexanders war damals viel die Rede von einem Kriege gegen Athen, auf den sich die Macedonier in Folge der alten Feindschaft gar sehr freuten 80). In der That hatten die Athener, wenn sie sich ernstlich der Zurückführung der Verbannten zu widersetzen und ihre Souveränität gegen Alexander aufrecht zu erhalten beabsichtigten, bei der Ankunft des Harpalus die trefflichste Gelegenheit, sich für jeden Fall mit Geld und Söldnern zu versehen; sie hätten in der rücksichtslosen Aufnahme des Harpalus einen Beweis ihrer Unabhängigkeit geben und in seinen Schätzen, in seinen sechstausend Söldnern Mittel, sie zu vertheidigen, haben können. Sie zogen es vor, halbe Maaßregeln zu ergreifen, die, weit entfernt einen sicheren und ehrenvollen Ausweg zu bieten, dem Macedonischen Einfluß in Athen einen neuen Sieg bereiten sollten. Demosthenes begriff so wenig die entscheidende Bedeutung dieser politischen Alternative, daß er, wenigstens vor jener Nacht mit dem Becher, gegen das Interesse der gefährdeten Selbstständigkeit Athens sprach. Statt des bedeutenden Nutzens, den die Geschichte des Harpalus für den Staat haben konnte, wurde sie zum Skandal, und die Rivalität der Demagogen kam hinzu, sie auf das Ausgedehnteste zum Macedonischen Vortheil zu verwenden.

Es war allgemein bekannt, daß des Harpalus Gold bei mehr als Einem der Volksführer Eingang gefunden; das Volk war in Besorgniß vor Antipater, vor Alexander; man begann die Annahme jener Geschenke als öffentlichen Verrath zu betrachten, man fürchtete, daß der König in Kurzem die Gelder und strenge Rechenschaft fordern würde. Harpalus hatte siebenhundert und funfzig Talente mit in das Land gebracht, und nicht viel über dreihundert fanden sich auf der Burg; zugleich erfuhr man, daß des Harpalus vertrauter Sklave in Philoxenus Gewalt sei, und bald liefen von

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80) Curtius X. 2. 2., Justin. XIII. 5. s. den Heroldsruf des Gorgus bei Athen. XII. p. 537

 

533 diesem die Listen aller verwendeten Summen und der betheiligten Namen ein; Demosthenes war unter diesen nicht 81). Entweder im Gefühl seiner Unschuld, oder um desto sicherer zu sein, beeilte er sich, dem Volke ein Dekret in Vorschlag zu bringen, des Inhaltes: daß auf das Strengste untersucht werden sollte, wer Geld vom Harpalus empfangen, daß dem Areopag Vollmacht zu allen Nachforschungen gegeben werden, daß die schuldig Befundenen mit dem Tode bestraft werden sollten. So begann jene merkwürdige Reihe Harpalischer Prozesse, in denen die berühmtesten Namen des damaligen Athen verwickelt waren. Sechs Monate währten die Nachforschungen und Haussuchungen des Areopag, auch Demosthenes Name wurde in den überreichen Katalog der Schuldigen eingetragen; mochten die Beweise seiner Schuld nicht unwiderleglich und das Verfahren gegen ihn überhaupt zu summarisch sein 82), jedenfalls hatte er keine Rechenschaft über die unter seiner Obhut deponirten Gelder abgelegt. Dann wurde ein Heliastengericht von tausendfünfhundert Geschworenen niedergesetzt; als Kläger traten Pytheas, Hyperides, Mnesächmus, Himeräus und Stratokles auf 83); nach dem Ge-

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81) Pausanias in der oben erwähnten Stelle glaubt hierin den sichersten Beweis für Demosthenes Unschuld zu finden; Möglichkeiten, wie Beides vereinbar, z. B. daß der Sklav nur bei Harpalus erstem Versuch um ihn gewesen und nachher in Tänarum bei den Schätzen geblieben sei, will ich nicht weiter aufzählen. Auf diesen Sklaven bezieht sich Dinarch, wenn er (p. 165.) „von den Sklaven, die jetzt zu Alexander hinaufgebracht sind“, spricht. — 82) So wird in dem zweiten der angeblich Demosthenischen Briefe behauptet (p. 636.); gegen seine Aechtheit spricht ein kleiner Irrthum, den Demosthenes selbst nicht hätte niederschreiben können; er sagt: „sein Unglück sei gewesen, daß er als der erste aufgetreten sei; und was habe er denn ungesagt gelassen, was doch, von den Späteren vorgebracht, zu ihrer Rettung hingereicht“. Daß vor ihm schon mehrere gerichtet, bezeugt Dinarch p. 170. und nach ihm wurde Demades (Dinarch. p. 182.) und Aristogiton (Dinarch. p. 184.) verurtheilt. — 83) Plutarch X Orat. Dem.; statt dieses Stratokles, auf den sich Dinarch in seinen Reden mehrere Male

 

534setz des Demosthenes wurden Mehrere verurtheilt und hingerichtet. Jetzt kam an ihn selbst die Reihe; umsonst versuchte er durch die Delation, daß Kallimedon mit den Verbannten in Megara Zusammenkünfte gehalten, und daß es auf die Auflösung der Demokratie abgesehen sei, sich zu retten; umsonst kam er von seinen Kindern begleitet vor Gericht, um sich zu vertheidigen 84); er wurde verdammt, das Fünffache dessen, was er erhalten hatte 85), zu zahlen, und da er die ungeheuere Summe nicht aufzubringen vermochte, ins Gefängniß geworfen, aus dem er Gelegenheit fand am sechsten Tage zu entweichen 86). Das gleiche Schicksal traf nach ihm den Aristogiton, den Philokles 87) und die übrigen Schuldigen.

Dieser Ausgang der Harpalischen Prozesse war für Athen in jeder Beziehung verhängnißvoll; die Geschworenen der Heliäa,

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bezieht, steht bei Phot. l. c. Prokles. Der Komiker Timokles verhöhnt auch den Hyperides als Bestochenen, seine Rede für den Harpalus wird von Pollux X. 159. als vielleicht unächt bezeichnet. Daß Dinarch nicht unter den Klägern war, sondern die Harpalischen Reden für Andere schrieb, ist einer Seits sehr wahrscheinlich, da ein so berühmter Name unter denen der Kläger, deren fünf überliefert sind, gewiß nicht übergangen wäre, und wird anderer Seits durch Phot. 496. b. 22. bestätigt. — 84) Athen. XIII. p. 592. Die Rede des Demosthenes περὶ χρυσίου gehört hierher; wenn die von Dionys. Hal. Dem. 57. für unächt erklärte ἀπολογία τῶν δώρων dieselbe ist, so kann man damit die Sage bei Photius l. c. in Verbindung bringen, daß Demosthenes den Spruch nicht abwartete, sondern die Stadt verließ. Dionys. ep. ad Amm. l. 12. (p. 749.) sagt, daß Letztere unter dem Archonten Antikles (325/4) gehalten sei; schon Ideler (von dem Todesjahre Alexanders des Großen p. 281.) hat darauf aufmerksam gemacht, daß durch einen Irrthum Antikles statt Hegesias genannt sei. Der Prozeß scheint Anfang 323 beendet worden zu sein. — 85) So Plutarch X Orat. Dem.; in der Vit. Dem. sagt er an funfzig Talente, dreißig giebt Photius an; das Geschenk berechnet Dinarch auf zwanzig Talente; die Strafe des Fünffachen würde hundert Talente geben; doch wäre nach Dinarch p. 163. das Zehnfache zu erwarten. — 86) Plutarch. Dem.87) Demosth. ep. 3. p. 643.

 

535 der unmittelbare Ausdruck der öffentlichen Meinung, hatten allerdings das Wort der Ankläger gar wohl beachtet, daß sie über die Angeklagten, ein Anderer aber über sie urtheilen werde, und daß es des Aufsehens wegen wünschenswerth sei, berühmte Männer zu strafen; sie hatten ohne alle Rücksicht und nicht ohne übereilte Strenge verdammt, und so dem Könige mit dem Rechte jener Forderung gleichsam das Recht des Forderns zugestanden. Der große Gegner der Macedonischen Monarchie mußte die Heimath meiden, mit ihm sank die Stütze der alt demokratischen Parthei und ihrer Traditionen; in Philokles verlor der Staat einen Feldherrn, der wenigstens oft genug zu diesem wichtigen Amte vom Volke erwählt worden war. Dagegen blieb Demades trotz seiner Verurtheilung 88), und sein Einfluß herrschte um so

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88) Demades war allerdings im Harpalischen Prozeß verurtheilt, Dinarch. p. 182.; derselbe sagt p. 175., Demades habe offen erklärt, daß er Geld genommen und künftig nehmen werde, aber zugleich nicht gewagt, sich persönlich vor Gericht zu stellen, (αὐτοῖς δεῖξαι τὸ πρόσωπον) noch der Anzeige des Areopags gegenüber sich weiter zu vertheidigen. Er hatte der Untersuchung gemäß sechstausend Stateren (hundert Talente) empfangen; mochte er so reich sein, daß er einst gegen das Gesetz hundert fremde Tänzerinnen auf die Bühne führen und für jede das gesetzliche Strafgeld von tausend Drachmen gleich mitbringen konnte, so mußte ihn doch die für Bestechungen gesetzliche Strafe des Fünf- oder gar Zehnfachen vollkommen zu Grunde richten; er hätte, wenn er nicht zahlen konnte, ins Gefängniß gehen müssen. Statt dessen findet man ihn sechs Monate später bei der Nachricht vom Tode Alexanders auf der Rednerbühne, Plutarch Phoc. 22.; vielleicht daß ihm, aus Rücksicht auf Alexander und auf dessen Verwendung, vom Volke, etwa wie dem Laches dem Sohn des Melanopus (Demosth. ep. III. p. 642) die Strafe erlassen worden; erst nach Alexanders Tode bricht sein Ansehen zusammen, wegen drei oder gar sieben Paranomien (Diodor. XVIII. 18., Plutarch. Phoc. 26.) wurde er verurtheilt, und, da er nicht zahlen konnte, ἄτιμος. Unter diesen Paranomien wird wohl die zur Vergötterung Alexanders eine Hauptstelle eingenommen haben; zehn Talente dafür, wie Athenäus angiebt, wären ihm zu zahlen leicht geworden; die hundert Talente bei Ae-

 

536 sicherer, je unbedeutender, besorglicher oder gewissenloser die Männer waren, die nach jenen Prozessen an der Leitung des Volks Theil nahmen; die Politik Athens wurde noch mehr als früher schwankend und bald unterwürfig. Man hatte den Verbannten die Heimkehr geweigert, man fürchtete fort und fort, daß sie von Megara aus und gestützt auf des Königs Amnestie die Attische Grenze überschreiten würden; dennoch geschah zum Schutz der Stadt nichts, als daß eine Theorengesandtschaft an den König dekretirt wurde, die ihn um die Erlaubniß, die Verbannten nicht aufzunehmen, bitten sollte, eine Maaßregel, die wenigstens im Interesse der Attischen Freiheit vollkommen ungeschickt war, da der Staat einer Seits seine Willensmeinung, bei der Bestimmung des Korinthischen Bundes zu bleiben, bereits kund gegeben hatte, anderer Seits des Königs abschlägige Antwort nur zu gewiß vorauszusehen war 89).

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lian kommen der Wahrscheinlichkeit näher. — 89) Lykurg war bereits vor den Harpalischen Prozessen gestorben (Plutarch. X Orat. Hyperid. cf. Böckh’s Staatshaushalt II. p. 244.). Ueber die politische Lage Athens in dieser und der nächstfolgenden Zeit hat Grauert in seinen Analekten das Ueberlieferte mit glücklicher Sorgfalt zusammen gestellt; indeß ist der gelehrte Forscher durch seine politische Ansicht, zu der ich mich nicht bekennen kann, bisweilen zu kleinen Ungenauigkeiten veranlaßt, die ich bezeichnen muß, um nicht eben so ungerecht gegen Athen zu scheinen, wie er es gegen Alexander ist. Namentlich meint er, daß Athen schon jetzt in heimliche Unterhandlungen mit den Söldnerschaaren auf Tänarum getreten und mit den Waffen in der Hand sich dem Macedonischen Einfluß zu widersetzen Willens gewesen sei; er läßt vermuthen, daß Hyperides diese Verhandlungen leitete. Allerdings ist bei Photius p. 459. b. 34. statt συνεβούλευσε καὶ τὸ ἐπὸ Ταίναρον ξενικὸν διαλῦσαι aus Plutarch. X. Orat. Hyp. zu schreiben μὴ διαλῦσαι, aber eben daher sieht man, daß dieses in früherer Zeit und aus Freundschaft zu Chares, nicht zu Leosthenes geschehen sei; jene Unterhandlungen und heimliche Rüstungen begannen μήπου καλῶς ἐγνωσμένης τῆς Ἀλεξάνδρου τελευτῆς, Diodor XVIII. 9.; erst bei der sicheren Nachricht vom Tode des Königs erfolgten die

 

537 So offenbarte sich in der Haltungslosigkeit und Besorglichkeit der Athenischen Demokratie auf das Unzweideutigste ihre Unfähigkeit, der unendlich überlegenen Macht Alexanders gegenüber, auch nur den äußeren Schein einer Selbstständigkeit zu behaupten, die nicht mehr im Sinne der Zeit war; mit Athen war die Demokratie, wie sie bisher im Leben der Hellenischen Völker vorgeherrscht hette, moralisch vernichtet; und wenn jetzt Athen sich dem höheren monarchischen Einfluß, wie ihn das neue Hellenistische Königthum geltend machte, zu fügen beginnen mußte, so war der letzte Anhalt, den die alt demokratische Parthei in Griechenland bisher noch gehabt hatte, zerstört, und die letzte politische Schwierigkeit, die den Tendenzen der neuen Zeit noch im Wege stand, hinweggeräumt; fortan mußte sich Griechenland in ähnlicher Weise, wie die Länder Asiens, zum Königthum Alexanders verhalten. Dieses Verhältniß war kein anderes, als das einer relativ freien, in ihren Gesetzen, Rechten und Gewohnheiten anerkannten Volksthümlichkeit, die fortan ihre Einheit in jenem Königthume fand, und die frühere souveräne Freiheit einzelner Staaten, wie sie sich bis zur unseligsten Zersplitterung geltend gemacht hatte, unter der allgemeinen Souveränität eines Königthums zu städtischen Freiheiten umbildete.

Es liegt außer dem Bereich dieser Darstellung, zu bezeichnen, wie weit sich diese Umgestaltung des Hellenischen Lebens, der

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Geld- und Waffensendungen von Athen aus (l. c.), die derselbe Diodor XVII. 111. schon einmal erwähnt hat. Dasselbe würde sich auch von selbst verstehen, wenn man die Folgen des Harpalischen Prozesses bedenkt; Demades leitete den Staat, Hyperides, zu aller Zeit schwankend und ohne politischen Muth, war seit Jahr und Tag dem Demosthenes und seiner Parthei entfremdet, Phocion war selbst nach Alexanders Tode gegen den Krieg; wer also hätte jene Verhandlungen beantragen und leiten sollen, wer unter den Augen des Demades und bei der besorglichen Stimmung der Athener, wie sie der große Prozeß offenbarte, solchen Vorschlag beim Volke oder im Rathe zu machen gewagt, zumal da die wohlhabende Klasse in Athen (die κτεματικοὶ bei Diodor l. c.) auch späterhin dem Kriege entschieden abgeneigt war?

 

538 Alexander durch seinen zu frühen Tod entrissen werden sollte, durchgebildet hat; jedenfalls muß sie ein großer und der letzte Fortschritt in der Geschichte der Hellenischen Freiheit, die mit ihm dem Principe nach unterging, genannt werden. Sie gab ein wesentliches Element zu einer neuen und höheren Gestaltung des Staatslebens, zu einer Monarchie, die von dem morgenländischen Despotismus die Majestät das Thrones, von der einst demokratischen Freiheit die Berechtigung und die persönliche Selbstständigkeit der Beherrschten überkam. Mit Alexander errang das Staatsleben diese höhere Gestaltung, die, in den Hellenischen Sagen vorgedeutet, im Macedonischen Königthum auf unentwickelte Weise überliefert, erst jetzt mit dem Sturze der Asiatischen Despotie und der demokratischen Freiheit zum historischen Bewußtsein ward. Das Reich Alexanders ist der erste Versuch eines monarchischen Organismus, wie ihn bisher weder das Morgenland, noch die Theorien Hellenischer Philosophen geahnet hatten. Und wenn dieser erste Versuch noch beschränkt und mangelhaft gewesen, wenn das Neue selbst noch despotisch in der Person Alexanders aufgetreten ist, so darf man weder vergessen, daß in der Vollendung dieses Systems selbst die Geschichte unserer Gegenwart noch immer ihre höchste Arbeit findet, noch auch verkennen, was es heißt, daß den verknechteten Völkern Asiens ihre Nationalität, dem zerrissenen Leben Griechenlands Friede und Einheit zurückgegeben worden, daß die Völker, sonst rechtlos der Willkühr des Despoten gegenüber, fortan Recht und Anerkennung, und die Staaten, sonst herrenlos ihrer eigenen Willkühr Preis gegeben, einen Herren erhielten. Von Alexander her datiren die Anfänge einer Entwickelung, die allein das große Problem eines wahrhaft staatlichen Lebens zu lösen vermag; und selbst in den Hellenistischen Reichen hat sich trotz der furchtbaren Entartung, der sie bald verfallen sind, eine verfassungsmäßige Isegorie der sogenannten Macedonier, Selbstständigkeit und Berechtigung der barbarischen Unterthanen, gleiches Recht und Gesetz für Alle, mindestens der Form nach, erhalten.

Wie großartig und einflußreich die organisirende Thätigkeit Alexanders für sein Reich und für die Förderung seiner Völker gewesen ist, das läßt sich mehr voraussetzen als nachweisen; nur 539 einzelne große Züge sind überliefert, von denen man weitere Schlüsse zu machen befugt ist. Die unendliche Bewegung, die durch seine Heereszüge über das ganze Asien gekommen war, die unberechenbaren Folgen, welche die unmittelbare Berührung der bis dahin geschiedenen Völker haben mußte, der ungeheuere Umschwung, den alle menschliche Verhältnisse, den Kunst und Wissenschaft, Handel und Gewerbe erfuhren, das Alles konnte erst in den nächstfolgenden Zeiten vollständig erkannt werden, und die Geschichte derselben versäumt es nicht, die staunenswürdigsten Beweise dafür zu liefern; hier gilt es besonders die Punkte aufzuweisen, von denen jene großen Wirkungen ausgegangen sind.

An die Spitze verdient die Umwälzung, die durch Alexander die Verbreitung des edlen Metalls erfahren hat, gestellt zu werden 90). Man darf mehrere hundert Millionen baares Geld rechnen, welche bisher in den Schatzhäusern des Großkönigs aufgehäuft gelegen hatten, und jetzt im Verlauf weniger Jahre dem Verkehr der Völker zurück gegeben wurden. Schon hierdurch allein mußte das Königthum, von welchem immer neue Reichthümer, wie das Blut vom Herzen her, ausströmten, und durch den neuerwachenden Handel und Verkehr in immer rascherer Circulation durch die lange erstorbenen Glieder des Reiches verbreitet wurden, einen positiven und durchgreifenden Einfluß auf das Leben der Völker gewinnen, dessen Kraft das Persische Königthum vampyrartig ausgesogen hatte. Es darf nicht dagegen eingewendet werden, daß Griechenland und namentlich Athen, trotz der ungeheueren Reichthümer Einzelner, seit dieser Zeit zu verarmen begann; das geschichtliche Leben, das sonst, auf jener Scholle Land zusammengedrängt, geistige und irdische Güter in reichster Fülle entwickelt hatte, ward jetzt über eine Welt vertheilt; überdieß mußte mit der größeren Masse des circulirenden Geldes der Werth desselben fallen; endlich war wenigstens seit den letzten funfzig Jahren das meiste edle Metall durch Persische Hülfsgelder, durch Macedonische Bestechungen, durch die unzähligen, aus Asien heimkehrenden

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90) cf. Athen. VI. p. 231. e.

 

540 Söldner nach Griechenland gebracht; das Alles hörte jetzt auf oder verringerte sich auf unverhältnißmäßige Weise.

Nicht minder beachtenswerth ist die Art, wie Alexander die ungeheueren Schätze, die er vorfand, verwendete. Durch den Sold der Truppen, die sich theils als Besatzungen in den einzelnen Satrapien befanden, theils im activen Dienste von Land zu Land zogen, mußte in die meisten Landschaften, die sonst nur gezahlt hatten, von Neuem Geld und Wohlhabenheit kommen, da sich nach einem mäßigen Ueberschlage der Sold allein jährlich auf sieben Millionen unseres Geldes berechnen läßt. Die ungeheuere Verschwendung des früheren Persischen Hoflagers war besonders dadurch drückend gewesen, daß sie zum größten Theil mit Naturallieferungen bestritten wurde; diese hob Alexander gänzlich auf, ohne darum eine kärgliche Hofhaltung einzuführen; und in demselben Maaße, wie früher des Großkönigs Anwesenheit eine Stadt oder Landschaft aussog, gewann sie jetzt durch den Aufenthalt des königlichen Hoflagers. Die Pracht, mit der sich der König namentlich in der letzten Zeit umgab, mußte nicht minder zur Förderung des Verkehrs und Wohlstandes dienen; und wenn erzählt wird, daß er, um sein ganzes Hofgesinde in Purpur zu kleiden, den Befehl nach Jonien sandte, allen Vorrath an Purpurstoffen daselbst aufzukaufen, so ist dies ein Fall von hunderten, wie des Hofes großartige Pracht dem Lande zum Besten gereichte. Dem Beispiele des Königs folgten mehr oder minder seine Großen, und was man auch von ihrer ost unsinnigen Verschwendung sagen mag, jedenfalls mußte dieselbe dem Handel und Gewerbe höchst förderlich sein. Durch reiche Schenkungen, die mehr als Ein Mal ein Talent für den Mann betrugen, sorgte der König dafür, daß auch die Truppen und namentlich die entlassenen Veteranen bequem leben konnten; und wenn sie dennoch mehr verbrauchten als sie hatten, so bezahlte der König mit beispielloser Freigebigkeit ihre Schulden. Mit wie königlichem Sinn Alexander seine Geldmittel zur Förderung von Kunst und Wissenschaft verwandte, ist allgemein bekannt; und wenn es heißt, daß Aristoteles Behufs seiner naturhistorischen Studien die Summe von achthundert Talenten zu seiner Disposition erhielt, so würde man 541 an der Wahrheit dieser Angabe zu zweifeln geneigt sein, würde sie nicht durch den Umfang seiner Leistungen bestätigt 91).

Nach einer alten Ueberlieferung fand man bei dem Tode Alexanders funfzigtausend Talente in dem öffentlichen Schatze 92); bedenkt man, was dem Könige bei seiner Rückkehr aus Indien die neue Organisation und Bewaffnung seines Heeres kosten mußte, bedenkt man die Schuldentilgung und die Geschenke an die heimkehrenden Veteranen, die großen Bauten, die namentlich damals unternommen wurden, so die Wiederherstellung des Kanalsystems von Chaldäa, die Aufräumung der Abzugsgräden vom Copaissee 93), die zehntausend Talente, die auf den Scheiterhaufen des Hephästion verwendet, die zehntausend Talente, die nach Griechenland zum Wiederaufbau der verfallenen Tempel gesandt wurden 94), bedenkt man ferner die großen Festlichkeiten, die sich mehrfach wiederholten, und zu deren Verherrlichung Griechische Künstler bei Tausenden angenommen wurden, endlich die höchst ausgedehnten Rüstungen zur See und zu Lande, die das letzte Lebensjahr des Königs ausfüllten, so muß man gestehen, daß das Alles zu bestreiten die Persischen Schätze, wie groß man sie sich auch denken mag, nicht hinreichten, ja daß es bei einer jährlichen Staatseinnahme von siebzigtausend Talenten 95) immer noch einer umsichtigen und wohlgeordneten Verwaltung bedurfte, um bei solchen Ausgaben noch einen so bedeutenden Schatz zu erübrigen.

Leider sind über diesen Punkt wenige Nachrichten auf uns gekommen, und die wenigen beschränken sich auf Angaben einzelner drückender Maaßregeln, wie sie sich in großen Monarchien und in bewegten Zeiten stets vorfinden werden; namentlich gehören dahin die Berichte über die Finanzoperationen des Satrapen Kleomenes in Aegypten, des Philoxenus in Carien und des Antimenes in Babylon 96). Philoxenus forderte von den Reichsten seiner Statthalterschaft die Liturgien zu einem Bachusfeste,

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91) Stahr Aristot. II. p. 116. cf. Plutarch. de fort. Alex. I. — 92) Justin. XIII. l. c. intpp.93) O. Müller Orchomenos p. 57. — 94) Plutarch de fort. Alex. II. — 95) Justin. l. c.96) Aristot. Oecon. II. p. 1352. sq.

 

542 und gestattete denselben, sich durch baares Geld frei zu kaufen; er wiederholte bei minder Begüterten dasselbe, bis er so viel Geld, als er brauchte, zusammen hatte. Kleomenes vermehrte die Einkünfte seiner Satrapie durch höheren Zoll der Getraideausfuhr, wenn im Auslande Mangel war, durch Aufkauf alles vorräthigen Getraides, das er dann mit einem Mehrpreise feil bot 97), durch eine Abgabe auf heilige Krokodille, so wie auf die unverhältnißmäßige Zahl von Opfern, Priestern und Tempeln in seinem Lande. Antimenes endlich erneuete den aus der Gewohnheit gekommenen Einfuhrzoll von zehn Prozent auf Alles, was nach Babylon einkam; zugleich stiftete er eine Sklavenassecuranz, die gegen zehn Drachmen jährlichen Beitrag für den Kopf, jedem Herrn, dem ein Sklave entlief, die Zurücklieferung desselben oder die Erstattung seines Werthes versicherte. Alle diese Maaßregeln unterscheiden sich von ähnlichen in den heutigen Monarchien nur dadurch, daß sie nicht allgemein und nicht Ausfluß einer höchsten gesetzgebenden Gewalt waren; sie zeigen die Versuche monarchischer Organisation in ihrer ersten Kindheit; sie haben vor den Maaßregeln der Persischen Verwaltung das voraus, daß sie stets noch einen Schein der Gesetzlichkeit bewahren, während die früheren Satrapen nach Willkühr brandschatzten und plünderten; daß dieses auch von Beamten Alexanders und namentlich während seines Zuges nach Indien geschehen, ist nicht zu leugnen, aber eben so gewiß ist, daß Verbrechen dieser Art mit der strengsten Gerechtigkeit bestraft wurden.

Wie die Administration gegliedert und geordnet war, ist nicht genau zu erkennen; jedenfalls war sie nach dem Herkommen in den einzelnen Landschaften vielfach modificirt, und nach der allgemeinen Norm des neuen Königthums darf man annehmen, daß eine gleichmäßige Einheit zunächst nur in den höchsten Sphären festgehalten war, welche weiter und weiter in das Leben der Völker einzubilden der Zeit überlassen blieb. Die unzweideutige Anhänglichkeit und Ergebenheit der Asiaten für Alexander wäre schon Beweis genug, daß in demselben Maaße, als sie sich unter seinem Scepter glücklicher fühlten, wie unter dem Joche der Persischen

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97) Demosth. in Dionys. p. 491.

 

543 Großkönige, für ihre materiellen Interessen jetzt mehr als früher gesorgt war; und es giebt ausdrückliche Zeugnisse, daß in den nächsten Jahrzehnten die Völker Alexanders Regierung als die Zeit ihres Glückes und einer milden Herrschaft priesen 98). Bedenkt man, daß funfzig Jahre später das Aegyptische Reich allein fast halb so viel Einkünfte rechnete, als die ganze Monarchie Alexanders 99), und daß Kleomenes, unter Alexanders Satrapen der am meisten verschriene, während seiner achtjährigen Verwaltung nicht mehr als achttausend Talente zusammengescharrt hatte, welche während der vielgerühmten Regierung des ersten Lagiden, in vierzig durch viele kostspielige Kriege ausgezeichneten Jahren, fast genau um das Hundertfache vermehrt waren 100), so wird man behaupten dürfen, daß Alexanders Verwaltungssystem, wenigstens im Verhältniß zu dem Persischen und zu dem der Hellenistischen Fürsten, um der Römer nicht zu erwähnen, milde und für die Völker förderlich gewesen sei.

Bereits oben ist angeführt worden, wie unter Alexanders Regierung Alles zusammen wirkte, die Betriebsamkeit und den Verkehr der Völker neu zu beleben und zum Theil erst zu erwecken; vielleicht nie wieder ist von dem persönlichen Einfluß eines Mannes eine so ungeheuere und so plötzliche Umgestaltung aller hierauf bezüglichen Verhältnisse ausgegangen; sie war nicht das glückliche Ergebniß zusammentreffender Zufälligkeiten, sondern von dem Könige bezweckt und mit bewußter Consequenz durchgeführt. Denn wenn ein Mal die Völker Asiens aufgerüttelt waren, wenn der Westen die Genüsse des Ostens, der Osten die Künste des Westens kennen und bedürfen gelernt hatte, wenn die Abendländer, die in Indien oder Baktrien geblieben, die Asiaten, die aus allen Satrapien am Hofe versammelt waren, des Heimischen in der Fremde nur um so mehr begehrten, wenn das Durchein-

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98) Plutarch. apophth.; derselbe sagt in dem ersten Aufsatze über das Glück Alexanders: er durchzog Asien nicht Banditenmäßig, noch war er Willens, es als einen Raub oder als die Beute eines unverhofften Glückes zu zerreißen oder zu zerfleischen. — 99) Hieronymus in Daniel. IX. 8. — 100) Appian praof. 10.

 

544ander der verschiedensten Lebensweisen und Bedürfnisse, wie es sich zur höchsten Pracht gesteigert am Königshofe fand, in den Satrapien, in den Häusern der Vornehmen, in allen Kreisen des Lebens mehr oder minder zur herrschenden Mode werden mußte, so ergab sich unmittelbar das Bedürfniß eines großen und durchgreifenden Handelsverkehres, und es kam vor Allem darauf an, demselben die sichersten und bequemsten Straßen zu öffnen, und ihm in einer Reihe bedeutender Centralpunkte Ordnung und Stätigkeit zu geben. Diese Rücksicht hat Alexander von Anfang an bei seinen Gründungen und Colonisirungen im Auge gehabt, und die meisten seiner Städte sind bis auf den heutigen Tag die bedeutendsten Emporien Asiens; nur daß heute die Karavanenzüge räuberischen Ueberfällen und willkührlichen Bedrückungen der Gewalthaber ausgesetzt sind, während in Alexanders Reiche die Straßen gesichert, die Räuberstämme der Gebirge und der Wüsten geschreckt oder zur Ansiedelung genöthigt, die königlichen Beamten zur Förderung und Sicherung des Verkehrs verpflichtet und bereit waren. Auch die Kauffahrtei auf dem Mittelmeere wuchs außerordentlich, und schon jetzt begann das Aegyptische Alexandrien Mittelpunkt des mittelländischen Verkehrs zu werden, der durch des Königs Bemühungen bald vor den Seeräubereien Italischer Barbaren geschützt wurde. Besonders wichtig aber war die unermüdliche Sorgfalt, mit der Alexander neue maritime Verbindungen zu eröffnen suchte; schon war es ihm gelungen, einen Seeweg vom Indus zum Euphrat und Tigris zu finden; die Gründung Hellenistischer Hafenstädte an den Mündungen dieser Ströme fixirte den Verkehr auf dieser Seite; was Alexander that, denselben in Aufnahme zu bringen, und dem Inneren des Aramäischen Tieflandes mit den Strommündungen in ähnlicher Weise, wie den Indusmündungen mit den oberen Induslandschaften, unmittelbare Handelsverbindung zu gewähren, wie er die Auffindung eines weiteren Seeweges vom Persischen Meerbusen aus um die Halbinsel Arabien bis in das rothe Meer und die Nähe von Alexandrien projektirte, wie er Heer- und Handelsstraßen vom Aegyptischen Alexandrien aus, abendwärts an der Südküste des Mittelmeeres entlang zu führen beabsichtigte, wie er end545lich in der Hoffnung, eine Verbindung des Kaspischen Meeres mit dem nördlichen und weiter dem Indischen Ocean aufzufinden, in den Hyrkanischen Wäldern Schisfe zu bauen anordnete, davon wird demnächst in der Geschichte seines letzten Lebensjahres, welches ganz diesen Rüstungen und der ausgedehntesten Organisation gewidmet ist, die Rede sein. Wenn auch über die Zerrüttung der nächstfolgenden Zeit Manches von diesen Plänen unausgeführt geblieben, manches bereits ins Werk Gesetzte wiederum aufgegeben worden ist, so bleibt doch so viel gewiß, daß die neue Gestalt, welche Handel und Gewerbe durch Alexander gewonnen, zur Hellenisirung des Asiatischen Westens außerordentlich viel beigetragen hat.

Ein anderer Hauptpunkt, für die Umgestaltung der Weltverhältnisse und für die Entwickelungsgeschichte der Menschheit vielleicht der wichtigste, ist die von Alexander bezweckte und begründete Völkermischung. Von den Mitteln, deren sich der König bediente, um dieses größeste Werk seines großen Lebens zu vollbringen, von den Schwierigkeiten und Gefahren, denen er deshalb zu begegnen hatte, von den ersten Gestaltungen, in denen dieß Princip einer neuen Weltepoche auftrat, ist im Verlaufe dieser Geschichte mehrfach die Rede gewesen. In einer Zeit von zehn Jahren war eine Welt entdeckt und erobert worden, waren Millionen für den Thron eines Fremdlings gewonnen und mit dem Geiste eines fremden Welttheils neu belebt worden, waren die Schranken gefallen, die Morgen- und Abendland schieden, und die Wege geöffnet, die fortan die Länder des Aufganges und Niederganges mit einander vereinen sollten. Ein alter Schriftsteller sagt: wie in einem Becher der Liebe waren die Elemente alles Völkerlebens in einander gemischt, und die Völker tranken gemeinsam aus diesem Becher, und vergaßen der alten Feindschaft und der eigenen Ohnmacht. Olympias Traum war erfüllt, die Flamme ihres Schooßes, von der sie in der Brautnacht geträumt, hatte die Länder der Welt entzündet, und in eine Feuersbrunst alle Vergangenheit, alle Schranke niedergebrannt, daß der Feuerschein bis in die Wüsteneien des Nordens und in die stillen Wälder des Ganges wiederleuchtete.

Die Elemente, die Alexander mit einander vereinte, sind in 546 ihren letzten Formen die brennende Lebendigkeit des Griechenthums, den es an Stoff, die erstorbenen Massen des Asiatischen Völkerthums, dem es an Leben gebrach; Beide bedurften einander; nun endlich sättigte sich Hellas an der Ueberfülle Asiens und Alexander vollendete das große Werk, das Dionysos den Hellenen begonnen; nun endlich trank Asien in vollen Zügen von dem Hellenischen Geiste und das schlummernde Leben der Völker erwachte geläuterter.

Dies ist der Ort nicht, darzustellen, zu welchen Folgen sich jene Vermischung der Völker entwickelt hat; sie sind die Geschichte der nächsten Jahrhunderte; aber schon lassen sich die neuen Keime deutlich erkennen, die sich in Kunst, Wissenschaft und Religion, in allem menschlichen Erkennen und Wollen von dieser Zeit an immer reicher entfaltet haben. Die Hellenische Kunst bereichert sich mit Asiatischer Pracht, sie beginnt die stille Größe harmonischer Verhältnisse zu der stolzen Herrlichkeit gewaltiger Massen zu steigern, und den feierlichen Ernst ihrer Plastik mit allem schwelgerischen Schmuck des Morgenlandes zu umkleiden; die düstere Pracht der Aegyptischen Tempel, die phantastischen Felsenbauten von Persopolis, die Riesentrümmer von Babylon, die Indischen Prachtbauten mit ihren Schlangenidolen und den lagernden Elephanten unter den Säulen, das Alles wird dem Hellenischen Künstler, mit den Traditionen seiner heimathlichen Kunst vermischt, ein reicher Schatz neuer Anschauungen und Entwürfe; so entstand jener Riesenplan des Dinokrates, den Berg Athos zu einer Statue Alexanders auszumeißeln, deren eine Hand eine Stadt von zehntausend Einwohnern tragen, die Andere einen Bergstrom in mächtigen Katarakten in das Meer hinabgießen sollte; so jener Plan Alexanders, dem Gedächtniß seines Vaters Philipp eine Pyramide, der höchsten Aegyptischen gleich, zu errichten. Auch die poetische Kunst versuchte es, an diesem neuen Leben Antheil zu gewinnen; aber erstorben wie sie schon war, hat sie es nicht mehr vermocht, die Farbenpracht Persischer Mährchen oder die überirdische Feierlichkeit monotheistischer Psalmen und Prophetien in sich aufzunehmen; sie kehrte schnell zur blinden Nachahmung ihrer classischen Zeit zurück und überließ es dem Morgenlande, die Erinnerung an den gemeinsanen Helden Iskander in tausend Sagen und Gesän547gen von Geschlecht zu Geschlecht zu vererben. Unter den redenden Künsten der Hellenen konnte nur die jüngste, die noch frisch und lebendig unter den Zeitgenossen blühte, des Neuen theilhaftig werden, und die sogenannte Asianische Beredsamkeit, blühend und überreich an Schmuck, ist ein charakteristisches Erzeugniß dieser Zeit.

Desto größer war die Umgestaltung, welche sich in den Wissenschaften kund zu thun begann. Durch Aristoteles war jener großartige Empirismus ins Leben gerufen, dessen die Wissenschaft bedurfte, um des ungeheueren Vorrathes von neuem Stoff, den Alexanders Züge jedem Zweige des menschlichen Erkennens eroberten, Herr zu werden. Der König, selbst Schüler des Aristoteles, und mit Allem, was die Studien Hellenischer Aerzte, Philosophen und Rhetoren bisher geleistet hatten, sehr vertraut, bewahrte, dem Helden unserer Zeit darin gleich, stets das lebendigste Interesse für dieselben; ihn begleiteten auf seinen Zügen Männer von allen Fächern der Wissenschaft; sie beobachteten, sie forschten, sie vermaaßen die neuen Länder und die Hauptstraßen in denselben, sie entwarfen Karten des Reichs für das Archiv des Königs. Ebenso begann für die geschichtlichen Studien eine neue Epoche; man konnte jetzt an Ort und Stelle forschen, konnte die Sagen der Völker mit ihren Denkmalen, ihre Schicksale mit ihren Sitten vergleichen, und trotz der unzähligen Irrthümer und Mährchen, welche durch die sogenannten Schriftsteller Alexanders verbreitet wurden, ist doch erst mit dieser Zeit eine wahrhafte Geschichtsforschung ins Leben getreten. In mancher Beziehung konnte der Grieche unmittelbar von dem Morgenländer lernen, und die große Tradition astronomischer Beobachtungen in Babylon, die bedeutende Arzeneikunde, die im Indischen Lande gewesen zu sein scheint, die eigenthümlichen Kenntnisse der Anatomie und Mechanik unter den Priestern Aegyptens mochten dem Griechen vielfach Neues darbieten. Die eigenthümliche Entwickelung des Griechischen Geistes hatte bisher die Philosophie als den Inbegriff alles Wissens dargestellt; jetzt emancipirten sich die einzelnen Richtungen des Erkennens, die exacten Wissenschaften begannen sich, auf selbstständige Emperie gestützt, zu entfalten, während die Philosophie, uneins über das Verhältniß des Denkens zur Wirklichkeit, 548 bald die Erscheinungen für die Gedanken, bald die Erkenntniß für die Erscheinungen unzulänglich nannte.

Es liegt in der Natur der Sache, daß die Umgestaltung des Völkerlebens in sittlicher, socialer und religiöser Beziehung langsamer und bis auf einzelne Eruptionen unmerklich vor sich gehen mußte; und wenn sich gegen das Neue, welches unter Alexanders Regiment natürlicher Weise zu plötzlich, zu unvorbereitet, fast gewaltsam ins Leben gerufen war, mit seinem Tode eine Reaction hervorthat, welche in den dreißig Jahren der Diadochenkämpfe bald dieser, bald jener Parthei beitrat, so war das Resultat kein anderes, als daß das Neue endlich zur Gewohnheit ward, und, nach den volksthümlichen Verschiedenheiten modificirt, solche Formen annahm, in die sich das Leben der Völker fortan ruhig und friedlich hineinbilden konnte. Auf ein allmähliges Verschwinden nationaler Vorurtheile, auf eine gegenseitige Annäherung in Bedürfnissen, Sitten und Ansichten, auf ein positives und unmittelbares Verhalten der sonst entzweiten Volksthümlichkeiten gründete sich ein vollkommen neues geselliges Leben; und wie etwa in neuer Zeit der Gebrauch der französischen Sprache und der Frack die Einheit der civilisirten Welt bekundet, so hat sich in jener Hellenistischen Zeit und, ich zweifele nicht, unter ähnlichen Formen eine Weltbildung durchgearbeitet, die am Nil und Jaxartes dieselben conventionellen Formen als die der guten Gesellschaft, der gebildeten Welt geltend machte. Attische Sprache und Sitte war die Richtschnur der Höfe von Alexandria und Babylon, von Baktra und Pergamum gewesen, und als der Hellenismus seine politische Selbstständigkeit dem Römischen Staate gegenüber verlor, begann er in Rom die Herrschaft der Mode und Bildung zu gewinnen. So darf man den Hellenismus mit Recht die erste Welteinheit nennen; während das Achämenidenreich nichts als ein äußerliches Agregat von Ländermassen war, deren Bevölkerungen nur die gleiche Knechtschaft mit einander gemein hatten, blieb in den Ländern des Hellenismus, selbst als sie zu verschiedenen Reichen zerfielen, die höhere Einheit der Mode, des guten Tons, der Bildung, oder wie man sonst dieses stets wechselnde Niveau der menschlichen Gesellschaften nennen will.

Auf die sittlichen Zustände der Völker haben politische Ver549änderungen stets um so größeren Einfluß, je näher und unmittelbarer das Verhältniß eines Volkes zum Staat ist. Derselbe Mangel an geschichtlicher Durchbildung, welcher den Völkern Asiens bisher eine höhere staatliche Existenz unmöglich gemacht hatte, ließ sie zunächst und zum guten Theil von der neuen Bewegung der Gedanken unberührt; und wenn sich Alexander vielfach ihrem Herkommen und ihren Vorurtheilen gefügt hatte, so zeigt das, auf welchem Wege allein es möglich war, sie allmählich über sich selbst hinauszuführen. Natürlich war der Erfolg dieser Bemühungen je nach dem Charakter der verschiedenen Völker sehr verschieden; und während unter den Hyrkaniern und Gedrosiern kaum noch die ersten Anfänge Wurzel fassen mochten, hatte der Aegyptier schon seinen Abscheu gegen die kastenlosen Fremdlinge, der Phönicier seinen engherzigen Kaufmannsstolz zu verlernen begonnen. Dennoch konnte erst die Geschichte der Folgezeit zeigen, wie sich überall eine neue und analoge Weise zu sein, zu denken und zu handeln durcharbeitete; dies um so mehr, da den meisten alt Asiatischen Völkern die substantielle Grundlage ihrer Moral, ihrer persönlichen und rechtlichen Verhältnisse, welche der Grieche jener Zeit nur als Gewohnheit, Tradition oder bürgerliches Gesetz kannte, in der Religion enthalten war und erst mit dieser erschüttert und umgewandelt werden konnte. Die Völker Asiens aufzuklären, ihnen die Fesseln der Superstition, der unfreien Frömmigkeit, zu zerreißen, ihnen das Wollen und Können selbstischer Verständigkeit zu erwecken und zu allen guten und bösen Consequenzen zu steigern, kurz sie für das geschichtliche Leben zu emancipiren, das war die Arbeit, welche der Hellenismus in Asien zu vollbringen versucht und zum Theil, wenn auch erst spät, vollbracht hat. – Desto schneller und entschiedener ist die Umgestaltung der sittlichen Zustände in dem Macedonischen und Griechischen Volksthum hervorgetreten. Beiden gemeinsam ist seit Alexanders Zeit der Hang zum Ueberspannten, das Hingeben an die Gegenwart des krasseste Egoismus; und doch, wie verschieden sind sie in jeder Beziehung. Der Macedonier, vor drei Jahrzehnten noch von bäurischer Einfalt, an der Scholle haftend und in dem gleichgültigen Einerlei seiner armen Heimath glücklich, denkt jetzt nichts als Ruhm, Macht und Kampf; er fühlt sich Herr einer neuen 550 neuen [sic] Welt, die er stolzer ist zu verachten als erobert zu haben; aus den unablässigen Kriegszügen Alexanders hat er jenes trotzige Selbstgefühl, jenen kalten militärischen Stolz, jene Geringschätzung der Gefahr und des eigenen Lebens heimgebracht, wie ihn die Zeit der Diadochen oft genug in der Karikatur zeigt; und wenn eine große geschichtliche Vergangenheit das Leben und die Physionomie der Völker durchgeistigt und bedeutsam macht, so ist dem Antlitz des Macedoniers in den Narben des zwölfjährigen morgenländischen Krieges, in den Stirnfurchen vieler Strapazen und durchkämpften Gefahren, in den Spuren der Entbehrungen und Ausschweifungen aller Art das Gepräge einer kurzen aber großen geschichtlichen Arbeit aufgedrückt. Anders der Grieche; seine Zeit ist vorüber; weder von dem Drange zu neuen Thaten noch von dem Bewußtsein politischer Macht gehoben, sonnt er sich in dem Glanze großer Erinnerungen; ruhmgierig und genußsüchtig, wie er ist, liebt er minder Ruhm als Prahlerei, minder Genuß als dessen grellsten Wechsel; leichtsinnig bis zur Fieberhaftigkeit, aller Innerlichkeit leer, ohne Haltung und Wollen, ohne Tugend und Religion, geht das Griechenthum in jene geistreiche, pikante, zerfressende Verworfenheit über, welche stets das letzte Stadium in dem Leben der Völker bezeichnet; alles Positive, selbß das Gefühl der eigenen Erniedrigung ist vertilgt, das Werk der Aufklärung hat sich vollbracht.

Man darf behaupten, daß durch diese Aufklärung, so widrig und nivellirend sie im Einzelnen erscheint, die Kraft des Heidenthums gebrochen und eine geistigere Entwickelung der Religion möglich geworden ist. Nichts ist in dieser Beziehung förderlicher gewesen, als jene sonderbare Erscheinung der Göttermischung, der Theokrasie, an der in den nächstfolgenden Jahrhunderten alle Völker des Hellenismus Antheil nahmen Wenn man die Gottheiten und mehr noch die Mythen des Heidenthums als Ausprägung geschichtlicher, nationeller Verschiedenheit betrachten darf, so traf Alexander in seinem unablässigen Streben nach Völkervereinigung das entschieden richtigste Mittel, wenn er, in dessen Person und Regiment zunächst jene Einheit präformirt sein mußte, jeden Nationalcultus ohne Unterschied ehrte und mit gleicher Frömmigkeit den Göttern von Aegypten und Indien, von Babylon und Hellas 551 opferte; sein Beispiel wirkte in weiten und weiteren Kreisen, man begann Götter der Fremde heimisch zu machen und fand heimathliche Götter in der Fremde wieder, man begann die Sagenkreise und Theogonien der verschiedenen Völker mit einander zu vergleichen und in Einklang zu bringen, man begann sich zu überzeugen, daß alle Völker mehr oder minder dieselben Gottheiten verehrten, und daß die Unterschiede ihrer Namen, Attribute und Dienste nur zufällig und äußerlich seien. So offenbarte es sich, daß die Zeit nationeller, das heißt heidnischer Religionen vorüber, daß die Menschheit einer einigen und allgemeinen Religion bedürftig sei; die Theokrasie war selbst nichts als ein Versuch, durch Vermischung aller jener nationaler Religionssysteme eine Einheit hervorzubringen, welche in ihr doch nimmer erreicht werden konnte. Es war die Arbeit der Hellenistischen Jahrhunderte, die Elemente einer höheren und wahrhafteren Einigung zu entwickeln, das Gefühl der Endlichkeit und Ohnmacht, das Bedürfniß der Buße und des Trostes, die Kraft der tiefsten Demuth und der Erhebung zur Freiheit in Gott zu erwecken; es sind die Jahrhunderte der Gottlosigkeit, der tiefsten Zerknirschung, des immer lauteren Rufes nach dem Erlösenden. In Alexander hatte sich der Anthropomorphismus des Griechischen Heidenthums erfüllt, der Mensch war Gott, Götter nicht mehr; sein, des Gottes, war das Reich dieser Welt, in ihm der Mensch erhöht zu der letzten Höhe der Endlichkeit, durch ihn die Menschheit erniedrigt vor dem anzubeten, der der Sterblichgeborenen einer war.

 

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552 Neuntes Kapitel.

Schluß.

 

Bald nach dem Aufbruch der Veteranen aus Opis verließ auch Alexander mit den übrigen Truppen diese Stadt, um zur Medischen Residenz Ekbatana hinauf zu ziehen. Manches kam zusammen, einen längeren Besuch in Medien nothwendig zu machen; Medien vor Allen hatte während des Königs Aufenthalt in Indien von der Zügellosigkeit und dem Uebermuthe Macedonischer Beamten und Befehlshaber viel gelitten, und wennschon diese mit der ganzen Strenge des Gesetzes bestraft waren, so mochte der König doch außer dieser Genugthuung der Landschaft um so mehr neue Beweise seiner Gnade schuldig zu sein glauben, als sie sich trotz alles Druckes und trotz der vielfachen Anreizungen zum Aufstande treu bewährt hatte; denn Baryaxes hatte vergebens die Fahne des Aufruhrs erhoben, er war durch den Satrapen Atropates dem Gerichte des Königs überliefert worden. Aber auch durch seine misglückten Bemühungen mochten mancherlei Unordnungen hervorgebracht worden sein, die des Königs Anwesenheit nöthig machten. Dazu kam, daß der königliche Schatz von Ekbatana durch Harpalus geplündert war, und Alexander in Person an Ort und Stelle die ungeheueren Defecte, die sich auf mehrere Millionen beliefen, zu untersuchen für nöthig hielt. Endlich war die Straße durch die Medischen Berge noch keinesweges so sicher, wie es für den lebhaften Verkehr zwischen den Syrischen Satrapien und dem oberen Lande erforderlich war; unter der Reihe der Bergvölker von Armenien bis zur Karamanischen 553 Küste waren immer noch die Kossäer, die räuberischen Bewohner des Zagrosgebirges, nicht gedemüthigt, und jeder Karavanenzug, der nicht mit bedeutender Bedeckung den Weg der Medischen Pässe einschlug, ihren Ueberfällen ausgesetzt. Das etwa waren die Gründe, welche den König bewogen, seine Rückkehr nach Babylon, wohin die Residenz des Reiches verlegt war, so wie den Beginn der neuen Unternehmungen gen Süden und Westen, die ihn jetzt unablässig beschäftigten, bis zum nächsten Frühjahr zu verschieben.

So ging Alexander, es mochte gegen Ende August 324 sein, von Opis aus auf der gewöhnlichen Medischen Straße gen Ekbatana; die Truppen folgten in mehreren Abtheilungen durch die nördlichen Distrikte der Landschaft Sittacene. Alexander war über die Flecken Karrä und von da in vier Tagen gen Sambata gekommen; er blieb hier sieben Tage, bis die verschiedenen Colonnen zusammengetroffen waren. Mit drei Tagemärschen erreichte man die Stadt Kelonä 1), wenige Meilen von den Zagrospässen, von Griechen bewohnt, die, zur Zeit der Perserkriege hierher gebracht, in Sprache und Sitten noch immer das Hellenische, wenn auch nicht rein, bewahrten. Von hier aus zog Alexander zu der Paßgegend von Bagistame 2); er verließ den Weg, um die be-

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1) So Isidor. Charac. p. 5. Da ich diesen Weg Alexanders zum Gegenstande einer besonderen Abhandlung machen werde, so übergehe ich an dieser Stelle genauere Untersuchungen; ich bemerke nur, daß Diodor (XVII. 110.) der etwas Genaueres von diesem Wege giebt (bei Arrian ist hier die Lücke vor VII. 13.) den Zug von Susa bis Opis gänzlich ausläßt und so erzählt, als ob Alexander von Susa aus den Medischen Weg eingeschlagen; daher die mancherlei Fehler in Wesselings und Mannerts Kritik. — 2) Noch heute heißt der an Sculpturen reiche Westeingang der Pässe Tauk-i-bostan, Bogen des Gartens, nnd Diodor II. 13. erzählt, daß Semiramis bei dem Berge Bagistanos einen Garten von zwölf Stadien im Umkreis anlegen und den Berg mit Bildhauerarbeit schmücken ließ. Die Inschriften, die man noch auf denselben findet, und die Sylvester de Sacy so schön erklärt hat, bezeichnen die Königsgestalten in diesen Sculpturen als die der Könige Shapur und Beheram.

 

554rühmten Anlagen, die sich in der Ebene vor den Bergen befanden und die man den Garten der Semiramis nannte, in Augenschein zu nehmen. Bei seinem weiteren Zuge besuchte er jenseits des Passes das reiche Nysäische Thal 3), in welchem die ungeheueren Roßheerden der Perserkönige weideten; er fand der Pferde noch funfzigbis sechzigtausend. Das Heer verweilte hier einen Monat. Der Satrap Atropates von Medien kam dem Könige hier entgegen, ihn an den Grenzen seiner Satrapie zu begrüßen; er brachte, so wird erzählt, hundert Weiber zu Roß, mit Streitäxten und kleinen Schilden bewaffnet, in das Lager, indem er aussagte, dies seien Amazonen; eine Erzählung, die zu den sonderbarsten Ausschmückungen Anlaß gegeben hat 4).

Ein ärgerlicher Vorfall sollte diese Zeit der Ruhe in den Nysäischen Feldern unterbrechen. In der Umgebung Alexanders befanden sich Eumenes von Kardia und Hephästion. Der Grieche von Kardia, welcher die erste Stelle in dem Kabinet des Königs hatte und von demselben wegen seiner großen Gewandt-

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3) Es ist die Ebene von Beisittun, vor dem Ausgange jenes Felsenweges, der durch die Liebe des unglücklichen Fahrat zur schönen Schirin im Morgenlande so berühmt ist. — 4) Weder Ptolemäus noch Aristobul erzählte davon, Arrian. VII. 13. Die Uebertreibungen stammen von Klitarch her, Strabo IX. p. 420., cf. Plut. Alex. 41. Den schönen Mythos von den Amazonen suchte die aufgeklärte Zeit historisch bestätigt zu finden, und es ist denkbar, daß der Medische Satrap nach vielfacher Nachfrage etwas den Amazonen Aehnliches, was er in seiner Satrapie fand, dem König vorführte. Denn die Frauen in den sogenannten wandernden Stämmen der Berge sind freier, kühner und kräftiger, als sonst die Asiatinnen, sie nehmen an allen Wagnissen und Gefahren der Horden thätigen Antheil; und Malcolm (II. p. 446. der Uebersetzung) erzählt als Augenzeuge ein interessantes Beispiel von der Kühnheit und Gewandheit, mit der ein Kurdisches Mädchen ein Roß tummelte. Plutarch nennt die Autoritäten für und wider die Amazonengeschichte; Onesikrit, der zu den ärgsten Lügnern gehört, las einst dem Könige Lysimachus die betreffende Stelle aus dem vierten Buche seiner Denkwürdigkeiten vor, worauf Lysimachus sagte: „wo muß ich denn damals gewesen sein!“

 

555heit und Ergebenheit vielfach und namentlich noch bei der Hochzeitfeier von Susa durch die Vermählung mit Artabazus Tochter geehrt war, hatte gleichwohl die ächt Griechische Liebe zum Gelde in einem Maaße, wie es nur bei seinen sonstigen ausgezeichneten Eigenschaften zu verzeihen war; und Alexander war klug genug, den habsüchtigen Kardianer, so oft er dessen Vortheil mit seinem Pflichteifer oder seiner Hingebung in Collision sah, auf das Freigiebigste zu bedenken. Nur einmal, es war noch in Indien und der König hatte die Ausrüstung der Trieren für die Stromflotte, da seine Kassen erschöpft waren, als Ehrensache den Generalen überlassen, ärgerte sich Alexander zu sehr an dem schmutzigen Geize des Eumenes, als daß er sich hätte versagen sollen, ihm eine tüchtige Lehre zu geben. Eumenes sollte dreihundert Talente verwenden, er gab nur hundert und versicherte den König, daß er kaum diese mit aller Mühe habe zusammenbringen können; und doch kannte Alexander seinen Reichthum; er machte ihm keine Vorwürfe, nahm aber das Dargebotene nicht an; er befahl, in der Stille der Nacht das Zelt des Eumenes anzuzünden, um ihn dann, wenn er in voller Angst vor dem Feuer, dem übrigens sogleich wieder Einhalt gethan werden sollte, seine Schätze heraus schleppen ließe, dem allgemeinen Spotte Preis zu geben. Leider griff das Feuer so schnell um sich, daß es das ganze Zelt mit Allem, was in demselben war, namentlich vielen Büchern, verzehrte; das geschmolzene Gold und Silber, das man in der Asche fand, betrug allein über zweitausend Talente. Alexander ersetzte ihm seinen Verlust reichlich, und Eumenes war es zufrieden, mit einem kleinen Schrecken größere Reichthümer gewonnen zu haben 5). Bei den Macedoniern, namentlich den Generalen, war Eumenes wegen seines krämerhaften Sinnes, wegen seiner Schlauheit und wegen des hohen Ansehens, das er, der Grieche, am Hofe genoß, wenig beliebt; und daß ihn vor Allen Hephästion, der durch sein nahes Verhältniß zu Alexander sehr oft mit ihm in Berührung kam, nicht mochte, war nach dem Charakter des edlen Pelläers natürlich. Alles, was von diesem berichtet wird, zeigt seinen mil-

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5) Plutarch. Eum. 2.

 

556den, innigen und liebenswürdigen Sinn, seine unbegrenzte und wahrhaft rührende Anhänglichkeit für den König; Alexander liebte in ihm den Gespielen seiner Kindheit, und aller Glanz des Thrones und des Ruhmes, und jener Wechsel in Alexanders äußerem und inneren Leben, um dessen Willen Mancher, dem er viel vertraut, an ihm irre geworden war, hatten ihr schönes Verhältniß nicht zu stören vermocht; ihre Freundschaft hatte jene schwärmerische Innigkeit des Jünglingsalters, dem sie Beide fast noch angehörten; die Erzählung, wie Alexander einen Brief von seiner Mutter voll Vorwürfe und Klagen, die er auch dem Freunde gern verschwieg, durchlas, und Hephästion sich über des Freundes Schultern lehnt und mitliest, und der König ihm dann den Siegelring auf den Mund drückt, zum Zeichen des Geheimnisses, das ist das Bild, wie man sich Beide denken mag 6).

Hephästion und Eumenes hatten schon mehrfach mit einander Streit gehabt, und ihre gegenseitige Abneigung bedurfte keines großen Anlasses, um in neuen Zwist auszubrechen. Ein Geschenk, das eben jetzt Hephästion vom Könige erhielt, genügte, des Kardianers Neid auf das Heftigste zu erregen und einen Wortwechsel hervorzurufen, in dem bald Beide alle Rücksichten und sich selbst vergaßen. Alexander that dem ärgerlichen Gezänk Einhalt; dem Eumenes gab er ein gleiches Geschenk, an Hephästion wandte er sich mit dem Scheltwort, ob er sich und seine Würde nicht besser kenne; er forderte von Beiden das Versprechen, fortan jede Uneinigkeit zu meiden und sich mit einander auszusöhnen. Hephästion weigerte es, er war der tief Gekränkte, und Alexander hatte Mühe, ihn zu beruhigen; ihm zur Liebe reichte Hephästion endlich die Hand zur Versöhnung 7). –

Nach diesen Vorgängen und einem dreißigtägigen Aufenthalte in dem Nysäischen Thale brach das Heer gen Ekbatana auf und erreichte mit einem Marsche von sieben Tagen, etwa mit dem Ausgange des Oktobers diese große und reiche Stadt 8). Es ist

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6) Plutarch. Alex. 39. — 7) Das etwa läßt sich aus Plutarch. Eum. 2. und den ersten zwei Zeilen nach der Lücke Arrians (VII. 13.) entnehmen. — 8) Die Zeitbestimmungen ergeben sich

 

557 zu bedauern, daß die alten Ueberlieferungen nichts von den Anordnungen, Gründungen und Organisationen 9), die zu Ekbatana ohnfehlbar des Königs ganze Thätigkeit in Anspruch nahmen, berichten; reicher sind sie an Schilderungen der Festlichkeiten, welche in der Medischen Residenz gefeiert wurden, und die Dionysien von Ekbatana sind im Alterthume allberühmt. Alexander hatte seine Residenz in dem königlichen Schlosse genommen; das Schloß, ein Denkmal aus der Zeit der Medischen Größe, lag unter der Burg der Stadt, in einer Ausdehnung von sieben Stadien; die Pracht dieses Gebäudes grenzte an das Mährchenhafte: alles Holzwerk war von Cedern und Cypressen, das Gebälk, die Decken, die Säulen in den Vorhallen und den inneren Räumen waren mit goldenen oder silbernen Blechen verkleidet, die Dächer mit Silberplatten gedeckt. In ähnlicher Weise war der Tempel des Anytis in der Nähe des Pallastes geschmückt, seine Säulen mit goldenen Kapitälen gekrönt, das Dach mit goldenen und silbernen Ziegeln gedeckt 9b). Freilich war schon manches von diesem kostbaren Schmuck durch die Raubgier jener Macedonischen Befehlshaber, die so furchtbar in Medien gehaust hatten, entwendet worden, aber noch immer war das Ganze ein Bild der staunenswürdigsten Herrlichkeit. Die Umgebung stimmte mit der Pracht der königlichen Residenz; im Rücken des Pallastes erhob sich der aufgeschüttete Hügel, dessen Höhe die äußerst feste Burg mit ihren Zinnen, Thürmen und Schatzgewölben krönte; vor ihr die ungeheuere Stadt in einem Umfange von fast drei Meilen, im Norden die Gipfel des hohen Orontes, durch dessen Schluchten sich die großen Wasserleitungen der Semiramis hinabzogen 10).

So die wahrhaft königliche Stadt, in der Alexander die Dionysien des Herbstes 324 feierte; sie begannen mit den großen

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aus Diodor XVII. 110., der auf den Marsch von Opis bis Ekbatana einige funfzig Tage zählt. — 9) Ich zweifle nicht, daß hieher des Polybius Notiz zu ziehen ist (X. 4. 3.), Medien sei vielfach mit Griechischen Städten versehen, nach der Anordnung des Königs Alexander. — 9b) Polyb. X. 17. — 10) Polyb. l. c. Diodor II. 15.; in Beziehung auf neuere Angaben verweise ich auf die oben angekündigte Abhandlung.

 

558 Opfern, mit denen Alexander den Göttern seinen Dank für das Glück, das sie ihm gnädig gewährt, darzubringen gewohnt war. Dann folgten Festlichkeiten aller Art, Kampfspiele zu Fuß, zu Wagen und zu Roß, Festaufzüge, dramatische Spiele und künstlerische Wettkämpfe, zu denen dreitausend Griechische Künstler aller Art versammelt waren; Gastmähler und Gelage füllten die Zwischenzeit. Unter diesen zeichnete sich das des Satrapen Atropates von Medien durch schwelgerische Pracht aus; das gesammte Heer hatte er zu Gast geladen, und die Fremden, welche von nah und fern her zur Schau der Feste gen Ekbatana zusammengeströmt waren, umstanden die weite Reihe der Tafeln, an denen die Macedonier jubelten und unter Trompetenschall durch Heroldsruf ihre Trinksprüche, ihre guten Wünsche für den König und die Geschenke, die sie weihten, verkünden ließen; mit dem lautesten Jubel wurde der Spruch des Gorgus, des königlichen Waffenmeisters 11) aufgenommen; der Herold rief: „dem König Alexander, dem Sohn des Zeus Ammon, weiht Gorgus einen Kranz von dreitausend Goldstücken, und, wenn er Athen belagert, zehntausend Rüstungen nebst eben so vielen Katapulten und allen Geschossen, so viele er zum Kriege braucht“ 12).

So die lärmenden und überreichen Festlichkeiten dieser Tage; nur Alexamder war nicht zur Freude gestimmt; Hephästion war krank; umsonst bot sein Arzt Glaucias alle Kunst auf, er vermochte dem zehrenden Fieber nicht Einhalt zu thun. Alexander konnte sich nicht den Festlichkeiten entziehen, er mußte den kranken Freund verlassen, um sich dem Heere und dem Volk zu zeigen. Er befand sich gerade, es war am siebenten Tage und die Knaben hatten ihren Wettkampf, unter der fröhlichen Menge, die auf dem Stadium auf und ab wogte; da ward ihm die Nachricht gebracht, daß es mit Hephästion schlecht stehe; 13) er eilte

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11) Dieses ist wahrscheinlich der Metalleut Gorgus, dessen Strabo in der oben (p. 414.) citirten Stelle erwähnt. — 12) Ephippus apd. Athen. XII. p. 538., wo der Satrap Satrabates heißt. Plutarch Alex. 72. — 13) Arrian VII. 14. Widerwärtig ist die medicinische Mikrologie des Plutarch, für die ich mich übrigens

 

559 zum Schloß, in das Zimmer des Kranken, Hephästion war eben verschieden. Die Hand der Götter konnte nichts Schwereres über Alexander verhängen; drei Tage saß er bei der theuren Leiche, lange klagend, dann vor Gram verstummend, ohne Speise und Trank, am Kummer sich weidend und der Erinnerung an den schönen Freund, der ihm in der Blüthe des Lebens entrissen war. Es schwiegen die Feste, Heer und Volk klagte um den edelsten der Macedonier, und die Magier löschten das heilige Feuer in den Tempeln, als ob ein König gestorben sei 14).

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nach der Kritik Arrians (VII. 14. 6) nicht verbürge; er sagt (Alex. 72.) da Hephästion als junger Mann und Soldat mit der Diät nicht so genau war, und, während sich sein Arzt entfernt hatte, beim Frühstück einen gebratenen Hahn aß und einen großen Becher Wein trank, so verschlechterte er sich so bedeutend, daß er bald darauf starb. — 14) Diod. XVII. 110. 114. Arrian sagt in seiner verständigen und würdigen Weise (VII. 14). „Vielerlei wird über die Trauer Alexanders berichtet, aber Alle stimmen überein, daß sie sehr groß gewesen; was er aber gethan, erzählt jeder anders, je nachdem er Vorliebe für Hepbästion oder Neid gegen ihn und den König selbst hegt. Die nun Uebermäßiges berichten, von denen haben, wie es mir scheint, die einen den König zu erheben gemeint, wenn sie ihn in Worten und Handlungen übermäßig trauerud zeigen bei dem Leichnam dieses ihm vor allen theuren Mannes, die andern aber ihn zu verkleinern, als ob er sich weder seiner noch der Majestät des Königthums würdig in der Trauer gezeigt habe; die Einen sagen, er habe sich den ganzen Tag hindurch über der Leiche gewälzt und gejammert, und die Freunde hätten ihn mit Gewalt hinweg reissen müssen, – Andere, er habe den Arzt an das Kreuz heften lassen, weil er schlechte Arzneien gegeben, (s. Plutaech) er habe es nicht sehen wollen, daß Hephästion von dem Uebermaaß des Weines gestorben sei; daß Alexander eine Trauerlocke auf den Sarg geweiht, scheint mir überhaupt und besonders als Nachahmung dessen, was Achill an Patroklus Grabe that, wahrscheinlich; daß er aber selbst den Trauerwagen gefahren, ist unwahrscheinlich. Andere erzählen, er habe das Heiligthum des Asklepios in Ekbatana zerstören lassen; das wäre barbarisch und nicht nach Alexander, sondern nach Xerxes gewesen. Wahrscheinlicher ist

 

560 Als nun die Tage der ersten Trauer vorüber waren, und es die Getreuen mit ihren Bitten erreicht hatten, daß sich der König von seines Freundes Leiche trennte, da ordnete er den Trauerzug, der die Leiche gen Babylon führen sollte; er selbst weihte eine Trauerlocke auf den Sarg des Freundes und die Feldherrn, Eumenes vor Allen, schmückten den Wagen mit ihren Waffen, mit Kostbarkeiten und frommen Geräthen, die sie dem Gedächtniß ihres theuren Kammeraden weihten; Perdikkas aber geleitete mit der Ritterschaft des Hephästion, die fortan seinen Namen und als Feldzeichen sein Bild führen sollte, den Trauerzug gen Babylon; dort sollte der Scheiterhaufen erbaut, dort im Frühlinge die Kampfspiele der Todtenfeier gehalten werden; und mit Perdikkas ging Dinokrates gen Babylon, den Prachtbau des Scheiterhaufens zu leiten; die dreitausend Griechischen Künstler folgten gen Babylon, die Leichenspiele zu feiern, die sie bald genug bei einer theureren Leiche wiederholen sollten 15).

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mir die Erzählung, daß, als auf dem Wege gen Babylon viele Gesandtschaften aus Hellas zu Alexander kamen, und unter diesen auch die von Epidaurus, wo das berühmte Heiligthum des Asklepios, so habe er ihnen gewährt, was sie wünschten, außerdem ein Weihgeschenk für ihren Gott gegeben und gesagt: hat auch der Gott nicht freundlich an mir gethan, daß er mir den Freund nicht errettet, den ich wie’mein eigen Haupt liebte, so will ich ihn doch ehren! Ferner schreiben die Meisten, daß er den Hephästion als Heroen zu verehren befahl; Andere fügen hinzu, er habe an das Ammonium gesandt, nm auzufragen, ob es gestatte, dem Hephästion als einen Gott zu opfern; und das sei nicht erlaubt worden.“ So wert Arrian: unleidlich ist das Geschwätz des Plutarch; er sagt, nach welchen Autoritäten, kann man aus Arrians Kritik abnehmen; „Vor Trauer verlor Alerander fast seinen Verstand, er ließ allen Pferden und Maulthieren zum Zeichen der Trauer Schweif und Mähne scheeren, und in den Städten des Landes die Zinnen von den Mauern brechen; – und um sich zu zerstreuen ging er gegen die Kossäer gleichsam zu einer Menschenjagd, ließ die ganze Völkerschaft niedermachen und nannte das ein Todtenfest für Hephästion.“ Eben so unsinnig ist die Geschichte von dem Samier Agathokles, die Lucian in dem Buche „Vom Mißtrauen gegen Verläumdungen“ erzählt. — 15) Arrian. Diodor.

 

561 Bald kehrte der König zu den Geschäften des Reiches zurück; in ernster Trauer trug er den Gram um den todten Freund, mit dem ihm die Freude des Lebens gestorben war; die Zukunft hatte für ihn keinen Reiz, keine Hoffnung mehr; es schweifte sein Geist ruhlos von Plan zu Plan, es war ihm Trost, sich in endlosen Entwürfen zu verlieren, und aller Gedanke wich doch wieder und wieder dem einen des Grames, der ihm der liebste war. Sein Muth war gebrochen, er vertraute nicht mehr auf die Gunst der Götter, er glaubte nicht mehr an sich selbst und seine Hoffnungen, und die Ahndung des eigenen Todes gewann in seiner Seele Raum.

Es war gegen Ende des Jahres 324 und in den Bergen lag bereits tiefer Schnee, als Alexander mit seinem Heere aus Ekbatana aufbrach, um durch die Berge der Cossäer gen Babylon zu ziehen; er wählte diese schwierige Jahreszeit, weil es in derselben am leichtesten war, die räuberischen Stämme der Kossäer im Gebirge zu Paaren zu treiben, da sie sich jetzt nicht aus ihren Thälern auf die schneebedeckten Berghöhen flüchten konnten. Deshalb ging er mit dem leichteren Theil seiner Truppen, indem die übrigen auf der großen Straße vorauszogen, südwärts vom Wege ab, um die tapferen Bergstämme vereinzelt in ihren ärmlichen Zeltdörfern zu überfallen. So wurden, die eine Hälfte der Truppen unter des Königs, die andere unter des Lagiden Ptolemäus Befehl, die Berge mit vielfacher Mühe durchstreift, die Horden, die sich stets auf das Kühnste zur Wehr setzten, einzeln überwältigt, ihre Raubthürme gebrochen, viele Tausende erschlagen und zu Gefangenen gemacht, die anderen zur Unterwerfung gezwungen, und ihnen vor Allem feste Ansiedelung und das Bebauen des Feldes zur Pflicht gemacht. Nach Verlauf von vierzig Tagen war das letzte unabhängige Bergvolk in dem Gebirgslande der Passagen, wie früher die Uxier, Kadusier, Mardier und Amarder dem Reiche einverleibt und wenigstens der erste Anfang zur Civilisation desselben gemacht 16).

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16) Arrian VII. 15. Diodor. XVII. 112. XIX. 20; Plutarch. Strabo XVI. p. 345; Polyaen IV. 3.31. Ihre Wohnsitze sind im Nor-

 

562 Alexander zog nun in kleinen Tagesmärschen, um die einzelnen Truppenabtheilungen aus den Bergthälern an sich zu ziehen, gen Babylon hinab. In Babylon wollte er seine gesammten Streitkräfte zu neuen Unternehmungen vereinigen, Babylon sollte der Mittelpunkt des Reiches und die königliche Residenz werden; die Stadt war durch ihre Größe, ihren alten Ruhm und vor Allem durch ihre Lage besonders dazu geeignet; sie lag in der Mitte zwischen den Völkern des Abend- und Morgenlandes, sie war dem Westen näher, auf den sich nach der Bewältigung des Ostens Alexanders unternehmender Blick wenden mußte. Gen Westen lag jenes Italien, wo vor Kurzem seiner Schwester Gemahl, der Epirotenkönig, Ehre und Leben eingebüßt hatte, lag das Land jener Geten, denen Zopyrion, der Befehlshaber der Donauländer, mit einem Macedonischen Heere erlegen war, lag das silberreiche Iberien, das Land der Phönicischen Colonien, deren Mutterstädte jetzt zum neuen Reiche gehörten, lag endlich jenes Karthago, das seit den ersten Perserkriegen und dem damaligen Bunde mit Persien nicht aufgehört hatte, gegen die Hellenen in Libyen und Sicilien zu kämpfen. Die großen Veränderungen in der Ostwelt hatten Alexanders Ruhm bis zu den entferntesten Völkern verbreitet, die theils mit Hoffnung, theils mit Besorgniß auf diese Riesenmacht blicken mochten; sie mußten die Nothwendigkeit erkennen, sich mit dieser Macht, in deren Hand jetzt das Schicksal der Welt lag, in Verbindung zu setzen, und durch politische Verhandlungen dem Gange der Zukunft vorzuarbeiten. So geschah es, daß viele Gesandtschaften ferner Völker dem Könige gen Babylon entgegen kamen, tbeils um Huldigungen und Geschenke zu überbringen, theils um über Streitigkeiten mit Nachbarvölkern des Königs schiedsrichterliche Entscheidung einzuholen; und erst jetzt, sagt Arrian, schien es dem Könige und seiner Umgebung, daß er Herr über Land und Meer sei. 17) Alexander ließ sich das Verzeich-

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den von Susiana, und besonders an den Quellen des Euläus, wo auch der Weg gen Susa durch ihre Berge führt. — 17) Arrian. VII. 15. 6. Daß unter den Gesandten, wie Diodor versichert, Hellenen waren, sagt Arrian an dieser Stelle nicht, es läßt sich aber aus VII. 14. 12. schließen.

 

563niß der Gesandtschaften geben, um die Reihenfolge ihrer Audienzen zu bestimmen; den Vortritt hatten die mit heiligen Dingen Beauftragten, namentlich die Gesandten von Elis, Ammonium, Delphi, Korinth, Epidaurus und sofort nach Maaßgabe der Heiligkeit ihrer Tempel; dann folgten die, welche Geschenke überbrachten, dann die, welche über Streitigkeiten mit Nachbarvölkern verhandeln wollten, dann die mit inneren und Privatsachen Beauftragten, zuletzt die Hellenischen Abgeordneten, welche Vorstellungen gegen die Zurückführung der Verbannten machen sollten 18).

Die Geschichtschreiber Alexanders haben es nicht der Mühe werth geachtet, alle diese Gesandtschaften zu nennen; sie führen nur diejenigen an, welche in irgend einer Beziehung merkwürdig waren, und nur aus den anderweitig geschichtlichen Verhältnissen der genannten Völker läßt sich über die näheren Absichten ihrer Sendung einiger Aufschluß finden. So kamen aus Italien Gesandte der Bruttier, Lukaner und Römer; denn des Königs Schwager, Alexander von Epirus, war auf die Bitten der Tarentiner gen Italien gezogen, um zunächst die Bruttier und Lukaner zu bekämpfen, hatte sie und die Samniter, die ihnen zu Hülfe geeilt waren, in einer großen Schlacht bewältigt, und die Römer, die den jüngst geschlossenen Frieden mit den Samnitern nicht für dauernd hielten, eilten mit dem Epirotenkönig ein Bündniß zu schließen; die Macht der Lukaner war bald vollkommen vernichtet, und Tarent, das sie nicht mehr zu fürchten hatte, ging zu den Gegnern des Epirotenkönigs über, der bald zurückgedrängt, eingeschlossen, bewältigt, durch die Hand Lukanischer Verbannte, die sich so vielleicht Verzeihung in ihrer Heimath zu erwirken hofften, den Tod fand. Das war im Jahre 330 geschehen; Tarent war im südlichen Italien, Samnium im inneren die Hauptmacht; sie reiz-

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18) Diod. XVII. 113., der freilich von den zwei späteren Gesandtschaften aus Hellas nichts weiter erwähnt. Die Erwähnung der Hetrurischen Gesandten in der Art mit den Römischen zu combiniren, wie es Niebuhr (Röm. Gesch. III. p. 194) thut, hat viel für sich; übrigens könnten Tyrrhneische Gesandten über die benachbarten Celten geklagt, über Seeräuberei verhandelt haben.

 

564ten Paläopolis zum Kriege gegen Rom; unter den Lukanern, die durch ein Bündniß mit Rom gegen die mächtigen Nachbarn Schutz suchten, wurde eine Volksbewegung angestiftet, in deren Folge sie sich den Samnitern ergaben, die sie vollkommen unterdrückten. Die Bruttier, wie es scheint, vermochten sich, seit dem Kriege mit dem Epirotenkönige geschwächt, nicht besser gegen die verbündete Griechisch-Samnitische Macht zu halten, und der sogenannte zweite Samniterkrieg, der jetzt begann, konnte auch wohl die Römer veranlassen, 19) sich um die Gunst des großen Macedonischen Königs zu bewerben; sie konnten an ihr Bündniß mit Alexander von Epirus erinnern, sie mochten dem Könige, der früher Seeräuber aus ihrem Gebiet, die in den östlichen Gewässern des Mittelmeeres aufgebracht waren, mit der Forderung, die Kapereien gegen seine Unterthanen zu hindern, zurückgesandt hatte, die Antwort des Senates und Volkes zu bringen haben und zugleich bitten, er möge den Angelegenheiten im Westen seine Aufmerksamkeit zuwenden; es mochten die Bruttier um Schutz gegen die Städte bitten, es mochte von den Lukanern dieselbe Parthei, auf deren Sturz die unselige Verbindung mit Tarent und den Samnitern erfolgt war, von Alexander die Erfüllung der einzigen Hoffnung, die ihnen noch übrig war, erflehen. So die Italischen Gesandtschaften; von nicht minderem Interesse mußten die Verhandlungen sein, welche mit den Gesandten der Karthager, Libyer und Iberier 20) gepflogen wurden.

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19) Ueber die Gesandtschaft der Römer ist Niebuhrs Kritik erschöpfend; das Zeugniß Klitarchs (Plin. III. 9.), das dem trefflichen und für Roms Ehre eifernden Arrian entgangen ist, verbunden mit der Angabe Strabos (V. p. 376) über die Seeräuber von Antium, läßt keinen Zweifel übrig. Ueberhaupt hat man sich den politischen Verkehr der damaligen civilisirten Welt viel lebhafter zu denken, als es gewöhnlich geschieht. — 20) Zwar fügt hier Arrian sein „man sagt“ hinzu, indeß ist die Sache in sich so wahrscheinlich und durch ein später zu erwähnendes Faktum wenigstens theilweise so sicher gestellt, daß man nur annehmen kann, Ptolemäus und Aristobul seien es müde gewesen, den Katalog der Gesandtschaften genauer zu geben. Diodor sagt: aus Afrika kamen die Gesandten der Karthager, der Libyphönicier und der Küstenvölker bis zu den Säulen des Herakles.

 

565 Die politischen Verhältnisse Griechenlands zu Karthago waren seit der Salaminischen Zeit denen zu Persien nicht unähnlich; schon zu Perikles Zeit wurde oftmals in der Volksversammlung das Project eines Krieges gegen Karthago besprochen, nach seinem Tode wiederholten es die Demagogen dringender und häufiger 21), und der Plan, den Alcibiades bei seinem Sicilischen Feldzuge hatte; war kein anderer, als von dort nach Afrika hinüberzugehen und den reichen Handelsstaat zu bekämpfen; während der nächstfolgenden sechzig Jahre, während die Griechen in Hellas der Kriege gegen die Barbaren mehr und mehr vergaßen, währten die Kämpfe der Sicilier gegen Karthago mit wechselndem Glück, bis Timoleons Sieg die Punier auf ihre alten Grenzen beschränkte. Durch Alexanders Besitznahme von Phönicien mußte sowohl Karthago, wie die übrigen Punischen Kolonien in Nordafrika und Iberien, welche mit dem Mutterlande noch immer in sehr naher Verbindung standen, mit ganz besonderer Rücksicht ihr Verhältniß zu dem neuen Herrscher beachten, von dem sie wohl mehr als Rivalität im Handel zu fürchten hatten; besonders konnte der Staat von Karthago sich nicht verhehlen, daß nach seinen früheren Verhältnissen mit Hellas und nach dem Charakter Alexanders ein Krieg nur zu wahrscheinlich war, in dem dann der Sieg der Macedonier wohl nicht zweifelhaft gewesen wäre. Um so natürlicher war es, die Freundschaft des mächtigen Königs zu suchen, wie denn auch ausdrücklich angeführt wird, daß die Libyschen Gesandten mit Kränzen und Glückwünschen wegen der Eroberung Asiens gekommen seien. – Unter den übrigen Gesandtschaften waren namentlich die der Europäischen Scythen, der Celten, der

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21) Mit Recht hat Naeke die Lesart Καρχήδονα. in Aristoph. Equit. 174 vertheidigt und auf dieses Karthagische Projekt gedeutet; es ist der Lieblingsgedanke der ultrademokratischen Parthei in Athen, der Culminationspunkt der Attischen Macht. Mit Fleiß habe ich im Text die sehr nahe liegende Rücksicht auf Handelsverbindungen nicht anregen mögen, indem es noch nicht erwiesen ist, daß schon damals der unmittelbare Verkehr zwischen den Phönicischen Colonien und dem eigentlichen Hellas bedeutend gewesen.

 

566 Aethioper, letztere dem Könige vielleicht um so wichtiger, je mehr ihn jetzt der Plan, Arabien zu umschiffen und die Seestraße, die bereits den Indus und Euphrat verband, bis an das rothe Meer und zur Aegyptischen Ostküste fortzusetzen, beschäftigte.

Denn schon war der Befehl nach Phönicien gesandt, Matrosen auszuheben, Schiffe zu erbauen und über Land in den Euphrat zu schaffen; Nearch war beauftragt, die Flotte den Euphrat hinauf nach Babylon zu führen; bald nach der Ankunft des Königs in Babylon sollte der Zug gegen die Araber eröffnet werden. Zu gleicher Zeit ward Heraklides, des Argäus Sohn, mit einer Schaar Schiffszimmerleute nach dem Strande des Kaspischen Meeres abgesandt, mit dem Auftrage, in den Waldungen der Hyrkanischen Gebirge Schiffsbauholz zu fällen und Kriegsschiffe sowohl mit als ohne Deck nach Hellenischer Art zu zimmern. Auch diese Expedition hatte den Zweck, zunächst zu untersuchen, ob das Kaspische Meer keine nördliche Durchfahrt darböte, und ob es mit dem Mäotischen See oder dem offenbaren Meer im Norden, und durch dasselbe mit den Indischen Gewässern in Verbindung stehe 22). Alexander mochte hoffen, mit dieser Expedition jenen Scythenfeldzug, den er vor fünf Jahren mit dem Chorasmierkönig besprochen hatte, in Ausführung zu bringen. Eben so waren für die Landmacht neue und sehr bedeutende Verstärkungen angeworben, welche im Laufe des Frühlings in Babylon eintreffen sollten. Es war offenbar, daß Alexander Großes vorhatte; es schien, als ob zu gleicher Zeit Feldzüge gegen Norden, Süden und Westen unternommen werden sollten; vielleicht, daß er sie einzelnen Feldherrn zu übertragen bezweckte, während er sich das Ganze von Babylon, der Residenz seines Reiches, aus zu leiten vorbehielt.

So mochten die Truppen und ihre Führer voll ungeduldiger Spannung und in der frohen Hoffnung auf neue Feldzüge gen

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22) Dieser Heraklides war, wie es scheint, des Königs Archelaus Enkel. In seinem Auftrage jene weitere Bestimmung eines Scythenzuges zu suchen, veranlaßt mich außer der Wahrscheinlichkeit, welche die Sache an sich hat, das von Arrian (VII. 1. 3,) erwähntes Gerücht.

 

567 Babylon hinabziehen; sie wußten nicht, wie tief ihr König seit des Freundes Tod gebeugt, und wie er umsonst mit kühnen und kühneren Plänen den Gram seines Herzens zu übertäuben bemüht war; sie wußten nicht, wie ihm die Freude des Lebens zerstört, wie seine Seele trüber Ahnungen voll war; mit Hephästion war seine Jugend zu Grabe getragen, und kaum an der Schwelle der männlichen Jahre begann er schnell zu altern; der Gedanke des Todes beschäftigte ihn oft und lange 23).

Der Tigris war überschritten, schon sah man die Zinnen der Riesenstadt Babylon; da kamen dem Heereszuge die Vornehmsten der Chaldäer, der sternkundigen Priester von Babylon, entgegen; sie nahten sich dem Könige, sie führten ihn zur Seite und sprachen, er möge den Weg nach Babylon nicht weiter verfolgen; die Stimme des Gottes Belus habe ihnen offenbart, daß ihm der Einzug in Babylon jetzt nicht zum Heile sei 24). Und Alexander antwortete mit dem Verse des Dichters, der beste Seher sei der, welcher glücklich weissaget. Sie aber fuhren fort: „Nicht gen Westen schauend, o König, noch auf dieser Seite des Stromes komme gen Babylon, sondern umgehe die Stadt, bis du gen Morgen siehst!“ So sprachen die Priester, die in den Sternen die Schicksale des Königs gelesen hatten; und ihre Worte trafen des großen Königs Herz mit der Gewalt, die ihnen seine trübe Stimmung gab; er wagte es nicht wider die Zeichen der Götter zu handeln, er wollte die Thore der bö-

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23) Von Angaben dieser Art ist das schöne Ende der Plutarchischen Biographie voll, und Arrian (VII. 16, 13) sagt: „ich meine, Alexander hätte wohl lieber vor Hephäftion sterben, als ihn überleben mögen, nicht minder wie Achill lieber vor Patroklus gestorben, als Rächer seines Todes geworden wäre.“ Sollte die schöne Herme von Tivoli (Visconti Icon. pl. 36), welche durch den Ernst und die Ermattung in der Physionomie so entschieden von der sonstigen Tradition des Alexanderkopfes abweicht, vielleicht nach einem Bilde aus dem letzten Lebensjahre des Königs sein? — 24) Nach Plutarch und Diodor ließen die Chaldäer, die sich fürchteten mit Alexander zu sprechen (?), den Admiral Nearch ihre Warnungen überbringen, der allerdings schon mit der Flotte eingetroffen war.

 

568sen Vorbedeutung meiden, er wollte über den Strom gehen, und gen Morgen schauend, in seine Residenz einziehen. Darum ließ er das Heer am ersten Tage am Ostufer des Euphrat lagern, am folgenden Tage zog er auf dieser Seite des Stromes hinab, um dann hinüber zu gehen und von Westen her in die Stadt einzuziehen; aber die sumpfigen Ufer des Stromes hemmten ihn; nur innerhalb der Stadt waren Brücken; es hätte weiter Umwege bedurft, um zu den westlichen Quartieren von Babylon zu gelangen. Damals, heißt es, kam der Sophist Anaxarchus zum Könige und bekämpfte mit philosophischen Gründen des Königs Aberglauben; 25) glaublicher ist, daß Alexander, bald Herr des ersten Eindruckes, die Sache für weiteren Zeitverlust und größere Umwege zu unbedeutend anzusehen suchte, daß er die Folgen, welche die zu große Besorglichkeit von seiner Seite im Heer und Volk hätte hervorbringen müssen, mehr scheute als die etwanige Gefahr, daß er endlich nicht zweifelhaft sein konnte, wie guten Grund die Chaldäer hatten, seine Anwesenheit in Babylon nicht eben zu wünschen. Er hatte im Jahre 330 bereits den Befehl gegeben, den Würfelthurm des Belus, der seit Xerxes Zeit als Ruine da stand, wieder herzustellen; aber während seiner Abwesenheit war der Bau gänzlich vernachlässigt worden, und die Chaldäer hatten eher zu hemmen als zu fördern gesucht, denn sie mußten besorgen, daß der Genuß der reichen Tempelgüter und des heiligen Ackers, den sie jetzt ausschließlich hatten, ihnen, sobald der Bau beendet war, entzogen werden würde. So war es begreiflich, wenn die Sterne dem Könige den Eintritt in Babylon untersagten oder möglichst erschwerten; wider den Rath der Chaldäer rückte Alexander an der Spitze seines Heeres von Morgen her in die östlichen Quartiere der Stadt ein; er ward von

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25) Diese Angabe hat Diod. XVII. 112. Plutarch sagt, der König habe auf die Warnung der Chaldäer gar nicht geachtet; als er sich aber der Mauer genahet, habe er eine Menge von Raben mit einander im heftigen Kampfe gesehen, von denen mehrere todt neben ihn niederfielen. Justin sagt, das sei in Borsippa gewesen; doch lag diese heilige Stadt auf dem Westufer des Euphrat.

 

569 den Babyloniern mit unendlichem Jubel empfangen; mit Festlichkeiten und Gelagen feierten sie seine Rückkehr.

Es befand sich zu dieser Zeit der Amphipolite Pithagoras, aus priesterlichem Geschlecht und der Opferschau kundig, in Babylon; sein Bruder Apollodorus, der seit dem Jahre 331 Strateg der Landschaft war, hatte bei Alexanders Rückkehr aus Indien demselben mit den Truppen der Satrapie entgegen ziehen müssen, und da ihn das strenge Strafgericht, welches der König über die schuldigen Satrapen ergehen ließ, auch für seine Zukunft besorge machte, so sandte er an seinen Bruder gen Babylon, er möge über sein Schicksal die Opfer beschauen. Pithagoras hatte ihn dann fragen lassen, wen er am meisten fürchte, über den wolle er schauen; und auf des Bruders Antwort, besonders der König und Hephästion beunruhigten ihn, hatte Pithagoras Opfer angestellt, und nach der Opferschau dem Bruder nach Ekbatana geschrieben, den Hephästion möge er nicht fürchten, der werde bald nicht mehr im Wege sein; und diesen Brief hatte Apollodor am Tage vor Hephästions Tode empfangen. Ferner opferte Pithagoras über Alexander; er fand dieselbe Schau und schrieb seinem Bruder dieselbe Antwort. Apollodorus, so heißt es, ging selbst zum Könige, um zu zeigen, daß seine Hingebung größer sei als die Sorge für sein eigenes Wohl, er sagte ihm von der Opferschau über Hephästion und ihrer Erfüllung; auch über ihn habe Pithagoras nichts Glückliches geschaut, er möge sein theures Leben hüthen und die Gefahren, vor denen die Götter warnten, vermeiden. In Babylon nun ließ der König, um Näheres über jenes Opfer zu erfahren, den Priester Pithagoras zu sich kommen, und fragte ihn, welche Schau er gehabt habe, daß er solches seinem Bruder geschrieben? Und da jener antwortete- „o König, es war die Leber ohne Kopf,“ rief Alexander: „wehe ein schweres Zeichen!“ Dann dankte er dem Seher, daß er ihm offen und sonder Trug die Wahrheit gesagt, und entließ ihn mit allen Zeichen seines königlichen Wohlwollens. Auf ihn selbst aber machte dieß Zusammentreffen der Hellenischen Opferschau mit den Warnungen der Astrologen den tiefsten Eindruck; es war ihm unheimlich in den Mauern dieser Stadt, die er vielleicht besser gemieden hätte; ihn beunruhigte der längere Aufenthalt in seiner Residenz, vor 570 der ihn die Götter vergebens gewarnt hatten; und dennoch nöthigten ihn manche Geschäfte, hier noch zu weilen 26).

Es waren neue Gesandtschaften aus den Hellenischen Ländern eingetroffen, auch mehrere Macedonier, so wie Missionen der Thracier, Illyrier und anderer abhängiger Völker waren gen Babylon gekommen, um über den Reichsverweser Antipater bei dem Könige Klage zu führen; 27) Antipater selbst hatte seinen Sohn Kassander gesandt, der ihn vor Alexander rechtfertigen sollte; vielleicht wünschte er zugleich, dem Könige, bei dem sich bereits sein Sohn Jollas als Mundschenk befand, in seinem ältesten Sohn ein neues Unterpfand seiner Treue zu geben, und durch dessen Bemühung das gestörte Verhältniß zu Alexander, bevor er selbst seinem Befehle gemäß bei Hofe eintraf, wieder herzustellen. Er hatte nicht glücklich gewählt; Kassander, der sich in Macedonien des ersten Mannes Sohn gefühlt haben mochte, verstand es nicht, sein hochfahrendes nnd heftiges Wesen so zu zügeln, wie es die Nähe des Herrschers forderte; schon bei der ersten Audienz, da er Asiaten an den Stufen des Thrones das Knie beugen und den Boden mit der Stirn berühren sah, und darüber in ein lautes Hohnlachen ausbrach, erregte er den gerechten Unwillen Alexanders, der ihn mit eigener Hand und auf eindringliche Weise über sein ungebührliches Benehmen zurecht stellte. Als dann die verschiedenen Beschwerden über Antipater vorgebracht wurden, und Kassander den Vater zu vertheidigen anhub, indem er die Klagenden Verläumder nannte, so fiel ihm der König ins Wort: „was sprichst du, so weite Wege sollten die Männer, ohne Unrecht erlitten zu haben, und nur um zu verläumden, hergekommen sein?“ Und als Kassander ihm antwortete, das eben sei ein Zeichen der Verläumdung daß sie so weit hierher, wo jede Nachforschung unmöglich sei, gekommen wären, so lachte Alexander und sprach: „das sind die Sophistereien des Aristoteles, mit denen sich gleich gut das Für und Wider beweisen läßt; aber wehe euch, wenn ihr den Leuten Unrecht gethan habt.“ Das Nähere über jene Beschwerden

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26) Pluf. Alex. 73. Arrian. VII. 18. — 27) Dieß ist aus der Erwähnung bei Diod. XVII. 113. klar.

 

571 so wie der Ausgang der Untersuchungen wird nicht berichtet. Auch von den Verhandlungen der Griechischen Legationen ist nichts weiter bekannt; jedoch ist es wahrscheinlich, daß, da bei den kurz vorher empfangenen Gesandschaften die örtlichen und Privatangelegenheiten meist nach den Wünschen der Betheiligten abgemacht, die Vorstellungen gegen die Zurückführung der Verbannten dagegen ein für allemal abgewiesen waren, jetzt besonders nur Glückwünsche wegen der Indischen Siege und der Heimkehr, so wie goldene Kränze nnd Danksagungen für die Aufhebung der Exile und andere Wohlthaten des Königs dargebracht wurden. Der König nahm sie mit vieler Huld entgegen, und entließ die Legationen mit Ehren und Geschenken für ihre Staaten, unter denen sich namentlich mehrere Götterstatuen, welche von Xerxes aus Griechenland fortgeschleppt waren, befanden 28).

Auch die örtlichen Angelegenheiten der großen Residenz mochten des Königs Anwesenheit verlängern; wenigstens wird überliefert, daß Alexander, nachdem er die von ihm angeordneten Bauten in Augenschein genommen und gesehen hatte, wie namentlich die Wiederherstellung des Belustempels fast ganz liegen geblieben war, sofort mit dem größten Eifer das Werk zu fördern befahl, und, da für den Augenblick die Truppen ohne wichtigere Beschäftigung waren, dieselben zum Baudienst commandirte. So arbeiteten zwanzig tausend Menschen zwei Monate hindurch, um nur erst die Trümmer ganz abzutragen und die Baustelle zu reinigen; die spätern Ereignisse hinderten den Beginn des eigentlichen Baues 29).

Endlich waren die Geschäfte so weit geordnet, daß Alexander die Stadt Babylon verlassen konnte; die Stromflotte, von Nearch

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28) Plut. 74. Arrian VII. 19. nennt besonders eine Artemis Euklaria (diese Emendation Ellendt’s scheint die beste) und die Heroenbilder des Harmodius und Aristogiton, deren Helmsendung ich nach Arrian III. 16. 13. bereits oben p. 232 erwähnt habe. — 29) Arrian VII. 17. 4. Strabo XVI. p. 336. Nach Mignan bezeichnet nicht der Nimrodsthurm, sondern Mujellibah die Stelle des Belustempels.

 

572 geführt, war aus dem Tigris durch den Persischen Meerbusen den Euphrat hinaufgekommen und lag unter den Mauern der Residenz; auch aus Phönicien waren die Schiffe angelangt; zwei Fünfruderer, drei Vierruderer, zwölf Trieren und gegen dreißig Jachten waren von den Werften Phöniciens zersägt über Land nach Thapsakus gebracht, dort wieder zusammengefugt und den Strom hinabgekommen; endlich hatte der König in Babylon selbst Schiffe zu bauen anbefohlen, und zu dem Ende, indem die Landschaft weit und breit keine andere Bäume als Palmen hat, die Cypressen, die sich in den königlichen Gärten von Babylon in großer Menge befanden, umhauen lassen. So wurde die Flotte bald auf bedeutenden Bestand gebracht; und da der Strom keine geeignete Hafenstelle hatte, so wurde unfern der Residenz ein großes Bassin ausgegraben, das Raum und Werften genug für tausend Schiffe darbot. Indeß kamen aus Phöncien und den übrigen Strandgegenden Matrosen, Zimmerleute, Kaufherren, Krämer in Schaaren herbei, um in Folge des königlichen Aufrufs mit den Schiffen die neue Handelsstraße zu benutzen, oder sich für den nächsten Feldzug auf die Flotte zu verdingen. Während dieser Rüstungen wurde Mikkalos von Klazomene mit 500 Talenten gen Phönicien und Syrien gesandt, um dort möglichst viele Strandbewohner und Schiffer anzuwerben oder auch zu miethen, und nach dem unteren Euphrat hinabzuführen; denn es war der Plan des Königs, die Küsten des Persischen Meerbusens und die Inseln in demselben mit Kolonien zu bedecken, um eines Theils durch diese den Verkehr in den südlichen Gewässern aufzubringen, andern Theils in ihnen eine Sicherung der Arabischen Küste zu haben.

Ueberhaupt war die Förderung und Sicherung des Verkehrs der hauptsächlichste Grund zu dem Arabischen Feldzuge, welchem die Rüstungen zunächst galten; denn einer Seits wußte Alexander von den vielen und eigenthümlichen Produkten dieses Landes, die er um so leichter in den großen Verkehr zu bringen hoffte, je ausgedehnter nnd hafenreicher das Küstenland der Halbinsel ist; anderer Seits war die weite Wüste von den Grenzen Aegyptens bis nahe bei Thapsakus und Babylon von Beduinenstämmen durchschweift, welche die Grenzen der anstoßenden Satrapien so wie die Landstraßen oft genug beunruhigten; wenn sie zur Unterwer573fung gezwungen wurden, so war außer der Sicherung der Grenzen und Straßen namentlich eine bei Weitem kürzere Verbindung zwischen Babylon und Aegypten gewonnen; es mußte dann vor Allem die Peträische Landschaft, so wie die Nordspitzen des rothen Meeres in Besitz genommen und colonisirt werden, es mußten sich an dieser Stelle die Landwege durch das Araberland mit dem Seewege um die Arabische Küste, dessen Entdeckung die nächste Absicht war, vereinigen.

Zu dem Ende waren bereits drei Schiffe den Strom hinab ins Meer gesandt worden. Zunächst kehrte Archias mit seiner Jacht zurück; er hatte südwärts von der Euphratmündung eine Insel30) gefunden, er berichtete sie sei klein, dicht bewaldet, von einem friedlichen Völkchen bewohnt, das die Göttin Artemis verehrte und in ihrem Dienst die Hirsche und wilden Ziegen der Insel ungestört weiden lasse; sie liege in der Nähe des Meerbusens der Stadt Gerra, von der aus die Hauptstraße durch das Innere Arabiens zum Rothen und Mittelländischen Meere führe, und deren Einwohner als betriebsame und reiche Handelsleute genannt würden. Alexander gab, seltsam genug, dieser Insel den Namen jenes Ikarus, der den kühnen Flug bis in die Sonnennähe gewagt und in den Wellen mit allzufrühem Tode gebüßt hat. Von der Insel Ikarus aus, berichtete Archias weiter, sei er südostwärts zu einer zweiten Insel gekommen, welche die Bewohner Tylos31) nannten; sie sei groß, weder steinig noch waldig, zum Feldbau geschickt und ein glückliches Eiland; er hätte hinzufügen können, daß sie in Mitten der unerschöpflichen Perlenriffe liege, von denen sich schon manche Sage unter den Macedoniern verbreitet hatte. Bald darauf kam die zweite Jacht, die Androsthenes geführt hatte,

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30) Unzweifelhaft irrt Arrian mit seiner Angabe über die Entfernung dieser Insel von der Euphratmündung in der Art, wie es Mannert bezeichnet: wenigstens ist Srabo XV. p. 381, dem ich in der Karte gefolgt bin, vollkommen klar. — 31) Nach Strabo XV. p. 382. lag Tylos oder Tyros eine Tagereise von dem Vorgebirge Maceta, zehn von Teredon (Diridotis) in den Euphratmündungen; freilich findet sich dort keine Insel, die man groß nennen könnte.

 

574 zurück; er war dicht an der Küste hinabgesteuert und hatte ein gutes Stück des Arabischen Strandes beobachtet. Am weitesten von den ausgesandten Jachten war die gekommen, welche der Steuermann Hieron aus Soli führte; er hatte Weisung erhalten, die ganze Halbinsel Arabien zu umschiffen und eine Einfahrt in den Meerbusen, der sich nordwärts bis wenige Meilen von Heroonpolis in Aegypten hinaufzieht, zu suchen; er hatte, obschon er einen bedeutenden Theil der Arabischen Gestade hinabgekommen war, nicht weiter zu gehen gewagt; er brachte die Nachricht, die Größe der Halbinsel sei außerordentlich und möchte der von Indien wohl gleich kommen; er sei südwärts bis zu einem Vorgebirge gekommen, das sich weit ostwärts in die offenbare See hinauserstrecke; die nackten und öden Sandufer möchten eine weitere Fahrt sehr erschweren32).

Während nun die Bauten in und um Babylon und die Arbeiten auf den Schiffswerften, das Ausgraben des Hafenbassins, das Abtragen des Belusthurmes, das ungeheure Gebäude des Scheiterhaufens für Hephästion rasch gefördert wurden, ging Alexander mit einigen Schiffen den Euphrat hinab, um die großen Deicharbeiten an dem Pallakopas zu besichtigen33). Dieser Kanal ist etwa sechszehn Meilen Stromfahrt unterhalb Babylon aus dem Euphrat gen Westen gegraben, und endet in einen See, der, von den Wassern des Stromes gespeist, sich längs der Gränze des Arabischen Landes südwärts in einer Reihe von Morästen bis

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32) Schon Mannert hat dieß Vorgebirge in dem Korondanum des Ptolemäus, dem heutigen Kuriat, wieder erkannt, und es scheint ein Irrthum des Onesikrit, wenn er gemeint hat, das sei dieselbe Landspitze (Maceta), die man bei der Fahrt von Indien her im Westen gesehen habe (Arrian Ind. 23). — 33) Dieser Kanal, dessen Namen Strabo, obschon er den Bau an demselben erwähnt, nicht nennt, scheint von Edrisi p. 304 bezeichnet zu werden, wenn er sagt: „Von dem Castell Ebn-Hobaira ergießt sich der Euphrat über die Landschaft Kufa, indem sich seine Ueberfülle in einen See sammelt.“ Dieser See Rumyah, der zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts noch nicht trocken lag, ist auf Rennels Karte von Babylonien genauer verzeichnet.

 

575 zum Persischen Meerbusen fortsetzt; der Kanal ist für die Landschaft von unberechenbarer Wichtigkeit; denn wenn im Frühlinge die Wasser des Stromes zu schwellen beginnen, und, während unter der Sommersonne der Schnee in den Armenischen Bergen schmilzt, immer mächtiger und höher hinabfluthen, so würde die ganze Landschaft der Ueberschwemmung ausgesetzt sein, wenn nicht dem Strom durch die Kanäle und besonders durch den Pallakopas ein Abfluß gegeben würde, der dann zugleich das Stromland schützt und den vom Strom entfernteren Gegenden die Segnungen der reichsten Wässerung bringt. Wenn aber der Euphrat mit dem Herbste wieder abnimmt, so ist es nothwendig den Kanal möglichst schnell zu schließen, weil sonst der Strom diesem kürzeren Wege, sich zu ergießen, folgen und sein Bette verlassen würde; die Arbeit wird dadurch außerordentlich erschwert, daß die Stelle des Ufers, wo der Kanal beginnt, losen Grund hat, so daß die Aufschüttungen selbst außerordentliche Mühe machen und dann doch nicht genügenden Widerstand gegen die ziemlich starke Strömung des Euphrat leisten; auch sind die Deiche des Kanals bei hohem Wasser stets der Gefahr, ganz zertrümmert zu werden, ausgesetzt, und es kostet ungeheure Arbeit, sie zu rechter Zeit zur Schließung des Kanals wieder herzustellen. So arbeiteten jetzt auf Befehl des Satrapen von Babylon zehntausend Menschen schon seit drei Monaten an diesen Deichen; Alexander fuhr nun hinab, die Arbeit zu besichtigen, er wünschte irgend eine Abhülfe dieses Uebelstandes zu finden. Er fuhr weiter stromab, um das Ufer zu untersuchen, er fand eine Stunde unterhalb der Kanalmündung einen felsigen Uferrand, der allen Erwartungen entsprach; hier befahl er einen Kanal durchzusprengen und ihn nordwestlich in das alte Bett des Pallakopas hineinführen, dessen Mündung dann für immer verdammt und verschüttet werden sollte; so, hoffte er, würde es eben so leicht sein, den Abfluß des Euphrat im Herbste zu sperren, wie ihn wieder mit dem Frühjahr zu eröffnen. Um sich weiter von der Natur dieser Gegenden westwärts zu überzeugen, fuhr Alexander zum Pallacopas zurück und durch diesen in den See an der Arabischen Grenze hinein; die Schönheit der Ufer, und noch mehr die Wichtigkeit dieser Gegend bestimmten ihn 576 hier eine Stadt anzulegen,34) welche zugleich den Weg nach Arabien hinein öffnete und Babylonien vor Ueberfällen der Beduinen zu schützen vermochte, da der See und die Moräste südwärts bis zum Meerbusen das Stromland decken. Der Bau der Stadt und der Befestigungen wurde sogleich begonnen und Griechische Söldner, theils Vetranen, theils Freiwillige, daselbst angesiedelt.

Indeß war in Babylon der Bau des Scheiterhaufens für Hephästion beendet und die Zeit gekommen, die großen Leichenspiele zu seinem Gedächtniß zu feiern; dieß und das Eintreffen der neuen Truppen machten des Königs Rückkehr in seine Residenz nothwendig; und der König, so wird erzählt, war um so weniger zurückzukehren bedenklich, da sich die bösen Weissagungen der Chaldäer bereits bei seiner neulichen, freilich nur kurzen Anwesenheit in Babylon als nichtig erwiesen zu haben schienen. So wurde die Rückfahrt beschlossen; auf derselben sollten die Gräber der früheren Babylonischen Könige, die in den Sümpfen erbaut waren, besucht werden. Alexander selbst stand am Steuer seines Schiffes und führte es in diesem durch Untiefen und Röhricht schwierigen Gewässer; ein plötzlicher Windstoß riß ihm die königliche Kausia, die er nach Macedonischer Sitte trug, vom Haupt, nnd während sich das Diadem von derselben lösete und hinweg flatternd in dem Röhricht bei einem alten Königsgrabe hangen blieb, sank sie selbst unter und ward nicht wieder gefunden; das Diadem aber zu hohlen, schwamm ein Phönicischer Matrose, der sich mit auf dem Schiffe befand, hinüber, und band es, um desto beuqemer schwimmen zu können, um seine Schläfe, – ein schweres Zeichen! das Diadem um eines fremden Menschen Haupt! Und die Wahrsager, die der König jetzt stets in seiner Nähe hatte, beschworen ihn, das Zeichen zu zerstören und den Unglücklichen zu enthaupten; Alexander aber ließ den Matrosen züchtigen, weil er

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34) Diese Stadt, die den Namen Alexandrien erhielt, lag wohl ungefähr an der Stelle des heutigen Mesjid Ali (Hira). Ich bemerke, daß Mignan auf dem Wege von Bagdad nach den Ruinen von Babylon an einem Kanale Trümmer fand, die gleichfalls den Namen Iskanderich trugen; die alten Schriftsteller kennen dort keine Stadt Alexanders.

 

577 des Königs Diadem gering genug geachtet, es um seine Stirn zu binden, er gab ihm ein Talent zum Geschenk, weil er schnell und kühn das Zeichen des Königthums zurückgebracht.35)

Bei seiner Rückkehr nach Babylon fand Alexander die neuen Truppen versammelt, die er erwartet hatte; Peucestas, der Satrap von Persien, hatte 20,000 Perser und außer diesen eine bedeutende Menge von Kossäern und Tapuriern, beides Völker, die mit den Persern an Kriegsruhm und Tapferkeit wetteiferten, herangebracht; eben so war von Karien her Philoxenus, von Lydien her Menander mit bedeutenden Truppenmassen gekommen, und Menidas führte den Reuterhaufen, den er in Sold genommen, heran. Der König empfing namentlich die Perser mit vieler Freude, er belobte den Satrapen wegen der schönen Haltung seiner Leute, und die Perser wegen der Bereitwilligkeit, mit der sie seinem und des Satrapen Aufruf gefolgt seien; dann bezeichnete er die neue und eigenthümliche Art, wie die neuen Truppen in die alten Phalangen einrangirt und diese selbst neu gestaltet werden sollten. Statt daß nemlich bisher die Phalanx aus sechszehn Gliedern Macedonischer Schwerbewaffneter bestanden hatte, sollten jetzt nur die ersten drei Glieder von diesen gebildet werden, dann zwölf Glieder Perser, theils Bogenschützen, theils etwas schwerer bewaffnete mit Jagdspeeren folgen, und wieder im letzten Gliede Macedonier in schwerer Bewaffnung stehen. Diese neue Anordnung veränderte die Macedonische Art des Kampfes vollkommen. 36)

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35) So berichtete Aristobul. (Arrian VII. 22); andere Schriftsteller sagen, der Matrose sei wirklich hingerichtet worden; noch andere berichten, Seleukus habe das Diadem geholt und um seine Schläfe gewunden, ein großes Zeichen der Macht, die er einst gewinnen sollte. — 36) Arrian VII. 23. 4. sqq. Sonderbarer Weise ist diese Neuerung des großen Königs stets übergegangen worden, und dennoch darf man behaupten, daß sie in der Geschichte der Taktik eine der merkwürdigsten Erscheinungen ist; sie verbindet alle Vorzüge der Legion mit denen der früheren Phalanx; Festigkeit, Massenwirkung, Beweglichkeit, und vor Allen für die leichten

 

578 Die Phalanx, unüberwindlich den Asiatischen Völkern gegenüber, war auf eine Weise umgestaltet, wie sie damals nur unter den Völkern Italiens ausgebildet bestand und sich im Kampfe gegen den Epirotenkönig bewährt haben mochte. Dieß schon mußte auffallen; dazu kamen die mannichfachen Gerüchte unter den Truppen, daß in die Provinzen des Mittelmeeres Befehle zur Rüstung unzähliger Schiffe gesandt seien, und daß der König einen großen Eroberungskrieg gen Italien, Sicilien, Iberien und Afrika zu machen beabsichtige. So schien es in der That, als ob, während die Flotte gegen die Küstenländer Arabiens in See gehen sollte, das Landheer durch Arabien oder auf welchem Wege sonst gen Westen marschiren und die Barbaren des Abendlandes, die Feinde des Griechenthums in Afrika und Italien zu unterwerfen ausziehen würde.37)

Das Einrangiren der neuen, namentlich Persischen Truppen leitete Alexander selbst, von der ganzen Asiatischen Pracht seines Hofes umgeben; es geschah im königlichen Garten, der König saß auf dem goldnen Thron, geschmückt mit dem Diadem und dem königlichen Purpur; zu beiden Seiten die Getreuen auf niedrigeren Sesseln mit silbernen Füßen; hinter diesen in gemessener Entfernung die Eunuchen, nach morgenländischem Brauch mit gekreuzten Armen, in Medischer Tracht; Schaar auf Schaar zogen dann die neuen Truppen vorüber, wurden gemustert und an die Phalangen vertheilt. So mehrere Tage; an einem derselben war der König, von den Anstrengungen ermüdet, vom Throne aufgestanden, und, nachdem er Diadem und Purpur auf demselben zurückgelassen, zu einem Bassin im Garten gegangen, um ein Bad zu nehmen; nach der Hofsitte folgten die Getreuen, während die Eunuchen stumm und unbeweglich an ihren Plätzen blieben. In kurzer Frist kam nun ein Mensch daher, schritt ruhig durch die Reihen der Eunuchen, die ihn nach Persischer Sitte nicht hindern durften, stieg die Stufen des Thrones hinauf, schmückte sich mit

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Truppen Sicherung und schnellste Verwendbarkeit, das sind die Vorzüge der neuen Aufstellung, die freilich nie Gelegenheit finden sollte, sich im Gefecht zu bewähren. — 37) Das darf wohl aus Diod. XVIII. 4. entnommen werden.

 

579 dem Purpur und Diadem, setzte sich an des Königs Stelle und blickte stier vor sich hin; die Eunuchen aber zerrissen ihre Kleider, sie schlugen sich Brust und Stirn und wehklagten über das furchtbare Zeichen. Gerade jetzt kam der König zurück, er sah mit Entsetzen den Menschen im Königsschmuck auf dem Thron; er befahl den Unglücklichen zu fragen, wer er sei, was er wolle? Der blieb regungslos sitzen, sah stier vor sich hin; endlich sprach er: „Ich heiße Dionysius und bin von Messene; ich bin verklagt und in Ketten vom Strand hierher gebracht; jetzt hat der Gott Serapis mich erlös’t und mir geboten, Purpur und Diadem zu nehmen und still hier zu sitzen.“ Er ward auf die Folter gebracht, er sollte bekennen, ob er verbrecherische Absichten hege, ob er Genossenhabe; er aber blieb dabei, es sei ihm von dem Gott geheißen. Man erkannte, des Menschen Verstand war gestört; die Wahrsager forderten seinen Tod 38).

Es mochte im Mai des Jahres 323 sein, die Stadt Babylon war voll kriegerischen Lebens, die Taufende der neuen Truppen, voll Begier nach dem Feldzuge, in dem sie ihre erste Waffenprobe machen sollten, übten sich, in der neuen Ordnung zu fechten; die Flotte die bereits unter Tau und Segel war, lief fast täglich, unter ungeheurem Zulauf von Zuschauern aus der Residenz, von ihrer Station aus, um sich im Steuern und Rudern zu üben; der König selbst war meist zugegen und vertheilte an die Sieger im Steuern Lob und goldene Kränze.39) Man wußte, daß demnächst der Feldzug eröffnet werden würde; man glaubte, daß sich an die Leichenfeier für Hephästion die üblichen Opfer und Gastmähler anschließen würden, bei denen der König den Beginn der neuen Kriegsoperationen zu verkünden pflegte.

Unzählige Fremde waren zu der Feier herbeigeströmt, unter diesen namentlich viele Gesandtschaften aus Griechenland, die in Folge der Beschlüsse, dem Könige göttliche Ehre zu erweisen,

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38) Arrian VII. 24 nach Aristobul, Diodor. XVII. 116. Plutarch. 74 mit einzelnen Abweichungen; diese Geschichte begab sich wenige Tage vor den Opfern, die das Ende des Mai ausfüllten. — 39) Arrian VII. 23. 7.

 

580 den Charakter von heiligen Theoren angenommen hatten, als solche vor dem Könige erschienen und anbetend nach Hellenischem Brauch die goldenen Kränze weihten, mit denen die Staaten der Heimath den Gott König zu ehren wetteiferten. Dann kehrten auch des Königs Theoren aus dem Ammonium zurück, die angefragt hatten, wie der Gott gebiete, daß Hephästion geehrt werde; sie brachten die Antwort, man solle ihm wie einem der Heroen opfern. 40) Nach Empfang dieser Botschaft befahl der König, die Todtenfeier und die ersten Opfer für den Heros Hephästion zu begehen 40a).

Es war ein Theil der Mauern Babylons abgetragen, dort erhob sich in fünf Absätzen, bis zu einer Höhe von zweihundert Fuß emporgethürmt, das Prachtgebäude des Scheiterhaufens, zu dem der König zehntausend Talente bestimmt, die Freunde, die Großen, die Gesandten, die Babylonier zweitausend Talente hinzugefügt hatten; das Ganze leuchtete von Gold und Purpur, von Gemälden und Bildhauerwerken, auf der Höhe des Gebäudes standen Sirenenbilder, aus denen herab die Trauerchöre für den Todten erklangen. Unter Todtenopfern, Trauerzügen und Klagegesängen ward der Scheiterhaufen den Flammen übergeben; Alexander war zugegen, vor seinen Augen sank das wundervolle Werk in Flammen lodernd zusammen, und ließ nichts zurück als Zerstörung und Oede und Trauer um den Verlornen. – Dann folgten die Opfer zu Ehren des Heros Hephästion; Alexander selbst weihte dem erhöhten Freunde die ersten Spenden, zehntausend Opferstiere wurden zu seinem Gedächtniß geopfert und an das gesammte Heer, das der König zum Festmahl geladen, vertheilt.

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40) Die Schilderung des Scheiterhaufens, wie sie sich bei Diodor findet, ist zu wenig technisch, um danach eine Zeichnung des Gebäudes mit einiger Sicherheit entwerfen zu können; die berühmten Entwürfe von Quatremère de Quincy sind alles, nur nicht im Geist der Hellenischen Architektur. — 40a) So nach Arrian VII. 23. 8; dagegen sagt Diod. XVII. 115, daß das Ammonium göttliche Ehre zu weihen und ihn als πάρεδρος (emendirt aus Lucian. de cal. non cred. 17) anzuflehen geboten habe; für das

 

581 Andere Festlichkeiten füllten die nächsten Tage; der König opferte, denn schon war der Tag zur Abfahrt der Flotte und zum Beginn des Arabischen Feldzuges bestimmt, den Göttern, denen er pflegte, in üblicher Weise; er opferte dem guten Glücke, er opferte nach der Weisung seiner Wahrsager auch denen Göttern, die dem Uebel wehren. Und während das gesammte Heer bei dem Opfermahl und dem Weine, den der König spendete, fröhlich war, hatte er die Freunde bei sich zum Abschiedsmahle versammelt, das er seinem Admiral Nearchus gab. Dieß war am 30. Mai gegen Abend; als die meisten Gäste schon hinweg

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erste spricht auch die Angabe, daß Kleomenes von Aegyten dem Verstorbenen ein Heroon in Alexandrien und ein anderes auf der Insel Pharos errichtete; die Nachricht hiervon und von andern Ehrenbezeigungen, die der Satrap für Hephästion erfunden, sandte er an den König, dessen Zorn er wegen mehrerer Bedrückungen fürchtete, und erhielt ein höchst ehrenvolles Dankschreiben von Seiten Alexanders, in dem es unter andern hieß: „wenn ich höre, daß du die Heiligthümer Aegyptens gut besorgst und namentlich für das Heroon des Hephästion sorgst, so will ich das frühere Unrecht vergessen und wegen dessen, was du noch künftig verfehlst, sollst du von mir nichts Leides erfahren.“ Selbst Arrian fällt über diese Antwort des Königs ein hartes Urtheil, und in der That, wenn Alexander durch nichts als das Wohlgefallen an jenen Ehren des Hephästion bestimmt worden wäre, müßte man erstaunen, in ihm einen Fürsten des gewöhnlichen Schlages zu sehen. Ich bin überzeugt, daß tiefere Gründe obwalteten: jedenfalls war Kleomenes ein ausgezeichneter Finanzier und ein höchst brauchbarer VerwaltungsBeamter; seine Satrapie war für die zunächst bevorstehenden Feldzüge von der höchsten Wichtigkeit, und er, im Aegyptischen Lande geboren, kannte das Land wie kein anderer; ja vielleicht machten es die Verhältnisse unmöglich, ihn zur Rechenschaft zu ziehen, vielleicht hätte ein Zeichen königlicher Ungnade genügt, ihn zur Flucht zu veranlassen und die großen Schätze, die er gesammelt, wären der Satrapie und dem Königthume entrissen gewesen. Diese Dinge liegen auf der Oberfläche; wie viele geheimere und eigenthümlichere Verhältnisse können noch obgewaltet haben, das Schreiben des Königs nothwendig zu machen.

 

582 waren, kam der Thessaler Medius, der Freunde einer, und bat den König, noch einer kleinen Gesellschaft bei ihm beiwohnen zu wollen, es werde ein heiteres Gelag sein. Alexander hatte den biederen Medius sehr gern, er ging mit ihm; die Fröhlichkeit der vertrauten Männer heiterte auch ihn auf; er trank ihnen der Reihe nach zu; gegen Morgen trennte man sich, man versprach sich am nächsten Abend wieder zu finden. 41)

Alexander ging heim, badete, und schlief bis spät am Tage; zur Abendtafel ging er wieder zu Medius, und man trank wieder fröhlich bis tief in die Nacht. Unwohl kehrte der König zurück; er badete, aß ein Wenig und legte sich fiebernd zur Ruhe. Am Morgen des 1. Juni erwachte er sehr unwohl; durch die vielen Gemüthsbewegungen der letzten Zeit und überdieß durch die Gelage, die in den letzten Tagen schnell auf einander gefolgt waren, für eine Krankheit nur zu empfänglich, ward er von dem Fieber außerordentlich angegriffen; er mußte sich auf seinem Lager zum Altare tragen lassen, um dort das Morgenopfer, wie er jeden Tag pflegte, zu halten; dann lag er im Männersaale auf dem Ruhebett, ließ die Generale vor sich kommen und gab ihnen die nöthigen Befehle für den Aufbruch; das Landheer sollte am 4. Juni aufbrechen, die Flotte dagegen, mit der er selbst fahren werde, den Tag darauf. Dann ließ er sich gegen Abend auf seinem Lager zum Euphrat hinabtragen, bestieg ein Schiff und fuhr über den Strom zu den Gärten jenseits; dort nahm er ein Bad und brachte unter Fieberschauern die Nacht zu. Am anderen Morgen nach dem Bade und dem Morgenopfer ging er in sein Kabinet und lag dort den Tag über auf dem Ruhebett; Medius war bei ihm und suchte ihn mit Gesprächen aufzuheitern; der König beschied die Anführer für den nächsten Morgen vor sich; nachdem er wenig zur Nacht

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41) Plutarch. Alex. 75. Athen. X. p. 432. Arrian VII. 24. Ich erwähne hier die unsinnige Muthmaßung, daß Alexander bei Medius Gift, das Aristoteles angegeben und Kassander gebracht, erhalten habe; ich werde in der Geschichte der Diadochen Gelegenheit haben, die Entstehung dieser Sage näher zu erörtern.

 

583 gegessen, legte er sich zur Ruhe; das Fieber nahm zu, des Königs Zustand verschlimmerte sich; die ganze Nacht durch war er ohne Schlaf. Am Morgen des 3. Juni nach dem Bade und dem Opfer wurde Nearch und die übrigen Offiziere der Flotte vorgelassen; der König eröffnete ihnen, daß seiner Krankheit wegen die Abfahrt um einen Tag verschoben werden müsse, daß er jedoch bis dahin so weit wieder hergestellt zu sein hoffe, um den 6. Juni zu Schiffe gehen zu können. Er blieb im Badezimmer; Nearch mußte sich an sein Lager setzen und von seiner Fahrt auf dem Ocean erzählen; Alexander hörte mit Aufmerksamkeit und großem Vergnügen zu, er freute sich, bald ähnliche Gefahren selbst zu durchleben. Indeß verschlimmerte sich sein Zustand, die Heftigkeit des Fiebers mehrte sich mit jeder Nacht; denoch berief er am Morgen des 4. Juni nach dem Bade und Opfer die Officiere der Flotte, und befahl, auf den 6. Alles zu seinem Empfang auch der Flotte und zur Abfahrt bereit zu halten. Nach dem Bade am Abend stellte sich das Fieber heftiger als bisher ein, und des Königs Kräfte schwanden sichtlich; es folgte eine schlaflose, quaalvolle Nacht. Am Morgen ließ sich Alexander im heftigsten Fieber hinaus vor das große Bassin tragen und hielt mit Mühe das Opfer; dann ließ er die Officiere vor, gab noch einige Befehle über die Fahrt der Flotte, besprach sich mit den Generalen über die Besetzung einiger Officierstellen, und übertrug ihnen die Auswahl der zu Befördernden mit der Ermahnung, streng zu prüfen. Es kam der 6. Juni, der König lag schlecht darnieder, er ließ sich dennoch zum Altare tragen und opferte und betete, er befahl, daß die Abfahrt der Flotte verschoben würde. Es folgte eine traurige Nacht; kaum vermochte der König am andern Morgen noch zu opfern; er befahl, daß sich die Generale in den Vorzimmern der [sic] Schlosses versammeln, daß die Hauptleute und Officiere im Schloßhofe beisammen bleiben sollten. Er selbst ließ sich aus den Gärten zurück in das Schloß tragen. Mit jedem Augenblick ward er schwächer; als die Anführer eintraten, erkannte er sie zwar noch, vermochte aber nicht mehr zu sprechen. Diese Nacht, den folgenden Tag, die folgende Nacht währte das Fieber, der König lag sprachlos.

584 Der Eindruck, den des Königs Krankheit im Heere und in der Stadt hervorbrachte, ist nicht zu beschreiben; die Macedonier drängten sich um das Schloß, sie verlangten ihren König zu sehen, sie fürchteten, er sei schon todt und man verhehle es; sie ließen mit Weheklagen, mit Drohungen und Bitten nicht ab, bis man ihnen die Thür öffnete; sie gingen dann alle nach einander bei ihres Königs Lager vorbei, und Alexander hob das Haupt ein Wenig, reichte jedem die Rechte und winkte mit dem Auge seinen Veteranen den Abschiedsgruß. Denselben Tag, es war der 10. Juni, gingen Pithon, Pencestas, Seleukus und Andere in den Tempel des Serapis und fragten den Gott, ob es dem Könige besser sei, wenn er sich in den Tempel des Gottes bringen lasse und zu dem Gotte betete; ihnen ward die Antwort: „Bringet ihn nicht, wenn er dort bleibt, wird ihm bald besser werden.“ Und Tages darauf, am 11. Juni gegen Abend, starb Alexander. 42)

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42) So nach den authentischen Tagebüchern, die von Eumenes und Diodotus verfaßt waren; wenn Aristobul den 13. Juni bezeichnete, so scheint er entweder geirrt oder minder genau geschrieben zu haben. Die vielgerühmten Reden, die der König auf seinem qualvollen Sterbebett gehalten haben soll, sind nicht von historischer Wahrscheinlichkeit; oder würde er bei der Frage, wer ihn beerben sollte, im Angesicht des Todes mit etwas frostiger Emphase „der Würdigste“ gesagt, und nicht lieber, wenn er noch an das Irdische denken und darüber sprechen konnte, eine klare und verständige Antwort, von der das Wohl einer Welt abhing, gegeben haben? Andere noch unsinnigere Dinge, die aus dem Sterbenden einen Theaterhelden machen, übergehe ich. Nach einer Sage war Roxane in den letzten Tagen um Alexander. –

 

 

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