193 Über Zeichnungen zu Gedichten

und

John Flaxman’s Umrisse.

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Nichts ist gewöhnlicher unter uns als Kupferblätter und Blättchen zu Gedichten, besonders zu Schauspielen und Romanen, theils zu den Ausgaben derselben, theils zu Taschenbüchern in den kleinsten Formaten. In solchen embryonischen Geburten erschöpft sich die Kunst, und bringt selten etwas reiferes und ausgewachsenes hervor. Dieser Geschmack ist wohl schwerlich irgendwo so herrschend geworden, und hat sich zu einer Art von System ausgebildet, als in Deutschland. Den Italiänern liegt ein größerer Maaßstab für Kunstwerke zu nahe, als daß das Zwerghafte und Kleinliche viel Eingang bey ihnen finden könnte. Die Engländer haben die Verzierung mit Kupfern, wie überhaupt den typographischen Luxus, mehr ins große getrieben, und be194stechen wenigstens durch mechanische Sauberkeit und Eleganz das Auge.

 

Aber wer wird unsern Kupferblättchen eine so verwerfliche Absicht Schuld geben, schnöde wie sie meistens hingekratzt sind? Dann die ungünstige Oktavform. Skizzen darin zu machen, wäre ein gutes Studium zu solchen Altarblättern, wo der Mahler wenig Breite hat, und in eine unverhältnißmäßige Höhe gehen muß. Und endlich: was stellen sie gewöhnlich zur Schau? Figuren und Szenen, die einem gebildeten Menschen in der Wirklichkeit sehr gleichgültig seyn müßten, oder denen er gern aus dem Wege ginge, wenn es wegen ihrer unendlichen Alltäglichkeit nur möglich wäre. In der That, es wird darauf gerechnet, daß bey weitem die Meisten, für welche diese Arbeiten bestimmt sind, in ihrem Leben kein ordentliches Kunstwerk gesehen haben: denn wiewohl manche Stadt Deutschlands herrliche Schätze der Kunst verwahrt, so reisen die Deutschen doch selbst in ihrem Vaterlande zu wenig, um diese Gelegenheit zu benutzen. Wie müßte einem zu Muthe werden, der in seiner demüthigen Abgeschiedenheit jenes Gekritzel in den Almanachen immer für die edle Zeichen- und Mahlerkunst gehalten hätte, und auf einmal in eine Gallerie, oder auch nur in ein Zimmer voll großer und schöner Kupferstiche träte. Aber soll nicht Kunstsinn und Kunstliebe einstweilen durch kleine Reize angeregt werden? Der dürftige Bücherzierrath ist dazu ungefähr eben so tauglich, als Heiligenbilder, aus Marzipan gebacken, die Kinder zur Religiosität vorzubereiten.

195 Das ist die eine Seite der Sache: aber wenn man bedenkt, an was für Bücher und Dichtungen (wenn sie so heißen können) die Zeichner der Kupferstiche größtentheils gebunden sind, so wird man sie nicht nur entschuldigen, sondern finden, daß sie die traurigsten Aufgaben oft mit ungemeiner Geschicklichkeit ausgeführt. Menschenkenntniß, Psychologie und Moral waren die herrschenden und anerkannten Prinzipe, besonders des Romans. Neuerdings hat es verlauten wollen, die Poesie wäre eine schöne Kunst, und die Romane gehörten so zu sagen mit zur Poesie. Da sind nun manche Beurtheiler in Verlegenheit, die jene alte Losung des Lobspruches nur noch in den Bart hinzumurmeln wagen, und doch schlechterdings nicht wissen, was an einem Roman zu loben seyn kann, wenn es nicht die Menschenkenntniß, die Psychologie und die Moral ist. Auch giebt es noch viele edle Gemüther, die den unnützen Genuß des Schönen und Geistreichen entweder für sündlich halten, oder gar keinen Begriff davon haben. Was blieb also den Zeichnern übrig, als mit den Schriftstellern in ihrer eignen Gattung zu wetteifern? Und welche Wunder von Psychologie haben sie in den engsten Raum zusammengedrängt! Einem zollhohen Figürchen konnte man seine ganze Erziehung ansehen, alles was es im Leben gethan und gelitten hatte. Hier konnte man recht eigentlich sagen, daß die geheimsten Triebfedern der menschlichen Seele auf der Breite eines Haares schweben. Zweifelt noch jemand, daß die Tugend glücklich, das Laster aber höchst elend macht? Man hält ihnen ein Taschenbuch entgegen, worin der Kupferstecher die irdische Laufbahn 196 beyder in einer Folge von Blättchen verzeichnet hat. Nach Art der poetischen wurde eine schreckliche Grabstichel-Gerechtigkeit gehandhabt. Wir haben Kupferstiche zur Clarissa erhalten, wo die alte Kupplerin auf dem Todbette wirklich schon in ein Meerungeheuer verwandelt scheint. Bloß die Höllenfahrt fehlt noch. Mit Unrecht: denn von allen Argumenten gegen das Laster bleibt das von den höllischen Flammen immer das entscheidendste.

Freylich haben unsre Zeichner bey dieser unkünstlerischen Tendenz eine frühere, ausländische, und also um so ansehnlichere Autorität für sich: ich meyne Hogarth. Die ausschweifende Schätzung dieses berühmten Mannes in seinem Vaterlande darf uns nicht über den wahren Werth seiner Werke verblenden. In England bewundert man hauptsächlich mit Guineen, und wenn nun einen wohlmeynenden Reichen die baare Bewunderung in der Tasche brennt, so ist es nicht zu verwundern, daß er sie rechts und links ohne Urtheil ausstreut. Ueberdies hat die Englische Nazion so wenig große einheimische Talente in den zeichnenden Künsten aufzuweisen, daß sie auf die wenigen natürlich einen desto stärkeren Nachdruck legt. Sein künstlerisches Unvermögen, seine Blindheit für das Höchste unter dem Sichtbaren, die Schönheit, hat Hogarth selbst durch seine angebliche Zergliederung derselben unwiderleglich dargethan. Man könnte übrigens zugeben, er sey ein ausgezeichneter Kopf gewesen, und ihn doch für einen herzlich schlechten Mahler halten. Der geistvolle Walpole, der, bey aller Vorliebe für Hogarth, sehr wohl einsah, wo es ihm fehlt, scheint ihm 197 noch zu viel zuzugestehen, wenn er ihn mehr für einen Komödienschreiber mit dem Pinsel als für einen Mahler angesehen wissen will. Komödien sollten lustig seyn. In Hogarth’s Bildern ist alles häßlich und unpoetisch, oft die ekelhafteste Anatomie moralischer Verwesung. Keine leichte Jovialität, nichts von jener absoluten Willkühr, die den darstellenden Geist über die Unsittlichkeit und Niedrigkeit des Dargestellten in eine reinere Region erhebt, und die scherzende Frechheit der alten Komödie so erhaben macht. Man erklärt uns mühsam alle Absichten und Anspielungen, man weist uns mit Fingern darauf hin, damit wir es auch ja merken, was hier zu bewundern ist. Ich für mein Theil, wenn ich Witz besäße, und zwar solchen, der nicht erst durch einen Vorsatz herausgedrückt zu werden braucht, sondern eine überströmende Ader, die sich in gleichsam elektrischen Schlägen ihrer Fülle entledigt, so wollte ich ihn schon besser anwenden, als zu einem weitläuftigen Kommentar über die schwerfällige satirische Prosa des Engländischen Mahlers. Doch das Kommentiren haben die Deutschen nun einmal in der Art, selbst die witzigen.

Hogarth wurde Vorbild und zum Theil Quelle für die unzähligen Karikaturenzeichner, die sich vor dem Fehler der moralischen Zwecke ziemlich zu hüten wissen. Da sie für die Volksbelustigung arbeiten, so bemühen sie sich bestens komisch zu seyn, und wenn das Behagen an eigner Laune dazu hinreichte, wären sie es auch gewiß. Leider sind aber ihre Ausgeburten großentheils plumpe Einfälle mit plumper Hand ausgeführt: man muß eben den Ergötzlichkeiten des Geistes nur zur Erleichterung 198 der Verdauung obliegen, um sie witzig zu finden. In Frankreich erzeugte zu Anfange der Revoluzion die damals noch herrschende Anglomanie ebenfalls Karikaturen; ich erinnere mich einiger, die von Seiten des Einfalls leicht die meisten Englischen aufwiegen mochten. Ich bin nicht unterrichtet, wie weit dieses Feld der politischen Betriebsamkeit seitdem angebaut worden, oder ob die große Republik auch von dieser Seite noch nicht liberal genug ist, um sich selbst zum Besten zu haben. Fast sollte man das letzte glauben, da ein Journal, das uns mit feuerfarbner Unpartheylichkeit berichtet, was in den beyden Hauptstädten Europa’s vorgeht (mitunter auch, was dort geklatscht wird), meistens nur Londonsche Karikaturen auf Deutschen Boden verpflanzt und à la Hogarth kommentirt.

Bey den Zeichnungen zu Dichtern sind die Engländer in den neuesten Zeiten aus der Hogarthschen psychologischen Gattung in das entgegengesetzte Äußerste gegangen. Flache Manier ist überhaupt das Wesen ihrer modigen Kunst, und Effekt ihr Ziel. Weit entfernt, die Züge zu einem individuellen Charakter hundert Originalen in der Natur abzulauschen, haben viele Englische Mahler im Sinne und in der Hand nur ein einziges Gesicht, das bloß nach Maaßgabe des Alters und Geschlechts ein wenig modifizirt wird, oder auch wenn ein Tyrann vorkommt, der die Augenbrauen stark herunterziehen muß. Wie man versichert, ist die theatralische Darstellung Shakspeares in England jetzt sehr manierirt: aber die Kupferstich-Gallerie zum Shakspeare überagirt wirklich den Akteur. Es giebt auch Deutsche 199 Sachen in diesem Geschmack. Andern, z. B. den Szenen aus dem Doolin von Kininger und John, thäte man Unrecht, sie anders als mit den besseren Englischen Produkten zu vergleichen.

Im Ganzen bleibt es aber bey der einmal genommenen Wendung, und ich habe die gegründete Klage führen hören: die Gedichte würden durch begleitende Kupferstiche prosaisch; eine Gefahr, wovor freylich die sogenannten beliebten Romane gesichert sind. Aber wie mißglückt es meistens, wenn einmal die Reihe Szenen in die Taschenbücher zu liefern auch solche Dichtungen trifft, die nicht bloß den zärtlichen Herzen gelten. Was soll man dazu sagen, wenn Chodowiecky in Herrmann und Dorothea nichts als Ochsenköpfe und aufgeworfene Nasen sieht? Die Grazien einer gewissen Philine auf dem Sopha scheinen mir an einem ganz andern Ort zu Hause zu seyn, als im Wilhelm Meister; nur daß man selbst in den Winkeln einer verfeinerten großen Stadt noch mehr äußere Anständigkeit erwarten dürfte. Allein ich gestehe gern, darüber nicht kompetent zu seyn: man sollte den Prediger Jenisch befragen, der, wie bekannt, ein eignes Buch über Philinens Philinität geschrieben hat, ob er sie hier getroffen findet.

Auch was die Wahl der Szenen betrifft, sieht man in diesem Fache ganz eingelernte Zeichner nicht selten im Blinden tappen. Einige glauben nicht fehl treffen zu können, wenn sie nur eine edle Handlung wählen. Schon Hagedorn, der sonst im Praktischen so einsichtsvoll ist, giebt diesen Rath, und sucht mit solchen sentimentalen Grundsätzen dem derben aber wahrhaft künst200lerischen Realismus der Niederländischen Mahler zu begegnen, die sich bey dem Gewühl eines Jahrmarktes, einer Bauernhochzeit, oder eines Strandes, wo Waaren abgeladen werden, um alle großmüthigen Aufopferungen in der Welt nichts kümmern. Und mit Recht! Denn wenn sich eine edle Handlung mahlen ließe, so wäre es eben keine edle Handlung. Die Schwierigkeit, das Eigenthümliche des Gedichtes darzustellen, verleitet andre Male dazu, etwas ganz unbedeutendes herauszugreifen. In einem Taschenbuchsblättchen zu Vossens Luise läuft sie am Arme ihres Bräutigams, um den Kahn zu erreichen, woraus ihnen der Vater zuruft: Ehrbar, Kinder, und sacht! Allerdings, die laufende Atalanta mit dem Hippomenes wäre ein schöner Gegenstand für den Mahler: warum nicht auch Luise Blum mit dem Kandidat Walter. Den kleinen Grafen kann man sich als Amor hinterdrein stolpernd denken.

Eigen ist es, daß die Kupferstich-Liebhaberey sich so besonders auf den Roman gerichtet hat. Und nicht bloß unter uns: auch auf Englischen Blättern sieht man Lotte im Werther Butterbrodt schneiden. Bey keiner Dichtart ist doch die Sache so bedenklich, als gerade bey dieser. Daß sie gewöhnlich das Kostum des Tages fodert (ein Umstand, wegen dessen der Dichter sich auch vor allzu bestimmter Angabe der Kleidungen zu hüten hat, und nur das erwähnen darf, was in der Mode ewig und allgemein gültig ist, wie blaßrothe Schleifen, weiße Neglige’s, Strohhüte und dergleichen), und daß die so bald veralteten Trachten hernach eine Störung verursachen, ist noch das geringste. Ein Roman könnte 201 vortrefflich seyn, und keinen einzigen tauglichen Moment für die mahlerische Darstellung enthalten. Es würde hingegen keine sonderliche Tiefe verrathen, wenn sich alles darin sichtbar machen ließe. Grade das bedeutendste kann oft in der äußern Erscheinung am wenigsten mit Evidenz hervortreten. Der Roman ist bestimmt, die zarteren Geheimnisse des Lebens, die nie vollständig ausgesprochen werden können, in reizenden Sinnbildern errathen zu lassen. Die Poesie schmiegt sich hier vertraulich an die Wirklichkeit an, und haucht ihr eine höhere Seele ein. Es ist nicht mehr die bloße Wirklichkeit, aber sie soll es noch scheinen. Es giebt keine Brücke, die den bildenden Künstler aus seinem Gebiet in den Mittelpunkt einer solchen Dichtung hinüberführen könnte, und so sollte er sich auch für zu gut halten, um an ihren äußersten Gränzen herumzuschleichen.

Wo der Dichter dem Zeichner eigentlich die Hand bietet, wo bestimmter Umriß und Gruppirung für die Fantasie ist, wo sich schöne kräftige Gestalten, nicht von zweifelhafter oder verwickelter Deutung, in idealischem Kostum entschieden bewegen: da wird der Wink selten verstanden und benutzt. Welch eine Reihe von Bildern ließe sich nach dem neuen Pausias und seinem Blumenmädchen entwerfen! Das Getümmel des Gastmahls könnte von der ruhigeren Gruppe des Sängers und seiner Geliebten eingefaßt werden, wie er von ihren Blumenketten umstrickt ihr zu Füßen sitzt; und selbst in dieser Gruppe würde der empfindsame Blick eine Mannichfaltigkeit von Wendungen und Abstufungen sehn, die ohne Wiederhohlung in mehrern Bildern ent202faltet werden könnte. Nur auf so gar winzigen Blättchen müßte es nicht geschehen, das versteht sich. Von diesen und für diese ist kein Heil zu hoffen, und man möchte sie also nur ein für allemal den Kinderfibeln überlassen.

Daß das Gedicht des Zeichners über das Poëm des Dichters nicht vollständig verstanden werden kann, ohne daß man sich an dieses erinnert, ist wohl kein hinreichender Grund, die Gattung ganz zu verwerfen. Ein scharfsinniger Kenner hat vor kurzem auf die so oft vernachläßigte Foderung gedrungen, daß jedes Kunstwerk sich selbst ganz aussprechen soll, und treffend die Wahl solcher Gegenstände gerügt, bey denen grade das, worauf ihre Wirkung beruht, erst von dem Beschauer hinzugedacht und in das Bild hinein gelegt werden muß. Aber die Freyheit, manchen Umstand als bekannt vorauszusetzen, auf den er nur anspielen kann, wird doch dem Künstler bleiben müssen, wenn er nicht gar zu enge eingeschränkt werden soll. Ein solcher Kreis von Mythen oder Legenden ist dann als das gemeinschaftliche Gedicht eines Volkes oder Zeitalters zu betrachten, womit man die Bekanntschaft jedem Einzelnen zumuthet. Eben jener Kunstrichter hat den Begriff eines Cyklus von Gemählden sehr belehrend ins Licht gesetzt, und giebt zu, daß in der cyklischen Form Auftritte vorkommen dürfen, die erst durch vorhergehende oder folgende ihre volle Deutung erhalten. Da, wo nicht unabhängige und ausgeführte Werke aufgestellt werden sollen, sondern wo eine Kunst nur einen Theil ihrer Mittel gebraucht, um sich mit einer andern zu verbrüdern, er203streckt sich die Befugniß natürlich noch weiter. Warum sollte es nicht eine pittoreske Begleitung der Poesie, nach Art der musikalischen, geben können? Je stätiger sie wäre, je liebevoller der Zeichner das Ganze des Gedichts umfaßte, desto kühner dürfte er auch werden, desto mehr sich mit ganzer Seele auf die Seite werfen, wo er reich und mächtig ist, und den Dichter für das Übrige sorgen lassen. So erhielte man das seltene aber entzückende Schauspiel des Zusammenwirkens zweyer Künste, in Eintracht und ohne Dienstbarkeit. Der bildende Künstler gäbe uns ein neues Organ den Dichter zu fühlen, und dieser dollmetschte wiederum in seiner hohen Mundart die reizende Chiffersprache der Linien und Formen.

 

Ein Englischer Bildhauer, John Flaxman, hat diese Idee in zahlreichen Sammlungen von Umrissen zu Dante’s göttlicher Komödie, zur Ilias und Odyssee, und zu den Tragödien des Äschylus, mit so viel Verstand, Geist, und klassischem Schönheitssinne ausgeführt, daß man ihn in seiner Gattung Erfinder nennen, und wünschen muß, er möge bald glückliche und selbständige Nachfolger darin finden. Diese Werke führten mich durch den Gegensatz mit der herrschenden einheimischen Praxis auf obige Betrachtungen. Leider sind sie in Deutschland so selten [...], und sollen es nunmehr auch 204 in Rom geworden seyn, daß ich bey diesem Aufsatze nicht auf Leser rechnen darf, die schon damit bekannt wären. Meine Absicht kann also auch nicht seyn, zum Genuß der Betrachtung einzuladen, die mich so oft im Zauberkreise des Künstlers gefangen hielt, und die einzelnen Komposizionen gemeinschaftlich mit meinem Leser durchzugehn. Ich muß mich begnügen, sie im allgemeinen zu charakterisiren, so viel es sich thun läßt, und meine Bemerkungen über die ganze Gattung mitzutheilen.

 

Zuvörderst scheint mir für die pittoreske Begleitung eines Dichters der bloße Umriß viel bequemer und brauchbarer als die ausgefüllte Zeichnung. Bey dem ökonomischen Empfehlungsgrunde, daß so viel Arbeit und Kosten erspart werden, will ich mich nicht weiter aufhalten, ob er gleich keinesweges unbedeutend wäre, wenn man in dieser Art etwas erhebliches für die möglichste Verbreitung eines besseren Geschmacks unterneh205men wollte. Wie unnütz wird so manches Buch durch wenige geleckte Blätter in punktirter Manier vertheuert, die man sich im Augenblick müde gesehen hat! Der wesentliche Vortheil ist aber der, daß die bildende Kunst, je mehr sie bey den ersten leichten Andeutungen stehen bleibt, auf eine der Poesie desto analogere Weise wirkt. Ihre Zeichen werden fast Hieroglyphen, wie die des Dichters; die Phantasie wird aufgefodert zu ergänzen, und nach der empfangenen Anregung selbständig fortzubilden, statt daß das ausgeführte Gemählde sie durch entgegen kommende Befriedigung gefangen nimmt. Die Bemerkung ist nicht neu: schon Hemsterhuys hat den großen Reiz flüchtig entworfener Skizzen dadurch erklärt. So wie die Worte des Dichters eigentlich Beschwörungsformeln für Leben und Schönheit sind, denen man nach ihren Bestandtheilen ihre geheime Gewalt nicht anmerkt, so kommt es einem bey dem gelungenen Umriß wie eine wahre Zauberey vor, daß in so wenigen und zarten Strichen so viel Seele wohnen kann. Zwar muß man seine Fantasie schon malerisch geübt und vollständige Kunstwerke viel gesehen haben, um diese Sprache geläufig lesen zu können. Daher ist auch die Liebhaberey für bloße Kontourzeichnungen ungleich seltner. Vielen ist die Licht- und Schattentinte des Kupferstichs schon eine zu starke Abstrakzion: sie möchten ihn, wie Kinder, illuminirt haben, weil sie sich einen blauen oder grünen Rock nicht anders vorstellen können, als wenn sie ihn vor Augen sehen.

Doch dieß ist nicht alles. Was der Zeichner aus der Poesie für sich nehmen kann, sind eigentlich die in 206 Handlung gesetzten Wesen, die er nach ihrem Charakter gestaltet. Den Grund, worauf sie sich bewegen, giebt der Dichter nur so viel an, als grade nöthig ist, weil die Stärke seiner Darstellung gar nicht im Simultanen und Beharrenden liegt. In der ausgeführten Zeichnung aber wird Szene und Umgebung mit eben der Bestimmtheit abgebildet, wie die Figuren selbst, und zwar nach den Bedürfnissen der Beleuchtung und Perspektive. Die Aufmerksamkeit des Betrachters wird also auf die Theile zerstreut, die weit unmittelbarer vom Dichter veranlaßt sind, als die rein charakteristischen Züge in den Umrissen der bewegten Gruppen. Dieß ist der Punkt, wo die Strahlen der beyden Künste einander kreuzen und jenseit dessen sie wieder divergiren. Zeichnung kann man der Poesie gewissermaaßen zuschreiben, aber weder Helldunkel noch Farbengebung anders als in metaphorischer Bedeutung. Nur die descripcive poetry etwa giebt sich mit Luftperspektiv ab, und es ist ihr so damit gelungen, daß das Nächste wie das Entfernteste in gleich unbestimmter und haltungsloser Dämmerung verschwimmt. Es begreift sich auch, wie viel freyere Hand für die Anordnung und Gruppirung der Figuren selbst der Zeichner behält, wenn er das Lokal nur ganz leicht und wie symbolisch andeuten darf. Endlich wird die Fantasie sie viel dreister zu den vorhergehenden und nachfolgenden Handlungen begleiten, als wo ihr die Schranken eines völlig dekorirten Schauplatzes entgegenstehen.

Alle diese Vortheile hat Flaxman meisterhaft benutzt. Keine überflüßigen Striche, auch nichts von jenen Schwungzügen, die bloß zur Verbindung dienen, 207 und die man sich bey flüchtigen Entwürfen erlaubt, oder auch wohl, um ihr Feuer zu beweisen, mit Fleiß anbringt. Alles ist mit dem wenigsten gemacht; seine Umrisse vereinigen die bedeutsame Keckheit des ersten Gedankens mit der Sorgfalt und Zierlichkeit der ausgeführtesten Behandlung. Er schreibt den menschlichen Körper in seinen verschiedensten Bestimmungen und Ansichten mit Sicherheit hin, ohne sich dabey, wie meistens die fertigen Schreiber, Schnörkel an den Buchstaben angewöhnt zu haben.

Ferner in der Wahl der Dichter sowohl als der einzelnen Gegenstände aus ihnen, zeigt der Künstler das richtigste Urtheil, und, wenn man so sagen darf, ein plastisches Dichtergefühl. Zwar ist mit diesen dreyen keinesweges der Kreis derer geschlossen, die einer pittoresken Begleitung fähig sind; noch auch mit den gelieferten Skizzen der ganze Reichthum an Szenen, welche sie darbieten, erschöpft: aber günstigere Dichter für ein solches Unternehmen konnte er doch schwerlich finden, und er hat so gewählt, daß er bey jedem etwas in einem eignen Styl leisten konnte. Aus dem Homer Gegenstände zu Gemählden zu nehmen, ist vielfältig mit antiquarischer und artistischer Wärme empfohlen worden. Daß er, nach Winkelmanns Ausdruck, nicht in Bildern spricht, sondern fortschreitende Bilder giebt, fühlten gewiß auch die Alten, wie unter anderm die Anekdote von der Idee des Phidias zum Olympischen Jupiter zeigt. Unter den Tragikern verdiente Äschylus unstreitig den Vorrang, wenn die strenge Hoheit der idealischen Bühne der Griechen sichtbar gemacht werden 208 sollte. Darstellungen aus den Tragödien des Sophokles hätten sich mehr dem milderen gemäßigteren Styl der Homerischen nähern müssen. Was den Dante betrifft, so war das bekanntlich schon Michelangelo’s Wahl, und Flaxman fand also den Gedanken dazu in der Kunstgeschichte aufgezeichnet. Allein an einem Engländischen Künstler beweist es doch eine ungewöhnlich hohe Bildung, daß er, da er einmal einen modernen christlichen Dichter wählen wollte, nicht bey seinem angebeteten Landsmann Milton stehen blieb, sondern den nach der gemeinen Meinung finstern und auf die geschmackloseste Art wunderlichen Italiäner vorzog. Dem unbefangenen Urtheil ist es allerdings einleuchtend, wie weit hier Milton, der das Christenthum klassisch idealisiren wollte, gegen den großen Propheten des Katholizismus zurückstehen muß. Die Figuren, womit Milton den Mahler versieht, lassen sich in einem Augenblick übersehen: die heilige Dreyeinigkeit, deren Personen jedoch aus dem kindlichen Anthropomorphismus schon sehr ins formlose erweitert sind; Adam und Eva mit ihrem langen Mantel von blonden Haaren; die protestantisch gewordnen Engel und Teufel, und ein paar allegorische Ungeheuer. Dante hingegen, bald der Raphael und bald der Michelangelo der Poesie (ich borge diesen Ausdruck von jemanden, der ihn von mir geborgt hat), wie seine Vision überhaupt nichts geringeres als das Universum umfaßt, so stellt er auch eine vollständige Gallerie aller menschlichen und göttlichen Charaktere auf.

Zu jeder der vier Sammlungen macht ein Titelblatt, mit bedeutenden Sinnbildern geziert, den Eingang. 209 Bey der göttlichen Komödie geht das Brustbild des Dichters aus Wolken hervor, unter ihm die verkleinerte Misgestalt Lucifers, oberhalb ein Engel des Lichtes mit verbreiteten Fittigen und gehobnen Armen, Sterne zur Rechten und Linken. Dante ist wie immer mit dem Lorbeerkranze über der Florentinischen Mütze vorgestellt, mit sinnender Miene, den Zeigefinger der rechten Hand an die Stirn gelegt. Der stete Hang zum Grübeln und die Kämpfe eines mühevollen Lebens haben auf diesem Gesichte das Gepräge ursprünglicher Sonderbarkeit mit noch tieferen Furchen eingegraben: es ist eins von jenen, deren Ähnlichkeit nicht leicht verfehlt wird. Der Zeichner hatte zwar das Recht, es etwas jugendlicher zu halten: denn nach der Dichtung fällt Dante’s Wanderung durch die Geisterreiche in sein fünf und dreyßigstes Jahr. Er hat aber mit Bedacht mehr das Alter gewählt, in welchem Dante wirklich dichtete, und dadurch nicht bloß den Gegensatz mit der Jugend Virgils und Beatricens gewonnen. Den Urheber des geheimnißvollen Werkes denkt man sich unwillkührlich mit den Zügen ernster Jahre: in ihnen erscheint das Ringen nach heiligender Wahrheit, das ihn begeisterte, aber noch nicht von den irdischen Mühsalen zur Vollendung hindurchgedrungen ist.

Daß die Figuren Dante’s und seiner Begleiter, erst des Virgil, dann der Beatrice, nach der Natur der Sache so häufig wiederkommen müssen, weil an ihre Fortschritte alles übrige gereiht ist, könnte eine große Unbequemlichkeit scheinen, die Flaxman jedoch, ohne den Reichthum seiner Erfindung erschöpfen zu lassen, über210wunden und zu den Vortheilen, die darin liegen, vortrefflich benutzt hat. Diese schon bekannten Personen, als Zeugen der dargestellten Szenen, lassen uns leichter die Deutung derselben finden: wir erblicken die Gegenstände wie in dem Gedichte selbst durch die Vermittlung ihres Handelns und Betrachtens; die erstaunensvolle Theilnahme, die naivere Gemüthsbewegung ist immer die des Dante, ruhiger und doch nicht weniger bedeutend steht der höhere Führer daneben. Das Kostum der beyden Dichter, die römische Toga, und der Mantel über einer anschließenden Kleidung, welches in Dante’s Zeitalter die bürgerliche Tracht war, ließ sich sehr gut brauchen: bis an das Kinn eingehüllt, scheinen diese Wanderer oft die andringenden Schrecken von sich abhalten zu wollen, und nur die Lorbeerkränze verrathen, in welchem Sinne sie solche Örter der Qual besuchen. Auf vielen Blättern sind sie Hauptfiguren, andre Male nur klein im Hintergrunde angegeben, und außer den episodisch erzählten Geschichten, wobey sie nicht vorkommen, hat der Zeichner sie von manchen Höllenszenen, wobey sie gegenwärtig sind, durch den engeren Raum, den er umfaßt, mit Recht ausgeschlossen, weil es ihm nur darum zu thun war, Eine Gruppe in ihrer ganzen Kraft hervorzuheben. Da Virgil seinen Freund erst gegen Ende des Purgatorio verläßt, so will es etwas sagen, daß die beyden immer charakteristisch und doch mit beständiger Abwechselung, die sich wie ungesucht darbietet, erscheinen. Mehrmals bildet schon ihr bloßes vereintes Fortschreiten eine sprechende Gegenwart.

211 In Beatricens Gestalt ist die verklärte Geliebte und die Heilige verschmolzen: die himmlische Weisheit hat die Mienen einer zarten Jungfrau, der gegenüber die Runzeln in Dante’s Gesicht sich erheitern: Ein Schleyer wallt ihr hinten vom Haupte bis zu den Füßen herab und verbindet sich mit einem Kleide, das um Brust und Arme anschließt, sich dann erweitert, und unten fliegend in Falten bricht, da hingegen der ganze Wurf jener männlichen Gewänder durch ein paar starke Striche bestimmt wird. Auf ähnliche Art wie Beatrice sind auch die andern weiblichen Wesen des Himmels: Matilda, die natürlichen und christlichen Tugenden, und selbst einmal die Mutter Gottes gekleidet; nur bleibt zuweilen der Schleyer weg, und die Haare fliegen oder sind in einen Wirbel gewunden. Diese Tracht ist eine glückliche Auskunft zwischen dem Bedürfniß der Zeichnung und den Foderungen des Kostums, welches, für Sitten und Geist eines Zeitalters sehr mahlend seyn kann, und es hier wirklich ist: ohne nonnenhafte Verhüllung drückt sich eine so eigne Jungfräulichkeit darin aus; unmöglich könnte man eine Griechisch drappirte Frau für eine solche religiöse Grazie erkennen. Die schlanken Körper entfernen jeden irdischen Begriff, und die Formen zeichnen sich, zum Beyspiel bey dem Tanz der Tugenden um den symbolischen Wagen, auf das bescheidenste durch.

Wenn von Wundern der Leidenschaft und des Pathos die Rede ist, so wird Ugolino genannt: eine von den Darstellungen, die eigentlich weit über die Sphäre der Poesie hinauswirken, weil menschliches Gefühl die einzige Bedingung ist, um aufs tiefste von ihr erschüt212tert zu werden. Hier erwarten wir daher unsern Künstler, und nicht vergeblich. Man kennt Reynolds Ugolino aus dem Kupferstiche: es ist ein alter Mann, der hungert, aber es ist nicht Ugolino. Ohne die große Kluft zwischen einem ausgeführten Gemählde und einer Skizze zu vergessen, kann man doch wohl sagen, daß Flaxman eine viel höhere Ansicht der Geschichte gefaßt hat. Das erste Blatt stellt die Gefangennehmung des Grafen und seiner Söhne vor. Er steht in der Mitte ganz nach vorn, an jeder Seite hat ihn ein bewaffneter Feind am Kragen und an den Knöcheln der Hände gepackt, die er zusammenballt. Auch in dieser Lage sieht man den mächtigen, herrschenden, unerschütterlichen Mann; die Knaben vor ihm, die sich brüderlich an einander schließen, sind nach Alter und Leidenschaft abgestuft: der eine niedergeschlagen, der andre verzweifelnd, der dritte ergrimmt, der kleinste kindisch weinend. Die rechts andringenden rauhen Krieger zeigen uns die Gewaltthätigkeit jener kraftvollen Zeiten, der Erzbischof Ruggieri, der links herumschleicht, die mönchische Einmischung in die bürgerlichen Parteyungen. Das zweyte Blatt geht gleich zum andern Ende des Trauerspiels im Kerker über:

 

Ich rief die Todten noch drey Tage lang
Und tappte, blind schon, über jeder Leiche.

 

Die Söhne liegen neben einander ausgestreckt, der Vater über ihnen auf seinen Armen, in der Verkürzung, doch so, daß das Gesicht mit den erloschnen offnen Augen, ganz sichtbar, die furchtbare Mitte der Gruppe ausmacht. 213 Die Szene, wie Francesca da Polenta mit ihrem Verwandten Paolo im Lanzelot liest, und eine Stelle des Buches den Liebenden zum ersten Kusse hinreißt, ist mit äußerster Zartheit behandelt. Francesca ist ganz Liebe, Sittsamkeit, Hingebung und schüchterner Widerstand, daß ihr Gemahl sie gleich jetzt belauscht, und also der Augenblick des ersten gegenseitigen Geständnisses mit der unglücklichen Entdeckung zusammenfällt, war eine nothwendige Abweichung von der Geschichte, weil den liebenswürdigen Verirrten selbst ihre Schuld, die schon den Moment der Verführung mit bangen Ahndungen umgiebt, nicht angesehen werden durfte: die Komposition nähert sich also der Absicht des Dichters von einer andern Seite wieder um so mehr. Wie pathetisch ist das nächste Blatt! Die beyden Geliebten als nackte Schatten, abgewandt, weinend und im Begriff vom Sturm weggewirbelt zu werden; Francesca hält die Hand vors Gesicht, aber der Schleyer ihrer langen Haare bedeckt nicht die zarte Bildung; Dante liegt vorn, vor Mitleid in Ohnmacht gefallen, hinter ihm kniet Virgil, der ihn mit wehmüthiger Miene anblickt. So oft die Darstellungen des Inferno ein Äußerstes im Ausdruck und den Bewegungen erfodern, hat der Künstler es immer erreicht; ohne es über die Gränze der Wahrheit mit Anmaaßung hervorzudrängen; mit dem Dichter einverstanden, bey welchem das Leiden eben durch das genaue Maaß unermeßlich wird, und der uns ganz in seiner Gewalt hat, wenn er beschreibt; der Jammer beym Eintritte in die Hölle sey so gewesen, –

 

214 Daß ich zu Anfang drüber weinen mußte.

 

Die starre Art wie Dante auf dem eben erwähnten Blatt in seiner ganzen Länge da liegt, die Arme rücklings hinter dem Haupte ausgestreckt, hat auf den ersten Blick etwas seltsames, beym zweyten etwas großes: und so hat der Künstler immer, wo er den Sinnen nicht schmeicheln konnte, den Ersatz der Hoheit gesucht. Nur die Gebehrde des im Sarge aufrecht sitzenden Farinata möchte noch ruhiger und trotzender seyn; vielleicht wäre ihm unter dem Grabtuche besser ein Harnisch gegeben. Auch der Mantuaner Sordello, der entzückt seyn soll im Virgil einen Landsmann zu finden, umarmt ihn etwas zu schläfrig.

Da die Geister der Abgeschiednen in der Hölle und in der Büßungswelt meistens als menschliche Gestalten ohne Bekleidung vorgestellt werden, so gab es reichliche Gelegenheit Zeichnung des Nackten, zum Theil in gewaltsamen Stellungen und schweren Verkürzungen, anzubringen. Freilich mußte es, um zu passen, mehr nervig und mager, als blühend und auserlesen seyn; allein der aufmerksame Künstler hat überall der Mißgestalt so wenig Gebiet einzuräumen gesucht wie möglich, und oft mit geringen Verdrehungen oder Zügen, die das Anatomische mehr auf die Oberfläche bringen, der dargestellten Qual ihr Recht erwiesen. Dante hat durch diese Bilder der Strafe sowohl, als durch die Ungeheuer, welche die Hölle bevölkern, dem Zeichner manchmal etwas zu rathen aufgegeben; das Wagestück, einen Verdammten seinen abgehauenen Kopf a guisa di lanterna in der Hand 215 halten zu lassen, möchte nicht jeder bestehn, ohne daß er statt des Furchtbaren das Lächerliche ergriffe.

In Ansehung der Teufel hat Dante seinen mahlerischen Komponisten aus der Verlegenheit gesetzt, eine edle ja majestätische Bosheit (man verstehe wohl: nicht feindselige Leidenschaften von einem großen Charakter, was sehr wohl angeht, sondern Verworfenheit mit diesem vereinigt) schildern zu sollen. Er versenkt sie vielmehr in das Thierische, und giebt ihnen die Keckheit origineller und mit sich einstimmiger Naturen, was Flaxmann besonders in den Malebranche meisterhaft ausgedrückt und sie dabey sehr mannichfaltig charakterisirt hat. Lucifers Scheußlichkeit war einmal nicht zu mildern, und wenn der Künstler auch diese Aufgabe nicht übergehen wollte, so that er wohl, jeden Gedanken an ein menschliches Gesicht zu entfernen: Denn nur durch unwillkührlich angestellte Vergleichungen dringt sich das Mißgestaltete uns in eine widerliche Nähe auf.

Zweymal kommt in der göttlichen Komödie die Erzählung vor daß sich ein Abgesandter des Himmels und der Hölle beym Tode eines Menschen um den Besitz seiner Seele streiten, und beydemale ist sie in dieser Sammlung skizzirt. Das eine Mal zieht der gute Engel den Abgeschiednen an beyden Händen zum Himmel empor, und der Böse schleicht mit hämischen Fratzen besiegt davon. Auf dem andern Blatt liegt Graf Guido von Montefeltro, der nach einem ränkevollen Leben sich als Franziskaner hatte einkleiden lassen, todt in der Mönchskutte mit eingedrucktem Kopf 216 auf einem härnen Lager, von der Seite der Füße her schwebt Sankt Franciscus herzu, gegenüber hat der schwarze Cherub dem Todten ein Knie auf die Brust gesetzt, streckt über ihm schwebend die Krallen weit vor, und schreyt gegen den Heiligen auf: Nol portar: non mi far torto! Die Zusammensetzung ist neu und kühn gedacht, und die stille Bedenklichkeit des Heiligen, die habsüchtige Hast seines Gegners und die nun unbeweglich gewordne Heucheley des Verstorbenen unverbesserlich kontrastirt.

Man hat häufig Dante, und mit ihm Michelangelo, aus den gewöhnlichen oberflächlichen Gründen getadelt, daß sie heidnische Mythologie unter katholische Vorstellungsarten gemischt; während das tiefere Gefühl einen großen Zusammenhang ahndet, und sie rechtfertigt. Es gehört mit zu den Mysterien der Hölle, die Fantome einer blinden Vorwelt, in schreckliche Wirklichkeit verwandelt, aufzustellen. Überdieß mochte Dante immerhin aus dem klassischen Alterthume entlehnen wollen: es ist damit, als wenn er sich für einen Nachahmer Virgils ausgiebt, welches ihm niemand glaubt; so bald jene Bilder in die Seltsamkeit seines Geistes wie eingetaucht sind, treten sie auch als einheimische in seine Welt ein. Unserm Künstler ist dieß nicht entgangen, er hat die mythologischen Figuren durch ein ähnliches Medium gehen lassen, und den Charon, Cerberus, die Furien, die Centauren u. s. w. ganz anders behandelt, als er bey einem antiken Gegenstande gethan haben würde. Bey der näheren Betrachtung seiner Homerischen und Äschylischen Umrisse werden wir sehen, 217 welche Enthaltung dieß von ihm war, und wie ganz er seinem Dichter hingegeben seyn mußte, um etwas das klassische Namen trägt, nicht im reinsten Sinne des Alterthums auszuführen.

Im Paradiso fand er Veranlassung, seine Stärke in schwebenden Gestalten zu zeigen: und mit welcher Leichtigkeit schweben und schwingen sie sich! Die Gesetze der Schwere scheinen wirklich für diese ätherischen Körper aufgehoben zu seyn. Bey der Darstellung der Engel hat er mehrentheils die ältere Weise der christlichen Mahlerey vorgezogen, sie mit lang herabwallenden Kleidern und großen Fittigen abzubilden; zu nackten oder von wenig Gewand umflatterten Knaben mit Amorsflügeln wurden sie, wie man weiß, erst späterhin nach der Idee der griechischen Genien gemacht. Dieß läßt sich allerdings als Anspielung auf einen Stand der Unschuld, wobey gar nicht an Geschlecht gedacht wird, sehr gut vertheidigen; mit der strengen kirchlichen Sitte, mit den keuschen Entzückungen eines katholischen Himmels stimmt die andere Vorstellungsart unstreitig besser überein. Die Engel sind wie himmlische Chorknaben bey jenem ewigen Gottesdienste zu betrachten, die also auch feyerlich gekleidet seyn müssen. Der Künstler hat ihnen ganz die liebliche fromme Beschränktheit gegeben, womit sie in der heiligen Schrift und Sage ihre Bothschaften verrichten, und die über dem Bestreben, ihre Natur durch Umfang der Kräfte und Gedanken ins erstaunliche zu erhöhen, in vielen neueren Dichtungen verloren gegangen ist. Einige Male erscheinen sie ohne Flügel, aber 218 in Gewändern, die noch unterhalb der Füße in Falten fliegen, und in welchen der schlanke Körper, bis auf die Theile worin der geistige Ausdruck wohnt, das Gesicht und die entzückt verbreiteten oder über die Brust gefalteten Arme, fast verschwindet; so daß sie auf ein paar Blättern, wo sie einen zahlreichen Kreis in lauter ähnlichen Stellungen schließen, die Glorie in der Mitte gleichsam wie Seufzerchen der innigsten und demuthvollsten Andacht umschweben.

Da im Paradiso und zum Theil schon im Purgatorio zuweilen lange Stellen mit Gesprächen über theologische Gegenstände angefüllt sind, so hat sich der Zeichner, der einmal das Gedicht Gesang für Gesang begleiten wollte, freyere Hand gelassen: was figürlich und mystisch zu nehmen ist, sinnlich vorgestellt, oder auch wohl ein bloß episodisches Bild, eine Metapher, zum unabhängigen Gegenstande ausgebildet. Seine Entwürfe sind dann nicht sowohl Komposizionen der angeführten Zeilen des Dichters, als eigne durch sie veranlaßte pittoreske Fantasien, und als solche zu beurtheilen. Zu der ersten Art gehört es, wenn der Geist des Forese, dem die inbrünstigen Gebete seiner hinterlassenen Wittwe Nella dazu verhalfen, schneller durch die Kreise der Büßung hindurch zu gelangen, vor der niedergeworfnen Beterin sichtlich gen Himmel steigt. Auf einem andern Blatte treibt ein kolossalisches Gerippe, wovon nur der Kopf und eine Hand sichtbar ist, Kinder mit den unbefangensten Gebehrden durch die Luft schwimmend vor sich her; dieß sind „die harmlosen Kleinen, die der Zahn des Todes gebissen, 219 ehe sie von der menschlichen Schuld gereinigt wurden.“ (Purg. C. VII, v. 31–34.) Der Ausdruck „von den guten Geistern, die thätig gewesen sind, damit Ehre und Ruhm ihnen nachfolge“, (Parad. C. VI, v. 112–114.) ist hier etwas zu wörtlich genommen, indem hinter einer Schaar von Seligen die Ehre als ein gekröntes Weib mit Sternenkränzen über dem Haupt und in den gehobnen Händen, und zunächst an ihr die hergebrachte Figur der Fama schwebt. Ein einziges Mal verstehe ich die Anspielung gar nicht, die der Zeichner im Sinne hatte, und vermuthe einen Mißverstand: das Bild des Heilandes als Knaben mit der Weltkugel in der Hand und auf die Schlange tretend steht im Sternbilde des Löwen, und soll sich auf Paradiso C. XVI. 37. 38. beziehen. Hingegen das gleich vorhergehende Stück: eine Mutter mit dem neugebohrnen Knäbchen in den Armen, zu deren Lager die Jungfrau Maria segnend hinzu schwebt, was sich aus einem sehr entfernten Wink des Dichters entwickelt hat, gehört unter die zartesten Bilder der ganzen Sammlung.

Von den heitern Gesichten gegen Ende des Purgatorio an zieht sich ein Strom von Licht, von Verklärung und Glorie durch Dante’s Gedicht, der immer voller und strömender wird, und in dessen Urquell der geblendete Seher sich zuletzt verliert. Ein in irdische Farben getauchter Pinsel kann bey dergleichen wenig ausrichten, und wie muß sich vollends der Zeichner resigniren, der nur Linien hat: Die Mahlerey kann nicht zum Wetteifer in die Schranken treten wollen, wo die Darstellung der unbegränzten Poesie selbst eigentlich ein beständiges Er220liegen unter ihrem Gegenstande ist. Mit dem Aufschwung in jede lichtere Sphäre verklärt sich Beatricens Schönheit, und wird so überschwenglich, daß der sterbliche Geliebte ihr Lächeln nicht ertragen, sondern „wie Semele in Asche niederfallen“ würde, da er doch schon bey dem ersten Zurückschlagen des Schleyers vor ihren Augen im irdischen Paradiese ausgerufen hatte:

 

O Strahlen ewiger lebend’ger Helle!

Wer sann so blaß sich in Parnassus Schatten,

Und trank so tief Apollo’s reine Quelle,

Daß sein Gemüth nicht schiene zu ermatten

Bey dem Bemühn zu sagen, wie ihr waret,

Wo euch die Himmel tönend überschatten,

Nun hüllenlos den Lüften offenbaret?

 

Das einzige Mittel, welches dem zeichnenden Künstler hiebey bleibt, ist der Ausdruck menschlicher Gesichter, und in diesem Spiegel weiß uns Flaxmann manches erblicken zu lassen, was er nicht unmittelbar zeigen kann. Die Seligen und Engel sind still entzückt, und die Mienen der Betrachtenden sprechen:

 

Ich fühle so von Liebe mich durchdrungen,

Daß ich noch nie zuvor ein Ding gekannt,

Das mit so süßen Banden mich umschlungen.

 

Doch hat er sich auch mitzuzeichnen bequemt, wie die Geister als Sternenkränze sich um Dante herbewegen; wie in der Mitte eines auf solchen Sternen bestehenden Kreuzes das Bild Christi strahlt, und die Gestalten der Seligen sich in verschiedne Buchstaben zusammen drängen, die etwas heiliges bedeuten: was denn freylich Umriß vom Umrisse bleibt, weil die schwarzen Striche 221 nicht szintilliren. Er hat indessen dadurch zu verstehen gegeben, daß er den Juwelenschmuck, womit Dante seinen Himmel ausstattet, nicht so kindisch finde, als er vielen in ihrer Weisheit vorkommen möchte. Das Höchste und Festlichste der himmlischen Freuden kann nur durch Licht und Farbenspiel versinnlicht werden, denn eben durch diese hängt unsre Erde mit den ätherischen Regionen zusammen, und deswegen geht das Symbolische darin ins Unendliche hinaus. Jede Organisazion hingegen, auch die edelste, ist an ihren Wohnort gebunden und Ausdruck der Beschränkung auf gewisse Zwecke. Wo aber keine organische Bildung ist, da muß mathematische Regelmäßigkeit eintreten, wenn die Erscheinung nicht formlos werden soll. Geometrische Figuren sind wiederum einer mystischen Beziehung fähig, weil bey ihnen die Anschauung mit dem Begriffe eins ist, und dieser jene ganz erschöpft; man hat noch kein besseres Sinnbild als das Dreieck für die Dreyeinigkeit finden können, und der Zirkel wird immer das Ewige und in sich Vollendete bedeuten. Dante’s Visionen endigen mit einem Anschauen der unbegreiflichen Gottheit, welches er mit dem Nachsinnen über die Quadratur des Zirkels vergleicht. – Er baut den Himmel, in den er sich aufschwingt, nach beschränkteren Begriffen vom Weltsystem, als die unsrigen sind, und eben darum geordneter und schöner. Zwar lag dabey Wissenschaft zum Grunde: nämlich theils die Weltlehre des Aristoteles, die aber razional seyn wollte, und folglich die Regelmäßigkeit des Ganzen umfaßte; theils die ältere Astronomie, die schon Mythologie, d. h. poetisches Kostum der Na222tur, geworden war. Wenn eine gelehrte und zurecht gewiesene Einbildungskraft die neueren Erweiterungen der Sternkunde in die Dichtung hinübertrug, so geschah dieser kein sonderlicher Dienst damit. Denn für die Beobachtung ist die Natur jederzeit unendlich; und wie sie sich neue Welten unterwirft, dehnen sich immer von neuem jenseits derselben unermeßliche Gebiete aus, woraus unsere Unwissenheit uns als Unordnung und Gesetzlosigkeit zurückkommt. Mit chaotischer Größe ist es aber in der Poesie nicht gethan: eine harmonische Erscheinung ist das erste und letzte. Nur wenn die Sphären sich um die Erde wie um ihren Mittelpunkt drehen, und der königliche Mantel des blauen Gewölbes sie als letzte Gränze umfaßt, erklingen sie in schönen Tönen; und der Himmel der Seligen ist eben der, nach welchem das Kind die Händchen ausstreckt, um die Sterne wie ein goldnes Spielzeug zu greifen.

Noch dürfen wir ein paar Blätter nicht übergehn, worauf Ideen der Religion, welche durch das Ganze hin webt und waltet, persönlich sichtbar gemacht sind: Die drey christlichen Tugenden, Glaube, Hoffnung und Liebe, als Titelblatt zum Purgatorio; die heilige Kirche zwischen Sankt Franciscus und Sankt Dominicus als Führern und Stützen; die streitende Kirche, einen Cherub mit flammendem Schwerte an jeder Seite, die zu ihren Füßen zwey Ungeheuer, den Satan und das Fleisch, niederstürzen, während sie in Nonnentracht Augen und Hände zum inbrünstigen Gebet gen Himmel wendet. Das eigentlichste Lob dieser Bilder ist, daß man weder katholischer noch Dantesker seyn kann, als 223 sie sind. Und dieß liegt keinesweges bloß darin, daß der Künstler sich die hieher gehörige Symbolik zu eigen gemacht hat, sondern im Styl der Komposizion selbst. Die steife Symmetrie auf den Bildern der Mahler aus dem vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert rechnet man mit Grund der damaligen Kindheit der Kunst zu, allein es ist darin doch unleugbar eine Beziehung auf die religiösen Gegenstände, denen diese Männer meistens oblagen; ich möchte behaupten sie hätten es deswegen in diesem Punkte besser getroffen als manche Spätere, weil ihre Religion mit ihrer Kunst auf derselben Stufe stand. Zu der naiven demüthigen Frömmigkeit gehören gerade und viereckte Bewegungen des Körpers, den ja die Gebräuche dieses Gottesdienstes gänzlich unterjochen sollen; und jede heilige Geschichte oder Situazion wird als ein feyerlicher Akt gedacht, der strenge Zucht und einfältige Ordnung erfodert. Mit einiger Milderung haben daher auch Mahler aus den besten Zeiten diese Symmetrie angebracht, wie zum Beyspiel auf einem vortrefflichen Bilde von Bagnacavallo in der Dresdner Gallerie, vier Apostel und Heilige vor dem Thron der Madonna mit völlig parallelen Köpfen neben einander stehn. Man versuche nur, in die Flaxmanschen Stücke, wovon hier die Rede ist, eine zierlichere Mannigfaltigkeit der Anordnung zu bringen, und man wird unfehlbar ihren großen Charakter, ja ihre ganze Bedeutung zerstören. Welche unwiderstehliche drey: Die Santa Chiesa, zu ihrer Rechten der klösterliche Weltüberwinder San Francesco von Assisi, zur Linken der che224rubisch erleuchtete Domenico! Mit wie feinem Urtheile ist hier der Mönch Franciscus, der Streiter für den Glauben, ganz anders abgebildet, als dort der friedliche Heilige am Todtenbett seines Ordensbruders! Eben so erscheint die Kirche auf dem Blatt, wo wir ihre furchtbaren Triumphe erblicken, in weiblicher Andacht und Wehrlosigkeit; hier hingegen im vollen priesterlichen Ornat, mit unverrückter heiliger Miene und Haltung. Gern beschriebe ich noch, wie die wiederhohlte Handlung, daß ein Engel dem Virgil und Dante ein mystisches Thor zum Hinaufsteigen auf den Berg der Büßung öffnet, durch den einsichtsvollen Gebrauch der Symmetrie beydemale feyerlich, und doch wieer nach den zartesten Beziehungen verschieden charakterisirt ist: aber ich reiße mich los, um zu den übrigen Sammlungen zu kommen.

Hier befinden wir uns plötzlich in einer ganz andern Welt, und müssen die Vielseitigkeit des Künstlers bewundern, der sich mit gleicher Liebe und gleichem Glück in beyde warf, und jedes so rein in seiner Art zu erhalten weiß. Mehr kann man wahrlich von einem geistvollen Manne nicht verlangen, als daß er in seiner Sinnesart und seinem Geschmack entweder recht entschieden modern, oder recht entschieden antik sey. Leider giebt es, seit begeisterte Kunstrichter das klassische Alterthum gepredigt haben, so viel halbe Wesen, die nicht sind was sie sollen, und nicht seyn können was sie wollen: Es sind die Mäuse der Kunst und Poesie, die bey dem großen Kampfe zwischen den Erd- und Luftbewohnern zur entgegengesetzten Partey übergingen, und zum Dank 225 dafür Fledermäuse geworden sind. – Nach dem Anblick dieser Umrisse kann man nicht umhin, Flaxman für einen gelehrten Kenner der Klassiker zu halten, der mit den griechischen Dichtern in ihrer Sprache vertraut ist; und wenn sich nachher bey genauerer Untersuchung hiegegen einige Zweifel regen, so wird es desto erstaunlicher, daß er sie so gefaßt: man könnte alsdann seine Umrisse zum Homer eine Rückübersetzung aus Pope’s Travestie in das Aechtgriechische und Heroische nennen, aus eigenmächtiger Befugniß des Künstlersinnes ohne grammatische Beyhülfe vollbracht. Allerdings ist die klassische Bildung ein großes untheilbares Ganzes: Durch den vollkommnen Besitz einer Seite Desselben muß einem also auch der Zugang zu den übrigen geöffnet werden. Wer die alten Dichter recht versteht, (man verstehe, was eigentlich verstehen heißt) dem mußten auch für die bildende Kunst der Alten die Augen aufgehn; und umgekehrt hat sich unser Künstler durch tiefes und liebevolles Studium der Antike mit den Dichtern in unmittelbarere Berührung gesetzt, als durch modernisirende Übersetzungen hätte geschehen können: Seit Spence’s Polymetis hat man sich viel damit abgegeben, die Schriften und Kunstwerke der Alten gegenseitig aus einander erklären zu wollen. Allein man hielt sich dabei viel zu sehr an das Einzelne, nahm Anspielungen und Beziehungen wahr, wo keine sind, und vergaß besonders die ewigen Gränzen, welche die verschiednen Künste scheiden. Die Vergleichung kann nur dahin gehn, daß die Äußerungen der heterogensten Anlagen bey strenger Begränzung dennoch durch ein ge226meinschaftliches Streben beseelt werden. In dieser Art hat Winkelmann einige große Blicke gethan, er war dem Genius der bildenden Kunst und der Poesie zugleich auf die Spur gekommen. Allein wie die Zeit ihren vortrefflichen Krebsgang immer nicht ganz verlernen kann, so ist auch kürzlich ein Archäologe aufgetreten, der beyde zugleich vollkommen mißversteht, und deswegen Winkelmann darüber zurecht weisen will. Er hat entdeckt, das Wesen der alten Kunst bestehe bloß in treuer Charakteristik; um Schönheit, edle Einfalt und stille Größe sey es dabey gar nicht zu thun gewesen. Wir geben das ganze Argument zu: für einen Kenner, den die Natur zu etwas gröberen Geschäften bestimmt zu haben scheint, als Myrons berühmte Kuh zu weiden, sind diese Dinge allerdings gar nicht vorhanden. Er ist mit einer so schweren unbeholfenen Oberflächlichkeit (ich bilde diese Beywörter nach dem Muster der „rohen rastlosen Ruhe,“ die eben dieser Antiquar *) am Herkules bewundert) auf die Denkmäler der griechischen Kunst hineingetappt, daß er ihren Geist gewiß todt gedrückt hätte, wenn Geister nicht unsterblich wären. Man könnte seine, in so fern wirklich neue, Betrachtungsart der Kunstwerke die chirurgische nennen, denn sie geht überall auf Leibesgebrechen und Unförmlichkeiten aus, und nach seiner Versicherung **), erscheint „das klassische Alterthum bald

 

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*) Horen 1797. St. X. S. 19.

**) Berlin. Archiv der Zeit und ihres Geschmacks. 1798. St. XI. S. 439.

 

 

227alt und bald jung, vorzüglich aber abgezehrt, mißgeformt, zerfallen, knöchericht und runzlicht.“ So behauptete er letzthin, Laokoon werde augenblicklich am Schlage sterben, wenn man ihm nicht eine Ader schlüge. Da ich mir nun merken ließ, ich halte den Zustand Laokoons noch nicht für so verzweifelt, hat er sich so unmäßig darüber ereifert, daß er beynahe mit seinem Helden die Rolle gewechselt hätte.

Wenn Flaxmann, damit ich von meiner Abschweifung zurückkehre, auch die alten Sprachen nicht besaß, so ist er doch in so fern mit großer Gelehrsamkeit verfahren, daß er in Beobachtung des Kostums selbst bis in das Auserlesnere und selten Vorkommende hineingeht, so daß sich über seine Blätter sehr artige antiquarische Vorlesungen müßten halten lassen. Wer es noch nicht weiß, erfährt hier anschaulich, warum die Achäer beym Homer die schön geschienten heißen, daß er sich die Trojaner mit phrygischen Mützen vorzustellen hat, welches die Form des Delphischen Dreyfußes war, wie die griechischen Stallknechte das Haar der Pferde auf der Stirn zusammenbanden, damit ein Ampyr daraus wurde, und dergleichen mehr, die unzähligen reizenden Formen von allerley Hausgeräth, die Trachten und weibliche Kopfputze nicht zu erwähnen. Wir sind jetzt solche Freunde von Moden, daß wir uns sogar um diejenigen bekümmern, die vor einigen tausend Jahren im Gange waren, und in einer Zeitschrift, welche den neuesten gewidmet ist, uns dann und wann zu einem Besuche im Ankleidezimmer einer Römerin abmüßigen; damit es desto anständiger sey, lassen wir es eine alte (nämlich eine 228 bejahrte) Römerin seyn. Niemand zeigt im Punkte des Gräcisirens mehr guten Willen als die heutigen Franzosen: man weiß, daß die Pariserinnen die Aufopferung so weit getrieben, daß sie beynah φαινομηριδες wurden, um nur den Spartanerinnen zu gleichen. Dieß ist um so verdienstlicher, da im Ganzen die antiquarischen Kenntnisse der Republik aus der Reise, nicht eines jungen Scythen, sondern eines alten Parisers, nach Griechenland geschöpft sind. Die bisherigen Versuche von Olympischen Spielen u. s. w. sind freylich auch darnach ausgefallen, man dürfte sich manchmal an das antike Gastmahl im Peregrine Pickle erinnern. Schade, daß dem Entschlusse, das klassische Alterthum nicht bloß müßig zu vergöttern, sondern es aufzuwecken und in das wirkliche Leben einzuführen, immer verwünschte kleine Umstände in den Weg treten, die allen Enthusiasmus dämpfen. So habe ich klagen hören, daß in einem sehr geschmackvoll dekorirten Hause die Herren bey der Assemblee sich häufig an den Stühlen mit stark vor- und hinterwärts geschweiften Füßen die Schienbeine zerstießen, und bey gewissen Coëffures à la Grecque sollen viel häßliche Hälse zum Vorschein gekommen seyn. – Genug, Flaxman hat für Antiquitäts-Dilettanten auf das reichlichste gesorgt. Um nur ein Beyspiel zu geben: auf dem Blatt, wo Penelope das Geschoß des Ulysses herbeyträgt, sind die zechenden Freyer ganz leicht in der Ferne angegeben; doch unterscheidet man, daß sie die Trinkschalen mit dem Daum durch einen Henkelring gesteckt halten, und mit der übrigen Hand unterstützen. Und dieß war grade die Art wie Leute von gutem Tone 229 bey fröhlichen Gelagen tranken, das Gefäß konnte nachher an dem Ringe hinter die Hand herumgeschwenkt werden, wie auf einigen Vasengemählden zu sehen ist.

Etwas weit höheres als antiquarische Belehrung gewähren indeß diese Komposizionen dem Betrachter der ohne gelehrte Bekanntschaft mit den Alten in den Sinn ihrer Dichter eingeweiht zu werden wünscht, indem sie dieselben mit Bildern griechischer Sitte und Kunst umgeben. Selbst das geringste Nebenwerk bekommt in dieser Rücksicht einen ganz andern Werth. Der Mensch sucht überhaupt die Gegenstände, die er handhabt, nach sich zu bilden; er thut dieß um so mehr, je freyer und selbstthätiger er wirkt: wie alldurchathmend der Geist der Hellenischen Bildung war, davon lassen sich die Spuren bis in die geringsten Anticaglien hinein verfolgen, und die Ehrerbietung vor diesen Überbleibseln hat daher auch eine sehr ernste Seite. Es wäre ein sinnreicher Versuch, irgend ein antikes Geräth mit Verzierungen und Kunstabbildungen, einen Sarkophag, eine Vase, vorzunehmen, und in der Voraussetzung, als ob nur dieß Eine Stück von einem Volke zeugte, dessen Andenken sonst gänzlich untergegangen wäre, zu sehn, wie weit sich die Schlüsse daraus auf den Grad und die Art der Kultur treiben ließen. Aber nicht bloß den Umgebungen des Menschen war dieß Gepräge aufgedrückt: auch im Charakter der Formen und des Ausdrucks, den uns die aufbewahrten Kunstwerke darstellen, erscheint die edle Nazionalität; denn wie sehr die Kunst wählen, erhöhen und umbilden mochte, so mußte sie doch den Boden derselben unter sich haben. – Der Sinn der 230 Worte bestimmt sich nach den Anschauungen, die man ihnen unterzulegen gewohnt ist; wir sind also in beständiger Gefahr, die Worte der griechischen Dichter, wenn wir sie grammatisch noch so genau verstehn, etwas ganz andres gelten zu lassen, als sie ihnen und ihren Hörern galten. Das einzige Mittel dagegen ist, unsre Fantasie auf den Flügeln der alten bildenden Kunst zu ihnen emporzuheben, und es ist des besten Dankes werth, wenn ein geistvoller neuerer Künstler uns hiezu hülfreiche Hand bietet. Aber wie? wird man einwenden: sind diese Abbildungen wahrhaft Homerisch? Mit so zierlicher Pracht, so üppig zartem Geschmack wären die Kleidungen, Waffen, Wagen und Pferdegeschirre, die Geräthschaften jeder Art bey den hauptumlockten Achäern und rossezähmenden Troern ausgearbeitet und verziert gewesen? Schlief Penelope auf einem solchen Bett, und erleuchtete sie ihr Gemach mit solchen Kandelabern? Und endlich: sind die Figuren nicht viel zu idealisch? Hat das Nackte der Körper nicht viel zu sehr die feine und doch kraftvolle Gewandtheit, welche die Hellenen sich erst lange nachher durch Gymnastik gaben, und paßt dieses zu der ungeheuern rohen Stärke der Kämpfer um Troja? – Das ist keine Frage: wenn man zur Erläuterung die oben genannten Dinge und überhaupt die Produkte der mechanischen Künste, welche beym Homer vorkommen, so genau sichs nach der Beschreibung thun läßt, abbilden wollte, so würde es ganz anders ausfallen. Was aber die handelnden Heroen und Götter selbst betrifft, so wird uns wohl niemand sagen, wie sie im Kopfe Homers oder der Homerischen Sänger aus231gesehen haben. Wir können uns allenfalls begnügen, wenn unsre Fantasie die Rhapsodien der Alten mit solchen Bildern begleitet, wie sie einem gebildeten Griechen aus den Zeiten der blühenden Kunst dabey gegenwärtig waren. Dahin streben nun grade Flaxmans Umrisse. Für den, welcher den Homer immer nur als begeisterten Natursohn, als Barden wilder Völkerstämme fühlt, könnten sie ein gutes Gegenmittel seyn, ihn auch einmal an die unnachahmliche Schönheit, Ausbildung und Harmonie seines Epos zu erinnern. Ein vollendeter Styl der Poesie kann nur durch einen eben so vollendeten Styl der bildenden Kunst ausgedrückt werden. – Wie übrigens in Homers Zeitalter der Zustand der mechanischen Künste, und die ersten Versuche in schönen Künsten beschaffen gewesen, hat man wohl noch nicht gehörig durch Ausscheidung des Historischen in seinen Beschreibungen ausgemacht. Man würde dabey auf Punkte treffen, wo die Frage sehr verwickelt aber wichtig wird: ob die Dichtung Anlässe von der Wirklichkeit genommen oder ihr ganz und gar vorausgeeilt? Daß bey solcher Rohheit in vielen Stücken, bey der Eingeschränktheit der Bedürfnisse, ein so großer Nachdruck auf Zierlichkeit in Weberey, Metallarbeiten u. s. w. gelegt wird, ist ein charakteristischer Zug, der dahin deutet, daß aus Homers Achäern Hellenen werden sollten. Auch von körperlicher Schönheit ist viel die Rede, schon regen sich die Anfänge der Gymnastik, und es ist nicht zu übersehen, daß Achilles, der stärkste unter allen aufgeführten Helden, der schnellfüßige heißt.

232 Eine etwas andre Bewandtniß hat es mit der Art den Äschylus aufzufassen, dessen Darstellungen ursprünglich für eine sichtbare Erscheinung auf der Bühne bestimmt waren. Wie die idealische Schauspielkunst der Griechen auf der einen Seite der Musik verschwistert war, so strebte sie auf der andern mit den plastischen Künsten gleichen Schritt zu halten, und es ist wohl klar, daß die Griechen auf dem Theater immer lieber etwas von dem Leben und der Leidenschaft als von der Größe und Schönheit der Gestalten und Bewegungen aufopferten. Gewiß kann man sich den Anblick ihrer Tragödien nicht leicht zu herrlich und majestätisch vorstellen; allein wenn wir auch besser in Stand gesetzt wären, einen anschaulichen Begriff davon zu geben, so könnte man dem Zeichner doch nicht rathen, daß er dieß zu seinem Ziel machte. Wir würden den Dichter erst aus der zweyten Hand empfangen, wenn er ihn durch das Medium der theatralischen Darstellung zu komponiren versuchte; und da jede dieser Künste durch ihre verschiednen Mittel und Zwecke oft weit von der andern abweichen muß, so würde er sich unnöthiger Weise den Beschränkungen beyder unterwerfen.

Es versteht sich von selbst, daß der moderne Künstler dasjenige in seinen Bildern, was uns in die Heroenwelt des Homer und Äschylus versetzt, nicht aus der Luft greifen oder aus eignen Mitteln hervorbringen konnte. Man erwartet schon ein vertrautes Studium der Antike darin zu erkennen. Flaxman hat dieses aber nicht bloß in dem Umfange getrieben, wo es ihn als Bildhauer besonders anging; vielmehr wird man bey 233 seinen Umrissen an nichts so sehr erinnert als an die Bilder auf den griechischen (ehedem Hetrurisch genannten) Vasen. Doch halte man dieß ja nicht für eine blinde und knechtische Nachahmung. Zwar kann es nicht fehlen, daß unter der großen Menge von Figuren nicht hier und da eine eigentliche Reminiszenz vorkommen sollte; allein im Ganzen hat Flaxman sich den Styl der Vasengemählde selbstständig angeeignet, und nach seinen Bedürfnissen mit Verstand und Eigentümlichkeit modifizirt. Unstreitig giebt es viele Punkte, worin ihnen der Zeichner von Umrissen besser folgen kann, als den Statuen und Basreliefs; namentlich im Wurf der Gewänder und der Anordnung und dem Putz der Haare. Was in der Natur durch die Leichtigkeit des Stoffes, durch das wechselnde Spiel der Bewegungen, auch wohl der Farben reizend ist, wird der Skulptur zur Masse: sie muß es also durch Form adeln, und die Umgebungen sich bedeutsamer an den Körper anschließen lassen; bauschige Falten und fliegende Wimpel von Stein hat sich nur der fehlerhafte Geschmack neuerer Bildhauer erlaubt. Schon eine gewisse Weitläuftigkeit der Zuthaten, auch wo die Beschaffenheit des Stoffes sich weniger widersetzt, und der Körper nicht dadurch versteckt wird, würde an einer Statue leicht unverhältnißmäßig scheinen; z. B. die gewaltigen Helmbüsche auf unsern Umrissen, wodurch die Figuren nur desto svelter werden. Bey dem in den Vasengemählden häufig vorkommenden und hier daraus entlehnten weiblichen Kopfputze, wo das Haar unten am Ende des Haarwuchses durch ein Band oder eine festere Stütze getragen, oder sonst ver234hindert wird auf den Hals herabzufallen, geht es oft flammenartig so weit hinterwärts hinaus, als ich mich nicht erinnere, es an irgend einer alten Statue gesehen zu haben. – Auch für mancherley Verzierungen und Nebenwerke waren die Vasen vortrefflich zu benutzen. Besonders sind die schönen Stickereyen an den Gewändern, womit sich die Skulptur natürlich nicht abgiebt, dort zu Hause. Allein Flaxman hat sich mit Recht gehütet, diese Dinge völlig mit der Ausführlichkeit zu behandeln, wie seine Vorbilder thun, denn es ist ein doppelter Umstand zu bemerken, der die Gattung derselben von der seinigen unterscheidet. Zuvörderst ist es der seltnere Fall, daß uns die Vasen Gegenstände darbieten, wobey es einzig auf Ausdruck und Handlung ankommt; meistens sind festliche Vorstellungen auf ihnen angebracht, die auf Gebräuche, Einweihungen, Siege in heiligen Spielen Bezug haben. Dabey sind folglich diese Dinge: Kränze, Geschmeide, gestickte Gewänder, Gefäße, Altäre u. s. w. etwas wesentliches, was nebst der häufigen Wahl der eben aufkeimenden Jugendblüthe in männlichen und weiblichen Gestalten, zu der üppigen Zartheit des Styls beyträgt, und Dorische Sitte zu charakterisiren scheint. Dann sind auch die Vasenabbildungen nicht bloße Umrisse, sondern wirklich Gemählde, obgleich meistens monochromatische, wo in die rothe Tinte, welche der äußerste Umriß ausfüllt, wieder stark mit schwarz hineingearbeitet werden darf, ohne daß ein Mißverhältniß entstünde. Einen bedeutenden Unterschied macht es noch, daß auf den Vasen mehrentheils die starken Verkürzungen vermieden und die Ge235sichter ins Profil gekehrt sind. Schwerlich findet man auf irgend einer Vase eine Verkürzung, wie die hineinwärts jagenden Rosse des Achill, auf dem Blatt, wo er den Hektor schleift, oder eine so gerundete Gruppe wie die drey Töchter des Pandareus, die sich, von den Harpyien verfolgt, fest mit den Armen umschlingen. Wo es für den Gegenstand vortheilhaft war, hat Flaxman mahlerisch gruppirt und die Figuren auf verschiedne Plane gestellt; oft aber die dem Basrelief eigne Komposizion angewandt, daß mehrere Figuren auf demselben Plane hinter oder gegen einander stehen, jede ganz für sich gilt, und kein Hintergrund vertieft wird. Hierin ist auch Symmetrie aber von einer ganz andern Art als die beym Dante erwähnte: es ist die gebildete Simplizität eines Geschmacks, der sich nicht im unnütz schwierigen gefällt, sondern mit den leichtesten Mitteln grade zum Ziele geht. Hat die Handlung etwas gleichförmiges, so wird, wie mich dünkt, der Eindruck durch eine geordnete Wiederhohlung ruhiger und größer in die Seele gebracht. Man nehme z. B. das Blatt, wo Elektra mit drey Choephoren ein Trankopfer zum Grabe ihres Vaters trägt: alle gehen im Profil in gleicher Entfernung hinter einander, weinend, mit ähnlichen Gebehrden, nur Elektra tiefer gebeugt. Eben so ist die Szene komponirt, wo Eteokles und Polynices todt herbeygetragen werden: voran der Herold, dann die beyden Leichen, jede auf den Achseln von zwey Kriegern getragen, hierauf in kleinen Entfernungen Antigone und Ismene, entgürtet, mit aufgelöstem Haar und die Hände ringend, endlich eine weibliche Person, die den Chor vorstellt.

236Da die Vasengemählde aus einer ganz andern Kunstschule und andern Zeiten herrühren als die auf uns gekommnen alten Statuen, so weichen auch die Vorstellungsarten der Götter manchmal sehr ab: Flaxman hat sich daher in Kostum und Charakter an das uns bekanntere Herkömmliche gehalten, und z. B. dem Apollo immer die Haarschleife über der Stirn, die Schlankheit in den Hüften u. s. w. gegeben, womit wir ihn zu sehen gewohnt sind; auf den Vasengemählden könnten wir ihn bloß für einen mit Lorbeer bekränzten weichen Jüngling halten. Andre Gottheiten, wie Minerva, Iris, sind nicht zu verwechseln. Hingegen das Luftschreiten der Götter, das mit den Bildern Homers weit besser übereinstimmt als Fliegen oder Schweben, und eben durch das Seltsame des Anblicks so erstaunlich bedeutungsvoll für ihre unwiderstehlich schnelle Wirksamkeit wird, hat der Künstler den Vasen abgesehen. So stellt er Apoll und Diana vor, wie sie die Menschen mit ihren sanften Geschossen umbringen. Und wie herrlich führt Merkur die Seelen der Freyer in die Unterwelt! Den Caduceus in der Linken auf die Schulter zurückgelehnt, die Rechte in die kurze Chlamys gewickelt, die sich dadurch an den rechten Schenkel straff anzieht, und den linken gewaltig ausschreitenden unbedeckt läßt, ist er das Bild des behendesten Boten, und die Schatten, die hinter ihm, in Mäntel vermummt, mit straubigem Haar und verwildertem Blick in die schauerlichen Regionen gedrängt hereinschweben, machen damit einen schönen Kontrast. – Das Luftschreiten ist auch an den Götterpferden bemerklich gemacht: Ihre Hufe schlagen hinten ohne Ge237genhalt weit aus, vorn sind sie stark angezogen. So auf dem Blatte, wo Pallas und Juno auf einer Quadrige zum Thor des Olympus hinausjagen, das ihnen die voranschwebenden Horen öffnen; auf dem nächsten treten die ausgespannten Pferde, von den Horen wieder in den Stall geführt, auf die Wolken mehr wie auf festen Boden, und die leichten Mädchen zwischen den sich bäumenden Rossen bilden eine reizende Gruppe. Die Pferde sind übrigens im Ganzen auf den Vasengemählden nicht eben das vorzüglichste, ein heutiger Pferdekenner würde sowohl gegen ihre Proporzionen als die Art, die Beine zu setzen, manches einzuwenden haben. Unser Künstler hat daraus den Schnitt der Mähnen und die Art des Geschirres genommen, in der Zeichnung selbst aber hält er ein gewisses Mittel, so daß das fremde Ansehen der Thiere mit zu dem antiken Götter und Heldenkostum zu gehören scheint.

Ich würde nicht fertig werden, wenn ich an den einzelnen Darstellungen die Zartheit des Sinnes, womit Ruhe und lebendige Wahrheit, das Heroische und das Graziose verschmolzen ist, näher entwickeln wollte, und muß mich an wenigen Beyspielen begnügen. Ein sehr gefälliges Bild macht die Szene zwischen Venus, Helena und dem aus der Schlacht entkommenen Paris. Der verführerische Weichling liegt in der Phrygischen Mütze zugedeckt auf dem Lager, und lauscht, den Arm auf das Polster gelehnt, auf den Ausgang der Unterhandlung zwischen jenen beyden. Neben der reich bekleideten Helena steht Venus nackt auf einem Wölkchen, neigt den Kopf anmuthig überredend zu ihr herab, und 238 legt ihr die linke Hand auf die Schulter. Helena steht nach vorn, mit eben dieser vom Paris abgewandt, nach dem sie jedoch über die Achsel hinsieht, die Finger der rechten Hand an der Wange, überlegt sie mit züchtig lüsterner Miene. Nicht weniger zart ist die andre Hälfte der Geschichte gedacht: der wackre Hektor tritt in voller Rüstung, den Schild auf den Rücken geworfen, herein, und redet seinen Bruder bestrafend an; am andern Ende sitzt Helena im Sessel zurückgelehnt, und giebt ihrem Schwager in der Stille Recht. Der schöne Paris, bis auf die Sohlen und die Phrygische Mütze nackt, steht in der Mitte, auf den Bogen gestützt, den er eben geglättet hat, und hört die Vorwürfe mit gesenktem Haupte an. Das Naive und Drollige in manchen Homerischen Erzählungen muß der Künstler ganz im richtigen Sinne gefühlt haben, so leise giebt er es an, ohne dem Edlen Abbruch zu thun. Wie außer sich vor Bestürzung und Schmerz ist die verwundete Venus, die von der Iris an beyden Händen zum Olymp gehoben wird, während Mars, ebenfalls verwundet, seitwärts sitzt! Grade so verzweifelt eine schöne Göttin, die man in den Finger geritzt hat. Nachher, wie die für Troja kämpfenden Götter luftschreitend wider ihre Gegner ziehn, und in dem regen GewühI vorn an Diana und Apollo den Bogen spannen und Mars die Lanze schwingt, ist Venus durch Schaden gewitzigt und hält sich ganz im Hintertreffen. – Eine ungemein artige Gruppe ist die, wo Eurynome und Thetis, jene ganz nackt, diese nur unterwärts von einem losen Gewande bedeckt, gegen einander knieend den kleinen vom Himmel herabgeschleu239derten Vulkan auf ihren Armen halten; der alte Ocean sitzt kolossalisch in der Ferne dahinter, mit lang fließendem Bart und einem Kranze von Seethier-Köpfen.

Ganz eigen ist die Zeichnung von der Leukothea gedacht, die dem Ulysses ihre Binde giebt; nicht genau nach der Geschichte, allein die Vortheile der Abweichung fallen sogleich in die Augen. Dort setzt sich die Göttin auf den Rand des Fahrzeuges nieder, worin Ulysses noch schifft: Hier ist es schon zertrümmert, und er schwimmt rücklings, einen Balken umarmend. Sie ist in gerader Richtung aus dem Meer empor gestiegen, ohne Bekleidung, die Schenkel und Beine an einander geschlossen, nur die Spitzen der Füße sind noch in das Wasser eingetaucht. Mit beyden über dem Haupt erhobnen Armen löst sie das mehrmals um ihre Haare, die zum Theil schon an beyden Seiten bis unter die Hüften flattern, gewundne Band. Ob κρήδεμνο dieses bedeuten könne, und es alsdann nicht vielmehr ἀναδέσμη heißen müßte, mag der Künstler mit dem Philologen ausmachen. In der Abbildung der Scylla ist die Idee des Dichters zuverläßig nicht getroffen, sie soll bey ihm offenbar ganz thierisches Ungeheuer seyn, mit sechs Köpfen und langen Drachenhälsen. Hier ist sie menschlich und zwar männlich gebildet, drey Gesichter sind sichtbar, und vier Arme, in deren jedem sie einen zappelnden Gefährten des Ullysses hält; unterhalb des Leibes gehn aus gewundnen Schweifen eines Seethiers bellende Hundsköpfe hervor, die, wie man weiß, ein neuer Zusatz sind. Indessen ist die Gestalt immer geschickter zusammengesetzt, als man sie zuweilen sieht, 240 und vielleicht ist das am meisten zu tadeln, daß der Zeichner sich überhaupt darauf eingelassen hat; denn auch treu nach dem Homer genommen, gäbe es immer nur einen abscheulichen Meerdrachen. In andern ähnlichen Fällen hat er sich vorsichtiger herausgezogen: der hundertarmige Briareus, von der Thetis zu Jupiters Schutz heraufgerufen, der, vollständig vorgestellt, wie eine Indische Gottheit aussehen würde, kommt hier erst mit dem riesenhaften Kopfe aus der Erde hervor und greift vorläufig nur noch mit sechs Händen an die Kluft, die er sich öffnet. Die andringenden Haufen der Schatten, welche den Ulysses fürchten lassen, die Gorgo werde erscheinen, sind zwar gräßliche Larven, aber von mannichfaltigem und furchtbarem Ausdruck. – Man kann keine sprechendere Gebehrde sehn, als die der Nymphe Lampetie, wie sie dem Sonnengott den Verlust seiner geliebten Heerden ankündigt. Sie schwebt hinzu, ihr Gesicht ist gegen ihn in die Höhe gerichtet, die starren Arme hinterdasselbe zurückgeschlagen, während der Gott, bestürzt nach ihr umgewandt, die Zügel der Pferde plötzlich bis gegen die Schultern anzieht. In den Szenen zwischen Ulysses und dem göttlichen Sauhirten, und dann der Penelope entspricht der milde, erfreulich rührende Ausdruck der stillen Anhänglichkeit an häusliche Verbindungen, welche die ganze Odyssee beseelt; besonders ist Penelope, die zu dem lange bezweifelten Gemahl herantritt und ihn, die Hand um seinen Kopf gebogen, zum erstenmal umarmt, ein anmuthig sittiges Weib.

241Ich weiß nicht ob ich mich irre, wenn ich, so sehr alle vier Sammlungen in Einem Geiste gearbeitet sind, die Umrisse zum Äschylus für die vorzüglichsten halte, die der Künstler vielleicht durch die vorhergehenden Studien geübt, zuletzt unternahm. Es giebt ihnen schon einigen Vorzug, daß die Platten, deren Format übrigens nicht bey allen dasselbe ist, sondern sich nach den Bedürfnissen der Anordnung richtet, die größten sind. Die Gestalten des Äschylus gehn eigentlich alle über Lebensgröße hinaus; man kann sagen, daß er, wie Sophokles die Heroen und Heroinen, die Götter am besten dargestellt habe, und unter diesen zwar die alten, die Titanen, wie Prometheus und die Eumeniden. Jener scheint mir auf dem letzten der zu dieser Tragödie gehörigen Umrisse im größesten Charakter gerathen zu seyn: die unbezwingliche Kraft ist nicht durch übermäßige Schwellung der Muskeln sondern durch ihre Derbheit und scharfe Bezeichnung erreicht. Merkur ist eben nach der letzten vergeblichen Bothschaft weggeflogen, Prometheus erwartet mit drohend herumgewandtem Gesichte das Ungewitter; sein Trotz, der die gespreizten Glieder, ungeachtet der Ketten, gewaltsam aufregt und die Fäuste ballt, wird durch die weiche Trostlosigkeit und Angst der zu seinen Füßen zusammengeschmiegten Oceaniden noch mehr gehoben. Hiezu passen die etwas volleren Formen, welche der Künstler den nackten oder halbbekleideten Nymphen gegeben hat, um ihr Element anzuzeigen, so wie auch ein paar von ihnen auf dem Blatt, wo sie herzufliegen, die Arme fast wie zum Schwimmen bewegen. Die Flügel, die sie haben, ste242hen zwar beym Äschylus: warum müssen es aber grade Schmetterlingsflügel seyn? Vielleicht um eigentliche große Fittige zu vermeiden? Die Ankunft des Ocean auf dem Greif nimmt sich so schön und würdig aus, daß man nicht fragt, ob die Absicht des Dichters genau befolgt ist, bey dem das Thier ein vierfüßiger schnellgeflügelter Vogel heißt. Hier ist es als ein Bewohner der See mit Flossen gebildet, die Klauen an den Tatzen, wovon die eine zum Fortschreiten durch die Luft gehoben, die andre mächtig niedergedrückt ist, sind durch eine Schwimmhaut verbunden, der Hals biegt sich schwanenartig, der Kopf hat Ähnlichkeit mit dem eines Pferdes. Der Ocean sitzt nachläßig gelehnt auf seinem Rücken, nach Art der Flußgötter, in der Linken das an der Schulter ruhende Ruder, die Füße sind durch den gewundnen Schweif des Thieres gesteckt. – Es ist eine von Flaxmans gewöhnlichen Feinheiten, daß die Gottheiten im Tempel zu Argos, wohin sich die Danaiden geflüchtet, im älteren Styl der Skulptur mit steif geordneten Locken und Flechten abgebildet sind. An den Danaiden als Ägyptierinnen ist durch Physiognomie und Pracht, durch die eckigen Zierrathen und Streifen der Zeuge, durch wunderlich gekräußte oder ganz schlichte Haare, wovon ein starker Streif hinter dem Ohr hinunter vor die Schulter fällt, das Ausländische und Barbarische sehr gut ausgedrückt. Zwar konnte dieß dem Zeichner nicht entgehen: der Dichter hat einen solchen Nachdruck darauf gelegt, da es ihm vielmehr zum Verdienst anzurechnen ist, wenn er nicht übertrieb. Der König Pelasgus sagt zu den Danaiden, da sie 243 ihm erklärt haben, ihr Geschlecht stamme aus Argos ab:

 

Unglaublich lautets, fremde Jungfraun, meinem Ohr,
Daß ihr mit uns sollt sprossen aus Argeier Stamm.
Denn nach dem Ansehn seyd ihr Weibern Libyens
Vielmehr vergleichbar, keineswegs einheimischen.
Auch Neilos etwa möchte solch Gewächs erziehn,
Dergleichen Wesen prägt den Frauenbildungen
In Kypros Eiland Zeugekraft der Männer auf.
So sollen Inderinnen auf berittener
Kameele Rücken weit umherziehn, deren Land
Angränzend fernhin bey den Äthiopen liegt.
Den männerlosen starken Amazonen auch,
Wofern ihr Bogen führtet, möcht’ ich euch gar sehr
Vergleichen. Darum thut mir das belehrend kund,
Wie eure Herkunft, euer Sam’ Argeiisch sey.

 

Es ist eine von den Stellen, wobey man den kolossalischen Kothurn des Äschylus lächelnd bewundern kann, der im Tragischen eben so naiv ist, wie Homer im Epos. Ausdruck und Gegensatz ist vortrefflich auf dem Bilde, wo der Ägyptische Herold eins von den Mädchen bey den Haaren wegschleifen will, und der edle König mit halbgezognem Schwert herbeyeilt und ihm zuruft:

 

Du höhnst, Barbar! Hellenen mit zu keckem Muth.

 

Bey der sonst feurigen und doch einfachen Komposizion vom Schwur der sieben Helden gegen Thebe, hat einmal ein moderner Gebrauch zu fest in der Fantasie des Künstlers gehaftet, als daß er den Irrthum hätte wahrnehmen sollen. Sie stehen nämlich in ihrer Rüstung und mit den Schilden gegen einander, drey an einer, 244 vier an der andern Seite des geschlachteten Stiers, und halten alle den Daum und die nächsten zwey Finger in die Höhe, welches gewiß nicht die griechische Weise zu schwören war. Nach dem Äschylus scheint es, als hätten sie beym Schwur die Hand in das Blut des Opferthieres getaucht; sollten Hände erhoben werden, so mußten es wenigstens beyde seyn, wie beym Beten. Auch ist der Dichter offenbar misverstanden, wenn Apollo an dem Zweykampf der Brüder Antheil nimmt, und den Bogen gegen Polynices spannt: dieß soll sich auf v. 806–808 gründen. Die Szenen aus dem Agamemnon, den Choephoren und Eumeniden sind ganz in dem ernsten Sinne dieser großen tragischen Verkettung gezeichnet. Auf die festliche Rückkehr Agamemnons wirft Cassandra neben ihm auf der Quadrige einen Schatten trüber Ahndung; nachher steht Klytämnestra mit dem Beil als erhabne Verbrecherin unerschüttert hinter der Leiche ihres in das Badegewand verwickelten Gemahls, dem zu beyden Seiten der Chor traurend kniet; da hingegen Orestes den Zoll der Menschlichkeit für seine Gräuelthat bezahlt, und mit Entsetzen flüchtet. Das Ganze krönt die Schlußszene aus den Eumeniden. An der einen Seite sitzen die alten schweigenden Richter auf ihrem Thron; vor ihnen steht Orest, noch in schwermüthiger Stellung; vor diesem Athene und weiter hineinwärts Apollo. Jene redet den Eumeniden gegenüber zu: sie ist die Weisheit und Überredung in schöner weiblicher Gestalt, der selbst die Töchter der Nacht nicht widerstehen können, und sich mit gesenkten Fackeln, wie über ihre eignen gemilderten Gesinnungen verwundert, 245 zum friedlichen Abzuge anschicken. – Aus den Persern ist kein einziger von den auf dem Theater vorkommenden Auftritten behandelt; die Gegenstände sind: ein Traumgesicht der Atossa, ein Gefecht, wo Persische Krieger von einem Berge herabgestürzt werden, und die gebeugte und knieende Asia mit den zerbrochnen Insignien ihrer Herrlichkeit. Sonst sind noch auf verschiednen Blättern zu den andern Tragödien bloße dichterische Bilder und Anspielungen, wie beym Dante, zu pittoresken Fantasien entfaltet.

Wenn man andre Dichter des Alterthums auf ähnliche Weise mit Zeichnungen begleiten wollte, so würden besonders Pindars Oden unübersehlich viele Veranlassungen zu der zuletzt erwähnten Gattung geben; doch kommen ja auch viele ausführlich erzählte Mythen und Geschichten bey ihm vor. Dann ist Sophokles und Euripides noch unberührt, und der göttliche Aristophanes, für den mit genialisch entworfnen Bildern eine ganz neue Epoche des Verständnisses angehen würde. Die Vasengemählde, die eine Menge komische Maskenfiguren enthalten, würden hiezu wiederum ein wesentliches Studium seyn. Ohne noch zu den späteren Dichtern der Griechen und zu den Römern herabzusteigen, welch ein unermeßliches Feld für den Künstler, der sich berufen fühlte, mit Flaxman zu wetteifern! Auch in den von ihm geschmückten Gedichten ist noch etwas mehr als Nachlese zu halten: ich will hier nur als Beyspiel erinnern daß unter den Umrissen zur Ilias der berühmte Abschied der Andromache vom Hektor fehlt.

246 Indem ich lebhaft wünsche, daß uns bald ein Deutscher Künstler mit eben so schönen Einladungen zum Genuß der alten Poesie beschenken möge, und mich freuen würde, wenn dieser Aufsatz etwas beytrüge die Aufmerksamkeit dahin zu lenken, kann ich nicht vergessen, daß die Dichter auch das ihrige thun müssen, ihre Vorbilder bey uns einheimisch zu machen, und daß unter andern, bey allen Fortschritten in diesem Fache, poetische Übersetzungen, woraus der Deutsche Leser die sämmtlichen Dramatiker der Griechen und den Pindar nach Würden könnte schätzen lernen, zu den Aufgaben gehören, die immer noch ihren Meister suchen.

 

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