Wortliste
Struktur
(Wenn Sie im oberen Fenster »Wortliste« ein Stichwort auswählen, erscheint hier ein Überblick über die Gliederung des betreffenden Wortartikels.)
Semantik 
1. ›konkretes Sprachsystem‹, insbesondere unter strukturellem Aspekt. Extensional (hinsichtlich des Bedeutungsumfangs, d. h. der konkret gemeinten ,Gegenstände’) ist die Wortbedeutung relativ (vgl. auch Reichmann 1993, 290 ff.): Nur mit Bezug auf eine übergeordnete, umfassendere sprachliche Gesamtheit wird von Dialekt1 gesprochen. Dies findet sich durchgängig: Auf jeder Ebene, zu der eine nächsthöhere angenommen wird, kann von Dialekt1 die Rede sein, so dass die extensionale Bedeutung je nach Zusammenhang variiert; Adelung weist auf diese Tatsache ausdrücklich hin [23]. Dialekt1 genannt werden kann
  • prototypisch eine Varietät einer Sprache, meist im Unterschied zu deren Leitvarietät und auf diese kontrastierend bezogen, insbesondere eine regionale Varietät, die bisweilen ausschließlich unter räumlichem (geo­gra­phi­schem) Aspekt gesehen [1, 8, 24, 61], oft aber auch von Soziolekten (als Sprechergruppen erscheinen besondere Stände [10], das (gemeine) Volk9 [14, 45], die ganz niedere Klasse [46], die Vornehmen und die Geringen [74]), Funk­tio­lekten [11, 12], Historio­lekten [51, 57, 63] und sogar Idio­lekten [9, 48] im heutigen Sinne nicht klar unterschieden wird.
  • eine Einzelsprache, insofern diese als Glied einer Sprachfamilie erscheint. Gemeint sind meist die indoeuropäischen Sprachen, z. B. die germanischen [93], die slawischen [27, 28, 50, 52], insbesondere aber die romanischen im Hinblick auf das Lateinische [15, 90, 92, 96]. Im Lateinischen seinerseits wird ein Dialekt1 des Griechischen vermutet, „indem das Pelasgische, die Stammsprache des Griechischen ihre Wurzel gewesen zu seyn scheint“ [79], bzw. Griechisch und Latein sind „beynah als Dialekte einer Hauptsprache zu betrachten“ [82]. Am Beispiel des Polynesischen führt G. Forster vor Augen, dass zwei Sprachen3 als Dialekte1 einer und derselben Sprache3 gesehen werden können [35].
  • eine Gruppe von Einzelsprachen und/oder Varietäten von Einzelsprachen, insofern diese als Zweig einer Sprachfamilie erscheint. A. W. Schlegel unterscheidet als Hauptzweige der deutschen (›germanischen‹) Sprache3 die beiden Dialekte1 des Oberdeutschen und des Niederdeutschen, wobei er zum letzteren das Friesische, Holländische und Englische zählt [13].
  • eine extensional nicht näher bestimmte Menge sprachlicher Varietäten, die nicht nach Kriterien der Sprachverwandtschaft, sondern (zum Zweck der Verwendung in der Poesie11) unter prosodisch-euphonischem Aspekt zusammengefasst werden [104].
Zu beobachten ist die extensionale Relativität insbesondere im Kontext der historisch-genetischen Sprachbetrachtung, die sich die Romantiker (vor allem die Brüder Schlegel) unter dem Eindruck der Entdeckung indoeuropäischer Sprachverwandtschaftsver­hält­nisse zu eigen machen. Da sie nicht im heutigen Sinne historisch denken und weniger nach Erschei­nungs­formen als solchen, vielmehr nach dem ihnen zugrunde liegenden Wesen, der außer- oder über­zeitlichen Idee einer Sache fragen, betrachten sie auch historische Sprachstufen nicht als solche, sondern unter dem Aspekt einer höheren Einheit. In einer solchen Sicht sind beispielsweise die modernen romani­schen Sprachen ,wesentlich‘ immer noch dasselbe wie die alten linguae romanae rusticae und werden als regionale und/oder sozialschichtige Varietäten des Lateinischen verstanden. Ebenso wird in Anlehnung an Traditionen des 17. Jahrhunderts gelegentlich die Familie der germanischen Sprachen als eine einzige Sprache gedeutet und mit der Einzelsprache Deutsch gleichgesetzt, so dass Englisch und Niederländisch in gleicher Weise (auf einer und derselben Hierarchiestufe) als Dialekte dieser Sprache gelten können wie etwa das Alemannische und Thüringische. – Dialekt1 wird meist als Form der gesprochenen Sprache verstanden [1, 21, 22, 29, 42, 58, 60, 61, 71, 107], über die im Fall älterer Sprachstufen schriftliche Zeugnisse Auskunft geben können; die methodische Problematik eines Rückschlusses von der Schriftlichkeit auf die Mündlichkeit wird nicht reflektiert. Wo der Aspekt der funktionalen oder idiolektalen Varietät gegenüber demjenigen der regionalen in den Vordergrund tritt, kann auch der Aspekt der Schriftlichkeit dominieren; in diesem Fall tendenziell: ›textsortenspezifische Diktion‹ [12, 53] oder ›persönlicher Stil, Schreibart eines Autors‹ [16, 17]; es kann jedoch auch die regional gefärbte Aussprache einer Einzelperson gemeint sein [5, 8, 40, 55]. – Die Verschiedenartigkeit der Dialekte1 gründet in der Reaktion des menschlichen Körpers (konkret: der Sprachorgane) auf unterschiedliche klimatische Einflüsse [19], hat mithin natürliche Ursachen. Historisch gesehen gründet die dialektale Vielfalt im Zusammenwachsen verschiedener verwandter Stammessprachen zu einer Landes- oder Volkssprache [2, 26]. Die gebildetste der Stammessprachen [2, 26] oder eine Mischform [2] wird zur Leitvarietät (so das Kastilische für das Spanische [32]), hinsichtlich deren die übrigen bzw. ursprünglichen Formen als defizitär angesehen werden [2, 26]. Demgegenüber findet sich bei manchen der hier untersuchten Autoren auch die Auffassung, in der Gesamtheit ihrer Varietäten zu bestehen sei nicht der natürliche Ausgangszustand einer Sprache, sondern das Ergebnis einer meist negativ bewerteten Entwicklung, die als Abweichung von einer zeitlich oder der Idee nach vorgängigen, vollkommeneren und reineren Sprachnorm verstanden wird; typisch hierfür sind vorgangsbeschreibende Syntagmen wie Sonderung der Dialekte [85, 86], Einteilung der Sprache in Dialekte, kotextcharakteristische Verben wie ausarten oder kotextcharakteristische Syntagmen wie Abart einer vollkommeneren Hauptsprache [84] / der allgemeinen Sprache3 [95]. ⦿ Die Subsysteme (Dialekte1), die auf diese Weise aus einem übergeordneten System entstanden oder in Absetzung gegen dasselbe als solche in Erscheinung getreten sind, können allerdings unter bestimmten Umständen – vor allem durch Gebrauch in der Poesie und Ausbildung zur Literatursprache – ihrerseits zu Systemen werden, die anderen oder neuen Gliederungseinheiten übergeordnet sind und dann in der Regel auch Sprache3 genannt werden. In diesem Fall werden sie meist positiver gesehen: Das Provenzalische beispielsweise ist durch liebliche Poesie ausgebildet [11]. Ihre poetische Verwendbarkeit oder tatsächlich erfolgte Verwendung ist einer der Gründe für eine bisweilen begegnende wohlwollende Haltung gegenüber Dialekten1/Mundarten1: Mehrfach lobt A. W. Schlegel die regionalen Varietäten des Griechischen, die als gattungsspezifische Literatursprachen eingesetzt wurden [78], an anderen Stellen bewertet er die Dialekte des Deutschen hinsichtlich ihres potentiellen Nutzens für die Dichtersprache [75] (vgl. auch Bär 1999, 131 f.). Für Adam Müller kann das „echte und lebendige Hochdeutsch“ nur durch eine unausgesetzte Bereicherung aus den Dialekten1 heraus entstehen und Bestand haben [68]. – Erkennbar wird bei manchen Autoren, z. B. bei Goethe, jedoch auch eine emotional-positive Haltung gegenüber den Dialekten1, die als ursprünglich-authentische Ausdrucksform gesehen werden [4, 7, 25]. Alle Dialekte1 sind diesbezüglich gleichwertig [56, 68], so dass die im 18. Jahrhundert von Autoren wie Gottsched und Adelung vorgetragene Meinung, das Meißnische sei als Leitvarietät zu sehen, auf Ablehnung stößt [20, 42, 68]. Wieland sieht in den älteren Dialekten1 „eine Art von Fundgruben [...], aus welchen man den Bedürfnissen der allgemeinen Schriftsprache, in Fällen, wo es vonnöthen ist, zu Hülfe kommen könne“ [20]. 1804 denkt Goethe über die Gründung einer Gesellschaft für deutsche Sprache und insbesondere eine systematische Erforschung der deutschen Dialekte1 nach [37]. Als einen möglichen Schritt zur Kultur4 einer Provinz erwägt er, Werke aus der Allgemeinsprache in ihren Dialekt1 übersetzen zu lassen [38]. Für die Theaterbühne allerdings ist jede Art von Dialekt1 ungeeignet [5, 73] und in der akademischen Vorlesung ist zumindest der ortsfremde Dialekt1 insofern problematisch, als er zur Verstehensbarriere wird [72].
Belege 
[1] Arndt, Erinn. (1840), 216: Der Bauer um Köln, der im Jülicher, Klever, Limburger Lande, ja der in Brabant und Flandern spricht mit kleinen Abweichungen im Grunde denselben Dialekt [...].

[2] A. F. Bernhardi, Sprachlehre I (1801), 110 f. (111): Aus mehreren Stämmen bildet sich, nach Anleitung von einzelnen, äußeren Umständen, ein Staat; die nachbarlichen Stämme mit ihren im Ganzen ähnlichen Sprachen[3] schmelzen zu einem Volke[2/1] zusammen; es entsteht Volkssprache, welche einen allgemeinen und noch festern Charakter bekommt. Allein diese Stämme vereinigen sich ⟨111⟩ anfangs nur durch ein sehr lockeres Band, und die einzelnen Stammsprachen bleiben daher noch lange Zeit von einander getrennt, und erhalten blos eine allgemeine Aehnlichkeit. Diese allgemeine Aehnlichkeit ist nun die eigentliche Landessprache, und die übrigen Stammsprachen erscheinen in Hinsicht auf diese als
Dialekte
. Nun ist aber ein doppelter Fall denkbar; entweder dies Band zwischen den Stämmen bleibt so locker, als es anfangs war, und jeder kultivirt sich für sich, dann wird die jedesmalige Provinz, in welcher die Kultur[4] wohnt, ihren
Dialekt
zur Hauptsprache erheben, und temporell die Sprachen
[
4
]
der andern Stämme als abweichend und weniger gebildet herabsetzen; oder die Stämme nähern sich einander bis zur Vermischung, dann entsteht eine Hauptsprache, welche die andern, durch zufällige Umstände, sich neben der Hauptsprache erhaltenden
Dialekte
, würklich als fehlerhaft und provinziell, wenigstens für die schriftliche Darstellung, verwirft. Griechenland liefert Beispiele zu beiden, in der anfänglichen Trennung in einzelne Stämme und
Dialekte
, und der spätern Reception des attischen
Dialekts
als klassisch
[
3
]
. Volltext


[3] G. Forster, Reise u. d. Welt I (1778), 108: Er war in der Sprache[3] von O-Taheiti besonders erfahren; und zwischen dieser und der Sprache[3] von Neu-Seeland, ist nur ein solcher Unterschied als zwischen zwey Dialecten zu seyn pflegt.

[4] Goethe, Dicht. u. Wahrh. II (1812), WA I, 27, 57 f.: Ich war [...] in dem oberdeutschen Dialekt geboren und erzogen, und obgleich mein Vater sich stets einer gewissen Reinheit der Sprache[4] befliß und uns Kinder auf das, was man wirklich Mängel jenes Idioms nennen kann, von Jugend an aufmerksam gemacht und zu einem besseren Sprechen vorbereitet hatte, so blieben mir doch gar manche tiefer liegende Eigenheiten, die ich, weil sie mir ihrer Naivetät wegen ⟨58⟩ gefielen, mit Behagen hervorhob, und mir dadurch von meinen neuen Mitbürgern jedesmal einen strengen Verweis zuzog. Der Oberdeutsche nämlich, und vielleicht vorzüglich derjenige, welcher dem Rhein und Main anwohnt, (denn große Flüsse haben, wie das Meeresufer, immer etwas Belebendes) drückt sich viel in Gleichnissen und Anspielungen aus, und bei einer inneren menschenverständigen Tüchtigkeit bedient er sich sprüchwörtlicher Redensarten. In beiden Fällen ist er öfters derb, doch, wenn man auf den Zweck des Ausdruckes sieht, immer gehörig; nur mag freilich manchmal etwas mit unterlaufen, was gegen ein zarteres Ohr[4] sich anstößig erweis't. | Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Athem schöpft. Mit welchem Eigensinn aber die Meißnische Mundart[1] die übrigen zu beherrschen, ja eine Zeit lang auszuschließen gewußt hat, ist jedermann bekannt. Wir haben viele Jahre unter diesem pedantischen Regimente gelitten, und nur durch vielfachen Widerstreit haben sich die sämmtlichen Provinzen in ihre alten Rechte wieder eingesetzt.

[5] Goethe, Reg. f. Schausp. (*1803; 1832), WA I, 40, 139: Wenn mitten in einer tragischen Rede sich ein Provincialismus eindrängt, so wird die schönste Dichtung verunstaltet und das Gehör des Zuschauers beleidigt. Daher ist das Erste und Nothwendigste für den sich bildenden Schauspieler, daß er sich von allen Fehlern des Dialekts befreie und eine vollständige reine Aussprache zu erlangen suche. Kein Provincialismus taugt auf die Bühne! Dort herrsche nur die reine deutsche Mundart[1], wie sie durch Geschmack, Kunst und Wissenschaft ausgebildet und verfeinert worden.

[6] Immermann, Düsseld. Anf. (1840), 7: Vergiß nicht [...], daß Du das Stück
[sc. Schiller,
Wallensteins Lager
]
von den Meisten in
Dialekten
sprechen ließest. | Dieses Mittel, die Illusion der buntesten Mannigfaltigkeit zu erzeugen, liegt so nahe, daß man nicht begreift, wie die Leute, die sich mit dem Theater beschäftigen, es haben außer Acht lassen können [...]. Eine rohe Soldateska, die durcheinander schwatzt und selbst von sich aussagt, daß sie aus allen Ecken und Enden zusammengeblasen worden sey, braucht doch nicht mit uniformer klassischer
[
3
]
Eleganz zu reden. Man zerstört also nicht den Sinn des Gedichts, man interpretirt vielmehr Schiller auf richtige Weise, wenn man statt des gangbaren reinen Deutsch ein Sprachmengfutter in diesem Stücke
⟨8⟩
auftischt.


[7] A. Müller, Beredsamk. (!1812; 1816), 38: Die Dialekte unsrer Sprache[3] sind, zumal was Betonung und Akzent angeht, schöne Denkmale vaterländischer Treue, festen Beharrens an dem Boden, der uns erzeugt, und an die Weise, wie seine Berge und Wälder und die Herzen, die er trägt, den Ton der Herzlichkeit zurückgaben; aber wie schroff stehn sie untereinander, wie sperren und spannen sie die einzelnen Gebiete von Deutschland gegeneinander; so auch die Gesinnungen, die Gedanken: ein gemeinschaftlicher Grundton der Harmonie nirgends, wenn nicht etwa in dem Nachklang dessen, was wir einst waren, und in der Ahndung dessen, was wir werden können.

[8] Novalis, an A. C. Just (1. 7. 1797), NS 4, 233: Er errieth unser Vaterland Weißenfels aus dem Dialect; so genau hatte er die Dialecte und Provinzialismen der deutschen Sprache[3] inne.

[9] Novalis, Allg. Brouill. (*1798), NS 3, 306, Nr. 367: Die Dialecte und Pronunciationen werden durch Consonanten und Vocale im Großen gebildet. | Lippensprache – Gaume – Kehle – Zunge – Zähne – Nase etc. Manche Sprache[4] wird aus dem e, u, o etc. gesprochen. So hat jeder Mensch seinen Hauptvocal.

[10] A. W. Schlegel, Vorles. philos. Kunstlehr. (
!
1798–99), KAV 1, 16: Je mehr eine bestimmte Eigentümlichkeit in einer Sprache[3] vorwaltet, desto eingeschränkter wird ihr Gebrauch. Die Drolligkeit findet vorzüglich in eignen Dialekten und unter besonderen Ständen (so die Fischhändlerinnen in Paris) statt.

[11] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (!1803–04), 217: Überhaupt muß man sich hüten, von der großen Rolle Frankreichs im modernen Europa auf die früheren Zeiten zurückzuschließen. Hier mußte es sehr gegen Deutschland zurückstehen. Denn zuvörderst war es in zwey ganz verschiedne Sprachen[3] getheilt, die Französische und Provenzalische, und schon deswegen erscheinen die Franzosen weniger als Eine Nation[1]. Das Französische blieb lange ein unförmlicher widerwärtiger Dialekt, während das Provenzalische durch liebliche Poesie[11] ausgebildet, weit höher geschätzt und im Auslande verbreitet war. Es ist eigentlich ein zufälliger und für die National-Cultur unstreitig sehr nachtheiliger Umstand, daß dieser nördlichere dürftige Sprößling des Lateinischen zur herrschenden Sprache[3] erhoben worden; wenn die Krone an ein südliches Fürstenhaus gekommen wäre, so würde es wahrscheinlich umgekehrt ergangen seyn, und man würde das Französische jetzt nur als ein unbedeutendes Patois kennen.

[12] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 303 f.: Es ist für die Poesie[3] unendlich vortheilhaft, wenn in einer Sprache[3] für die [poetische] Licenz ein weites Feld offen gelassen ist, welches besonders durch den Zusammenfluß verschiedner Dialecte, verständliche Erhaltung des Alten, und Fähigkeit zu neuen Ableitungen bewerkstelligt wird [...]. Zuerst hat dieß den negativen Vortheil, daß die Poesie[3] dadurch ihre Verschiedenheit von der Prosa[1] und ihren Vorsatz sich in einer freyeren Sphäre zu bewegen, selbst dem Ohre[4] unmittelbar ankündigt; dann aber wird die Sprache[3] durch diese Breite zu einem weit biegsameren Organ[1] für sie. Sie hat sich dabey nur vor der Gefahr zu hüten, daß dieser poetische[5] ⟨304⟩ Dialekt nicht ins conventionelle ausarte, bloße Phrase werde, so wie dem unvermeidlichen, oft sehr heilsamen Gebrauche der Terminologie das nachbetende Formularwesen nahe liegt.

[13] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 330 f.: Wir können uns hiebey nicht über alle Sprachen[3] Germanischen Stammes im Einzelnen verbreiten. Was aber die unsrige charakterisirt, gilt entweder von jenen mit, oder es leidet Einschränkungen. Nur dieß will ich hier im allgemeinen bemerken, daß sich der Deutsche Stamm in zwey Hauptzweige theilt: das Ober- und Niederdeutsche. Zu dem letzten gehören das Friesische, Holländische und Englische. Ob man noch einen dritten Hauptstamm anzunehmen habe, den Scandinavischen, zu welchem dann das Schwedische und Dänische gehören würde, dieß lasse ich dahin gestellt seyn. Auf jeden Fall sind die eben genannten Dialekte dem Niederdeutschen verwandter als dem Oberdeutschen. Zwischen diesen beyden Dialekten muß man wie mich dünkt, ohne Frage für das letzte entscheiden. Es hat weit mehr Bestimmtheit, Charakter und grammatische Construction; statt daß die niederdeutschen Dialekte erscheinen wie Sprachen[3], welche dieß alles gehabt, aber aus weichlichem Phlegma weggeschliffen und verschmolzen hätten. Das ist nicht zu leugnen, daß das Oberdeutsche in seiner ungemilderten Gestalt eine gewisse Unbeholfenheit und rauhe Bergaccente an sich hat; in der fließenden Leichtigkeit des Niederdeutschen erkennt man den klimatischen Einfluß der mildernden Seeluft und der an der See gelegnen Ebnen. Dazu kommt, daß sich der Deutsche Volks⟨331⟩stamm im Norden reiner erhalten hat, vielleicht sind manche Dialekte im Süden von Deutschland dadurch härter geworden, daß die große Masse der Einwohner Slavisch war, und das Deutsche erst als eine fremde Sprache[3] erlernt werden mußte, wie es ja noch jetzt innerhalb der Gränzen Deutschlands keineswegs allgemein verbreitet ist. Allein bey allem dem verräth der so oft widerhohlte Wunsch, das Niederdeutsche möchte doch statt des Hochdeutschen die poetische[4] und Büchersprache geworden seyn, eine große philologische und historische Unkunde. Der Versuch ist ja angestellt mit dem Englischen und Holländischen, und man hat genugsam gesehen, was daraus geworden. Dasjenige wodurch ein solches Provinzial-Patois gefällt, eine gewisse naive Grazie, ein scherzhafter Anstrich, geht bey der Ausbildung durch Schrift unausbleiblich verlohren. Es ist eine beschränkte Individualität, die keine allgemeine Gültigkeit haben kann. Das sogenannte Plattdeutsch schreibt sich zum Theil von flamändischen Colonien her, in neueren Zeiten ist es aber so sehr durch eingemischtes Hochdeutsch verfälscht worden, daß es als eine Bestandsprache keinen höheren Rang verdient, als Dialekt des gemeinen Volks[9] in einer Provinz zu seyn.

[14] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 340: [Die romanischen Sprachen] waren zuerst corrumpirte Dialekte des gemeinen Volkes[9]. Durch die frisch aufblühende Poesie[11] erhielten sie Form. Dieß erschien nun als ein unschätzbares Gut, welches man zu erhalten suchte; so wurden früher oder später gewisse Autoren als unübertreffliche Muster der Reinigkeit anerkannt, und die nachherigen sollten nun nicht mehr gleiche Rechte der Sprachschöpfung genießen, sondern wurden eingeengt. In Italien wurde hiemit, so wie mit dem ausschließenden Vorzugsrechte des Florentinischen Dialektes, schon im 16ten Jahrhundert große Pedanterey getrieben.

[15] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 342: Sonor sind die südlichen Neulateinischen Sprachen[3] alle, jedoch mit verschiednen Modificationen. [...] Das Portugiesische scheint unter allen der mildeste und lieblichste Dialekt zu seyn, welches dem Kehllaut der Spanier grade den sanftesten aller Konsonanten, das weichere Sch (j) entgegensetzt, auch die endenden S alle zischt.

[16] F. Schlegel, an A. W. Schlegel (25. 2. 1799), KFSA 24, 234: Auch die Verse misfallen mir nicht in der Prosa[1], da jeder göttliche Dialekt das Recht haben muß einzig zu seyn, und die himmlischen eben werden wie es ihnen gut däucht.

[17] F. Schlegel, Unverst. (1800), 342: Ich lasse [...] die Ironie[1] fahren und erkläre gerade heraus, das Wort[1] bedeute in dem Dialekt der Fragmente, alles sey nur noch Tendenz, das Zeitalter sey das Zeitalter der Tendenzen.

[18] F. Schlegel, Zur Poesie II (*1802), KFSA 16, 421, Nr. 48: Die provenzal[ischen] Dial.[ekte] (auch der von Valencia) in d[er] Verstümmelung schon sehr französisch. Das Quelle [sic] und das Franz[ösische] als d[er] Untergang der romant[ischen][12] Sprach[en][3] [möglicherweise auch Sprach[e][5]] zu betrachten. ⦿

[19] F. Schlegel, Beitr. mod. Poesie (1803), 61: Wo die in der menschlichen Organisation[4] gegründeten Dialekte sich ungehindert frey entfalten können, werden sie sehr sichtbar die Spuren des klimatischen Einflusses an sich tragen. Der Dialekt der Berge äußert überall einen entschiedenen Hang zu den rauh aspirirten ch, an den Seeküsten findet man das schmelzende sch, und auch die nasalen Töne; auf dem platten Lande hingegen bei ackerbauenden Völkern, eine Neigung zu den breiten Tönen und sehr scharfen Accenten.

[20] Wieland, Was ist Hochteutsch? (1782), 170: [I]ch behaupte, so lange bis ich des Gegentheils durch überwiegende Gründe überzeugt werde, a) daß die Hochteutsche Schrift-Sprache oder die Frage, was ist Hochteutsch? sich nicht durch die Mundart[1] irgend einer blühenden Provinz, sondern ganz allein aus den Werken der besten Schriftsteller bestimmen lasse; b) daß hiervon auch die Schriftsteller des 16ten und 17ten Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden dürfen; c) daß die Zeit noch nicht gekommen sey, wo die Anzahl der ⟨170⟩ Autoren, welche den ganzen Reichthum unsrer Schrift-Sprache enthalten, für beschlossen angenommen werden könnte: und daß d) bis dahin die ältern Dialekte noch immer als gemeines Gut und Eigenthum der ächten teutschen Sprache[3], und als eine Art von Fundgruben anzusehen seyen, aus welchen man den Bedürfnissen der allgemeinen Schriftsprache, in Fällen, wo es vonnöthen ist, zu Hülfe kommen könne. Volltext

[21] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1162.

[22] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1360.

[23] Adelung, Gramm.-krit. Wb. III (
2
1798), 311.

[24] B. v. Arnim, Günder. I (1840), 64.

[25] B. v. Arnim, Günder. II (1840), 42.

[26] A. F. Bernhardi, Anfangsgr. d. Sprw. (1805), 45.

[27] Brockhaus, Conv.-Lex. I (1809), 160.

[28] Brockhaus, Conv.-Lex. IV (1809), 364.

[29] Brockhaus, Conv.-Lex. VII (1809), 290.

[30] Brockhaus, Bild.-Conv.-Lex. II (1838), 344.

[31] Brockhaus, Bild.-Conv.-Lex. II (1838), 437.

[32] Brockhaus, Bild.-Conv.-Lex. IV (1841), 234.

[33] Ditters von Dittersdorf [Spazier], Lebensbeschr. (1801), 174.

[34] Ditters von Dittersdorf [Spazier], Lebensbeschr. (1801), 258.

[35] G. Forster, Reise u. d. Welt I (1778), 412 [420].

[36] Goethe, Rez. Grübel (1798), WA I, 40, 311.

[37] Goethe, an ?Chr. G. Voigt (?Mrz. 1804), WA IV, 17, 306.

[38] Goethe, Rez. Hebel [Allem. Ged.] (1805), WA I, 40, 304.

[39] Goethe, Tageb. (1806), WA III, 182.

[40] Goethe, an Chr. G. Voigt (9. 12. 1808), WA IV, 20, 256.

[41] Goethe, Trenng. Schausp. Oper (*1808), WA I, 53, 268.

[42] Goethe, Dicht. u. Wahrh. II (1812), WA I, 27, 59.

[43] Goethe, an W. v. Humboldt (8. 2. 1813), WA IV, 23, 278.

[44] Goethe, Dicht. u. Wahrh. III (1814), WA I, 28, 101.

[45] Goethe, Ital. Reise I (1816), WA I, 30, 49.

[46] Goethe, Ital. Reise I (1816), WA I, 30, 112.

[47] Goethe, Rez. Pfingstmont. I (1816), WA I, 41.1, 147.

[48] Goethe, an C. L. F. Schultz (24. 9. 1817), WA IV, 28, 262.

[49] Goethe, Ital. Reise II (1817), WA I, 31, 136.

[50] Goethe, Serb. Lied. (1824), WA I, 41.2, 147,
6
.

[51] Goethe, Serb. Lied. (1824), WA I, 41.2, 147,
14
.

[52] Goethe, Serb. Lied. (1824), WA I, 41.2, 148.

[53] Goethe, Not. u. Abhdlg. (1829), WA I, 7, 238.

[54] Goethe, Not. u. Abhdlg. (1829), WA I, 7, 253.

[55] Goethe, Tag- u. Jahres-Hefte I (*1817..26; 1830), WA I, 35, 17.

[56] Goethe, Rez. Brfwechs. Jacobi (*1827; 1833), WA I, 42.2, 84.

[57] Hase, Cours Villois. (1803), 149.

[58] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 11.

[59] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 119.

[60] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 125.

[61] Herloßsohn, Dam. Conv. Lex. III (1835), 163.

[62] Herloßsohn, Dam. Conv. Lex. V (1835), 388.

[63] Herloßsohn, Dam. Conv. Lex. VII (1836), 430.

[64] Hoven, Lebenserinn. (1840), 161.

[65] Krünitz, Oecon. Encycl. LXV (1794; 21803), 270.

[66] Maimon, Lebensgesch. I (1792), 61.

[67] A. Müller, Beredsamk. (!1812; 1816), 5.

[68] A. Müller, Beredsamk. (!1812; 1816), 152 ff. (153 f.).

[69] Mundt, Dt. Prosa (1837), 244.

[70] Novalis, an A. C. Just (1. 7. 1997), NS 4, 233.

[71] Sachse, Dt. Gil Blas (1822), 23.

[72] Schiller, an F. Hoven (27. 10. 1801), NA 31, 67.

[73] Schiller, an Goethe (14. 9. 1803), NA 32, 72.

[74] A. W. Schlegel, Shksp. W. Meist. (1796), 84.

[75] A. W. Schlegel, Vorles. philos. Kunstlehr. (!1798–99), KAV 1, 32.

[76] A. W. Schlegel, Vorles. philos. Kunstlehr. (
!
1798–99), KAV 1, 96.

[77] A. W. Schlegel, Vorles. philos. Kunstlehr. (
!
1798–99), KAV 1, 99.

[78] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. I (
!
1801–02), KAV 1, 417.

[79] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. I (!1801–02), KAV 1, 419.

[80] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. I (
!
1801–02), KAV 1, 421.

[81] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. I (
!
1801–02), KAV 1, 425.

[82] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 478.

[83] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 498.

[84] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (!1802–03), KAV 1, 550.

[85] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 551.

[86] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 555.

[87] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 612.

[88] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (!1802–03), KAV 1, 654.

[89] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. III (
!
1803–04), KAV 2.1, 11.

[90] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. III (!1803–04), KAV 2.1, 12.

[91] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. III (
!
1803–04), KAV 2.1, 36.

[92] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. III (
!
1803–04), KAV 2.1, 137 f. (138).

[93] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (!1803–04), 220.

[94] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (!1803–04), 238.

[95] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (!1803–04), 324.

[96] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 341.

[97] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (!1803–04), 350.

[98] F. Schlegel, Ath.-Fragm. (1798), 80, Nr. 295.

[99] F. Schlegel, Philos. Lehrj. IV (*1799), KFSA 18, 288, Nr. 1099.

[100] F. Schlegel, Fragm. Poes. u. Litt. (*1801), KFSA 16, 333, Nr. 930.

[101] F. Schlegel, Beitr. mod. Poesie (1803), 60.

[102] F. Schlegel, Beitr. mod. Poesie (1803), 67.

[103] F. Schlegel, Beitr. mod. Poesie (1803), 71.

[104] F. Schlegel, Zur Poesie III (*1803), KFSA 16, 455, Nr. 19.

[105] F. Schlegel, Spr. u. Weish. d. Ind. (1808), 53 f. (54).

[106] F. Schlegel, Gedanken (*1808–09), KFSA 19, 290, Nr. 211.

[107] Schoppe, Erinn. Leb. II (1838), 152.

[108] R. Schumann, Tageb. (*1829), I, 44.

[109] Tieck-Bernhardi, Evremont I (1836), 44.

[110] Wieland, Was ist Hochteutsch? (1782), 196.














109853 Besucher bislang. :: Admin Login