Wortliste
Struktur
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Semantik 
2. ›Assoziationsvermögen, Kombinationsvermögen, synthetisches Vermögen: Fähigkeit, unterschiedliche, auf den ersten Blick völlig divergente Phänomene gedanklich zusammenzubringen, Zusammenhänge zwischen ihnen herzustellen, Fähig­keit zu geistreichen Aperçus und pointierten gedanklichen Verbindungen‹, speziell ›Fähigkeit, Beziehungen zwischen sinnlich-konkret-realen und begrifflich-abstrakt-idealen Größen aufzufinden oder herzustellen‹ (vgl. Phantasie2, romantisch7); als rezeptives Vermögen: ›Fähigkeit des Nachvollzugs von Analogien und neuartigen Verbindungen‹ [7, 28]. – Das Konzept der bunten, überschwänglichen, tendenziell chaotischen Vielfalt (vgl. romantisch2/10/3 sowie Geist20, Genie2, Heiterkeit4, Phantasie2/15, Poesie15/5/21 usw.) genießt besondere Wertschätzung im romantischen Diskurs. Allerdings lässt W. (aufgrund seiner sonstigen semantischen Prägung – vgl. 3 –, die seine Wertschätzung auch in rationalistischen Diskursen, insbesondere der Aufklärung, begründet) keine Tendenz zum romantischen Fahnenwort ⦿ erkennen. Herder sieht im Witz2 ein ursprünglich sprachschöpferisches Vermögen, das den Menschen zur Metaphorik und damit zum Ausbau des Wortschatzes befähigte [19, 20]. Bei Kant und in der Folge bei Schiller erscheint derselbe Witz2 für systematische Gedankenarbeit und insbesondere für moralische Zusammenhänge ungeeignet [24, 25, 30], in naturwissenschaftlichem Zusammenhang teils auch bei Goethe [12, 14, 15, 16, 18]; wer sich hauptsächlich durch ihn auszeichnet, ist als Denker diskreditiert [38]. – Witz2 erscheint in aller Regel positiv konnotiert, er kann jedoch, wenn er Verbindungen herstellt, die als unangebracht gelten, auch negativ bewertet werden (z. B. als ausufernd-übertriebener, überfeinerter und/oder unanständiger, schlüpfriger, am Sinnlichen orientierter Phantasiegebrauch [28, 31, 32, 33, 34, 35, 36]).
Belege 
[1] B. v. Arnim, Günder. I (1840), 290: Nicht wahr das soll auch ein Hauptprinzip der schwebenden Religion[1] sein daß wir keine Bildung[14] gestatten, – Das heißt kein angebildet Wesen, jeder soll neugierig sein auf sich selber, und soll sich zu Tage fördern wie aus der Tiefe ein Stück Erz oder ein Quell, die ganze Bildung[2] soll darauf ausgehen daß wir den Geist[13/19] ans Licht hervorlassen. Mir deucht mit den fünf Sinnen[4] die uns Gott gegeben hat könnten wir alles erreichen ohne dem Witz[2/3] durch Bildung[2] zu nahe zu kommen. Gebildete Menschen sind die witzloseste Erscheinung unter der Sonne. Echte Bildung[14] geht hervor aus Übung der Kräfte die in uns liegen, nicht wahr?

[2] Goethe, Sammler (1799), WA I, 47, 202 f. (203): Die bildende Kunst[18] soll, durch den äußern Sinn[4], zum Geiste[19] nicht nur sprechen, sie soll den äußern Sinn[4] selbst befriedigen. Der Geist[19] ⟨203⟩ mag sich alsdann hinzugesellen und seinen Beifall nicht versagen. Der Skizzist spricht aber unmittelbar zum Geiste[19], besticht und entzückt dadurch jeden Unerfahrnen. Ein glücklicher Einfall, halbwege deutlich, und nur gleichsam symbolisch dargestellt, eilt durch das Auge durch, regt den Geist[19], den Witz, die Einbildungskraft auf, und der überraschte Liebhaber sieht was nicht da steht. Hier ist nicht mehr von Zeichnung, von Proportion, von Formen, Charakter[4], Ausdruck, Zusammenstellung, Übereinstimmung, Ausführung die Rede, sondern ein Schein von allem tritt an die Stelle. Der Geist[19] spricht zum Geiste[19], und das Mittel wodurch es geschehen sollte, wird zu nichte.

[3] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 29 f. (30): Alle Kräfte unsrer und der Thierseelen sind nichts als Metaphysische Abstraktionen, Würkungen! sie werden abgeteilt, weil sie von unserm schwachen Geiste[22] nicht auf einmal betrachtet werden konnten: sie stehen in Kapiteln, nicht, weil sie so kapitelweise in der Natur[2] ⟨30⟩ würkten, sondern ein Lehrling sie sich vielleicht so am besten entwickelt. Daß wir gewiße ihrer Verrichtungen unter gewiße Hauptnamen gebracht haben z. E. Witz, Scharfsinn, Phantasie[1], Vernunft, ist nicht, als wenn je eine einzige Handlung des Geistes[19] möglich wäre, wo der Witz oder die Vernunft allein würkt: sondern nur, weil wir in dieser Handlung am meisten von der Abstraktion entdecken, die wir Witz oder Vernunft nennen, z. E. Vergleichung oder Deutlichmachung der Ideen: überall aber würkt die ganze unabgetheilte Seele.

[4] Jean Paul, Vorsch. Ästh. II (1804), 263 f.: Der Witz[1/2] [...] erfindet, und zwar unvermittelt; daher nennt ihn Schlegel mit Recht fragmentarische Genialität [vgl. Beleg 42]; daher kommt das Wort[1] Witz[1/2], als die Kraft zu wissen, daher „witzigen,“ daher bedeutete er sonst das ganze Genie[2]; daher kommen in mehren Sprachen[3] dessen Ichs-Synonyme Geist[20], esprit, spirit, ingenuosus. Allein eben so sehr als der Witz[2] – nur mit höherer Anspannung – vergleicht der Scharfsinn, um die Unähnlichkeit zu finden, und der Tiefsinn, um Gleichheit zu setzen [...]. ⟨264⟩ [...] | Hingegen in Rücksicht der Objekte tritt ein dreifacher Unterschied ein. Der Witz[2], aber nur im engern Sinn, findet das Verhältniß der Aehnlichkeit, d. h. parzielle Gleichheit, unter größere Ungleichheit versteckt; der Scharfsinn findet das Verhältniß der Unähnlichkeit, d. h. parzielle Ungleichheit, und größere Gleichheit verborgen; der Tiefsinn findet trotz allem Scheine gänzliche Gleichheit.

[5] Jean Paul, Vorsch. Ästh. II (1804), 267: Der ästhetische Witz[2], oder der Witz[2] im engsten Sinne, der verkleidete Priester, der jedes Paar kopuliert, thut es mit verschiedenen Trauformeln. Die älteste[1], reinste, ist die des unbildlichen Witzes[4] durch den Verstand. Wenn Buttler die Morgenröthe nach der Nacht mit einem rothgekochten Krebse vergleicht [...]: so ist die Vergleichungswurzel keine bildliche Aehnlichkeit, sondern eine eigentliche [...].

[6] Novalis, Blüthenstaub (1798), 86, Nr. 57: Witz, als Prinzip der Verwandtschaften ist zugleich das menstruum universale [⦿]. Witzige Vermischungen sind z. B. Jude und Kosmopolit, Kindheit und Weisheit, Räuberey und Edelmuth, Tugend und Hetärie, Überfluß und Mangel an Urtheilskraft in der Naivetät und so fort ins Unendliche. | [Nr. 58] Der Mensch erscheint am würdigsten, wenn sein erster Eindruck der Eindruck eines absolut witzigen Einfalls ist: nämlich Geist[13] und bestimmtes Individuum zugleich zu seyn. Einen jeden vorzüglichen Menschen muß gleichsam ein Geist[13] zu durchschweben scheinen, der die sichtbare Erscheinung idealisch parodirt. Bey manchen Menschen ist es als ob dieser Geist[13] der sichtbaren Erscheinung ein Gesicht schnitte.

[7] Adelung, Gramm.-krit. Wb. II (21796), 485.

[8] Adelung, Gramm.-krit. Wb. IV (21801), 1343 f. (1344).

[9] Adelung, Gramm.-krit. Wb. IV (21801), 1587.

[10] B. v. Arnim, Frühlingskr. (*1800–04; 1844), 444.

[11] Goethe, Dt. Baukunst Steinb. (1772), WA I, 37, 150.

[12] Goethe, Symbolik (*1805), WA II, 11, 167 f. (168).

[13] Goethe, Farbenl. Didakt. Thl. (1808), WA II, 1, 303.

[14] Goethe, Vermittler Obj. Subj. (*1792; 1823), WA II, 11, 34.

[15] Goethe, Vermittler Obj. Subj. (*1792; 1823), WA II, 11, 35.

[16] Goethe, Vermittler Obj. Subj. (*1792; 1823), WA II, 11, 36 f. (37).

[17] Goethe, Not. u. Abhdlg. (1829), WA I, 7, 76.

[18] Goethe, Naturw. Allg. I (1833), WA II, 11, 127.

[19] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 73 f. (74).

[20] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 78.

[21] Jean Paul, Vorsch. Ästh. II (1804), 296.

[22] Jean Paul, Vorsch. Ästh. II (1804), 519 f. (520).

[23] Kant, Dasein Gottes (1763), AA 2, 132.

[24] Kant, Crit. rein. Vern. (21787), 738.

[25] Kant, Crit. d. Urtheilskr. (1790), 214.

[26] Schelling, Meth. ak. Stud. (1803), SW I, 5, 246.

[27] Schiller, Räuber (1781), NA 3, 24.

[28] Schiller, an Göckingk (16. 11. 1784), NA 23, 162.

[29] Schiller, Bürgers Ged. (1791), NA 22, 245.

[30] Schiller, Trag. Kunst (1792), NA 20, 169 f. (170).

[31] Schiller, Naiv. u. sent. Dicht. II (1795), 436.

[32] Schiller, Naiv. u. sent. Dicht. II (1795), 460.

[33] Schiller, Ästh. Erzieh. (1795), NA 20, 321.

[34] Schiller, an Körner (1. 5. 1797), NA 29, 71.

[35] Schiller, an Goethe (27. 4. 1798), NA 29, 229.

[36] Schiller, an Goethe (19. 7. 1799), NA 30, 72 f. (73).

[37] Schiller, Schem. Dilett. (*1799), NA 21, Anh. [8], Sp. 4, 35.

[38] Schiller, Nothw. Grenz. (1795 [hier: 21800]), NA 21, 17 f. (18).

[39] Schiller, an Körner (17. 3. 1802), NA 31, 118.

[40] A. W. Schlegel, Dramat. Lit. I (1809), 47 f. (48).

[41] A. W. Schlegel, Dramat. Lit. II.1 (1809), 164.

[42] F. Schlegel, Lyc.-Fragm. (1797), 135, Nr. 9.

[43] F. Schlegel, Ath.-Fragm. (1798), 58 f., Nr. 220.

[44] F. Schlegel, Gespr. Poes. (1800), 102 f..

[45] F. Schlegel, Less. Ged. u. Mein. II (1804), 16.

[46] F. Schlegel, Gesch. d. Lit. (1812), Dt. Mus. 1, 461 f. (462).

[47] J. H. Voß, F. Stolberg (1819), 5.














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