Wortliste
Struktur
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Semantik 
7. ›formale, strukturelle, mechanische, technische Seite einer Sache (im weiteren Sinne: eines Gegenstandes der geistigen ebenso wie der Sachenwelt), ihre empirisch fassbare äußere Gestalt oder (Erscheinungs)form; starres Regelgerüst‹; auch ›Einzelphänomen, (formaler) Einzelaspekt, technisches und/oder empirisches Detail‹ [6, 7, 31], bei Novalis auch ›konkrete Ausprägung einer Verwaltungsstruktur‹ [25]. Metaphorische Verwendung von 1; offen zu 10. Die Kenntnis des Details wird auch in idealistischen Diskursen nicht zugunsten allgemeiner spekulativer Ideen verworfen. Geist13 und Buchstabe7 sollen miteinander in Beziehung gesetzt und verschmolzen werden [12], wozu die souveräne Beherrschung des ,Handwerks‘ ebenso vonnöten ist wie philosophische Einsicht in innerste Weltzusammenhänge. Novalis sieht das Vorhandenseins des Buchstabens7 und die Aufgabe, ihn mit dem Geist13 in Beziehung zu setzen, in der diesseitigen, endlichen, bedingten Welt als unumgänglich an [29]. F. Schlegel versteht es als Aufgabe der Kritik2, Geist29 und Buchstaben7 eines Werks zu vergleichen [39].
Belege 
[1] Goethe, an C. L. v. Knebel (17. 11. 1784), WA IV, 6, 390: Und so ist [...] iede Creatur nur ein Ton eine Schattirung einer grosen Harmonie, die man auch im ganzen und grosen studiren muß sonst ist iedes Einzelne ein todter Buchstabe.

[2] Hülsen, Nat. Gleichh. (1799), Ath 2, 158 f. (159): So suchten [...] die Menschen an den Bildern einer schönen Vergangenheit und Zukunft Trost und Beruhigung für die Gegenwart. [...] | Wie einseitig diese Vorstellung von unserm verlornen und zukünftigen Glücke auch seyn möge; so ist doch das zum wenigsten merkwürdig, daß man die Gleichheit unter den Menschen von einem frohen und friedlichen Leben nicht hat trennen können. [...] Hat un⟨159⟩ser Glaube an Vergangenheit und Zukunft nur erst aufgehört ein bloßes Hörensagen zu seyn; so werden wir es würdig finden den Buchstaben zu vergessen, und in uns selbst und unserm eigenen Handeln die Rechtfertigung zu suchen.

[3] Hülsen, Nat.-Betr. (1800), Ath 3, 47: Nur im todten Buchstaben verödet dein Daseyn. Leben strömet zum Leben, und je mehr die Natur[2] in deinen Blicken lebt, und ihre Ansicht lebendige Kraft in dir selbst ist: je höher und wahrer wird dadurch deine Anschauung, und du ruhst mit der hohen Gewißheit eines Gottes in ihrer ewigen Umarmung.

[4] Novalis, Versch. Fragm. (*1798), NS 2, 594, Nr. 316: Die Zeit[3] ist nicht mehr, wo der Geist[1/15] Gottes verständlich war. Der Sinn[2] der Welt ist verloren gegangen. Wir sind beym Buchstaben stehn geblieben. Wir haben das Erscheinende über der Erscheinung verlohren.

[5] Novalis, Europa (*1799), NS 3, 510: Was jetzt nicht die Vollendung erreicht, wird sie bei einem künftigen Versuch erreichen, oder bei einem abermaligen; vergänglich ist nichts was die Geschichte[1] ergriff, aus unzähligen Verwandlungen geht es in immer reicheren Gestalten erneuet wieder hervor. Einmal war doch das Christenthum mit voller Macht und Herrlichkeit erschienen, bis zu einer neuen[2] Welt-Inspiration herrschte seine Ruine, sein Buchstabe mit immer zunehmender Ohnmacht und Verspottung.

[6] A. W. Schlegel, an Goethe (4. 2. 1799), KW, 83: Voß besitzt bey der Vertrautheit mit dem Buchstaben der alten[2] Poesie[11] doch gar zu wenig von ihrem Geiste[13].

[7] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (!1802–03), KAV 1, 709: Die neueren[3] Theoristen haben sich vielfältig mit dem Lehrgedicht herumgeschlagen: einige haben es viel zu wichtig genommen, andre [...] haben es mit Unrecht ganz verworfen und aus dem Gebiet der Poesie[11] verwiesen. Das versteht sich von selbst, daß, wenn man das höchste in ihr sucht, von technischen Lehrgedichten gar nicht die Rede seyn kann; auch leuchtet es sogleich ein, daß das Ganze solcher Werke nicht poetisch[1] ist, sondern nur logisch zusammengehalten wird; dieß verhindert aber nicht die Ächtheit der einzelnen poetischen[4] Elemente, die daran sehr schätzbar seyn können. Die Poesie[11] hat, wie jede andre Kunst[2], ihren Geist[13] und ihren Buchstaben: sollte es nicht erlaubt und vortheilhaft seyn zuweilen auch den Buchstaben isolirt, ohne den Geist[13], zu bearbeiten und auszubilden. Freylich muß es alsdann mit tüchtiger Gründlichkeit und Meisterschaft geschehen [...].

[8] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (!1802–03), KAV 1, 712: Boileau hat es am meisten auf einen methodischen, vollständigen Unterricht abgesehen: allein da er so gar nichts von dem höheren Geiste[13] der Poesie[18] besitzt, noch darüber zu sagen weiß, so könnte man billig eine ganz andre Meisterschaft und Gründlichkeit über den Buchstaben derselben von ihm fodern. Seine Lehren darüber sind aber höchst trivial, oberflächlich.

[9] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. III (!1803–04), KAV 2.1, 52: Allgemein betrachtet, ist ein gewisses Gesetz der Form [...] Bedingung freyer Individualität in der Kunst[2] wie in der Natur[2], denn was zu keiner Gattung von Organisationen[1/6] gehört, ist monstros. Noch mehr als gegen die Dichterlinge möchte ich den Terrorismus der Formen gegen die zugleich unwissenden und gefühllosen Kritiker wenden. Sie sollten sich nicht erfrechen, über den Geist[13] umfassender Werke abzusprechen, ohne den Buchstaben der Poesie[18] erlernt zu haben, und dabey ganz von unten auf dienen. So giebt es einen oder den anderen Kunstrichter, dem ich rathen würde einmal alle hochfliegende Gedanken fahren zu lassen, und einige Jahre im stillen darüber zu ruminiren, was wohl ein Triolet sey. Wenn er darüber Rechenschaft geben könnte, so machte man ihn zum kritischen[2] Baccalaureus oder Licentiaten, und so könnte er allmählich zur Doctorwürde befördert werden.

[10] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 369: Niemand hat den Philosophen mehr Unrecht gethan, als sie sich unter einander, und dabey hat ein allgemeines Misverständniß Statt gefunden; man hat die Philosophieen die nur in so fern diesen Namen verdienen, als sie an ihrer Stelle treffende Ausdrücke der Einen untheilbaren und unwandelbaren Philosophie sind, bey ihrem dürren Buchstaben[7/10?] gefaßt, wo es denn leicht ist, sie eben so abgeschmackt erscheinen zu lassen, als sie dem großen Haufen überhaupt vorkommen.

[11] F. Schlegel, Fragm. Litt. u. Poes. (*1797), KFSA 16, 93, Nr. 101: Pedanterie mit d[em] Buchstaben d[es] Alterthums[4] ist recht gut, wenn man auch d[en] Geist[13] hat.

[12] F. Schlegel, Fragm. Litt. u. Poes. (*1797), KFSA 16, 93, Nr. 105: Kl.[opstock] hat d[en] Buchstaben des Alterthums[3] mehr als Goethe, d[en] Geist[13] mehr als Voß. Vorbild einer künftig[en] Vereinigung.

[13] F. Schlegel, G. Forster (1797), 42: Viele deutsche Schriften handeln von der Sittlichkeit: wenige sind sittlich. Wenige vielleicht in höherm Maaß, wie Forsters; in ihrer Gattung wenigstens, keine. Zwar strengere Begriffe[1] zu haben, ist wohlfeil, wenn es bloß Begriffe[1] sind. Was er wußte, meinte und glaubte, war in Saft und Blut verwandelt. Wie in allen Stücken, so auch in diesem wird man Buchstaben und Namen ohne den Geist[13], in Forsters Schriften vergeblich suchen. Überall zeigt sich in ihnen eine edle und zarte Natur[9], reges Mitgefühl, sanfte und billige Schonung, warme Begeisterung[1] für das Wohl der Menschheit, eine reine Gesinnung, lebhafter Abscheu alles Unrechts. Volltext

[14] F. Schlegel, Lyc.-Fragm. (1797), 156, Nr. 93: In den Alten[2] sieht man den vollendeten Buchstaben der ganzen Poesie[11]: in den Neuern[3] ahnet man den werdenden Geist[13]. Volltext

[15] F. Schlegel, Ath.-Fragm. (1798), 40, Nr. 155: Die rohen kosmopolitischen Versuche der Carthager und andrer Völker
[
2
]
des Alterthums
[
4
]
erscheinen gegen die politische Universalität der Römer, wie die Naturpoesie ungebildeter Nazionen
[
1
]
gegen die klassische
[
2
]
Kunst der Griechen. Nur die Römer waren zufrieden mit dem Geist
[
13
]
des Despotismus, und verachteten den
Buchstaben
; nur sie haben naive
[
2
]
Tyrannen gehabt.


[16] A. v. Arnim, Halle u. Jerus. (*1809; 1811), SW 16, 184 f. (185).

[17] B. v. Arnim, Günder. II (1840), 275.

[18] Carus, Brf. Landsch. (1831), 99 f. (100).

[19] Goethe, Not. u. Abhdlg. (1829), WA I, 7, 116.

[20] ?Hegel/?Hölderlin/?Schelling, Systemprogramm (*°1796), 264.

[21] Kant, Crit. d. Urtheilskr. (21793), 197.

[22] Novalis, an C. Just (5. 2. 1798), NS 4, 249.

[23] Novalis, Glaub. u. Lieb. (1798), NS 2, 488, Nr. 16.

[24] Novalis, Lehrlinge (*1798), NS 1, 98.

[25] Novalis, Polit. Aphor. (*1798), NS 2, 502, Nr. 67.

[26] Novalis, Europa (*1799), NS 3, 511.

[27] Novalis, Europa (*1799), NS 3, 512.

[28] Novalis, Europa (*1799), NS 3, 518.

[29] Novalis, Fragm. u. Stud. (*1800), NS 3, 689, Nr. 686.

[30] Ritter, Fragm. II (1810), 119, Nr. 504.

[31] A. W. Schlegel, Vorles. philos. Kunstlehr. (!1798–99), KAV 1, 126.

[32] A. W. Schlegel, Gemählde (1799), 49.

[33] A. W. Schlegel, Gemählde (1799), 52.

[34] A. W. Schlegel, Zeichn. (1799), 206 f. (207).

[35] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 7 f. (8).

[36] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 266.

[37] F. Schlegel, Fragm. Litt. u. Poes. (*1797), KFSA 16, 94, Nr. 106.

[38] F. Schlegel, Fragm. Litt. u. Poes. (*1797), KFSA 16, 95, Nr. 122.

[39] F. Schlegel, Fragm. Litt. u. Poes. (*1797), KFSA 16, 168, Nr. 992.

[40] F. Schlegel, Philolog. I (*1797), KFSA 16, 35, Nr. 8.

[41] F. Schlegel, Philolog. II (*1797), KFSA 16, 69, Nr. 100.

[42] F. Schlegel, Ath.-Fragm. (1798), 70, Nr. 253.

[43] F. Schlegel, Gespr. Poes. (1800), 67.

[44] F. Schlegel, Gespr. Poes. (1800), 123 f. (124).

[45] F. Schlegel, Gespr. Poes. (1800), 181 f..

[46] F. Schlegel, Gespr. Poes. (1800), 183.

[47] F. Schlegel, Ideen (1800), 15, Nr. 61.

[48] F. Schlegel, Entw. d. Philos. I (!1804–05), KFSA 12, 387.

[49] F. Schlegel, Entw. d. Philos. II (!1804–05), KFSA 13, 92.

[50] F. Schlegel, Spr. u. Weish. d. Ind. (1808), 212.

[51] A. Schopenhauer, Wille u. Vorst. (1819 [1818]), 262.

[52] Sulzer, Allg. Theor. I (1771), 39.














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