Wortliste
Struktur
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Semantik 
1. ›abstraktes, arbiträres graphisches Zeichen, dem Prinzip nach oder tatsächlich realisiert‹, im Unterschied zur Hieroglyphe [16, 24, 49], die als ikonisches, zumindest noch teilweise motiviertes Schriftzeichen gedeutet wird. (Novalis erwägt allerdings eine physikalische – genauer: akustische – Motiviertheit von B., indem er die Zeichenformen mit den Chladni'schen Klangfiguren in Verbindung bringt [76], und sieht auch an anderer Stelle zumindest rudimentäre Motiviertheit [78].) Im rationalistisch-aufklärerischen Diskurs wird der B. idealtypisch als Graphem verstanden; auch eine Buchstabenfolge wie ch, chs oder th kann daher als ein B. erscheinen [22, 27, 30]; Schreibvarianten, wenn sie nicht bedeutungsdistinktiv sind, werden abgelehnt [22]. – Der B. hat in der Regel einen Namen und lässt sich daher auch aussprechen [4, 10, 15, 20, 26, 87, 88]. Er ist Bestandteil von Wörtern – durch Anagramme lassen sich neue Ausdrücke bilden [14, 23, 62, 101], aus wenig Buchstaben kann eine unzählbare Menge von Wörtern zusammengesetzt werden [102], im Alphabet sind auf diese Weise „alle Gebete begriffen“ [4], auch mögliche Akronyme werden thematisiert [107 (die Erklärung als Akronym ist in diesem Fall aber wohl falsch)] – und kann aufgrund seines arbiträren Charakters auch als mathematische Variable [77, 78], als Sigle [52, 55], in der Musik als Bezeichnung eines Tons bzw. einer Tonhöhe [5, 10, 15, 20, 29, 69, 70, 85, 86, 87, 88, 100, 105] verwendet werden. In der Musiktheorie wird die Diskussion geführt, ob im Gesangsunterricht die Bezeichnung der Tonhöhen durch Buchstaben oder durch Silben sinnvoller sei [15, 87, 88]. Das Verhältnis von B. und Alphabet als Teil-Ganzes-Verhältnis und der Zeichencharakter des B. (sein Für-etwas-anderes-Stehen) erlaubt eine metaphorische Verwendung von B. dort, wo es um Phänomene geht, auf die beide Aspekte ebenfalls zutreffen [75].
Belege 
[1] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1290: Die meisten Deutschen Sprachlehrer behaupten, das C sey kein Deutscher Buchstab. Dieser Satz ist unrichtig, man mag ihn ansehen, von welcher Seite man will. Die Deutschen haben gar keine eigenen Buchstaben, sondern sie haben ihre Schrift den Lateinern zu verdanken. Mit dem Römischen Alphabete bekamen sie auch das C und zwar in dem uneingeschränktesten Gebrauche desselben, so daß das K ihnen lange eben so unbekannt war, als den Lateinern.

[2] Ahlefeld, Marie Müller (21814), 10: Der Hund trug ein Halsband von blauem Sammet, mit einem goldenen Schloß, dem die Buchstaben C. v. W. zierlich eingegraben waren.

[3] Arndt, Erinn. (1840), 63: Auch schien ich von der Natur zu einem bacchischen Leben gestempelt zu sein: der Wein ist mir von jeher wohl bekommen, eine Tasse Kaffee hingegen, wenn sie ja einmal über meine Lippen kam, machte mir vor meinen Dreißigen das Blut so wallen und die Hände so zittern, daß ich kaum einen Buchstaben grad aufs Papier bringen konnte.

[4] A. v. Arnim, Wintergart. (1809), RuE 2, 226: „Wenn ich des Morgens aufstehe“, sprach Grschwbtt, „so spreche ich ein A B C, darin sind alle Gebete begriffen, unser Herr Gott mag sich darnach die Buchstaben selbst zusammen lesen und Gebete draus machen wie er will, ich könnt's so wohl nicht, er kann es noch besser. Und wenn ich mein A B C gesagt hab, so bin ich gewischt und getränkt, und denselben Tag so fest wie eine Mauer!“

[5] Daube, Melod. II (1798), 56: In Deutschland hatte man noch vor 100 Jahren die sogenannte deutsche Tabulatur, wo Buchstaben, Ziffern und Striche die Melodie sammt den Baß bezeichneten; und wo auch der Geschmack noch rauh und ungebildet war.

[6] Goethe, an J, Chr. Gädicke (4. 5. 1799), WA IV, 14, 77: Bey dem Bogen, der hier zurück kehrt fanden sich sehr viele Commata, die nicht im Manuscript stehen und die ich, nach meiner Überzeugung, wieder wegstreichen mußte. So waren auch noch einige umgekehrte Buchstaben stehen geblieben. Wir wollen daher wegen der Correctur folgende Einrichtung machen: | Setzer und Corrector halten sich genau an's Manuscript. | Sollte der Corrector irgend einen Anstand finden, so hat er die Gefälligkeit es auf einem besondern Blättchen zu bemerken. | Der gedruckte Bogen, wenn ich ihn zur Revision erhalte, müßte von allen Druckfehlern rein seyn.

[7] Herder, Urspr. d. Spr. (*1769; 1772), SW 5, 11: Keine einzige lebendigtönende Sprache[3] läßt sich vollständig in Buchstaben bringen, und noch weniger in zwanzig Buchstaben: dies zeugen alle Sprachen[3] sämtlich und sonders. Die Artikulationen unsrer Sprachwerkzeuge sind so viel; Ein jeder Laut wird auf so mannichfaltige Weise ausgesprochen, daß z. E. Herr Lambert im zweiten Theil seines Organon mit Recht hat zeigen können, wie weit weniger wir Buchstaben, als Laute haben, und wie unbestimmt also diese von jenen ausgedrückt werden können. Und das ist doch nur aus der Deutschen Sprache[3] gezeiget, die die Vieltönigkeit und den Unterschied ihrer Dialekte[1] noch nicht einmal in eine Schriftsprache aufgenommen hat: vielweniger wo die ganze Sprache[3] nichts als solch ein lebendiger Dialekt[1] ist?

[8] Herloßsohn, Dam. Conv. Lex. IX (1837), 7: Davon, daß die Schrift auf Stäbe eingeschnitten wurde, rührt noch unser Wort Buchstabe her.

[9] Chr. W. Hufeland, Selbstbiogr. (*
bis
1831), 40 f. (41): Ich nahm heimlich ein Stückchen Phosphor in einem Gläschen mit Wasser von des Vaters ⟨41⟩ Hausapotheke und wollte damit an die Wand in ihrer Schlafkammer mit großen Buchstaben schreiben: „Ihr bösen Mädchen bessert Euch“, damit sie in der Dunkelheit der Nacht durch diese feurige Schrift erschreckt werden sollten. Als ich aber im besten Schreiben war, entzündete sich das Stück Phosphor in meinen Fingern zur Flamme, und, indem es zugleich schmolz, verbrannte es mir jämmerlich die drei Finger, und, was das schlimmste war, war gar nicht zu löschen, denn selbst im Wasser brannte die Flamme immer fort, bis auf die Knochen. Ich litt fürchterliche Schmerzen und war erst nach drei Wochen geheilt.

[10] Koch, Compos. II (1787), 74 f. (75): Daher mache sichs der Anfänger der Sezkunst anjezt zu seiner ⟨75⟩ Hauptübung, in Gedanken zu singen, und dabey auf das genaueste auf die Intervallenweite zu sehen, die jeder Ton der Melodie bey seinem Fortgange zum nächst folgenden Tone ausmacht; oder noch besser, er gewöhne sich, bey der Folge der Töne, welche er in Gedanken singt, zugleich die Buchstaben, mit welchen man die Töne zu bezeichnen pflegt, gleichsam als Text mit zu singen. Hat er dieses zu der Fertigkeit gebracht, daß er jederzeit den rechten Namen des Tones, welchen er singt, zugleich in Gedanken als Text ausspricht, so kann er die Melodie in Rücksicht auf ihre richtige Ton- und Intervallenfolge auch richtig schreiben.

[11] W. A. Mozart, an seinen Vater (11. 3. 1778), S 1, 181: ich bitte sie, um was ich sie längst gebeten habe, das ist, mir von ihrer hand ein Abc, so wohl grosse als kleine buchstaben, zu schicken.

[12] Novalis, an A. C. Just (Febr. 1800), NS 4, 321: Uebung des Scharfsinns und der Reflexion sind unentbehrlich – Man muß nur nicht über die Grammatik die Autoren vergessen; über das Spiel mit Buchstaben die bezeichneten Größen.

[13] Riepel, Sylbenmaß I (1776), 13: Ich habe erst vor zwey Jahren noch geglaubt, es müsse in Versen eine jede Zeile einen Schlußpunct haben, weil die darauf folgende Zeile immer wieder mit einem großen Buchstaben geschrieben wird.

[14] Scheffner, Leben (1816), 275 (Anm.): Etwas Großes ist es nicht, aber doch etwas Sonderbares, daß, wenn man aus den zwey Worten[1] revolution francaise die zum Wort[1] Veto erforderlichen Buchstaben wegnimmt, aus der Versetzung der übrigen herauskommt: un Corse la finira.

[15] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 473: Es wird den Vertheidigern der Solmisation [⦿] niemand läugnen, daß, um die Singekunst beqvem zu lernen, es besser ist, die Singeschüler durch unter den Noten stehende Syllben, als durch die bloßen Buchstaben, zum Singen anzuführen.

[16] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 177: Man bediente sich [in Aegypten] einer doppelten Schrift: einer gemeinen mit Buchstaben, und einer heiligen, mysteriösen, die in sinnbildlichen Figuren oder Andeutungen von dergleichen in Hieroglyphen, bestand.

[17] Wackenroder, an S. Tieck (24. 8. 1794), VL 2, 154: Es ist doch ganz etwas anders, von Mund zu Mund zu reden, als sich durch todte Buchstaben seine Willensmeynungen einander zu verdollmetschen.

[18] Wackenroder, Herz. (1797 [1796]), 161: Buchstaben lesen kann ein jeglicher lernen; von gelehrten Chroniken kann ein jeglicher sich die Historien vergangener Zeiten[3] erzählen lassen [...]; auch kann ein jeglicher das Lehrgebäude einer Wissenschaft studieren, und Sätze und Wahrheiten fassen; – denn, Buchstaben sind ⟨162⟩ nur dazu da, daß das Auge ihre Form erkenne; und Lehrsätze und Begebenheiten sind nur so lange ein Gegenstand unsrer Beschäftigung, als das Auge des Geistes[19] daran arbeitet, sie zu fassen und zu erkennen; sobald sie unser eigen sind, ist die Thätigkeit unsers Geistes[19] zu Ende, und wir weiden uns dann nur, so oft es uns behagt, an einem trägen und unfruchtbaren Überblick unsrer Schätze. – Nicht also bey den Werken herrlicher Künstler. Sie sind nicht darum da, daß das Auge sie sehe; sondern darum, daß man mit entgegenkommendem Herzen in sie hineingehe, und in ihnen lebe und athme.

[19] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1.

[20] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 16.

[21] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 24 f. (25).

[22] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 148.

[23] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 266.

[24] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1017.

[25] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1242.

[26] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1243.

[27] Adelung, Gramm.-krit. Wb. I (
2
1793), 1319.

[28] Adelung, Gramm.-krit. Wb. II (
2
1796), 1946 f..

[29] Adelung, Gramm.-krit. Wb. IV (
2
1801), 512.

[30] Adelung, Gramm.-krit. Wb. IV (21801), 562.

[31] Adelung, Gramm.-krit. Wb. IV (
2
1801), 730.

[32] Ahlefeld, Erna (1820), 181.

[33] Ahlefeld, Ges. Erz. I (1822), 34.

[34] Arndt, Erinn. (1840), 321 f. (322).

[35] Arndt, Erinn. (1840), 340 f..

[36] A. v. Arnim, Wintergart. (1809), RuE 2, 216 f. (217).

[37] A. v. Arnim, Dolores (1810), RuE 1, 169.

[38] A. v. Arnim, Dolores (1810), RuE 1, 413.

[39] A. v. Arnim, Kronenwächt. I (1817), RuE 1, 534.

[40] A. v. Arnim, Kronenwächt. I (1817), RuE 1, 551.

[41] A. v. Arnim, Kronenwächt. I (1817), RuE 1, 779.

[42] B. v. Arnim, Briefw. Kind I (1835), 42 f. (43).

[43] B. v. Arnim, Briefw. Kind I (1835), 190.

[44] A. F. Bernhardi, Sprachlehre II (1803), 254.

[45] F. de la Motte Fouqué, an A. W. Schlegel (15. 2. 1807), KJ 1, 380.

[46] C. D. Friedrich, an E. Friedrich (2. 4. 1816), Z, 105.

[47] Goethe, an seine Schwester (6. 12. 1765), WA IV, 1, 20.

[48] Goethe, an A. K. Schönkopf (1. 6. 1769), WA IV, 1, 211.

[49] Goethe, an Ch. v. Stein (27. 1. 1783), WA IV, 6, 123.

[50] Goethe, an Schiller (15. 11. 1796), WA IV, 11, 263.

[51] Goethe, an F. Th. de Lagarde (27. 9. 1800), WA IV, 15, 119.

[52] Goethe, an H. C. A. Eichstädt (13. 10. 1803), WA IV, 16, 330.

[53] Goethe, an C. F. Zelter (26. 6. 1806), WA IV, 19, 147.

[54] Goethe, an J. F. Cotta (21. 2. 1812), WA IV, 22, 285.

[55] Goethe, an C. F. E. Frommann (13. 6. 1816), WA IV, 27, 85.

[56] Goethe, an Chr. G. Voigt (11. 12. 1816), WA IV, 27, 272.

[57] Goethe, an J. G. Schadow (12. 3. 1817), WA IV, 28, 21.

[58] Goethe, an J. C. Wesselhöft (22. 5. 1821), WA IV, 34, 253.

[59] v. d. Hagen, Vorr. Nibel. (1810), X f. (XI).

[60] Heinse, Musik. Dialog. (1805), 95.

[61] Heinzelmann, Grds. d. Wortf. (1798), 147.

[62] Herloßsohn, Dam. Conv. Lex. I (1834), 119.

[63] Hölderlin, Hyp. I (1797), 61.

[64] Hoven, Lebenserinn. (1840), 20.

[65] Chr. W. Hufeland, Selbstbiogr. (*
bis
1831), 26.

[66] Jean Paul, Vorsch. Ästh. II (1804), 294.

[67] Karsch, Leben (*1762; 1831), 4.

[68] Klopstock, Gelehrtenrep. (1774), 409.

[69] Koch, Compos. I (1782), 26 f. (27).

[70] Koch, Compos. I (1782), 39 f..

[71] Krünitz, Oecon. Encycl. VI (1775; 21784), 683.

[72] Krünitz, Oecon. Encycl. VI (1775; 21784), 684.

[73] Mereau, Amd. u. Ed. I (1803), 212.

[74] Novalis, an Chr. F. Brachmann (21. 2. 1796), NS 4, 167.

[75] Novalis, Allg. Brouill. (*1798), NS 3, 281, Nr. 238.

[76] Novalis, Allg. Brouill. (*1798), NS 3, 305, Nr. 362.

[77] Novalis, Allg. Brouill. (*1798), NS 3, 377 f. (378), Nr. 622.

[78] Novalis, Versch. Fragm. (*1798), NS 2, 563, Nr. 193.

[79] Novalis, Aftdg I (*1799–1800; 1802), 52.

[80] Novalis, Aftdg II (*1799–1800), 192 f. (195).

[81] Pestalozzi, Schwanenges. (1826), 206.

[82] Riepel, Sylbenmaß I (1776), 23.

[83] Riepel, Sylbenmaß II (1776), 73.

[84] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 22.

[85] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 465 f..

[86] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 466.

[87] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 482.

[88] Scheibe, Musik. Compos. (1773), 596.

[89] A. W. Schlegel, Beytr. (1798), 149.

[90] A. W. Schlegel, Zeichn. (1799), 206 f. (207).

[91] A. W. Schlegel, Zeichn. (1799), 220.

[92] A. W. Schlegel, Berl. Vorles. II (
!
1802–03), KAV 1, 627.

[93] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 7 f. (8).

[94] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 56.

[95] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 136.

[96] A. W. Schlegel, Vorles. üb. Enz. (
!
1803–04), 327.

[97] F. Schlegel, Lucinde (1799), 280.

[98] F. Schlegel, Spr. u. Weish. d. Ind. (1808), 225 f. (226).

[99] Schoppe, Erinn. Leb. II (1838), 151.

[100] Sulzer, Allg. Theor. I (1771), 1.

[101] Sulzer, Allg. Theor. I (1771), 48.

[102] Sulzer, Allg. Theor. I (1771), 488.

[103] Sulzer, Allg. Theor. II (1774), 739.

[104] Sulzer, Allg. Theor. II (1774), 821 f..

[105] Sulzer, Allg. Theor. II (1774), 1130.

[106] Sulzer, Allg. Theor. II (1774), 1201.

[107] K. A. Varnhagen von Ense, Denkw. II (1837–42), 386.

[108] Wackenroder, an seine Eltern (23. 7. 1793), VL 2, 209.

[109] Wackenroder, an seine Eltern (23. 7. 1793), VL 2, 212.

[110] Wackenroder, Phant. ü. d. Kunst (1799), 149 f. (150).














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